Wir haben uns in den beiden letzten Predigten mit den kurzen, fast trockenen
Worten beschäftigt, in denen Jakobus die Grundzüge des Lebens des Christen in der Welt
darstellt.2 Euer inneres Leben wird da bedroht werden durch Versuchungen, sagt er seinen
Lesern, aber ihr sollt das nicht als ein Unglück ansehen, sondern als eine
Freude, weil der Kampf dagegen
der Weg zu Gott
ist. Denn wenn sich in diesem Kampf euer inneres Leben bewährt und
behauptet, dann kommt Stetigkeit und Beharrlichkeit in dies euer inneres Leben, die
hilft euch weiterwandern dem Ziele entgegen. Das 2 Ziel heißt aber: vollkommene und ganze Menschen werden, Menschen der
Freiheit und des Sieges. So haben wir’s gehört, und so steht’s
da in kräftigen, fast hätte ich gesagt: kalten Zügen. Es weht uns etwas an
wie scharfe Bergluft aus den kurzen Sätzen am Anfang dieses Briefs. Weil es
ganze, konsequente Sätze sind, bei denen es nicht viel zu grübeln gibt,
sondern die uns ohne Umschweife vor das Entweder-Oder stellen, das das Wesen
der christlichen Religion
ausmacht, weil sie nicht eine beliebige Religion der Gedanken und Gefühle
ist, sondern die Religion der Sittlichkeit. Du
sollst! rufen diese Sätze, klipp und klar und ohne Nebentöne, und das macht,
dass Bergluft daraus weht. Bergluft ist freilich nicht für jedermann. Und so
kann ich mir’s wohl denken, dass |310 diese Sätze
vielleicht auch nicht jedermann Freude machen. Wenn sie nicht im Neuen Testament stünden, hätte
vielleicht auch der eine oder andre von uns Lust, sich davor zu behüten und
zu sagen: das sei eine reine Moralpredigt, und auf diese Weise komme die Religion zu kurz. Ihr habt gewiss auch schon davon
gehört, dass viele Leute die Pfarrer einteilen in solche, die Moral
predigen, und in solche, die Christum predigen. Je nachdem gibt man dann den
einen und den andern die bekannten Parteinamen. Jakobus müsste nach dieser Unterscheidung zu denen
gehören, die Moral predigen, denn der Name Jesu kommt in seinem Brief nur
zwei Mal vor, wie ich euch auch schon gesagt habe.3 Aber es ist doch eine oberflächliche
Sache um diese Unterscheidung. Denn wer so ernsthaft von der Moral redet, d. h. von der Frage, wie
das zugeht, dass einer ein guter Mensch werde, wenn einer das so ernst und
folgerichtig tut wie Jakobus, der redet im Grunde vom Herrn Jesus, auch wenn
sein Name dabei kein einziges Mal vorkäme. Und umgekehrt: wer ernsthaft
Christum predigt, 3 wer nicht nur ein frommes Spiel
treibt mit den bekannten großen Gedanken der Apostel über ihn, sondern sich eindringlichst die
Frage stellt: wer war Jesus, und was hat er für uns zu bedeuten?, der redet
im Grunde von der Frage: wie werden wir gute Menschen? Religion und Moral sind eben im
Christentum nicht mehr zweierlei, Gott haben heißt ein guter Mensch werden, und ein guter Mensch werden
heißt Gott haben. Und weil beides eins ist, darum muss in allem Reden vom
Christentum die Bergluft wehen, die uns durch Mark und Bein geht, weil es
sich darum handelt, dass wir andre, neue Menschen werden. Und wenn sie uns vielleicht
etwas unfreundlich angeweht hat aus den ersten Sätzen des Jakobus, so wollen
wir uns dadurch nicht abschrecken lassen, sondern es soll uns ein Zeichen
sein, dass dieser Mann uns etwas zu sagen hat von echtem, wirklichem Christentum. Wenn man
seine Worte eine Moralpredigt nennen will, so ist’s jedenfalls eine
Moralpredigt im Lichte der Ewigkeit, nicht eine, die sich zersplittert über
allerlei Fragen nach dem, was wohlanständig und nützlich ist, sondern eine
Moralpredigt im großen Stil, die nur in einer Forderung besteht: Mensch,
werde wesentlich!4
Und diese Forderung ist keine andre als die For|311derung: Mensch, werde ein Gottesmensch!, wie Jesus sie
aufgestellt hat. Gott in seinem ganzen Ernst steht hinter dieser Moralpredigt und hinter dieser Forderung. Aber nicht nur in
seinem ganzen Ernst. Auch in seiner ganzen Freundlichkeit.
Und wenn das nicht wäre, dass Gott uns seine Freundlichkeit
erleben lässt, so wäre es eine sinnlose Grausamkeit, einen Menschen zum
Gehorsam gegen das Gottesgesetz aufzufordern. Um uns das klar zu machen, brauchen
wir nur noch einmal an 4 die zwei Marksteine zu
denken, von denen wir am Anfang der letzten Predigt sprachen. Der Gehorsam
gegen das sittliche Gesetz bringt dich in einen Kampf mit dir selbst, der dich
unglücklich macht, das war der eine Markstein. Aber der Gehorsam gegen das
sittliche Gesetz allein schafft freies, persönliches Leben in dir, das war der
andre.5 Die Bewährung in den gleichgiltigen
Entscheidungen des
Alltags, das sind die Schritte, die vom einen zum andern führen, und es
gilt, den Weg zu gehen ohne Zaudern, weil das Ziel immer noch
vor uns liegt. Das wäre nun recht und gut, und es mag uns
einleuchten, dass das in der Tat der Weg ist und die Art, ihn
zu gehen. Aber wir haben uns an das Selbstbekenntnis des Paulus Römer 7 erinnert, und da
steckt nun eine Frage darin, auf die wir trotz Allem noch keine Antwort
haben: die große Menschheitsfrage: Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen
des Guten nicht [Röm. 7,18]. |
Wenn ein Mann wie Paulus auf der reifen Höhe seines großen und reichen Lebens
so etwas von sich sagt, um wieviel mehr wir. Denn wenn wir nicht den Mut und
die Wahrhaftigkeit und die
Folgerichtigkeit besitzen, mit der er sich selbst beurteilte, so ist das
noch kein Beweis dagegen, dass es mit uns gerade so steht. Im Gegenteil: Der
Anfang zum Vollbringen des Guten besteht darin, dass wir merken, dass es uns an Kraft zum
Vollbringen fehlt, gerade wie Sokrates gesagt hat, der Anfang des Wissens
bestehe darin, zu wissen, dass wir nichts |312
wissen.6 Solange es uns nicht klar ist, dass es eine
harte und verzweiflungsvolle Sache ist, jenen Weg zu gehen, solange ist uns
das Ziel noch nicht deutlich in seiner niederdrückenden Erhabenheit. Und
wenn Schopenhauer in
einem scharf zugespitzten Wort gesagt hat, Optimismus sei nicht nur ein
Irrtum, sondern eine Ruchlosigkeit,7 so ist daran
jedenfalls richtig, dass eine optimistische Beurteilung des eigenen Könnens
von vornherein der Ruin 5 eines wahrhaft
sittlichen Wollens und
Vollbringens ist. Denn wenn uns unser Können nicht eine Frage ist, sondern
eine Selbstverständlichkeit, dann verdient unser Wollen den Namen sittlich
und gut noch nicht, weil sittliches, gutes Wollen gerade auf das gerichtet
sein muss, was über unser Können geht. Es ist eine schöne und
erfreuliche Sache, wenn wir’s in der Bewährung des Glaubens an irgend einem
bestimmten Punkt zur Standhaftigkeit, also zum Können, zum Vollbringen des Guten
gebracht haben, aber wenn wir’s nicht sofort darauf absehen, es durch
die Standhaftigkeit zur Vollkommenheit zu bringen, so heißt das, dass wir auf der
Wanderung faul geworden sind. Die erworbene Standhaftigkeit gegen die Versuchungen, das erkämpfte Können
kann und darf uns in keinem Augenblick genug sein, wenn wir lebendige
Menschen b-werden wollen-b. Gerade diese Erkenntnis des Ungenügens unsres Wesens, gerade sie
bringt das Leben in unser Dasein. Aber mit dem Leben jene innere Unruhe, die
in manchen Momenten bis zur Verzweiflung an uns selbst gehen kann. Wenn wir
nämlich auf die Schranken in unserm Wesen stoßen, auf unsre natürlichen
Triebe und Neigungen, die uns vom Lande der Freiheit trennen, auf die
Gesetze der stumpfen Welt,8 die wir auch in uns spüren, als hätten
wir sie bei der Geburt mit auf die Welt bekommen. |
313 Und wenn darum Jakobus in unserm
heutigen Textwort den Fall setzt, dass einer von euch an Weisheit
zurück ist, so redet er keineswegs etwa von einem merkwürdigen
Ausnahmefall des innern Lebens, für den er den Rat gibt zu beten, wie ein Doktor für
diese oder jene Krankheit ein Rezept gibt. Der Fall, den er setzt, ist
vielmehr gerade der Fall jedes ernsten, lebendigen Menschen, der durch die
Bewährung des Glaubens zur Vollkommenheit wandern möchte. Ihr müsst nämlich
das Wort «Weisheit» recht
verstehen. Wir denken dabei unwillkürlich an so 6
etwas wie Wissenschaft oder Gelehrsamkeit. Aber es gibt leider viele
Gelehrte und Männer der Wissenschaft, die noch lange keine Weisen sind. Im
Altertum verstand man etwas
viel Wichtigeres darunter als das intellektuelle Wissen: Lebenstüchtigkeit, das hieß
Weisheit. Bei den Juden stand sie so hoch im Ansehen, dass man davon redete
wie von einem besondern persönlichen Mittelwesen zwischen Gott und Mensch.
Ein Weiser sein, hieß weise, nach Gottes Gesetz leben.9 Und bei den Griechen hieß der ein Philosoph, d. h. ein
Liebhaber der Weisheit, der auf der Suche war nach der Kunst zu
leben.10
Lebenstüchtigkeit, Einsicht und Fähigkeit, recht zu leben, das ist’s,
wovon Jakobus redet. Und er meint
also, ein ernsthafter Mensch komme früher oder später, nicht nur einmal,
sondern öfters, je ernster er’s nehme, desto mehr auf den Punkt, wo
er sich sagen müsse, dass er an Weisheit, d. h. an Lebenstüchtigkeit, an Kraft und Mut, es durch
die Standhaftigkeit zur
Vollkommenheit zu
bringen, dass er in diesem einen, was nottut [vgl. Lk. 10,42], nicht auf der Höhe,
sondern zurück sei. Dass er zurück sei in dem, was er sei,
gegenüber dem, was er sein sollte. Jakobus war keine so
lebhafte, durchgreifende und klare Natur wie Paulus. Wir finden bei ihm keinen solchen aus
tiefster Seele aufsteigenden Seufzer wie den: ich unglücklicher Mensch! wer
wird mich |314 erlösen von diesem Leibe des Todes! [Röm. 7,24] Aber offenbar hat
er uns hier mit seinem schlichteren, weniger tiefen Gedanken doch auf
denselben Punkt geführt wie dort Paulus, auf den Punkt nämlich, wo es heißt:
Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten nicht.
Wer seine Bibel kennt, weiß, wie Paulus an diesem merkwürdigen und für das
innere Leben so unendlich wichtigen Punkte fortfährt, nachdem er jenen
Seufzer nach Er7lösung ausgestoßen. Kurz und
unvermittelt folgt der Satz: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern
Herrn [Röm. 7,25]. In
plötzlich ausbrechender Freude sieht er die Brücke geschlagen von der Not
des Kampfes zur Freude des Sieges. Jakobus führt uns bedächtiger, aber er
führt uns an dasselbe Ziel. Er heißt den Menschen, der nach der Vollkommenheit des
persönlichen Lebens
wandert,
beten. Und in
den Sinn dieser Aufforderung müssen wir uns nun vertiefen.
Wenn einer von euch an Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen
gibt, ohne Weiteres, und rückt nichts vor. Wenn wir verstehen
wollen, was das heißen will, aus tiefer Not, aus der tiefsten, die es gibt, der Not des innern Lebens,
das um seine Existenz kämpft, zu Gott rufen, zu beten, dann brauchen wir uns
nur, wie wir’s eben getan haben, die Erfahrung des Paulus zu vergegenwärtigen, wie er
sie Römer 7 schildert. Ich wiederhole es: Paulus und Jakobus sind grundverschiedene Menschen gewesen,
aber weil es für uns hier weniger auf die Menschen ankommt als auf die große
Sache, von der sie in so verschiedener Weise geredet haben, dürfen wir uns
unbedenklich den Jakobus durch Paulus interpretieren lassen: Jakobus
antwortet auf die Frage, was einer tun soll, wenn er merkt, dass die Kraft
seines innern Lebens nicht
genüge, mit dem inhaltschweren Wort: der bitte von Gott! Paulus gibt sich
selbst und seinen Lesern keinen solchen Rat. Zusammenhangslos scheinbar und
plötzlich kommt es heraus: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.
Und doch ist’s bei näherem Zusehen dieselbe Antwort auf dieselbe
Frage. Und wenn wir den Rat des Jakobus für unser Leben fruchtbar machen
wollen, dann müssen wir zusehen, wie Paulus diesen Rat, den ja Jakobus nicht
selbst erdacht hat, befolgt hat.
Offenbar so: ihm war Gott ein harter, schrecklicher Gott geworden in dem
Augenblick, wo er dessen gewahr wurde, wie fern8er dem |315 Gehorsam gegen sein gutes und heiliges Gesetz sei, wie unendlich
fern der Vollkommenheit. Das hat ihn niedergedrückt und lässt ihn seufzen:
ich unglücklicher Mensch. Aber nun erinnert er sich einer Tatsache, die sagt
ihm, dass Gott noch etwas Anderes ist als ein harter, endlos fordernder
Gesetzgeber. Sie sagt ihm, dass er nicht nur gehorchen muss,
sondern dass er vertrauen darf, weil Gott nicht nur Gerechtigkeit ist, sondern Liebe. Die Tatsache, an die er
sich erinnert, ist die Tatsache, dass einmal ein so merkwürdiger Mensch
gelebt hat wie Jesus Christus. In ihm waren unauflöslich verbunden der große
Ernst, der nichts
sucht als Gottes Ehre, und die
große Freundlichkeit, die nichts will, als dass allen Menschen
geholfen werde [vgl. 1.Tim. 2,4]. Wenn seine Freunde und Paulus mit ihnen an ihn dachten,
dann sagten sie zueinander: gerade so und nicht anders ist Gott, so ernst
und so freundlich. Diese Erinnerung wurde ihnen mehr als eine Erinnerung,
sie wurde ihre Glaubensgewissheit, die nie versiegende Quelle ihres innern
Lebens. Und so verwandelt sich der Schrecken und die Traurigkeit des
sittlichen Gehorsamskampfes dem Paulus in Sieg und Befreiung, weil er’s erleben durfte
und immer wieder erlebte, dass Gott schenkt wie er fordert. Und das war
seine Erlösung, wenn er in den Augenblicken höchster Not dessen gewahr
wurde, dass er in all seiner Schwachheit geborgen sei in der starken Hand
des freundlichen Gottes.
Und nun ist Beten nichts Anderes im
tiefsten Grunde als dies einfache, immer erneute Gewahrwerden der Quelle
unsres innern Lebens, dies Gewahrwerden der schenkenden Liebe Gottes, der verborgene Rekurs auf
den Schöpfer alles Lebens.
Wie der Riese der griechischen Sage immer neue Kraft gewann, sooft er die
Mutter Erde berührte,11 so geht’s den inwendig lebendigen Menschen, sooft
er die Quelle berührt, der die Kraft und der Inhalt seines Lebens entflossen
ist.
316 9 Wenn du an Weisheit zurück bist, dann bitte von Gott! Wenn du merkst, wie
fern du der Vollkommenheit bist, weil dein Können nicht ausreicht, dann
befiehl dem Herrn deine Wege [vgl. Ps. 37,5]. Er hat das große Wollen in dein Herz
gepflanzt, die Sehnsucht nach dem Großen, Ganzen, Vollkommenen, die der
bewegende Nerv deines innern Lebens geworden ist. Danke ihm für diese
Sehnsucht, sie hebt dich heraus aus der grauen Reihe der Gleichgiltigen, der
viel zu Vielen,12 sie macht dich zum
lebendigen Menschen. Danke Gott dafür, freue dich darüber, auch wenn diese
Sehnsucht dir jene schmerzlichen Stunden des Ungenügens schafft. Dieser Dank
ist ja nichts Anderes als die tiefe, letzte Erkenntnis, dass er die Macht
ist über Alles, größer auch als dein Herz, das dich anklagt [vgl.
1.Joh. 3,20]. Und zu dieser
tiefen, letzten Erkenntnis weiß ich dir auch keinen bessern Weg als den, den
Paulus eingeschlagen. Besinne dich auf das merkwürdige Leben, das aus den
Worten und Taten des Herrn Jesus hervorleuchtet. Das ist eine Tatsache, die
offen vor Aller Augen liegt, die sehen wollen, eine Tatsache, die nicht
erfunden werden kann und die nichts [zu] tun hat mit den Dogmen, in die man sie nachher eingekleidet hat,
eine Tatsache, die nicht einmal gewesen ist und dann vorbeiging, sondern die
gegenwärtig, unmittelbar wirkt, wo sie hinkommt. Und das ist ihre Wirkung,
dass sie den suchenden, kämpfenden Menschen Gottes Freundlichkeit erleben lässt. Wo Jesus
einem solchen Menschen deutlich und lebendig wird, da hört er Gottes Stimme:
Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken [Mt. 11,28]. Er
hat gemerkt: ich kann nicht! Nun merkt er: aber Gott kann. Wahrhaftig, diese
Gewissheit ist nicht ein
bequemes Ruhekissen für das unruhige Gewissen,13
10 denn der Gott, der spricht: du kannst!, ist
derselbe, der spricht: du sollst! Der Kampf gegen die Versuchungen
|317 wird dem Menschen keinen Augenblick abgenommen, aber
der Kämpfer wird ein anderer. Die Freudigkeit zum Kämpfen, von der wir vor
14 Tagen geredet,14 ist nun
da. Gott ist ihm nun nicht bloß ein fernes Ziel, das über allerlei
Hindernisse weg gewonnen werden muss, sondern eine gegenwärtige Kraft, die uns geschenkt ist.
Und nun sagt Jakobus noch einige
schlichte, aber feinsinnige Worte über die Art, wie uns diese Kraft, die uns
mangelt, geschenkt wird: Einmal, meint er, der Gott, zu dem ihr bitten
sollt, ist einer, welcher Allen gibt. Es ist nicht
gleichgiltig, ob ein Menschenkind fürchten muss, das Erlebnis des Siegs und
der Befreiung auf dem Weg nach der Vollkommenheit sei etwas, was nur wenigen Aristokraten des
Geistes, Herrenmenschen, wie Nietzsche das nannte,15
zuteilwerden könne, oder ob ihm gesagt wird, dass ein Gott da ist, der Allen
gibt, die ihn bitten. Freilich, unsre menschliche Betrachtungsweise muss oft
mit dem betrüblichen Resultat schließen: auf zehn Tote ein Lebendiger. Und
dies Resultat hat auf zwei so verschiedene Geister wie Johannes Calvin und Friedrich Nietzsche den Eindruck
gemacht, als ob überhaupt nur ein Teil der Menschen zum Leben berufen
seien.16
Wer darf auftreten und behaupten, dass das nicht wahr sei angesichts des
Schattenspiels,17 das sich täglich um uns abspielt und das sich
Menschenleben heißt? Aber das darf gesagt werden: dies Urteil mag für
menschliche Betrachtungsweise unvermeidlich sein; wir dürfen es aber nicht
als das letzte Wort, als das Urteil Gottes, als Wahrheit im Lichte der
Ewigkeit betrachten. Diese feine Linie haben Calvin und Nietzsche überschritten, und
hier liegt ihr Irrtum. Der Gott, den wir durch Je|318sum
kennenlernen, ist ein Gott für Alle, und seine 11
Liebe ist auf Alles gerichtet,
was Mensch heißt. Wenn es anders wäre und wo man Wert darauf legt, es sich
anders zu denken, da bekommt das innere Leben, der Glaube des Menschen im
frömmsten und tiefsinnigsten Gewand einen Zug von peinlicher Selbstsucht. Und das in Jesus uns
geschenkte innere Leben, der christliche Glaube, soll doch
gerade Überwindung auch der frommen Selbstsucht sein. Du bist kein Gottesmensch, solange
du’s nicht gemerkt, dass wirklich alle Menschen das werden sollen.
Das höchste persönliche Leben, die scheinbar größte Gottesnähe schlägt um in
die fatalste Brutalität, die vom persönlichen Leben weltenfern geschieden ist, wenn
sie vergiftet wird durch den Gedanken: Ja, ich, aber die andern
nicht, der Nachbar und die Nachbarin zur Rechten und zur
Linken nicht. Ein so kraftvoller, lebendiger Mensch wie Nietzsche ist
gescheitert an dieser Klippe. Und es scheitern heimlich Viele an dieser
Klippe, die sich vor Nietzsche nicht genug bekreuzigen können. So gibt uns der Zusatz
des Jakobus: der Gott, welcher
Allen gibt, zweierlei mit auf den Weg: einmal: freue dich, du darfst dich an
Gott wenden, tu nur die Augen auf, sein Geschenk ist auch für dich! und
dann: merk wohl auf!, wendest du dich wirklich an den Gott, der Allen gibt, ist dein inneres Leben
so beschaffen, dass du Gott anders gar nicht kennst denn als den Vater deiner Brüder und
Schwestern, wie er der Deine ist? Oder wendest du dich an einen
selbstgemachten Gott, zu dessen Lieblingssohn du dich eingesetzt hast? Merk
wohl auf, das eine heißt Beten, das
andre heißt fromme Spielerei.
Und nun kommt eine zweite wichtige Bestimmung hieher über die Art, wie uns
Gott im Kampf um die Vollkommenheit seine Freundlichkeit erleben lässt, oder mit
andern Worten, wie er das Gebet unsrer tiefsten Seele um Kraft zum 12 Leben erhört. Gott gibt ohne
Weiteres, habe ich nach dem Neuen Testament von Weizsäcker übersetzt.18
Luther braucht den
Ausdruck «einfältiglich» und meint dasselbe.19 Gottes Geschenk ist eine ganz schlichte,
einfache Sache. Es besteht in nichts Andrem als darin, dass dein innerstes
Wesen frei und freudig |319 und trotzig wird, obwohl du
weißt, dass du dich keiner Vollkommenheit rühmen darfst. Nicht mehr zögernd
und zweifelnd, sondern in getroster Siegesgewissheit seinem Ziele zuwandern,
das heißt ein Mensch sein, dessen Gebet erhört ist. |
Dass es wirklich und tatsächlich etwas höchst Einfaches ist um die Religion, dieselbe schlichte Sache
für die Männer und Frauen der Arbeit und des Erwerbslebens wie für die
Herren Pfarrer, für die Gebildeten wie für die Ungebildeten, für die, die in
jede Versammlung20 gehen, und für die, denen das etwas Schreckliches
ist, dass wirklich und tatsächlich Gottes Geschenk für sie alle in der
einzigen schlichten Sache besteht, das geht uns Allen freilich schwer genug
in den Kopf. Wir haben Alle noch vom Katholizismus her – und auch von gewissen Richtungen des
Pietismus her die
Vorstellung, Frömmigkeit müsse
irgendwie etwas Verzwicktes sein, ein Gebäude mit Vorräumen, mit
Empfangssälen für jedermann und mit Hinterstuben und Salons für bevorzugte
Gäste, ein merkwürdiges Gemisch von hohen Lehren und schwierigen Geboten,
etwas, wozu wenn nicht Kerzen und Weihrauch, so doch ein gewisses
Geschmäcklein und eine besondere Sprache, nämlich die Sprache der Lutherbibel, notwendig gehöre,
etwas, worüber man am besten nur halblaut redet oder dann gleich im Brustton
des Bekenners. |
Etwas von solchen Vorstellungen über Frömmigkeit tragen wir Alle in uns
herum, es ist vielleicht auch ein Stück von den Gesetzen der Welt, die mit uns geboren
scheinen. Und gerade bei lebendigen Menschen und Christen ist das am öftesten der Fall. Aber wir
wollen uns nun sagen, dass das, in welcher Form 13
es bei uns der Fall sein mag, eine schwere Schranke unsres innern Lebens ist, die fallen muss.
Seht doch einmal, wie Jesus gelehrt und gelebt hat! In seiner Art war
wahrhaftig gar nichts von dem Komplizierten, Heimlichen, Weihrauchmäßigen,
das nachher aus dem Christentum
immer wieder geworden ist. Wenn das wirklich
deine Erfahrung ist, dass Gott dir in ihm etwas geschenkt hat, wenn es dir
so geht, dass du dich nur zu ihm zu wenden brauchst, wie Paulus es dort tat, um sagen zu
dürfen: Dank sei Gott!, bevor du noch Gedanken und Worte zum Beten gesammelt hast, |320 wenn das bei dir so ist, nicht wahr, dann musst du, welches
auch sonst die Art deiner Frömmigkeit sei, sagen, dass Jakobus recht hat, dass Gott wirklich ohne Weiteres
gibt, einfältiglich. Sein Geschenk besteht in der unendlich schlichten und
einfachen Sache, dass er dich bei der Hand nimmt und zu dir sagt: So, du
bist mein liebes Kind, und nun gehen wir den weitern Weg zusammen. Das waren
die Großen auf dem Gebiet des persönlichen Lebens, die zu sich selbst und zu den
andern gesagt haben: all das Drum und Dran im Leben der Frömmigkeit ist schön und gut, aber das, worauf
es für dich ankommt, ist, dass du merkst, dass Gott ohne Weiteres gibt,
einfältiglich, schlicht und unscheinbar. Das Große auf diesem Gebiet ist das
Einfache. Lieber Freund, wer du auch seist, ich wünsche dir, dass dir Gott
einen Menschen auf deinen Lebensweg stelle, der dir das zeige, wie er mir
einen solchen auf meinen Lebensweg gestellt hat.21 Vielleicht ist
die Vereinfachung, um die sich’s hier handelt, der wichtigste Schritt
auf dem Weg zur Ewigkeit.
Und nun das Letzte, was Jakobus über Gottes freundliches Geschenk sagt: Gott
gibt und rückt
14
nichts vor. Das Bild, das er da braucht, leuchtet unmittelbar
ein: es wird viel geschenkt im Leben der Menschen. Es ist erstaunlich zu
hören, wieviel z. B. in einer Stadt wie Genf alle Tage geschenkt wird. Aber es ist eben mit dem Schenken von uns Menschen immer eine
merkwürdige Sache. Fragt einmal die, die darauf angewiesen sind, Geschenke
anzunehmen, wie es ihnen dabei zumute sei. Und noch besser, ihr, die ihr
schenkt, sei’s in dieser oder jener Weise, wir wollen einmal
revidieren, wie es uns dabei zumute ist. Wenn wir’s
genau nehmen, merken wir da bald, wieviel von dem darin ist, was unser Text
«vorrücken» oder «aufrücken» nennt. Ob wir’s laut oder leise tun,
macht dabei keinen Unterschied. Wir schenken, aber wir schenken mit dem
ausgesprochenen oder stillen Hintergedanken: Hier, mein lieber Freund! Hier,
gute Frau! Da hast du etwas! Aber eigentlich verdienst du es nicht. Denn
erstlich hast du dich selbst |321 ins Pech gebracht, und
zweitens wirst du nur zu bald wiederkommen. Der freundliche Schenker mag zu
solchen Hintergedanken allen Anlass und alles Recht haben, aber das ändert
nichts daran, dass er mit Hintergedanken schenkt. So machen es wir Menschen. Gott macht es anders, er
schenkt und rückt nichts vor. Er hätte zwar allen Anlass, viel größern als
ein Mensch irgend einem andern gegenüber. Denn erstlich müssten wir uns auch
sagen, dass wir selbst schuld sind, wenn es uns an Kraft fehlt, die Versuchungen zu überwinden, und
dies Bewusstsein macht ja gerade, dass unsre Lage so peinlich ist. Und
zweitens ist keiner davor gefeit, Gottes freundliches Geschenk gar bald ein
zweites und drittes Mal in Anspruch nehmen zu müssen. Aber Gott rückt nichts
vor. Das heißt: er pflanzt Sieg und Überwindung in dein inneres Leben in ganzer Fülle, ohne
dass Vergangenheit und Zukunft mit ihren Skrupeln dazwischen
treten dürfen, ohne dass dich der stechende 15
Schmerz der Erinnerung plagen muss, wie es bis jetzt gestanden mit deinem
Nicht-Können, noch der Zweifel, wie es in Zukunft stehen werde.
Wie du bist, so darfst du kommen,
Höre, was sein Wort verspricht.
Du wirst freundlich aufgenommen,
Kehre wieder, zaudre nicht!
22
Gott rückt nichts vor. D. h., wenn du betest, so ist er
wirklich und wahrhaftig bei dir, und du bist stark und trotzig gegen Alles,
was kommen mag. Wenn du betest! So war nach dem Bericht des Alten Testaments
in der Amalekiterschlacht der Sieg auf Seiten Israels, solange Mose seine betenden Hände zum Himmel erhob [Ex. 17,11]. Solang du betest!
Solang dein inneres Auge unverwandt auf das Leben des Ernstes und der
Freundlichkeit gerichtet ist, das Jesus von Nazareth gelebt hat. Wir
müssen das nächste Mal mehr davon reden, was das heißt: Beten. Denn wenn das wahr ist, dass Gott dem, der
betet, nichts vorrückt, dass er vielmehr in seiner ganzen Fülle einzieht in sein Leben,
dann muss für uns Alles darauf ankommen, dass wir beten, wirklich beten.
Eins will ich dir schon heute sagen: es kann in nichts |322 Andrem bestehen, als dass du mit dem Apostel sagen lernst: Dank sei Gott durch unsern
Herrn Jesum Christum [Röm. 7,25].
Freue dich, dir wird gegeben werden, nein, dir ist gegeben!