Predigt Nr. 31 · 30. Januar 1910

Predigt: Jakobus 1,5-8

323
31
Jakobus 1,5–8
Wenn aber einer von euch an Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen gibt, ohne Weiteres und rückt nichts vor, und es wird ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht. Denn wer zweifelt, gleicht der Meereswoge, die vom Winde bewegt und hin- und hergetrieben wird. Ein solcher Mensch meine doch nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen werde, ein Mann mit zwei Seelen, unbeständig in allen seinen Wegen.
Meine Freunde!

Ein Christ sein heißt Beten und Arbeiten.1 Mit dem Arbeiten fängt es an. Denn wer nicht im harten Arbeitskampf um die äußere Existenz erzogen worden ist zu der Frage: Wozu bin ich auf der Welt?, der kann unmöglich vordringen zu der andern Frage: Wer bin ich?, und: Was soll aus mir werden? Und weil er nicht zur Frage vordringt, darum auch nicht zur Antwort. Wer nicht fragen gelernt hat auf diesem Gebiet, der bekommt auch keine Antwort. Mit andern Worten: Einem Menschen, der nicht arbeiten will, bleibt das Land der Lebendigen ewig verborgen.

Und wenn nun zum Arbeiten das Beten hinzukommt, zum Schaffen und Streben nach der Vollkommenheit des innern Lebens Gottes gnädiges Geschenk, zur Frage die Antwort, dann müssen wir dies «Hinzukommen», das uns zu fröhlichen Christen macht, recht verstehen. Man hat das oft so verstehen wollen: Der Mensch habe sein Möglichstes zu tun, dann übernehme der gnädige Gott den Rest, das Unmögliche. Er habe seinen Weg nach der Vollkommenheit zu wandern, soweit es gehe, und wenn er dann bete, dann brauche er das Ende des Weges nicht mehr zu gehen, sondern er werde getragen. Aber wenn wir das Beten und Arbeiten so verstehen wollten, dann bekä|324men wir es mit zwei Einreden zu tun, die wir nicht übersehen dürfen. Erstens mit der Einrede der freien, trotzigen Menschen, die sagen: Wenn ich lebendig sein soll, so muss ich gerade das scheinbar Unmögliche ins Auge fassen und tapfer darauf losarbeiten. Es kommt Alles darauf an, dass ich selber den ganzen Weg zu Ende gehe. Ich käme mir faul und unwahrhaftig vor, wenn ich mich den Rest tragen ließe. Ja, sind denn das schlimme Heiden, die nichts von Gott wissen wollen, die so reden? Mir kommt es vielmehr vor, so reden gerade die Menschen, die den lebendigen Gott im Herzen tragen, so können nur sie reden.

Aber wir müssen noch auf die andre Einrede hören. Sie kommt gerade von den tiefen, frommen Menschen, die Tag und Nacht in Gott leben, weben und sind [vgl. Act. 17,28]. Wie?, sagen sie, davon kann doch keine Rede sein, dass man dem allmächtigen Gott so gleichsam ein Stück weit entgegenkommt, um dann einen Vertrag mit ihm zu schließen für den Rest. Was ich bin und habe, das ist Gottes wunderbares Werk, von Anfang bis zu Ende, er allein tut Alles. Nur in diesem Bewusstsein bin ich froh und lebendig, von meinem bisschen Wollen weiß ich nur, dass ich’s nicht zu dem Können bringe, das auch nur von ferne den Namen Vollkommenheit verdienen würde. Ja, sind denn das faule, unwahrhaftige Menschen, die sich nicht selber anstrengen wollen und darum von vornherein Alles Gott überlassen? Mir ist’s vielmehr, so können nur die Menschen von Gott reden, in deren Innerm das sittliche Gesetz in seiner ganzen Erhabenheit wie mit eisernem Griffel gezeichnet steht. Wenn einer gewusst hat, was es ist um Gottes Gnade, die Alles tut, und was es ist um rücksichtsloses, grenzenloses Ringen nach sittlicher Vollkommenheit, so sind es Menschen wie Paulus und Calvin gewesen. So müssen wir das Beten und Arbeiten tiefer verstehen lernen, wir müssen verstehen lernen, dass es sich dabei nicht um zwei Dinge handelt, die nebeneinander stehen wie Sonntag und Werktag, sonst haben die Einreden derer recht, die uns sagen, das heiße halbes Arbeiten und halbes Beten. Ganzes Arbeiten und ganzes Beten, ganzes unermüdliches Wundern nach dem Ziel und ganze Dankbarkeit für den Gott, der Alles gibt, beides zusammen macht den ernsthaften Christen.

Aber das Beten steht voran: Bete und arbeite!, sagt das Sprichwort. So türmen sich unsre Schweizerberge empor in die schwindelnden |325 Höhenregionen, aber die schneebedeckten Zacken und Hörner wachsen heraus aus den ungeheuren Lagern von Fels und Granit, die in der Tiefe verborgen sind, und sind selbst nichts Anderes als ein Teil dieser mächtigen Masse von Gestein. So steht der lebendige Mensch, der Christ mit ganzem Herzen und aus allen seinen Kräften in der Arbeit, im Kampf um die Vollkommenheit; aber sein ganzes Herz und alle seine Kräfte sind Gotteskraft, sind ein Teil der verborgenen jenseitigen Macht, und er wird das in keinem Augenblick vergessen wollen, sowenig es dem Finsteraarhorn2 auch nur einen Augenblick einfallen würde, in der freien Luft schweben zu wollen.

Beten und Arbeiten steht nicht nebeneinander wie ein Gartenhäuschen für den Sonntag neben dem Wohnhaus für den Werktag. Beide sind ein Bau, aus denselben Materialien errichtet und gezimmert. Nur ein rechter Arbeiter kann ein rechter Beter werden, aber nur ein rechter Beter kann ein rechter Arbeiter sein.

Das müssen wir von vornherein im Auge behalten, wenn wir nun verstehen wollen, was Jakobus uns über das Beten zu sagen hat.

Im Mittelpunkt der Gedanken, die er darüber in den Versen unsres heutigen Textes zum Ausdruck bringt, steht offenbar das Wort Vers 6: Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht. Was nachher kommt, ist eine sehr drastische Schilderung des Zweiflers, dessen Gebet nach seiner Meinung kein Gebet ist. Es muss uns eigentlich stutzig machen, dass Jakobus nicht vorgezogen hat, uns zu schildern, wie das Gebet des Glaubens aussieht, dem die freundliche Erhörung verheißen ist, von der wir das letzte Mal sprachen. Er sagt uns: so sollt ihr’s nicht machen. Aber wir vermissen das Positive. Er sagt uns scheinbar nicht, wie wir’s denn machen sollen. Allein bei reiflicher Überlegung werden wir uns doch sagen müssen, dass in seiner Schilderung des Gebets tatsächlich nichts zu vermissen ist. Es ist wie ein merkwürdiges Naturgesetz des persönlichen Lebens, dass das Positive, das wir brauchen, uns am besten gezeigt und gegeben wird in Form des Gegenteils, des Negativen. Es ist den Worten und der Sache nach derselbe Vorgang wie der, durch den eine Photographie zustande kommt. Dazu |326 braucht es bekanntlich eine lichtempfindliche Platte, die Hell und Dunkel zunächst gerade in verkehrter Anordnung zeigt. Erst mit Hilfe dieser Platte, des sogenannten Negativs, kommt dann das Positiv, das richtige Bild zustande. Unser sittliches und religiöses Erkenntnisvermögen ist auch eine solche lichtempfindliche Platte. Wenn es recht deutlich aufnehmen kann, was nicht gut und nicht göttlich ist, dann ist die Bedingung gegeben, unter der im Menschen das gute, göttliche Leben entstehen kann. Jakobus hat dies Naturgesetz wohl gekannt, und darum beschreibt er das Gebet des Zweiflers, nicht aus Freude an der Sensation und am Verurteilen, sondern in der Meinung, dies negative Bild solle im Innern seiner Leser das Positive, das Gebet des Glaubens erwecken. Auch Jesus hat dies Naturgesetz gekannt. Es gibt keine umfassendere Beschreibung dessen, was nicht Frömmigkeit ist, als die Bergpredigt. Und wir gehen in seinen Spuren, wenn wir’s zunächst versuchen, die Dissonanz Glaube – Zweifel, die aus den Sätzen des Jakobus uns entgegentönt, uns deutlich zu machen, so negativ dies Geschäft auf den ersten Blick aussehen mag.

Was ist das: Zweifeln? Auf dem Gebiet des gewöhnlichen Lebens nennt man das «Zweifeln», wenn einer nicht ganz sicher ist, ob er das und das für wahr annehmen soll. Also eine Unsicherheit unsrer Gedanken. Und nun pflegt man leider das Wort in dieser Bedeutung auch auf das religiöse Gebiet anzuwenden. Man redet von Zweifeln an Gott und meint damit, dass man Häckels Welträtsel3 gelesen habe, von Zweifeln an Jesus und meint damit, dass man mit dem Ausdruck «Gottes Sohn» und mit seinen Wundern nicht fertig werden könne, von Zweifeln an der Bibel und meint damit, dass man der Ansicht sei, sie sei vielleicht zum Teil von wirklichen, lebendigen Menschen geschrieben. D. h., man redet so vom Zweifel, als ob er eben in einer Unsicherheit der Gedanken bestünde wie im gewöhnlichen Leben, nur dass es diesmal Gedanken über die höchsten Dinge sind. Und diesem Gedankenzweifel steht dann der Gedankenglaube gegenüber, der zu allen oder doch zu einigen der Dinge und Begriffe, über die der Zweifler die Achseln zuckt, Ja sagt, und je nach dem Mehr oder Weniger, zu dem Ja gesagt wird, redet man dann von katholischem und |327 protestantischem, von «evangelischem» und «freisinnigem» Glauben. Und nun wird hin- und hergeredet, welcher von allen nun der «rechte» Glaube sei, wieviel oder wie wenig, ob dies und das dazu gehöre oder nicht, und unterdessen geht man um die Sache selbst herum [wie die Katze um den heißen Brei]a. Ich rede nicht von finstern alten Zeiten, meine Freunde, jetzt, gegenwärtig, auch hier in Genf zum Beispiel wird so vom Glauben geredet. Jetzt, gegenwärtig hätten wir’s bitter nötig, dass wieder einmal ein Martin Luther unter uns aufstünde und unserm Geschlecht, den Christen und den Nicht-Christen, mit Posaunenstimme zuriefe: Glaube sei die lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade,4 Glaube sei das herrliche Erlebnis der Gegenwart des ernsten und freundlichen Gottes, Glaube sei etwas ganz Anderes als unsre kleinen, zurechtgemachten Gedanken, nämlich das wunderbare, verborgene Geschenk der Liebe Gottes, die in Christus uns offenbar wird, lange bevor wir zu unsern frommen Worten über Gott und Christus nur den Mund geöffnet haben. Wo diese Zuversicht, dies Erlebnis, dies Geschenk ist, da ist der rechte Glaube, mag im Übrigen das Zubehör, nämlich die Gedanken, die wir uns darüber machen, sein, welches es wolle. [Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mk. 4,9 par.).]b Das war der Glaube der Apostel und der Reformatoren.

Und mit diesem Glauben brauchen wir nun bloß unsern Glauben zu vergleichen, nicht die kleine Theologie also, die sich jeder Christ unwillkürlich und mit gutem Recht zurechtmacht, sondern die verborgene Tatsächlichkeit seines innern Lebens, das hinter aller Theologie, hinter allen Gedanken und Worten steht. Und wenn ein jeder diesen Vergleich, fein säuberlich für sich notabene, ohne den beliebten Seitenblick auf den Nachbar und die Nachbarin vollzieht, dann hat er vor sich, was in Wirklichkeit Zweifeln heißt, wenn man’s damit ernsthaft nimmt.

328 Wie ein wirklicher Zweifler aussieht, beschreibt Jakobus unübertrefflich in dem Ausdruck: «ein Mann mit zwei Seelen». Dies «mit zwei Seelen» – Luther hat leider wieder nur mit «Zweifler» übersetzt –, zu dem wir drei deutsche Worte brauchen, ist im griechischen Text ein einziges Eigenschaftswort und tönt dort noch viel bezeichnender und bestimmter.5 Ein Mann mit zwei Seelen! Nicht ein Mann oder eine Frau mit zwei Meinungen, zwischen denen sie sich nicht entscheiden können, mit einigen christlichen Gedanken und einigen weltlichen, einigen «evangelischen» und einigen «freisinnigen». Sondern ein Mann mit zwei Seelen. Eine Frau mit zwei Seelen. Wenn einem zwei entgegengesetzte Meinungen durch den Kopf gehen und man zweifelt, wie man sich entscheiden wolle, so ist das eine fatale Sache. Aber wenn sich’s beim Zweifel um zwei Seelen handelt, so ist die Katastrophe, die das für einen Menschen bedeutet, unendlich viel größer. Den Zweifel in Gedanken und Meinungen kann man abschütteln, und wir sehen tatsächlich viele ihre Zweifel an den Gedanken über Gott und göttliche Dinge abschütteln, wie wenn’s Mücken wären, sei’s so, dass sie sagen: ich kümmere mich um Alles nichts mehr! oder dass sie sagen: ich bleibe bei dem, was ich bis jetzt geglaubt, und will vom andern nichts wissen. So kannst du den Zweifel abschütteln, aber du musst nur nicht meinen, du entledigst dich damit des Zweifels, auf den es hier ankommt. Des wirklichen Zweifels, der den Gegensatz bildet zum wirklichen Glauben. Du kannst davonlaufen vor den Gedanken über Gott und dann so oder so meinen, du gehörest nun nicht mehr zu den Zweiflern, sondern zu den Entschiedenen, zu den entschiedenen Atheisten entweder oder zu den entschiedenen Christen. Ja, c-hat sich was-c mit dieser Entschiedenheit, Gott selbst kannst du nicht davonlaufen und ebensowenig dem Zweifel, dem großen Zweifel, der darin besteht, dass du ein Mensch mit zwei Seelen bist.

Die eine Seele glaubt, die andre glaubt nicht, darin besteht die Katastrophe des wirklichen Zweifels. Glauben im Sinne Luthers verstanden, im Sinn des großen, einfachen Erlebnisses, in dem uns gesagt ist: |329 Du sollst, und: du kannst, im Sinn des geheimnisvollen innern Lebens, in dem uns die Tür geöffnet ist zur Überwindung und zur Freiheit. Unglaube, Nicht-Glauben ist nichts Anderes als das Gegenteil davon: also der Stumpfsinn eines Lebens, das nie hat fragen mögen nach dem, was es soll, und dem darum auch das Können gleichgiltig ist, die Leblosigkeit eines Daseins, in dem es keine andren Fragen gibt als die: ich möchte, ich wünsche! Was möchtest du? Was mir passt, was mir nützlich scheint, was mich glücklich macht. Auch das Tier stellt sich diese Fragen und gibt sich diese Antworten. Wie der Glaube den Menschen über sich hinaus hebt und ihm Augen gibt für die Andern, so besteht der Unglaube recht eigentlich darin, dass der Mensch in sich selbst zusammensinkt und ein vollendeter Egoist wird,6 wie das Tier ein Egoist ist. Und weil den Glauben haben nichts Anderes ist als Gott haben, so bedeutet Unglauben für den Menschen die vollendete Sinnlosigkeit, das direkte Gegenteil von Gott. Ob wir’s Welt, Sünde, Teufel nennen, es ist immer dasselbe.

Und das ist der wirkliche, große Zweifel, wenn der Mensch hin- und herschwankt zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Gott und der Sinnlosigkeit. Und ich wiederhole es: Diesem Zweifel kann keiner davonlaufen, er mag sich in seinen Worten so atheistisch oder so christlich gebärden, als er wolle. Und ich wiederhole das Andre: es mag nun ein jeder in sich selbst hineinsehen, um ein merkwürdiges Stück von solchem Zweifel kennenzulernen. Denn Paulus hat ganz recht gehabt: Gott ist nicht ferne einem jeglichen unter uns [Act. 17,27], d. h. ein verborgener Keim und Ansatz zu dem freien Leben des Glaubens fehlt keinem, aber ebensowenig fehlt keinem eine ganz gehörige Last Sinnlosigkeit, Sünde, Welt. Und weil jeder, wenn er ehrlich ist, von beidem zu sagen weiß, ist auch keiner, der den Zweifel nicht kennte, den Zweifel der Ohnmacht des innern Lebens. Wir haben den lebendigen Gott gesehen, wir können ihn nicht vergessen, seine Stimme klingt in unsern Ohren, aber die Welt, die Oberflächlichkeit, die Gleichgiltigkeit, die Gewohnheit halten uns unten. Wir möchten |330 Menschen werden, aber wir merken’s immer wieder, dass wir noch Tiere sind, wir möchten über uns hinaus, aber unversehens merken wir, dass wir uns in unserm ganzen Denken und Tun doch wieder bloß um unser eigenes wertes Selbst gedreht haben wie die Erde um die Sonne. Wir gleichen der Meereswoge, die vom Winde bewegt und hin-und hergetrieben wird. Wir sind Menschen mit zwei Seelen.

Und nun ist’s die denkbar ernsthafteste Sache, wenn wir das von uns sagen müssen. Denn Jakobus fährt ganz richtig fort: Ein solcher Mensch meine doch nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen werde. Es gibt also ein Gebet oder etwas, das sich so nennt, das keine Erhörung findet. Und das ist das Gebet des Zweiflers.

Wie ist das, wenn ein Zweifler betet? Wie geht’s uns allen oft genug, wenn der Zustand in unserm Innern herrscht, den wir eben als Zweifel beschrieben haben? Das geht so zu: wir besinnen uns dann bei der ganzen Haltlosigkeit und Sinnlosigkeit unsres Daseins darauf, dass uns doch einmal aus eigener oder fremder Erfahrung die wunderbare Macht über Alles bekannt geworden ist. Aber diese Besinnung wird überwuchert und erstickt in uns durch die Macht der Ohnmacht, durch unser selbstisches Wesen. Sie vermag die Besinnung auf die Quelle des Lebens nicht völlig zu ersticken, aber sie verwandelt sie in eine merkwürdige Karikatur. Gott wird uns zu einem hohen Namen. Es ist, wie wenn wir hineingerissen würden in die trübe Flut unsrer Oberflächlichkeit, die nicht das Leben sucht, sondern die Befriedigung ihrer kleinen Wünsche. Wir reden noch immer von Gott, kommen uns immer noch recht fromm vor, aber im Grunde meinen wir nicht Gott, sondern uns selbst. Und nun beten wir. Aber was heißt das: wir beten? Wir stellen allerlei Forderungen an das Wesen, das wir Gott nennen. Wir haben ihm viel vorzutragen über allerlei Angelegenheiten unsres Daseins. Wir reden ihn an und bitten ihn, uns dies nicht entbehren zu lassen und uns jenes zu genießen zu geben. Keine bösen Dinge. Nur lauter Erlaubtes, von dem wir annehmen dürfen, dass es uns mit Fug und Recht zukommen sollte. Auch gar nicht nur äußere Dinge wie Reichtum, Gesundheit, Ehre, Freude. Nein, um einmal recht auf die Sache loszugehen, wir bitten vielleicht gerade um besondere religiöse Erfahrungen, um die Erfahrung der Gnade Gottes, um das völlige Einssein mit ihm, von dem wir schon viel Schönes |331 gehört und gelesen haben. Und nun wird unser Gebet nicht erhört. Wir stehen nun vor einer harten, unüberwindlichen Schranke, wir merken recht wohl, da jenseits wäre so etwas, wir merken auch recht wohl, dass Gott keineswegs eine Illusion ist, im Gegenteil: gerade in solchen Augenblicken spüren wir seine Realität. Aber es ist eine harte Realität, die uns abweist und zurückstößt. Wir dringen nicht vor zu dem Erlebnis der Einheit mit ihm, von dem wir spüren, wie herrlich es sein müsste; unsre äußern wie unsre innern Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Wir bitten, aber wir empfangen nicht. Warum nicht? Weil unser Gebet kein Gebet des Glaubens ist, sondern ein Gebet des Zweifels. Das will sagen: weil unser Gebet nur ein Ausdruck war unsrer Selbstsucht und darum unsrer Sinnlosigkeit, weil es nicht Weltüberwindung war, sondern selbst ein Stück Welt. Nehmen wir noch einmal den wichtigsten Fall: Du hast um religiöse Erfahrungen gebetet. Ein Dritter kann da freilich schwer urteilen, wie du darum gebetet hast; aber ich möchte dich immerhin bitten, dich zu fragen, ob du dabei wirklich den lebendigen Gott gesucht hast oder nicht trotz allem wieder dich selbst, ob’s dir bei der Einheit mit Gott, um die du batest, um Gott selbst zu tun war oder um dich, ob du um einen sehr feinen und scheinbar sehr hochstehenden Genuss batest oder um das innere Leben, das hart ist, aber gerade darum die Freiheit bringt? Und bei dem Gebet um äußere Dinge zeigt sich dieselbe Sache noch deutlicher. Was willst du damit sagen, wenn du sagst, du habest um dies und das gläubig gebetet? Du meinst, «gläubig» heiße eifrig, eindringlich? Ja sieh, wenn dein Gebet, wenn der gute, kindliche Vortrag deiner Bitten an Gott nur bezweckte, deinen Willen durchzusetzen, wenn es dir nicht darauf vor Allem ankam, zu Gott zu kommen und Gott zu dir kommen zu lassen, dann war dein Gebet doch ein Gebet des Zweifels, weil es nicht der Ausdruck des Glaubens war, der in der Überwindung der Selbstsucht besteht.

Ein solcher Mensch meine nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen werde. Das ist also das negative Bild, das Jakobus entwirft. Er meint, so sollen wir nicht beten. Und dem steht ein einziges positives Sätzchen gegenüber: der bitte im Glauben! Das will sagen, das Gebet muss aus dem Glaubend hervorgehen, oder, was dasselbe sagen will: |332 das Gebet muss an den lebendigen Gotte gerichtet sein. Dein Glaubef mag immer noch recht spärlich und klein sein, du bist dir doch ganz klar über das Wesen dieses kleinen Anfangs, wenn du nur ehrlich und aufmerksam sein willst. Auch der kleinste Anfang des Glaubens besteht doch darin, dass du merkst: ich müsste anfangen, mich selbst zu überwinden, und in der ganz sicheren Erkenntnis: in der Überwindung schenkt mir Gott das freie, trotzige Leben. Und wieder ist Gottg nichts Anderes als die wunderbare Macht, die es darauf abgesehen hat, das kleine menschliche Wesen zu überwinden und uns zu Bürgern des unsichtbaren Reiches der Freiheit zu erziehen. Wo ein Mensch in diesem Glaubenh diesem Gotti begegnet, da ist das Gebet, das immer Erhörung findet.

Dann besinne dich an das, was wir am Anfang über das Verhältnis von Beten und Arbeiten gesagt haben. Wenn wir beide auseinandernehmen wie Sonntag und Werktag, dann kommt es so, dass beide nichts Andres sind als der Ausdruck unsrer Selbstsucht, und Beten und Arbeiten sind dann die traurigen Hälften des Mannes mit zwei Seelen. Anders, wenn du im lebendigen Glauben zum lebendigen Gott betest. Dann wird dein Glaube Arbeitsbetenj , d. h., dein innerstes Wesen berührt dankbar den verborgenen Grund deines Lebens, um neue Kraft zu schöpfen. Dein Leben aber ist nichts Anderes als deine Arbeit, deine fröhliche Wanderung nach der Vollkommenheit Gottes. Es ist dann dasselbe harte Gestein: dein Gebet wie deine Arbeit. Hier sind’s die verborgenen unterirdischen Felsenlager des Gebets, hier sind’s die Hörner und Zacken der Berge, die daraus hervorwachsen, die Arbeit. Arbeit heiße uns die eine große Sache im Lichte der Zeitlichkeit, Beten dieselbe im Schein der Ewigkeit. Beide sind das Ganze, und das Ganze ist Gott, der in den Menschen sein geheimnisvolles Werk treibt.

Aber nun hast du noch eine Frage an mich, lieber Freund, eine sehr naheliegende Frage: die nämlich: wie wird denn solcher Glaube, der so |333 beten kann, gemacht? Fürs erste will ich dir antworten, dass das gerade das Herrliche des Glaubens ist, dass er nicht gemacht wird, sondern wird. Denn wenn ein Mensch glaubt, so heißt das, dass Gott zu ihm kommt, und Gott kann man nicht machen. Aber etwas Anderes will ich dir sagen. Der Glaube wird, wenn ein Mensch das erfährt, was Paulus einmal mit den Worten beschreibt: Als es Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren… [Gal. 1,15f.]; d. h. der Glaube wird, wenn vor deinem innern Auge Jesus deutlich wird. Nicht eine Lehre über ihn, eine alte oder eine neue, sondern er selbst. In diesem Augenblick verschwindet etwas Altes in dir, und es wird etwas Neues. Der Glaube ist da.

Und mit dem Glauben das Gebet, das Erhörung findet. Jesus hat einmal ein Gebetswort gesprochen, in dem waren Beten und Arbeiten zu jener ewigen Einheit zusammengewachsen. Es lautet so: Dein Wille geschehe [Mt. 6,10].

Und das ist das Gebet des Glaubens.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 172: «Tut mir auf die schöne Pforte» von B. Schmolck, Strophen 1–3 (RG 160,1–3; EG 166,1–3 [mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 32: «O Gott, du frommer Gott» von J. Heermann, Strophen 2.3.5 (EG 495,2.3.5). 🎵
  • Nr. 316: «Was zagst du, Herz, auf dunkler Bahn» von J. Probst, Strophen 1–3. 🎵
Lesungstext:
  • Lukas 11,5–13.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. sind die eckigen Klammern nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
b
Im Mskr. sind die eckigen Klammern nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Vgl. das Lateinische: «Ora et labora!» Aus dem Spätmittelalter stammende Zusammenfassung der Ordensregel des Benedikt von Nursia (ca. 480–547).↩
2
Das Finsteraarhorn ist mit einer Höhe von 4272m ü. d. M. der höchste Gipfel der Berner Alpen.↩
3
E. Haeckel, Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie, Bonn 1899 📖; s. dazu oben, S. 24f., Anm. 6.↩
4
Vgl. etwa M. Luther, Adventspostille 1522 [Predigt zu 1. Kor. 4,1–5], WA 10 I/2, 139,17–19 📖: «[…] denn der glawbe nichts anders ist, denn eyn bestendige, untzweyffelhafftige, unwanckende zuvorsicht tzu gottlicher gnade.»↩
5
Im Griechischen: «δίψυχος».↩
6
Aufnahme der Rede Martin Luthers vom «in sich selbst verkrümmten Menschen», der in allen Dingen nur sich selbst sucht. Vgl. z. B. WA 56, 356,4–6 (Scholien Röm. 8,3) 📖: «Et hoc consonat Scripture, Que hominem describit incuruatum in se adeo, ut non tantum corporalia, Sed et spiritualia bona sibi inflectat et se in omnibus querat.»↩