Predigt Nr. 29 · 16. Januar 1910

Predigt: Jakobus 1,2-4

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Jakobus 1,2–4
Seht es für lauter Freude an, meine Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet; ihr wisst ja, dass die Bewährung eures Glaubens Standhaftigkeit bewirkt. Die Standhaftigkeit aber soll es zur Vollkommenheit bringen, damit ihr vollkommen werdet und ganz, in keiner Beziehung rückständig.
Meine lieben Freunde!

In der Stadt Königsberg in Preußen steht ein Grabstein mit der rätselhaften kurzen Inschrift: «Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.»1 Das Grab ist das des Philosophen Immanuel Kant, und die Inschrift stammt aus dem Schlusswort einer seiner gewaltigsten Schriften, einer der gewaltigsten, die überhaupt geschrieben sind; «Zwei Dinge», sagt er dort, «erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.»2 Denn, meint er, wie der Anblick der grenzenlosen Sternenwelt den Menschen daran erinnere, dass er selbst ein kleines, kleinstes Glied ist der grenzenlosen Naturwelt, so erinnere ihn die Besinnung auf das moralische Gesetz seines Innern daran, dass er zur selben Zeit der unsichtbaren Welt des persönlichen Lebens angehöre oder angehören sollte. Und wie der Anblick das Nachthimmels und der unendlich fernen Gestirnswelten, die seit tausend, tausend Jahren nach ewigen, ehernen großen Gesetzen3 ihre Bahn durchlaufen, wie dieser Anblick ihm ein erschüttern |295 des Symbol sei für die Begrenztheit seines Daseins, wie er ihn hinunterdrücke auf die Stufe des tierischen Geschöpfs, das eine kurze Weile da ist und dann hinweg geht, wer weiß wohin?, so offenbare ihm das moralische Gesetz seines Innern den Eingang zu der Welt, die erst wirklich ewig und unendlich sei, zu der Welt der Freiheit und der Unabhängigkeit, zu der Welt der Persönlichkeit. – |

Das hohe Lied des sittlichen Ernstes, der den Menschen erst zum Menschen macht, der ihn die Ewigkeit erleben lässt mitten in der Zeitlichkeit! Wir haben auch am letzten Sonntag Töne aus diesem Lied vernommen, und wer würde nicht gerne in die brausende Siegeshymne einstimmen, trotzbietend dem müde machenden Druck der Welt und ihrer Versuchungen, in die Siegeshymne des triumphierenden Lebens, wie Kants größter Schüler, Friedrich Schiller,4 sie angestimmt hat:

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren;
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.5

Aber nun lasst mich euch zurückführen durch eine lange Reihe von Jahrhunderten zu einem andern Mann, der hat auch zu sagen gewusst von der Majestät und Herrlichkeit des sittlichen Gesetzes im Men|296schen, wie Kant und Schiller sie unserm Geschlecht gepredigt haben. Aber er hat keine Siegeshymne angestimmt. «Das Gesetz ist heilig», sagt er, «und das Gebot ist heilig, gerecht und gut… Ich aber bin fleischlich», fährt er fort, «unter die Sünde verkauft… Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich… Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen, ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das kämpft gegen das Gesetz meines Denkens und nimmt mich gefangen in das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?» Ihr wisst, dass es der Apostel Paulus war, der so geredet hat im siebten Kapitel seines Briefs an die Römer [Röm. 7,12–24]. Und ihr wisst, wie etwas von der herben Wahrheit, die er damit aussprach, auch unser aller Erfahrung ist, wie auch wir etwas davon erlebt haben und erleben, wie unglücklich uns das macht, wenn der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist [vgl. Mk. 14,38 par.].

Etwas davon, sage ich. Denn wir wollen keine Phrasen machen, wir wollen uns nicht einbilden, dass uns Allen ohne Weiteres die Herrlichkeit des sittlichen Gesetzes so deutlich sei, wie sie einem Kant gewesen ist, noch die tiefe innere Not, in die es uns versetzt, so lebendig, wie sie es einem Paulus war. Das sind die großen Führer der Menschheit, vor deren innerm Auge die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit dastehen, wie sie sind und wie sie sein sollten. Wir Andern wollen uns freuen, dass wir uns an den scharfen, klaren Bildern, wie diese Führer sie gesehen, orientieren können über unsern eigenen Weg. Der Gehorsam gegen das moralische Gesetz führt dich in einen Kampf mit dir selbst, der dich tief unglücklich macht, sagt mir Paulus von Tarsus, und ich spüre wohl, dass er recht hat. Und: der Gehorsam gegen das moralische Gesetz macht dich zur freien, lebendigen Persönlichkeit, sagt mir Immanuel Kant,6 und ich spüre ebensowohl, dass auch er recht hat. Wenn wir auch mehr spüren als verstehen, was die Großen in ihrer schein|297baren Einseitigkeit geschaut und gewollt, dann ist unser Weg abgesteckt, wie wir den Lauf einer verschneiten Bergstraße an den Abweissteinen7 am Rande deutlich verfolgen können. Es handelt sich nur noch darum, den Weg auch zu gehen.

Jakobus, mit dem wir uns heute wieder beschäftigen wollen, ist keiner von den scharfen, klaren Führern gewesen. Man kann nicht sagen, dass seine Gedanken Wegmarken geworden seien für das geistige Leben der Menschen. Dafür beschreibt er ganz einfach und schlicht, wie man von einer Wegmarke zur andern komme, von der Not des Kampfes zur Freude des Sieges. Und das ist wahrlich auch des Dankes wert.

Seht es für lauter Freude an, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet. Ihr wisst ja, dass die Bewährung eures Glaubens Standhaftigkeit bewirkt. Der Weg über die Versuchungen weg ist der Weg zu Gott, so sahen wir’s das letzte Mal, weil jede Versuchung ein Anlass ist, eine Gelegenheit, zu kämpfen, den Willen Gottes fester ins Auge zu fassen und so Gott selbst näher zu kommen. Das Leben des lebendigen Christen wird zu einem fortgesetzten Kampf gegen die Trägheit, die Sinnlosigkeit, die Gleichgiltigkeit, und dieser Kampf ist wieder nichts Anderes als der Kampf um einen Lebensinhalt, der Kampf um Gott. Und von da aus wurde es uns wohl verständlich, wie Jakobus dazu kommt, zu sagen, die Versuchungen bedeuteten für den Christen schließlich lauter Freude. Einen Blick in die Freude des persönlichen Lebens, die allein den Namen Freude verdient, haben wir da getan. Und das ungeschriebene sittliche Gesetz des inwendigen Menschen ist vor uns aufgeleuchtet wie ein Kriegspanier, das zur Nachfolge auffordert. Aber – aber – mussten wir dabei im Stillen doch denken: Wie steht’s denn, wenn wir die Gelegenheit zum Kämpfen vergessen, wenn uns die Nachfolge zu sauer wird? Dann verkehrt sich offenbar |298 die Freude in ihr Gegenteil, und die Versuchungen bleiben doch, was sie waren, sie machen uns traurig und unglücklich. Und wenn wir’s überschlagen, wie wir’s bis jetzt gehalten haben und halten bei den Gelegenheiten, dem Gottesgesetz Treue zu beweisen, dann kommen uns wohl die rechtschaffen gekämpften Kämpfe vor wie hilflose vereinzelte Schwimmer aus einem Schiffbruch im gurgelnden Meeresstrudel der verpassten Gelegenheiten. Und dann bekommen wir wohl auch Lust, mit Paulus zu seufzen: Das Gebot ist heilig, gerecht und gut, aber das Gute, das ich will, das tue ich nicht.

Mit der Behauptung, dass es lauter Freude sei, in allerlei Versuchungen zu geraten, hat uns Jakobus offenbar die Richtung angegeben, in der wir zu wandern haben. Er wollte seinen Lesern und uns sagen: ihr lieben Mitchristen, sucht die Art, euren Glauben zu betätigen, nur nicht zu weit. Nicht in theologischen Spekulationen und nicht in besondern frommen Werken, sondern schlecht und recht in eurem Leben in der Welt, wie sie nun einmal ist, in eurem Berufsleben und in eurem tagtäglichen Verkehr mit den Menschen. Da sind die Versuchungen, und da ist der Weg zu Gott, den ihr gehen sollt. Aber er hat recht gut gewusst, wie schwer es ist, diesen Weg zu gehen. Und darum sagt er uns im nächsten Wort sehr schlicht, wie der erste Schritt auf diesem Weg aussieht: Ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Standhaftigkeit bewirkt. Er wollte damit offenbar sagen, jede Behauptung und Durchsetzung des innern Lebens, des Gehorsams gegen das Gottesgesetz erzeuge eine gewisse Beharrlichkeit dieses innern Gehorsams, sie lasse den Menschen reifer und reicher den weitern Versuchungen der stumpfen Welt8 entgegengehen, die ja nach dem siegreich gekämpften Kampf immer wieder folgen müssen.

Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns aber vor Allem klar sein, was denn das ist, das da bewährt, behauptet, durchgesetzt werden soll gegenüber den Versuchungen der Welt. Es wird im Leben der Menschen viel behauptet und durchgesetzt, und was dann herauskommt, sieht der Standhaftigkeit, von der Jakobus redet, zum Verwechseln ähnlich und ist doch etwas ganz Anderes. Es würde besser Eigensinn heißen, und ob wir dabei an den gewöhnlichen weltlichen |299 Eigensinn denken oder an den frommen Eigensinn, wie er bei Heiden und Christen gleich üppig gedeiht, es kommt aufs Selbe heraus, jedenfalls ist er nicht die Standhaftigkeit, von der Jakobus nachher meint, dass sie zur Vollkommenheit führe. Jakobus hat also nicht an die Bewährung unsrer kleinen Gedanken und Wünsche gedacht über das, was wir für gut und nützlich halten, auch dann nicht, wenn wir diese Gedanken und Wünsche ins Mäntelchen der Frömmigkeit hüllen, denn solche Bewährung wäre nichts Besonderes als eben weltlicher oder frommer Eigensinn. Von der Bewährung des Glaubens hat er geredet. Aber nun braucht man auch nur das Wort «Glauben» auszusprechen, um für viele Menschen eine neue ägyptische Sphinx9 in den Horizont ihres Lebens hineinzustellen. Es gibt kaum ein gröber gemissbrauchtes Wort als das Wort «glauben», und eben der Missbrauch des Wortes hat die Sache für Viele zum Rätselding gemacht. Der gebräuchlichste Missbrauch besteht darin, dass man sagt, Glaube sei die Zustimmung zu allerlei Behauptungen, von denen man nicht ganz sicher sei, ob sie auch wahr seien, z. B. zu der Behauptung, dass ein Gott da sei, dass der Mensch nach dem Tode fortlebe und dergleichen. Die Bewährung eines derartigen Glaubens pflegt dann darin zu bestehen, dass man nachliest oder sich von andern erzählen lässt, was Goethe und Nietzsche und Häckel und Forel10 für oder gegen diese |300 merkwürdigen Behauptungen zu sagen haben. Und wenn wirklich trotz Allem eine Bewährung dieses sogenannten Glaubens dabei heraussieht, so ist’s die, dass man befriedigt konstatiert, dass doch eine ganze Anzahl bedeutender Leute mit diesen Behauptungen einverstanden waren und dass man’s folglich als gebildeter Mensch vorderhand auch noch sein dürfe. Was haltet ihr von solchem Glauben und von solcher Bewährung des Glaubens? Es wird gerade heutzutage von sogenannten Atheisten und Christen so unendlich viel Pulver verschossen über die Frage, wie es mit diesen Behauptungen stehe; das Gezänk von beiden Seiten ist so heftig und aufdringlich, dass ein einfacher Christ wohl auf den Gedanken kommen muss, da sei bereits der Engel Michael im Kampfe mit dem Drachen der Endzeit [vgl. Apk. 12,7], und die Bewährung des Glaubens, von der Jakobus redet, bestehe in der Tat in der Entscheidung der Frage, ob Häckel und seine lärmenden Genossen recht haben oder der sogenannte Keplerbund,11 von dem ihr letztes Jahr auch im Gemeindeblatt gehört habt.12 Aber mir will’s eben dunkel erscheinen, gerade angesichts unsres Textwortes, was ein solcher Glaube und eine solche Bewährung des Glaubens mit den Versuchungen zu tun habe, von denen Jakobus redet. Denn das ist uns doch das letzte Mal deutlich geworden, dass es sich bei diesen Versuchungen keineswegs um Behauptungen und Theorien handle, sondern um die sehr einfache praktische Frage, ob das Marktgetümmel der Sinnlosigkeit über uns und in uns herrschen solle oder |301 der gute und reine Gotteswille, der uns zu lebendigen Menschen machen will. Und wenn diese Frage sich daran entscheidet, ob unser Glaube sich bewährt oder nicht, so muss dieser Glaube offenbar etwas Anderes sein als eine fromme Behauptung und seine Bewährung etwas Anderes als der Streit mit den sogenannten Atheisten um die Frage: wer hat recht, ihr oder wir?

Wenn Jakobus vom Glauben redet, so verstand er eben auch etwas Einfaches und Praktisches darunter. Er und die ersten Christen überhaupt. Ihr Glaube bestand darin, dass sie den Herrn Jesum nicht vergessen konnten, dessen Leben für sie zweierlei bedeutete: so sollt ihr auch sein, und so könnt ihr auch sein. Wenn sie sich daran erinnerten, an das, was er getan und gesprochen, an das, was er gewesen war, dann war’s ihnen klar: Da hat Gott geredet, und da redet er noch immer zu jedem von uns. So sollt ihr auch sein, so sollt ihr auch selbstlos werden, dienen, euch aufopfern, und so könnt ihr auch sein, so frei, so lebendig, so stark, so wie die Kinder und doch unendlich reif und reich durch’s Leben gehend. Wenn ein Mensch in der Erinnerung an Jesus so etwas erlebte und wenn er anfing, so mit Jesus zu leben, im ernsten Gehorsam gegen das große Sollen und in dankbarer Empfänglichkeit für das große Können, der gehörte zu der verborgenen, zerstreuten Gottesgemeinde, die sich Christen nannte, und diese einfache innere Stellung, das war sein Glaube.

War! Nein, Glaube ist auch heute nichts Anderes als diese einfache innere Stellung eines Menschen, der begonnen hat, nicht mehr sich selbst der Nächste zu sein, seine Augen und seinen Willen zu konzentrieren auf die Frage: wie und wo kann ich helfen und dienen, und der eben in diesem Beginnen gemerkt hat, wie das der einzige Weg ist, auf dem die Herrlichkeit des verborgenen Lebens ihn ergreift und mit fortträgt.

Wo solches inneres Leben entsteht, da entsteht es immer im Zusammenhang mit Jesus, auch da, wo dieser Zusammenhang für unsre Augen wenig deutlich sein mag. Und der Inhalt dieses innern Lebens ist, wenn es echt ist, immer nichts Anderes als das Leben Jesu, das uns Ziele zeigt und Ziele erreichen lässt. Und dies innere Leben heiße uns christlicher Glaube, nichts Anderes. Du fragst mich: und der Glaube an Gott, warum ist denn davon gar nicht die Rede? Sieh, lieber Freund, der Reformator Zwingli hat einmal gesagt: Den Glauben haben, heißt |302 Gott haben.13 Kürzer und besser kann ich’s nicht ausdrücken. Wir wollen uns das abgewöhnen, so zu tun, als ob der liebe Gott etwas wäre, was zum rechten Glauben, zum rechten innern Leben, wie Jesus es gelebt hat, erst noch hinzukommen müsste. Nein, wenn du diesen Glauben hast, wenn diese einfache innere Stellung die deinige ist, mag’s auch noch recht ungeschickt und hilflos sein, dann hast du Gott, verlass dich drauf, nicht den Gott der oberflächlichen Menschen, der ein hoher Name ist, sondern den lebendigen Gott, den Jesus Christus seinen Vater genannt hat, den Gott, der wirkt und der Wunder tut.

Und dieses innere Leben, dieser Glaube, der christliche Glaube ist’s, der sich zu bewähren hat in den Versuchungen. Das Hin- und Herreden der christlichen und unchristlichen Professoren verhält sich zu dem Ernst dieser Aufgabe wie das harmlose Wellengeplätscher der Meeresoberfläche an einem Sommertag zu der abgründigen Tiefe des Ozeans.

Bewährung des Glaubens! Die besteht für einen Christen darin, dass im ganz bestimmten Fall sein innerster Mensch vor die Frage gestellt ist: Sag einmal, soll’s eigentlich ernst sein? Ist das wirklich dein innerster Wille, zu helfen, zu dienen, dich hinzugeben? Und ist das wirklich dein innerster Gedanke, dich auf diesem Weg von Gott zur freien, sittlichen Persönlichkeit machen zu lassen? Ist das so oder nicht? Glaubst du oder nicht? Beides, jene Aufforderung und diese Verheißung sind uns vielleicht längst bekannte Dinge, wir meinen auch gar nicht, zu denen zu gehören, an deren Ohren sie bekannt, altbekannt alle Sonntage vorüberrauschen als schöne Sonntagsmusik. Wir freuen uns darüber, wir haben schon viel darüber nachgedacht, und wir glauben bestimmt, den Glauben zu haben. Aber nun kommt |303 irgend ein Umstand in unsern Weg, nicht am Sonntag, sondern am Mittwoch oder Donnerstag, da käm’s nun einmal so recht drauf an, zu helfen, zu dienen, ohne dass wir selbst das Geringste davon haben, im Gegenteil, es kommt uns sauer genug an, es durchkreuzt uns so recht einen Lieblingswunsch. Wir merken’s wohl, und nun käm’s drauf an, nun müsste gerade das geschehen. Aber eins ist uns dunkel, wieso gerade das uns dem Ziele, freie Persönlichkeiten zu werden, das wir ja auch bewundern, näher führen sollte? Wieso gerade das? Jetzt müssten wir’s tun. Aber wieso gerade das? Ihr kennt das Alle, wie wir dann wohl so Momente lang bewusst oder unbewusst balancieren auf der schmalen Grenze, wo’s von der einen Seite heißt: nimm’s ernst! und von der andern: nimm’s bequem! Die Arten, wie solche Bewährung über uns kommt, sind unendlich verschieden: einmal handelt es sich darum, etwas zu tun, das andre Mal, etwas nicht zu tun, etwas zu denken oder nicht zu denken, etwas zu leiden oder sich gegen etwas zu wehren, weich zu sein oder hart, geduldig oder rücksichtslos. Was es auch sei, die schmale Grenze ist immer dieselbe, wenn auch nur jeder selbst die Strecke dauernd übersehen kann, die durch sein Leben läuft. Für oder gegen Gott, das ist die Frage, Glaube oder Unglaube, aber diesmal im tiefsten, letzten Sinn.

Ist’s dir nicht auch schon so ergangen, dass solche Entscheidungen an dich herantraten, Entscheidungen in scheinbar gleichgiltigen Angelegenheiten des Alltagslebens, aber es war die Entscheidung für oder gegen Gott, die Entscheidung zwischen Glaube und Unglaube darin verborgen, und das merktest du recht gut, aber du wolltest doch lieber nicht daran denken, weil es viel bequemer war, die Sache als eine gleichgiltige Angelegenheit zu behandeln, die den lieben Gott nichts angehe. Und dann hast du dich demgemäß entschieden, und im Augenblick schien auch Alles ganz einfach und in der Ordnung. Aber dann kam der folgende Tag, der uns gewöhnlich eine nüchternere Beleuchtung der Dinge zu bringen pflegt als die folgenschweren Augenblicke, in denen wir denkend oder handelnd, redend oder schreibend die scheinbar gleichgiltigen Entscheidungen vollziehen, und in der Beleuchtung des folgenden Tags sind dir dann diese gleichgiltigen Entscheidungen vorgekommen, wie dem Landmann ein am Horizont sich verziehendes Hagelwetter vorkommen mag, das soeben über seine Felder niedergegangen ist. Aus und fertig schien’s mit der Herr|304lichkeit deines Christenglaubens, deines innern Lebens, über die du dir so oft schöne und gute Gedanken gemacht. Katastrophe, Débacle, vollendete Sinnlosigkeit war die gleichgiltige Entscheidung von gestern, und die einzige klare Erkenntnis, die daraus folgte, war die, dass es nun geraten sei, ganz von vorn anzufangen ohne die schönen Gedanken, sondern in einfacher Selbsterziehung und in einfachem Sich-Erziehen-Lassen von Gott.

So sieht’s aus, wenn der Glaube sich nicht bewährt, und das müssen wir uns klar machen, um zu verstehen, wie das aussieht, wenn er sich bewährt. Wenn du der Einsicht nicht ausweichst, wenn du sie klar ins Auge fassest, dass in der gleichgiltigen Entscheidung die Entscheidung für oder gegen Gott verborgen sei, wenn dann dein Denken und Handeln und Fühlen der deutlichen Stimme Gottes folgt, wenn das innere Leben sich behauptet gegen die Versuchung, innerer Tod zu werden, das ist des Glaubens Bewährung. Und von ihr meint Jakobus, dass sie Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Festigkeit bewirke, wie sie ein Glaube, der dergleichen nicht durchgemacht hat, nicht kennt. Wie der menschliche Körper am besten geschützt ist gegen die üblen Folgen von Kälte und Feuchtigkeit, wenn er abgehärtet ist durch viel freie Luft und viel Wasser, so wird das innere Leben stark dadurch, dass es im Kampf gegen die Versuchungen gestanden ist. Wenn sich der Glaube irgendwo bewährt hat, wenn der Mensch Ja oder Nein gesagt hat am rechten Ort, so ist das nicht Spreu, die im Wind verweht [vgl. Ps. 1,4], und der Mensch ist nachher nicht mehr einfach derselbe, so wenig der andre, dessen Glaube sich nicht bewährt hat, nachher derselbe ist. Wenn Gott in einem Menschen gesiegt hat, und wäre die Sache auch noch so geringfügig, das hinterlässt eine sehr deutliche Spur. Das bereichert und verstärkt die Anfänge der Gotteskräfte in ihm, das lässt ihn einen Blick tun in das Land der Freiheit, in das die Gotteskraft ihn führen möchte, und die Erinnerung daran wird der wertvollste Bundesgenosse für den nächsten Kampf, der nicht lange wird auf sich warten lassen.

Die Bewährung des Glaubens bewirkt Standhaftigkeit. Nicht wahr, ihr kennt das auch, das gehobene, sieghafte Wesen, das uns erfüllt, der freiere Atem, den wir haben, wenn wir einmal so in aller Verborgenheit unsern Glauben bewährt haben. Wir merken dann, es ist ein Schritt getan, und das macht uns lebendig und fröhlich und mutig für |305 a-den nächsten-a. Und doch rede ich lieber kein Wort weiter über die Herrlichkeit dieser Standhaftigkeit. Jakobus hält sich auch nicht dabei auf, sondern fährt gleich weiter: Die Standhaftigkeit aber soll es zur Vollkommenheit bringen, damit ihr (selbst) vollkommen werdet und ganz, in keiner Beziehung rückständig. Er meint also, nach getanem Schritt, nach geschehener Bewährung müsse der Blick sich gleich auf neue Ziele wenden, denn die Hauptsache liege immer noch vor uns. Wie gefällt euch das? Nicht wahr, wenn einer etwas Schönes und Gutes erreicht hat mit kräftiger Anstrengung, dann kann ihm eigentlich nichts Langweiligeres und Lästigeres passieren, als wenn nun einer dazukommt und ihm sagt: ja, aber es ist noch lange nicht Alles erreicht! Vorwärts! Weiter! Sich seiner Lorbeeren zu freuen, das wäre ihm b-die viel-b willkommenere Mahnung. Diese Empfindung mag auf allen möglichen Gebieten berechtigt und harmlos sein, auf dem geheimnisvollen Gebiet des innern Lebens, wo wir aus essenden und trinkenden und schlafenden Naturwesen zu wirklichen Menschen erzogen werden, hier ist das anders. Auf c- dem Weg, den wir da-c zu gehen haben, tut sich an einer Stelle der allergefährlichste Abgrund auf, und das ist die Stelle, wo die Siegeslorbeeren wachsen, gerade die Stelle, die uns die allererfreulichste dünkt. Auf diesen Abgrund will uns Jakobus hinweisen, wenn er so eilfertig fortfährt, die Standhaftigkeit müsse es zur Vollkommenheit bringen. Es steht nämlich so mit diesem Abgrund: wer davor stillsteht, um auch nur auf einen Augenblick nach dem Taschenspiegel zu langen, um sich selbst im Schatten der Lorbeeren zu beschauen, der fällt hinein, ganz sicher. Stillstehen im Bewusstsein der eben erworbenen Standhaftigkeit gilt nicht. Vor dem Abgrund hilft nur eins: vorwärts! hinüber, weiter! Und zwar mit Anlauf, lieber Freund!

Warum weiter? Warum nicht haltmachen und ruhen? Jakobus gibt eine treffliche Antwort: weil es sich darum handelt, dass ihr selbst vollkommen werdet und ganz. Der Entschluss, der Gedanke, die Tat, in denen du deinen Glauben bewährt hast, sie mögen schön und gut |306 gewesen sein, vielleicht sogar vollkommen und ganz, besser gar nicht zu denken, aber wenn sich’s um den Glauben, um das innere Leben handelt, ist die Frage eben die, dass du selbst, lieber Freund, vollkommen und ganz werdest und in keiner Beziehung rückständig. Was du in der Bewährung deines Glaubens getan und gedacht und erkämpft hast, das gibt dir jene Standhaftigkeit mit auf den Weg, aber nur auf den Fall, dass du diesen Weg fortsetzest. Unsre guten Taten und Gedanken selbst sind vergangen, vorüber, sie gehören zu den gleichgiltigen Dingen, die hinter uns liegen. Aufspeichern kann man sie nicht. Die katholische Kirche freilich meint, sie könne das, und redet von guten Werken, die der Mensch mitnehme als Gepäck auf die große Reise in die Ewigkeit, um sie dort dem lieben Gott zu präsentieren, wie man wohl einem Schuldner seine Rechnung präsentiert.14 Und viele liebe protestantische Mitchristen sind in diesem Stück wie in noch manchem andrem die reinen Katholiken, hausieren mit ihren guten Werken oder dem, was sie dafür halten, und sind jeden Augenblick bereit, ihren Mitmenschen und dem lieben Gott eine umständliche Rechnung darüber vorzulegen. Aber die Täuschung, die darin steckt, ist beträchtlich.

Denn für Gott kommt es – nicht nur in deiner Todesstunde, sondern in jedem Augenblick – nicht darauf an, was du getan hast und was du tust, sondern darauf, was du bistd. Auf den Glauben kommt es ihm an, auf dein inneres Leben. Das muss sich freilich bewähren in deinen Gedanken, Worten und Taten, aber nur wenn und weil das innere Leben, der Glaube sich darin bewährt, hat Gott Freude daran. Im Übrigen sind sie gleichgiltig; denn es gibt vor Gottes Auge nur gute Menschen, keine guten Werke. Wenn das Vollkommenheit wäre, dass |307 wir zwei bis drei oder zehn oder zwanzig gute Werke tun, fromme Gedanken haben, rechtschaffene Taten tun entweder von jeher oder erst auf dem Sterbebette wie König Leopold von Belgien,15 dann wär’s etwas mit dem Ausruhen und mit den Lorbeeren, dann hätte Jakobus die Feder absetzen können, nachdem er uns versichert, die Bewährung des Glaubens bewirke Standhaftigkeit. Aber wenn es sich darum handelt, dass der Mensch, nicht der Mensch im Allgemeinen, sondern du und ich, vollkommen und ganz werden solle, dann stehen die Dinge anders. Denn wir brauchen uns die Frage nur aufrichtig zu stellen: bin ich gut?, um zu merken, dass es nichte wahr ist, wir mögen Gutes getan haben, soviel wir wollen. Vielmehr liegt dann das Ziel, gute Menschen zu werden, unendlich weit vor uns, und wir haben keine Minute zu verlieren, um uns danach auf den Weg zu machen. Denn jede Minute, die wir mit Selbstbetrachtungen verlieren angesichts der erfreulichen Bewährung unsres Glaubens, würde uns rückständig machen auf dem Weg, den es zu gehen ankommt. Das Gute, das wir getan haben, würde dann der Feind des Bessern, das wir werden sollen.

Vollkommen und ganz sein heißt aber für den Christen: sein, wie Jesus war. Denn das war einer, der nicht nur gute Gedanken gehabt |308 und gute Taten getan hat, sondern der ein guter Mensch war, ein vollkommener und ganzer Mensch, dessen inneres Leben nichts war als Gehorsam und Vertrauen. Wenn wir auch etwas sagen dürfen von innerem Leben, von Glauben, von Gott, dann verdanken wir’s ihm, und ihm verdanken wir’s, wenn der kleine Anfang in uns lebt und wächst. Denn wie Gott in ihm solches Leben unter die Menschen gepflanzt hat, so ist er immer wieder unser Ziel und unser Führer in einem Mal.

Lieber Freund! Wenn du seufzest zwischen den zwei Marksteinen, von denen wir am Anfang geredet haben, zwischen dem, was du bist, und dem, was du sein sollst, wenn du kämpfst um die Bewährung deines innern Lebens und durch die Bewährung um die Vollkommenheit Christi, dann erlebst du’s, dass Gott dir sagt, dass er dich je und je geliebt hat und dass er dich zu sich zieht aus lauter Güte [Jer. 31,3]. Und so wanderst du von einer Wegmarke zur andern.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 12: «Womit soll ich dich wohl loben» von L. A. Gotter, Strophen 1–2 (RG 727,1–2). 🎵
  • Nr. 301: «Seele, was ermüd’st du dich» von J. G. Wolf, Strophen 1.2.5. 🎵
  • Nr. 300: «Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder» von L. A. Gotter, ­Strophen 1.2.6. 🎵

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «die Zukunft».↩
b-b
Mskr.: «viel die»; von den Hrsg. umgestellt.↩
c-c
Im Mskr. jeweils nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Es handelte sich nicht um einen Grabstein, sondern um eine zum 100. Todestag Kants am 12. Februar 1904 am Königsberger Schloss angebrachte Gedenktafel, auf der nicht nur dieser Satz, sondern das im Text folgende Zitat komplett wiedergegeben war. Das Original ist seit 1945 verschollen, eine Replik befindet sich seit 1955 im Brunnenhof des Duisburger Rathauses.↩
2
I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1908/13, S. 1–164, dort S. 162. 📖 ↩
3
Vgl. Strophe 6 des Gedichts «Das Göttliche» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1785; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 331–33, dort S. 332 📖; s. oben S. 272, bei Anm. 4.↩
4
Vorwiegend auf dem Gebiet der Ästhetik und Literaturtheorie, aber auch darüber hinaus wird Friedrich Schiller in der Forschung damals wie heute als Schüler Kants bezeichnet, der seine Einsichten allerdings nicht allein Kant verdankte; vgl. etwa R. Wellek, Geschichte der Literaturkritik 1750–1950, Bd. 1: Das späte 18. Jahrhundert. Das Zeitalter der Romantik, Berlin / New York 1978, S. 231–257, dort bes. S. 236 📖. – Zur zeitgenössischen Betrachtung vgl. M. Brasch, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, zugleich als Repetitorium für Studirende, Candidaten und Doctoranden, sowie zum Selbstunterricht, Rossberg 1893, S. 344 📖, der Schiller als einen der «frühesten» jener «Anhänger» Kants bezeichnet, «welche die Principien und Ideen des Kriticismus in Schrift und Wort zu verbreiten bemüht» waren.↩
5
Dritte Strophe des Gedichts «Hoffnung» von Fr. Schiller (Erstdruck 1798; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 216f., dort S. 217). 📖 ↩
6
Vgl. etwa I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793), Akademie-Ausgabe, Bd. 6, Berlin 1914, S. 1–202, dort S. 27f. 📖: «Die Idee des moralischen Gesetzes allein mit der davon unzertrennlichen Achtung kann man nicht füglich eine Anlage für die Persönlichkeit nennen; sie ist die Persönlichkeit selbst (die Idee der Menschheit ganz intellectuell betrachtet).»↩
7
Auch: Prellstein. – «[…] im Straßenbau ein unbearbeiteter oder zugerichteter Stein, der alle 2–5 m wenig innerhalb des Straßenrandes, ohne Verbindung mit seinen Nachbarn, eingegraben wird, so daß er 0,4–1 m über die Straßenoberfläche hervorragt, dient zum Schutze der Menschen, Tiere und Fahrzeuge gegen Absturz von Dämmen und Anschnitten» (Art. «Prellstein», in; Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., Bd. 16, Leipzig / Wien 1908, S. 277 📖).↩
8
Anspielung auf die siebte Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers ­Glocke» von J. W. von Goethe 📖 (s. oben, S. 293, Anm. 15).↩
9
Anspielung auf die Doppeldeutigkeit der Rätsel stellenden mythologischen Mischwesen, die besonders vor ägyptischen Tempeln platziert waren. Vgl. C. Meier-Seethaler, Drei unsterbliche Monster: Drache, Sphinx und Greif, in: Spinnenfuß und Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen, hrsg. von P. Michel (Schriften zur Symbolforschung, Bd. 16), Zürich 2013, S. 99–106, dort S. 102f 📖. Zu Barths gelegentlicher Verwendung des Vergleiches von Theologie / Religion mit Sphingen vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 15, Anm. 28 📖.↩
10
Wie Ernst Haeckel war auch der Schweizer Psychiater, Hirnforscher und Entomologe August-Henri Forel (1848–1931) ein führender Vertreter des Monismus und Mitunterzeichner des Gründungsaufrufs für den Deutschen Monistenbund (s. oben, S. 179, Anm. 12). 1898 zog Forel sich von seinen ­beruflichen Verpflichtungen zurück und lebte seit 1902 in Yvorne bei Aigle VD. Von dort aus entfaltete er ein großes Engagement in philosophischen, sozialreformerischen und medizinisch-ethischen Fragen, das besonders auch im nahen Genf seine Wirkung nicht verfehlte. «Der Monismus, den Forel unermüdlich vertrat, hatte bei ihm stark ersatzreligiöse Züge» ( R. Barth, Freidenker – Monisten – Gottlose. Ein Beitrag zur Geschichte atheistischer Bewegungen in der deutschen Schweiz 1900–1940, in: ThZ 41 [1985], S. 412–433, dort S. 423 📖).↩
11
Der Keplerbund war 1907 in Frankfurt/Main von Eberhard Dennert (1861–1942) gegründet worden. Ziel war es, in bewusstem Widerspruch gegen den wesentlich von Haeckel inspirierten Monistenbund die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und Naturwissenschaft aufzuzeigen. Vgl. P. Ziche, Wissenschaftliche Weltanschauung. Gemeinsamkeiten und Differenzen monistischer und anti-monistischer Bewegungen, in: Angst vor der Moderne. Philosophische Antworten auf Krisenerfahrungen. Der Mikrokosmos Jena 1900–1940, hrsg. von Kl.-M. Kodalle (Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Bd. 5), Würzburg 2000, S. 63–88, dort bes. S. 70–75 📖.↩
12
Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Genf, Jg. 5 (1909). Die Hefte 3 und 4 dieses Jahrgangs liegen weder im KBA noch in der Universitätsbibliothek Genf noch in der heutigen Deutschschweizer Reformierten Kirchgemeinde Genf vor. In den einsehbaren Heften 1, 2, 5 und 6 fand sich kein entsprechender Artikel.↩
13
Wohl eine zuspitzende Verkürzung der Position Zwinglis, wie sie etwa in dessen Schrift Sermonis de providentia dei anamnema ausgeführt ist (Huldreich Zwinglis Sämtliche Werke, Bd. VI/3 [CR 93/3], Zürich 1983, S. 1–230, dort bes. S. 169–192) 📖, wo es u. a. heißt: «Aus alledem lernt man das folgende: daß denen, die erwählt sind, der Glaube gegeben wird; und daß diejenigen, die den Glauben haben, gerechtgesprochen sind, das heißt: sie sind erlöst, so daß sie keine Verdammung erwartet. Nicht so, als ob der Glaube wie ein Werk ist, […], sondern daß diejenigen, die den Glauben an Gott haben, ohne jeglichen Zweifel wissen, daß Gott mit ihnen durch seinen Sohn versöhnt ist» (Übersetzung nach: H. Zwingli, Schriften, im Auftrag des Zwinglivereins hrsg. von Th. Brunnschweiler / S. Lutz, Bd. 4, Zürich 1995, S. 230f. 📖).↩
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Die einschlägigen Aussagen finden sich in den Kanones über die Rechtfertigung des Konzils von Trient (DH 1551–1583 📖); vgl. bes. Kan. 32 (DH 1582): «Wer sagt, der Gerechtfertigte erlange mit den guten Werken, die von ihm durch Gottes Gnade und das Verdienst Jesu Christi (dessen lebendiges Glied er ist) getan werden, in Wahrheit nicht die Vermehrung der Gnade, das ewige Leben und (sofern er nur in der Gnade gestorben ist) den Eintritt in dieses ewige Leben, wie auch die Vermehrung der Herrlichkeit: der sei mit dem Anathema belegt.»↩
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Leopold II. von Belgien (1835–1909), seit 1865 König der Belgier, forcierte bald nach seinem Amtsantritt die Kolonialisierung des Kongo. 1885 ließ er sich vom belgischen Parlament zum souveränen König des inzwischen geschaffenen formal unabhängigen Kongo-Freistaats bestimmen, der ihm somit persönlich gehörte. Die immer stärker zunehmende europaweite Kritik an seiner extrem brutalen und blutigen Herrschaft, die Millionen Tote und Verstümmelte hinterließ, führte 1908 dazu, dass das belgische Parlament die Hoheit über den Kongo dem belgischen Staat übertrug. Vgl. A. Hochschild, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen 📖, Stuttgart 2000.
Der Grund der Unbeliebtheit Leopolds II. selbst im eigenen Land rührte auch daher, dass er 1900, schon vor dem Tod seiner Ehefrau Marie-Henriette von Österreich (1836–1902), eine Liebesbeziehung mit Blanche (Caroline) Delacroix (1883–1948) einging, die er öffentlich lebte und aus der zwei Söhne hervorgingen. Fünf Tage vor seinem Tod heiratete Leopold II. seine Geliebte, um diese Beziehung noch zu legalisieren. Vgl. a.a.O., S. 314ff.; J. des Cars, Blanche Delacroix, Paris 2013 📖.↩