Predigt: Jakobus 1,1-2
Advent und Weihnacht und Neujahrstage liegen wieder einmal hinter uns, und wir Alle sind in das Leben zurückgekehrt, das man a-ja wohl so-a das «Alltagsleben» zu nennen pflegt. Die einen freudig und zufrieden, die andern gleichgiltig wie immer, die dritten verdrossen und gelangweilt. Aber wie dem auch sein mag, b-die Tatsache ist da-b, und daran ändern die Stimmungen nichts, in denen wir uns mit ihr abfinden. Und ich meine, es ist gut, wenn wir es versuchen, uns auch hier in der Kirche auf den Alltag einzurichten, so gut unser Christentum es tun muss. Denn eine Frömmigkeit, die etwas taugen soll, muss ja gerade Frömmigkeit des Alltags sein, nicht so ein schönes, aber im Grund unnützes Festgewand, das man wohl vier oder fünf Mal des Jahres aus dem Schrank hervorholt, um in den Zwischenzeiten umso ungenierter in ganz andern Gewändern umherzugehen.
Die christlichen Festzeiten vergleiche ich mit den Reservoirs für die Wasserleitungen. Es ist gut, dass sie da sind, dass wir uns da immer wieder der Quellen vergewissern können. Aber so gewiss der Zweck einer Wasserleitung der ist, nicht nur das Wasser in wohlgebauten und sinnreich konstruierten Reservoirs zu fangen und zu sammeln, sondern es in die Häuser und in die Gärten und auf die Felder der Leute zu leiten, so gewiss muss die christliche Frömmigkeit ins Leben, in die Praxis; und wenn sie’s nicht tut, so verdient sie ihren Namen nicht, mag sie angeblich so tief und so geistlich sein, als sie will.
281Und nun wollen wir’s an diesem Sonntag und an einigen folgenden, versuchen, zu sehen, wie das ist, wenn Frömmigkeit Leben, Alltagsleben wird. Wohlverstanden: wir haben’s dabei nötiger als je, immer wieder nach den Quellen zu fragen; und die Meinung ist nicht, als ob wir dabei von einer andern Sache redeten als in den Festtagen. Wir betrachten dieselbe Sache, aber diesmal recht ausdrücklich von einem andern Ort aus, nämlich vom Standpunkt des Werktags. Ich habe mir gedacht, dass wir uns dazu einige Mal mit dem Jakobusbrief beschäftigen könnten, weil er so recht von einem Werktagschristen geschrieben ist und sein Inhalt Werktagschristentum. Die Sonntagsfreude wird darüber nicht zu kurz kommen.
Vielleicht ist es keine unpassende Einleitung dazu, wenn ich ein kurzes Wort über diesen Brief als Ganzes vorausschicke. Es ist ein merkwürdiges kleines Buch, und seine Geschichte ist ein Stück Kirchengeschichte, das nicht nur die Professoren angeht.
Zuerst einiges Äußerliche. Wer der
Und wenn wir darauf achtgeben, ganz im Allgemeinen zunächst, so machen wir
vor Allem eine wichtige Beobachtung: Wer etwa von den Paulusbriefen her zu
Jakobus kommt, der ist meistens, je nachdem, angenehm oder unangenehm
enttäuscht. Warum? Weil alle religiöse Lehre über den Glauben, über Christus, über das Jenseits, wie sie im Römer- oder Galaterbrief so
reichlich vorkommt, fast völlig fehlt. Man hat nachgezählt und gefunden,
dass der Name Jesu nur zwei Mal im ganzen Brief vorkommt. Dafür beschreibt
der Verfasser ganz einfach und schlicht einige wichtige Züge des äußernc
Lebens des Chris|282ten, wie es sein
sollte. Und darüber freuen sich nun die einen, weil sie meinen, es gehöre
zum religiösen Fortschritt, über die religiöse Lehre die Nase zu rümpfen und
nur das Leben zu betonen, während die
andern sich offen oder im Stillen über
Aber nun hat viele Jahrhunderte später der Reformator
284 I
Jakobus redet die Leser seines Büchleins an als die
zwölf Stämme in der Zerstreuung. Wir denken gleich an
die zwölf Stämme Israels.
Aber er redet ja Christen an? Darunter waren auch ehemalige Juden,
gewiss, aber die Mehrzahl bestand doch in gewesenen Heiden, die mit den zwölf Stämmen
nichts zu tun hatten. Da müssen wir uns erinnern, dass die erste Christengemeinde gerne sich
selbst als das wahre Israel, als das erwählte Gottesvolk bezeichnete,
das gehörte h-zur Theologie-h
, zum
Stil jener Zeit. Der Zusatz «in der Zerstreuung» führt uns
gleich mitten in die Sache hinein. Die Christen waren damals eine kleine
Minderheit, hier eine kleine Gruppe oder Gemeinde und dort eine,
zersprengt, zerstreut unter den Heiden, wie etwa heutzutage Protestanten
in katholischen Ländern in der Zerstreuung leben, in der Diaspora, wie man das nach dem
griechischen Ausdruck unsres Textes nennt. Heutzutage ist das scheinbar
anders geworden. Die Christen sind, wenigstens in Europa, nicht mehr in
der Zerstreuung, nicht mehr eine kleine Minderheit, sondern sie sind im
Lauf der Jahrhunderte die große Masse geworden. Die aus irgend einem
Grund zu keiner christlichen Kirche oder Gemeinschaft gehören, sind ein
verschwindender Bruchteil gegenüber dem zahllosen Volk, das alle Jahre
getauft, konfirmiert, kirchlich getraut und beerdigt wird, das auch wohl
zwischen diesen großen Etappen des Lebens das eine Mal oder das andre
seine Schritte nach der Kirche lenkt: Die Christen sind die große Masse
geworden. Aber wenn ich das so sage, so merkt ihr gleich, dass die Sache
einen Haken haben muss. Der Haken ist
sogar recht groß. Denn so einfach hat Jesus sich die Sache kaum gedacht,
als er seine Leute aussandte mit dem Befehl, aller Welt das Evangelium
zu verkündigen [
II
Aber solcher Trotz der Einsamkeit, der das Getümmel des Marktes auf sich beruhen lässt und fröhlich nach Gottes Gesetz lebt, solcher Trotz, meine ich, ist bälder ausgesprochen und den großen Einsamen aller Zeiten nachgesprochen als gelebt und geübt am Werktag wie am Sonntag.
Das hat auch
Versuchungen! Damit hat ein Mensch Gottes zu rechnen, das ist nun einmal nicht anders. Eine Versuchung bedeutet nichts Anderes, als dass unser Wille, der dem Gesetz Gottes folgen möchte, in Konflikt kommt mit den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen des Marktgetümmels des Lebens. Die Pietisten nennen dies Marktgetümmel kurzweg «die Welt». Warum sollten wir den Ausdruck nicht brauchen, die Bibel braucht ihn auch, und er bezeichnet kurz und gut das, worauf es ankommt. Im Christen soll etwas Anderes herrschen als die lärmenden Forderungen der «Welt», nämlich der gute Wille des lebendigen Gottes, der darauf ausgeht, uns wahrhaftig und wirklich und auch lebendig zu machen. Aber ein Mensch, der dem Gotteswillen, der in seinem Innern spricht, folgen möchte, wird bald zu erzählen wissen von Zusammenstößen mit den Gesetzenk der Welt, die vielmehr Unwahrhaftigkeit, Unwirklichkeit, Leblosigkeit von ihm fordern. Und die Gesetzel der Welt sind darum so peinlich |288 und dringend, weil wir Alle sie in uns selbst herumtragen, neben dem kleinen Anfang des Gottesgesetzes in uns! Man kann ihnen nicht davonlaufen, wie man einem unangenehmen Menschen davonläuft. Du kannst wohl ein Mönch werden und dir eine Zelle bauen inmitten der Wüste. Die Gesetze der Welt sind auch da, du entrinnst ihnen nicht, denn sie sind in dir. Wenn Gott spricht: Wage es, du selbst zu sein!, spricht die Welt: nein, sei einer von den Vielen, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht: Besinne dich darauf, was gut und recht ist!, spricht die Welt: nein, besinne dich darauf, was nützlich und angenehm ist, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht: Sieh nicht rechts noch links, sondern tu das, was du als gut erkannt hast!, spricht die Welt: nein, mach lieber einen kleinen Vertrag mit der strengen Forderung des Gewissens, und dann tu, was dir gefällt, das ist viel einfacher.
Wenn so die Stimmen in uns gegeneinander reden, das sind Versuchungen.
Die Welt, das Marktgetümmel, die
Gleichgiltigkeit,
die Leblosigkeit versuchen es, uns für sich zurückzugewinnen, und es
fehlt ihnen bei diesen Versuchungen nie an Advokaten in uns selbst, die ihnen
m-zu best reden-m
und uns überzeugen wollen, wieviel
schöner und einfacher es sei, ihnen zu folgen als Gott. Es braucht noch
lange keine großen Lebensfragen und -entscheidungen, keine groben Versuchungen und Sünden, damit eine Versuchung da
sei. Die kleinsten sind die größten, weil sie uns nicht zusetzen wie ein
feindliches Schwert, dem man mit Hieb n-und Parade-n
begegnen kann, sondern wie unzählige Mückenstiche, gegen die es
kaum eine Verteidigung zu geben scheint. Die Versuchungen des Alltags sind es,
die uns zu schaffen machen, die täglichen und stündlichen Versuchungen,
es mit dem Recht und mit der
Wahrheit nicht allzu
scharf zu nehmen, sondern mit den Wölfen zu heulen,9 weil das einfacher und
nützlicher ist. Wer sie einmal erkannt hat als Versuchungen, der weiß,
wie unglücklich sie uns machen, wie peinlich das für unser inneres Leben ist, wenn wir
bemerken müssen, wie all die kleinen Verstöße gegen Recht und |289 Wahrheit, die wir uns erlauben, ohne viel dabei
zu denken, sich summieren zu fatalen, sinnlosen Gewohnheiten, die uns
selbst schlecht und sinnlos und wertlos machen vor unsern eigenen Augen.
Sie machen uns unglücklich, diese Versuchungen, und nun kommt
unser Textwort und sagt: seht es für lauter Freude an, meine
Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet. Wenn
ich’s recht überdenke, so kommt es mir vor, schon allein dieses
erste widerspruchsvolle Wort des Jakobusbriefs genüge, um uns zu belehren, dass das doch
keine stroherne Epistel ist, trotz
Jakobus hat zu Menschen geredet, die es mit
dem Willen Gottes ernst nehmen, die nicht von vornherein probieren, ihn
umzubiegen, bis er ihnen nicht mehr unangenehm ist. Solche könnten seine
Aufforderung zur Freude
unmöglich verstehen. Sie hätte ihnen gar nichts zu sagen. Wohl aber hat
sie denen etwas zu sagen, die im ernstenq
Kampf mit den Versuchungen traurig und unglücklich geworden sind.
Seht es für lauter Freude an! Warum? Wär’s denn
nicht viel besser, die Welt wäre so eingerichtet, dass es von vornherein
keine Versuchung darin gäbe, kein Marktgetümmel, das uns leblos und
sinnlos machen will, sondern lauter gute, lebendige Menschen, dass wir
selbst für Gottes Willen von vornherein empfänglich und offen wären? Und
wenn das nicht zu machen ist, muss dann nicht ein ernster Christ wenigstens sein
Dasein in der Welt als ein notwendiges Übel ansehen? Besteht nicht das
rechte Christentum darin, dass man vor der Welt davonläuft, ganz kann
man’s ja nicht, aber doch soviel man’s kann? Dass man die
Gelegenheiten zur Versuchung auf eine möglichst kleine Zahl reduziert?
Ich weiß wohl, viele ernste Christen sehen das so an, aber ich kann da
nicht mit ihnen einig gehen, und
Seht es für lauter Freude an! Warum? Weil es gerade die Art des verborgenen Lebens ist, das Gott in uns wecken will, dass es im harten Kampf mit den Versuchungen erworben werden muss. Gott hat uns in die Welt hineingestellt, wie sie ist, nicht in ein Märchenland. In der Welt seinen Willen tun, das ist unsre Aufgabe, gar nichts Andres. Und |291 Gott hat uns als Menschen geschaffen, nicht als Engel. Als Menschen seinen Willen zu tun, nicht als irgend etwas Anderes, Selbsterdachtes, das ist das Ziel, das er uns gesteckt hat. Und darum ist es nichts mit dem Davonlaufen vor der Welt, erstens, weil es nicht möglich ist, und zweitens, weil es nicht ganz aufrichtig ist, und drittens, weil es dem Willen Gottes mit uns zuwiderläuft.
Will sagen: wenn du auf eine Insel im Stillen Ozean gehst wie Robinson,12 um da deine Tage zuzubringen, so magst du dort ein geschickter Handwerker oder Künstler, ein großer Naturforscher und Gelehrter werden, ein Charakter, ein Christ wirst du so nicht.
Ein Christ wirst du aber dann, wenn du mit beiden Füßen auf dieser Erde stehst, in den Aufgaben deines Berufs, in deiner Familie und deinem Freundeskreis, in deinem Vaterland und deiner Gemeinde und wenn du da tapfer all dem ins Auge siehst, was dich an dir selbst und an Gott irre machen möchte. Da verlangt Gott deinen Dienst, nicht auf fernen Inseln. Siehst du, es kommt Alles darauf an, dass der Wille Gottes dir etwas Lebendiges werde, dass er dir nicht ein bloßer Glaubenssatz sei, sondern dass er dir Aufgaben und Ziele stelle. Dann ist’s aber nicht recht, nach einer Welt zu seufzen, in der Alles von vornherein schön und gut wäre, noch den Versuch zu machen, der Welt davonzulaufen. Sonst hätte ja der Wille Gottes in dir keine Ziele und Aufgaben mehr. Jede Versuchung ist eine Gelegenheit, Gottes Willen zu tun. Sieh der Welt einmal mit diesem Bewusstsein ins Auge! Nicht wahr, dann wird Einiges anders?
Die Welt hört dann auf, einfach die «böse Welt» zu sein. Der Ort, wo Gott dich hingestellt hat, kann nicht böse
sein. Das Böse muss
anderswoher kommen. Was sich jetzt Gott entgegenzustellen scheint, was
dir eine Gelegenheit werden möchte, sinnlos und gottlos zu werden, das
kann und soll vielmehr eine Gelegenheit werden, Gott näher zu kommen,
wenn du es als eine Aufgabe verstehst, als eine Auffor|292derung, den guten Kampf zu kämpfen [vgl.
Und so wird das Leben des Christen zum Leben eines Kämpfers. Du brauchst die
Gelegenheiten zum Kämpfen und Siegen nicht weit zu suchen, du brauchst
sie überhaupt nicht zu suchen. Du brauchst kein
Du Gottesvolk in der Zerstreuung, ihr Lebendigen in der Einsamkeit, ihr Christen inmitten der Christenheit, ihr Unbekannten und Unverstandenen, die ihr den lebendigen Gott im Herzen traget, fürchtet euch nicht, wenn die Wellen hoch gehen und euch den Atem nehmen wollen, betrübt euch nicht, wenn der Widerstand der stumpfen Welt15 euch zu schaffen macht.
Nein, seht es für lauter Freude an.
Seht, das haben wir an unserm Christenglauben, dass wir dem alten Wahrheitszeugen antworten dürfen: ja, so ist’s, und:
Es muss uns doch gelingen!16
- Nr. 23: «Lasst Jehovah hoch erheben» von
L. Widmer , Strophen 1–3. - Nr. 298: «Mache dich, mein Geist, bereit» von
J. B. Freystein , Strophen 1–3 (EG 337,1.2 [dort ohne die dritte Strophe und mit Textabweichungen]). - Nr. 281: «Fortgekämpft und fortgerungen» von
J. C. Lavater , Strophen 1–2 (RG 691,1–2).