Predigt Nr. 27 · 1. Januar 1910

Predigt: 2.Korinther 5,17

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2.Korinther 5,17
Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden.
Meine Freunde!

Wenn einer die Gabe hätte, die Gedanken der Menschen zu durchschauen bis auf die verborgensten Regungen ihrer Herzen, und der wäre in der vergangenen Nacht eine Stunde vor und eine Stunde nach dem Zwölf-Uhr-Schlag durch die Straßen und in die Häuser dieser Stadt gegangen, der könnte uns jetzt mit der bloßen Erzählung dessen, was er gesehen, die bessere Neujahrspredigt halten, als ich es kann. Denn der Übergang von einem alten Jahr in ein neues mag wohl an und für sich ein willkürlicher unda gleichgiltiger Augenblick sein; es geht uns doch Allen so, dass wir diesen Übergang alle Jahre wieder als einen mächtigen Einschnitt und Abschnitt in unserm Leben empfinden. Auch die Gedankenlosesten sagen sich da wenigstens auf Augenblicke, dass etwas Altes gewesen, vorbei ist und dass nun etwas Neues beginnt. Und ich meine, wenn uns ein Herzenskenner erzählen könnte, was da in vielleicht nur zehn oder fünfzehn Menschen inwendig vorgeht und nicht vorgeht, wenn sie sich dieses Einschnitts und Abschnitts bewusst werden, so wäre das die beste und eindrücklichste Neujahrspredigt.

Aber wir brauchen uns nicht länger über diese Möglichkeit zu unterhalten. Ich weiß dir einen sehr einfachen Ersatz dafür: Besinne dich einfach einmal darauf, wie du selbst von einem Jahr ins andre hinübergegangen bist, nicht diesmal, das ist uns allen noch zu nahe, als dass wir uns selbst verstehen und überblicken könnten, aber das letzte Jahr und das vorletzte, die letzten fünf oder zehn Jahre, wenn du dich noch erinnern kannst. Nicht wahr, da war kein Neujahr wie das andre, obwohl du immer dasselbe Menschenkind warst, das sie alle erlebte, äußerlich nicht und innerlich erst recht nicht. Himmelhoch jauchzend |269 war da das eine Mal der Übergang und das andre Mal zu Tode betrübt,1 das dritte Mal so gleichgiltig, dass du dich kaum noch daran besinnst, und wenn du sie alle nebeneinander hältst, kommt dir wohl gar auch das als zweifelhaft vor, ob’s denn wirklich dasselbe Menschenkind gewesen sei, du selbst, das da allemal dabeigewesen. Probier’s einmal, wenn du vielleicht heute Nachmittag eine stille Stunde hast, diese Revision deiner Vergangenheit vorzunehmen, und ich verspreche dir, dass du dir dann selbst die lehrreiche Neujahrspredigt halten kannst, die wir von dem Herzenskenner, wie es unter den Menschen leider keinen gibt, erwarten dürften. – |

In alten Zeiten erzählte man sich viel von allerlei Spuk und Geistern, die in der Neujahrsnacht ihr Wesen trieben. Die neuern Zeiten sind gegen solche Nachrichten misstrauisch geworden, aber vielleicht hatten die Alten doch recht. Es ist etwas daran: um solche Wendepunkte herum sieht’s bei den Menschen so aus, als wären auf einmal alle Geister losgelassen, die guten und die bösen, die das Jahr über durch Gewohnheit und Gedankenlosigkeit und Sitte in strenger Hut gehalten sind. Nun rühren sie sich eine Weile, eine Stunde, zwei Stunden, dann begeben sie sich scheinbar wieder zur ewigen Ruhe, und der Mensch ist von einem Jahr in ein anderes hinübergegangen.

So erwacht in der Neujahrsnacht das luftige Heer der menschlichen Wünsche. Wer hätte keine Wünsche? Wenn ich könnte, wenn ich möchte, wenn ich dürfte, wenn ich hätte! Da liegt irgend ein Ziel vor uns, vielleicht schon lange und heiß ersehnt. Wird das neue Jahr uns ihm näher bringen? Werden wir’s erreichen? Dann war’s wohl des Aufhebens wert, den Augenblick feierlich und umständlich zu begehen, mit dem das Jahr des Heils 1910 beginnt, das das bewusste große Glück uns wird erleben lassen. Aber eben, das kann man nicht wissen, und dass man’s nicht weiß, das macht die Wunschgeister der Neujahrsnacht und mit ihnen uns selbst so merkwürdig unruhig. – |

270 Und mit den Wünschen eng verwandt, obwohl ihr Gegenteil, kriecht da dem Boden entlang die unangenehme Gesellschaft der Befürchtungen. Wir haben im alten Jahr allerlei Wolken aufsteigen sehen an unserm kleinen oder großen Horizont. Werden sie sich verziehen, oder wird im neuen Jahr das längst gefürchtete Gewitter losgehen mit aller Kraft? Dann war’s ein bedenklicher Schritt, der Schritt ins Jahr 1910, den wir eben getan haben. Aber eben, man weiß es nicht, und gerade was man nicht weiß, pflegt einem heiß zu machen, trotz dem Sprichwort.2

Das Wünschen und Fürchten, das die Wende des Jahres wach ruft, ganz anders als ein gewöhnlicher Tag, ist aber nicht Alles. Und nicht das Einschneidendste, nicht das, was der Neujahrsnacht ihren Ernst gibt. Denn Wünsche und Befürchtungen mögen wohl einen sehr ernsthaften Hintergrund haben, sie bleiben doch luftige und schwer fassbare Gefühle. Viel ernsthafter sind die Gedankengeister, die in der Neujahrsnacht erwachen. Ein guter Kaufmann vergewissert sich am Ende eines Jahres über Soll und Haben, rechnet auf beiden Seiten zusammen, schreibt in größern Zahlen das Resultat darunter, vergleicht es mit dem des Vorjahrs und des vorletzten Jahrs und kalkuliert, wie es wohl übers Jahr aussehen mag. So hält es ein ordentlicher Mensch in seinem Geschäft. Aber die ordentlichen und die unordentlichen Menschen, die nachdenklichen und die gleichgiltigen, merken in der Neujahrsnacht, vielleicht ja nur einen Augenblick lang, vielleicht aber länger, dass es gut wäre, einmal noch ganz andre Hauptbücher aufzuschlagen und zu revidieren, die Hauptbücher, in denen über der einen Seite steht: «wertvoll» und über der andern: «wertlos». Da besinnt man sich dann wohl: was haben mir die 365 Tage des verflossenen Jahres gebracht, nicht an äußern Ereignissen diesmal, sondern durch die äußern Ereignisse aller Art an innern Lebenswerten? Bin ich durch das Glück und durch das Unglück und durch das viele Gleichgiltige, das dazwischen liegt, das ich im vergangenen Jahr erlebte, bin ich dadurch reifer, reiner, ewiger geworden? Bin ich einen kleinen Schritt weiter gekommen, oder steht’s so, dass ich wehmütig |271 auf andre Jahresanfänge zurücksehen muss, an denen ich anders, ganz anders vor mir selbst dastand als heute?3 Habe ich etwas erlebt in diesem Jahr, das ich als ein unverlierbares Saldo mit hinübernehme ins neue Jahr, oder war’s wieder einmal ein Jahr der Sinnlosigkeit, das ich am besten in Vergessenheit begrabe, um eine neue Rechnung anzufangen? Wer nicht auf der Oberfläche lebt, der merkt gleich, das sind Fragen von ganz anderm Gewicht als die Fragen nach dem, was wir zu hoffen und zu fürchten haben. Viel dringendere, viel unangenehmere Fragen. Und trotzdem sage ich: wohl dem Menschen, bei dem diese Gedankengeister wach werden in der Neujahrsnacht. Schüttle sie nicht ab von dir, merk wohl auf, was sie dir zu sagen haben! Fraget nach den Wegen und sehet, welches der gute Weg sei! [vgl. Jer. 6,16]

Und doch gibt es Neujahrsgeister, die sind noch ganz anders wichtig und bedeutungsvoll als die Gefühls- und Gedankengeister. Denn wenn die Wünsche und die Befürchtungen und wenn der ernste Rechnungsabschluss des innern Lebens am Auge des Menschen vorübergezogen sind, da ist noch lange nicht Alles fertig. Vielmehr die Hauptsache kommt erst. Das ist aber die Hauptsache, wenn die Gefühle und die Gedanken zurücktreten vor dem Willen. An dem Resultat jenes Rechnungsabschlusses ist, was die Vergangenheit anbetrifft, nichts zu ändern. Du weißt recht gut, dass es da in deinem Innern eine Instanz gibt, die du unmöglich betrügen kannst. In Flammenschrift steht es da geschrieben: das Wertvolle und das Wertlose an deinem Leben. Welcher Posten überwiegt? Nicht wahr, es geht dir auch so, je aufmerksamer du hinsiehst, desto kleiner wird der Posten des Wertvollen gegenüber den endlosen Reihen des Sinnlosen und Wertlosen. Wir merken, was das heißen wollte, wenn der König von Babylon in seiner letzten Nacht an der Wand die Schrift erblickte: Gezählt, gezählt, |272 gewogen und zu leicht erfunden! [Dan. 5,25] An der Schrift ist nichts zu ändern, die Tatsache ist da, sowenig der korrekteste und ordentlichste Rechnungsabschluss etwas ändert am Ertrag und Nichtertrag eines Geschäftsjahrs. Und ebenso wenig ändern unsre Wünsche und Befürchtungen etwas an dem, was kommen wird in der Zukunft. Die einfachste Überlegung muss uns davon überzeugen: Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut, Freude und Schmerz, Leben und Sterben, das sind Dinge, die nicht in unsrer Hand liegen. Wenn wir ihrem Kommen und Gehen zusehen mit klaren Augen, so erfasst uns etwas von dem Schauer unsrer endlosen Abhängigkeit und Unfreiheit:

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.4

Und unsre Wünsche und Befürchtungen müssen uns neben dem ungeheuren Gefüge der Weltordnungen, demb wir nicht entrinnen können, wie ein unendlich harmloses Kinderspiel erscheinen. – |

An der Vergangenheit ist nichts zu ändern und an der Zukunft auch nicht, das wäre das betrübliche Resultat unsrer Betrachtungen. Aber nun wisst ihr auch alle, dass wir doch nicht davon lassen können, doch daran ändern zu wollen. Zu wollen? Was heißt das: Wollen? Wenn Wollen nichts Anderes ist als ein recht starkes Wünschen, dann steht es auf ebenso schwachen Füßen wie dieses. Und viel von dem Wollen, viel von den Plänen und Absichten, mit denen der Mensch in der Neujahrszeit sich trägt, sind nichts als unterstrichene Wünsche oder durchgestrichene Befürchtungen. Aber mit Unterstreichen und Durchstreichen ist nichts geholfen. Die Sache bleibt doch, wie sie ist. Das Wollen, das eine Veränderung bringt, muss etwas Anderes sein. Das sind nicht die guten Willensgeister der Neujahrsnacht, an die ich denke, die nur zu sagen wissen: Lasst uns tun, was möglich ist, damit unsre Wünsche in Erfüllung und unsre Befürchtungen nicht in Er|273füllung gehen, die nur von Erfolgen und Misserfolgen, Gesundbleiben und Krankwerden, von Trauer und Vergnügen denken und reden. Denn das sind luftige Geister, und es gibt dringendere Angelegenheiten als die, von denen sie denken und reden.

Aber das sind die guten Willensgeister, die uns noch einmal vor den Rechnungsabschluss über das Wertvolle und über das Wertlose in ­unserm Leben führen und uns dann fragen: Was sagst du dazu? Du hast’s gesehen: zu leicht erfunden. Es sind allerlei Keime in deinem Leben, aus denen könnte einmal etwas werden, aber bisher sind sie überwuchert vom Unkraut der Sinnlosigkeiten und vom Gestrüpp der Sinnwidrigkeiten. Was sagst du dazu? Du darfst dazu nicht die Achseln zucken, du darfst nicht ebenso gleichgiltig und stumpf ins neue Jahr hineingehen, wie du durch’s alte gegangen bist. Du hast gesehen, wenn du genau gesehen hast, dass dein Rechnungsabschluss mit einem großen Passivsaldo endigte, soll das das nächste Jahr wieder so sein? Weißt du, was dann kommt? Es kommt der größte Bankrott, den es geben kann. Denn du wirst eines Tages einen Sylvester erleben, der dein letzter war, und unter den 365 Tagen, die auf diesen Sylvester folgen, wird einer sein, das ist dein großer Sylvester, und wenn er mitten im Hochsommer wäre! Da wird dann noch einmal Rechnung abgeschlossen, und zum letzten Mal werden die Posten all der vergangenen Jahre zusammengezählt zur Beantwortung der Frage: hat dies Leben, haben diese 20, 30, 50, 70 Jahre einen Sinn, einen Wert, einen Inhalt gehabt oder nicht? Was wirst du dazu sagen? Wache auf, der du schläfst! [Eph. 5,14] Wirke, solang es Tag ist! [vgl. Joh. 9,4] Wolle lebendig, wolle wertvoll werden! Es ist höchste Zeit! So raunen und murmeln die guten Willensgeister der Neujahrsnacht. Und du merkst schon: ja, das wäre freilich das, was sein müsste – aber – aber. Du merkst schon, dass das die eine große Neujahrsfrage ist: nicht: was wird mir wohl nun Glückliches oder Unglückliches passieren? und auch nicht: wie ist’s mit mir gestanden bis dahin? sondern: wie wird’s mit mir stehen, was muss ich tun, damit es anders, besser mit mir steht in der Zukunft als in der Vergangenheit. |

Meine Freunde, wir wissen aber Alle, wie das dann in Neujahrszeiten zu gehen pflegt, wie die Stimme der guten Geister übertönt wird vom Lärm und Geschwätz der andern Geister und vom Getöse der Geister, die überhaupt keine Geister sind. Blitzartig leuchtet das |274 Eine, was nottut [vgl. Lk. 10,42], vor unsern Augen auf, und ebenso blitzartig verschwindet es wieder. Wir können’s nicht lassen, zurückzublicken wie das Weib des Lot [vgl. Gen. 19,26] und uns von den andern Geistern zuraunen zu lassen: glücklich werden sei halt doch noch wichtiger als lebendig werden. Der Moment ist verpasst, und das neue Jahr findet uns richtig als Salzsäulen, als Menschen, die sich nicht entschließen konnten. Nicht wahr, so ist’s uns allen schon manches Jahr ergangen? Nicht wahr, du kennst dieses Durcheinander der innern Stimmen? Du weißt zu erzählen von Neujahrszeiten aus jungen oder alten Jahren, wo alle diese Geister auf dich eingestürmt sind, das eine Mal waren’s besonders die einen, das andre Mal besonders die andern, aber wie dem auch war, dein Inneres war an den vielen 1. Januaren genau genommen ein großes Chaos, das dich zu keinem klaren Blick und noch weniger zu einem Entschluss kommen ließ, und dann war’s auch im Handumdrehen schon 2. Januar geworden, die Neujahrsgeister hatten sich wieder zur Ruhe begeben, und du selbst warst der Alte geblieben. Das Chaos, das Durcheinander der Stimmungen und Gefühle, das nennen wir dann Neujahrsstimmung. Und diese krause Neujahrsstimmung ist ein gutes Bild unsres innern Lebens überhaupt. Wer befiehlt da eigentlich und wer gehorcht? Ja, das ist eine schwierige Sache, das zu sagen!, meinst du, und während du dich noch besinnst, ist’s schon 2. Januar geworden, und es geht Alles weiter wie zuvor.

Und drum sag’ ich dir’s noch einmal: die beste Neujahrspredigt musst und kannst du dir selbst halten, wenn du’s probierst, dir klarzumachen: wie ging das bis jetzt zu, wenn ich Neujahr feierte. Denn dann bekommst du bald ein Bild des großen Durcheinanders in deinem Innern. Das zeigt dir, wie es mit dir steht und gestanden ist, und das öffnet dir vielleicht die Augen dafür, wie es mit dir stehen sollte.

Aber das wäre doch nur eine halbe Predigt, wenn du dir nichts Anderes vorzuhalten wüsstest als das Durcheinander der guten und der bösen Stimmen deines Innern. Und ihr Wert wäre schließlich ebenso zweifelhaft wie die Art mancher Leute, Neujahr zu feiern: Man versammelt sich, wenn 12 Uhr herannaht, auf Straßen und Plätzen, und mit dem ersten Schlag hebt ein ohrzerreißendes Schreien und Brüllen an, das offenbar Freude und Glückwünsche bedeuten soll. Hast du |275 etwas gehört von den zwölf Schlägen der Turmuhr? Nein, wie sollte ich, ich hörte nur das Schreien der Menschen und die große Trommel der Blechmusik. Ein trauriger Übergang ins neue Jahr! Und so wäre das ein trauriger Übergang ins neue Jahr, der uns nichts brächte als unsre hilflosen Versuche, uns klarzuwerden über den Weg, den wir kommen und den wir gehen wollen. Das würde Steckenbleiben bedeuten, im Kleinen, im Menschlichen. Ja, gibt’s denn etwas Anderes als dies Kleine, Menschliche? Freilich gibt’s etwas Anderes. Es ist gut, es ist nötig, dass du dir klarwirst, wie es mit dir steht und wie es mit dir stehen sollte. Aber es gibt noch etwas Anderes. Sei jetzt einmal ganz still und hör nur noch auf die geheimnisvolle metallene Stimme der mitternächtlichen Glocken.

O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?5

Die Stimme hat freilich einen andern Klang als die verworrenen Stimmen der guten und bösen Neujahrsgeister. Du kennst die Stimme längst, du hörst sie alle Sonntage, alle Tage sogar, du hast sie jüngst in der Weihnachtszeit wieder gehört. Aber so wunderlich und bedeutsam ist ihr Ton vielleicht nie wie gerade in der Stunde, wo er uns auf der schmalen Grenze zweier Jahre trifft. Wo er scharf und hart und hell und doch freundlich hineinklingt in das Stimmengebrause der menschlichen Neujahrsgeister.

Ich will dir sagen, was die Glockenstimme aus der Höhe redet, zu denen, die sie verstehen: Sie ruft: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden. Das ist ein Geheimnis, das ist ein Wunder, liebe Freunde, was da die mitternächtliche Stimme aus der Höhe ruft. Davon wusste keiner der Neujahrsgeister, auch der beste nicht. Denn die Neujahrsgeister tuschelten und murmelten entweder von luftigen Träumen oder von harten, unabänderlichen Wahrheiten, und die besten unter ihnen, deren Stimme aber so leise und schwer vernehmbar war, die besten unter ihnen redeten von hohen Aufforderungen zum Streben nach fernen |276 Zielen. Das Geheimniswort der Mitternachtsstimme redet offenbar von etwas ganz Anderem, von einer ernsten und freudigen Tatsache, die jetzt, gegenwärtig da ist. Mag die Vergangenheit gewesen sein, welche sie wolle, und mag die Zukunft bringen, was sie wolle, da ist eine Tatsache, die macht Vergangenheit und Zukunft anders, ganz anders, wenn du ihrer nur gewahr wirst. Denn der Augenblick, wo du ihrer gewahr wirst, ist der Augenblick, in dem die Ewigkeit in dein Leben tritt, vor der Vergangenheit und Zukunft gleichgiltig sind.

Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden. So hat’s in alter Zeit der Apostel an die korinthische Gemeinde geschrieben, und in dem Wort steckte die Erfahrung seines ganzen Lebens. Den Ertrag seiner ganzen reichen Arbeit an sich selbst und an den Andern hat er darin niedergelegt. Wenn ihn einer gefragt hat, auf was kommt es schließlich an, damit ich etwas sei und etwas werde, so hat er geantwortet: es kommt darauf an, dass du in Christo seist und Christus in dir, wie das Eisen ganz in Glut aufgeht. Dann bist du etwas, dann wirst du etwas, das von dem, was du jetzt bist, so verschieden ist wie glühendes Eisen von kaltem Eisen. Und wenn wir zurückblicken auf die Geschichte des Christentums, auf die Geschichte seiner Propheten und Priester, auf die Geschichte des Christentums, die ein Stück der Weltgeschichte geworden ist, wie auf die verborgene Geschichte des Christentums im Leben der Familien und der Einzelnen, soviel oder so wenig wir davon wissen, wir sehen bei allen ungeheuren Verschiedenheiten, dass es immer eines war, auf das es ankam, und das eine war das, dass der Mensch in Christo eine neue Kreatur wurde.

Und nun meine ich, das Zeugnis von dieser Tatsache und das Bekenntnis zu dieser Tatsache, das sei der mitternächtliche Glockenschlag, auf den wir an der Grenzscheide des Jahres wohl tun zu hören. Denn wir haben’s gesehen, wie in Neujahrszeiten der Ertrag unsres Lebens uns deutlich werden kann, aber der Ertrag ist eine große Frage, Alles in Allem genommen. Wohlan, hier ist auch der Ertrag eines Lebens, aber der Ertrag ist eine Antwort. Wird er die Antwort auf jene Frage sein? Wird die Glockenstimme der Mitternacht den Knäuel von Rätseln lösen, den die Neujahrsgeister aufgeworfen und vielleicht nur noch mehr verwickelt haben?

277 Oder trägt die Glockenstimme ein neues Rätsel in den Knäuel hinein? «In Christo sein», das klingt so fremd, so altertümlich. Es mag wohl so sein, dass das für Paulus und für Luther einmal etwas bedeutet hat und dass auch heute noch ein paar Pietisten und ein paar Pfarrer, die viel in der Bibel lesen, verstehen, was damit gemeint ist. Aber was soll ich damit? Ich könnte es mir wohl denken, dass der eine oder andre sich im Stillen so oder ähnlich gefragt hat, als er meinen Text hörte. Aber siehst du, das, was Paulus gemeint hat, ist weniger verzwickt und weniger schwer verständlich, als du denkst. Es gibt im Christentum überhaupt keine Geheimlehren, die nur für die Pietisten und für die Pfarrer bestimmt wären, sondern nur eine Wahrheit, und die ist für Alle. Wohlverstanden: bequem und selbstverständlich ist deshalb das Christentum nicht, aber einfach und jedem verständlich.

Siehst du, in Christo sein, das bedeutet für dich jetzt ganz einfach, dass es bei der Weihnacht bleibt. Wenn du wirklich Weihnachten erlebt hast und nicht bloß eine Tannenbaumfeier, dann ist ja Christus unsichtbar zu dir gekommen und hat dir gezeigt, wie Gott ist und was Gott mit dir will. Das heißt in Christo sein, wenn das nun nicht anders wird, da die Weihnachtstage vorbei sind, wenn Christus bei dir bleibt in seinem ganzen Ernst und in seiner ganzen Freundlichkeit und wenn du bei ihm bleibst von Tag zu Tag mehr in deinem Denken, Handeln und Fühlen. Ich sag’s noch einmal: Das ist freilich ein Wunder und ein Geheimnis, wenn du dieses Weihnachtsgeschenk vom alten Jahr ins neue hinübernehmen darfst, aber ein Wunder, das erlebt werden kann, und ein Geheimnis, das offenbar wird denen, die Augen haben.

Und nun höre noch einmal hin auf die vollen Töne der Neujahrsglocken: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Eine neue Kreatur! Hast du’s gehört? Das ist offenbar etwas Anderes als das, was die besten Neujahrsgeister uns zu sagen haben. Und wenn das wahr ist, dann gewinnt auch der Knäuel von Rätseln, der sich in der Neujahrsnacht vor unsern verwirrten Augen immer mehr verwickelt hat, ein anderes Aussehen. Denn wenn uns gesagt wird: Du bist eine neue Kreatur, so will das viel mehr sagen, als unsre besten Wünsche und Hoffnungen und Vorsätze uns sagen könnten. Das will offenbar sagen: Du bist eine neue Kreatur, weil du dann selbst Christi Sinn hast, weil du selbst ein kleines Teil geworden bist von Christus. Und wenn das wahr ist, dann besinn dich nur deutlich auf das große Weihnachts|278licht, besinn dich auf das, was Jesus war und ist, dann wird’s hell mitten in der Nacht.6

Deine Wünsche und deine Befürchtungen! Wünschen und fürchten ist freilich unser menschliches Teil. Aber wenn du selbst, du, der Mensch, der wünscht und fürchtet, ein Anderer geworden bist, einer, der Teil hat am Leben Christi, dann stellst du mit ihm deine Wünsche und Befürchtungen unter die Gewissheit:

Was mein Gott will, gescheh allzeit,
Sein Will, der ist der beste; […].7

Wer in Christo ist, nicht nur, weil er einmal getauft und konfirmiert worden ist und darum Christ heißt, sondern weil er persönlich bekannt geworden ist mit Jesus von Nazareth, der weiß, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen [Röm. 8,28]; er ergibt sich ruhig darein: nicht mein, sondern dein Wille geschehe [Lk. 22,42], nicht wie der Mohammedaner sein Schicksal erwartet, sondern wie ein Freund, der seinem Freunde nur das Beste zutraut, auch wenn er ihn nicht immer versteht. Denn wenn einer in Christo ist, so ist etwas Altes vergangen, das enge, kleinliche Pochen nämlich auf das, was wir für gut und nützlich ansehen, und es ist Alles neu geworden. Das Neue ist aber die ruhige Gewissheit:

Gott sitzt im Regimente
Und führet Alles wohl.8

Dein Rechnungsabschluss mit der Vergangenheit! Was geschehen ist, ist geschehen. Wo der Baum fällt, da liegt er, so spricht man wohl [vgl. Pred. 11,3]. Nicht doch: Wenn ein Mensch in Christo eine neue Kreatur geworden ist, dann ist die Vergangenheit wie die Zukunft aufgenommen in die Ewigkeit des guten Willens Gottes. Unser Wille mag oft schlecht gewesen sein, unser Leben wertlos und sinnlos, und doch |279 ist’s derselbe alte Wille, dasselbe alte Leben, das neu werden soll in der Gemeinschaft mit Jesus. Ein Christ werden heißt nicht: aus seiner Haut schlüpfen, sondern in seiner Haut ein neuer Mensch sein. Dann ist das Alte wohl vergangen, der Druck und die Betrübnis der vielen bösen Rechnungsabschlüsse wird von uns weggenommen, aber noch viel mehr: es gehen uns dann die Augen auf dafür: wie Gott uns durch das Alte hindurch zum Neuen führen wollte, und wir erkennen auch in der Sinnlosigkeit und Wertlosigkeit, die hinter uns liegt, das freundliche Walten eines Willens, der größer ist als der unsrige.

Und endlich die Mahnungen der Willensgeister: Sei ein Anderer, es ist höchste Zeit! Das sind die guten Geister, und ihre Stimme begleitet auch den, der in Christo ist. Denn ihm erst recht ist gesagt: ihr sollt vollkommen sein, wie der himmlische Vater vollkommen ist [Mt.5,48]. Aber ihm ist zur selben Zeit gesagt: Du bist schon ein Anderer. Du tappst nicht mehr im Dunkeln, du gehörst nicht mehr zum Volk, das im Finstern wandelt [vgl. Jes. 9,1], du weißt, wo deine Pflicht liegt, du brauchst ja nur den Herrn Jesus anzusehen, so weißt du es.

Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden. Es kommt Ordnung in das Durcheinander unsres innern Lebens, in dem man nicht wusste: wer befiehlt und wer gehorcht? Nicht auf einmal, aber es kommt; wir sehen Licht, die Hauptsachen treten hervor, die Nebensachen zurück, es kommt Ordnung in das Chaos, wie die Kristalle einer Säure zusammenschießen nach unsichtbaren innern Gesetzen. Wenn das Alles wahr ist, dann ist das freilich die Antwort auf die Fragen der Neujahrsnacht. Dann gehören freilich Frage und Antwort zusammen wie Verheißung und Erfüllung. Aber ob das wahr ist, für dich wahr ist, darüber musst du wieder mit dir selbst zu Rate gehen, und das sei deiner Neujahrsbetrachtungen zweiter Teil, was das für dich heißt oder für dich heißen würde: in Christo sein und in Christo eine neue Kreatur werden.

Im biblischen Schöpfungsbericht steht ein nachdenkliches Wort, das ich dir dazu noch mitgeben möchte. Aus dem hebräischen Text übersetzt lautet es so: Es ward Abend und es ward Morgen, der erste Tag [Gen. 1,5]. Was sagst du dazu? Sieh, das wollen wir Neujahr heißen, wenn es bei uns Abend wird, um Morgen zu werden, wenn das, was die Mitternachtsstimme sagt, unsre Erfahrung und unser Bekenntnis wird: Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden. Und das walte Gott.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: doppeltes «und» am Zeilenende und -anfang.↩
b
Mskr.: «der»; von den Hrsg. geändert.↩

Sachfußnoten

1
Vgl. J. W. von Goethe, Egmont, dritter Aufzug (Klärchens Lied [Schlusszeilen]) 📖:
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt –
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
↩
2
«Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.» Deutsches Sprichwort im Sinne von: Etwas, von dem ich keine Kenntnis habe, kann mich auch nicht beunruhigen / in Rage versetzen.↩
3
In der Betonung des Weiterkommens und der Ausrichtung auch auf das Ewige spiegelt sich möglicherweise Barths eben erfolgte Lektüre von W. Herrmann, Ethik, Tübingen 19094 📖, wo es im Abschnitt «Die Bedeutung des sittlichen Gesetzes für das Wachstum des persönlichen Lebens» (a.a.O., S. 57–61) unter anderem heißt: «Diese Erkenntnis, daß das sittliche Verhalten in jedem Moment ein Weiterkommen oder Selbstverleugnung sein soll, liegt jedem nahe, der fest im Auge behält, daß das Wollen, wenn es wahrhaftig wird und nicht bloß ein scheinbares bleibt, schließlich immer auf das Ewige geht» (a.a.O., S. 59).↩
4
Strophe 6 des Gedichts «Das Göttliche» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1785; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 331–333, dort S. 332) 📖.↩
5
Eingangszeilen des Gedichts «Oh Mensch! Gieb Acht!» von Fr. Nietzsche (ders., Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 285f. und S. 404 📖; vgl. auch oben, S. 164, Anm. 9).↩
6
Vgl. Strophe 4 des Liedes «Gelobet seist du, Jesu Christ» von M. Luther (RG 392; EG 23) 🎵:
Das ewig Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein’ neuen Schein;
Es leucht’ wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht.
↩
7
Beginn eines Liedes von Albrecht von Preußen (RG 669; EG 364). 🎵 ↩
8
Aus Strophe 7 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (RG 680; EG 361). 🎵 ↩