Predigt Nr. 30 · 23. Januar 1910

Predigt: Jakobus 1,5

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Jakobus 1,5a
Wenn aber einer von euch an Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen gibt, ohne Weiteres1 und rückt nichts vor, und es wird ihm gegeben werden.
Meine Freunde!

Wir haben uns in den beiden letzten Predigten mit den kurzen, fast trockenen Worten beschäftigt, in denen Jakobus die Grundzüge des Lebens des Christen in der Welt darstellt.2 Euer inneres Leben wird da bedroht werden durch Versuchungen, sagt er seinen Lesern, aber ihr sollt das nicht als ein Unglück ansehen, sondern als eine Freude, weil der Kampf dagegen der Weg zu Gott ist. Denn wenn sich in diesem Kampf euer inneres Leben bewährt und behauptet, dann kommt Stetigkeit und Beharrlichkeit in dies euer inneres Leben, die hilft euch weiterwandern dem Ziele entgegen. Das Ziel heißt aber: vollkommene und ganze Menschen werden, Menschen der Freiheit und des Sieges. So haben wir’s gehört, und so steht’s da in kräftigen, fast hätte ich gesagt: kalten Zügen. Es weht uns etwas an wie scharfe Bergluft aus den kurzen Sätzen am Anfang dieses Briefs. Weil es ganze, konsequente Sätze sind, bei denen es nicht viel zu grübeln gibt, sondern die uns ohne Umschweife vor das Entweder-Oder stellen, das das Wesen der christlichen Religion ausmacht, weil sie nicht eine beliebige Religion der Gedanken und Gefühle ist, sondern die Religion der Sittlichkeit. Du sollst! rufen diese Sätze, klipp und klar und ohne Nebentöne, und das macht, dass Bergluft daraus weht. Bergluft ist freilich nicht für jedermann. Und so kann ich mir’s wohl denken, dass |310 diese Sätze vielleicht auch nicht jedermann Freude machen. Wenn sie nicht im Neuen Testament stünden, hätte vielleicht auch der eine oder andre von uns Lust, sich davor zu behüten und zu sagen: das sei eine reine Moralpredigt, und auf diese Weise komme die Religion zu kurz. Ihr habt gewiss auch schon davon gehört, dass viele Leute die Pfarrer einteilen in solche, die Moral predigen, und in solche, die Christum predigen. Je nachdem gibt man dann den einen und den andern die bekannten Parteinamen. Jakobus müsste nach dieser Unterscheidung zu denen gehören, die Moral predigen, denn der Name Jesu kommt in seinem Brief nur zwei Mal vor, wie ich euch auch schon gesagt habe.3 Aber es ist doch eine oberflächliche Sache um diese Unterscheidung. Denn wer so ernsthaft von der Moral redet, d. h. von der Frage, wie das zugeht, dass einer ein guter Mensch werde, wenn einer das so ernst und folgerichtig tut wie Jakobus, der redet im Grunde vom Herrn Jesus, auch wenn sein Name dabei kein einziges Mal vorkäme. Und umgekehrt: wer ernsthaft Christum predigt, wer nicht nur ein frommes Spiel treibt mit den bekannten großen Gedanken der Apostel über ihn, sondern sich eindringlichst die Frage stellt: wer war Jesus, und was hat er für uns zu bedeuten?, der redet im Grunde von der Frage: wie werden wir gute Menschen? Religion und Moral sind eben im Christentum nicht mehr zweierlei, Gott haben heißt ein guter Mensch werden, und ein guter Mensch werden heißt Gott haben. Und weil beides eins ist, darum muss in allem Reden vom Christentum die Bergluft wehen, die uns durch Mark und Bein geht, weil es sich darum handelt, dass wir andre, neue Menschen werden. Und wenn sie uns vielleicht etwas unfreundlich angeweht hat aus den ersten Sätzen des Jakobus, so wollen wir uns dadurch nicht abschrecken lassen, sondern es soll uns ein Zeichen sein, dass dieser Mann uns etwas zu sagen hat von echtem, wirklichem Christentum. Wenn man seine Worte eine Moralpredigt nennen will, so ist’s jedenfalls eine Moralpredigt im Lichte der Ewigkeit, nicht eine, die sich zersplittert über allerlei Fragen nach dem, was wohlanständig und nützlich ist, sondern eine Moralpredigt im großen Stil, die nur in einer Forderung besteht: Mensch, werde wesentlich!4 Und diese Forderung ist keine andre als die For|311derung: Mensch, werde ein Gottesmensch!, wie Jesus sie aufgestellt hat. Gott in seinem ganzen Ernst steht hinter dieser Moralpredigt und hinter dieser Forderung. Aber nicht nur in seinem ganzen Ernst. Auch in seiner ganzen Freundlichkeit.

Und wenn das nicht wäre, dass Gott uns seine Freundlichkeit erleben lässt, so wäre es eine sinnlose Grausamkeit, einen Menschen zum Gehorsam gegen das Gottesgesetz aufzufordern. Um uns das klar zu machen, brauchen wir nur noch einmal an die zwei Marksteine zu denken, von denen wir am Anfang der letzten Predigt sprachen. Der Gehorsam gegen das sittliche Gesetz bringt dich in einen Kampf mit dir selbst, der dich unglücklich macht, das war der eine Markstein. Aber der Gehorsam gegen das sittliche Gesetz allein schafft freies, persönliches Leben in dir, das war der andre.5 Die Bewährung in den gleichgiltigen Entscheidungen des Alltags, das sind die Schritte, die vom einen zum andern führen, und es gilt, den Weg zu gehen ohne Zaudern, weil das Ziel immer noch vor uns liegt. Das wäre nun recht und gut, und es mag uns einleuchten, dass das in der Tat der Weg ist und die Art, ihn zu gehen. Aber wir haben uns an das Selbstbekenntnis des Paulus Römer 7 erinnert, und da steckt nun eine Frage darin, auf die wir trotz Allem noch keine Antwort haben: die große Menschheitsfrage: Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten nicht [Röm. 7,18]. |

Wenn ein Mann wie Paulus auf der reifen Höhe seines großen und reichen Lebens so etwas von sich sagt, um wieviel mehr wir. Denn wenn wir nicht den Mut und die Wahrhaftigkeit und die Folgerichtigkeit besitzen, mit der er sich selbst beurteilte, so ist das noch kein Beweis dagegen, dass es mit uns gerade so steht. Im Gegenteil: Der Anfang zum Vollbringen des Guten besteht darin, dass wir merken, dass es uns an Kraft zum Vollbringen fehlt, gerade wie Sokrates gesagt hat, der Anfang des Wissens bestehe darin, zu wissen, dass wir nichts |312 wissen.6 Solange es uns nicht klar ist, dass es eine harte und verzweiflungsvolle Sache ist, jenen Weg zu gehen, solange ist uns das Ziel noch nicht deutlich in seiner niederdrückenden Erhabenheit. Und wenn Schopenhauer in einem scharf zugespitzten Wort gesagt hat, Optimismus sei nicht nur ein Irrtum, sondern eine Ruchlosigkeit,7 so ist daran jedenfalls richtig, dass eine optimistische Beurteilung des eigenen Könnens von vornherein der Ruin eines wahrhaft sittlichen Wollens und Vollbringens ist. Denn wenn uns unser Können nicht eine Frage ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, dann verdient unser Wollen den Namen sittlich und gut noch nicht, weil sittliches, gutes Wollen gerade auf das gerichtet sein muss, was über unser Können geht. Es ist eine schöne und erfreuliche Sache, wenn wir’s in der Bewährung des Glaubens an irgend einem bestimmten Punkt zur Standhaftigkeit, also zum Können, zum Vollbringen des Guten gebracht haben, aber wenn wir’s nicht sofort darauf absehen, es durch die Standhaftigkeit zur Vollkommenheit zu bringen, so heißt das, dass wir auf der Wanderung faul geworden sind. Die erworbene Standhaftigkeit gegen die Versuchungen, das erkämpfte Können kann und darf uns in keinem Augenblick genug sein, wenn wir lebendige Menschen b-werden wollen-b. Gerade diese Erkenntnis des Ungenügens unsres Wesens, gerade sie bringt das Leben in unser Dasein. Aber mit dem Leben jene innere Unruhe, die in manchen Momenten bis zur Verzweiflung an uns selbst gehen kann. Wenn wir nämlich auf die Schranken in unserm Wesen stoßen, auf unsre natürlichen Triebe und Neigungen, die uns vom Lande der Freiheit trennen, auf die Gesetze der stumpfen Welt,8 die wir auch in uns spüren, als hätten wir sie bei der Geburt mit auf die Welt bekommen. |

313 Und wenn darum Jakobus in unserm heutigen Textwort den Fall setzt, dass einer von euch an Weisheit zurück ist, so redet er keineswegs etwa von einem merkwürdigen Ausnahmefall des innern Lebens, für den er den Rat gibt zu beten, wie ein Doktor für diese oder jene Krankheit ein Rezept gibt. Der Fall, den er setzt, ist vielmehr gerade der Fall jedes ernsten, lebendigen Menschen, der durch die Bewährung des Glaubens zur Vollkommenheit wandern möchte. Ihr müsst nämlich das Wort «Weisheit» recht verstehen. Wir denken dabei unwillkürlich an so etwas wie Wissenschaft oder Gelehrsamkeit. Aber es gibt leider viele Gelehrte und Männer der Wissenschaft, die noch lange keine Weisen sind. Im Altertum verstand man etwas viel Wichtigeres darunter als das intellektuelle Wissen: Lebenstüchtigkeit, das hieß Weisheit. Bei den Juden stand sie so hoch im Ansehen, dass man davon redete wie von einem besondern persönlichen Mittelwesen zwischen Gott und Mensch. Ein Weiser sein, hieß weise, nach Gottes Gesetz leben.9 Und bei den Griechen hieß der ein Philosoph, d. h. ein Liebhaber der Weisheit, der auf der Suche war nach der Kunst zu leben.10 Lebenstüchtigkeit, Einsicht und Fähigkeit, recht zu leben, das ist’s, wovon Jakobus redet. Und er meint also, ein ernsthafter Mensch komme früher oder später, nicht nur einmal, sondern öfters, je ernster er’s nehme, desto mehr auf den Punkt, wo er sich sagen müsse, dass er an Weisheit, d. h. an Lebenstüchtigkeit, an Kraft und Mut, es durch die Standhaftigkeit zur Vollkommenheit zu bringen, dass er in diesem einen, was nottut [vgl. Lk. 10,42], nicht auf der Höhe, sondern zurück sei. Dass er zurück sei in dem, was er sei, gegenüber dem, was er sein sollte. Jakobus war keine so lebhafte, durchgreifende und klare Natur wie Paulus. Wir finden bei ihm keinen solchen aus tiefster Seele aufsteigenden Seufzer wie den: ich unglücklicher Mensch! wer wird mich |314 erlösen von diesem Leibe des Todes! [Röm. 7,24] Aber offenbar hat er uns hier mit seinem schlichteren, weniger tiefen Gedanken doch auf denselben Punkt geführt wie dort Paulus, auf den Punkt nämlich, wo es heißt: Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten nicht.

Wer seine Bibel kennt, weiß, wie Paulus an diesem merkwürdigen und für das innere Leben so unendlich wichtigen Punkte fortfährt, nachdem er jenen Seufzer nach Erlösung ausgestoßen. Kurz und unvermittelt folgt der Satz: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn [Röm. 7,25]. In plötzlich ausbrechender Freude sieht er die Brücke geschlagen von der Not des Kampfes zur Freude des Sieges. Jakobus führt uns bedächtiger, aber er führt uns an dasselbe Ziel. Er heißt den Menschen, der nach der Vollkommenheit des persönlichen Lebens wandert, beten. Und in den Sinn dieser Aufforderung müssen wir uns nun vertiefen.

Wenn einer von euch an Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen gibt, ohne Weiteres, und rückt nichts vor. Wenn wir verstehen wollen, was das heißen will, aus tiefer Not, aus der tiefsten, die es gibt, der Not des innern Lebens, das um seine Existenz kämpft, zu Gott rufen, zu beten, dann brauchen wir uns nur, wie wir’s eben getan haben, die Erfahrung des Paulus zu vergegenwärtigen, wie er sie Römer 7 schildert. Ich wiederhole es: Paulus und Jakobus sind grundverschiedene Menschen gewesen, aber weil es für uns hier weniger auf die Menschen ankommt als auf die große Sache, von der sie in so verschiedener Weise geredet haben, dürfen wir uns unbedenklich den Jakobus durch Paulus interpretieren lassen: Jakobus antwortet auf die Frage, was einer tun soll, wenn er merkt, dass die Kraft seines innern Lebens nicht genüge, mit dem inhaltschweren Wort: der bitte von Gott! Paulus gibt sich selbst und seinen Lesern keinen solchen Rat. Zusammenhangslos scheinbar und plötzlich kommt es heraus: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn. Und doch ist’s bei näherem Zusehen dieselbe Antwort auf dieselbe Frage. Und wenn wir den Rat des Jakobus für unser Leben fruchtbar machen wollen, dann müssen wir zusehen, wie Paulus diesen Rat, den ja Jakobus nicht selbst erdacht hat, befolgt hat.

Offenbar so: ihm war Gott ein harter, schrecklicher Gott geworden in dem Augenblick, wo er dessen gewahr wurde, wie ferner dem |315 Gehorsam gegen sein gutes und heiliges Gesetz sei, wie unendlich fern der Vollkommenheit. Das hat ihn niedergedrückt und lässt ihn seufzen: ich unglücklicher Mensch. Aber nun erinnert er sich einer Tatsache, die sagt ihm, dass Gott noch etwas Anderes ist als ein harter, endlos fordernder Gesetzgeber. Sie sagt ihm, dass er nicht nur gehorchen muss, sondern dass er vertrauen darf, weil Gott nicht nur Gerechtigkeit ist, sondern Liebe. Die Tatsache, an die er sich erinnert, ist die Tatsache, dass einmal ein so merkwürdiger Mensch gelebt hat wie Jesus Christus. In ihm waren unauflöslich verbunden der große Ernst, der nichts sucht als Gottes Ehre, und die große Freundlichkeit, die nichts will, als dass allen Menschen geholfen werde [vgl. 1.Tim. 2,4]. Wenn seine Freunde und Paulus mit ihnen an ihn dachten, dann sagten sie zueinander: gerade so und nicht anders ist Gott, so ernst und so freundlich. Diese Erinnerung wurde ihnen mehr als eine Erinnerung, sie wurde ihre Glaubensgewissheit, die nie versiegende Quelle ihres innern Lebens. Und so verwandelt sich der Schrecken und die Traurigkeit des sittlichen Gehorsamskampfes dem Paulus in Sieg und Befreiung, weil er’s erleben durfte und immer wieder erlebte, dass Gott schenkt wie er fordert. Und das war seine Erlösung, wenn er in den Augenblicken höchster Not dessen gewahr wurde, dass er in all seiner Schwachheit geborgen sei in der starken Hand des freundlichen Gottes.

Und nun ist Beten nichts Anderes im tiefsten Grunde als dies einfache, immer erneute Gewahrwerden der Quelle unsres innern Lebens, dies Gewahrwerden der schenkenden Liebe Gottes, der verborgene Rekurs auf den Schöpfer alles Lebens. Wie der Riese der griechischen Sage immer neue Kraft gewann, sooft er die Mutter Erde berührte,11 so geht’s den inwendig lebendigen Menschen, sooft er die Quelle berührt, der die Kraft und der Inhalt seines Lebens entflossen ist.

316 Wenn du an Weisheit zurück bist, dann bitte von Gott! Wenn du merkst, wie fern du der Vollkommenheit bist, weil dein Können nicht ausreicht, dann befiehl dem Herrn deine Wege [vgl. Ps. 37,5]. Er hat das große Wollen in dein Herz gepflanzt, die Sehnsucht nach dem Großen, Ganzen, Vollkommenen, die der bewegende Nerv deines innern Lebens geworden ist. Danke ihm für diese Sehnsucht, sie hebt dich heraus aus der grauen Reihe der Gleichgiltigen, der viel zu Vielen,12 sie macht dich zum lebendigen Menschen. Danke Gott dafür, freue dich darüber, auch wenn diese Sehnsucht dir jene schmerzlichen Stunden des Ungenügens schafft. Dieser Dank ist ja nichts Anderes als die tiefe, letzte Erkenntnis, dass er die Macht ist über Alles, größer auch als dein Herz, das dich anklagt [vgl. 1.Joh. 3,20]. Und zu dieser tiefen, letzten Erkenntnis weiß ich dir auch keinen bessern Weg als den, den Paulus eingeschlagen. Besinne dich auf das merkwürdige Leben, das aus den Worten und Taten des Herrn Jesus hervorleuchtet. Das ist eine Tatsache, die offen vor Aller Augen liegt, die sehen wollen, eine Tatsache, die nicht erfunden werden kann und die nichts [zu] tun hat mit den Dogmen, in die man sie nachher eingekleidet hat, eine Tatsache, die nicht einmal gewesen ist und dann vorbeiging, sondern die gegenwärtig, unmittelbar wirkt, wo sie hinkommt. Und das ist ihre Wirkung, dass sie den suchenden, kämpfenden Menschen Gottes Freundlichkeit erleben lässt. Wo Jesus einem solchen Menschen deutlich und lebendig wird, da hört er Gottes Stimme: Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken [Mt. 11,28]. Er hat gemerkt: ich kann nicht! Nun merkt er: aber Gott kann. Wahrhaftig, diese Gewissheit ist nicht ein bequemes Ruhekissen für das unruhige Gewissen,13 denn der Gott, der spricht: du kannst!, ist derselbe, der spricht: du sollst! Der Kampf gegen die Versuchungen |317 wird dem Menschen keinen Augenblick abgenommen, aber der Kämpfer wird ein anderer. Die Freudigkeit zum Kämpfen, von der wir vor 14 Tagen geredet,14 ist nun da. Gott ist ihm nun nicht bloß ein fernes Ziel, das über allerlei Hindernisse weg gewonnen werden muss, sondern eine gegenwärtige Kraft, die uns geschenkt ist.

Und nun sagt Jakobus noch einige schlichte, aber feinsinnige Worte über die Art, wie uns diese Kraft, die uns mangelt, geschenkt wird: Einmal, meint er, der Gott, zu dem ihr bitten sollt, ist einer, welcher Allen gibt. Es ist nicht gleichgiltig, ob ein Menschenkind fürchten muss, das Erlebnis des Siegs und der Befreiung auf dem Weg nach der Vollkommenheit sei etwas, was nur wenigen Aristokraten des Geistes, Herrenmenschen, wie Nietzsche das nannte,15 zuteilwerden könne, oder ob ihm gesagt wird, dass ein Gott da ist, der Allen gibt, die ihn bitten. Freilich, unsre menschliche Betrachtungsweise muss oft mit dem betrüblichen Resultat schließen: auf zehn Tote ein Lebendiger. Und dies Resultat hat auf zwei so verschiedene Geister wie Johannes Calvin und Friedrich Nietzsche den Eindruck gemacht, als ob überhaupt nur ein Teil der Menschen zum Leben berufen seien.16 Wer darf auftreten und behaupten, dass das nicht wahr sei angesichts des Schattenspiels,17 das sich täglich um uns abspielt und das sich Menschenleben heißt? Aber das darf gesagt werden: dies Urteil mag für menschliche Betrachtungsweise unvermeidlich sein; wir dürfen es aber nicht als das letzte Wort, als das Urteil Gottes, als Wahrheit im Lichte der Ewigkeit betrachten. Diese feine Linie haben Calvin und Nietzsche überschritten, und hier liegt ihr Irrtum. Der Gott, den wir durch Je|318sum kennenlernen, ist ein Gott für Alle, und seine Liebe ist auf Alles gerichtet, was Mensch heißt. Wenn es anders wäre und wo man Wert darauf legt, es sich anders zu denken, da bekommt das innere Leben, der Glaube des Menschen im frömmsten und tiefsinnigsten Gewand einen Zug von peinlicher Selbstsucht. Und das in Jesus uns geschenkte innere Leben, der christliche Glaube, soll doch gerade Überwindung auch der frommen Selbstsucht sein. Du bist kein Gottesmensch, solange du’s nicht gemerkt, dass wirklich alle Menschen das werden sollen. Das höchste persönliche Leben, die scheinbar größte Gottesnähe schlägt um in die fatalste Brutalität, die vom persönlichen Leben weltenfern geschieden ist, wenn sie vergiftet wird durch den Gedanken: Ja, ich, aber die andern nicht, der Nachbar und die Nachbarin zur Rechten und zur Linken nicht. Ein so kraftvoller, lebendiger Mensch wie Nietzsche ist gescheitert an dieser Klippe. Und es scheitern heimlich Viele an dieser Klippe, die sich vor Nietzsche nicht genug bekreuzigen können. So gibt uns der Zusatz des Jakobus: der Gott, welcher Allen gibt, zweierlei mit auf den Weg: einmal: freue dich, du darfst dich an Gott wenden, tu nur die Augen auf, sein Geschenk ist auch für dich! und dann: merk wohl auf!, wendest du dich wirklich an den Gott, der Allen gibt, ist dein inneres Leben so beschaffen, dass du Gott anders gar nicht kennst denn als den Vater deiner Brüder und Schwestern, wie er der Deine ist? Oder wendest du dich an einen selbstgemachten Gott, zu dessen Lieblingssohn du dich eingesetzt hast? Merk wohl auf, das eine heißt Beten, das andre heißt fromme Spielerei.

Und nun kommt eine zweite wichtige Bestimmung hieher über die Art, wie uns Gott im Kampf um die Vollkommenheit seine Freundlichkeit erleben lässt, oder mit andern Worten, wie er das Gebet unsrer tiefsten Seele um Kraft zum Leben erhört. Gott gibt ohne Weiteres, habe ich nach dem Neuen Testament von Weizsäcker übersetzt.18 Luther braucht den Ausdruck «einfältiglich» und meint dasselbe.19 Gottes Geschenk ist eine ganz schlichte, einfache Sache. Es besteht in nichts Andrem als darin, dass dein innerstes Wesen frei und freudig |319 und trotzig wird, obwohl du weißt, dass du dich keiner Vollkommenheit rühmen darfst. Nicht mehr zögernd und zweifelnd, sondern in getroster Siegesgewissheit seinem Ziele zuwandern, das heißt ein Mensch sein, dessen Gebet erhört ist. |

Dass es wirklich und tatsächlich etwas höchst Einfaches ist um die Religion, dieselbe schlichte Sache für die Männer und Frauen der Arbeit und des Erwerbslebens wie für die Herren Pfarrer, für die Gebildeten wie für die Ungebildeten, für die, die in jede Versammlung20 gehen, und für die, denen das etwas Schreckliches ist, dass wirklich und tatsächlich Gottes Geschenk für sie alle in der einzigen schlichten Sache besteht, das geht uns Allen freilich schwer genug in den Kopf. Wir haben Alle noch vom Katholizismus her – und auch von gewissen Richtungen des Pietismus her die Vorstellung, Frömmigkeit müsse irgendwie etwas Verzwicktes sein, ein Gebäude mit Vorräumen, mit Empfangssälen für jedermann und mit Hinterstuben und Salons für bevorzugte Gäste, ein merkwürdiges Gemisch von hohen Lehren und schwierigen Geboten, etwas, wozu wenn nicht Kerzen und Weihrauch, so doch ein gewisses Geschmäcklein und eine besondere Sprache, nämlich die Sprache der Lutherbibel, notwendig gehöre, etwas, worüber man am besten nur halblaut redet oder dann gleich im Brustton des Bekenners. |

Etwas von solchen Vorstellungen über Frömmigkeit tragen wir Alle in uns herum, es ist vielleicht auch ein Stück von den Gesetzen der Welt, die mit uns geboren scheinen. Und gerade bei lebendigen Menschen und Christen ist das am öftesten der Fall. Aber wir wollen uns nun sagen, dass das, in welcher Form es bei uns der Fall sein mag, eine schwere Schranke unsres innern Lebens ist, die fallen muss. Seht doch einmal, wie Jesus gelehrt und gelebt hat! In seiner Art war wahrhaftig gar nichts von dem Komplizierten, Heimlichen, Weihrauchmäßigen, das nachher aus dem Christentum immer wieder geworden ist. Wenn das wirklich deine Erfahrung ist, dass Gott dir in ihm etwas geschenkt hat, wenn es dir so geht, dass du dich nur zu ihm zu wenden brauchst, wie Paulus es dort tat, um sagen zu dürfen: Dank sei Gott!, bevor du noch Gedanken und Worte zum Beten gesammelt hast, |320 wenn das bei dir so ist, nicht wahr, dann musst du, welches auch sonst die Art deiner Frömmigkeit sei, sagen, dass Jakobus recht hat, dass Gott wirklich ohne Weiteres gibt, einfältiglich. Sein Geschenk besteht in der unendlich schlichten und einfachen Sache, dass er dich bei der Hand nimmt und zu dir sagt: So, du bist mein liebes Kind, und nun gehen wir den weitern Weg zusammen. Das waren die Großen auf dem Gebiet des persönlichen Lebens, die zu sich selbst und zu den andern gesagt haben: all das Drum und Dran im Leben der Frömmigkeit ist schön und gut, aber das, worauf es für dich ankommt, ist, dass du merkst, dass Gott ohne Weiteres gibt, einfältiglich, schlicht und unscheinbar. Das Große auf diesem Gebiet ist das Einfache. Lieber Freund, wer du auch seist, ich wünsche dir, dass dir Gott einen Menschen auf deinen Lebensweg stelle, der dir das zeige, wie er mir einen solchen auf meinen Lebensweg gestellt hat.21 Vielleicht ist die Vereinfachung, um die sich’s hier handelt, der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Ewigkeit.

Und nun das Letzte, was Jakobus über Gottes freundliches Geschenk sagt: Gott gibt und rückt nichts vor. Das Bild, das er da braucht, leuchtet unmittelbar ein: es wird viel geschenkt im Leben der Menschen. Es ist erstaunlich zu hören, wieviel z. B. in einer Stadt wie Genf alle Tage geschenkt wird. Aber es ist eben mit dem Schenken von uns Menschen immer eine merkwürdige Sache. Fragt einmal die, die darauf angewiesen sind, Geschenke anzunehmen, wie es ihnen dabei zumute sei. Und noch besser, ihr, die ihr schenkt, sei’s in dieser oder jener Weise, wir wollen einmal revidieren, wie es uns dabei zumute ist. Wenn wir’s genau nehmen, merken wir da bald, wieviel von dem darin ist, was unser Text «vorrücken» oder «aufrücken» nennt. Ob wir’s laut oder leise tun, macht dabei keinen Unterschied. Wir schenken, aber wir schenken mit dem ausgesprochenen oder stillen Hintergedanken: Hier, mein lieber Freund! Hier, gute Frau! Da hast du etwas! Aber eigentlich verdienst du es nicht. Denn erstlich hast du dich selbst |321 ins Pech gebracht, und zweitens wirst du nur zu bald wiederkommen. Der freundliche Schenker mag zu solchen Hintergedanken allen Anlass und alles Recht haben, aber das ändert nichts daran, dass er mit Hintergedanken schenkt. So machen es wir Menschen. Gott macht es anders, er schenkt und rückt nichts vor. Er hätte zwar allen Anlass, viel größern als ein Mensch irgend einem andern gegenüber. Denn erstlich müssten wir uns auch sagen, dass wir selbst schuld sind, wenn es uns an Kraft fehlt, die Versuchungen zu überwinden, und dies Bewusstsein macht ja gerade, dass unsre Lage so peinlich ist. Und zweitens ist keiner davor gefeit, Gottes freundliches Geschenk gar bald ein zweites und drittes Mal in Anspruch nehmen zu müssen. Aber Gott rückt nichts vor. Das heißt: er pflanzt Sieg und Überwindung in dein inneres Leben in ganzer Fülle, ohne dass Vergangenheit und Zukunft mit ihren Skrupeln dazwischen treten dürfen, ohne dass dich der stechende Schmerz der Erinnerung plagen muss, wie es bis jetzt gestanden mit deinem Nicht-Können, noch der Zweifel, wie es in Zukunft stehen werde.

Wie du bist, so darfst du kommen,
Höre, was sein Wort verspricht.
Du wirst freundlich aufgenommen,
Kehre wieder, zaudre nicht!22

Gott rückt nichts vor. D. h., wenn du betest, so ist er wirklich und wahrhaftig bei dir, und du bist stark und trotzig gegen Alles, was kommen mag. Wenn du betest! So war nach dem Bericht des Alten Testaments in der Amalekiterschlacht der Sieg auf Seiten Israels, solange Mose seine betenden Hände zum Himmel erhob [Ex. 17,11]. Solang du betest! Solang dein inneres Auge unverwandt auf das Leben des Ernstes und der Freundlichkeit gerichtet ist, das Jesus von Nazareth gelebt hat. Wir müssen das nächste Mal mehr davon reden, was das heißt: Beten. Denn wenn das wahr ist, dass Gott dem, der betet, nichts vorrückt, dass er vielmehr in seiner ganzen Fülle einzieht in sein Leben, dann muss für uns Alles darauf ankommen, dass wir beten, wirklich beten. Eins will ich dir schon heute sagen: es kann in nichts |322 Andrem bestehen, als dass du mit dem Apostel sagen lernst: Dank sei Gott durch unsern Herrn Jesum Christum [Röm. 7,25].

Freue dich, dir wird gegeben werden, nein, dir ist gegeben!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 171: «Liebster Jesu, wir sind hier» von T. Clausnitzer, Strophen 1–3 (RG 159; EG 161 [mit geringen Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 245: «Eins ist not! Ach Herr, dies Eine» von J. H. Schröder, Strophen 1–2 (EG 386, 1–2 [mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 298: «Mache dich, mein Geist, bereit» vonJ. B. Freystein, Strophen 6.7.8 (EG 387,3.4,6). 🎵
Lesungstext:
  • Psalm 86.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. ist ursprünglich Vers 5–7 angegeben; dies wurde durch gründliches Radieren in Vers 5 korrigiert. Die bereits mitübersetzten Verse 6f. wurden im Mskr. überklebt.↩
b-b
Im Mskr. ursprünglich vertauscht und nachträglich mit Bleistift korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Zur Übersetzung s. unten, Anm. 18.↩
2
Predigten zu Jak. 1,1f. und Jak. 1,2–4; s. oben, S. 280-293 und S. 294-308 ↩
3
Siehe oben, S. 281.↩
4
Vgl. das Sinngedicht «Zufall und Wesen» von Angelus Silesius (= Johannes Scheffler [1624–1677]) aus dessen Sammlung «Cherubinischer Wandersmann» (1657/75; in: Das Zeitalter des Barock. Texte und Zeugnisse, Studienausgabe, hrsg. von A. Schöne, München 1988, S. 282) 📖:
Mensch, werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.
↩
5
Siehe oben, S. 294-297.↩
6
Platon, Apologie, 21d 📖; s. oben, S. 199, Anm. 6.↩
7
Vgl. A. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band: Vier Bücher nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält (1819; 18593; ders., Werke in 5 Bänden, hrsg. von L. Lütkehaus, Bd. 1, Frankfurt/Main 2006, S. 424 (4. Buch, § 59) 📖: «Uebrigens kann ich hier die Erklärung nicht zurückhalten, daß mir der Optimismus […] nicht bloß als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft ruchlose Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit.»↩
8
Anspielung auf den Beginn der siebten Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe 📖(s. oben, S. 293, Anm. 15).↩
9
Vgl. etwa Ps. 1,1–3; Spr. 16,20–23; ausführlich: Spr. 1–9; Hiob 28. Siehe auch M. Saur, Einführung in die alttestamentliche Weisheitsliteratur, Darmstadt 2012 📖.↩
10
Insbesondere die philosophischen Schulen des Epikureismus und Stoizismus wiesen «ein durch Selbstsorge und Lebenskunst gekennzeichnetes Philosophieverständnis» auf, «in dem die Philosophie als Weisheit im Sinne einer umfassenden theoretischen und vor allem praktischen Daseinsorientierung und in diesem Sinn als Lebensform verstanden wird» (A. Speer, Art. «Weisheit», in: HWP 12, Sp. 371–397, dort Sp. 373 📖).↩
11
Gemeint ist der Titan Antaios, in der griechischen Mythologie der Sohn der Gaia (und des Poseidon), dem die Berührung mit seiner Mutter, der Erde, immer neue Kraft verlieh. In den Kämpfen, zu denen er alle aufforderte, die in sein Land kamen, konnte er deshalb nicht besiegt werden. Vgl. I. Becher, Art. «Antaios», in: Lexikon der Antike, hrsg. von J. Irmscher in Zusammenarbeit mit R. Johne, Leipzig 199010, S. 39 📖.↩
12
Vgl.Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 226f. 📖: «Ach! Immer sind ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und Übermut hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist feige. Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluß, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind feige!» Vgl. auch a.a.O., S. 55.62.91.↩
13
Vgl. das deutsche Sprichwort: «Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen» (dazu: Röhrich II, S. 547 📖).↩
14
Siehe oben, S. 290-293.↩
15
Der Begriff «Herrenmensch» findet sich bei Nietzsche wörtlich nicht, wurde aber schon 1906 als ein auf Nietzsche zurückgehendes «Modeschlagwort großer Bildungskreise» bezeichnet, das auf von Nietzsche eingeführte Begriffe wie «Übermensch», «Herren-Rechte», «Eroberer- und Herrenrasse» sowie seine Gegenüberstellung von «Herren-Moral und Sklaven-Moral» zurückgehe (Art. «Herrenmensch», in: O. Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch. Ein Versuch, Straßburg / Berlin 1906, S. 122 📖).↩
16
Zu Calvin vgl. bes. Inst. III,21 📖: «Von der ewigen Erwählung, kraft deren Gott die einen zum Heil, die anderen zum Verderben bestimmt hat»; zu Nietzsche s. oben im Text.↩
17
Zu dieser Anspielung auf Platons Höhlengleichnis vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩
18
Das Neue Testament, übersetzt von C. Weizsäcker, Tübingen / Leipzig 19039, S. 166. 📖 ↩
19
WA.DB 7, 388 u. 389 📖; so auch noch in der revidierten Ausgabe der Luther-Bibel von 1892.↩
20
Gemeint sind die Zusammenkünfte der meist pietistisch orientierten landeskirchlichen Gemeinschaften.↩
21
Möglicherweise meint Barth hier Robert Aeschbacher (1869–1910), bis 1907 Pfarrer an der Berner Nydegg-Kirche, danach am Berner Münster, bei dem er einen ihn sehr beeindruckenden Konfirmandenunterricht erlebte, der ihn ausweislich seiner späteren Erinnerungen einen entscheidenden Anstoß dazu gab, Theologe werden zu wollen. Vgl. Busch, S. 42f. 📖 ↩
22
Schlussverse der ersten Strophe des Liedes «Kehre wieder, kehre wieder» von K. J. Ph. Spitta (GERS 222). 🎵 ↩