Predigt: Jakobus 1,5-8
Ein Christ sein heißt Beten und Arbeiten.1 Mit dem Arbeiten fängt es an. Denn wer nicht im harten Arbeitskampf um die äußere Existenz erzogen worden ist zu der Frage: Wozu bin ich auf der Welt?, der kann unmöglich vordringen zu der andern Frage: Wer bin ich?, und: Was soll aus mir werden? Und weil er nicht zur Frage vordringt, darum auch nicht zur Antwort. Wer nicht fragen gelernt hat auf diesem Gebiet, der bekommt auch keine Antwort. Mit andern Worten: Einem Menschen, der nicht arbeiten will, bleibt das Land der Lebendigen ewig verborgen.
Und wenn nun zum Arbeiten das Beten hinzukommt, zum Schaffen und Streben nach der Vollkommenheit des innern Lebens Gottes gnädiges Geschenk, zur Frage die Antwort, dann müssen wir dies «Hinzukommen», das uns zu fröhlichen Christen macht, recht verstehen. Man hat das oft so verstehen wollen: Der Mensch habe sein Möglichstes zu tun, dann übernehme der gnädige Gott den Rest, das Unmögliche. Er habe seinen Weg nach der Vollkommenheit zu wandern, soweit es gehe, und wenn er dann bete, dann brauche er das Ende des Weges nicht mehr zu gehen, sondern er werde getragen. Aber wenn wir das Beten und Arbeiten so verstehen wollten, dann bekä|324men wir es mit zwei Einreden zu tun, die wir nicht übersehen dürfen. Erstens mit der Einrede der freien, trotzigen Menschen, die sagen: Wenn ich lebendig sein soll, so muss ich gerade das scheinbar Unmögliche ins Auge fassen und tapfer darauf losarbeiten. Es kommt Alles darauf an, dass ich selber den ganzen Weg zu Ende gehe. Ich käme mir faul und unwahrhaftig vor, wenn ich mich den Rest tragen ließe. Ja, sind denn das schlimme Heiden, die nichts von Gott wissen wollen, die so reden? Mir kommt es vielmehr vor, so reden gerade die Menschen, die den lebendigen Gott im Herzen tragen, so können nur sie reden.
Aber wir müssen noch auf die andre Einrede hören. Sie kommt gerade von den
tiefen, frommen Menschen,
die Tag und Nacht in Gott leben, weben und sind [vgl. Act.
Aber das Beten steht voran: Bete und
arbeite!, sagt das Sprichwort. So türmen sich unsre Schweizerberge empor in
die schwindelnden |325 Höhenregionen, aber die
schneebedeckten Zacken und Hörner wachsen heraus aus den ungeheuren Lagern
von Fels und Granit, die in der Tiefe verborgen sind, und sind selbst nichts
Anderes als ein Teil dieser mächtigen Masse von Gestein. So steht der
lebendige Mensch, der Christ mit ganzem Herzen und aus allen seinen Kräften in der Arbeit, im Kampf um die
Vollkommenheit; aber
sein ganzes Herz und alle seine Kräfte sind Gotteskraft, sind ein Teil der verborgenen
jenseitigen Macht, und er wird das in keinem Augenblick vergessen wollen,
sowenig es dem
Beten und Arbeiten steht nicht nebeneinander wie ein Gartenhäuschen für den Sonntag neben dem Wohnhaus für den Werktag. Beide sind ein Bau, aus denselben Materialien errichtet und gezimmert. Nur ein rechter Arbeiter kann ein rechter Beter werden, aber nur ein rechter Beter kann ein rechter Arbeiter sein.
Das müssen wir von vornherein im Auge behalten, wenn wir nun verstehen
wollen, was
Im Mittelpunkt der Gedanken, die er darüber in den Versen
unsres heutigen Textes zum Ausdruck bringt, steht offenbar das Wort Vers 6:
Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht. Was nachher
kommt, ist eine sehr drastische Schilderung des
Zweiflers, dessen Gebet nach seiner
Meinung kein Gebet ist. Es muss uns eigentlich stutzig machen, dass Jakobus
nicht vorgezogen hat, uns zu schildern, wie das Gebet des Glaubens aussieht, dem die
freundliche Erhörung
verheißen ist, von der wir das letzte Mal sprachen. Er sagt uns: so sollt
ihr’s nicht machen. Aber wir vermissen das Positive. Er sagt uns
scheinbar nicht, wie wir’s denn machen sollen. Allein bei reiflicher
Überlegung werden wir uns doch sagen müssen, dass in seiner Schilderung des
Gebets tatsächlich nichts zu vermissen ist. Es ist wie ein merkwürdiges
Naturgesetz des persönlichen Lebens, dass das Positive, das wir brauchen,
uns am besten gezeigt und gegeben wird in Form des Gegenteils, des
Negativen. Es ist den Worten und der Sache nach derselbe Vorgang wie der,
durch den eine Photographie
zustande kommt. Dazu |326 braucht es bekanntlich eine
lichtempfindliche Platte, die Hell und Dunkel zunächst gerade in verkehrter
Anordnung zeigt. Erst mit Hilfe dieser Platte, des sogenannten Negativs,
kommt dann das Positiv, das richtige Bild zustande. Unser sittliches und
religiöses Erkenntnisvermögen ist auch eine
solche lichtempfindliche Platte. Wenn es recht deutlich aufnehmen kann, was
nicht gut und nicht göttlich ist, dann ist die
Bedingung gegeben, unter der im Menschen das gute, göttliche Leben entstehen kann. Jakobus
hat dies Naturgesetz wohl gekannt, und darum beschreibt er das Gebet des
Zweiflers, nicht
aus Freude an der Sensation und am Verurteilen, sondern in der Meinung, dies
negative Bild solle im Innern seiner Leser das Positive, das Gebet des Glaubens erwecken. Auch
Jesus hat dies Naturgesetz gekannt. Es gibt keine umfassendere Beschreibung
dessen, was nicht
Frömmigkeit ist, als die Bergpredigt. Und wir gehen in
seinen Spuren, wenn wir’s zunächst versuchen, die Dissonanz Glaube – Zweifel, die aus den Sätzen des
Was ist das: Zweifeln? Auf dem Gebiet des gewöhnlichen Lebens nennt man
das «Zweifeln», wenn einer nicht ganz sicher ist, ob er das
und das für wahr annehmen soll. Also eine Unsicherheit unsrer Gedanken.
Und nun pflegt man leider das Wort in dieser Bedeutung auch auf das
religiöse Gebiet anzuwenden. Man redet von
Zweifeln an Gott und meint damit, dass man
Und mit diesem Glauben brauchen wir nun bloß unsern Glauben zu vergleichen, nicht die kleine Theologie also, die sich jeder Christ unwillkürlich und mit gutem Recht zurechtmacht, sondern die verborgene Tatsächlichkeit seines innern Lebens, das hinter aller Theologie, hinter allen Gedanken und Worten steht. Und wenn ein jeder diesen Vergleich, fein säuberlich für sich notabene, ohne den beliebten Seitenblick auf den Nachbar und die Nachbarin vollzieht, dann hat er vor sich, was in Wirklichkeit Zweifeln heißt, wenn man’s damit ernsthaft nimmt.
328 Wie ein wirklicher Zweifler aussieht, beschreibt
Die eine Seele glaubt, die andre glaubt nicht, darin besteht die Katastrophe des wirklichen Zweifels. Glauben im Sinne Luthers verstanden, im Sinn des großen, einfachen Erlebnisses, in dem uns gesagt ist: |329 Du sollst, und: du kannst, im Sinn des geheimnisvollen innern Lebens, in dem uns die Tür geöffnet ist zur Überwindung und zur Freiheit. Unglaube, Nicht-Glauben ist nichts Anderes als das Gegenteil davon: also der Stumpfsinn eines Lebens, das nie hat fragen mögen nach dem, was es soll, und dem darum auch das Können gleichgiltig ist, die Leblosigkeit eines Daseins, in dem es keine andren Fragen gibt als die: ich möchte, ich wünsche! Was möchtest du? Was mir passt, was mir nützlich scheint, was mich glücklich macht. Auch das Tier stellt sich diese Fragen und gibt sich diese Antworten. Wie der Glaube den Menschen über sich hinaus hebt und ihm Augen gibt für die Andern, so besteht der Unglaube recht eigentlich darin, dass der Mensch in sich selbst zusammensinkt und ein vollendeter Egoist wird,6 wie das Tier ein Egoist ist. Und weil den Glauben haben nichts Anderes ist als Gott haben, so bedeutet Unglauben für den Menschen die vollendete Sinnlosigkeit, das direkte Gegenteil von Gott. Ob wir’s Welt, Sünde, Teufel nennen, es ist immer dasselbe.
Und das ist der wirkliche, große Zweifel, wenn der Mensch hin- und
herschwankt zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Gott und der
Sinnlosigkeit. Und ich wiederhole es: Diesem Zweifel
kann keiner davonlaufen, er mag sich in seinen Worten so atheistisch oder so
christlich gebärden, als er wolle. Und ich wiederhole das Andre: es mag nun
ein jeder in sich selbst hineinsehen, um ein merkwürdiges Stück von solchem
Zweifel kennenzulernen. Denn
Und nun ist’s die denkbar ernsthafteste Sache, wenn
wir das von uns sagen müssen. Denn
Wie ist das, wenn ein Zweifler betet? Wie geht’s uns allen oft genug, wenn der Zustand in unserm Innern herrscht, den wir eben als Zweifel beschrieben haben? Das geht so zu: wir besinnen uns dann bei der ganzen Haltlosigkeit und Sinnlosigkeit unsres Daseins darauf, dass uns doch einmal aus eigener oder fremder Erfahrung die wunderbare Macht über Alles bekannt geworden ist. Aber diese Besinnung wird überwuchert und erstickt in uns durch die Macht der Ohnmacht, durch unser selbstisches Wesen. Sie vermag die Besinnung auf die Quelle des Lebens nicht völlig zu ersticken, aber sie verwandelt sie in eine merkwürdige Karikatur. Gott wird uns zu einem hohen Namen. Es ist, wie wenn wir hineingerissen würden in die trübe Flut unsrer Oberflächlichkeit, die nicht das Leben sucht, sondern die Befriedigung ihrer kleinen Wünsche. Wir reden noch immer von Gott, kommen uns immer noch recht fromm vor, aber im Grunde meinen wir nicht Gott, sondern uns selbst. Und nun beten wir. Aber was heißt das: wir beten? Wir stellen allerlei Forderungen an das Wesen, das wir Gott nennen. Wir haben ihm viel vorzutragen über allerlei Angelegenheiten unsres Daseins. Wir reden ihn an und bitten ihn, uns dies nicht entbehren zu lassen und uns jenes zu genießen zu geben. Keine bösen Dinge. Nur lauter Erlaubtes, von dem wir annehmen dürfen, dass es uns mit Fug und Recht zukommen sollte. Auch gar nicht nur äußere Dinge wie Reichtum, Gesundheit, Ehre, Freude. Nein, um einmal recht auf die Sache loszugehen, wir bitten vielleicht gerade um besondere religiöse Erfahrungen, um die Erfahrung der Gnade Gottes, um das völlige Einssein mit ihm, von dem wir schon viel Schönes |331 gehört und gelesen haben. Und nun wird unser Gebet nicht erhört. Wir stehen nun vor einer harten, unüberwindlichen Schranke, wir merken recht wohl, da jenseits wäre so etwas, wir merken auch recht wohl, dass Gott keineswegs eine Illusion ist, im Gegenteil: gerade in solchen Augenblicken spüren wir seine Realität. Aber es ist eine harte Realität, die uns abweist und zurückstößt. Wir dringen nicht vor zu dem Erlebnis der Einheit mit ihm, von dem wir spüren, wie herrlich es sein müsste; unsre äußern wie unsre innern Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Wir bitten, aber wir empfangen nicht. Warum nicht? Weil unser Gebet kein Gebet des Glaubens ist, sondern ein Gebet des Zweifels. Das will sagen: weil unser Gebet nur ein Ausdruck war unsrer Selbstsucht und darum unsrer Sinnlosigkeit, weil es nicht Weltüberwindung war, sondern selbst ein Stück Welt. Nehmen wir noch einmal den wichtigsten Fall: Du hast um religiöse Erfahrungen gebetet. Ein Dritter kann da freilich schwer urteilen, wie du darum gebetet hast; aber ich möchte dich immerhin bitten, dich zu fragen, ob du dabei wirklich den lebendigen Gott gesucht hast oder nicht trotz allem wieder dich selbst, ob’s dir bei der Einheit mit Gott, um die du batest, um Gott selbst zu tun war oder um dich, ob du um einen sehr feinen und scheinbar sehr hochstehenden Genuss batest oder um das innere Leben, das hart ist, aber gerade darum die Freiheit bringt? Und bei dem Gebet um äußere Dinge zeigt sich dieselbe Sache noch deutlicher. Was willst du damit sagen, wenn du sagst, du habest um dies und das gläubig gebetet? Du meinst, «gläubig» heiße eifrig, eindringlich? Ja sieh, wenn dein Gebet, wenn der gute, kindliche Vortrag deiner Bitten an Gott nur bezweckte, deinen Willen durchzusetzen, wenn es dir nicht darauf vor Allem ankam, zu Gott zu kommen und Gott zu dir kommen zu lassen, dann war dein Gebet doch ein Gebet des Zweifels, weil es nicht der Ausdruck des Glaubens war, der in der Überwindung der Selbstsucht besteht.
Ein solcher Mensch meine nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen
werde. Das ist also das negative Bild, das
Dann besinne dich an das, was wir am Anfang über das Verhältnis von Beten und Arbeiten gesagt haben. Wenn wir beide auseinandernehmen wie Sonntag und Werktag, dann kommt es so, dass beide nichts Andres sind als der Ausdruck unsrer Selbstsucht, und Beten und Arbeiten sind dann die traurigen Hälften des Mannes mit zwei Seelen. Anders, wenn du im lebendigen Glauben zum lebendigen Gott betest. Dann wird dein Glaube Arbeitsbetenj , d. h., dein innerstes Wesen berührt dankbar den verborgenen Grund deines Lebens, um neue Kraft zu schöpfen. Dein Leben aber ist nichts Anderes als deine Arbeit, deine fröhliche Wanderung nach der Vollkommenheit Gottes. Es ist dann dasselbe harte Gestein: dein Gebet wie deine Arbeit. Hier sind’s die verborgenen unterirdischen Felsenlager des Gebets, hier sind’s die Hörner und Zacken der Berge, die daraus hervorwachsen, die Arbeit. Arbeit heiße uns die eine große Sache im Lichte der Zeitlichkeit, Beten dieselbe im Schein der Ewigkeit. Beide sind das Ganze, und das Ganze ist Gott, der in den Menschen sein geheimnisvolles Werk treibt.
Aber nun hast du noch eine Frage an mich, lieber Freund, eine sehr
naheliegende Frage: die nämlich: wie wird denn solcher Glaube, der so |333 beten kann, gemacht? Fürs erste will ich dir
antworten, dass das gerade das Herrliche des Glaubens ist, dass er
nicht gemacht wird, sondern
wird. Denn wenn ein
Mensch glaubt, so heißt das, dass Gott zu ihm kommt, und Gott kann man nicht
machen. Aber etwas Anderes will ich dir sagen.
Der Glaube wird, wenn ein Mensch das erfährt, was
Und mit dem Glauben das Gebet, das Erhörung findet. Jesus hat einmal ein Gebetswort
gesprochen, in dem waren Beten und Arbeiten zu jener ewigen
Einheit zusammengewachsen. Es lautet so: Dein Wille geschehe [
Und das ist das Gebet des Glaubens.
- Nr. 172: «Tut mir auf die schöne Pforte» von
B. Schmolck , Strophen 1–3 (RG 160,1–3; EG 166,1–3 [mit Textabweichungen]). - Nr. 32: «O Gott, du frommer Gott» von
J. Heermann , Strophen 2.3.5 (EG 495,2.3.5). - Nr. 316: «Was zagst du, Herz, auf dunkler Bahn» von
J. Probst , Strophen 1–3.
Lukas 11,5–13 .