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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 27</title>
        <title type="content">Predigt: 2.Korinther 5,17</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 2.Korinther 5,17, 1. Januar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53029 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53029</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 27: Predigt: 2.Korinther 5,17</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">29</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 2 Kor 5,17, 1. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1470">KBA 1005.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: 2 Kor 5,17, 1. Januar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2236">KBA 1005.2</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1910-01-01">1. Januar 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/> <idno>27</idno>
                </head> 
                <dateline> <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahr</term>, Samstag, den <date>1. Januar 1910</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Korinther 5,17</ref>
                <quote>Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das
                        Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu geworden.</quote>
                </cit>
            </epigraph>
                <salute>Meine Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
                <p>Wenn einer die Gabe hätte, die Gedanken der Menschen zu durchschauen bis auf
                    die verborgensten Regungen ihrer Herzen, und der wäre in der vergangenen
                    Nacht eine Stunde vor und eine Stunde nach dem Zwölf-Uhr-Schlag durch die
                    Straßen und in die Häuser dieser Stadt gegangen, der könnte uns jetzt mit
                    der bloßen Erzählung dessen, was er gesehen, die bessere Neujahrspredigt
                    halten, als ich es kann. Denn der Übergang von einem alten Jahr in ein neues
                    mag wohl an und für sich ein willkürlicher und<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Mskr.: doppeltes «und» am Zeilenende und -anfang.</note>
                     gleichgiltiger Augenblick sein; es geht uns doch Allen so, dass wir
                    diesen Übergang alle Jahre wieder als einen mächtigen Einschnitt und
                    Abschnitt in unserm Leben empfinden. Auch die Gedankenlosesten sagen sich da
                    wenigstens auf Augenblicke, dass etwas Altes gewesen, vorbei ist und dass
                    nun etwas Neues beginnt. Und ich meine, wenn uns ein <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Herzenskenner erzählen könnte, was da in vielleicht nur zehn
                    oder fünfzehn Menschen inwendig vorgeht und nicht vorgeht, wenn sie sich
                    dieses Einschnitts und Abschnitts bewusst werden, so wäre das die beste und
                    eindrücklichste Neujahrspredigt.</p>
                <p>Aber wir brauchen uns nicht länger über diese Möglichkeit zu unterhalten. Ich
                    weiß dir einen sehr einfachen Ersatz dafür: Besinne dich einfach einmal
                    darauf, wie du selbst von einem Jahr ins andre hinübergegangen bist, nicht
                    diesmal, das ist uns allen noch zu nahe, als dass wir uns selbst verstehen
                    und überblicken könnten, aber das letzte Jahr und das vorletzte, die letzten
                    fünf oder zehn Jahre, wenn du dich noch erinnern kannst. Nicht wahr, da war
                    kein <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahr</term> wie das andre, obwohl
                    du immer dasselbe Menschenkind warst, das sie alle erlebte, äußerlich nicht
                    und innerlich erst recht nicht. Himmelhoch jauchzend <pb xml:id="p269" ed="pga"/>
                    war da das eine Mal der Übergang und das andre Mal zu Tode betrübt,<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1552">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                        <hi rend="italic">Egmont</hi>, dritter Aufzug (Klärchens Lied [Schlusszeilen])</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Himmelhoch jauchzend, </l>
                                    <l>Zum Tode betrübt – </l>
                                    <l>Glücklich allein </l>
                                    <l>Ist die Seele, die liebt.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    das dritte Mal so gleichgiltig, dass du dich kaum noch
                    daran besinnst, und wenn du sie alle nebeneinander hältst, kommt dir wohl
                    gar auch das als zweifelhaft vor, ob’s denn wirklich dasselbe
                    Menschenkind gewesen sei, du selbst, das da allemal dabeigewesen.
                    Probier’s einmal, wenn du vielleicht heute Nachmittag eine stille
                    Stunde hast, diese Revision deiner <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> vorzunehmen, und ich verspreche dir, dass du dir
                    dann selbst die lehrreiche Neujahrspredigt halten kannst, die wir von dem
                    Herzenskenner, wie es unter den Menschen leider keinen gibt, erwarten
                    dürften. – |</p>
                <p>In alten Zeiten erzählte man sich viel von allerlei Spuk und Geistern, die in
                    der Neujahrsnacht ihr Wesen trieben. <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Die neuern
                    Zeiten sind gegen solche Nachrichten misstrauisch geworden, aber vielleicht
                    hatten die Alten doch recht. Es ist etwas daran: um solche Wendepunkte herum
                    sieht’s bei den Menschen so aus, als wären auf einmal alle Geister
                    losgelassen, die guten und die bösen, die das Jahr über durch Gewohnheit und
                    Gedankenlosigkeit und Sitte in strenger Hut gehalten sind. Nun rühren sie
                    sich eine Weile, eine Stunde, zwei Stunden, dann begeben sie sich scheinbar
                    wieder zur ewigen Ruhe, und der Mensch ist von einem Jahr in ein anderes
                    hinübergegangen.</p>
                <p>So erwacht in der Neujahrsnacht das luftige Heer der menschlichen <term type="Sachen" key="Neujahr, Wünsche">Wünsche</term>. Wer hätte keine
                    Wünsche? Wenn ich könnte, wenn ich möchte, wenn ich dürfte, wenn ich hätte!
                    Da liegt irgend ein Ziel vor uns, vielleicht schon lange und heiß ersehnt.
                    Wird das neue Jahr uns ihm näher bringen? Werden wir’s erreichen?
                    Dann war’s wohl des Aufhebens wert, den Augenblick feierlich und
                    umständlich zu begehen, mit dem das Jahr des Heils 1910 beginnt, das das
                    bewusste große Glück uns wird erleben lassen. Aber eben, das kann man nicht
                    wissen, und dass man’s nicht weiß, das macht die Wunschgeister der
                    Neujahrsnacht und mit ihnen uns selbst so merkwürdig unruhig. – |</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p270" ed="pga"/> Und mit den Wünschen eng verwandt, obwohl ihr Gegenteil, kriecht da dem Boden
                    entlang die unangenehme Gesellschaft der <term type="Sachen" key="Neujahr, Befürchtungen">Befürchtungen</term>. Wir haben im alten
                    Jahr allerlei Wolken aufsteigen sehen an unserm kleinen oder großen
                    Horizont. Werden sie sich verziehen, oder wird im neuen Jahr das längst
                    gefürchtete Gewitter losgehen mit aller Kraft? Dann war’s ein
                    bedenklicher Schritt, der Schritt ins Jahr 1910, den wir eben getan haben.
                    Aber eben, man weiß es nicht, und gerade was man nicht weiß, pflegt einem
                    heiß zu <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> machen, trotz dem Sprichwort.<note xml:id="n02">«Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.»
                        Deutsches Sprichwort im Sinne von: Etwas, von dem ich keine Kenntnis
                        habe, kann mich auch nicht beunruhigen / in Rage versetzen.</note>
                    </p>
                <p>Das Wünschen und Fürchten, das die Wende des Jahres wach ruft, ganz anders
                    als ein gewöhnlicher Tag, ist aber nicht Alles. Und nicht das
                    Einschneidendste, nicht das, was der <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrsnacht</term> ihren Ernst gibt. Denn Wünsche und Befürchtungen
                    mögen wohl einen sehr ernsthaften Hintergrund haben, sie bleiben doch
                    luftige und schwer fassbare <hi rend="italic">Gefühle</hi>. Viel ernsthafter sind die
                        <term type="Sachen" key="Neujahr, Gedankengeister">
                            <hi rend="italic">Gedanken</hi>geister</term>, die in der Neujahrsnacht erwachen.
                    Ein guter Kaufmann vergewissert sich am Ende eines Jahres über Soll und
                    Haben, rechnet auf beiden Seiten zusammen, schreibt in größern Zahlen das
                    Resultat darunter, vergleicht es mit dem des Vorjahrs und des vorletzten
                    Jahrs und kalkuliert, wie es wohl übers Jahr aussehen mag. So hält es ein
                    ordentlicher Mensch in seinem Geschäft. Aber die ordentlichen und die
                    unordentlichen Menschen, die nachdenklichen und die gleichgiltigen, merken
                    in der Neujahrsnacht, vielleicht ja nur einen Augenblick lang, vielleicht
                    aber länger, dass es gut wäre, einmal noch ganz andre Hauptbücher
                    aufzuschlagen und zu revidieren, die Hauptbücher, in denen über der einen
                    Seite steht: «wertvoll» und über der andern: «wertlos». Da besinnt man sich
                    dann wohl: was haben mir die 365 Tage des verflossenen Jahres gebracht,
                    nicht an äußern Ereignissen diesmal, sondern durch die äußern Ereignisse
                    aller Art an innern Lebenswerten? Bin ich durch das Glück und durch das
                    Unglück und durch das viele Gleichgiltige, das dazwischen liegt, das ich im
                    vergangenen Jahr erlebte, bin ich dadurch reifer, reiner, ewiger geworden?
                    Bin ich einen kleinen Schritt weiter gekommen, oder steht’s so, dass
                    ich wehmütig <pb xml:id="p271" ed="pga"/> auf andre Jahresanfänge zurücksehen
                    muss, an <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> denen ich anders, ganz anders vor mir
                    selbst dastand als heute?<note xml:id="n03">In der Betonung des
                        Weiterkommens und der Ausrichtung auch auf das Ewige spiegelt sich
                        möglicherweise Barths eben erfolgte Lektüre von <bibl corresp="kbga-bibls-1749">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>,
                        Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi></bibl>, wo es im Abschnitt «Die Bedeutung
                        des sittlichen Gesetzes für das Wachstum des persönlichen Lebens»
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-1749">a.a.O., S. 57–61</bibl>) unter anderem heißt: «Diese Erkenntnis, daß
                        das sittliche Verhalten in jedem Moment ein Weiterkommen oder
                        Selbstverleugnung sein soll, liegt jedem nahe, der fest im Auge behält,
                        daß das Wollen, wenn es wahrhaftig wird und nicht bloß ein scheinbares
                        bleibt, schließlich immer auf das Ewige geht» (<bibl corresp="kbga-bibls-1749">a.a.O., S. 59</bibl>).</note>
                    Habe ich etwas erlebt in diesem Jahr, das ich als ein unverlierbares Saldo
                    mit hinübernehme ins neue Jahr, oder war’s wieder einmal ein Jahr der
                    Sinnlosigkeit, das ich am besten in Vergessenheit begrabe, um eine neue
                    Rechnung anzufangen? Wer nicht auf der Oberfläche lebt, der merkt gleich,
                    das sind Fragen von ganz anderm Gewicht als die Fragen nach dem, was wir zu
                    hoffen und zu fürchten haben. Viel dringendere, viel unangenehmere Fragen.
                    Und trotzdem sage ich: wohl dem Menschen, bei dem diese <term type="Sachen" key="Neujahr, Gedankengeister">Gedankengeister</term> wach werden in der
                    Neujahrsnacht. Schüttle sie nicht ab von dir, merk wohl auf, was sie dir zu
                    sagen haben! Fraget nach den Wegen und sehet, welches der gute Weg sei!
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.6.16">Jer. 6,16</ref>]</p>
                <p>Und doch gibt es Neujahrsgeister, die sind noch ganz anders wichtig und
                    bedeutungsvoll als die Gefühls- und Gedankengeister. Denn wenn die Wünsche
                    und die Befürchtungen und wenn der ernste Rechnungsabschluss des innern
                    Lebens am Auge des Menschen vorübergezogen sind, da ist noch lange nicht
                    Alles fertig. Vielmehr die Hauptsache kommt erst. Das ist aber die
                    Hauptsache, wenn die Gefühle und die Gedanken zurücktreten vor dem <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">
                            <hi rend="italic">Willen</hi></term>.
                    An dem Resultat jenes Rechnungsabschlusses ist, was die <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> anbetrifft, nichts zu ändern.
                    Du weißt recht gut, dass es da in deinem Innern eine Instanz gibt, die du
                    unmöglich betrügen kannst. In Flammenschrift steht es da geschrieben: das
                    Wertvolle und das Wertlose an deinem Leben. Welcher Posten überwiegt? Nicht
                    wahr, es geht dir auch so, je aufmerksamer du hinsiehst, desto kleiner wird
                    der Posten des Wertvollen gegenüber den endlosen Reihen des <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Sinnlosen und Wertlosen. Wir merken, was das
                    heißen wollte, wenn der <persName ref="kbga-actors-9223">König von Babylon</persName> in seiner letzten Nacht an der Wand die Schrift
                    erblickte: Gezählt, gezählt, <pb xml:id="p272" ed="pga"/> gewogen und zu leicht
                    erfunden! [<ref type="can" subtype="bible" target="Dan.5.25">Dan. 5,25</ref>] An
                    der Schrift ist nichts zu ändern, die Tatsache ist da, sowenig der
                    korrekteste und ordentlichste Rechnungsabschluss etwas ändert am Ertrag und
                    Nichtertrag eines Geschäftsjahrs. Und ebenso wenig ändern unsre Wünsche und
                    Befürchtungen etwas an dem, was kommen wird in der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>. Die einfachste Überlegung muss uns davon
                    überzeugen: Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut, Freude und
                    Schmerz, Leben und Sterben, das sind Dinge, die nicht in unsrer Hand liegen.
                    Wenn wir ihrem Kommen und Gehen zusehen mit klaren Augen, so erfasst uns
                    etwas von dem Schauer unsrer endlosen <term type="Sachen" key="Mensch, Abhängigkeit">Abhängigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Unfreiheit">Unfreiheit</term>:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Nach ewigen, ehrnen,</l>
                            <l>Großen Gesetzen</l>
                            <l>Müssen wir alle</l>
                            <l>Unseres Daseins</l>
                            <l>Kreise vollenden.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-117">Strophe 6 des
                                    Gedichts «Das Göttliche» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                    (Erstdruck: 1785; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1,
                                    Berlin 1965, S. 331–333, dort S. 332)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und unsre Wünsche und Befürchtungen müssen uns neben dem
                    ungeheuren Gefüge der <term type="Sachen" key="Ordnung, Weltordnungen">Weltordnungen</term>, dem<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Mskr.: «der»; von den Hrsg. geändert.</note>
                     wir nicht entrinnen können, wie ein unendlich harmloses Kinderspiel
                    erscheinen. – |</p>
                <p> An der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> ist
                    nichts zu ändern und an der Zukunft auch nicht, das wäre das betrübliche
                    Resultat unsrer Betrachtungen. Aber nun wisst ihr auch alle, dass wir doch
                    nicht davon lassen können, doch daran ändern zu wollen. Zu
                        <hi rend="italic">wollen?</hi> Was heißt das: Wollen? Wenn Wollen nichts Anderes
                    ist als ein recht starkes Wünschen, dann steht es auf ebenso schwachen Füßen
                    wie dieses. Und viel von dem Wollen, viel von den Plänen und Absichten, mit
                    denen <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> der Mensch in der <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrszeit</term> sich trägt, sind nichts als
                    unterstrichene Wünsche oder durchgestrichene Befürchtungen. Aber mit
                    Unterstreichen und Durchstreichen ist nichts geholfen. Die Sache bleibt
                    doch, wie sie ist. Das Wollen, das eine Veränderung bringt, muss etwas
                    Anderes sein. Das sind nicht die guten <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Willensgeister</term> der Neujahrsnacht,
                    an die ich denke, die nur zu sagen wissen: Lasst uns tun, was möglich ist,
                    damit unsre Wünsche in Erfüllung und unsre Befürchtungen nicht in Er<pb xml:id="p273" ed="pga" break="no"/>füllung gehen, die nur von Erfolgen und Misserfolgen,
                    Gesundbleiben und Krankwerden, von Trauer und Vergnügen denken und reden.
                    Denn das sind luftige Geister, und es gibt dringendere Angelegenheiten als
                    die, von denen sie denken und reden.</p>
                <p>Aber das sind die guten Willensgeister, die uns noch einmal vor den
                    Rechnungsabschluss über das Wertvolle und über das Wertlose in ­unserm Leben
                    führen und uns dann fragen: Was sagst du dazu? Du hast’s gesehen: zu
                    leicht erfunden. Es sind allerlei Keime in deinem Leben, aus denen könnte
                    einmal etwas werden, aber bisher sind sie überwuchert vom Unkraut der
                    Sinnlosigkeiten und vom Gestrüpp der Sinnwidrigkeiten. Was sagst du dazu? Du
                    darfst dazu nicht die Achseln zucken, du darfst nicht ebenso gleichgiltig
                    und stumpf ins neue Jahr hineingehen, wie du durch’s alte gegangen
                    bist. Du hast gesehen, wenn du genau gesehen hast, dass dein
                    Rechnungsabschluss mit einem großen Passivsaldo endigte, soll das das
                    nächste Jahr wieder so sein? Weißt du, was dann kommt? Es kommt der größte
                    Bankrott, den es geben kann. Denn du wirst eines Tages einen <term type="Sachen" key="Silvester">Sylvester</term> erleben, der dein letzter
                    war, und unter den 365 Tagen, die auf diesen Sylvester folgen, wird einer
                    sein, das ist <hi rend="italic">dein</hi> großer Sylvester, und wenn er mitten im
                    Hochsommer <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> wäre! Da wird dann noch einmal
                    Rechnung abgeschlossen, und zum letzten Mal werden die Posten all der
                    vergangenen Jahre zusammengezählt zur Beantwortung der Frage: hat dies
                    Leben, haben diese 20, 30, 50, 70 Jahre einen <term type="Sachen" key="Leben, Sinn">Sinn</term>, einen <term type="Sachen" key="Leben, Wert">Wert</term>, einen <term type="Sachen" key="Leben, Inhalt">Inhalt</term> gehabt oder nicht? Was wirst du dazu
                    sagen? Wache auf, der du schläfst! [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.14">Eph. 5,14</ref>] Wirke, solang es Tag ist! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.9.4">Joh. 9,4</ref>] Wolle lebendig, wolle
                    wertvoll werden! Es ist höchste Zeit! So raunen und murmeln die guten <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Willensgeister</term> der
                    Neujahrsnacht. Und du merkst schon: ja, das wäre freilich das, was sein
                    müsste – aber – aber. Du merkst schon, dass das die eine große
                    Neujahrsfrage ist: <hi rend="italic">nicht:</hi> was wird mir wohl nun Glückliches
                    oder Unglückliches passieren? und auch <hi rend="italic">nicht:</hi> wie ist’s
                    mit mir gestanden bis dahin? sondern: wie wird’s mit mir stehen,
                        <hi rend="italic">was muss ich tun</hi>, damit es anders, besser mit mir steht in
                    der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> als in der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term>. |</p>
                <p> Meine Freunde, wir wissen aber Alle, wie das dann in <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrszeiten</term> zu gehen pflegt, wie die Stimme der
                    guten Geister übertönt wird vom Lärm und Geschwätz der andern Geister und
                    vom Getöse der Geister, die überhaupt keine Geister sind. Blitzartig
                    leuchtet das <pb xml:id="p274" ed="pga"/> Eine, was nottut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], vor unsern Augen auf,
                    und ebenso blitzartig verschwindet es wieder. Wir können’s nicht
                    lassen, zurückzublicken wie das Weib des <persName ref="kbga-actors-3892">Lot</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.19.26">Gen. 19,26</ref>] und uns von den andern Geistern zuraunen zu lassen:
                    glücklich werden sei halt doch <hi rend="italic">noch</hi> wichtiger als lebendig
                    werden. Der Moment ist verpasst, und das neue Jahr findet uns richtig als
                    Salzsäulen, als Menschen, die sich nicht entschließen konnten. Nicht wahr,
                    so ist’s uns allen schon manches Jahr ergangen? Nicht wahr, du kennst
                    dieses Durcheinander der innern Stimmen? Du weißt zu erzäh<pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>len von Neujahrszeiten aus jungen oder alten
                    Jahren, wo alle diese Geister auf dich eingestürmt sind, das eine Mal
                    waren’s besonders die einen, das andre Mal besonders die andern, aber
                    wie dem auch war, dein Inneres war an den vielen 1. Januaren genau genommen
                    ein großes Chaos, das dich zu keinem klaren Blick und noch weniger zu einem
                    Entschluss kommen ließ, und dann war’s auch im Handumdrehen schon
                    2. Januar geworden, die <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Neujahrsgeister</term> hatten sich wieder zur Ruhe begeben, und du
                    selbst warst der Alte geblieben. Das Chaos, das Durcheinander der <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term> und <term type="Sachen" key="Gefühle">Gefühle</term>, das nennen wir dann <term type="Sachen" key="Stimmungen, Neujahrsstimmung">Neujahrsstimmung</term>. Und diese
                    krause Neujahrsstimmung ist ein gutes Bild unsres innern Lebens überhaupt.
                    Wer befiehlt da eigentlich und wer gehorcht? Ja, das ist eine schwierige
                    Sache, das zu sagen!, meinst du, und während du dich noch besinnst,
                    ist’s schon 2. Januar geworden, und es geht Alles weiter wie
                    zuvor.</p>
                <p>Und drum sag’ ich dir’s noch einmal: die beste Neujahrspredigt
                    musst und kannst du dir selbst halten, wenn du’s probierst, dir
                    klarzumachen: wie ging das bis jetzt zu, wenn ich <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahr</term> feierte. Denn dann bekommst du bald ein
                    Bild des großen Durcheinanders in deinem Innern. Das zeigt dir, wie es mit
                    dir steht und gestanden ist, und das öffnet dir vielleicht die Augen dafür,
                    wie es mit dir stehen sollte.</p>
                
                <p rend="margin-top">Aber das wäre doch nur eine halbe Predigt, wenn du dir nichts
                    Anderes vorzuhalten wüsstest als das Durcheinander der guten und der bösen
                    Stimmen deines Innern. Und ihr Wert wäre schließlich ebenso zweifelhaft wie
                    die Art mancher Leute, <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Neujahr zu feiern: Man
                    versammelt sich, wenn 12 Uhr herannaht, auf Straßen und Plätzen, und mit dem
                    ersten Schlag hebt ein ohrzerreißendes Schreien und Brüllen an, das offenbar
                    Freude und Glückwünsche bedeuten soll. Hast du <pb xml:id="p275" ed="pga"/> etwas
                    gehört von den zwölf Schlägen der Turmuhr? Nein, wie sollte ich, ich hörte
                    nur das Schreien der Menschen und die große Trommel der Blechmusik. Ein
                    trauriger Übergang ins neue Jahr! Und so wäre das ein trauriger Übergang ins
                    neue Jahr, der uns nichts brächte als unsre hilflosen Versuche, uns
                    klarzuwerden über den Weg, den wir kommen und den wir gehen wollen. Das
                    würde Steckenbleiben bedeuten, im Kleinen, im Menschlichen. Ja,
                    gibt’s denn etwas Anderes als dies Kleine, Menschliche? Freilich
                    gibt’s etwas Anderes. Es ist gut, es ist nötig, dass du dir
                    klarwirst, wie es mit dir steht und wie es mit dir stehen sollte. Aber es
                    gibt noch etwas Anderes. Sei jetzt einmal ganz still und hör nur noch auf
                    die geheimnisvolle metallene Stimme der mitternächtlichen Glocken.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>O Mensch! Gib Acht!</l>
                            <l>Was spricht die tiefe Mitternacht?<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-326">Eingangszeilen des Gedichts «Oh Mensch! Gieb Acht!» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName> (ders., <hi rend="italic">Also sprach Zarathustra.
                                        Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche Werke.
                                    Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G.
                                    Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999,
                                    S. 285f. und S. 404</bibl>; vgl. auch oben,
                                        <ref type="pub" target="../volume/53/p164#fn_n09">S. 164, Anm. 9</ref>).</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Die Stimme hat freilich einen andern Klang als die
                    verworrenen Stimmen der guten und bösen <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Neujahrsgeister</term>. Du kennst die
                    Stimme längst, du hörst sie alle Sonntage, alle Tage sogar, du hast sie
                    jüngst in der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term>
                    wieder gehört. Aber so wunderlich und bedeutsam ist ihr Ton vielleicht nie
                    wie gerade in der Stunde, wo er uns auf der schmalen Grenze zweier Jahre
                    trifft. Wo er scharf und hart und hell und doch freundlich hineinklingt in
                    das Stimmengebrause der menschlichen Neujahrsgeister.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Ich will dir sagen, was die Glockenstimme aus
                    der Höhe redet, zu denen, die sie verstehen: Sie ruft: <hi rend="italic">Ist jemand in
                        Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es
                        ist Alles neu geworden</hi>. Das ist ein Geheimnis, das ist ein
                    Wunder, liebe Freunde, was da die mitternächtliche Stimme aus der Höhe ruft.
                    Davon wusste keiner der Neujahrsgeister, auch der beste nicht. Denn die
                    Neujahrsgeister tuschelten und murmelten entweder von luftigen Träumen oder
                    von harten, unabänderlichen Wahrheiten, und die besten unter ihnen, deren
                    Stimme aber so leise und schwer vernehmbar war, die besten unter ihnen
                    redeten von hohen Aufforderungen zum Streben nach fernen <pb xml:id="p276" ed="pga"/> Zielen. Das Geheimniswort der Mitternachtsstimme redet
                    offenbar von etwas ganz Anderem, von einer ernsten und freudigen Tatsache,
                    die jetzt, gegenwärtig da ist. Mag die <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> gewesen sein, welche sie wolle,
                    und mag die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> bringen, was
                    sie wolle, da ist eine Tatsache, die macht Vergangenheit und Zukunft anders,
                    ganz anders, wenn du ihrer nur gewahr wirst. Denn der Augenblick, wo du
                    ihrer gewahr wirst, ist der Augenblick, in dem die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> in dein Leben tritt, vor der
                    Vergangenheit und Zukunft gleichgiltig sind.</p>
                <p>Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen;
                    siehe, es ist Alles neu geworden. So hat’s in alter Zeit der <rs type="person" ref="kbga-actors-313">Apostel</rs> an die korinthische Gemeinde
                    geschrieben, und in dem Wort steckte die Erfahrung seines ganzen Lebens. Den
                    Ertrag seiner ganzen reichen Arbeit an sich selbst und an den Andern hat er
                    darin niedergelegt. Wenn ihn einer gefragt hat, auf was kommt es schließlich
                    an, damit ich etwas sei und etwas werde, so hat er geantwortet: es kommt
                    darauf an, dass du in Christo seist und Christus in dir, <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> wie das Eisen ganz in Glut aufgeht. Dann bist du etwas, dann
                    wirst du etwas, das von dem, was du jetzt bist, so verschieden ist wie
                    glühendes Eisen von kaltem Eisen. Und wenn wir zurückblicken auf die
                    Geschichte des <term type="Sachen" key="Christentum, Geschichte">Christentums</term>, auf die Geschichte seiner Propheten und Priester,
                    auf die Geschichte des Christentums, die ein Stück der <term type="Sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term> geworden ist, wie auf die
                    verborgene Geschichte des Christentums im Leben der <term type="Sachen" key="Familie">Familien</term> und der Einzelnen, soviel oder so wenig
                    wir davon wissen, wir sehen bei allen ungeheuren Verschiedenheiten, dass es
                    immer <hi rend="italic">eines</hi> war, auf das es ankam, und das eine war das, dass
                    der <term type="Sachen" key="Mensch, neue Kreatur in Christo">Mensch</term>
                    in Christo eine neue Kreatur wurde.</p>
                <p>Und nun meine ich, das Zeugnis von dieser Tatsache und das Bekenntnis zu
                    dieser Tatsache, das sei der mitternächtliche Glockenschlag, auf den wir an
                    der Grenzscheide des Jahres wohl tun zu hören. Denn wir haben’s
                    gesehen, wie in <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrszeiten</term> der
                    Ertrag unsres Lebens uns deutlich werden kann, aber der Ertrag ist eine
                    große Frage, Alles in Allem genommen. Wohlan, hier ist <hi rend="italic">auch</hi> der
                    Ertrag eines <term type="Sachen" key="Leben, Ertrag">Lebens</term>, aber der
                    Ertrag ist eine Antwort. Wird er die Antwort auf jene Frage sein? Wird die
                    Glockenstimme der Mitternacht den Knäuel von Rätseln lösen, den die <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Neujahrsgeister</term>
                    aufgeworfen und vielleicht nur noch mehr verwickelt haben?</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p277" ed="pga"/> Oder trägt die Glockenstimme ein neues Rätsel in den Knäuel hinein? «In
                    Christo sein», das klingt so fremd, so altertümlich. Es mag wohl so sein,
                    dass das für <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und für <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> einmal etwas bedeutet
                    hat und dass auch heute noch ein paar <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> und ein paar <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term>, die viel in der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> lesen, verstehen, was damit
                    gemeint ist. Aber was <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> soll ich damit? Ich
                    könnte es mir wohl denken, dass der eine oder andre sich im Stillen so oder
                    ähnlich gefragt hat, als er meinen Text hörte. Aber siehst du, das, was
                    Paulus gemeint hat, ist weniger verzwickt und weniger schwer verständlich,
                    als du denkst. Es gibt im <term type="Sachen" key="Christentum, keine Geheimlehre">Christentum</term> überhaupt keine
                    Geheimlehren, die nur für die <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> und für die <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> bestimmt wären, sondern nur eine <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, und die ist für Alle. Wohlverstanden:
                    bequem und selbstverständlich ist deshalb das Christentum nicht, aber
                    einfach und jedem verständlich.</p>
                <p>Siehst du, in Christo sein, das bedeutet für dich jetzt ganz einfach, dass es
                    bei der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> bleibt. Wenn
                    du wirklich Weihnachten erlebt hast und nicht bloß eine Tannenbaumfeier,
                    dann ist ja Christus unsichtbar zu dir gekommen und hat dir gezeigt, wie
                    Gott ist und was Gott mit dir will. Das heißt in Christo sein, wenn das nun
                    nicht anders wird, da die Weihnachtstage vorbei sind, wenn Christus bei dir
                    bleibt in seinem ganzen Ernst und in seiner ganzen Freundlichkeit und wenn
                    du bei ihm bleibst von Tag zu Tag mehr in deinem Denken, Handeln und Fühlen.
                    Ich sag’s noch einmal: Das ist freilich ein Wunder und ein Geheimnis,
                    wenn du dieses Weihnachtsgeschenk vom alten Jahr ins neue hinübernehmen
                    darfst, aber ein Wunder, das erlebt werden kann, und ein Geheimnis, das
                    offenbar wird denen, die Augen haben.</p>
                <p>Und nun höre noch einmal hin auf die vollen Töne der Neujahrsglocken: Ist
                    jemand in Christo, so ist er eine neue <term type="Sachen" key="Mensch, neue Kreatur in Christo">Kreatur</term>. Eine neue Kreatur!
                    Hast du’s gehört? Das ist offenbar etwas Anderes als das, was die <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> besten Neujahrsgeister uns zu sagen haben. Und
                    wenn das wahr ist, dann gewinnt auch der Knäuel von Rätseln, der sich in der
                    Neujahrsnacht vor unsern verwirrten Augen immer mehr verwickelt hat, ein
                    anderes Aussehen. Denn wenn uns gesagt wird: Du bist eine neue Kreatur, so
                    will das viel mehr sagen, als unsre besten Wünsche und Hoffnungen und
                    Vorsätze uns sagen könnten. Das will offenbar sagen: Du bist eine neue
                    Kreatur, weil du dann selbst Christi Sinn hast, weil du selbst ein kleines
                    Teil geworden bist von Christus. Und wenn das wahr ist, dann besinn dich nur
                    deutlich auf das große Weihnachts<pb xml:id="p278" ed="pga" break="no"/>licht, besinn dich
                    auf das, was Jesus war und ist, dann wird’s hell mitten in der
                        Nacht.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-5">Strophe 4 des Liedes «Gelobet
                        seist du, Jesu Christ» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 392; EG 23)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Das ewig Licht geht da herein, </l>
                                    <l>Gibt der Welt ein’ neuen Schein; </l>
                                    <l>Es leucht’ wohl mitten in der Nacht </l>
                                    <l>Und uns des Lichtes Kinder macht.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note>
                    </p>
                <p> Deine <term type="Sachen" key="Neujahr, Wünsche">Wünsche</term> und deine
                        <term type="Sachen" key="Neujahr, Befürchtungen">Befürchtungen</term>!
                    Wünschen und fürchten ist freilich unser menschliches Teil. Aber wenn du
                    selbst, du, der Mensch, der wünscht und fürchtet, ein Anderer <term type="Sachen" key="Mensch, neue Kreatur in Christo">geworden</term>
                    bist, einer, der Teil hat am Leben Christi, dann stellst du mit ihm deine
                    Wünsche und Befürchtungen unter die Gewissheit:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Was mein Gott will, gescheh allzeit,</l>
                            <l>Sein Will, der ist der beste; […].<note xml:id="n07">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-225">Beginn eines Liedes von <persName ref="kbga-actors-1339">Albrecht von Preußen</persName> (RG 669; EG 364).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Wer in Christo ist, nicht nur, weil er einmal <term type="Sachen" key="Taufe">getauft</term> und <term type="Sachen" key="Konfirmation">konfirmiert</term> worden ist und darum Christ heißt,
                    sondern weil er persönlich bekannt geworden ist mit Jesus von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term>,
                    der weiß, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]; er ergibt sich
                    ruhig darein: nicht mein, sondern dein Wille geschehe [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.42">Lk.  22,42</ref>], nicht wie der <term type="Sachen" key="Mohammedaner">Mohammedaner</term> sein Schicksal
                    erwartet, sondern wie ein Freund, der seinem Freunde nur das Beste zutraut,
                    auch wenn er ihn nicht immer versteht. Denn wenn einer in Christo ist, so
                    ist etwas Altes vergangen, das enge, kleinliche Pochen nämlich auf das, was
                    wir für gut und nützlich <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> ansehen, und es ist
                    Alles neu geworden. Das Neue ist aber die ruhige Gewissheit:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Gott sitzt im Regimente</l>
                            <l>Und führet Alles wohl.<note xml:id="n08">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Aus Strophe 7
                                    des Liedes «Befiehl du deine Wege» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>
                                    (RG 680; EG 361).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Dein Rechnungsabschluss mit der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term>! Was geschehen ist, ist
                    geschehen. Wo der Baum fällt, da liegt er, so spricht man wohl [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.11.3">Pred. 11,3</ref>]. Nicht doch:
                    Wenn ein Mensch in Christo eine neue <term type="Sachen" key="Mensch, neue Kreatur in Christo">Kreatur</term> geworden ist, dann
                    ist die Vergangenheit wie die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> aufgenommen in die Ewigkeit des guten Willens <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>. <hi rend="italic">Unser</hi> Wille
                    mag oft schlecht gewesen sein, <hi rend="italic">unser</hi> Leben wertlos und sinnlos,
                    und doch <pb xml:id="p279" ed="pga"/> ist’s derselbe alte Wille, dasselbe
                    alte Leben, das neu werden soll in der Gemeinschaft mit Jesus. Ein Christ
                    werden heißt nicht: aus seiner Haut schlüpfen, sondern <hi rend="italic">in</hi>
                    seiner Haut ein neuer <term type="Sachen" key="Christen, neue Menschen">Mensch</term> sein. Dann ist das Alte wohl vergangen, der Druck und die
                    Betrübnis der vielen bösen Rechnungsabschlüsse wird von uns weggenommen,
                    aber noch viel mehr: es gehen uns dann die Augen auf dafür: wie Gott uns
                    durch das Alte hindurch zum Neuen führen wollte, und wir erkennen auch in
                    der Sinnlosigkeit und Wertlosigkeit, die hinter uns liegt, das freundliche
                    Walten eines <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willens</term>, der
                    größer ist als der unsrige.</p>
                <p> Und endlich die Mahnungen der <term type="Sachen" key="Neujahr, Willensgeister">Willensgeister</term>: Sei ein Anderer, es
                    ist höchste Zeit! Das sind die guten Geister, und ihre Stimme begleitet auch
                    den, der in Christo ist. Denn ihm erst recht ist gesagt: ihr sollt
                    vollkommen sein, wie der himmlische <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>
                    <term type="Sachen" key="Gott, Vollkommenheit">vollkommen</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt.5,48</ref>]. Aber ihm ist zur
                    selben Zeit gesagt: Du <hi rend="italic">bist</hi> schon ein Anderer. Du tappst nicht
                    mehr im Dunkeln, du gehörst nicht mehr zum Volk, das im Finstern wandelt
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.1">Jes. 9,1</ref>], du weißt,
                    wo deine Pflicht liegt, du brauchst ja nur den Herrn Jesus anzusehen, so
                    weißt du es.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu
                    geworden. Es kommt Ordnung in das Durcheinander unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, in dem man nicht
                    wusste: wer befiehlt und wer gehorcht? Nicht auf einmal, aber es kommt; wir
                    sehen Licht, die Hauptsachen treten hervor, die Nebensachen zurück, es kommt
                        <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term> in das Chaos, wie die
                    Kristalle einer Säure zusammenschießen nach unsichtbaren innern Gesetzen.
                    Wenn das Alles wahr ist, dann ist das freilich die Antwort auf die Fragen
                    der <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrsnacht</term>. Dann gehören
                    freilich Frage und Antwort zusammen wie <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> und <term type="Sachen" key="Erfüllung">Erfüllung</term>. Aber ob das wahr ist, für dich wahr ist, darüber
                    musst du wieder mit dir selbst zu Rate gehen, und das sei deiner
                    Neujahrsbetrachtungen zweiter Teil, was das für dich heißt oder für dich
                    heißen würde: in Christo sein und in Christo eine neue Kreatur <term type="Sachen" key="Mensch, neue Kreatur in Christo">werden</term>.</p>
                <p> Im biblischen <term type="Sachen" key="Schöpfungsbericht">Schöpfungsbericht</term> steht ein nachdenkliches Wort, das ich dir
                    dazu noch mitgeben möchte. Aus dem hebräischen Text übersetzt lautet es so:
                    Es ward Abend und es ward Morgen, der erste Tag [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.5">Gen. 1,5</ref>]. Was sagst du dazu? Sieh,
                    das wollen wir <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahr</term> heißen, wenn
                    es bei uns Abend wird, um Morgen zu werden, wenn das, was die
                    Mitternachtsstimme sagt, unsre <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term> und unser <term type="Sachen" key="Bekenntnisse">Bekenntnis</term> wird: Das Alte ist vergangen; siehe, es ist Alles neu
                    geworden. Und das walte Gott.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
