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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 29</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,2-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,2-4, 16. Januar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53031 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53031</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 29: Predigt: Jakobus 1,2-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">31</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,2-4, 16. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1472">KBA 1007</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1910-01-16">16. Januar 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                <div type="opener">
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                    <idno>29</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-01-16">Sonntag, den
                            16. Januar 1910</date> <date rend="right">(2. nach Epiphanias)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.2 Jak.1.4">Jakobus 1,2–4</ref>
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Seht es für lauter Freude an,
                                    meine Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet; ihr
                                    wisst ja, dass die Bewährung eures Glaubens Standhaftigkeit
                                    bewirkt. Die Standhaftigkeit aber soll es zur Vollkommenheit
                                    bringen, damit ihr vollkommen werdet und ganz, in keiner
                                    Beziehung rückständig.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine lieben Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> In der Stadt <placeName ref="kbga-places-244">Königsberg</placeName> in Preußen
                    steht ein Grabstein mit der rätselhaften kurzen Inschrift: «Der bestirnte
                    Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.»<note xml:id="n01">Es handelte sich nicht um einen Grabstein, sondern um eine zum
                        100. Todestag <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> am
                        12. Februar 1904 am <placeName ref="kbga-places-244">Königsberger</placeName> Schloss angebrachte Gedenktafel, auf
                        der nicht nur dieser Satz, sondern das im Text folgende Zitat komplett
                        wiedergegeben war. Das Original ist seit 1945 verschollen, eine Replik
                        befindet sich seit 1955 im Brunnenhof des <placeName ref="kbga-places-193">Duisburger</placeName> Rathauses.</note> Das Grab ist das
                    des Philosophen <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kant</persName>, und die Inschrift stammt aus dem Schlusswort einer seiner
                    gewaltigsten Schriften, einer der gewaltigsten, die überhaupt geschrieben
                    sind; «Zwei Dinge», sagt er dort, «erfüllen das Gemüt mit immer neuer und
                    zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das
                    Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das
                    moralische Gesetz in mir.»<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-645">
                                <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der
                            praktischen Vernunft</hi> (1788), Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin
                        1908/13, S. 1–164, dort S. 162.</bibl>
                        </note> Denn, meint er, wie der
                    Anblick der grenzenlosen Sternenwelt den Menschen daran erinnere, dass <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> er selbst ein kleines, kleinstes Glied ist der
                    grenzenlosen <term type="Sachen" key="Natur">Naturwelt</term>, so erinnere
                    ihn die Besinnung auf das moralische <term type="Sachen" key="Gesetz, moralisches">Gesetz</term> seines Innern daran, dass er zur
                    selben Zeit der unsichtbaren Welt des persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Lebens</term> angehöre oder angehören sollte.
                    Und wie der Anblick das <term type="Sachen" key="Himmel">Nachthimmels</term>
                    und der unendlich fernen Gestirnswelten, die seit tausend, tausend Jahren
                    nach ewigen, ehernen großen Gesetzen<note xml:id="n03">Vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-117">Strophe 6 des Gedichts «Das Göttliche» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                        (Erstdruck: 1785; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965,
                        S. 331–33, dort S. 332</bibl>; s. oben S. 272, bei Anm. 4.</note>
                    ihre Bahn durchlaufen, wie dieser Anblick ihm ein erschüttern <pb xml:id="p295" ed="pga"/> des Symbol sei für die Begrenztheit seines Daseins, wie er
                    ihn hinunterdrücke auf die Stufe des tierischen <term type="Sachen" key="Geschöpfe">Geschöpfs</term>, das eine kurze Weile da ist und dann
                    hinweg geht, wer weiß wohin?, so offenbare ihm das moralische Gesetz seines
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, moralisches">Innern</term> den Eingang
                    zu <hi rend="italic">der</hi> Welt, die erst wirklich ewig und unendlich sei, zu der
                    Welt der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und der
                    Unabhängigkeit, zu der Welt der <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>. – |</p>
                <p> Das hohe Lied des sittlichen <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Ernstes</term>, der den Menschen erst zum Menschen macht, der ihn die
                        <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> erleben lässt mitten
                    in der <term type="Sachen" key="Zeitlichkeit">Zeitlichkeit</term>! Wir haben
                    auch am letzten Sonntag Töne aus diesem Lied vernommen, und wer würde nicht
                    gerne in die brausende Siegeshymne einstimmen, trotzbietend dem müde
                    machenden Druck der Welt und ihrer Versuchungen, in die Siegeshymne des
                    triumphierenden Lebens, wie <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> größter Schüler, <persName ref="kbga-actors-764">Friedrich Schiller</persName>,<note xml:id="n04">Vorwiegend auf dem Gebiet der Ästhetik und Literaturtheorie, aber auch
                        darüber hinaus wird Friedrich Schiller in der Forschung damals wie heute
                        als Schüler Kants bezeichnet, der seine Einsichten allerdings nicht
                        allein Kant verdankte; vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2621">
                                <persName ref="kbga-actors-9230">R. Wellek</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der
                            Literaturkritik 1750–1950</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Das späte 18.
                            Jahrhundert. Das Zeitalter der Romantik</hi>, Berlin / New York
                        1978, S. 231–257, dort bes. S. 236</bibl>. – Zur zeitgenössischen
                        Betrachtung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2622">
                                <persName ref="kbga-actors-9231">M. Brasch</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der Geschichte der Philosophie,
                            zugleich als Repetitorium für Studirende, Candidaten und
                            Doctoranden, sowie zum Selbstunterricht</hi>, Rossberg 1893,
                        S. 344</bibl>, der Schiller als einen der «frühesten» jener «Anhänger» Kants
                        bezeichnet, «welche die Principien und Ideen des Kriticismus in Schrift
                        und Wort zu verbreiten bemüht» waren.</note> sie angestimmt hat:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,</l>
                            <l>Erzeugt im Gehirne des Toren;</l>
                            <l>Im Herzen kündet es laut sich an:</l>
                            <l>Zu was Besserm sind wir geboren.</l>
                            <l>Und was die innere Stimme spricht,</l>
                            <l>Das täuscht die hoffende Seele nicht.<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2623">Dritte Strophe des Gedichts «Hoffnung» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck 1798; Sämtliche Werke,
                                    Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 216f., dort
                                    S. 217).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Aber nun lasst mich euch zurückführen durch eine
                    lange Reihe von Jahrhunderten zu einem andern Mann, der hat auch zu sagen
                    gewusst von der Majestät und Herrlichkeit des sittlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetzes</term> im Men<pb xml:id="p296" ed="pga" break="no"/>schen, wie <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> und <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> sie unserm
                    Geschlecht gepredigt haben. Aber er hat keine Siegeshymne angestimmt. «Das
                    Gesetz ist heilig», sagt er, «und das Gebot ist heilig, gerecht und
                    gut… Ich aber bin fleischlich», fährt er fort, «unter die Sünde
                    verkauft… Denn das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, das ich will, das tue ich nicht, sondern das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term>, das ich nicht will,
                    das tue ich… Ich habe Lust an Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> nach dem inwendigen Menschen, ich
                    sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das kämpft gegen das Gesetz
                    meines Denkens und nimmt mich gefangen in das Gesetz der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, das in meinen Gliedern ist. Ich unglücklicher
                    Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?» Ihr wisst, dass
                    es der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> war, der so
                    geredet hat im siebten Kapitel seines Briefs an die Römer 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.12 Röm.7.24">Röm. 7,12–24</ref>].
                    Und ihr wisst, wie etwas von der herben Wahrheit, die er damit aussprach,
                    auch unser aller Erfahrung ist, wie auch wir etwas davon erlebt haben und
                    erleben, wie unglücklich uns das macht, wenn der Geist willig, aber das
                    Fleisch schwach ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.38">Mk. 14,38</ref> par.].</p>
                <p>Etwas davon, sage ich. Denn wir wollen keine Phrasen machen, wir wollen uns
                    nicht einbilden, dass uns Allen ohne Weiteres die Herrlichkeit des
                    sittlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetzes</term> so
                    deutlich sei, wie sie einem <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> gewesen ist, noch die tiefe innere <term type="Sachen" key="Not">Not</term>, in die es uns versetzt, so lebendig, wie sie es
                    einem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> war. Das sind die
                    großen Führer der Menschheit, vor deren innerm Auge die Dinge in ihrer
                    Mannigfaltigkeit dastehen, wie sie sind und wie sie sein sollten. Wir <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Andern wollen uns freuen, dass wir uns an den
                    scharfen, klaren Bildern, wie diese Führer sie gesehen, orientieren können
                    über unsern eigenen Weg. Der Gehorsam gegen das moralische <term type="Sachen" key="Gesetz, moralisches">Gesetz</term> führt dich in
                    einen Kampf mit dir selbst, der dich tief unglücklich macht, sagt mir Paulus
                    von Tarsus, und ich spüre wohl, dass er recht hat. Und: der Gehorsam gegen
                    das moralische Gesetz macht dich zur freien, lebendigen <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, sagt mir Immanuel Kant,<note xml:id="n06">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1509">
                                <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Die Religion innerhalb der
                            Grenzen der bloßen Vernunft</hi> (1793), Akademie-Ausgabe,
                        Bd. 6, Berlin 1914, S. 1–202, dort S. 27f.</bibl>: «Die Idee des
                        moralischen Gesetzes allein mit der davon unzertrennlichen Achtung kann
                        man nicht füglich eine <hi rend="italic">Anlage</hi> für die
                            <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi> nennen; sie ist die Persönlichkeit
                        selbst (die Idee der Menschheit ganz intellectuell betrachtet).»</note>
                    und ich spüre ebensowohl, dass auch er recht hat. Wenn wir auch mehr spüren
                    als verstehen, was die Großen in ihrer schein<pb xml:id="p297" ed="pga" break="no"/>baren
                    Einseitigkeit geschaut und gewollt, dann ist unser Weg abgesteckt, wie wir
                    den Lauf einer verschneiten Bergstraße an den Abweissteinen<note xml:id="n07">Auch: Prellstein. – «[…] im
                        Straßenbau ein unbearbeiteter oder zugerichteter Stein, der alle
                        2–5 m wenig innerhalb des Straßenrandes, ohne Verbindung mit
                        seinen Nachbarn, eingegraben wird, so daß er 0,4–1 m über die
                        Straßenoberfläche hervorragt, dient zum Schutze der Menschen, Tiere und
                        Fahrzeuge gegen Absturz von Dämmen und Anschnitten» (<bibl corresp="kbga-bibls-2624">Art. «Prellstein»,
                        in; Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., Bd. 16,
                        Leipzig / Wien 1908, S. 277</bibl>).</note> am Rande deutlich verfolgen können.
                    Es handelt sich nur noch darum, den Weg auch zu gehen.</p>
                <p>
                    <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, mit dem wir uns heute
                    wieder beschäftigen wollen, ist keiner von den scharfen, klaren Führern
                    gewesen. Man kann nicht sagen, dass seine Gedanken Wegmarken geworden seien
                    für das geistige <term type="Sachen" key="Leben, geistiges">Leben</term> der
                    Menschen. Dafür beschreibt er ganz einfach und schlicht, wie man von einer
                    Wegmarke zur andern komme, von der <term type="Sachen" key="Not">Not</term>
                    des Kampfes zur <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> des Sieges.
                    Und das ist wahrlich auch des Dankes wert.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <hi rend="italic">Seht es für lauter Freude an, wenn ihr in allerlei
                        Versuchungen geratet. Ihr wisst ja, dass die Bewährung eures Glaubens
                        Standhaftigkeit bewirkt</hi>. Der Weg über die Versuchungen weg ist
                    der Weg zu <term type="Sachen" key="Versuchung, Weg zu Gott">Gott</term>, so
                    sahen wir’s das letzte Mal, weil jede Versuchung ein Anlass ist, eine
                    Gelegenheit, zu kämpfen, den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> fester ins Auge zu fassen und so Gott selbst näher zu
                    kommen. Das Leben des <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> lebendigen <term type="Sachen" key="Christen, lebendige">Christen</term> wird zu einem
                    fortgesetzten Kampf gegen die Trägheit, die Sinnlosigkeit, die <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>, und dieser
                    Kampf ist wieder nichts Anderes als der Kampf um einen Lebensinhalt, der
                    Kampf um Gott. Und von da aus wurde es uns wohl verständlich, wie Jakobus
                    dazu kommt, zu sagen, die Versuchungen bedeuteten für den Christen
                    schließlich lauter <term type="Sachen" key="Versuchung, Freude">Freude</term>. Einen Blick in die Freude des persönlichen Lebens, die
                    allein den Namen Freude verdient, haben wir da getan. Und das ungeschriebene
                    sittliche <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetz</term> des
                    inwendigen Menschen ist vor uns aufgeleuchtet wie ein Kriegspanier, das zur
                    Nachfolge auffordert. Aber – aber – mussten wir dabei im
                    Stillen doch denken: Wie steht’s denn, wenn wir die Gelegenheit zum
                    Kämpfen vergessen, wenn uns die <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> zu sauer wird? Dann verkehrt sich offenbar <pb xml:id="p298" ed="pga"/> die <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> in ihr
                    Gegenteil, und die Versuchungen bleiben doch, was sie waren, sie machen uns
                    traurig und unglücklich. Und wenn wir’s überschlagen, wie
                    wir’s bis jetzt gehalten haben und halten bei den Gelegenheiten, dem
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetz</term> Treue
                    zu beweisen, dann kommen uns wohl die rechtschaffen gekämpften Kämpfe vor
                    wie hilflose vereinzelte Schwimmer aus einem Schiffbruch im gurgelnden
                    Meeresstrudel der verpassten Gelegenheiten. Und dann bekommen wir wohl auch
                    Lust, mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu seufzen: Das
                        <term type="Sachen" key="Gebote">Gebot</term> ist heilig, gerecht und
                    gut, aber das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, das
                    ich will, das tue ich nicht.</p>
                <p> Mit der Behauptung, dass es lauter Freude sei, in allerlei <term type="Sachen" key="Versuchung, Freude">Versuchungen</term> zu geraten,
                    hat uns <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> offenbar die
                    Richtung angegeben, in der wir zu wandern haben. Er wollte seinen Lesern und
                    uns sagen: ihr lieben Mitchristen, sucht die Art, euren <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> zu betätigen, nur nicht zu weit. Nicht in
                    theologischen Spekulationen und nicht in besondern frommen <term type="Sachen" key="Werke, fromme">Werken</term>, sondern schlecht und
                    recht in eurem Leben in der Welt, wie sie nun einmal ist, in eurem <term type="Sachen" key="Beruf">Berufsleben</term> und in eurem tagtäglichen
                    Verkehr mit den Menschen. Da sind die <term type="Sachen" key="Versuchung, Weg zu Gott">Versuchungen</term>, und da ist der Weg
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> zu Gott, den ihr gehen sollt. Aber er hat
                    recht gut gewusst, wie schwer es ist, diesen Weg zu gehen. Und darum sagt er
                    uns im nächsten Wort sehr schlicht, wie der erste Schritt auf diesem Weg
                    aussieht: <hi rend="italic">Ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Standhaftigkeit
                        bewirkt</hi>. Er wollte damit offenbar sagen, jede Behauptung und
                    Durchsetzung des innern Lebens, des <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term> gegen das <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetz</term> erzeuge eine gewisse Beharrlichkeit dieses innern
                    Gehorsams, sie lasse den Menschen reifer und reicher den weitern
                    Versuchungen der stumpfen <term type="Sachen" key="Welt, stumpfe">Welt</term><note xml:id="n08">Anspielung auf die <bibl corresp="kbga-bibls-1871">siebte
                        Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers ­Glocke» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl>
                        (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p293#fn_n15">S. 293, Anm. 15</ref>).</note> entgegengehen, die ja nach dem siegreich
                    gekämpften Kampf immer wieder folgen müssen.</p>
                <p>Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns aber vor Allem klar sein,
                        <hi rend="italic">was</hi> denn das ist, das da bewährt, behauptet, durchgesetzt
                    werden soll gegenüber den <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> der Welt. Es wird im Leben der Menschen viel
                    behauptet und durchgesetzt, und was dann herauskommt, sieht der
                    Standhaftigkeit, von der Jakobus redet, zum Verwechseln ähnlich und ist doch
                    etwas ganz Anderes. Es würde besser <term type="Sachen" key="Eigensinn">Eigensinn</term> heißen, und ob wir dabei an den gewöhnlichen
                    weltlichen <pb xml:id="p299" ed="pga"/> Eigensinn denken oder an den frommen
                    Eigensinn, wie er bei Heiden und Christen gleich üppig gedeiht, es kommt
                    aufs Selbe heraus, jedenfalls ist er nicht die Standhaftigkeit, von der
                    Jakobus nachher meint, dass sie zur Vollkommenheit führe. Jakobus hat also
                    nicht an die Bewährung unsrer kleinen Gedanken und Wünsche gedacht über das,
                    was wir für gut und nützlich halten, auch dann nicht, wenn wir diese
                    Gedanken und Wünsche ins Mäntelchen der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> hüllen, denn solche Bewährung wäre
                    nichts Besonderes als eben weltlicher oder frommer <term type="Sachen" key="Eigensinn, frommer">Eigensinn</term>. Von der Bewährung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">
                            <hi rend="italic">Glaubens</hi></term> hat
                    er geredet. Aber nun braucht man auch nur das Wort <term type="Sachen" key="Glaube">«Glauben»</term> auszusprechen, um für viele Menschen
                    eine neue ägyptische Sphinx<note xml:id="n09">Anspielung auf die
                        Doppeldeutigkeit der Rätsel stellenden mythologischen Mischwesen, die
                        besonders vor ägyptischen Tempeln platziert waren. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2625">
                                <persName ref="kbga-actors-9232">C. Meier-Seethaler</persName>, <hi rend="italic">Drei unsterbliche Monster: Drache, Sphinx
                            und Greif</hi>, in: <hi rend="italic">Spinnenfuß und Krötenbauch. Genese und
                            Symbolik von Kompositwesen</hi>, hrsg. von P. Michel (Schriften
                        zur Symbolforschung, Bd. 16), Zürich 2013, S. 99–106, dort
                        S. 102f</bibl>. Zu Barths gelegentlicher Verwendung des Vergleiches von
                        Theologie / Religion mit Sphingen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933,
                        <ref type="pub" target="../volume/49/p015#fn_n28">S. 15, Anm. 28</ref></bibl>.</note> in den <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Horizont ihres
                    Lebens hineinzustellen. Es gibt kaum ein gröber gemissbrauchtes Wort als das
                    Wort «glauben», und eben der Missbrauch des Wortes hat die Sache für Viele
                    zum Rätselding gemacht. Der gebräuchlichste Missbrauch besteht darin, dass
                    man sagt, Glaube sei die Zustimmung zu allerlei Behauptungen, von denen man
                    nicht ganz sicher sei, ob sie auch wahr <term type="Sachen" key="Glaube, und Wissen">seien</term>, z. B. zu der Behauptung, dass ein
                    Gott da sei, dass der Mensch nach dem Tode fortlebe und dergleichen. Die
                    Bewährung eines derartigen Glaubens pflegt dann darin zu bestehen, dass man
                    nachliest oder sich von andern erzählen lässt, was <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> und <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> und <persName ref="kbga-actors-150">Häckel</persName> und <persName ref="kbga-actors-4364">Forel</persName><note xml:id="n10">Wie Ernst <persName ref="kbga-actors-150">Haeckel</persName> war auch der Schweizer
                        Psychiater, Hirnforscher und Entomologe <persName ref="kbga-actors-4364">August-Henri Forel</persName>
                        (1848–1931) ein führender Vertreter des <term type="Sachen" key="Monismus">Monismus</term> und Mitunterzeichner des
                        Gründungsaufrufs für den Deutschen Monistenbund (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p179#fn_n12">S. 179,
                        Anm. 12</ref>). 1898 zog Forel sich von seinen ­beruflichen Verpflichtungen
                        zurück und lebte seit 1902 in <placeName ref="kbga-places-1131">Yvorne bei Aigle VD</placeName>. Von dort aus
                        entfaltete er ein großes Engagement in philosophischen,
                        sozialreformerischen und medizinisch-ethischen Fragen, das besonders
                        auch im nahen Genf seine Wirkung nicht verfehlte. «Der Monismus, den
                        Forel unermüdlich vertrat, hatte bei ihm stark ersatzreligiöse Züge» (
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2626">
                                <persName ref="kbga-actors-9233">R. Barth</persName>,
                            <hi rend="italic">Freidenker – Monisten – Gottlose. Ein Beitrag
                            zur Geschichte atheistischer Bewegungen in der deutschen Schweiz
                            1900–1940</hi>, in: ThZ 41 [1985], S. 412–433, dort
                        S. 423</bibl>).</note> für oder gegen diese
                        <pb xml:id="p300" ed="pga"/> merkwürdigen Behauptungen zu sagen haben. Und
                    wenn wirklich trotz Allem eine Bewährung dieses sogenannten Glaubens dabei
                    heraussieht, so ist’s die, dass man befriedigt konstatiert, dass doch
                    eine ganze Anzahl bedeutender Leute mit diesen Behauptungen einverstanden
                    waren und dass man’s folglich als gebildeter Mensch vorderhand auch
                    noch sein dürfe. Was haltet ihr von solchem Glauben und von solcher
                    Bewährung des Glaubens? Es wird gerade heutzutage von sogenannten <term type="Sachen" key="Atheisten">Atheisten</term> und <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> so unendlich viel Pulver verschossen über
                    die Frage, wie es mit diesen Behauptungen stehe; das Gezänk von beiden
                    Seiten ist so heftig und aufdringlich, dass ein einfacher Christ wohl auf
                    den Gedanken kommen muss, da sei bereits der Engel <persName ref="kbga-actors-9228">Michael</persName> im Kampfe mit dem Drachen der
                    Endzeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.12.7">Apk. 12,7</ref>],
                    und die Bewährung des Glaubens, von der <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> redet, bestehe in der Tat in der Entscheidung der Frage,
                    ob <persName ref="kbga-actors-150">Häckel</persName> und seine
                    lärmenden Genossen recht haben oder der sogenannte <term type="Sachen" key="Keplerbund">Keplerbund</term>,<note xml:id="n11">Der
                            <term type="Sachen" key="Keplerbund">Keplerbund</term> war 1907 in
                        Frankfurt/Main von <persName ref="kbga-actors-9234">Eberhard Dennert</persName> (1861–1942) gegründet
                        worden. Ziel war es, in bewusstem Widerspruch gegen den wesentlich von
                            <persName ref="kbga-actors-150">Haeckel</persName>
                        inspirierten Monistenbund die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und
                        Naturwissenschaft aufzuzeigen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2627">
                                <persName ref="kbga-actors-9235">P. Ziche</persName>, <hi rend="italic">Wissenschaftliche
                            Weltanschauung. Gemeinsamkeiten und Differenzen monistischer und
                            anti-monistischer Bewegungen</hi>, in: <hi rend="italic">Angst vor der
                            Moderne. Philosophische Antworten auf Krisenerfahrungen. Der
                            Mikrokosmos Jena 1900–1940</hi>, hrsg. von Kl.-M. Kodalle
                        (Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Bd. 5), Würzburg 2000,
                        S. 63–88, dort bes. S. 70–75</bibl>.</note> von dem ihr letztes
                    Jahr auch im Gemeindeblatt gehört habt.<note xml:id="n12">Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Genf, Jg. 5 (1909). Die
                        Hefte 3 und 4 dieses Jahrgangs liegen weder im KBA noch in der
                        Universitätsbibliothek Genf noch in der heutigen Deutschschweizer
                        Reformierten Kirchgemeinde Genf vor. In den einsehbaren Heften 1, 2, 5
                        und 6 fand sich kein entsprechender Artikel.</note> Aber mir
                    will’s eben dunkel erscheinen, gerade angesichts unsres Textwortes,
                    was ein solcher Glaube und eine solche Bewährung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term> mit den <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> zu tun habe, von denen Jakobus
                    redet. Denn das ist uns doch das letzte Mal deutlich geworden, dass es sich
                    bei diesen Versuchungen <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> keineswegs um
                    Behauptungen und Theorien handle, sondern um die sehr einfache praktische
                    Frage, ob das Marktgetümmel der Sinnlosigkeit über uns und in uns herrschen
                    solle oder <pb xml:id="p301" ed="pga"/> der gute und reine <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gotteswille</term>, der uns zu lebendigen Menschen
                    machen will. Und wenn diese Frage sich daran entscheidet, ob unser Glaube
                    sich bewährt oder nicht, so muss dieser Glaube offenbar etwas Anderes sein
                    als eine fromme <term type="Sachen" key="Glaube, keine fromme Behauptung">Behauptung</term> und seine Bewährung etwas Anderes als der Streit mit
                    den sogenannten <term type="Sachen" key="Atheisten">Atheisten</term> um die
                    Frage: wer hat recht, ihr oder wir?</p>
                <p> Wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> vom Glauben redet,
                    so verstand er eben auch etwas Einfaches und Praktisches darunter. Er und
                    die ersten <term type="Sachen" key="Christen, erste">Christen</term>
                    überhaupt. Ihr Glaube bestand darin, dass sie den Herrn Jesum nicht
                    vergessen konnten, dessen Leben für sie zweierlei bedeutete: so
                        <hi rend="italic">sollt</hi> ihr auch sein, und so <hi rend="italic">könnt</hi> ihr auch
                    sein. Wenn sie sich daran erinnerten, an das, was er getan und gesprochen,
                    an das, was er gewesen war, dann war’s ihnen klar: Da hat Gott <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gott hat geredet und redet zu uns">geredet</term>, und da redet er noch immer zu jedem von uns. So sollt
                    ihr auch sein, so sollt ihr auch selbstlos werden, dienen, euch aufopfern,
                    und so könnt ihr auch sein, so frei, so lebendig, so stark, so wie die
                    Kinder und doch unendlich reif und reich durch’s Leben gehend. Wenn
                    ein Mensch in der Erinnerung an Jesus so etwas erlebte und wenn er anfing,
                    so mit Jesus zu leben, im ernsten <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen das große Sollen und in dankbarer Empfänglichkeit
                    für das große Können, der gehörte zu der verborgenen, zerstreuten
                    Gottesgemeinde, die sich Christen nannte, und diese einfache innere
                    Stellung, das war sein Glaube.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">War!</hi> Nein, <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> ist
                    auch heute nichts Anderes als diese einfache innere Stellung eines <term type="Sachen" key="Glaube, inneres Leben">Menschen</term>, der begonnen
                    hat, nicht mehr sich selbst der Nächste zu sein, seine Augen und seinen
                    Willen zu konzentrieren auf die Frage: wie und wo kann ich helfen und
                    dienen, und der eben in diesem Beginnen gemerkt hat, wie das der einzige Weg
                    ist, auf dem die Herrlichkeit des <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> verborgenen
                        <term type="Sachen" key="Leben, Herrlichkeit des verborgenen L.">Lebens</term> ihn ergreift und mit fortträgt.</p>
                <p>Wo solches inneres Leben entsteht, da entsteht es immer im Zusammenhang mit
                    Jesus, auch da, wo dieser Zusammenhang für unsre Augen wenig deutlich sein
                    mag. Und der Inhalt dieses innern Lebens ist, wenn es echt ist, immer nichts
                    Anderes als das Leben Jesu, das uns Ziele zeigt und Ziele erreichen lässt.
                    Und dies innere Leben heiße uns christlicher <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Glaube</term>, nichts Anderes. Du fragst
                    mich: und der Glaube an Gott, warum ist denn davon gar nicht die Rede? Sieh,
                    lieber Freund, der Reformator <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat einmal gesagt: Den <term type="Sachen" key="Glaube, Gott haben">Glauben</term> haben, heißt <pb xml:id="p302" ed="pga"/> Gott haben.<note xml:id="n13">Wohl eine
                        zuspitzende Verkürzung der Position Zwinglis, wie sie etwa in dessen
                        Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-2439">
                                <hi rend="italic">Sermonis de providentia dei anamnema</hi> ausgeführt ist
                            (<hi rend="italic">Huldreich Zwinglis Sämtliche Werke</hi>, Bd. VI/3 [CR
                        93/3], Zürich 1983, S. 1–230, dort bes. S. 169–192)</bibl>, wo es
                        u. a. heißt: «Aus alledem lernt man das folgende: daß denen, die erwählt
                        sind, der Glaube gegeben wird; und daß diejenigen, die den Glauben
                        haben, gerechtgesprochen sind, das heißt: sie sind erlöst, so daß sie
                        keine Verdammung erwartet. Nicht so, als ob der Glaube wie ein Werk ist,
                        […], sondern daß diejenigen, die den Glauben an Gott haben, ohne
                        jeglichen Zweifel wissen, daß Gott mit ihnen durch seinen Sohn versöhnt
                        ist» (Übersetzung nach: <bibl corresp="kbga-bibls-735">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Schriften</hi>, im Auftrag des
                        Zwinglivereins hrsg. von Th. Brunnschweiler / S. Lutz, Bd. 4, Zürich
                        1995, S. 230f.</bibl>).</note> Kürzer und besser kann ich’s nicht
                    ausdrücken. Wir wollen uns das abgewöhnen, so zu tun, als ob der liebe Gott
                    etwas wäre, was zum rechten Glauben, zum rechten innern Leben, wie Jesus es
                    gelebt hat, erst noch hinzukommen müsste. Nein, <hi rend="italic">wenn</hi> du diesen
                    Glauben hast, <hi rend="italic">wenn</hi> diese einfache innere Stellung die deinige
                    ist, mag’s auch noch recht ungeschickt und hilflos sein, dann hast du
                    Gott, verlass dich drauf, nicht den Gott der oberflächlichen Menschen, der
                    ein hoher Name ist, sondern den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, den Jesus Christus seinen <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> genannt hat, den Gott, der
                    wirkt und der Wunder tut.</p>
                <p> Und dieses innere Leben, dieser <term type="Sachen" key="Glaube, inneres Leben">Glaube</term>, der christliche <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Glaube</term> ist’s, der
                    sich zu bewähren hat in den <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>. Das Hin- und Herreden der christlichen und
                    unchristlichen Professoren verhält sich zu dem Ernst dieser Aufgabe wie das
                    harmlose Wellengeplätscher der Meeresoberfläche an einem Sommertag zu der
                    abgründigen Tiefe des Ozeans.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Bewährung</hi> des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term>! Die besteht für einen Christen darin, dass im ganz
                    bestimmten Fall sein innerster Mensch vor die Frage gestellt ist: Sag
                    einmal, soll’s eigentlich ernst sein? Ist das wirklich dein innerster
                    Wille, zu helfen, zu dienen, dich hinzugeben? Und ist das wirklich dein
                    innerster Gedanke, dich auf <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> diesem Weg von Gott
                    zur freien, sittlichen <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, freie und sittliche">Persönlichkeit</term> machen
                    zu lassen? Ist das so oder nicht? Glaubst du oder nicht? Beides, jene
                    Aufforderung und diese <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> sind uns vielleicht längst bekannte Dinge, wir meinen
                    auch gar nicht, zu denen zu gehören, an deren Ohren sie bekannt, altbekannt
                    alle Sonntage vorüberrauschen als schöne Sonntagsmusik. Wir freuen uns
                    darüber, wir haben schon viel darüber nachgedacht, und wir glauben bestimmt,
                    den Glauben zu haben. Aber nun kommt <pb xml:id="p303" ed="pga"/> irgend ein
                    Umstand in unsern Weg, nicht am <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term>, sondern am Mittwoch oder <term type="Sachen" key="Werktag">Donnerstag</term>, da käm’s nun einmal so recht
                    drauf an, zu helfen, zu dienen, ohne dass wir selbst das Geringste davon
                    haben, im Gegenteil, es kommt uns sauer genug an, es durchkreuzt uns so
                    recht einen Lieblingswunsch. Wir merken’s wohl, und nun käm’s
                    drauf an, nun müsste gerade das geschehen. Aber eins ist uns dunkel, wieso
                    gerade das uns dem Ziele, freie Persönlichkeiten zu werden, das wir ja auch
                    bewundern, näher führen sollte? Wieso gerade das? Jetzt müssten wir’s
                    tun. Aber wieso gerade das? Ihr kennt das Alle, wie wir dann wohl so Momente
                    lang bewusst oder unbewusst balancieren auf der schmalen Grenze, wo’s
                    von der einen Seite heißt: nimm’s ernst! und von der andern:
                    nimm’s bequem! Die Arten, wie solche <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Bewährung</term> über uns kommt, sind unendlich
                    verschieden: einmal handelt es sich darum, etwas zu tun, das andre Mal,
                    etwas nicht zu tun, etwas zu denken oder nicht zu denken, etwas zu leiden
                    oder sich gegen etwas zu wehren, weich zu sein oder hart, geduldig oder
                    rücksichtslos. Was es auch sei, die schmale Grenze ist immer dieselbe, wenn
                    auch nur jeder <hi rend="italic">selbst die</hi> Strecke dauernd übersehen kann, die
                    durch sein Leben läuft. Für oder gegen Gott, das ist die Frage, <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> oder <term type="Sachen" key="Unglaube">Unglaube</term>, aber diesmal im tiefsten, letzten
                    Sinn.</p>
                <p> Ist’s dir nicht auch schon so ergangen, dass solche <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidungen</term> an dich <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> herantraten, Entscheidungen in scheinbar
                    gleichgiltigen Angelegenheiten des Alltagslebens, aber es war die
                    Entscheidung für oder gegen <term type="Sachen" key="Entscheidung, für oder gegen Gott">Gott</term>, die Entscheidung
                    zwischen Glaube und Unglaube darin verborgen, und das merktest du recht gut,
                    aber du wolltest doch lieber nicht daran denken, weil es viel bequemer war,
                    die Sache als eine gleichgiltige Angelegenheit zu behandeln, die den lieben
                    Gott nichts angehe. Und dann hast du dich demgemäß entschieden, und im
                    Augenblick schien auch Alles ganz einfach und in der Ordnung. Aber dann kam
                    der folgende Tag, der uns gewöhnlich eine nüchternere Beleuchtung der Dinge
                    zu bringen pflegt als die folgenschweren Augenblicke, in denen wir denkend
                    oder handelnd, redend oder schreibend die scheinbar gleichgiltigen
                    Entscheidungen vollziehen, und in der Beleuchtung des folgenden Tags sind
                    dir dann diese gleichgiltigen Entscheidungen vorgekommen, wie dem Landmann
                    ein am Horizont sich verziehendes Hagelwetter vorkommen mag, das soeben über
                    seine Felder niedergegangen ist. Aus und fertig schien’s mit der Herr<pb xml:id="p304" ed="pga" break="no"/>lichkeit deines Christenglaubens, deines innern
                    Lebens, über die du dir so oft schöne und gute Gedanken gemacht.
                    Katastrophe, Débacle, vollendete Sinnlosigkeit war die gleichgiltige <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> von gestern, und
                    die einzige klare Erkenntnis, die daraus folgte, war die, dass es nun
                    geraten sei, ganz von vorn anzufangen ohne die schönen Gedanken, sondern in
                    einfacher Selbsterziehung und in einfachem Sich-Erziehen-Lassen von
                    Gott.</p>
                <p>So sieht’s aus, wenn der Glaube sich <hi rend="italic">nicht</hi> bewährt, und
                    das müssen wir uns klar machen, um zu verstehen, wie das aussieht, wenn er
                    sich bewährt. Wenn du der Einsicht nicht ausweichst, wenn du sie klar ins
                    Auge fassest, dass in der gleichgiltigen Entscheidung die Entscheidung für
                    oder gegen <term type="Sachen" key="Entscheidung, für oder gegen Gott">Gott</term> verborgen sei, wenn dann dein Denken und Handeln und Fühlen
                    der deutlichen Stimme Gottes folgt, wenn das innere Leben sich behauptet
                    gegen die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>, innerer
                    Tod zu werden, das ist <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> des Glaubens <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Bewährung</term>. Und von ihr
                    meint <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, dass sie <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term>,
                    Beharrlichkeit, Festigkeit bewirke, wie sie ein Glaube, der dergleichen
                    nicht durchgemacht hat, nicht kennt. Wie der menschliche Körper am besten
                    geschützt ist gegen die üblen Folgen von Kälte und Feuchtigkeit, wenn er
                    abgehärtet ist durch viel freie Luft und viel Wasser, so wird das innere
                        <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> stark dadurch,
                    dass es im Kampf gegen die Versuchungen gestanden ist. Wenn sich der Glaube
                    irgendwo bewährt hat, wenn der Mensch Ja oder Nein gesagt hat am rechten
                    Ort, so ist das nicht Spreu, die im Wind verweht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.1.4">Ps. 1,4</ref>], und der Mensch ist
                    nachher nicht mehr einfach derselbe, so wenig der andre, dessen Glaube sich
                    nicht bewährt hat, nachher derselbe ist. Wenn Gott in einem Menschen gesiegt
                    hat, und wäre die Sache auch noch so geringfügig, das hinterlässt eine sehr
                    deutliche Spur. Das bereichert und verstärkt die Anfänge der <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gotteskräfte</term> in ihm, das lässt
                    ihn einen Blick tun in das Land der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, in das die Gotteskraft ihn führen möchte, und die
                    Erinnerung daran wird der wertvollste Bundesgenosse für den nächsten Kampf,
                    der nicht lange wird auf sich warten lassen.</p>
                <p> Die Bewährung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term> bewirkt Standhaftigkeit. Nicht wahr, ihr kennt das
                    auch, das gehobene, sieghafte Wesen, das uns erfüllt, der freiere Atem, den
                    wir haben, wenn wir einmal so in aller Verborgenheit unsern Glauben bewährt
                    haben. Wir merken dann, es ist ein Schritt getan, und das macht uns lebendig
                    und fröhlich und mutig für <pb xml:id="p305" ed="pga"/>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>den nächsten<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «die
                            Zukunft».</note>. Und doch rede ich lieber kein Wort weiter über die Herrlichkeit
                    dieser <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term>.
                    Jakobus hält sich auch nicht dabei auf, sondern fährt gleich weiter:
                        <hi rend="italic">Die Standhaftigkeit aber soll es zur Vollkommenheit bringen, damit
                        ihr</hi> (selbst) <hi rend="italic">vollkommen werdet und ganz, in keiner
                        Beziehung rückständig.</hi> Er meint also, nach getanem Schritt, nach
                    geschehener Bewährung müsse der Blick sich gleich auf neue Ziele wenden,
                    denn die <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Hauptsache liege immer noch vor uns.
                    Wie gefällt euch das? Nicht wahr, wenn einer etwas Schönes und Gutes
                    erreicht hat mit kräftiger Anstrengung, dann kann ihm eigentlich nichts
                    Langweiligeres und Lästigeres passieren, als wenn nun einer dazukommt und
                    ihm sagt: ja, aber es ist noch lange nicht Alles erreicht! Vorwärts! Weiter!
                    Sich seiner Lorbeeren zu freuen, das wäre ihm <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>die viel<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Mskr.: «viel die»; von den Hrsg. umgestellt.</note>
                     willkommenere Mahnung. Diese Empfindung mag auf allen möglichen
                    Gebieten berechtigt und harmlos sein, auf dem geheimnisvollen Gebiet des
                    innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, wo wir aus
                    essenden und trinkenden und schlafenden Naturwesen zu wirklichen <term type="Sachen" key="Mensch, wirklicher">Menschen</term> erzogen werden,
                    hier ist das anders. Auf <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>
                        <hi rend="italic">dem</hi> Weg, den wir <hi rend="italic">da</hi><note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. jeweils nachträglich mit Bleistift
                                unterstrichen.</note>
                         zu gehen haben, tut sich an einer Stelle der
                    allergefährlichste Abgrund auf, und das ist die Stelle, wo die
                    Siegeslorbeeren wachsen, gerade die Stelle, die uns die allererfreulichste
                    dünkt. Auf diesen Abgrund will uns <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hinweisen, wenn er so eilfertig fortfährt, die
                    Standhaftigkeit müsse es zur <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> bringen. Es steht nämlich so mit diesem Abgrund:
                    wer davor stillsteht, um auch nur auf einen Augenblick nach dem
                    Taschenspiegel zu langen, um sich selbst im Schatten der Lorbeeren zu
                    beschauen, der fällt hinein, ganz sicher. Stillstehen im Bewusstsein der
                    eben erworbenen <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term> gilt nicht. Vor dem Abgrund hilft nur eins:
                    vorwärts! hinüber, weiter! Und zwar mit Anlauf, lieber Freund!</p>
                <p>Warum weiter? Warum nicht haltmachen und ruhen? Jakobus gibt eine treffliche
                    Antwort: weil es sich darum handelt, dass <hi rend="italic">ihr selbst vollkommen werdet
                        und ganz</hi>. Der Entschluss, der Gedanke, die Tat, in denen du
                    deinen Glauben bewährt hast, sie mögen schön und gut <pb xml:id="p306" ed="pga"/>
                    gewesen sein, vielleicht sogar vollkommen und ganz, besser gar nicht zu
                    denken, aber wenn sich’s um den <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, um das innere Leben handelt, ist die Frage eben die,
                    dass du selbst, lieber Freund, vollkommen und <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>
                    ganz werdest und in keiner Beziehung rückständig. Was du in der Bewährung
                    deines <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term> getan und
                    gedacht und erkämpft hast, das gibt dir jene <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term> mit auf den Weg, aber nur
                    auf den Fall, dass du diesen Weg fortsetzest. Unsre guten Taten und Gedanken
                    selbst sind vergangen, vorüber, sie gehören zu den gleichgiltigen Dingen,
                    die hinter uns liegen. Aufspeichern kann man sie nicht. Die katholische
                        <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term>
                    freilich meint, sie könne das, und redet von guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werken</term>, die der Mensch mitnehme als Gepäck auf
                    die große Reise in die Ewigkeit, um sie dort dem lieben Gott zu
                    präsentieren, wie man wohl einem Schuldner seine Rechnung präsentiert.<note xml:id="n14">Die einschlägigen Aussagen finden sich in den
                        Kanones über die Rechtfertigung des Konzils von <term type="Sachen" key="Konzil von Trient">Trient</term> (<bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1551–1583</bibl>); vgl.
                        bes. Kan. 32 (DH 1582): «Wer sagt, der Gerechtfertigte erlange mit den
                        guten Werken, die von ihm durch Gottes Gnade und das Verdienst Jesu
                        Christi (dessen lebendiges Glied er ist) getan werden, in Wahrheit nicht
                        die Vermehrung der Gnade, das ewige Leben und (sofern er nur in der
                        Gnade gestorben ist) den Eintritt in dieses ewige Leben, wie auch die
                        Vermehrung der Herrlichkeit: der sei mit dem Anathema belegt.»</note>
                    Und viele liebe protestantische <term type="Sachen" key="Christen, protestantische">Mitchristen</term> sind in diesem Stück
                    wie in noch manchem andrem die reinen Katholiken, hausieren mit ihren guten
                    Werken oder dem, was sie dafür halten, und sind jeden Augenblick bereit,
                    ihren Mitmenschen und dem lieben Gott eine umständliche Rechnung darüber
                    vorzulegen. Aber die Täuschung, die darin steckt, ist beträchtlich.</p>
                <p> Denn für Gott kommt es – nicht nur in deiner <term type="Sachen" key="Tod">Todesstunde</term>, sondern in jedem Augenblick – nicht
                    darauf an, was du getan hast und was du tust, sondern darauf, was du <hi rend="italic">bist</hi><note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. doppelt unterstrichen.</note>. Auf den <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>
                    kommt es ihm an, auf dein inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>. Das muss sich freilich bewähren in deinen Gedanken,
                    Worten und Taten, aber nur wenn und weil das innere Leben, der Glaube sich
                    darin bewährt, hat Gott Freude daran. Im Übrigen sind sie gleichgiltig; denn
                    es gibt vor Gottes Auge nur gute Menschen, keine guten Werke. Wenn das
                    Vollkommenheit wäre, dass <pb xml:id="p307" ed="pga"/> wir zwei bis drei oder zehn
                    oder zwanzig gute <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term> tun,
                    fromme Gedanken haben, rechtschaffene Taten tun entweder von jeher oder erst
                    auf dem Sterbebette wie König <persName ref="kbga-actors-3886">Leopold von Belgien</persName>,<note xml:id="n15">
                            <persName ref="kbga-actors-3886">Leopold II. von Belgien</persName> 
                        (1835–1909), seit 1865 König der Belgier, forcierte bald nach
                        seinem Amtsantritt die Kolonialisierung des <placeName ref="kbga-places-997">Kongo</placeName>. 1885 ließ er sich vom belgischen Parlament
                        zum souveränen König des inzwischen geschaffenen formal unabhängigen
                        Kongo-Freistaats bestimmen, der ihm somit persönlich gehörte. Die immer
                        stärker zunehmende europaweite Kritik an seiner extrem brutalen und
                        blutigen Herrschaft, die Millionen Tote und Verstümmelte hinterließ,
                        führte 1908 dazu, dass das belgische Parlament die Hoheit über den Kongo
                        dem belgischen Staat übertrug. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2628">
                                <persName ref="kbga-actors-9236">A. Hochschild</persName>, <hi rend="italic">Schatten über dem
                            Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen
                            Menschheitsverbrechen</hi></bibl>, Stuttgart 2000.<lb/>Der Grund der
                        Unbeliebtheit Leopolds II. selbst im eigenen Land rührte auch daher,
                        dass er 1900, schon vor dem Tod seiner Ehefrau <persName ref="kbga-actors-9237">Marie-Henriette von Österreich</persName> (1836–1902), eine Liebesbeziehung mit
                        <persName ref="kbga-actors-9238">Blanche (Caroline) Delacroix</persName> (1883–1948) einging, die er öffentlich
                        lebte und aus der zwei Söhne hervorgingen. Fünf Tage vor seinem Tod
                        heiratete <persName ref="kbga-actors-3886">Leopold II.</persName> seine Geliebte, um diese Beziehung noch zu legalisieren.
                        Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2628"> a.a.O., S. 314ff.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2629">
                                <persName ref="kbga-actors-9239">J. des Cars</persName>, <hi rend="italic">Blanche Delacroix</hi>,
                        Paris 2013</bibl>.</note> dann wär’s etwas mit dem Ausruhen und mit den
                    Lorbeeren, dann hätte <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> die
                    Feder absetzen können, nachdem er uns versichert, die Bewährung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewährung">Glaubens</term>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> bewirke <term type="Sachen" key="Standhaftigkeit">Standhaftigkeit</term>. Aber wenn es sich darum
                    handelt, dass der Mensch, nicht der Mensch im Allgemeinen, sondern du und
                    ich, vollkommen und ganz werden solle, dann stehen die Dinge anders. Denn
                    wir brauchen uns die Frage nur aufrichtig zu stellen: bin ich gut?, um zu
                    merken, dass es <hi rend="italic">nicht</hi><note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         wahr ist, wir mögen Gutes getan haben, soviel wir wollen.
                    Vielmehr liegt dann das Ziel, gute Menschen zu werden, unendlich weit
                        <hi rend="italic">vor</hi> uns, und wir haben keine Minute zu verlieren, um uns
                    danach auf den Weg zu machen. Denn jede Minute, die wir mit
                    Selbstbetrachtungen verlieren angesichts der erfreulichen Bewährung unsres
                    Glaubens, würde uns rückständig machen auf dem Weg, den es zu gehen ankommt.
                    Das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, das wir getan
                    haben, würde dann der Feind des Bessern, das wir werden sollen.</p>
                <p>
                    <term type="Sachen" key="Vollkommenheit, Sein wie Jesus Christus">Vollkommen</term> und ganz sein heißt aber für den Christen: sein, wie
                    Jesus war. Denn das war einer, der nicht nur gute Gedanken gehabt <pb xml:id="p308" ed="pga"/> und gute Taten getan hat, sondern der ein guter
                    Mensch war, ein vollkommener und ganzer Mensch, dessen inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> nichts war als <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> und <term type="Sachen" key="Vertrauen">Vertrauen</term>. Wenn wir auch etwas sagen dürfen von
                    innerem Leben, von Glauben, von Gott, dann verdanken wir’s ihm, und
                    ihm verdanken wir’s, wenn der kleine Anfang in uns lebt und wächst.
                    Denn wie Gott in ihm solches Leben unter die Menschen gepflanzt hat, so ist
                    er immer wieder unser Ziel und unser Führer in einem Mal.</p>
                <p>Lieber Freund! Wenn du seufzest zwischen den zwei Marksteinen, von denen wir
                    am Anfang geredet haben, zwischen dem, was du bist, und dem, was du sein
                    sollst, wenn du kämpfst um die Bewährung deines innern Lebens und durch die
                    Bewährung um die Vollkommenheit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollkommenheit">Christi</term>, dann erlebst
                    du’s, dass Gott dir sagt, dass er dich je und je geliebt hat und dass
                    er dich zu sich zieht aus lauter <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.3">Jer. 31,3</ref>]. Und <hi rend="italic">so</hi> wanderst du von einer Wegmarke zur
                    andern.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-27">Nr. 12: «Womit soll ich dich wohl loben» von <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>,
                            Strophen 1–2 (RG 727,1–2).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-265">Nr. 301: «Seele, was ermüd’st du dich» von <persName ref="kbga-actors-9229">J. G. Wolf</persName>,
                            Strophen 1.2.5.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-266">Nr. 300: «Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder» von L. A. Gotter,
                            ­Strophen 1.2.6.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
