Predigt: Jakobus 1,2-4
In der Stadt
Das hohe Lied des sittlichen Ernstes, der den Menschen erst zum Menschen macht, der ihn die
Ewigkeit erleben lässt mitten
in der Zeitlichkeit! Wir haben
auch am letzten Sonntag Töne aus diesem Lied vernommen, und wer würde nicht
gerne in die brausende Siegeshymne einstimmen, trotzbietend dem müde
machenden Druck der Welt und ihrer Versuchungen, in die Siegeshymne des
triumphierenden Lebens, wie
Aber nun lasst mich euch zurückführen durch eine
lange Reihe von Jahrhunderten zu einem andern Mann, der hat auch zu sagen
gewusst von der Majestät und Herrlichkeit des sittlichen Gesetzes im Men|296schen, wie
Etwas davon, sage ich. Denn wir wollen keine Phrasen machen, wir wollen uns nicht einbilden, dass uns Allen ohne Weiteres die Herrlichkeit des sittlichen Gesetzes so deutlich sei, wie sie einem Kant gewesen ist, noch die tiefe innere Not, in die es uns versetzt, so lebendig, wie sie es einem Paulus war. Das sind die großen Führer der Menschheit, vor deren innerm Auge die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit dastehen, wie sie sind und wie sie sein sollten. Wir Andern wollen uns freuen, dass wir uns an den scharfen, klaren Bildern, wie diese Führer sie gesehen, orientieren können über unsern eigenen Weg. Der Gehorsam gegen das moralische Gesetz führt dich in einen Kampf mit dir selbst, der dich tief unglücklich macht, sagt mir Paulus von Tarsus, und ich spüre wohl, dass er recht hat. Und: der Gehorsam gegen das moralische Gesetz macht dich zur freien, lebendigen Persönlichkeit, sagt mir Immanuel Kant,6 und ich spüre ebensowohl, dass auch er recht hat. Wenn wir auch mehr spüren als verstehen, was die Großen in ihrer schein|297baren Einseitigkeit geschaut und gewollt, dann ist unser Weg abgesteckt, wie wir den Lauf einer verschneiten Bergstraße an den Abweissteinen7 am Rande deutlich verfolgen können. Es handelt sich nur noch darum, den Weg auch zu gehen.
Seht es für lauter Freude an, wenn ihr in allerlei
Versuchungen geratet. Ihr wisst ja, dass die Bewährung eures Glaubens
Standhaftigkeit bewirkt. Der Weg über die Versuchungen weg ist
der Weg zu Gott, so
sahen wir’s das letzte Mal, weil jede Versuchung ein Anlass ist, eine
Gelegenheit, zu kämpfen, den Willen Gottes fester ins Auge zu fassen und so Gott selbst näher zu
kommen. Das Leben des lebendigen Christen wird zu einem
fortgesetzten Kampf gegen die Trägheit, die Sinnlosigkeit, die Gleichgiltigkeit, und dieser
Kampf ist wieder nichts Anderes als der Kampf um einen Lebensinhalt, der
Kampf um Gott. Und von da aus wurde es uns wohl verständlich, wie Jakobus
dazu kommt, zu sagen, die Versuchungen bedeuteten für den Christen
schließlich lauter Freude. Einen Blick in die Freude des persönlichen Lebens, die
allein den Namen Freude verdient, haben wir da getan. Und das ungeschriebene
sittliche Gesetz des
inwendigen Menschen ist vor uns aufgeleuchtet wie ein Kriegspanier, das zur
Nachfolge auffordert. Aber – aber – mussten wir dabei im
Stillen doch denken: Wie steht’s denn, wenn wir die Gelegenheit zum
Kämpfen vergessen, wenn uns die Nachfolge zu sauer wird? Dann verkehrt sich offenbar |298 die Freude in ihr
Gegenteil, und die Versuchungen bleiben doch, was sie waren, sie machen uns
traurig und unglücklich. Und wenn wir’s überschlagen, wie
wir’s bis jetzt gehalten haben und halten bei den Gelegenheiten, dem
Gottesgesetz Treue
zu beweisen, dann kommen uns wohl die rechtschaffen gekämpften Kämpfe vor
wie hilflose vereinzelte Schwimmer aus einem Schiffbruch im gurgelnden
Meeresstrudel der verpassten Gelegenheiten. Und dann bekommen wir wohl auch
Lust, mit
Mit der Behauptung, dass es lauter Freude sei, in allerlei Versuchungen zu geraten,
hat uns
Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns aber vor Allem klar sein,
was denn das ist, das da bewährt, behauptet, durchgesetzt
werden soll gegenüber den Versuchungen der Welt. Es wird im Leben der Menschen viel
behauptet und durchgesetzt, und was dann herauskommt, sieht der
Standhaftigkeit, von der Jakobus redet, zum Verwechseln ähnlich und ist doch
etwas ganz Anderes. Es würde besser Eigensinn heißen, und ob wir dabei an den gewöhnlichen
weltlichen |299 Eigensinn denken oder an den frommen
Eigensinn, wie er bei Heiden und Christen gleich üppig gedeiht, es kommt
aufs Selbe heraus, jedenfalls ist er nicht die Standhaftigkeit, von der
Jakobus nachher meint, dass sie zur Vollkommenheit führe. Jakobus hat also
nicht an die Bewährung unsrer kleinen Gedanken und Wünsche gedacht über das,
was wir für gut und nützlich halten, auch dann nicht, wenn wir diese
Gedanken und Wünsche ins Mäntelchen der Frömmigkeit hüllen, denn solche Bewährung wäre
nichts Besonderes als eben weltlicher oder frommer Eigensinn. Von der Bewährung des
Glaubens hat
er geredet. Aber nun braucht man auch nur das Wort «Glauben» auszusprechen, um für viele Menschen
eine neue ägyptische Sphinx9 in den Horizont ihres
Lebens hineinzustellen. Es gibt kaum ein gröber gemissbrauchtes Wort als das
Wort «glauben», und eben der Missbrauch des Wortes hat die Sache für Viele
zum Rätselding gemacht. Der gebräuchlichste Missbrauch besteht darin, dass
man sagt, Glaube sei die Zustimmung zu allerlei Behauptungen, von denen man
nicht ganz sicher sei, ob sie auch wahr seien, z. B. zu der Behauptung, dass ein
Gott da sei, dass der Mensch nach dem Tode fortlebe und dergleichen. Die
Bewährung eines derartigen Glaubens pflegt dann darin zu bestehen, dass man
nachliest oder sich von andern erzählen lässt, was
Wenn
War! Nein, Glaube ist auch heute nichts Anderes als diese einfache innere Stellung eines Menschen, der begonnen hat, nicht mehr sich selbst der Nächste zu sein, seine Augen und seinen Willen zu konzentrieren auf die Frage: wie und wo kann ich helfen und dienen, und der eben in diesem Beginnen gemerkt hat, wie das der einzige Weg ist, auf dem die Herrlichkeit des verborgenen Lebens ihn ergreift und mit fortträgt.
Wo solches inneres Leben entsteht, da entsteht es immer im Zusammenhang mit
Jesus, auch da, wo dieser Zusammenhang für unsre Augen wenig deutlich sein
mag. Und der Inhalt dieses innern Lebens ist, wenn es echt ist, immer nichts
Anderes als das Leben Jesu, das uns Ziele zeigt und Ziele erreichen lässt.
Und dies innere Leben heiße uns christlicher Glaube, nichts Anderes. Du fragst
mich: und der Glaube an Gott, warum ist denn davon gar nicht die Rede? Sieh,
lieber Freund, der Reformator
Und dieses innere Leben, dieser Glaube, der christliche Glaube ist’s, der sich zu bewähren hat in den Versuchungen. Das Hin- und Herreden der christlichen und unchristlichen Professoren verhält sich zu dem Ernst dieser Aufgabe wie das harmlose Wellengeplätscher der Meeresoberfläche an einem Sommertag zu der abgründigen Tiefe des Ozeans.
Bewährung des Glaubens! Die besteht für einen Christen darin, dass im ganz bestimmten Fall sein innerster Mensch vor die Frage gestellt ist: Sag einmal, soll’s eigentlich ernst sein? Ist das wirklich dein innerster Wille, zu helfen, zu dienen, dich hinzugeben? Und ist das wirklich dein innerster Gedanke, dich auf diesem Weg von Gott zur freien, sittlichen Persönlichkeit machen zu lassen? Ist das so oder nicht? Glaubst du oder nicht? Beides, jene Aufforderung und diese Verheißung sind uns vielleicht längst bekannte Dinge, wir meinen auch gar nicht, zu denen zu gehören, an deren Ohren sie bekannt, altbekannt alle Sonntage vorüberrauschen als schöne Sonntagsmusik. Wir freuen uns darüber, wir haben schon viel darüber nachgedacht, und wir glauben bestimmt, den Glauben zu haben. Aber nun kommt |303 irgend ein Umstand in unsern Weg, nicht am Sonntag, sondern am Mittwoch oder Donnerstag, da käm’s nun einmal so recht drauf an, zu helfen, zu dienen, ohne dass wir selbst das Geringste davon haben, im Gegenteil, es kommt uns sauer genug an, es durchkreuzt uns so recht einen Lieblingswunsch. Wir merken’s wohl, und nun käm’s drauf an, nun müsste gerade das geschehen. Aber eins ist uns dunkel, wieso gerade das uns dem Ziele, freie Persönlichkeiten zu werden, das wir ja auch bewundern, näher führen sollte? Wieso gerade das? Jetzt müssten wir’s tun. Aber wieso gerade das? Ihr kennt das Alle, wie wir dann wohl so Momente lang bewusst oder unbewusst balancieren auf der schmalen Grenze, wo’s von der einen Seite heißt: nimm’s ernst! und von der andern: nimm’s bequem! Die Arten, wie solche Bewährung über uns kommt, sind unendlich verschieden: einmal handelt es sich darum, etwas zu tun, das andre Mal, etwas nicht zu tun, etwas zu denken oder nicht zu denken, etwas zu leiden oder sich gegen etwas zu wehren, weich zu sein oder hart, geduldig oder rücksichtslos. Was es auch sei, die schmale Grenze ist immer dieselbe, wenn auch nur jeder selbst die Strecke dauernd übersehen kann, die durch sein Leben läuft. Für oder gegen Gott, das ist die Frage, Glaube oder Unglaube, aber diesmal im tiefsten, letzten Sinn.
Ist’s dir nicht auch schon so ergangen, dass solche Entscheidungen an dich herantraten, Entscheidungen in scheinbar gleichgiltigen Angelegenheiten des Alltagslebens, aber es war die Entscheidung für oder gegen Gott, die Entscheidung zwischen Glaube und Unglaube darin verborgen, und das merktest du recht gut, aber du wolltest doch lieber nicht daran denken, weil es viel bequemer war, die Sache als eine gleichgiltige Angelegenheit zu behandeln, die den lieben Gott nichts angehe. Und dann hast du dich demgemäß entschieden, und im Augenblick schien auch Alles ganz einfach und in der Ordnung. Aber dann kam der folgende Tag, der uns gewöhnlich eine nüchternere Beleuchtung der Dinge zu bringen pflegt als die folgenschweren Augenblicke, in denen wir denkend oder handelnd, redend oder schreibend die scheinbar gleichgiltigen Entscheidungen vollziehen, und in der Beleuchtung des folgenden Tags sind dir dann diese gleichgiltigen Entscheidungen vorgekommen, wie dem Landmann ein am Horizont sich verziehendes Hagelwetter vorkommen mag, das soeben über seine Felder niedergegangen ist. Aus und fertig schien’s mit der Herr|304lichkeit deines Christenglaubens, deines innern Lebens, über die du dir so oft schöne und gute Gedanken gemacht. Katastrophe, Débacle, vollendete Sinnlosigkeit war die gleichgiltige Entscheidung von gestern, und die einzige klare Erkenntnis, die daraus folgte, war die, dass es nun geraten sei, ganz von vorn anzufangen ohne die schönen Gedanken, sondern in einfacher Selbsterziehung und in einfachem Sich-Erziehen-Lassen von Gott.
So sieht’s aus, wenn der Glaube sich nicht bewährt, und
das müssen wir uns klar machen, um zu verstehen, wie das aussieht, wenn er
sich bewährt. Wenn du der Einsicht nicht ausweichst, wenn du sie klar ins
Auge fassest, dass in der gleichgiltigen Entscheidung die Entscheidung für
oder gegen Gott verborgen sei, wenn dann dein Denken und Handeln und Fühlen
der deutlichen Stimme Gottes folgt, wenn das innere Leben sich behauptet
gegen die Versuchung, innerer
Tod zu werden, das ist des Glaubens Bewährung. Und von ihr
meint
Die Bewährung des Glaubens bewirkt Standhaftigkeit. Nicht wahr, ihr kennt das
auch, das gehobene, sieghafte Wesen, das uns erfüllt, der freiere Atem, den
wir haben, wenn wir einmal so in aller Verborgenheit unsern Glauben bewährt
haben. Wir merken dann, es ist ein Schritt getan, und das macht uns lebendig
und fröhlich und mutig für |305
a-den nächsten-a. Und doch rede ich lieber kein Wort weiter über die Herrlichkeit
dieser Standhaftigkeit.
Jakobus hält sich auch nicht dabei auf, sondern fährt gleich weiter:
Die Standhaftigkeit aber soll es zur Vollkommenheit bringen, damit
ihr (selbst) vollkommen werdet und ganz, in keiner
Beziehung rückständig. Er meint also, nach getanem Schritt, nach
geschehener Bewährung müsse der Blick sich gleich auf neue Ziele wenden,
denn die Hauptsache liege immer noch vor uns.
Wie gefällt euch das? Nicht wahr, wenn einer etwas Schönes und Gutes
erreicht hat mit kräftiger Anstrengung, dann kann ihm eigentlich nichts
Langweiligeres und Lästigeres passieren, als wenn nun einer dazukommt und
ihm sagt: ja, aber es ist noch lange nicht Alles erreicht! Vorwärts! Weiter!
Sich seiner Lorbeeren zu freuen, das wäre ihm b-die viel-b
willkommenere Mahnung. Diese Empfindung mag auf allen möglichen
Gebieten berechtigt und harmlos sein, auf dem geheimnisvollen Gebiet des
innern Lebens, wo wir aus
essenden und trinkenden und schlafenden Naturwesen zu wirklichen Menschen erzogen werden,
hier ist das anders. Auf c-
dem Weg, den wir da-c
zu gehen haben, tut sich an einer Stelle der
allergefährlichste Abgrund auf, und das ist die Stelle, wo die
Siegeslorbeeren wachsen, gerade die Stelle, die uns die allererfreulichste
dünkt. Auf diesen Abgrund will uns
Warum weiter? Warum nicht haltmachen und ruhen? Jakobus gibt eine treffliche Antwort: weil es sich darum handelt, dass ihr selbst vollkommen werdet und ganz. Der Entschluss, der Gedanke, die Tat, in denen du deinen Glauben bewährt hast, sie mögen schön und gut |306 gewesen sein, vielleicht sogar vollkommen und ganz, besser gar nicht zu denken, aber wenn sich’s um den Glauben, um das innere Leben handelt, ist die Frage eben die, dass du selbst, lieber Freund, vollkommen und ganz werdest und in keiner Beziehung rückständig. Was du in der Bewährung deines Glaubens getan und gedacht und erkämpft hast, das gibt dir jene Standhaftigkeit mit auf den Weg, aber nur auf den Fall, dass du diesen Weg fortsetzest. Unsre guten Taten und Gedanken selbst sind vergangen, vorüber, sie gehören zu den gleichgiltigen Dingen, die hinter uns liegen. Aufspeichern kann man sie nicht. Die katholische Kirche freilich meint, sie könne das, und redet von guten Werken, die der Mensch mitnehme als Gepäck auf die große Reise in die Ewigkeit, um sie dort dem lieben Gott zu präsentieren, wie man wohl einem Schuldner seine Rechnung präsentiert.14 Und viele liebe protestantische Mitchristen sind in diesem Stück wie in noch manchem andrem die reinen Katholiken, hausieren mit ihren guten Werken oder dem, was sie dafür halten, und sind jeden Augenblick bereit, ihren Mitmenschen und dem lieben Gott eine umständliche Rechnung darüber vorzulegen. Aber die Täuschung, die darin steckt, ist beträchtlich.
Denn für Gott kommt es – nicht nur in deiner Todesstunde, sondern in jedem Augenblick – nicht
darauf an, was du getan hast und was du tust, sondern darauf, was du bistd. Auf den Glauben
kommt es ihm an, auf dein inneres Leben. Das muss sich freilich bewähren in deinen Gedanken,
Worten und Taten, aber nur wenn und weil das innere Leben, der Glaube sich
darin bewährt, hat Gott Freude daran. Im Übrigen sind sie gleichgiltig; denn
es gibt vor Gottes Auge nur gute Menschen, keine guten Werke. Wenn das
Vollkommenheit wäre, dass |307 wir zwei bis drei oder zehn
oder zwanzig gute Werke tun,
fromme Gedanken haben, rechtschaffene Taten tun entweder von jeher oder erst
auf dem Sterbebette wie König
Vollkommen und ganz sein heißt aber für den Christen: sein, wie Jesus war. Denn das war einer, der nicht nur gute Gedanken gehabt |308 und gute Taten getan hat, sondern der ein guter Mensch war, ein vollkommener und ganzer Mensch, dessen inneres Leben nichts war als Gehorsam und Vertrauen. Wenn wir auch etwas sagen dürfen von innerem Leben, von Glauben, von Gott, dann verdanken wir’s ihm, und ihm verdanken wir’s, wenn der kleine Anfang in uns lebt und wächst. Denn wie Gott in ihm solches Leben unter die Menschen gepflanzt hat, so ist er immer wieder unser Ziel und unser Führer in einem Mal.
Lieber Freund! Wenn du seufzest zwischen den zwei Marksteinen, von denen wir
am Anfang geredet haben, zwischen dem, was du bist, und dem, was du sein
sollst, wenn du kämpfst um die Bewährung deines innern Lebens und durch die
Bewährung um die Vollkommenheit Christi, dann erlebst
du’s, dass Gott dir sagt, dass er dich je und je geliebt hat und dass
er dich zu sich zieht aus lauter Güte [
- Nr. 12: «Womit soll ich dich wohl loben» von
L. A. Gotter , Strophen 1–2 (RG 727,1–2). - Nr. 301: «Seele, was ermüd’st du dich» von
J. G. Wolf , Strophen 1.2.5. - Nr. 300: «Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder» von L. A. Gotter,
Strophen 1.2.6.