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        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 30</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,5</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,5, 23. Januar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53032 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53032</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 30: Predigt: Jakobus 1,5</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">32</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,5, 23. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1473">KBA 1008</ref>. </bibl>
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      <creation>
        <date type="creation" when="1910-01-23">23. Januar 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
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                </head>
                
                    <dateline>Sonntag, den <date when="1910-01-23">23. Januar 1910</date>,
                                <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName> <date rend="right">(Sonntag Septuagesimae)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                      
                       <cit> <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.5 Jak.1.18"> Jakobus 1,5<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. ist ursprünglich Vers 5–7 angegeben; dies
                                wurde durch gründliches Radieren in Vers 5 korrigiert. Die
                                bereits mitübersetzten Verse 6f. wurden im Mskr.
                                überklebt.</note>
                            </ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Wenn aber einer von euch an
                                    Weisheit zurück ist, der bitte von Gott, welcher Allen gibt,
                                    ohne Weiteres<note xml:id="n01">Zur Übersetzung
                                        s. unten, <ref type="pub" target="#fn_n18">Anm. 18</ref>.</note> und rückt nichts vor, und es
                                    wird ihm gegeben werden.</hi>
                            </quote>
                       </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir haben uns in den beiden letzten Predigten mit den kurzen, fast trockenen
                    Worten beschäftigt, in denen <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> die Grundzüge des Lebens des Christen in der <term type="Sachen" key="Christen, Leben in der Welt">Welt</term>
                        darstellt.<note xml:id="n02">Predigten zu <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.1 Jak.1.2 ">Jak. 1,1f.</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.2 Jak.1.4">Jak. 1,2–4</ref>; s.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p280#p280">S. 280-293</ref> und <ref type="pub" target="../volume/53/p294#p294">S. 294-308</ref>
                        </note> Euer inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> wird da bedroht werden durch <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>, sagt er seinen
                    Lesern, aber ihr sollt das nicht als ein Unglück ansehen, sondern als eine
                        <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, weil der Kampf dagegen
                    der Weg zu <term type="Sachen" key="Versuchung, Weg zu Gott">Gott</term>
                    ist. Denn wenn sich in diesem Kampf euer inneres Leben bewährt und
                    behauptet, dann kommt <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Stetigkeit</term> und Beharrlichkeit in dies euer inneres Leben, die
                    hilft euch weiterwandern dem Ziele entgegen. Das <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Ziel heißt aber: vollkommene und ganze Menschen werden, Menschen der
                    Freiheit und des Sieges. So haben wir’s gehört, und so steht’s
                    da in kräftigen, fast hätte ich gesagt: kalten Zügen. Es weht uns etwas an
                    wie scharfe Bergluft aus den kurzen Sätzen am Anfang dieses Briefs. Weil es
                    ganze, konsequente Sätze sind, bei denen es nicht viel zu grübeln gibt,
                    sondern die uns ohne Umschweife vor das Entweder-Oder stellen, das das Wesen
                    der christlichen <term type="Sachen" key="Entscheidung, Wesen der christlichen Religion">Religion</term>
                    ausmacht, weil sie nicht eine beliebige Religion der Gedanken und Gefühle
                    ist, sondern die Religion der <term type="Sachen" key="Christentum, Religion der Sittlichkeit">Sittlichkeit</term>. Du
                    sollst! rufen diese Sätze, klipp und klar und ohne Nebentöne, und das macht,
                    dass Bergluft daraus weht. Bergluft ist freilich nicht für jedermann. Und so
                    kann ich mir’s wohl denken, dass <pb xml:id="p310" ed="pga"/> diese Sätze
                    vielleicht auch nicht jedermann Freude machen. Wenn sie nicht im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> stünden, hätte
                    vielleicht auch der eine oder andre von uns Lust, sich davor zu behüten und
                    zu sagen: das sei eine reine <term type="Sachen" key="Moralpredigt">Moralpredigt</term>, und auf diese Weise komme die <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> zu kurz. Ihr habt gewiss auch schon davon
                    gehört, dass viele Leute die Pfarrer einteilen in solche, die Moral
                    predigen, und in solche, die Christum predigen. Je nachdem gibt man dann den
                    einen und den andern die bekannten Parteinamen. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> müsste nach dieser Unterscheidung zu denen
                    gehören, die Moral predigen, denn der Name Jesu kommt in seinem Brief nur
                    zwei Mal vor, wie ich euch auch schon gesagt habe.<note xml:id="n03">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p281#p281">S. 281</ref>.</note> Aber es ist doch eine oberflächliche
                    Sache um diese Unterscheidung. Denn wer so ernsthaft von der <term type="Sachen" key="Moral">Moral</term> redet, d. h. von der Frage, wie
                    das zugeht, dass einer ein guter Mensch werde, wenn einer das so ernst und
                    folgerichtig tut wie Jakobus, der redet im Grunde vom Herrn Jesus, auch wenn
                    sein Name dabei kein einziges Mal vorkäme. Und umgekehrt: wer ernsthaft
                    Christum predigt, <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> wer nicht nur ein frommes Spiel
                    treibt mit den bekannten großen Gedanken der <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term> über ihn, sondern sich eindringlichst die
                    Frage stellt: wer war Jesus, und was hat er für uns zu bedeuten?, der redet
                    im Grunde von der Frage: wie werden wir gute Menschen? <term type="Sachen" key="Religion, und Moral">Religion</term> und Moral sind eben im
                    Christentum nicht mehr zweierlei, Gott <term type="Sachen" key="Gott, haben">haben</term> heißt ein guter Mensch werden, und ein guter Mensch werden
                    heißt Gott haben. Und weil beides eins ist, darum muss in allem Reden vom
                    Christentum die Bergluft wehen, die uns durch Mark und Bein geht, weil es
                    sich darum handelt, dass wir andre, neue <term type="Sachen" key="Mensch, neuer">Menschen</term> werden. Und wenn sie uns vielleicht
                    etwas unfreundlich angeweht hat aus den ersten Sätzen des Jakobus, so wollen
                    wir uns dadurch nicht abschrecken lassen, sondern es soll uns ein Zeichen
                    sein, dass dieser Mann uns etwas zu sagen hat von echtem, wirklichem <term type="Sachen" key="Christentum, echtes">Christentum</term>. Wenn man
                    seine Worte eine Moralpredigt nennen will, so ist’s jedenfalls eine
                    Moralpredigt im Lichte der Ewigkeit, nicht eine, die sich zersplittert über
                    allerlei Fragen nach dem, was wohlanständig und nützlich ist, sondern eine
                    Moralpredigt im großen Stil, die nur in einer Forderung besteht: Mensch,
                    werde wesentlich!<note xml:id="n04">Vgl. das <bibl corresp="kbga-bibls-2630">Sinngedicht «Zufall
                        und Wesen» von <persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName> (=
                        Johannes Scheffler [1624–1677]) aus dessen Sammlung
                        «Cherubinischer Wandersmann» (1657/75; in: <hi rend="italic">Das Zeitalter des
                            Barock. Texte und Zeugnisse</hi>, Studienausgabe, hrsg. von
                        A. Schöne, München 1988, S. 282)</bibl>: 
                        <q rend="block">
                            <lg>
                        <l>Mensch, werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht,</l>
                        <l>So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    Und diese Forderung ist keine andre als die For<pb xml:id="p311" ed="pga" break="no"/>derung: Mensch, werde ein <term type="Sachen" key="Mensch, Gottesmensch">Gottesmensch</term>!, wie Jesus sie
                    aufgestellt hat. Gott in seinem ganzen <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term> steht hinter dieser <term type="Sachen" key="Moralpredigt">Moralpredigt</term> und hinter dieser Forderung. Aber nicht nur in
                    seinem ganzen Ernst. Auch in seiner ganzen <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term>.</p>
                <p rend="margin-top">Und wenn das nicht wäre, dass Gott uns seine Freundlichkeit
                    erleben lässt, so wäre es eine sinnlose Grausamkeit, einen Menschen zum
                    Gehorsam gegen das <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetz</term> aufzufordern. Um uns das klar zu machen, brauchen
                    wir nur noch einmal an <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> die zwei Marksteine zu
                    denken, von denen wir am Anfang der letzten Predigt sprachen. Der Gehorsam
                    gegen das sittliche <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetz</term> bringt dich in einen Kampf mit dir selbst, der dich
                    unglücklich macht, das war der eine Markstein. Aber der Gehorsam gegen das
                    sittliche Gesetz <hi rend="italic">allein</hi> schafft freies, persönliches <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term> in dir, das war der
                        andre.<note xml:id="n05">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p294#p294">S. 294-297</ref>.</note> Die Bewährung in den gleichgiltigen
                        <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidungen</term> des
                    Alltags, das sind die Schritte, die vom einen zum andern führen, und es
                    gilt, den Weg zu gehen ohne Zaudern, weil das Ziel immer noch
                        <hi rend="italic">vor</hi> uns liegt. Das wäre nun recht und gut, und es mag uns
                    einleuchten, dass das in der Tat der Weg ist <hi rend="italic">und</hi> die Art, ihn
                    zu gehen. Aber wir haben uns an das Selbstbekenntnis des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Römer 7 erinnert, und da
                    steckt nun eine Frage darin, auf die wir trotz Allem noch keine Antwort
                    haben: die große Menschheitsfrage: Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen
                    des Guten nicht [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18">Röm. 7,18</ref>]. |</p>
                <p>Wenn ein Mann wie Paulus auf der reifen Höhe seines großen und reichen Lebens
                    so etwas von sich sagt, um wieviel mehr wir. Denn wenn wir nicht den Mut und
                    die <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term> und die
                    Folgerichtigkeit besitzen, mit der er sich selbst beurteilte, so ist das
                    noch kein Beweis dagegen, dass es mit uns gerade so steht. Im Gegenteil: Der
                    Anfang zum Vollbringen des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> besteht darin, dass wir merken, dass es uns an Kraft zum
                    Vollbringen <hi rend="italic">fehlt</hi>, gerade wie <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> gesagt hat, der Anfang des Wissens
                    bestehe darin, zu wissen, dass wir nichts <pb xml:id="p312" ed="pga"/>
                        wissen.<note xml:id="n06">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2558">
                                <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, <hi rend="italic">Apologie</hi>,
                        21d</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p199#fn_n06">S. 199, Anm. 6</ref>.</note> Solange es uns nicht klar ist, dass es eine
                    harte und verzweiflungsvolle Sache ist, jenen Weg zu gehen, solange ist uns
                    das Ziel noch nicht deutlich in seiner niederdrückenden Erhabenheit. Und
                    wenn <persName ref="kbga-actors-2676">Schopenhauer</persName> in
                    einem scharf zugespitzten Wort gesagt hat, <term type="Sachen" key="Optimismus, Ruchlosigkeit">Optimismus</term> sei nicht nur ein
                    Irrtum, sondern eine Ruchlosigkeit,<note xml:id="n07">Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2631">
                                <persName ref="kbga-actors-2676">A. Schopenhauer</persName>, <hi rend="italic">Die Welt als Wille und Vorstellung</hi>,
                        Erster Band: <hi rend="italic">Vier Bücher nebst einem Anhange, der die Kritik der
                            Kantischen Philosophie enthält</hi> (1819; 1859<hi rend="sup">3</hi>; ders., Werke in 5 Bänden, hrsg. von L. Lütkehaus, Bd. 1,
                        Frankfurt/Main 2006, S. 424 (4. Buch, § 59)</bibl>: «Uebrigens kann ich hier
                        die Erklärung nicht zurückhalten, daß mir der <hi rend="italic">Optimismus</hi>
                        […] nicht bloß als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft
                            <hi rend="italic">ruchlose</hi> Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn
                        über die namenlosen Leiden der Menschheit.»</note> so ist daran
                    jedenfalls richtig, dass eine optimistische Beurteilung des eigenen Könnens
                    von vornherein der Ruin <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> eines wahrhaft
                    sittlichen <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Wollens</term> und
                    Vollbringens ist. Denn wenn uns unser Können nicht eine Frage ist, sondern
                    eine Selbstverständlichkeit, dann verdient unser Wollen den Namen sittlich
                    und gut noch nicht, weil sittliches, gutes Wollen gerade auf das gerichtet
                    sein muss, was <hi rend="italic">über</hi> unser Können geht. Es ist eine schöne und
                    erfreuliche Sache, wenn wir’s in der Bewährung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term> an irgend einem
                    bestimmten Punkt zur <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term>, also zum Können, zum Vollbringen des Guten
                    gebracht haben, aber wenn wir’s nicht sofort darauf absehen, es durch
                    die Standhaftigkeit zur <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> zu bringen, so heißt das, dass wir auf der
                    Wanderung faul geworden sind. Die erworbene Standhaftigkeit gegen die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>, das erkämpfte Können
                    kann und darf uns in keinem Augenblick genug sein, wenn wir lebendige
                    Menschen <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>werden wollen<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. ursprünglich vertauscht und nachträglich mit Bleistift
                            korrigiert.</note>. Gerade diese Erkenntnis des Ungenügens unsres Wesens, gerade sie
                    bringt das Leben in unser Dasein. Aber mit dem Leben jene innere Unruhe, die
                    in manchen Momenten bis zur Verzweiflung an uns selbst gehen kann. Wenn wir
                    nämlich auf die Schranken in unserm Wesen stoßen, auf unsre natürlichen
                    Triebe und Neigungen, die uns vom Lande der Freiheit trennen, auf die
                    Gesetze der stumpfen <term type="Sachen" key="Welt, stumpfe">Welt</term>,<note xml:id="n08">Anspielung auf den <bibl corresp="kbga-bibls-1871">Beginn der
                        siebten Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von 
                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl>(s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p293#fn_n15">S. 293, Anm. 15</ref>).</note> die wir auch in uns spüren, als hätten
                    wir sie bei der Geburt mit auf die Welt bekommen. |</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p313" ed="pga"/> Und wenn darum <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in unserm
                    heutigen Textwort den Fall setzt, dass <hi rend="italic">einer von euch an Weisheit
                        zurück ist</hi>, so redet er keineswegs etwa von einem merkwürdigen
                    Ausnahmefall des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, für den er den Rat gibt zu beten, wie ein Doktor für
                    diese oder jene Krankheit ein Rezept gibt. Der Fall, den er setzt, ist
                    vielmehr gerade der Fall jedes ernsten, lebendigen Menschen, der durch die
                    Bewährung des Glaubens zur Vollkommenheit wandern möchte. Ihr müsst nämlich
                    das Wort <term type="Sachen" key="Weisheit">«Weisheit»</term> recht
                    verstehen. Wir denken dabei unwillkürlich an so <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                    etwas wie Wissenschaft oder Gelehrsamkeit. Aber es gibt leider viele
                    Gelehrte und Männer der Wissenschaft, die noch lange keine <term type="Sachen" key="Weisheit, und Gelehrsamkeit">Weisen</term> sind. Im
                        <term type="Sachen" key="Altertum">Altertum</term> verstand man etwas
                    viel Wichtigeres darunter als das intellektuelle Wissen: <term type="Sachen" key="Weisheit, Lebenstüchtigkeit">Lebenstüchtigkeit</term>, das hieß
                    Weisheit. Bei den Juden stand sie so hoch im Ansehen, dass man davon redete
                    wie von einem besondern persönlichen Mittelwesen zwischen Gott und Mensch.
                    Ein Weiser sein, hieß weise, nach Gottes Gesetz <term type="Sachen" key="Weisheit, Leben nach Gottes Gesetz">leben</term>.<note xml:id="n09">Vgl. etwa <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.1.1 Ps.1.3">Ps. 1,1–3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.16.20 Spr.16.23">Spr. 16,20–23</ref>; ausführlich: <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.1 Spr.9">Spr. 1–9</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.28">Hiob 28</ref>. Siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-2632">
                                <persName ref="kbga-actors-9240">M. Saur</persName>, <hi rend="italic">Einführung in
                            die alttestamentliche Weisheitsliteratur</hi>, Darmstadt
                        2012</bibl>.</note> Und bei den Griechen hieß der ein Philosoph, d. h. ein
                    Liebhaber der Weisheit, der auf der Suche war nach der <term type="Sachen" key="Weisheit, Suche nach der Kunst zu leben">Kunst</term> zu
                        leben.<note xml:id="n10">Insbesondere die philosophischen
                        Schulen des <term type="Sachen" key="Epikureismus">Epikureismus</term>
                        und <term type="Sachen" key="Stoizismus">Stoizismus</term> wiesen «ein
                        durch Selbstsorge und Lebenskunst gekennzeichnetes
                        Philosophieverständnis» auf, «in dem die Philosophie als Weisheit im
                        Sinne einer umfassenden theoretischen und vor allem praktischen
                        Daseinsorientierung und in diesem Sinn als Lebensform verstanden wird»
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-2633"><persName ref="kbga-actors-9241">A. Speer</persName>, Art.
                        «Weisheit», in: HWP 12, Sp. 371–397, dort Sp. 373</bibl>).</note>
                    Lebenstüchtigkeit, Einsicht und Fähigkeit, recht zu leben, das ist’s,
                    wovon <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> redet. Und er meint
                    also, ein ernsthafter Mensch komme früher oder später, nicht nur einmal,
                    sondern öfters, je ernster er’s nehme, desto mehr auf den Punkt, wo
                    er sich sagen müsse, dass er an <term type="Sachen" key="Weisheit">Weisheit</term>, d. h. an Lebenstüchtigkeit, an Kraft und Mut, es durch
                    die <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term> zur
                        <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> zu
                    bringen, dass er in diesem einen, was nottut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], nicht auf der Höhe,
                    sondern zurück sei. Dass er zurück sei in dem, was er <hi rend="italic">sei</hi>,
                    gegenüber dem, was er sein <hi rend="italic">sollte</hi>. Jakobus war keine so
                    lebhafte, durchgreifende und klare Natur wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Wir finden bei ihm keinen solchen aus
                    tiefster Seele aufsteigenden Seufzer wie den: ich unglücklicher Mensch! wer
                    wird mich <pb xml:id="p314" ed="pga"/> erlösen von diesem Leibe des Todes! [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.24">Röm. 7,24</ref>] Aber offenbar hat
                    er uns hier mit seinem schlichteren, weniger tiefen Gedanken doch auf
                    denselben Punkt geführt wie dort Paulus, auf den Punkt nämlich, wo es heißt:
                    Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> nicht.</p>
                <p>Wer seine Bibel kennt, weiß, wie Paulus an diesem merkwürdigen und für das
                    innere Leben so unendlich wichtigen Punkte fortfährt, nachdem er jenen
                    Seufzer nach <term type="Sachen" key="Erlösung">Er<pb ed="A" rend="hidden" n="7"/>lösung</term> ausgestoßen. Kurz und
                    unvermittelt folgt der Satz: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern
                    Herrn [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.25">Röm. 7,25</ref>]. In
                    plötzlich ausbrechender Freude sieht er die Brücke geschlagen von der Not
                    des Kampfes zur Freude des Sieges. Jakobus führt uns bedächtiger, aber er
                    führt uns an dasselbe Ziel. Er heißt den Menschen, der nach der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> des
                    persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Lebens</term>
                    wandert, <term type="Sachen" key="Beten">
                            <hi rend="italic">beten</hi></term>. Und in
                    den Sinn dieser Aufforderung müssen wir uns nun vertiefen.</p>
                <p rend="margin-top">Wenn einer von euch an <term type="Sachen" key="Weisheit">Weisheit</term> zurück ist, <hi rend="italic">der bitte von Gott, welcher Allen
                        gibt, ohne Weiteres, und rückt nichts vor</hi>. Wenn wir verstehen
                    wollen, was das heißen will, aus tiefer <term type="Sachen" key="Not">Not</term>, aus der tiefsten, die es gibt, der Not des innern Lebens,
                    das um seine Existenz kämpft, zu Gott rufen, zu beten, dann brauchen wir uns
                    nur, wie wir’s eben getan haben, die Erfahrung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu vergegenwärtigen, wie er
                    sie Römer 7 schildert. Ich wiederhole es: Paulus und <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sind grundverschiedene Menschen gewesen,
                    aber weil es für uns hier weniger auf die Menschen ankommt als auf die große
                    Sache, von der sie in so verschiedener Weise geredet haben, dürfen wir uns
                    unbedenklich den Jakobus durch Paulus interpretieren lassen: Jakobus
                    antwortet auf die Frage, was einer tun soll, wenn er merkt, dass die Kraft
                    seines innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> nicht
                    genüge, mit dem inhaltschweren Wort: der bitte von Gott! Paulus gibt sich
                    selbst und seinen Lesern keinen solchen Rat. Zusammenhangslos scheinbar und
                    plötzlich kommt es heraus: Dank sei Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.
                    Und doch ist’s bei näherem Zusehen dieselbe Antwort auf dieselbe
                    Frage. Und wenn wir den Rat des Jakobus für unser Leben fruchtbar machen
                    wollen, dann müssen wir zusehen, wie Paulus diesen Rat, den ja Jakobus nicht
                    selbst erdacht hat, befolgt hat.</p>
                <p>Offenbar so: ihm war Gott ein harter, schrecklicher Gott geworden in dem
                    Augenblick, wo er dessen gewahr wurde, wie fern<pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>er dem <pb xml:id="p315" ed="pga"/> Gehorsam gegen sein gutes und heiliges <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> sei, wie unendlich
                    fern der Vollkommenheit. Das hat ihn niedergedrückt und lässt ihn seufzen:
                    ich unglücklicher Mensch. Aber nun erinnert er sich einer Tatsache, die sagt
                    ihm, dass Gott noch etwas Anderes ist als ein harter, endlos fordernder
                        <term type="Sachen" key="Gott, fordernder Gesetzgeber">Gesetzgeber</term>. Sie sagt ihm, dass er nicht nur gehorchen muss,
                    sondern dass er vertrauen darf, weil Gott nicht nur <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist, sondern <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>. Die Tatsache, an die er
                    sich erinnert, ist die Tatsache, dass einmal ein so merkwürdiger Mensch
                    gelebt hat wie Jesus Christus. In ihm waren unauflöslich verbunden der große
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Ernst">Ernst</term>, der nichts
                    sucht als Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Ehre">Ehre</term>, und die
                    große <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term>, die nichts will, als dass allen Menschen
                    geholfen werde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Tim. 2,4</ref>]. Wenn seine Freunde und Paulus mit ihnen an ihn dachten,
                    dann sagten sie zueinander: gerade so und nicht anders ist Gott, so ernst
                    und so freundlich. Diese Erinnerung wurde ihnen mehr als eine Erinnerung,
                    sie wurde ihre <term type="Sachen" key="Gewissheit, des Glaubens">Glaubensgewissheit</term>, die nie versiegende Quelle ihres innern
                    Lebens. Und so verwandelt sich der Schrecken und die Traurigkeit des
                    sittlichen Gehorsamskampfes dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in Sieg und Befreiung, weil er’s erleben durfte
                    und immer wieder erlebte, dass Gott schenkt wie er fordert. Und das war
                    seine Erlösung, wenn er in den Augenblicken höchster Not dessen gewahr
                    wurde, dass er in all seiner Schwachheit geborgen sei in der starken Hand
                    des freundlichen <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Gottes</term>.</p>
                <p> Und nun ist <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term> nichts Anderes im
                    tiefsten Grunde als dies einfache, immer erneute Gewahrwerden der Quelle
                    unsres innern Lebens, dies Gewahrwerden der schenkenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Gottes</term>, der verborgene Rekurs auf
                    den Schöpfer alles <term type="Sachen" key="Gott, Schöpfer">Lebens</term>.
                    Wie der Riese der griechischen Sage immer neue Kraft gewann, sooft er die
                    Mutter Erde berührte,<note xml:id="n11">Gemeint ist der Titan
                        Antaios, in der griechischen Mythologie der Sohn der Gaia (und des
                        Poseidon), dem die Berührung mit seiner Mutter, der Erde, immer neue
                        Kraft verlieh. In den Kämpfen, zu denen er alle aufforderte, die in sein
                        Land kamen, konnte er deshalb nicht besiegt werden. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2634">
                                <persName ref="kbga-actors-9242">I. Becher</persName>, Art. «Antaios»,
                        in: <hi rend="italic">Lexikon der Antike</hi>, hrsg. von J. Irmscher in
                        Zusammenarbeit mit R. Johne, Leipzig 1990<hi rend="sup">10</hi>,
                        S. 39</bibl>.</note> so geht’s den inwendig lebendigen Menschen, sooft
                    er die Quelle berührt, der die Kraft und der Inhalt seines Lebens entflossen
                    ist.</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p316" ed="pga"/> <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Wenn du an <term type="Sachen" key="Weisheit">Weisheit</term> zurück bist, dann bitte von Gott! Wenn du merkst, wie
                    fern du der Vollkommenheit bist, weil dein Können nicht ausreicht, dann
                    befiehl dem Herrn deine Wege [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.37.5">Ps. 37,5</ref>]. Er hat das große Wollen in dein Herz
                    gepflanzt, die Sehnsucht nach dem Großen, Ganzen, Vollkommenen, die der
                    bewegende Nerv deines innern Lebens geworden ist. Danke ihm für diese
                    Sehnsucht, sie hebt dich heraus aus der grauen Reihe der Gleichgiltigen, der
                    viel zu Vielen,<note xml:id="n12">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-326"> <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach
                            Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche Werke.
                        Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M.
                        Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 226f.</bibl>: «Ach! Immer sind
                        ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und Übermut hat; und
                        solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist
                            <hi rend="italic">feige</hi>. Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der
                        Alltag, der Überfluß, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind
                        feige!» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-326">a.a.O., S. 55.62.91</bibl>.</note> sie macht dich zum
                    lebendigen Menschen. Danke Gott dafür, freue dich darüber, auch wenn diese
                    Sehnsucht dir jene schmerzlichen Stunden des Ungenügens schafft. Dieser Dank
                    ist ja nichts Anderes als die tiefe, letzte Erkenntnis, dass er die Macht
                    ist über Alles, größer auch als dein Herz, das dich anklagt [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.20">1.Joh. 3,20</ref>]. Und zu dieser
                    tiefen, letzten Erkenntnis weiß ich dir auch keinen bessern Weg als den, den
                    Paulus eingeschlagen. Besinne dich auf das merkwürdige Leben, das aus den
                    Worten und Taten des Herrn Jesus hervorleuchtet. Das ist eine Tatsache, die
                    offen vor Aller Augen liegt, die sehen wollen, eine Tatsache, die nicht
                    erfunden werden kann und die nichts [zu] tun hat mit den <term type="Sachen" key="Dogmen">Dogmen</term>, in die man sie nachher eingekleidet hat,
                    eine Tatsache, die nicht einmal gewesen ist und dann vorbeiging, sondern die
                    gegenwärtig, unmittelbar wirkt, wo sie hinkommt. Und das ist ihre Wirkung,
                    dass sie den suchenden, kämpfenden Menschen Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term> erleben lässt. Wo Jesus
                    einem solchen Menschen deutlich und lebendig wird, da hört er Gottes Stimme:
                    Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
                    erquicken [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]. Er
                    hat gemerkt: ich kann nicht! Nun merkt er: aber Gott kann. Wahrhaftig, diese
                        <term type="Sachen" key="Gewissheit">Gewissheit</term> ist nicht ein
                    bequemes Ruhekissen für das unruhige <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>,<note xml:id="n13">Vgl. das deutsche
                        Sprichwort: «Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen» (dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich II, S. 547</bibl>).</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> denn der Gott, der spricht: du kannst!, ist
                    derselbe, der spricht: du sollst! Der Kampf gegen die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>
                    <pb xml:id="p317" ed="pga"/> wird dem Menschen keinen Augenblick abgenommen, aber
                    der Kämpfer wird ein anderer. Die Freudigkeit zum Kämpfen, von der wir vor
                    14 Tagen geredet,<note xml:id="n14">Siehe oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p290#p290">S. 290-293</ref>.</note> ist nun
                    da. Gott ist ihm nun nicht bloß ein fernes Ziel, das über allerlei
                    Hindernisse weg gewonnen werden muss, sondern eine gegenwärtige <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Kraft</term>, die uns geschenkt ist.</p>
                <p> Und nun sagt <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> noch einige
                    schlichte, aber feinsinnige Worte über die Art, wie uns diese Kraft, die uns
                    mangelt, geschenkt wird: Einmal, meint er, der Gott, zu dem ihr bitten
                    sollt, ist einer, <hi rend="italic">welcher Allen gibt</hi>. Es ist nicht
                    gleichgiltig, ob ein Menschenkind fürchten muss, das Erlebnis des Siegs und
                    der Befreiung auf dem Weg nach der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> sei etwas, was nur wenigen Aristokraten des
                    Geistes, Herrenmenschen, wie <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> das nannte,<note xml:id="n15">Der Begriff «Herrenmensch» findet sich bei
                            <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>
                        wörtlich nicht, wurde aber schon 1906 als ein auf Nietzsche
                        zurückgehendes «Modeschlagwort großer Bildungskreise» bezeichnet, das
                        auf von Nietzsche eingeführte Begriffe wie «Übermensch»,
                        «Herren-Rechte», «Eroberer- und Herrenrasse» sowie seine
                        Gegenüberstellung von «Herren-Moral und Sklaven-Moral» zurückgehe (<bibl corresp="kbga-bibls-2635">Art.
                        «Herrenmensch», in: <persName ref="kbga-actors-9243">O. Ladendorf</persName>, <hi rend="italic">Historisches Schlagwörterbuch. Ein
                            Versuch</hi>, Straßburg / Berlin 1906, S. 122</bibl>).</note>
                    zuteilwerden könne, oder ob ihm gesagt wird, dass ein Gott da ist, der Allen
                    gibt, die ihn bitten. Freilich, unsre menschliche Betrachtungsweise muss oft
                    mit dem betrüblichen Resultat schließen: auf zehn Tote ein Lebendiger. Und
                    dies Resultat hat auf zwei so verschiedene Geister wie <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvin</persName> und Friedrich <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> den Eindruck
                    gemacht, als ob überhaupt nur ein Teil der Menschen zum Leben berufen
                        seien.<note xml:id="n16">Zu <bibl corresp="kbga-bibls-16">
                                <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> vgl. bes. Inst. III,21</bibl>: «Von
                        der ewigen Erwählung, kraft deren Gott die einen zum Heil, die anderen
                        zum Verderben bestimmt hat»; zu <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> s. oben im Text.</note>
                    Wer darf auftreten und behaupten, dass das nicht wahr sei angesichts des
                        Schattenspiels,<note xml:id="n17">Zu dieser Anspielung auf
                            <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> Höhlengleichnis
                        vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> das sich täglich um uns abspielt und das sich
                    Menschenleben heißt? Aber das darf gesagt werden: dies Urteil mag für
                    menschliche Betrachtungsweise unvermeidlich sein; wir dürfen es aber nicht
                    als das letzte Wort, als das Urteil Gottes, als <term type="Sachen" key="Wahrheit, im Licht der Ewigkeit">Wahrheit</term> im Lichte der
                    Ewigkeit betrachten. Diese feine Linie haben <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und Nietzsche überschritten, und
                    hier liegt ihr Irrtum. Der Gott, den wir durch Je<pb xml:id="p318" ed="pga" break="no"/>sum
                    kennenlernen, ist ein Gott für <term type="Sachen" key="Gott, für alle">Alle</term>, und seine <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                    <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist auf Alles gerichtet,
                    was Mensch heißt. Wenn es anders wäre und wo man Wert darauf legt, es sich
                    anders zu denken, da bekommt das innere Leben, der Glaube des Menschen im
                    frömmsten und tiefsinnigsten Gewand einen Zug von peinlicher <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>. Und das in Jesus uns
                    geschenkte innere Leben, der christliche <term type="Sachen" key="Glaube, in Jesus Christus geschenkt">Glaube</term>, soll doch
                    gerade Überwindung auch der frommen <term type="Sachen" key="Selbstsucht, fromme">Selbstsucht</term> sein. Du bist kein <term type="Sachen" key="Gottesmensch">Gottesmensch</term>, solange
                    du’s nicht gemerkt, dass wirklich alle Menschen das werden sollen.
                    Das höchste persönliche Leben, die scheinbar größte Gottesnähe schlägt um in
                    die fatalste Brutalität, die vom persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term> weltenfern geschieden ist, wenn
                    sie vergiftet wird durch den Gedanken: Ja, <hi rend="italic">ich</hi>, aber die andern
                        <hi rend="italic">nicht</hi>, der Nachbar und die Nachbarin zur Rechten und zur
                    Linken nicht. Ein so kraftvoller, lebendiger Mensch wie Nietzsche ist
                    gescheitert an dieser Klippe. Und es scheitern heimlich Viele an dieser
                    Klippe, die sich vor <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> nicht genug bekreuzigen können. So gibt uns der Zusatz
                    des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>: der Gott, welcher
                    Allen gibt, zweierlei mit auf den Weg: einmal: freue dich, du darfst dich an
                    Gott wenden, tu nur die Augen auf, sein Geschenk ist auch für dich! und
                    dann: merk wohl auf!, wendest du dich wirklich an den Gott, der Allen <term type="Sachen" key="Gott, für alle">gibt</term>, ist dein inneres Leben
                    so beschaffen, dass du Gott anders gar nicht kennst denn als den <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> deiner Brüder und
                    Schwestern, wie er der Deine ist? Oder wendest du dich an einen
                    selbstgemachten Gott, zu dessen Lieblingssohn du dich eingesetzt hast? Merk
                    wohl auf, das eine heißt <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term>, das
                    andre heißt fromme Spielerei.</p>
                <p>Und nun kommt eine zweite wichtige Bestimmung hieher über die Art, wie uns
                    Gott im Kampf um die <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> seine <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term> erleben lässt, oder mit
                    andern Worten, wie er das Gebet unsrer tiefsten Seele um Kraft zum <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Leben erhört. Gott <hi rend="italic">gibt ohne
                        Weiteres</hi>, habe ich nach dem Neuen Testament von <persName ref="kbga-actors-6226">Weizsäcker</persName> übersetzt.<note xml:id="n18">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2412">
                                <hi rend="italic">Das Neue Testament</hi>, übersetzt von
                        C. Weizsäcker, Tübingen / Leipzig 1903<hi rend="sup">9</hi>,
                        S. 166.</bibl>
                        </note>
                    <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> braucht den
                    Ausdruck «einfältiglich» und meint dasselbe.<note xml:id="n19">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2636">WA.DB 7, 388 u. 389</bibl>; so auch noch in der revidierten Ausgabe der
                        Luther-Bibel von 1892.</note> Gottes Geschenk ist eine ganz schlichte,
                    einfache Sache. Es besteht in nichts Andrem als darin, dass dein innerstes
                    Wesen frei und freudig <pb xml:id="p319" ed="pga"/> und trotzig wird, obwohl du
                    weißt, dass du dich keiner Vollkommenheit rühmen darfst. Nicht mehr zögernd
                    und zweifelnd, sondern in getroster Siegesgewissheit seinem Ziele zuwandern,
                    das heißt ein Mensch sein, dessen <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> erhört ist. |</p>
                <p>Dass es wirklich und tatsächlich etwas höchst Einfaches ist um die <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term>, dieselbe schlichte Sache
                    für die Männer und Frauen der Arbeit und des Erwerbslebens wie für die
                    Herren Pfarrer, für die Gebildeten wie für die Ungebildeten, für die, die in
                    jede Versammlung<note xml:id="n20">Gemeint sind die
                        Zusammenkünfte der meist pietistisch orientierten landeskirchlichen
                        Gemeinschaften.</note> gehen, und für die, denen das etwas Schreckliches
                    ist, dass wirklich und tatsächlich Gottes Geschenk für sie alle in der
                    einzigen schlichten Sache besteht, das geht uns Allen freilich schwer genug
                    in den Kopf. Wir haben Alle noch vom <term type="Sachen" key="Katholizismus">Katholizismus</term> her – und auch von gewissen Richtungen des
                        <term type="Sachen" key="Pietismus">Pietismus</term> her die
                    Vorstellung, <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> müsse
                    irgendwie etwas Verzwicktes sein, ein Gebäude mit Vorräumen, mit
                    Empfangssälen für jedermann und mit Hinterstuben und Salons für bevorzugte
                    Gäste, ein merkwürdiges Gemisch von hohen Lehren und schwierigen Geboten,
                    etwas, wozu wenn nicht Kerzen und Weihrauch, so doch ein gewisses
                    Geschmäcklein und eine besondere Sprache, nämlich die Sprache der <term type="Sachen" key="Lutherbibel">Lutherbibel</term>, notwendig gehöre,
                    etwas, worüber man am besten nur halblaut redet oder dann gleich im Brustton
                    des Bekenners. |</p>
                <p>Etwas von solchen Vorstellungen über Frömmigkeit tragen wir Alle in uns
                    herum, es ist vielleicht auch ein Stück von den <term type="Sachen" key="Gesetze, weltliche">Gesetzen</term> der Welt, die mit uns geboren
                    scheinen. Und gerade bei lebendigen Menschen und <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> ist das am öftesten der Fall. Aber wir
                    wollen uns nun sagen, dass das, in welcher Form <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>
                    es bei uns der Fall sein mag, eine schwere Schranke unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> ist, die fallen muss.
                    Seht doch einmal, wie Jesus gelehrt und gelebt hat! In seiner Art war
                    wahrhaftig gar nichts von dem Komplizierten, Heimlichen, Weihrauchmäßigen,
                    das nachher aus dem <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>
                    immer wieder geworden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, und Christentum">ist</term>. Wenn das wirklich
                    deine Erfahrung ist, dass Gott dir in ihm etwas geschenkt hat, wenn es dir
                    so geht, dass du dich nur zu ihm zu wenden brauchst, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es dort tat, um sagen zu
                    dürfen: Dank sei Gott!, bevor du noch Gedanken und Worte zum <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term> gesammelt hast, <pb xml:id="p320" ed="pga"/> wenn das bei dir so ist, nicht wahr, dann musst du, welches
                    auch sonst die Art deiner Frömmigkeit sei, sagen, dass <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> recht hat, dass Gott wirklich ohne Weiteres
                    gibt, einfältiglich. Sein Geschenk besteht in der unendlich schlichten und
                    einfachen Sache, dass er dich bei der Hand nimmt und zu dir sagt: So, du
                    bist mein liebes Kind, und nun gehen wir den weitern Weg zusammen. Das waren
                    die Großen auf dem Gebiet des persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Lebens</term>, die zu sich selbst und zu den
                    andern gesagt haben: all das Drum und Dran im Leben der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> ist schön und gut, aber das, worauf
                    es für dich ankommt, ist, dass du merkst, dass Gott ohne Weiteres gibt,
                    einfältiglich, schlicht und unscheinbar. Das Große auf diesem Gebiet ist das
                    Einfache. Lieber Freund, wer du auch seist, ich wünsche dir, dass dir Gott
                    einen Menschen auf deinen Lebensweg stelle, der dir das zeige, wie er mir
                    einen solchen auf meinen Lebensweg gestellt hat.<note xml:id="n21">Möglicherweise meint Barth hier <persName ref="kbga-actors-2">Robert Aeschbacher</persName> (1869–1910), bis
                        1907 Pfarrer an der Berner Nydegg-Kirche, danach am Berner Münster, bei
                        dem er einen ihn sehr beeindruckenden Konfirmandenunterricht erlebte,
                        der ihn ausweislich seiner späteren Erinnerungen einen entscheidenden
                        Anstoß dazu gab, Theologe werden zu wollen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">
                                <persName ref="kbga-actors-3129">Busch</persName>, S. 42f.</bibl>
                        </note> Vielleicht ist
                    die Vereinfachung, um die sich’s hier handelt, der wichtigste Schritt
                    auf dem Weg zur <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>.</p>
                <p>Und nun das Letzte, was Jakobus über Gottes freundliches Geschenk sagt: Gott
                    gibt und <hi rend="italic">rückt</hi>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>
                    <hi rend="italic">nichts vor</hi>. Das Bild, das er da braucht, leuchtet unmittelbar
                    ein: es wird viel geschenkt im Leben der Menschen. Es ist erstaunlich zu
                    hören, wieviel z. B. in einer Stadt wie <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> alle Tage geschenkt wird. Aber es ist eben mit dem <term type="Sachen" key="Schenken">Schenken</term> von uns Menschen immer eine
                    merkwürdige Sache. Fragt einmal die, die darauf angewiesen sind, Geschenke
                    anzunehmen, wie es ihnen dabei zumute sei. Und noch besser, ihr, die ihr
                    schenkt, sei’s in dieser oder jener Weise, wir wollen einmal
                    revidieren, wie es <hi rend="italic">uns</hi> dabei zumute ist. Wenn wir’s
                    genau nehmen, merken wir da bald, wieviel von dem darin ist, was unser Text
                    «vorrücken» oder «aufrücken» nennt. Ob wir’s laut oder leise tun,
                    macht dabei keinen Unterschied. Wir schenken, aber wir schenken mit dem
                    ausgesprochenen oder stillen Hintergedanken: Hier, mein lieber Freund! Hier,
                    gute Frau! Da hast du etwas! Aber eigentlich verdienst du es nicht. Denn
                    erstlich hast du dich selbst <pb xml:id="p321" ed="pga"/> ins Pech gebracht, und
                    zweitens wirst du nur zu bald wiederkommen. Der freundliche Schenker mag zu
                    solchen Hintergedanken allen Anlass und alles Recht haben, aber das ändert
                    nichts daran, dass er mit Hintergedanken <term type="Sachen" key="Schenken">schenkt</term>. So machen es wir Menschen. Gott macht es anders, er
                    schenkt und rückt nichts vor. Er hätte zwar allen Anlass, viel größern als
                    ein Mensch irgend einem andern gegenüber. Denn erstlich müssten wir uns auch
                    sagen, dass wir selbst schuld sind, wenn es uns an Kraft fehlt, die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> zu überwinden, und
                    dies Bewusstsein macht ja gerade, dass unsre Lage so peinlich ist. Und
                    zweitens ist keiner davor gefeit, Gottes freundliches Geschenk gar bald ein
                    zweites und drittes Mal in Anspruch nehmen zu müssen. Aber Gott rückt nichts
                    vor. Das heißt: er pflanzt Sieg und Überwindung in dein inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> in ganzer Fülle, ohne
                    dass <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> und <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> mit ihren Skrupeln dazwischen
                    treten dürfen, ohne dass dich der stechende <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/>
                    Schmerz der Erinnerung plagen muss, wie es bis jetzt gestanden mit deinem
                    Nicht-Können, noch der Zweifel, wie es in Zukunft stehen werde.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wie du bist, so darfst du kommen,</l>
                            <l>Höre, was sein Wort verspricht.</l>
                            <l>Du wirst freundlich aufgenommen,</l>
                            <l>Kehre wieder, zaudre nicht!<note xml:id="n22">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-176">Schlussverse der ersten Strophe des Liedes «Kehre wieder,
                                    kehre wieder» von <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (GERS
                                    222).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Gott rückt nichts vor. D. h., wenn du betest, so ist er
                    wirklich und wahrhaftig bei dir, und du bist stark und trotzig gegen Alles,
                    was kommen mag. Wenn du betest! So war nach dem Bericht des Alten Testaments
                    in der Amalekiterschlacht der Sieg auf Seiten <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israels</term>, solange <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seine betenden Hände zum Himmel erhob [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.17.11">Ex. 17,11</ref>]. Solang du betest!
                    Solang dein inneres Auge unverwandt auf das Leben des Ernstes und der
                    Freundlichkeit gerichtet ist, das Jesus von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term> gelebt hat. Wir
                    müssen das nächste Mal mehr davon reden, was das heißt: <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term>. Denn wenn das wahr ist, dass Gott dem, der
                    betet, nichts vorrückt, dass er vielmehr in seiner ganzen <term type="Sachen" key="Gott, Fülle">Fülle</term> einzieht in sein Leben,
                    dann muss für uns Alles darauf ankommen, dass wir beten, wirklich beten.
                    Eins will ich dir schon heute sagen: es kann in nichts <pb xml:id="p322" ed="pga"/> Andrem bestehen, als dass du mit dem <rs type="person" ref="kbga-actors-313">Apostel</rs> sagen lernst: <hi rend="italic">Dank</hi> sei Gott durch unsern
                    Herrn Jesum Christum [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.25">Röm. 7,25</ref>].</p>
                <p>Freue dich, dir wird gegeben werden, nein, dir <hi rend="italic">ist</hi> gegeben!</p>
            </div>  
            <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
            </div>
            <div type="songs">
                <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-122">Nr. 171: «Liebster Jesu, wir sind hier» von <persName ref="kbga-actors-2169">T. Clausnitzer</persName>,
                            Strophen 1–3 (RG 159; EG 161 [mit geringen
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-267">Nr. 245: «Eins ist not! Ach Herr, dies Eine» von <persName ref="kbga-actors-2499">J. H. Schröder</persName>,
                            Strophen 1–2 (EG 386, 1–2 [mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-46">Nr. 298: «Mache dich, mein Geist, bereit» von<persName ref="kbga-actors-2396"> J. B. Freystein</persName>,
                            Strophen 6.7.8 (EG 387,3.4,6).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.86">Psalm 86.</ref>
                        </item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
