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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 31</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,5-8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,5-8, 30. Januar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53033 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53033</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 31: Predigt: Jakobus 1,5-8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">33</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,5-8, 30. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1474">KBA 1009</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-01-30">30. Januar 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-01-30">Sonntag, den
                            30. Januar 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Sexagesimae)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.5 Jak.1.8">Jakobus 1,5–8</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Wenn aber einer von euch an
                                    Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen gibt,
                                    ohne Weiteres und rückt nichts vor, und es wird ihm gegeben
                                    werden. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht. Denn wer
                                    zweifelt, gleicht der Meereswoge, die vom Winde bewegt und
                                    hin- und hergetrieben wird. Ein solcher Mensch meine doch
                                    nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen werde, ein Mann mit
                                    zwei Seelen, unbeständig in allen seinen Wegen.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Ein Christ sein heißt Beten und <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten">Arbeiten</term>.<note xml:id="n01">Vgl. das Lateinische:
                        «Ora et labora!» Aus dem Spätmittelalter stammende Zusammenfassung der
                        Ordensregel des Benedikt von <persName ref="kbga-actors-2347">Nursia</persName> (ca. 480–547).</note>
                    Mit dem <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeiten</term> fängt es an. Denn
                    wer nicht im harten Arbeitskampf um die äußere Existenz erzogen worden ist
                    zu der Frage: Wozu bin ich auf der Welt?, der kann unmöglich vordringen zu
                    der andern Frage: Wer bin ich?, <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> und: Was soll
                    aus mir werden? Und weil er nicht zur Frage vordringt, darum auch nicht zur
                    Antwort. Wer nicht fragen gelernt hat auf diesem Gebiet, der bekommt auch
                    keine Antwort. Mit andern Worten: Einem Menschen, der nicht arbeiten will,
                    bleibt das Land der Lebendigen ewig verborgen.</p>
                <p> Und wenn nun zum Arbeiten das <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term>
                    hinzukommt, zum Schaffen und Streben nach der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> Gottes gnädiges
                    Geschenk, zur Frage die Antwort, dann müssen wir dies «Hinzukommen», das uns
                    zu fröhlichen <term type="Sachen" key="Christen, fröhliche">Christen</term>
                    macht, recht verstehen. Man hat das oft so verstehen wollen: Der Mensch habe
                    sein Möglichstes zu tun, dann übernehme der gnädige Gott den Rest, das
                    Unmögliche. Er habe seinen Weg nach der Vollkommenheit zu wandern, soweit es
                    gehe, und wenn er dann bete, dann brauche er das Ende des Weges nicht mehr
                    zu gehen, sondern er werde getragen. Aber wenn wir das Beten und <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten">Arbeiten</term> so verstehen
                    wollten, dann bekä<pb xml:id="p324" ed="pga" break="no"/>men wir es mit zwei Einreden zu
                    tun, die wir nicht übersehen dürfen. Erstens mit der Einrede der freien,
                    trotzigen Menschen, die sagen: Wenn ich lebendig sein soll, so <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> muss ich gerade das scheinbar Unmögliche ins
                    Auge fassen und tapfer darauf losarbeiten. Es kommt Alles darauf an, dass
                    ich selber den ganzen Weg zu Ende gehe. Ich käme mir faul und unwahrhaftig
                    vor, wenn ich mich den Rest tragen ließe. Ja, sind denn das schlimme <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term>, die nichts von
                    Gott wissen wollen, die so reden? Mir kommt es vielmehr vor, so reden gerade
                    die Menschen, die den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> im Herzen tragen, so können nur sie reden.</p>
                <p>Aber wir müssen noch auf die andre Einrede hören. Sie kommt gerade von den
                    tiefen, frommen <term type="Sachen" key="Menschen, fromme">Menschen</term>,
                    die Tag und Nacht in Gott leben, weben und sind [vgl. Act. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">17,28</ref>]. Wie?, sagen sie,
                    davon kann doch keine Rede sein, dass man dem allmächtigen <term type="Sachen" key="Gott, Allmacht">Gott</term> so gleichsam ein Stück
                    weit entgegenkommt, um dann einen Vertrag mit ihm zu schließen für den Rest.
                    Was ich bin und habe, das ist Gottes wunderbares Werk, von Anfang bis zu
                    Ende, er allein tut Alles. Nur in diesem Bewusstsein bin ich froh und
                    lebendig, von meinem bisschen Wollen weiß ich nur, dass ich’s nicht
                    zu dem Können bringe, das auch nur von ferne den Namen <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> verdienen würde. Ja, sind
                    denn das faule, unwahrhaftige Menschen, die sich nicht selber anstrengen
                    wollen und darum von vornherein Alles Gott über<pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>lassen? Mir ist’s vielmehr, so können nur die Menschen von Gott
                    reden, in deren Innerm das sittliche <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetz</term> in seiner ganzen Erhabenheit wie
                    mit eisernem Griffel gezeichnet steht. Wenn einer gewusst hat, was es ist um
                    Gottes <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>, die Alles
                    tut, und was es ist um rücksichtsloses, grenzenloses Ringen nach sittlicher
                    Vollkommenheit, so sind es Menschen wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gewesen. So müssen wir das Beten und <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten">Arbeiten</term> tiefer verstehen lernen, wir
                    müssen verstehen lernen, dass es sich dabei nicht um zwei Dinge handelt, die
                    nebeneinander stehen wie <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term>
                    und <term type="Sachen" key="Werktag">Werktag</term>, sonst haben die
                    Einreden derer recht, die uns sagen, das heiße halbes Arbeiten und halbes
                    Beten. Ganzes Arbeiten und ganzes <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten, macht den ernsthaften Christen">Beten</term>,
                    ganzes unermüdliches Wundern nach dem Ziel und ganze Dankbarkeit für den
                    Gott, der Alles gibt, beides zusammen macht den ernsthaften Christen.</p>
                <p> Aber das <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term> steht voran: Bete und
                    arbeite!, sagt das Sprichwort. So türmen sich unsre <term type="Sachen" key="Berge / Bergwelt, Schweizerberge">Schweizerberge</term> empor in
                    die schwindelnden <pb xml:id="p325" ed="pga"/> Höhenregionen, aber die
                    schneebedeckten Zacken und Hörner wachsen heraus aus den ungeheuren Lagern
                    von Fels und Granit, die in der Tiefe verborgen sind, und sind selbst nichts
                    Anderes als ein Teil dieser mächtigen Masse von Gestein. So steht der
                    lebendige Mensch, der Christ mit ganzem Herzen und aus allen <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> seinen Kräften in der Arbeit, im Kampf um die
                        <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term>; aber
                    sein ganzes Herz und alle seine Kräfte sind <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gotteskraft</term>, sind ein Teil der verborgenen
                    jenseitigen Macht, und er wird das in keinem Augenblick vergessen wollen,
                    sowenig es dem <placeName ref="kbga-places-1132">Finsteraarhorn</placeName><note xml:id="n02">Das
                        Finsteraarhorn ist mit einer Höhe von 4272m ü. d. M. der höchste Gipfel
                        der Berner Alpen.</note> auch nur einen Augenblick einfallen würde, in der
                    freien Luft schweben zu wollen.</p>
                <p>Beten und Arbeiten steht nicht nebeneinander wie ein Gartenhäuschen für den
                        <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term> neben dem Wohnhaus für
                    den <term type="Sachen" key="Werktag">Werktag</term>. Beide sind
                        <hi rend="italic">ein</hi>
                    <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten, Einheit">Bau</term>, aus
                    denselben Materialien errichtet und gezimmert. Nur ein rechter Arbeiter kann
                    ein rechter Beter werden, aber nur ein rechter Beter kann ein rechter
                    Arbeiter sein.</p>
                <p>Das müssen wir von vornherein im Auge behalten, wenn wir nun verstehen
                    wollen, was <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> uns über das
                        <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term> zu sagen hat.</p>
                
                <p rend="margin-top">Im Mittelpunkt der Gedanken, die er darüber in den Versen
                    unsres heutigen Textes zum Ausdruck bringt, steht offenbar das Wort Vers 6:
                        <hi rend="italic">Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht</hi>. Was nachher
                    kommt, ist eine sehr drastische Schilde<pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>rung des
                    Zweiflers, dessen <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> nach seiner
                    Meinung kein Gebet ist. Es muss uns eigentlich stutzig machen, dass Jakobus
                    nicht vorgezogen hat, uns zu schildern, wie das <term type="Sachen" key="Gebet, des Glaubens">Gebet</term> des Glaubens aussieht, dem die
                    freundliche <term type="Sachen" key="Gebet, Erhörung">Erhörung</term>
                    verheißen ist, von der wir das letzte Mal sprachen. Er sagt uns: so sollt
                    ihr’s nicht machen. Aber wir vermissen das Positive. Er sagt uns
                    scheinbar nicht, wie wir’s denn machen sollen. Allein bei reiflicher
                    Überlegung werden wir uns doch sagen müssen, dass in seiner Schilderung des
                    Gebets tatsächlich nichts zu vermissen ist. Es ist wie ein merkwürdiges
                    Naturgesetz des persönlichen Lebens, dass das Positive, das wir brauchen,
                    uns am besten gezeigt und gegeben wird in Form des Gegenteils, des
                    Negativen. Es ist den Worten und der Sache nach derselbe Vorgang wie der,
                    durch den eine <term type="Sachen" key="Fotografie">Photographie</term>
                    zustande kommt. Dazu <pb xml:id="p326" ed="pga"/> braucht es bekanntlich eine
                    lichtempfindliche Platte, die Hell und Dunkel zunächst gerade in verkehrter
                    Anordnung zeigt. Erst mit Hilfe dieser Platte, des sogenannten Negativs,
                    kommt dann das Positiv, das richtige Bild zustande. Unser sittliches und
                    religiöses Erkenntnisvermögen ist auch <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> eine
                    solche lichtempfindliche Platte. Wenn es recht deutlich aufnehmen kann, was
                        <hi rend="italic">nicht</hi> gut und <hi rend="italic">nicht</hi> göttlich ist, dann ist die
                    Bedingung gegeben, unter der im Menschen das gute, göttliche <term type="Sachen" key="Leben, gutes">Leben</term> entstehen kann. Jakobus
                    hat dies Naturgesetz wohl gekannt, und darum beschreibt er das Gebet des
                        <term type="Sachen" key="Gebet, des Zweiflers">Zweiflers</term>, nicht
                    aus Freude an der Sensation und am Verurteilen, sondern in der Meinung, dies
                    negative Bild solle im Innern seiner Leser das Positive, das Gebet des <term type="Sachen" key="Gebet, des Glaubens">Glaubens</term> erwecken. Auch
                    Jesus hat dies Naturgesetz gekannt. Es gibt keine umfassendere Beschreibung
                    dessen, was <hi rend="italic">nicht</hi>
                    <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> ist, als die <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term>. Und wir gehen in
                    seinen Spuren, wenn wir’s zunächst versuchen, die Dissonanz <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> – <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term>, die aus den Sätzen des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> uns entgegentönt, uns
                    deutlich zu machen, so negativ dies Geschäft auf den ersten Blick aussehen
                    mag.</p>
                <p>Was ist das: Zweifeln? Auf dem Gebiet des gewöhnlichen Lebens nennt man
                        <hi rend="italic">das</hi> «Zweifeln», wenn einer nicht ganz sicher ist, ob er das
                    und das für wahr annehmen soll. Also eine Unsicherheit unsrer <term type="Sachen" key="Zweifel, Unsicherheit der Gedanken">Gedanken</term>.
                    Und nun pflegt man leider das Wort in dieser Bedeutung auch auf das
                    religiöse Gebiet <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> anzuwenden. Man redet von
                    Zweifeln an Gott und meint damit, dass man <persName ref="kbga-actors-150">Häckels</persName> Welträtsel<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2489">
                                <persName ref="kbga-actors-150">E. Haeckel</persName>,
                            <hi rend="italic">Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über monistische
                            Philosophie</hi>, Bonn 1899</bibl>; s. dazu oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p924#fn_n05">S. 24f., Anm. 6</ref>.</note> gelesen habe, von
                    Zweifeln an Jesus und meint damit, dass man mit dem Ausdruck «Gottes Sohn»
                    und mit seinen Wundern nicht fertig werden könne, von Zweifeln an der Bibel
                    und meint damit, dass man der Ansicht sei, sie sei vielleicht zum Teil von
                    wirklichen, lebendigen Menschen geschrieben. D. h., man redet so vom
                    Zweifel, als ob er eben in einer Unsicherheit der Gedanken bestünde wie im
                    gewöhnlichen Leben, nur dass es diesmal Gedanken über die höchsten Dinge
                    sind. Und diesem <term type="Sachen" key="Zweifel, Unsicherheit der Gedanken">Gedankenzweifel</term> steht
                    dann der <term type="Sachen" key="Glaube, Gedankenglaube">Gedankenglaube</term> gegenüber, der zu allen oder doch zu einigen der
                    Dinge und Begriffe, über die der Zweifler die Achseln zuckt, Ja sagt, und je
                    nach dem Mehr oder Weniger, zu dem Ja gesagt wird, redet man dann von
                    katholischem und <pb xml:id="p327" ed="pga"/> protestantischem, von
                    «evangelischem» und «freisinnigem» <term type="Sachen" key="Glaube, Richtungsvielfalt">Glauben</term>. Und nun wird hin- und
                    hergeredet, welcher von allen nun der «rechte» <term type="Sachen" key="Glaube, rechter">Glaube</term> sei, wieviel oder wie wenig, ob dies
                    und das dazu gehöre oder nicht, und unterdessen geht man um die Sache selbst
                    herum [wie die Katze um den heißen Brei]<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. sind die eckigen Klammern nachträglich mit Bleistift
                            eingefügt.</note>. Ich rede nicht von finstern alten Zeiten, meine Freunde, jetzt,
                    gegenwärtig, <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> auch hier in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> zum Beispiel wird so vom <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> geredet. Jetzt, gegenwärtig hätten
                    wir’s bitter nötig, dass wieder einmal ein <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> unter uns aufstünde
                    und unserm Geschlecht, den Christen und den Nicht-Christen, mit
                    Posaunenstimme zuriefe: Glaube sei die lebendige, verwegene Zuversicht auf
                    Gottes <term type="Sachen" key="Glaube, Zuversicht auf Gottes Gnade">Gnade</term>,<note xml:id="n04">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2638">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                            <hi rend="italic">Adventspostille 1522 [Predigt zu 1. Kor. 4,1–5]</hi>,
                        WA 10 I/2, 139,17–19</bibl>: «[…] denn der glawbe nichts anders
                        ist, denn eyn bestendige, untzweyffelhafftige, unwanckende zuvorsicht
                        tzu gottlicher gnade.»</note> Glaube sei das herrliche Erlebnis der
                    Gegenwart des ernsten und freundlichen <term type="Sachen" key="Glaube, Erlebnis der Gegenwart Gottes">Gottes</term>, Glaube sei
                    etwas ganz Anderes als unsre kleinen, zurechtgemachten Gedanken, nämlich das
                    wunderbare, verborgene Geschenk der Liebe <term type="Sachen" key="Glaube, Geschenk der Liebe Gottes">Gottes</term>, die in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung der Liebe Gottes">Christus</term> uns offenbar wird, lange bevor wir zu unsern frommen
                    Worten über Gott und Christus nur den Mund geöffnet haben. Wo diese
                    Zuversicht, dies Erlebnis, dies Geschenk ist, da ist der rechte Glaube, mag
                    im Übrigen das Zubehör, nämlich die Gedanken, die wir uns darüber machen,
                    sein, welches es wolle. [Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mk. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.9">4,9</ref> par.).]<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. sind die eckigen Klammern nachträglich mit Bleistift
                            eingefügt.</note>
                     Das war der <term type="Sachen" key="Glaube, der Apostel">Glaube</term> der Apostel und der <term type="Sachen" key="Glaube, der Reformatoren">Reformatoren</term>.</p>
                <p>Und mit diesem Glauben brauchen wir nun bloß unsern Glauben zu vergleichen,
                    nicht die kleine Theologie also, die sich jeder Christ unwillkürlich und mit
                    gutem Recht zurechtmacht, sondern die <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                    verborgene Tatsächlichkeit seines innern Lebens, das hinter aller <term type="Sachen" key="Theologie">Theologie</term>, hinter allen Gedanken
                    und Worten steht. Und wenn ein jeder diesen Vergleich, fein säuberlich für
                    sich notabene, ohne den beliebten Seitenblick auf den Nachbar und die
                    Nachbarin vollzieht, dann hat er vor sich, was in Wirklichkeit <term type="Sachen" key="Zweifel">
                            <hi rend="italic">Zweifeln</hi></term> heißt, wenn
                    man’s damit ernsthaft nimmt.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p328" ed="pga"/> Wie ein wirklicher Zweifler aussieht, beschreibt <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> unübertrefflich in dem Ausdruck: «<hi rend="italic">ein
                        Mann mit zwei Seelen</hi>». Dies «mit zwei Seelen» – <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat leider wieder nur
                    mit «Zweifler» übersetzt –, zu dem wir drei deutsche Worte brauchen,
                    ist im griechischen Text ein einziges Eigenschaftswort und tönt dort noch
                    viel bezeichnender und bestimmter.<note xml:id="n05">Im
                        Griechischen: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">δίψυχος</foreign>».</note> Ein
                    Mann mit zwei Seelen! Nicht ein Mann oder eine Frau mit zwei Meinungen,
                    zwischen denen sie sich nicht entscheiden können, mit einigen christlichen
                    Gedanken und einigen weltlichen, einigen «evangelischen» und einigen
                    «freisinnigen». Sondern ein Mann mit zwei Seelen. Eine Frau mit zwei Seelen.
                    Wenn einem zwei entgegengesetzte Meinungen durch den Kopf gehen und man
                    zweifelt, wie man sich entscheiden wolle, so ist das eine fatale Sache. Aber
                    wenn sich’s beim <term type="Sachen" key="Zweifel, zwei Seelen">Zweifel</term> um zwei Seelen <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> handelt, so
                    ist die Katastrophe, die das für einen Menschen bedeutet, unendlich viel
                    größer. Den <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term> in Gedanken und
                    Meinungen kann man abschütteln, und wir sehen tatsächlich viele ihre Zweifel
                    an den Gedanken über Gott und göttliche Dinge abschütteln, wie wenn’s
                    Mücken wären, sei’s so, dass sie sagen: ich kümmere mich um Alles
                    nichts mehr! oder dass sie sagen: ich bleibe bei dem, was ich bis jetzt
                    geglaubt, und will vom andern nichts wissen. So kannst du den Zweifel
                    abschütteln, aber du musst nur nicht meinen, du entledigst dich damit
                        <hi rend="italic">des</hi> Zweifels, auf den es hier ankommt. Des wirklichen <term type="Sachen" key="Zweifel, wirklicher">Zweifels</term>, der den
                    Gegensatz bildet zum wirklichen <term type="Sachen" key="Glaube, wirklicher">Glauben</term>. Du kannst davonlaufen vor den Gedanken über Gott und
                    dann so oder so meinen, du gehörest nun nicht mehr zu den Zweiflern, sondern
                    zu den Entschiedenen, zu den entschiedenen <term type="Sachen" key="Atheisten, entschiedene">Atheisten</term> entweder oder zu den
                    entschiedenen <term type="Sachen" key="Christen, entschiedene">Christen</term>. Ja, <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>hat sich was<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     mit dieser Entschiedenheit, Gott selbst kannst du nicht davonlaufen
                    und ebensowenig <hi rend="italic">dem</hi> Zweifel, dem <hi rend="italic">großen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Zweifel, großer">Zweifel</term>, der darin besteht,
                    dass du ein <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Mensch</term>
                    mit zwei Seelen bist.</p>
                <p> Die eine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> glaubt, die andre
                    glaubt nicht, darin besteht die Katastrophe des wirklichen Zweifels. <term type="Sachen" key="Galube">Glauben</term>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> im Sinne <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> verstanden, im Sinn des großen,
                    einfachen Erlebnisses, in dem uns gesagt ist: <pb xml:id="p329" ed="pga"/> Du
                    sollst, und: du kannst, im Sinn des geheimnisvollen innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, in dem uns die Tür
                    geöffnet ist zur Überwindung und zur <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>. Unglaube, Nicht-Glauben ist nichts Anderes als das
                    Gegenteil davon: also der <term type="Sachen" key="Unglaube, Stumpfsinn">Stumpfsinn</term> eines Lebens, das nie hat fragen mögen nach dem, was
                    es soll, und dem darum auch das Können gleichgiltig ist, die <term type="Sachen" key="Unglaube, Leblosigkeit">Leblosigkeit</term> eines
                    Daseins, in dem es keine andren Fragen gibt als die: ich möchte, ich
                    wünsche! Was möchtest du? Was mir passt, was mir nützlich scheint, was mich
                    glücklich macht. Auch das Tier stellt sich diese Fragen und gibt sich diese
                    Antworten. Wie der Glaube den Menschen über sich hinaus hebt und ihm Augen
                    gibt für die Andern, so besteht der Unglaube recht eigentlich darin, dass
                    der Mensch in sich selbst zusammensinkt und ein vollendeter <term type="Sachen" key="Unglaube, vollendeter Egoismus">Egoist</term>
                        wird,<note xml:id="n06">Aufnahme der Rede <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> vom «in sich
                        selbst verkrümmten Menschen», der in allen Dingen nur sich selbst sucht.
                        Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-2015">WA 56, 356,4–6 (<hi rend="italic">Scholien Röm. 8,3</hi>)</bibl>: «Et
                        hoc consonat Scripture, Que hominem describit incuruatum in se adeo, ut
                        non tantum corporalia, Sed et spiritualia bona sibi inflectat et se in
                        omnibus querat.»</note> wie das Tier ein Egoist ist. Und weil den
                    Glauben haben nichts Anderes ist als Gott <term type="Sachen" key="Glaube, Gott haben">haben</term>, so bedeutet Unglauben für den
                    Menschen die vollendete <term type="Sachen" key="Unglaube, Sinnlosigkeit">Sinnlosigkeit</term>, das direkte Gegenteil von Gott. Ob wir’s
                        <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term>
                    nennen, es ist <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> immer dasselbe.</p>
                <p>Und das ist der wirkliche, große Zweifel, wenn der Mensch hin- und
                    herschwankt zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Gott und der
                    Sinnlosigkeit. Und ich wiederhole es: Diesem <term type="Sachen" key="Zweifel, schwanken zwischen Glaube und Unglaube">Zweifel</term>
                    kann keiner davonlaufen, er mag sich in seinen Worten so atheistisch oder so
                    christlich gebärden, als er wolle. Und ich wiederhole das Andre: es mag nun
                    ein jeder in sich selbst hineinsehen, um ein merkwürdiges Stück von solchem
                    Zweifel kennenzulernen. Denn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat ganz recht gehabt: Gott ist nicht ferne einem
                    jeglichen unter uns [Act. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27">17,27</ref>], d. h. ein verborgener Keim und Ansatz zu dem freien
                    Leben des Glaubens fehlt keinem, aber ebensowenig fehlt keinem eine ganz
                    gehörige Last Sinnlosigkeit, <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>,
                    Welt. Und weil jeder, wenn er ehrlich ist, von beidem zu sagen weiß, ist
                    auch keiner, der den Zweifel nicht kennte, den Zweifel der Ohnmacht des
                    innern Lebens. Wir haben den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> gesehen, wir können ihn nicht
                    vergessen, seine Stimme klingt in unsern Ohren, aber die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, die Oberflächlichkeit, die <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>, die Gewohnheit halten
                    uns unten. Wir möchten <pb xml:id="p330" ed="pga"/> Menschen werden, aber wir
                    merken’s immer wieder, dass wir noch Tiere <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> sind, wir möchten über uns hinaus, aber unversehens merken wir, dass wir
                    uns in unserm ganzen Denken und Tun doch wieder bloß um unser eigenes wertes
                    Selbst gedreht haben wie die Erde um die Sonne. Wir gleichen der
                        <hi rend="italic">Meereswoge, die vom Winde bewegt und hin-und hergetrieben
                        wird</hi>. Wir sind Menschen mit zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term>.</p>
                
                <p rend="margin-top">Und nun ist’s die denkbar ernsthafteste Sache, wenn
                    wir das von uns sagen müssen. Denn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> fährt ganz richtig fort: <hi rend="italic">Ein solcher Mensch meine
                        doch nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen werde</hi>. Es gibt also
                    ein <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> oder etwas, das sich so
                    nennt, das keine Erhörung findet. Und das ist das Gebet des <term type="Sachen" key="Gebet, des Zweiflers">Zweiflers</term>.</p>
                <p>Wie ist das, wenn ein Zweifler betet? Wie geht’s uns allen oft genug,
                    wenn der Zustand in unserm Innern herrscht, den wir eben als Zweifel
                    beschrieben haben? Das geht so zu: wir besinnen uns dann bei der ganzen
                    Haltlosigkeit und Sinnlosigkeit unsres Daseins darauf, dass uns doch einmal
                    aus eigener oder fremder Erfahrung die wunderbare Macht über Alles bekannt
                    geworden ist. Aber diese <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Besinnung wird
                    überwuchert und erstickt in uns durch die Macht der Ohnmacht, durch unser
                    selbstisches Wesen. Sie vermag die Besinnung auf die Quelle des Lebens nicht
                    völlig zu ersticken, aber sie verwandelt sie in eine merkwürdige Karikatur.
                    Gott wird uns zu einem hohen Namen. Es ist, wie wenn wir hineingerissen
                    würden in die trübe Flut unsrer Oberflächlichkeit, die nicht das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> sucht, sondern die Befriedigung
                    ihrer kleinen Wünsche. Wir reden noch immer von Gott, kommen uns immer noch
                    recht fromm vor, aber im Grunde meinen wir nicht Gott, sondern uns selbst.
                    Und nun beten wir. Aber was heißt das: wir beten? Wir stellen allerlei
                    Forderungen an das Wesen, das wir Gott nennen. Wir haben ihm viel
                    vorzutragen über allerlei Angelegenheiten unsres Daseins. Wir reden ihn an
                    und bitten ihn, uns dies nicht entbehren zu lassen und uns jenes zu genießen
                    zu geben. Keine bösen Dinge. Nur lauter Erlaubtes, von dem wir annehmen
                    dürfen, dass es uns mit Fug und Recht zukommen sollte. Auch gar nicht nur
                    äußere Dinge wie Reichtum, Gesundheit, Ehre, Freude. Nein, um einmal recht
                    auf die Sache loszugehen, wir bitten vielleicht gerade um besondere
                    religiöse Erfahrungen, um die Erfahrung der Gnade Gottes, um das völlige
                    Einssein <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> mit ihm, von dem wir schon viel
                    Schönes <pb xml:id="p331" ed="pga"/> gehört und gelesen haben. Und nun wird unser
                    Gebet <hi rend="italic">nicht</hi> erhört. Wir stehen nun vor einer harten,
                    unüberwindlichen Schranke, wir merken recht wohl, da jenseits wäre so etwas,
                    wir merken auch recht wohl, dass Gott keineswegs eine Illusion ist, im
                    Gegenteil: gerade in solchen Augenblicken spüren wir seine Realität. Aber es
                    ist eine harte Realität, die uns abweist und zurückstößt. Wir dringen nicht
                    vor zu dem Erlebnis der Einheit mit ihm, von dem wir spüren, wie herrlich es
                    sein müsste; unsre äußern wie unsre innern Wünsche gehen nicht in Erfüllung.
                    Wir bitten, aber wir empfangen nicht. Warum nicht? Weil unser Gebet kein
                    Gebet des Glaubens ist, sondern ein Gebet des <term type="Sachen" key="Gebet, des Zweiflers">Zweifels</term>. Das will sagen: weil unser
                    Gebet nur ein Ausdruck war unsrer <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> und darum unsrer Sinnlosigkeit, weil es nicht
                    Weltüberwindung war, sondern selbst ein Stück <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>. Nehmen wir noch einmal den wichtigsten Fall: Du hast um
                    religiöse <term type="Sachen" key="Gebet, um religiöse Erfahrung">Erfahrungen</term> gebetet. Ein Dritter kann da freilich schwer
                    urteilen, <hi rend="italic">wie</hi> du darum gebetet hast; aber ich möchte dich
                    immerhin bitten, dich zu fragen, ob du dabei wirklich den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> gesucht hast oder <pb ed="A" rend="hidden" n="17"/> nicht trotz allem wieder dich selbst,
                    ob’s dir bei der Einheit mit Gott, um die du batest, um Gott selbst
                    zu tun war oder um dich, ob du um einen sehr feinen und scheinbar sehr
                    hochstehenden <hi rend="italic">Genuss</hi> batest oder um das innere <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>, das hart ist, aber
                    gerade darum die <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> bringt?
                    Und bei dem Gebet um äußere <term type="Sachen" key="Gebet, um äußere Dinge">Dinge</term> zeigt sich dieselbe Sache noch deutlicher. Was willst du
                    damit sagen, wenn du sagst, du habest um dies und das <hi rend="italic">gläubig</hi>
                    gebetet? Du meinst, «gläubig» heiße eifrig, eindringlich? Ja sieh, wenn dein
                    Gebet, wenn der gute, kindliche Vortrag deiner Bitten an Gott nur bezweckte,
                        <hi rend="italic">deinen</hi> Willen durchzusetzen, wenn es dir nicht
                        <hi rend="italic">darauf</hi> vor Allem ankam, zu Gott zu kommen und Gott zu dir
                    kommen zu lassen, dann war dein Gebet doch ein Gebet des <term type="Sachen" key="Gebet, des Zweifels">Zweifels</term>, weil es nicht der Ausdruck
                    des Glaubens war, der in der Überwindung der Selbstsucht besteht.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Ein solcher Mensch meine nicht, dass er etwas vom Herrn empfangen
                        werde</hi>. Das ist also das negative Bild, das <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> entwirft. Er meint, so sollen wir
                        <hi rend="italic">nicht</hi> beten. Und dem steht ein einziges positives Sätzchen
                    gegenüber: <hi rend="italic">der bitte im Glauben!</hi> Das will sagen, das Gebet muss
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="18"/> aus dem Glauben<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Gebet, aus dem Glauben"/> hervorgehen, oder,
                    was dasselbe sagen will: <pb xml:id="p332" ed="pga"/> das Gebet muss an den
                    lebendigen Gott<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Gebet, an den lebendigen Gott"/> gerichtet
                    sein. Dein Glaube<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Glaube"/> mag immer noch recht spärlich und
                    klein sein, du bist dir doch ganz klar über das Wesen dieses kleinen
                    Anfangs, wenn du nur ehrlich und aufmerksam sein willst. Auch der kleinste
                    Anfang des Glaubens besteht doch darin, dass du merkst: ich müsste anfangen,
                    mich selbst zu überwinden, und in der ganz sicheren Erkenntnis: in der
                    Überwindung schenkt mir Gott das freie, trotzige Leben. Und wieder ist Gott<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     nichts Anderes als die wunderbare Macht, die es darauf abgesehen hat,
                    das kleine menschliche Wesen zu überwinden und uns zu Bürgern des
                    unsichtbaren Reiches der Freiheit zu erziehen. Wo ein Mensch in diesem Glauben<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     diesem Gott<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     begegnet, da ist das <term type="Sachen" key="Gebet, Erhörung">Gebet</term>, das immer Erhörung findet.</p>
                <p>Dann besinne dich an das, was wir am Anfang über das Verhältnis von Beten und
                        <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten">Arbeiten</term> gesagt
                    haben. Wenn wir beide auseinandernehmen wie <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term> und <term type="Sachen" key="Werktag">Werktag</term>, dann kommt es so, dass beide nichts Andres sind als der
                    Ausdruck unsrer Selbstsucht, und Beten und Arbeiten sind dann die traurigen
                    Hälften des Mannes mit zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term>. <pb ed="A" rend="hidden" n="19"/> Anders, wenn du im lebendigen <term type="Sachen" key="Glaube, lebendiger">Glauben</term> zum lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> betest. Dann wird dein
                    Glaube Arbeitsbeten<note type="textcritical" n="j" xml:id="nj"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Glaube, Arbeitsbeten"/>, d. h., dein
                    innerstes Wesen berührt dankbar den verborgenen Grund deines <term type="Sachen" key="Leben, verborgener Grund">Lebens</term>, um neue
                    Kraft zu schöpfen. Dein Leben aber ist nichts Anderes als deine Arbeit,
                    deine fröhliche Wanderung nach der Vollkommenheit <term type="Sachen" key="Gott, Vollkommenheit">Gottes</term>. Es ist dann dasselbe harte
                    Gestein: dein Gebet wie deine Arbeit. Hier sind’s die verborgenen
                    unterirdischen Felsenlager des Gebets, hier sind’s die Hörner und
                    Zacken der Berge, die daraus hervorwachsen, die Arbeit. <term type="Sachen" key="Arbeit, Licht der Zeitlichkeit">Arbeit</term> heiße uns die eine
                    große Sache im Lichte der Zeitlichkeit, Beten dieselbe im Schein der <term type="Sachen" key="Beten, Schein der Ewigkeit">Ewigkeit</term>. Beide
                    sind das Ganze, und das Ganze ist Gott, der in den Menschen sein
                    geheimnisvolles Werk treibt.</p>
                <p>Aber nun hast du noch eine Frage an mich, lieber Freund, eine sehr
                    naheliegende Frage: die nämlich: wie wird denn solcher Glaube, der so <pb xml:id="p333" ed="pga"/> beten kann, gemacht? Fürs erste will ich dir
                    antworten, dass das gerade das Herrliche des Glaubens ist, dass er
                        <hi rend="italic">nicht</hi> gemacht <term type="Sachen" key="Glaube, wird nicht gemacht">wird</term>, sondern <term type="Sachen" key="Glaube, wird">
                            <hi rend="italic">wird</hi></term>. Denn wenn ein
                    Mensch glaubt, so heißt das, dass Gott zu ihm kommt, und Gott kann man nicht
                    machen. Aber etwas Anderes will ich dir <pb ed="A" rend="hidden" n="20"/> sagen.
                    Der Glaube <hi rend="italic">wird</hi>, wenn ein Mensch das erfährt, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> einmal mit den Worten
                    beschreibt: Als es Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren…
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.1.15 Gal.1.16">Gal. 1,15f.</ref>]; d. h. der
                    Glaube wird, wenn vor deinem innern Auge Jesus deutlich wird. Nicht eine
                    Lehre über ihn, eine alte oder eine neue, sondern er selbst. In diesem
                    Augenblick verschwindet etwas Altes in dir, und es wird etwas Neues. Der
                    Glaube ist da.</p>
                <p> Und mit dem Glauben das <term type="Sachen" key="Gebet, Erhörung">Gebet</term>, das Erhörung findet. Jesus hat einmal ein Gebetswort
                    gesprochen, in dem waren Beten und <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten, ewige Einheit">Arbeiten</term> zu jener ewigen
                    Einheit zusammengewachsen. Es lautet so: Dein Wille geschehe [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>].</p>
                <p> Und das ist das Gebet des <term type="Sachen" key="Gebet, des Glaubens">Glaubens</term>.</p>
            </div>  
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-157">Nr. 172: «Tut mir auf die schöne Pforte» von <persName ref="kbga-actors-5770">B. Schmolck</persName>, Strophen
                            1–3 (RG 160,1–3; EG 166,1–3 [mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-91">Nr. 32: «O Gott, du frommer Gott» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName>, Strophen 2.3.5
                            (EG 495,2.3.5).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-268">Nr. 316: «Was zagst du, Herz, auf dunkler Bahn» von <persName ref="kbga-actors-7697">J. Probst</persName>,
                            Strophen 1–3.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
        <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                         <item>
                            <ref subtype="bible" type="can" target="Lk.11.5 Lk.11.13">Lukas 11,5–13</ref>.</item>
                    </list>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
