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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 28</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,1-2</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,1-2, 9. Januar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53030 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53030</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 28: Predigt: Jakobus 1,1-2</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,1-2, 9. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1471">KBA 1006</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-01-09">9. Januar 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-01-09">Sonntag, den
                            9. Januar 1910</date> <date rend="right">(1. nach Epiphanias)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.1 Jak.1.2">Jakobus 1,1–2</ref>
                      
                            <quote>
                                <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, Gottes und
                                des Herrn Jesu Christi Knecht, grüßt die zwölf Stämme in der
                                Zerstreuung. Seht es für lauter Freude an, meine Brüder, wenn
                                ihr in allerlei Versuchungen geratet. </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Advent und <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> und <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrstage</term> liegen wieder einmal
                    hinter uns, und wir Alle sind in das Leben zurückgekehrt, das man <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>ja wohl so<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     das <term type="Sachen" key="Alltagsleben">«Alltagsleben»</term>
                    zu nennen pflegt. Die einen freudig und zufrieden, die andern gleichgiltig
                    wie immer, die dritten verdrossen und gelangweilt. Aber wie dem auch sein
                    mag, <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>die Tatsache ist da<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, und daran ändern die Stimmungen nichts, in denen wir uns mit ihr
                    abfinden. Und ich meine, es ist gut, wenn wir es versuchen, uns auch hier in
                    der Kirche auf den Alltag einzurichten, so gut unser <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> es tun muss. Denn eine <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, die etwas taugen
                    soll, muss ja gerade <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, alltägliche">Frömmigkeit</term> des Alltags sein, nicht so ein schönes, aber im
                    Grund unnützes Festgewand, das man wohl vier oder fünf Mal des Jahres aus
                    dem Schrank hervorholt, um in den Zwischenzeiten umso ungenier<pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>ter in ganz andern Gewändern umherzugehen.</p>
                <p>Die christlichen Festzeiten vergleiche ich mit den Reservoirs für die
                    Wasserleitungen. Es ist gut, dass sie da sind, dass wir uns da immer wieder
                    der Quellen vergewissern können. Aber so gewiss der Zweck einer
                    Wasserleitung der ist, nicht nur das Wasser in wohlgebauten und sinnreich
                    konstruierten Reservoirs zu fangen und zu sammeln, sondern es in die Häuser
                    und in die Gärten und auf die Felder der Leute zu leiten, so gewiss muss die
                    christliche <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, christliche">Frömmigkeit</term> ins Leben, in die Praxis; und wenn sie’s
                    nicht tut, so verdient sie ihren Namen nicht, mag sie angeblich so tief und
                    so geistlich sein, als sie will.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p281" ed="pga"/>Und nun wollen wir’s an diesem Sonntag und an einigen folgenden,
                    versuchen, zu sehen, wie das ist, wenn Frömmigkeit Leben, <term type="Sachen" key="Alltagsleben">Alltagsleben</term> wird.
                    Wohlverstanden: wir haben’s dabei nötiger als je, immer wieder nach
                    den Quellen zu fragen; und die Meinung ist nicht, als ob wir dabei von einer
                    andern Sache redeten als in den Festtagen. Wir betrachten dieselbe Sache,
                    aber diesmal recht ausdrücklich von einem andern Ort aus, nämlich vom
                    Standpunkt des Werktags. Ich habe mir gedacht, dass wir uns dazu einige Mal
                    mit dem <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">
                            <hi rend="italic">Jakobusbrief</hi></term> beschäftigen könnten, weil er so recht
                    von einem Werktagschristen geschrieben ist und sein Inhalt <term type="Sachen" key="Jakobusbrief, Werktagschristentum">Werktagschristentum</term>. Die <term type="Sachen" key="Sonntagsfreude">Sonntagsfreude</term> wird darüber nicht zu kurz
                    kommen.</p>
                <p>Vielleicht ist es keine unpassende Einleitung dazu, wenn ich ein kurzes Wort
                    über diesen Brief als Ganzes vorausschicke. Es ist ein merkwürdiges kleines
                    Buch, und seine Geschichte ist ein Stück Kirchengeschichte, das nicht nur
                    die Pro<pb ed="A" rend="hidden" n="3"/>fessoren angeht.</p>
                <p> Zuerst einiges Äußerliche. Wer der <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> gewesen ist, der ihn geschrieben hat, ist schwer
                    auszumachen. Man hat natürlich an den Apostel <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> gedacht oder an den Bruder <persName ref="kbga-actors-2200">Jesu</persName>, der diesen
                    Namen trug, aber die meisten Gelehrten nehmen heutzutage an, es sei weder
                    der eine noch der andre gewesen, sondern ein sonst unbekannter christlicher
                    Lehrer desselben Namens, der etwa ums Jahr 100 n. Chr. gelebt hätte. Es ist
                    ferner wahrscheinlich, dass sein Brief ursprünglich kein Brief gewesen ist,
                    sondern eine Sammlung einzelner Reden und Aussprüche. Für uns kommt es nicht
                    darauf an, wer der Mann gewesen und wie sein Büchlein zustandegekommen ist,
                    sondern darauf, was er uns zu sagen hat.</p>
                <p>Und wenn wir darauf achtgeben, ganz im Allgemeinen zunächst, so machen wir
                    vor Allem eine wichtige Beobachtung: Wer etwa von den Paulusbriefen her zu
                    Jakobus kommt, der ist meistens, je nachdem, angenehm oder unangenehm
                    enttäuscht. Warum? Weil alle religiöse <term type="Sachen" key="Lehre, religiöse">Lehre</term> über den <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, über Christus, über das <term type="Sachen" key="Jenseits">Jenseits</term>, wie sie im Römer- oder Galaterbrief so
                    reichlich vorkommt, fast völlig fehlt. Man hat nachgezählt und gefunden,
                    dass der Name Jesu nur zwei Mal im ganzen Brief vorkommt. Dafür beschreibt
                    der Verfasser ganz einfach und schlicht einige wichtige Züge des <hi rend="italic">äußern</hi><note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         Lebens des <term type="Sachen" key="Christen, äußeres Leben">Chris<pb xml:id="p282" ed="pga" break="no"/>ten</term>, wie es sein
                    sollte. Und darüber freuen sich nun die einen, weil sie meinen, es gehöre
                    zum religiösen <term type="Sachen" key="Fortschritt, religiöser">Fortschritt</term>, über die religiöse Lehre die Nase zu rümpfen und
                    nur das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> zu betonen, während die
                    andern sich offen oder im Stillen über <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> ärgern, weil sie gern ein kompliziertes<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     Christentum haben und weil ihnen ein bloß praktisches <term type="Sachen" key="Christentum, praktisches">Christentum</term> zu simpel<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     und wohl gar zu weltlich ist. Etwas von dieser verschiedenen
                    Beurteilung war nun von <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Anfang an da, wenn auch
                    noch tiefere Gründe dazu kamen, von denen wir später zu reden haben werden.
                    Es hat nämlich bis ins vierte Jahrhundert gedauert, bis es in der ganzen
                    christlichen Kirche beschlossen und anerkannt war, dass der Jakobusbrief zum
                    Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament, Kanonisierung">Testament</term> gehöre. Ihr müsst denken, dass das Neue Testament, wie
                    wir es jetzt haben, nicht auf einmal da war, sondern da gab’s am
                    Anfang eine viel größere Menge ähnlicher Schriften, die in den zerstreuten
                    Gemeinden des großen <term type="Sachen" key="Rom / Römisches Reich">Römerreichs</term> gelesen und vorgelesen wurden, hier mehr die einen
                    und dort mehr die andern. Aus ihnen wurden allmählich die 27 Bücher und
                    Büchlein ausgewählt, die zusammen unser jetziges Neues Testament <term type="Sachen" key="Neues Testament, Kanonisierung">ausmachen</term>.
                    Gegen manche davon war man jahrhundertelang misstrauisch, ob sie auch würdig
                    seien, dem heiligen Buch der Kirche anzugehören, und zu denen gehörte auch
                    der <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">Jakobusbrief</term>. Man wollte
                    ihn an vielen Orten nicht im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> haben, <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>eben weil man ihn so ganz
                    anders fand als die Briefe des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName><note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Es ist doch gut für uns, dass
                    damals schließlich die Stimmen derer siegten, die fanden, es dürfe auch eine
                    solche Darstellung des Christentums rein von der praktischen Seite, wie sie
                    der Jakobusbrief bietet, im Neuen Testament nicht fehlen. Und so wurde er
                    doch aufgenommen.</p>
                <p>Aber nun hat viele Jahrhunderte später der Reformator <persName ref="kbga-actors-261">
                            <hi rend="italic">Luther</hi></persName> ein Wort über diesen
                    Brief gesagt, das geht ihm bis heute nach. Dieser große Mann hatte einen
                    trefflichen Maßstab, nach dem er das Wertvolle in der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> erkannt und vom Andern
                    geschieden wissen wollte. «Darin», sagt er, «stimmen alle rechtschaffenen
                    heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben.
                    Auch ist das der rechte <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Prüfstein">Prüfstein</term>, alle Bücher
                    zu beurteilen, wenn man sieht, ob sie <pb xml:id="p283" ed="pga"/> Christum
                    treiben oder nicht.»<note xml:id="n01">Barth zitiert in
                        modernisiertem Deutsch <bibl corresp="kbga-bibls-2268"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi unnd
                            Judas</hi> (1522), WA.DB 7, 384,25–27</bibl>.</note> Auf diesen
                    Prüfstein hat Luther nun auch den Jakobusbrief gelegt, und nach seiner
                    Meinung <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> bestand er die Probe nicht. Darum nannte
                    er ihn in seiner Vorrede zum Neuen Testament kurzweg «eine rechte stroherne
                    Epistel», die keine evangelische Art an sich habe.<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2614">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                            <hi rend="italic">Das Newe Testament Deutsch. Vorrhede</hi> (1522), WA.DB 6,
                        10,33–35</bibl>: «Darumb ist sanct Jacobs Epistel eyn rechte stroern
                        Epistel […], denn sie doch keyn Euangelisch art an yhr hat,
                        […].»</note> Es ist gut, dass <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> dieses scharfe Wort ausgesprochen
                    hat, wegen der christlichen <term type="Sachen" key="Freiheit, christliche">Freiheit</term> nämlich, die wir auch der Bibel gegenüber haben und die
                    wir uns nicht nehmen lassen wollen. Aber richtig ist sein Urteil doch nicht
                    gewesen. Gerade wenn wir mit der christlichen Freiheit, zu der er uns den
                    Weg gewiesen, ernst machen, gerade dann, meine ich, müssen wir sagen, dass
                    Christus gepredigt und getrieben werden kann, wie er’s fordert, auch
                    ohne dass immer direkt von ihm die Rede ist. Christus selbst hat ja gesagt,
                    dass nicht, die Herr, Herr sagen, sondern die den Willen tun seines Vaters,
                    ins Himmelreich kommen sollen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.21">Mt. 7,21</ref>], und in dieser Richtung müssen wir das <term type="Sachen" key="Christentum, des Jakobusbriefes">Christentum</term>
                    des Jakobusbriefs zu verstehen suchen. Es ist gut, dass wir <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    <hi rend="italic">und</hi>
                   <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> haben, wie es noch
                    heute Christen gibt, deren Stärke im Nachdenken über die göttlichen Dinge
                    besteht, während den andern das Christentum vorzüglich eine Sache des
                    Willens ist. Diese Mannigfaltigkeit schon des Neuen Testaments zeigt uns,
                    wie eben Beides zusammengehört und im letzten Grunde doch nicht etwas
                    Verschiedenes ist, sondern dieselbe Sache. Die Menschen sind verschieden,
                    und ihre <hi rend="italic">Lehre</hi><note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Lehre"/> ist verschieden, aber die
                        <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ist die eine. Das ist
                    aber die Wahrheit des <term type="Sachen" key="Wahrheit, des Christentums">Christentums</term>, dass wir in Jesus Gott erleben und erfahren als
                    den Herrn unsres innern <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herr unseres inneren Menschen">Menschen</term> und
                    dass Jesus Gestalt gewinne bei uns und durch ihn Gott der Herr werde unsres
                    äußern <term type="Sachen" key="Gott, Herr unseres äußeren Menschen">Menschen</term>, unsres ganzen Daseins.</p>
                <div>
                   
                    <head>
                        <pb xml:id="p284" ed="pga" rend="noPipe"/> <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> I</head>
                    <p rend="noindent">Jakobus redet die Leser seines Büchleins an als die
                            <hi rend="italic">zwölf Stämme in der Zerstreuung</hi>. Wir denken gleich an
                        die zwölf Stämme <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israels</term>.
                        Aber er redet ja Christen an? Darunter waren auch ehemalige Juden,
                        gewiss, aber die Mehrzahl bestand doch in gewesenen <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term>, die mit den zwölf Stämmen
                        nichts zu tun hatten. Da müssen wir uns erinnern, dass die erste <term type="Sachen" key="Urchristentum">Christengemeinde</term> gerne sich
                        selbst als das wahre Israel, als das erwählte Gottesvolk bezeichnete,
                        das gehörte <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>zur Theologie<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen und mit
                                einem Fragezeichen versehen.</note>
                            <term type="Sachen" key="Theologie, des Urchristentums"/>, zum
                        Stil jener Zeit. Der Zusatz «<hi rend="italic">in der Zerstreuung</hi>» führt uns
                        gleich mitten in die Sache hinein. Die <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Christen</term> waren damals eine kleine
                        Minderheit, hier eine kleine Gruppe oder Gemeinde und dort eine,
                        zersprengt, zerstreut unter den Heiden, wie etwa heutzutage Protestanten
                        in katholischen Ländern in der Zerstreuung leben, in der <term type="Sachen" key="Diaspora">Diaspora</term>, wie man das nach dem
                        griechischen Ausdruck unsres Textes nennt. Heutzutage ist das scheinbar
                        anders geworden. Die Christen sind, wenigstens in Europa, nicht mehr in
                        der Zerstreuung, nicht mehr eine kleine Minderheit, sondern sie sind im
                        Lauf der Jahrhunderte die große Masse geworden. Die aus irgend einem
                        Grund zu keiner christlichen Kirche oder Gemeinschaft gehören, sind ein
                        verschwindender Bruchteil gegenüber dem zahllosen Volk, das alle Jahre
                        getauft, konfirmiert, kirchlich getraut und beerdigt wird, das auch wohl
                        zwischen diesen großen Etappen des Lebens das eine Mal oder das andre
                        seine Schritte nach der Kirche lenkt: Die Christen sind die große Masse
                        geworden. Aber wenn ich das so sage, so merkt ihr gleich, dass die Sache
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> einen Haken haben muss. Der Haken ist
                        sogar recht groß. Denn so einfach hat Jesus sich die Sache kaum gedacht,
                        als er seine Leute aussandte mit dem Befehl, aller Welt das Evangelium
                        zu verkündigen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref> par.]. Und der dänische Philosoph <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>
                        hat nicht so unrecht mit seinem scharfen Spott über das wohlfeile <term type="Sachen" key="Christentum, Allerweltschristentum">Allerweltschristentum</term> der angeblichen <term type="Sachen" key="Jünger, angebliche">Jünger</term> dessen, der gesagt hat: ihr
                        müsst <hi rend="italic">gehasst</hi> werden von jedermann um meines Namens willen
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.22">Mt. 10,22</ref> par.].<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1814">
                                    <persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Der
                                Augenblick</hi> (Gesammelte Werke, Bd. 12), Jena 1909<hi rend="sup">2</hi>, S. 47f. (vgl. Gesammelte Werke, Abt. 34,
                            Düsseldorf / Köln 1959, S. 167)</bibl>: «Indem also der Christ nach dem
                            Christentum des Neuen Testaments alle die Anstrengung, den Kampf,
                            die Qual auf sich nimmt, die mit der Forderung verknüpft sind, daß
                            er absterbe, sich selbst hasse usw., leidet er zugleich durch den
                            Gegensatz zu andern Menschen alles, wovon das Neue Testament immer
                            und immer wieder spricht: daß er von den andern gehaßt, verfolgt
                            wird, für die Lehre leidet usf. In der ‚Christenheit’ sind wir alle
                            Christen / der Gegensatz gegen andere ist also nicht mehr vorhanden.
                            In dem Sinne, welchen das Nichtssagende hat, hat man alle zu
                            Christen und alles christlich gemacht / und so leben wir (als
                            Christen) im Heidentum. […] Was ich hier bespreche, ist 1.
                            eine christliche Kriminalsache, 2. ein bloßes Christentum-Spielen,
                            3. ein Versuch, Gott für Narren zu halten.»</note> Vielleicht ist
                        doch etwas daran, dass die wahren <term type="Sachen" key="Christen, wahre">Christen</term> noch <pb xml:id="p285" ed="pga"/>
                        heute in der <term type="Sachen" key="Diaspora">Diaspora</term> leben,
                        als eine Minderheit, als die Unbekannten und doch bekannt, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> das einmal ausdrückt
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.6.9">2.Kor. 6,9</ref>]. Denn die
                        Lebendigen sind immer einsam gewesen. Wer einmal begonnen hat, ein
                        eigenes Leben zu leben, der weiß davon zu erzählen, wie er unter zehn
                        Menschen kaum einen getroffen hat, der sich merklich aus der Herde
                        hervorhob, die täglich an uns vorüberweidet, der ihn verstand und den er
                        verstand, bei dem er erfreut hätte ausruhen mögen: Auch Einer!<note xml:id="n04">Zu dieser Anspielung auf einen Romantitel
                            von <persName ref="kbga-actors-2134">Friedrich Theodor ­Vischer</persName> vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p204#fn_n13">S. 204, Anm. 13</ref>.</note>
                        Auch einer aus dem verborgenen Gottesvolk der Lebendigen. Diese <term type="Sachen" key="Stimmungen, der Einsamkeit">Stimmung</term> der
                        Einsamkeit kann zu einer Stimmung des <term type="Sachen" key="Stimmungen, des Hochmuts">Hochmuts</term> werden, zu einer
                        geistigen oder geistlichen <term type="Sachen" key="Aristokratie, geistliche">Aristokratie</term>, die mit der
                        ernsten Erkenntnis, dass wir Gäste und Fremdlinge sind auf Erden [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.13">Hebr. 11,13</ref>], ein
                        selbstgefälliges Spiel treibt. Und dann endet sie unfehlbar in der
                        geistigen oder geistlichen Verkümmerung. Aber dahin braucht es nicht zu
                        kommen. Die Einsamkeit ist an sich das natürliche Schicksal und Erlebnis
                        des ernsten, lebendigen Menschen, des <term type="Sachen" key="Christen, Einsamkeit">Christen</term>, <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> sagt einmal trefflich:
                        «Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt, und wo der Markt
                        beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler.»<note xml:id="n05">Vgl.  <bibl corresp="kbga-bibls-326">
                                    <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach
                                Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche
                            Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G.
                            Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 65 (Erster
                            Teil, Von den Fliegen des Marktes)</bibl>. Bei Nietzsche folgt im Satz
                            noch: «[…] und das Geschwirr der giftigen Fliegen».</note>
                        Ein Christ Werden besteht unter anderem auch darin, dass man aus einem
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Schauspieler ein wirklicher <term type="Sachen" key="Mensch, wirklicher">Mensch</term> wird. Dass man
                        einmal verzichten <pb xml:id="p286" ed="pga"/> lernt auf all die Verkleidungen
                        und auswendig gelernten Rollen, die uns von allerlei Theatermeistern als
                        unentbehrlich für das sogenannte «praktische» Leben angepriesen werden.
                        Dass man beginnt, <anchor type="note" xml:id="fn-i"/>man selbst<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni" target="fn-i"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         zu werden. «Nach Gott und meiner Seele habe ich zu fragen. Nach
                        nichts weiter? Nein, nach nichts weiter», so sagte <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> einmal.<note xml:id="n06">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2615">
                                    <persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>,
                                <hi rend="italic">Soliloquia</hi> I, 2,7 (CSEL 89, S. 11,15–17)</bibl>:
                            «Deum et animam scire cupio. Nihilne plus? Nihil omnino.»</note> Das
                        war die Einsamkeit der ersten Christen im heidnischen <term type="Sachen" key="Rom / Römisches Reich">Römerreich</term>, und das
                        ist auch heute<note type="textcritical" n="j" xml:id="nj"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                         die Einsamkeit des Christen inmitten der sogenannten <term type="Sachen" key="Christentum, sogenanntes">Christenheit</term>.
                        Dann probier’s nur einmal, wirklich zu verzichten auf die
                        Verkleidungen und auf die auswendig gelernten Rollen, nach denen das
                        Volk des Marktes verlangt und an denen es seine Freude hat;
                        probier’s einmal, ein Anderer zu sein, nicht nur hier in der
                        Kirche, sondern draußen an deinem Platz, wo du hingestellt bist, und du
                        wirst bald merken, wie wenig das den Übrigen gefällt und wie bald du da
                        ein Einsamer wirst inmitten der Menschen, ob du’s willst oder
                        nicht. Da ist schon Mancher als Sonderling und Mômier<note xml:id="n07">«Mucker», Heuchler; Spottname für die
                            Anhänger der Genfer <term type="Sachen" key="Genf, Erweckungsbewegung">Erweckungsbewegung</term>. Vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1667">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p312#fn_n07">S. 312, Anm. 7</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-1667">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p321#p321">S. 321</ref></bibl>: «So
                            hießen bis jetzt die Freikirchlicher und Pietisten –
                            Stündeler würde man in der deutschen Schweiz sagen –,
                            […].»</note> verschrien worden, einfach weil er es eines
                        Tages wagte, dem Gesetz <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottes</term>, das das Gesetz seines eigenen Inwendigen geworden
                        war, zu folgen und nicht mehr dem Gesetz der öffentlichen Meinung des
                        großen oder kleinen Kreises, in dem er lebte. Wenn etwas aus dir werden
                        soll, dann musst du das auf dich nehmen, es anders zu machen als die
                        andern, in der Minderheit zu sein, nicht um interessant zu erscheinen,
                        wahrhaftig nicht, aber weil es der Sache nach nicht anders geht. Du
                        musst dem Herdenwesen der großen Masse gegenüber etwas empfinden von dem
                        Trotz der <term type="Sachen" key="Christen, Einsamkeit">Einsamkeit</term>, wie ihn <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> einmal
                        ausspricht:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l> <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten,</l>
                                <l>Bleibt in euren Hütten, euren Zelten,</l>
                                <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p287" ed="pga"/> Und ich reite froh in alle Ferne,</l>
                                <l>Über meiner Mütze nur die Sterne.<note xml:id="n08">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2616">Erste Strophe des Gedichts «Freisinn» von 
                                     <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                        (Erstdruck: 1819; ders., <hi rend="italic">West-östlicher Diwan,
                                            Buch des Sängers</hi> [Berliner Ausgabe. Poetische
                                        Werke, Bd. 3, Berlin 1965, S. 11f., dort
                                    S. 11]).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Aber solcher Trotz der Einsamkeit, der das Getümmel des
                        Marktes auf sich beruhen lässt und fröhlich nach Gottes Gesetz lebt,
                        solcher Trotz, meine ich, ist bälder ausgesprochen und den großen
                        Einsamen aller Zeiten <hi rend="italic">nach</hi>gesprochen als gelebt und geübt
                        am <term type="Sachen" key="Werktag">Werktag</term> wie am <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term>.</p>
                    <p> Das hat auch <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> gut
                        gewusst. Und darum geht er, nachdem er seine Leser als die zwölf Stämme
                        in der Zerstreuung, als das freie und trotzige Gottesvolk in der
                        Einsamkeit angeredet hat, gleich los auf die großen Schwierigkeiten und
                        Unannehmlichkeiten, die diese Stellung mit sich bringt. Ohne weitere
                        Einleitung fängt er an: <hi rend="italic">Seht es für lauter Freude an, meine
                            Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet</hi>.</p>
                    <p>
                        <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>! Damit hat ein
                        Mensch <term type="Sachen" key="Mensch, Gottes">Gottes</term> zu
                        rechnen, das ist nun einmal nicht anders. Eine Versuchung bedeutet
                        nichts Anderes, als dass unser Wille, der dem Gesetz Gottes folgen
                        möchte, in Konflikt kommt mit den geschriebenen und ungeschriebenen
                            <term type="Sachen" key="Gesetze, des Marktgetümmels">Gesetzen</term> des Marktgetümmels des Lebens. Die <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> nennen dies
                        Marktgetümmel kurzweg «die <term type="Sachen" key="Welt, Marktgetümmel">Welt»</term>. Warum sollten wir den Ausdruck nicht brauchen, die
                        Bibel braucht ihn auch, und er bezeichnet kurz und gut das, worauf es
                        ankommt. Im Christen soll etwas Anderes herrschen als <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> die lärmenden Forderungen der «Welt»,
                        nämlich der gute <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> des
                        lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gottes</term>, der
                        darauf ausgeht, uns wahrhaftig und wirklich und <hi rend="italic">auch</hi>
                        lebendig zu machen. Aber ein Mensch, der dem Gotteswillen, der in seinem
                        Innern spricht, folgen möchte, wird bald zu erzählen wissen von
                        Zusammenstößen mit den Gesetzen<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         der <term type="Sachen" key="Gesetze, der Welt">Welt</term>, die
                        vielmehr Unwahrhaftigkeit, Unwirklichkeit, Leblosigkeit von ihm fordern.
                        Und die Gesetze<note type="textcritical" n="l" xml:id="nl"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         der Welt sind darum so peinlich <pb xml:id="p288" ed="pga"/> und
                        dringend, weil wir Alle sie in uns selbst herumtragen, neben dem kleinen
                        Anfang des <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetzes</term> in uns! Man kann ihnen nicht davonlaufen, wie
                        man einem unangenehmen Menschen davonläuft. Du kannst wohl ein Mönch
                        werden und dir eine Zelle bauen inmitten der Wüste. Die Gesetze der
                            <term type="Sachen" key="Gesetze, der Welt">Welt</term> sind auch
                        da, du entrinnst ihnen nicht, denn sie sind in dir. Wenn Gott spricht:
                        Wage es, du selbst zu sein!, spricht die Welt: nein, sei einer von den
                        Vielen, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht: Besinne dich darauf,
                        was gut und recht ist!, spricht die Welt: nein, besinne dich darauf, was
                        nützlich und angenehm ist, das ist viel einfacher! Wenn Gott spricht:
                        Sieh nicht rechts noch links, sondern tu das, was du als gut erkannt
                        hast!, spricht die Welt: nein, mach lieber einen kleinen Vertrag mit der
                        strengen Forderung des Gewissens, und dann tu, was dir gefällt, das ist
                        viel einfacher.</p>
                    <p>Wenn so die Stimmen in uns gegeneinander reden, das sind Versuchungen.
                        Die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, das Marktgetümmel, die
                            <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>,
                        die Leblosigkeit versuchen es, uns für sich zurückzugewinnen, und es
                        fehlt ihnen bei diesen <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> nie an Advokaten in uns selbst, die ihnen
                            <anchor type="note" xml:id="fn-m"/>zu best reden<note type="textcritical" n="m" xml:id="nm" target="fn-m"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         und <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> uns überzeugen wollen, wieviel
                        schöner und einfacher es sei, ihnen zu folgen als Gott. Es braucht noch
                        lange keine großen Lebensfragen und <term type="Sachen" key="Entscheidung">-entscheidungen</term>, keine groben <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> und <term type="Sachen" key="Sünde">Sünden</term>, damit eine Versuchung da
                        sei. Die kleinsten sind die größten, weil sie uns nicht zusetzen wie ein
                        feindliches Schwert, dem man mit Hieb <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>und Parade<note type="textcritical" n="n" xml:id="nn" target="fn-n"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         begegnen kann, sondern wie unzählige Mückenstiche, gegen die es
                        kaum eine Verteidigung zu geben scheint. Die Versuchungen des <term type="Sachen" key="Versuchung, alltägliche">Alltags</term> sind es,
                        die uns zu schaffen machen, die täglichen und stündlichen Versuchungen,
                        es mit dem <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> und mit der
                            <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> nicht allzu
                        scharf zu nehmen, sondern mit den Wölfen zu heulen,<note xml:id="n09">Seit mittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich
                            zu einer Redewendung im Sinne von «sich jeder Umgebung anpassen»
                            verselbständigt hat; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich V, S. 1742</bibl>.</note> weil das einfacher und
                        nützlicher ist. Wer sie einmal erkannt hat als Versuchungen, der weiß,
                        wie unglücklich sie uns machen, wie peinlich das für unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> ist, wenn wir
                        bemerken müssen, wie all die kleinen Verstöße gegen Recht und <pb xml:id="p289" ed="pga"/> Wahrheit, die wir uns erlauben, ohne viel dabei
                        zu denken, sich summieren zu fatalen, sinnlosen Gewohnheiten, die uns
                        selbst schlecht und sinnlos und wertlos machen vor unsern eigenen Augen.
                        Sie machen uns unglücklich, diese <term type="Sachen" key="Versuchung, alltägliche">Versuchungen</term>, und nun kommt
                        unser Textwort und sagt: <hi rend="italic">seht es für lauter Freude an, meine
                            Brüder, wenn ihr in allerlei Versuchungen geratet</hi>. Wenn
                        ich’s recht überdenke, so kommt es mir vor, schon allein dieses
                        erste widerspruchsvolle Wort des <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">Jakobusbriefs</term> genüge, um uns zu belehren, dass das doch
                        keine stroherne Epistel ist, trotz <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Wenn wir etwas «strohern»
                        nennen, so ist die Meinung, dass wir es glatt, selbstverständlich und
                        darum unbedeutend finden. Aber schon dieser erste Satz hat wenig von
                        dieser Art an sich. Was uns unglücklich macht, die Versuchungen, die wir
                        als Menschen, die das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> tun möchten, zu <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> bestehen
                        haben, das sollen wir nicht nur als kein Unglück ansehen, sondern als
                        lauter Freude. Mir ist’s, das töne nicht strohern, sondern wie
                        Erz und Eisen, nicht wie ein Ratschlag billiger Lebensweisheit, sondern
                        wie Erkenntnis und Bekenntnis <anchor type="note" xml:id="fn-o"/>letzter menschlicher
                            Wahrheit<note type="textcritical" n="o" xml:id="no" target="fn-o"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                            <term type="Sachen" key="Wahrheit, letzte menschliche"/>.
                        Stroherne <term type="Sachen" key="Weisheit, stroherne">Lebensweisheit</term>, wie sie sich auch heutzutage breit macht,
                        würde ganz anders reden. Sie würde uns etwa vormachen wollen, mit <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> und <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> sei’s nicht so gefährlich
                        bestellt, das Peinliche der Versuchungen, mit denen wir’s täglich
                        zu tun haben, werde verschwinden, wenn wir nur erst gemerkt, dass
                        man’s eigentlich nicht so scharf nehmen darf mit dem sogenannten
                            <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>, dass die wahre
                            <term type="Sachen" key="Lebenskunst">Lebenskunst</term> im Treffen
                        des juste milieu<note xml:id="n10">Franz.: «richtige Mitte»,
                            im moralisch-ethischen Sinn: das der großen Mehrheit zusagende
                            Mittelmaß.</note>, der goldenen Mittelstraße bestehe. Keine Laster
                        und Übeltaten, behüte, das wäre der Gesundheit und Ruhe und dem Ansehen
                        bei den Menschen schädlich, aber auch nur keine übertriebene Anstrengung
                        für allerlei schöne <term type="Sachen" key="Ideale">Ideale</term>,
                        allzu hitzig sei nicht witzig, und so fort. So würde eine stroherne
                        Epistel reden, aber der Jakobusbrief redet nicht so. Sein <rs type="person" ref="kbga-actors-8959">Verfasser</rs> denkt keinen
                        Augenblick daran, den Ernst und das Unangenehme der <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> abzuschwächen. Wenn ihm einer
                        damit gekommen wäre, dies Unangenehme sei eigentlich eine Illusion, denn
                        es komme nur daher, dass <pb xml:id="p290" ed="pga"/> man’s mit dem
                        Willen zur Wahrhaftigkeit übertreibe, er würde ihm geantwortet haben:
                        mein Freund, dann weißt du noch nicht, was <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term> ist, und es müssen dir
                        erst die Augen dafür aufgehen, bevor du darüber mitredest. <anchor type="note" xml:id="fn-p"/>Das Moralische<note type="textcritical" n="p" xml:id="np" target="fn-p"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Moral"/> verstand sich für ihn von
                        selbst, darum redet er gar nicht erst davon, und eben darum war’s
                        für ihn eine selbstverständliche Voraussetzung, dass der <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>, dass die
                        Versuchungen, mit denen er zu kämpfen hat, für ernste Menschen eine
                        schwere und unangenehme Sache seien.</p>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Jakobus hat zu Menschen geredet, die es mit
                        dem Willen Gottes ernst nehmen, die nicht von vornherein probieren, ihn
                        umzubiegen, bis er ihnen nicht mehr unangenehm ist. Solche könnten seine
                        Aufforderung zur <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>
                        unmöglich verstehen. Sie hätte ihnen gar nichts zu sagen. Wohl aber hat
                        sie denen etwas zu sagen, die im ernsten<note type="textcritical" n="q" xml:id="nq"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt und schwer zu
                                entziffern.</note>
                         Kampf mit den Versuchungen traurig und unglücklich geworden sind.
                            <hi rend="italic">Seht es für lauter Freude an!</hi> Warum? Wär’s denn
                        nicht viel besser, die Welt wäre so eingerichtet, dass es von vornherein
                        keine Versuchung darin gäbe, kein <term type="Sachen" key="Welt, Marktgetümmel">Marktgetümmel</term>, das uns leblos und
                        sinnlos machen will, sondern lauter gute, lebendige Menschen, dass wir
                        selbst für Gottes Willen von vornherein empfänglich und offen wären? Und
                        wenn das nicht zu machen ist, muss dann nicht ein ernster <term type="Sachen" key="Christen, ernste">Christ</term> wenigstens sein
                        Dasein in der Welt als ein notwendiges Übel ansehen? Besteht nicht das
                        rechte Christentum darin, dass man vor der Welt davonläuft, ganz kann
                        man’s ja nicht, aber doch soviel man’s kann? Dass man die
                        Gelegenheiten zur Versuchung auf eine möglichst kleine Zahl reduziert?
                        Ich weiß wohl, viele ernste Christen sehen das so an, aber ich kann da
                        nicht mit ihnen einig gehen, und <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> ist offenbar auch andrer Ansicht gewesen.</p>
                    <p>
                            <hi rend="italic">Seht es für lauter Freude an!</hi> Warum? Weil es gerade die Art
                        des verborgenen Lebens ist, das Gott in uns wecken will, dass es im
                        harten Kampf mit den <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term> erworben werden muss. Gott hat uns in die Welt
                            <term type="Sachen" key="Mensch, in die Welt hineingestellt">hineingestellt</term>, wie sie ist, nicht in ein Märchenland.
                            <hi rend="italic">In</hi> der Welt seinen Willen tun, das ist unsre Aufgabe,
                        gar nichts Andres. Und <pb xml:id="p291" ed="pga"/> Gott hat uns als Menschen
                        geschaffen, nicht als Engel. <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Als
                            <hi rend="italic">Menschen</hi> seinen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willen</term> zu tun, nicht als irgend etwas Anderes,
                        Selbsterdachtes, das ist das Ziel, das er uns gesteckt hat. Und darum
                        ist es nichts mit dem Davonlaufen vor der <term type="Sachen" key="Weltflucht">Welt</term>, erstens, weil es nicht möglich ist,
                        und zweitens, weil es nicht ganz aufrichtig ist, und drittens, weil es
                        dem Willen Gottes mit uns zuwiderläuft.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Es bildet ein Talent sich in der Stille,</l>
                                <l>Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.<note xml:id="n11">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-833">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                            <hi rend="italic">Torquato Tasso</hi>, erster Aufzug, zweiter
                                        Auftritt (­Leonore).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                        <p rend="noindent">Will sagen: wenn du auf eine Insel im Stillen Ozean gehst
                        wie <term type="Sachen" key="Crusoe, Robinson">Robinson</term>,<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2617">
                                    <persName ref="kbga-actors-9225">D. Defoe</persName>, <hi rend="italic">The life and strange
                                surprizing adventures of Robinson Crusoe, of York,
                                mariner</hi>, London 1719</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2618">deutsche Übersetzung z. B.:
                                <hi rend="italic">Defoe’s Robinson Crusoe</hi>, aus dem Engl. von
                            K. Altmüller, Leipzig [1895]</bibl>.</note> um da deine Tage zuzubringen,
                        so magst du dort ein geschickter Handwerker oder Künstler, ein großer
                        Naturforscher und Gelehrter werden, ein Charakter, ein Christ wirst du
                        so nicht.</p>
                    <p>Ein Christ wirst du aber dann, wenn du mit beiden Füßen auf dieser <term type="Sachen" key="Christen, stehen mit beiden Füßen auf der Erde">Erde</term> stehst, <hi rend="italic">in</hi> den Aufgaben deines <term type="Sachen" key="Beruf">Berufs</term>, <hi rend="italic">in</hi> deiner
                            <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term> und deinem
                        Freundeskreis, <hi rend="italic">in</hi> deinem <term type="Sachen" key="Vaterland">Vaterland</term> und deiner <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> und wenn du da tapfer all dem ins
                        Auge siehst, was dich an dir selbst und an Gott irre machen möchte.
                            <hi rend="italic">Da</hi> verlangt Gott deinen Dienst, nicht auf fernen
                        Inseln. Siehst du, es kommt Alles darauf an, dass der Wille Gottes dir
                        etwas Lebendiges werde, dass er dir nicht ein bloßer Glaubenssatz sei,
                        sondern dass er dir Aufgaben und Ziele stelle. Dann ist’s aber
                        nicht recht, nach einer Welt zu seufzen, in der Alles von vornherein
                        schön und gut wäre, noch den Versuch zu machen, der Welt davonzulaufen.
                        Sonst hätte ja der Wille Gottes in dir keine Ziele und Aufgaben mehr.
                        Jede Versuchung ist eine Gelegenheit, Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gotes">Willen</term> zu tun. Sieh der Welt einmal mit
                        diesem Bewusstsein ins Auge! Nicht wahr, dann wird Einiges anders?</p>
                    <p>Die Welt hört dann auf, einfach die «böse <term type="Sachen" key="Welt, «böse Welt»">Welt»</term> zu sein. <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Der Ort, wo Gott dich hingestellt hat, kann nicht böse
                        sein. Das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> muss
                        anderswoher kommen. Was sich jetzt Gott entgegenzustellen scheint, was
                        dir eine Gelegenheit werden möchte, sinnlos und gottlos zu werden, das
                        kann und soll vielmehr eine Gelegenheit werden, Gott näher zu kommen,
                        wenn du es als eine Aufgabe verstehst, als eine Auffor<pb xml:id="p292" ed="pga" break="no"/>derung, den guten Kampf zu kämpfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.12">1.Tim. 6,12</ref>]. Ohne diesen
                        Kampf könnten wir ja Gott nicht näher kommen, wir verstünden gar nicht,
                        was das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> ist, zu
                        dem er uns erziehen will, wenn wir nicht täglich, stündlich die
                        Möglichkeit sähen, etwas Anderes zu tun als das Gute. Und darum hat es
                        doch seine Richtigkeit mit dem kühnen Wort: Seht es für lauter <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> an! Nicht ein Unglück sind
                        die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>, aber die
                        enge Pforte, die durchschritten werden muss 
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13">Mt. 7,13</ref> par.]. Und so könnte
                        uns wieder der tiefe Ernst unsrer Aufgabe in der Welt nicht deutlicher
                        gemacht werden, als indem uns gesagt wird: Seht es für lauter Freude an.
                        Wenn das so ist, dann bedeutet ja jede Versuchung, der wir erliegen,
                        jedes Nachgeben gegenüber den Forderungen der Welt verpasste
                        Gelegenheiten, Gott näher zu kommen.</p>
                    <p> Und so wird das Leben des Christen zum Leben eines <term type="Sachen" key="Christen, Kämpfer">Kämpfers</term>. Du brauchst die
                        Gelegenheiten zum Kämpfen und Siegen nicht weit zu suchen, du brauchst
                        sie überhaupt nicht zu suchen. Du brauchst kein <persName ref="kbga-actors-2832">Don Quixote</persName> zu werden, der auf
                        allerlei Abenteuer mit der Welt auszieht, um Gott zu dienen.<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2619">
                                    <persName ref="kbga-actors-9226">M. de Cervantes Saavedra</persName>, <hi rend="italic">El
                                ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha</hi>, Madrid
                            1605/1615</bibl>, deutsche Übersetzung: <bibl corresp="kbga-bibls-2620">
                                    <hi rend="italic">Der sinnreiche Junker Don
                                Quixote von der Mancha</hi>, Stuttgart 1870<hi rend="sup">3</hi></bibl>.</note> Sei aber ein Held <persName ref="kbga-actors-9224">Roland</persName>, du weißt schon, wo das Tal
                        Ronceval liegt, durch das gerade du ziehen musst.<note xml:id="n14">Das mittelalterliche «Rolandslied des Pfaffen Konrad»
                            basiert auf dem Konflikt zwischen Christen und Mauren in Spanien und
                            erzählt u. a., wie <persName ref="kbga-actors-9224">Roland</persName>, nach dem Sieg <persName ref="kbga-actors-4079">Karls des Großen</persName> dessen Lehnsherr in Spanien,
                            mit seinem Heer von den verbliebenen Mauren im engen Tal von
                            Ronceval in eine Falle gelockt wird. Die mit Karl dem Großen
                            zurückeilende Streitmacht kommt zu spät. Der Märtyrertod Rolands und
                            seines ganzen Heeres wurden fortan in verschiedenen Variationen zur
                            Grundlage der Rolandssage. – Den historischen Hintergrund
                            bildet die Schlacht bei <placeName ref="kbga-places-1130">Roncesvalles</placeName> am 15. August 778, in der
                            die unter dem Befehl des Grafen Roland (um 736–778) stehende
                            Nachhut des ins Frankenreich zurückkehrenden Heeres Karls des Großen
                            vollständig vernichtet wurde; angegriffen worden war sie allerdings
                            nicht von Mauren, sondern von christlichen Basken.</note> Fang in
                        deinen täglichen Verrichtungen an, nie anders zu sein, als die Stimme
                        Gottes in dir es gebietet, in deiner Arbeit, in deinem Verkehr mit den
                        Andern. Wenn du einmal gemerkt hast, wie schwer das ist, verstehst du
                        das Wort des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>. Die
                        Freude, die der Christ auch in den Ver<pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>suchungen erlebt, besteht darin, dass der Weg über die Ver<pb xml:id="p293" ed="pga" break="no"/>suchungen weg und <hi rend="italic">nur</hi> dieser der Weg zu
                            <term type="Sachen" key="Versuchung, Weg zu Gott">Gott</term> ist.
                        Es ist ein ungemein schlichter, schmaler und steiler Weg, aber es ist
                        der königliche Weg der Freiheit!</p>
                    <p> Du Gottesvolk in der <term type="Sachen" key="Diaspora">Zerstreuung</term>, ihr Lebendigen in der Einsamkeit, ihr <term type="Sachen" key="Christen, in der Christenheit">Christen</term>
                        inmitten der Christenheit, ihr Unbekannten und Unverstandenen, die ihr
                        den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> im
                        Herzen traget, fürchtet euch nicht, wenn die Wellen hoch gehen und euch
                        den Atem nehmen wollen, betrübt euch nicht, wenn der Widerstand der
                        stumpfen <term type="Sachen" key="Welt, stumpfe">Welt</term><note xml:id="n15">Vgl. den <bibl corresp="kbga-bibls-1871">Beginn der siebten Strophe des
                            Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                            (Erstdruck: 1805; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin
                            1966, S. 92–95, dort S. 94):)</bibl>
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Nun glühte seine Wange rot und röter </l>
                                        <l>Von jener Jugend, die uns nie entfliegt, </l>
                                        <l>Von jenem Mut, der, früher oder später. </l>
                                        <l>Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt
                                            […].</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> 
                        euch zu schaffen macht.</p>
                    <p> Nein, seht es für lauter <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>
                        an.</p>
                    <p> Seht, das haben wir an unserm <term type="Sachen" key="Glaube">Christenglauben</term>, dass wir dem alten Wahrheitszeugen
                        antworten dürfen: ja, so ist’s, und:</p>
                    <p>Es muss uns doch gelingen!<note xml:id="n16">Vgl. die <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">dritte
                            Strophe des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 32; EG
                            362)</bibl>:
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Und wenn die Welt voll Teufel wär </l>
                                        <l>Und wollt uns gar verschlingen, </l>
                                        <l>So fürchten wir uns nicht so sehr; </l>
                                        <l>Es soll uns doch gelingen. […]</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note>
                        </p>
                            </div>  
                            <div type="closer">
                                    <salute>Amen.</salute>
                        </div>
                        <div type="songs">
                            <head>Lieder:</head>
                                <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-263">Nr. 23: «Lasst Jehovah hoch erheben» von <persName ref="kbga-actors-2685">L. Widmer</persName>, Strophen
                                1–3.</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-46">Nr. 298: «Mache dich, mein Geist, bereit» von <persName ref="kbga-actors-2396">J. B. Freystein</persName>,
                                Strophen 1–3 (EG 337,1.2 [dort ohne die dritte Strophe
                                und mit Textabweichungen]).</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-264">Nr. 281: «Fortgekämpft und fortgerungen» von <persName ref="kbga-actors-658">J. C. Lavater</persName>,
                                Strophen 1–2 (RG 691,1–2).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
