Predigt Nr. 28 · 9. Januar 1910

Predigt: Jakobus 1,1-2

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Jakobus 1,1–2
Jakobus, Gottes und des Herrn Jesu Christi Knecht, grüßt die zwölf Stämme in der Zerstreuung. Seht es für lauter Freude an, meine Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet.
Meine Freunde!

Advent und Weihnacht und Neujahrstage liegen wieder einmal hinter uns, und wir Alle sind in das Leben zurückgekehrt, das man a-ja wohl so-a das «Alltagsleben» zu nennen pflegt. Die einen freudig und zufrieden, die andern gleichgiltig wie immer, die dritten verdrossen und gelangweilt. Aber wie dem auch sein mag, b-die Tatsache ist da-b, und daran ändern die Stimmungen nichts, in denen wir uns mit ihr abfinden. Und ich meine, es ist gut, wenn wir es versuchen, uns auch hier in der Kirche auf den Alltag einzurichten, so gut unser Christentum es tun muss. Denn eine Frömmigkeit, die etwas taugen soll, muss ja gerade Frömmigkeit des Alltags sein, nicht so ein schönes, aber im Grund unnützes Festgewand, das man wohl vier oder fünf Mal des Jahres aus dem Schrank hervorholt, um in den Zwischenzeiten umso ungenierter in ganz andern Gewändern umherzugehen.

Die christlichen Festzeiten vergleiche ich mit den Reservoirs für die Wasserleitungen. Es ist gut, dass sie da sind, dass wir uns da immer wieder der Quellen vergewissern können. Aber so gewiss der Zweck einer Wasserleitung der ist, nicht nur das Wasser in wohlgebauten und sinnreich konstruierten Reservoirs zu fangen und zu sammeln, sondern es in die Häuser und in die Gärten und auf die Felder der Leute zu leiten, so gewiss muss die christliche Frömmigkeit ins Leben, in die Praxis; und wenn sie’s nicht tut, so verdient sie ihren Namen nicht, mag sie angeblich so tief und so geistlich sein, als sie will.

281Und nun wollen wir’s an diesem Sonntag und an einigen folgenden, versuchen, zu sehen, wie das ist, wenn Frömmigkeit Leben, Alltagsleben wird. Wohlverstanden: wir haben’s dabei nötiger als je, immer wieder nach den Quellen zu fragen; und die Meinung ist nicht, als ob wir dabei von einer andern Sache redeten als in den Festtagen. Wir betrachten dieselbe Sache, aber diesmal recht ausdrücklich von einem andern Ort aus, nämlich vom Standpunkt des Werktags. Ich habe mir gedacht, dass wir uns dazu einige Mal mit dem Jakobusbrief beschäftigen könnten, weil er so recht von einem Werktagschristen geschrieben ist und sein Inhalt Werktagschristentum. Die Sonntagsfreude wird darüber nicht zu kurz kommen.

Vielleicht ist es keine unpassende Einleitung dazu, wenn ich ein kurzes Wort über diesen Brief als Ganzes vorausschicke. Es ist ein merkwürdiges kleines Buch, und seine Geschichte ist ein Stück Kirchengeschichte, das nicht nur die Professoren angeht.

Zuerst einiges Äußerliche. Wer der Jakobus gewesen ist, der ihn geschrieben hat, ist schwer auszumachen. Man hat natürlich an den Apostel Jakobus gedacht oder an den Bruder Jesu, der diesen Namen trug, aber die meisten Gelehrten nehmen heutzutage an, es sei weder der eine noch der andre gewesen, sondern ein sonst unbekannter christlicher Lehrer desselben Namens, der etwa ums Jahr 100 n. Chr. gelebt hätte. Es ist ferner wahrscheinlich, dass sein Brief ursprünglich kein Brief gewesen ist, sondern eine Sammlung einzelner Reden und Aussprüche. Für uns kommt es nicht darauf an, wer der Mann gewesen und wie sein Büchlein zustandegekommen ist, sondern darauf, was er uns zu sagen hat.

Und wenn wir darauf achtgeben, ganz im Allgemeinen zunächst, so machen wir vor Allem eine wichtige Beobachtung: Wer etwa von den Paulusbriefen her zu Jakobus kommt, der ist meistens, je nachdem, angenehm oder unangenehm enttäuscht. Warum? Weil alle religiöse Lehre über den Glauben, über Christus, über das Jenseits, wie sie im Römer- oder Galaterbrief so reichlich vorkommt, fast völlig fehlt. Man hat nachgezählt und gefunden, dass der Name Jesu nur zwei Mal im ganzen Brief vorkommt. Dafür beschreibt der Verfasser ganz einfach und schlicht einige wichtige Züge des äußernc Lebens des Chris|282ten, wie es sein sollte. Und darüber freuen sich nun die einen, weil sie meinen, es gehöre zum religiösen Fortschritt, über die religiöse Lehre die Nase zu rümpfen und nur das Leben zu betonen, während die andern sich offen oder im Stillen über Jakobus ärgern, weil sie gern ein kompliziertesd Christentum haben und weil ihnen ein bloß praktisches Christentum zu simpele und wohl gar zu weltlich ist. Etwas von dieser verschiedenen Beurteilung war nun von Anfang an da, wenn auch noch tiefere Gründe dazu kamen, von denen wir später zu reden haben werden. Es hat nämlich bis ins vierte Jahrhundert gedauert, bis es in der ganzen christlichen Kirche beschlossen und anerkannt war, dass der Jakobusbrief zum Neuen Testament gehöre. Ihr müsst denken, dass das Neue Testament, wie wir es jetzt haben, nicht auf einmal da war, sondern da gab’s am Anfang eine viel größere Menge ähnlicher Schriften, die in den zerstreuten Gemeinden des großen Römerreichs gelesen und vorgelesen wurden, hier mehr die einen und dort mehr die andern. Aus ihnen wurden allmählich die 27 Bücher und Büchlein ausgewählt, die zusammen unser jetziges Neues Testament ausmachen. Gegen manche davon war man jahrhundertelang misstrauisch, ob sie auch würdig seien, dem heiligen Buch der Kirche anzugehören, und zu denen gehörte auch der Jakobusbrief. Man wollte ihn an vielen Orten nicht im Neuen Testament haben, f-eben weil man ihn so ganz anders fand als die Briefe des Paulus-f. Es ist doch gut für uns, dass damals schließlich die Stimmen derer siegten, die fanden, es dürfe auch eine solche Darstellung des Christentums rein von der praktischen Seite, wie sie der Jakobusbrief bietet, im Neuen Testament nicht fehlen. Und so wurde er doch aufgenommen.

Aber nun hat viele Jahrhunderte später der Reformator Luther ein Wort über diesen Brief gesagt, das geht ihm bis heute nach. Dieser große Mann hatte einen trefflichen Maßstab, nach dem er das Wertvolle in der Bibel erkannt und vom Andern geschieden wissen wollte. «Darin», sagt er, «stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben. Auch ist das der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen, wenn man sieht, ob sie |283 Christum treiben oder nicht.»1 Auf diesen Prüfstein hat Luther nun auch den Jakobusbrief gelegt, und nach seiner Meinung bestand er die Probe nicht. Darum nannte er ihn in seiner Vorrede zum Neuen Testament kurzweg «eine rechte stroherne Epistel», die keine evangelische Art an sich habe.2 Es ist gut, dass Luther dieses scharfe Wort ausgesprochen hat, wegen der christlichen Freiheit nämlich, die wir auch der Bibel gegenüber haben und die wir uns nicht nehmen lassen wollen. Aber richtig ist sein Urteil doch nicht gewesen. Gerade wenn wir mit der christlichen Freiheit, zu der er uns den Weg gewiesen, ernst machen, gerade dann, meine ich, müssen wir sagen, dass Christus gepredigt und getrieben werden kann, wie er’s fordert, auch ohne dass immer direkt von ihm die Rede ist. Christus selbst hat ja gesagt, dass nicht, die Herr, Herr sagen, sondern die den Willen tun seines Vaters, ins Himmelreich kommen sollen [vgl. Mt. 7,21], und in dieser Richtung müssen wir das Christentum des Jakobusbriefs zu verstehen suchen. Es ist gut, dass wir Paulus und Jakobus im Neuen Testament haben, wie es noch heute Christen gibt, deren Stärke im Nachdenken über die göttlichen Dinge besteht, während den andern das Christentum vorzüglich eine Sache des Willens ist. Diese Mannigfaltigkeit schon des Neuen Testaments zeigt uns, wie eben Beides zusammengehört und im letzten Grunde doch nicht etwas Verschiedenes ist, sondern dieselbe Sache. Die Menschen sind verschieden, und ihre Lehreg ist verschieden, aber die Wahrheit ist die eine. Das ist aber die Wahrheit des Christentums, dass wir in Jesus Gott erleben und erfahren als den Herrn unsres innern Menschen und dass Jesus Gestalt gewinne bei uns und durch ihn Gott der Herr werde unsres äußern Menschen, unsres ganzen Daseins.

284 I

Jakobus redet die Leser seines Büchleins an als die zwölf Stämme in der Zerstreuung. Wir denken gleich an die zwölf Stämme Israels. Aber er redet ja Christen an? Darunter waren auch ehemalige Juden, gewiss, aber die Mehrzahl bestand doch in gewesenen Heiden, die mit den zwölf Stämmen nichts zu tun hatten. Da müssen wir uns erinnern, dass die erste Christengemeinde gerne sich selbst als das wahre Israel, als das erwählte Gottesvolk bezeichnete, das gehörte h-zur Theologie-h , zum Stil jener Zeit. Der Zusatz «in der Zerstreuung» führt uns gleich mitten in die Sache hinein. Die Christen waren damals eine kleine Minderheit, hier eine kleine Gruppe oder Gemeinde und dort eine, zersprengt, zerstreut unter den Heiden, wie etwa heutzutage Protestanten in katholischen Ländern in der Zerstreuung leben, in der Diaspora, wie man das nach dem griechischen Ausdruck unsres Textes nennt. Heutzutage ist das scheinbar anders geworden. Die Christen sind, wenigstens in Europa, nicht mehr in der Zerstreuung, nicht mehr eine kleine Minderheit, sondern sie sind im Lauf der Jahrhunderte die große Masse geworden. Die aus irgend einem Grund zu keiner christlichen Kirche oder Gemeinschaft gehören, sind ein verschwindender Bruchteil gegenüber dem zahllosen Volk, das alle Jahre getauft, konfirmiert, kirchlich getraut und beerdigt wird, das auch wohl zwischen diesen großen Etappen des Lebens das eine Mal oder das andre seine Schritte nach der Kirche lenkt: Die Christen sind die große Masse geworden. Aber wenn ich das so sage, so merkt ihr gleich, dass die Sache einen Haken haben muss. Der Haken ist sogar recht groß. Denn so einfach hat Jesus sich die Sache kaum gedacht, als er seine Leute aussandte mit dem Befehl, aller Welt das Evangelium zu verkündigen [Mk. 16,15 par.]. Und der dänische Philosoph Kierkegaard hat nicht so unrecht mit seinem scharfen Spott über das wohlfeile Allerweltschristentum der angeblichen Jünger dessen, der gesagt hat: ihr müsst gehasst werden von jedermann um meines Namens willen [Mt. 10,22 par.].3 Vielleicht ist doch etwas daran, dass die wahren Christen noch |285 heute in der Diaspora leben, als eine Minderheit, als die Unbekannten und doch bekannt, wie Paulus das einmal ausdrückt [2.Kor. 6,9]. Denn die Lebendigen sind immer einsam gewesen. Wer einmal begonnen hat, ein eigenes Leben zu leben, der weiß davon zu erzählen, wie er unter zehn Menschen kaum einen getroffen hat, der sich merklich aus der Herde hervorhob, die täglich an uns vorüberweidet, der ihn verstand und den er verstand, bei dem er erfreut hätte ausruhen mögen: Auch Einer!4 Auch einer aus dem verborgenen Gottesvolk der Lebendigen. Diese Stimmung der Einsamkeit kann zu einer Stimmung des Hochmuts werden, zu einer geistigen oder geistlichen Aristokratie, die mit der ernsten Erkenntnis, dass wir Gäste und Fremdlinge sind auf Erden [Hebr. 11,13], ein selbstgefälliges Spiel treibt. Und dann endet sie unfehlbar in der geistigen oder geistlichen Verkümmerung. Aber dahin braucht es nicht zu kommen. Die Einsamkeit ist an sich das natürliche Schicksal und Erlebnis des ernsten, lebendigen Menschen, des Christen, Nietzsche sagt einmal trefflich: «Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt, und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler.»5 Ein Christ Werden besteht unter anderem auch darin, dass man aus einem Schauspieler ein wirklicher Mensch wird. Dass man einmal verzichten |286 lernt auf all die Verkleidungen und auswendig gelernten Rollen, die uns von allerlei Theatermeistern als unentbehrlich für das sogenannte «praktische» Leben angepriesen werden. Dass man beginnt, i-man selbst-i zu werden. «Nach Gott und meiner Seele habe ich zu fragen. Nach nichts weiter? Nein, nach nichts weiter», so sagte Augustin einmal.6 Das war die Einsamkeit der ersten Christen im heidnischen Römerreich, und das ist auch heutej die Einsamkeit des Christen inmitten der sogenannten Christenheit. Dann probier’s nur einmal, wirklich zu verzichten auf die Verkleidungen und auf die auswendig gelernten Rollen, nach denen das Volk des Marktes verlangt und an denen es seine Freude hat; probier’s einmal, ein Anderer zu sein, nicht nur hier in der Kirche, sondern draußen an deinem Platz, wo du hingestellt bist, und du wirst bald merken, wie wenig das den Übrigen gefällt und wie bald du da ein Einsamer wirst inmitten der Menschen, ob du’s willst oder nicht. Da ist schon Mancher als Sonderling und Mômier7 verschrien worden, einfach weil er es eines Tages wagte, dem Gesetz Gottes, das das Gesetz seines eigenen Inwendigen geworden war, zu folgen und nicht mehr dem Gesetz der öffentlichen Meinung des großen oder kleinen Kreises, in dem er lebte. Wenn etwas aus dir werden soll, dann musst du das auf dich nehmen, es anders zu machen als die andern, in der Minderheit zu sein, nicht um interessant zu erscheinen, wahrhaftig nicht, aber weil es der Sache nach nicht anders geht. Du musst dem Herdenwesen der großen Masse gegenüber etwas empfinden von dem Trotz der Einsamkeit, wie ihn Goethe einmal ausspricht:

Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten,
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten,
287 Und ich reite froh in alle Ferne,
Über meiner Mütze nur die Sterne.8

II

Aber solcher Trotz der Einsamkeit, der das Getümmel des Marktes auf sich beruhen lässt und fröhlich nach Gottes Gesetz lebt, solcher Trotz, meine ich, ist bälder ausgesprochen und den großen Einsamen aller Zeiten nachgesprochen als gelebt und geübt am Werktag wie am Sonntag.

Das hat auch Jakobus gut gewusst. Und darum geht er, nachdem er seine Leser als die zwölf Stämme in der Zerstreuung, als das freie und trotzige Gottesvolk in der Einsamkeit angeredet hat, gleich los auf die großen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die diese Stellung mit sich bringt. Ohne weitere Einleitung fängt er an: Seht es für lauter Freude an, meine Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet.

Versuchungen! Damit hat ein Mensch Gottes zu rechnen, das ist nun einmal nicht anders. Eine Versuchung bedeutet nichts Anderes, als dass unser Wille, der dem Gesetz Gottes folgen möchte, in Konflikt kommt mit den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen des Marktgetümmels des Lebens. Die Pietisten nennen dies Marktgetümmel kurzweg «die Welt». Warum sollten wir den Ausdruck nicht brauchen, die Bibel braucht ihn auch, und er bezeichnet kurz und gut das, worauf es ankommt. Im Christen soll etwas Anderes herrschen als die lärmenden Forderungen der «Welt», nämlich der gute Wille des lebendigen Gottes, der darauf ausgeht, uns wahrhaftig und wirklich und auch lebendig zu machen. Aber ein Mensch, der dem Gotteswillen, der in seinem Innern spricht, folgen möchte, wird bald zu erzählen wissen von Zusammenstößen mit den Gesetzenk der Welt, die vielmehr Unwahrhaftigkeit, Unwirklichkeit, Leblosigkeit von ihm fordern. Und die Gesetzel der Welt sind darum so peinlich |288 und dringend, weil wir Alle sie in uns selbst herumtragen, neben dem kleinen Anfang des Gottesgesetzes in uns! Man kann ihnen nicht davonlaufen, wie man einem unangenehmen Menschen davonläuft. Du kannst wohl ein Mönch werden und dir eine Zelle bauen inmitten der Wüste. Die Gesetze der Welt sind auch da, du entrinnst ihnen nicht, denn sie sind in dir. Wenn Gott spricht: Wage es, du selbst zu sein!, spricht die Welt: nein, sei einer von den Vielen, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht: Besinne dich darauf, was gut und recht ist!, spricht die Welt: nein, besinne dich darauf, was nützlich und angenehm ist, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht: Sieh nicht rechts noch links, sondern tu das, was du als gut erkannt hast!, spricht die Welt: nein, mach lieber einen kleinen Vertrag mit der strengen Forderung des Gewissens, und dann tu, was dir gefällt, das ist viel einfacher.

Wenn so die Stimmen in uns gegeneinander reden, das sind Versuchungen. Die Welt, das Marktgetümmel, die Gleichgiltigkeit, die Leblosigkeit versuchen es, uns für sich zurückzugewinnen, und es fehlt ihnen bei diesen Versuchungen nie an Advokaten in uns selbst, die ihnen m-zu best reden-m und uns überzeugen wollen, wieviel schöner und einfacher es sei, ihnen zu folgen als Gott. Es braucht noch lange keine großen Lebensfragen und -entscheidungen, keine groben Versuchungen und Sünden, damit eine Versuchung da sei. Die kleinsten sind die größten, weil sie uns nicht zusetzen wie ein feindliches Schwert, dem man mit Hieb n-und Parade-n begegnen kann, sondern wie unzählige Mückenstiche, gegen die es kaum eine Verteidigung zu geben scheint. Die Versuchungen des Alltags sind es, die uns zu schaffen machen, die täglichen und stündlichen Versuchungen, es mit dem Recht und mit der Wahrheit nicht allzu scharf zu nehmen, sondern mit den Wölfen zu heulen,9 weil das einfacher und nützlicher ist. Wer sie einmal erkannt hat als Versuchungen, der weiß, wie unglücklich sie uns machen, wie peinlich das für unser inneres Leben ist, wenn wir bemerken müssen, wie all die kleinen Verstöße gegen Recht und |289 Wahrheit, die wir uns erlauben, ohne viel dabei zu denken, sich summieren zu fatalen, sinnlosen Gewohnheiten, die uns selbst schlecht und sinnlos und wertlos machen vor unsern eigenen Augen. Sie machen uns unglücklich, diese Versuchungen, und nun kommt unser Textwort und sagt: seht es für lauter Freude an, meine Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet. Wenn ich’s recht überdenke, so kommt es mir vor, schon allein dieses erste widerspruchsvolle Wort des Jakobusbriefs genüge, um uns zu belehren, dass das doch keine stroherne Epistel ist, trotz Luther. Wenn wir etwas «strohern» nennen, so ist die Meinung, dass wir es glatt, selbstverständlich und darum unbedeutend finden. Aber schon dieser erste Satz hat wenig von dieser Art an sich. Was uns unglücklich macht, die Versuchungen, die wir als Menschen, die das Gute tun möchten, zu bestehen haben, das sollen wir nicht nur als kein Unglück ansehen, sondern als lauter Freude. Mir ist’s, das töne nicht strohern, sondern wie Erz und Eisen, nicht wie ein Ratschlag billiger Lebensweisheit, sondern wie Erkenntnis und Bekenntnis o-letzter menschlicher Wahrheit-o . Stroherne Lebensweisheit, wie sie sich auch heutzutage breit macht, würde ganz anders reden. Sie würde uns etwa vormachen wollen, mit Recht und Wahrheit sei’s nicht so gefährlich bestellt, das Peinliche der Versuchungen, mit denen wir’s täglich zu tun haben, werde verschwinden, wenn wir nur erst gemerkt, dass man’s eigentlich nicht so scharf nehmen darf mit dem sogenannten Gewissen, dass die wahre Lebenskunst im Treffen des juste milieu10, der goldenen Mittelstraße bestehe. Keine Laster und Übeltaten, behüte, das wäre der Gesundheit und Ruhe und dem Ansehen bei den Menschen schädlich, aber auch nur keine übertriebene Anstrengung für allerlei schöne Ideale, allzu hitzig sei nicht witzig, und so fort. So würde eine stroherne Epistel reden, aber der Jakobusbrief redet nicht so. Sein Verfasser denkt keinen Augenblick daran, den Ernst und das Unangenehme der Versuchungen abzuschwächen. Wenn ihm einer damit gekommen wäre, dies Unangenehme sei eigentlich eine Illusion, denn es komme nur daher, dass |290 man’s mit dem Willen zur Wahrhaftigkeit übertreibe, er würde ihm geantwortet haben: mein Freund, dann weißt du noch nicht, was Wahrhaftigkeit ist, und es müssen dir erst die Augen dafür aufgehen, bevor du darüber mitredest. p-Das Moralische-p verstand sich für ihn von selbst, darum redet er gar nicht erst davon, und eben darum war’s für ihn eine selbstverständliche Voraussetzung, dass der Gehorsam gegen den Willen Gottes, dass die Versuchungen, mit denen er zu kämpfen hat, für ernste Menschen eine schwere und unangenehme Sache seien.

Jakobus hat zu Menschen geredet, die es mit dem Willen Gottes ernst nehmen, die nicht von vornherein probieren, ihn umzubiegen, bis er ihnen nicht mehr unangenehm ist. Solche könnten seine Aufforderung zur Freude unmöglich verstehen. Sie hätte ihnen gar nichts zu sagen. Wohl aber hat sie denen etwas zu sagen, die im ernstenq Kampf mit den Versuchungen traurig und unglücklich geworden sind. Seht es für lauter Freude an! Warum? Wär’s denn nicht viel besser, die Welt wäre so eingerichtet, dass es von vornherein keine Versuchung darin gäbe, kein Marktgetümmel, das uns leblos und sinnlos machen will, sondern lauter gute, lebendige Menschen, dass wir selbst für Gottes Willen von vornherein empfänglich und offen wären? Und wenn das nicht zu machen ist, muss dann nicht ein ernster Christ wenigstens sein Dasein in der Welt als ein notwendiges Übel ansehen? Besteht nicht das rechte Christentum darin, dass man vor der Welt davonläuft, ganz kann man’s ja nicht, aber doch soviel man’s kann? Dass man die Gelegenheiten zur Versuchung auf eine möglichst kleine Zahl reduziert? Ich weiß wohl, viele ernste Christen sehen das so an, aber ich kann da nicht mit ihnen einig gehen, und Jakobus ist offenbar auch andrer Ansicht gewesen.

Seht es für lauter Freude an! Warum? Weil es gerade die Art des verborgenen Lebens ist, das Gott in uns wecken will, dass es im harten Kampf mit den Versuchungen erworben werden muss. Gott hat uns in die Welt hineingestellt, wie sie ist, nicht in ein Märchenland. In der Welt seinen Willen tun, das ist unsre Aufgabe, gar nichts Andres. Und |291 Gott hat uns als Menschen geschaffen, nicht als Engel. Als Menschen seinen Willen zu tun, nicht als irgend etwas Anderes, Selbsterdachtes, das ist das Ziel, das er uns gesteckt hat. Und darum ist es nichts mit dem Davonlaufen vor der Welt, erstens, weil es nicht möglich ist, und zweitens, weil es nicht ganz aufrichtig ist, und drittens, weil es dem Willen Gottes mit uns zuwiderläuft.

Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.11

Will sagen: wenn du auf eine Insel im Stillen Ozean gehst wie Robinson,12 um da deine Tage zuzubringen, so magst du dort ein geschickter Handwerker oder Künstler, ein großer Naturforscher und Gelehrter werden, ein Charakter, ein Christ wirst du so nicht.

Ein Christ wirst du aber dann, wenn du mit beiden Füßen auf dieser Erde stehst, in den Aufgaben deines Berufs, in deiner Familie und deinem Freundeskreis, in deinem Vaterland und deiner Gemeinde und wenn du da tapfer all dem ins Auge siehst, was dich an dir selbst und an Gott irre machen möchte. Da verlangt Gott deinen Dienst, nicht auf fernen Inseln. Siehst du, es kommt Alles darauf an, dass der Wille Gottes dir etwas Lebendiges werde, dass er dir nicht ein bloßer Glaubenssatz sei, sondern dass er dir Aufgaben und Ziele stelle. Dann ist’s aber nicht recht, nach einer Welt zu seufzen, in der Alles von vornherein schön und gut wäre, noch den Versuch zu machen, der Welt davonzulaufen. Sonst hätte ja der Wille Gottes in dir keine Ziele und Aufgaben mehr. Jede Versuchung ist eine Gelegenheit, Gottes Willen zu tun. Sieh der Welt einmal mit diesem Bewusstsein ins Auge! Nicht wahr, dann wird Einiges anders?

Die Welt hört dann auf, einfach die «böse Welt» zu sein. Der Ort, wo Gott dich hingestellt hat, kann nicht böse sein. Das Böse muss anderswoher kommen. Was sich jetzt Gott entgegenzustellen scheint, was dir eine Gelegenheit werden möchte, sinnlos und gottlos zu werden, das kann und soll vielmehr eine Gelegenheit werden, Gott näher zu kommen, wenn du es als eine Aufgabe verstehst, als eine Auffor|292derung, den guten Kampf zu kämpfen [vgl. 1.Tim. 6,12]. Ohne diesen Kampf könnten wir ja Gott nicht näher kommen, wir verstünden gar nicht, was das Gute ist, zu dem er uns erziehen will, wenn wir nicht täglich, stündlich die Möglichkeit sähen, etwas Anderes zu tun als das Gute. Und darum hat es doch seine Richtigkeit mit dem kühnen Wort: Seht es für lauter Freude an! Nicht ein Unglück sind die Versuchungen, aber die enge Pforte, die durchschritten werden muss [vgl. Mt. 7,13 par.]. Und so könnte uns wieder der tiefe Ernst unsrer Aufgabe in der Welt nicht deutlicher gemacht werden, als indem uns gesagt wird: Seht es für lauter Freude an. Wenn das so ist, dann bedeutet ja jede Versuchung, der wir erliegen, jedes Nachgeben gegenüber den Forderungen der Welt verpasste Gelegenheiten, Gott näher zu kommen.

Und so wird das Leben des Christen zum Leben eines Kämpfers. Du brauchst die Gelegenheiten zum Kämpfen und Siegen nicht weit zu suchen, du brauchst sie überhaupt nicht zu suchen. Du brauchst kein Don Quixote zu werden, der auf allerlei Abenteuer mit der Welt auszieht, um Gott zu dienen.13 Sei aber ein Held Roland, du weißt schon, wo das Tal Ronceval liegt, durch das gerade du ziehen musst.14 Fang in deinen täglichen Verrichtungen an, nie anders zu sein, als die Stimme Gottes in dir es gebietet, in deiner Arbeit, in deinem Verkehr mit den Andern. Wenn du einmal gemerkt hast, wie schwer das ist, verstehst du das Wort des Jakobus. Die Freude, die der Christ auch in den Versuchungen erlebt, besteht darin, dass der Weg über die Ver|293suchungen weg und nur dieser der Weg zu Gott ist. Es ist ein ungemein schlichter, schmaler und steiler Weg, aber es ist der königliche Weg der Freiheit!

Du Gottesvolk in der Zerstreuung, ihr Lebendigen in der Einsamkeit, ihr Christen inmitten der Christenheit, ihr Unbekannten und Unverstandenen, die ihr den lebendigen Gott im Herzen traget, fürchtet euch nicht, wenn die Wellen hoch gehen und euch den Atem nehmen wollen, betrübt euch nicht, wenn der Widerstand der stumpfen Welt15 euch zu schaffen macht.

Nein, seht es für lauter Freude an.

Seht, das haben wir an unserm Christenglauben, dass wir dem alten Wahrheitszeugen antworten dürfen: ja, so ist’s, und:

Es muss uns doch gelingen!16

Amen.
Lieder:
  • Nr. 23: «Lasst Jehovah hoch erheben» von L. Widmer, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 298: «Mache dich, mein Geist, bereit» von J. B. Freystein, Strophen 1–3 (EG 337,1.2 [dort ohne die dritte Strophe und mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 281: «Fortgekämpft und fortgerungen» von J. C. Lavater, Strophen 1–2 (RG 691,1–2). 🎵

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b-b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen und mit einem Fragezeichen versehen.↩
i-i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
k
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
m-m
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
n-n
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
o-o
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
p-p
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
q
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt und schwer zu entziffern.↩

Sachfußnoten

1
Barth zitiert in modernisiertem Deutsch M. Luther, Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi unnd Judas (1522), WA.DB 7, 384,25–27 📖.↩
2
M. Luther, Das Newe Testament Deutsch. Vorrhede (1522), WA.DB 6, 10,33–35 📖: «Darumb ist sanct Jacobs Epistel eyn rechte stroern Epistel […], denn sie doch keyn Euangelisch art an yhr hat, […].»↩
3
Vgl. S. Kierkegaard, Der Augenblick (Gesammelte Werke, Bd. 12), Jena 19092, S. 47f. (vgl. Gesammelte Werke, Abt. 34, Düsseldorf / Köln 1959, S. 167) 📖: «Indem also der Christ nach dem Christentum des Neuen Testaments alle die Anstrengung, den Kampf, die Qual auf sich nimmt, die mit der Forderung verknüpft sind, daß er absterbe, sich selbst hasse usw., leidet er zugleich durch den Gegensatz zu andern Menschen alles, wovon das Neue Testament immer und immer wieder spricht: daß er von den andern gehaßt, verfolgt wird, für die Lehre leidet usf. In der ‚Christenheit’ sind wir alle Christen / der Gegensatz gegen andere ist also nicht mehr vorhanden. In dem Sinne, welchen das Nichtssagende hat, hat man alle zu Christen und alles christlich gemacht / und so leben wir (als Christen) im Heidentum. […] Was ich hier bespreche, ist 1. eine christliche Kriminalsache, 2. ein bloßes Christentum-Spielen, 3. ein Versuch, Gott für Narren zu halten.»↩
4
Zu dieser Anspielung auf einen Romantitel von Friedrich Theodor ­Vischer vgl. oben, S. 204, Anm. 13.↩
5
Vgl. Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 65 (Erster Teil, Von den Fliegen des Marktes) 📖. Bei Nietzsche folgt im Satz noch: «[…] und das Geschwirr der giftigen Fliegen».↩
6
A. Augustinus, Soliloquia I, 2,7 (CSEL 89, S. 11,15–17) 📖: «Deum et animam scire cupio. Nihilne plus? Nihil omnino.»↩
7
«Mucker», Heuchler; Spottname für die Anhänger der Genfer Erweckungsbewegung. Vgl. V.u.kl.A. 1909–1914, S. 312, Anm. 7 📖, und a.a.O., S. 321: «So hießen bis jetzt die Freikirchlicher und Pietisten – Stündeler würde man in der deutschen Schweiz sagen –, […].»↩
8
Erste Strophe des Gedichts «Freisinn» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1819; ders., West-östlicher Diwan, Buch des Sängers [Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 3, Berlin 1965, S. 11f., dort S. 11]). 📖 ↩
9
Seit mittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich zu einer Redewendung im Sinne von «sich jeder Umgebung anpassen» verselbständigt hat; vgl. Röhrich V, S. 1742 📖.↩
10
Franz.: «richtige Mitte», im moralisch-ethischen Sinn: das der großen Mehrheit zusagende Mittelmaß.↩
11
J. W. von Goethe, Torquato Tasso, erster Aufzug, zweiter Auftritt (­Leonore). 📖 ↩
12
Vgl. D. Defoe, The life and strange surprizing adventures of Robinson Crusoe, of York, mariner, London 1719 📖; deutsche Übersetzung z. B.: Defoe’s Robinson Crusoe, aus dem Engl. von K. Altmüller, Leipzig [1895] 📖.↩
13
Vgl. M. de Cervantes Saavedra, El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha, Madrid 1605/1615 📖, deutsche Übersetzung: Der sinnreiche Junker Don Quixote von der Mancha, Stuttgart 18703 📖.↩
14
Das mittelalterliche «Rolandslied des Pfaffen Konrad» basiert auf dem Konflikt zwischen Christen und Mauren in Spanien und erzählt u. a., wie Roland, nach dem Sieg Karls des Großen dessen Lehnsherr in Spanien, mit seinem Heer von den verbliebenen Mauren im engen Tal von Ronceval in eine Falle gelockt wird. Die mit Karl dem Großen zurückeilende Streitmacht kommt zu spät. Der Märtyrertod Rolands und seines ganzen Heeres wurden fortan in verschiedenen Variationen zur Grundlage der Rolandssage. – Den historischen Hintergrund bildet die Schlacht bei Roncesvalles am 15. August 778, in der die unter dem Befehl des Grafen Roland (um 736–778) stehende Nachhut des ins Frankenreich zurückkehrenden Heeres Karls des Großen vollständig vernichtet wurde; angegriffen worden war sie allerdings nicht von Mauren, sondern von christlichen Basken.↩
15
Vgl. den Beginn der siebten Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1805; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966, S. 92–95, dort S. 94):) 📖
Nun glühte seine Wange rot und röter
Von jener Jugend, die uns nie entfliegt,
Von jenem Mut, der, früher oder später.
Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt […].
↩
16
Vgl. die dritte Strophe des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (RG 32; EG 362) 🎵:
Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr;
Es soll uns doch gelingen. […]
↩