Predigt: Lukas 2,14
In mächtigen Akkorden tönt es in diesen festlichen Stunden und Tagen durch die christliche Menschheit auf dem ganzen Erdenrund:
Ein vielstimmiger Weihnachtschoral, vielleicht ebenso vielstimmig als die Zahl seiner Sänger. Hier feiern die christlichen Kirchen des Südens und des Nordens nach altgeheiligter Sitte, und vom Altar ertönen die ehrwürdigen Bekenntnisse der Vergangenheit vom Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrhaftigem Gott aus wahrhaftigem Gott, der eines Wesens ist mit dem Vater und durch den Alles geworden ist im Himmel und auf der Erde.3 Diese Sprache und Sitte wird heute von vielen nicht mehr verstanden, aber wo sie noch verstanden wird und wo sie wieder verstanden wird, da spürt und ahnt der Mensch etwas vom Herzschlag der Wahrheit und der Ewigkeit, und in diesen Tagen mehr als sonst; denn es ist Weihnachtszeit. – |
Hier ist die Familie um den Weihnachtsbaum versammelt, die alten, lieben
Lieder ertönen von der stillen, heiligen Nacht und vom Christuskind, das
alle Jahre wieder kommt.4 Vielleicht greift
dann auch der |256 Vater oder die Mutter nach der alten
Bibel, und alle hören zu, wie es damals gewesen ist, die einfache und doch
so bedeutungsvolle Geschichte, damals als
Hier sind’s die Weihnachtsfeiern der Vereine und Gesellschaften aller Art. Ihr
werdet es mir wohl glauben, dass ich mir keine Illusionen mache über den
Charakter dieser Feiern. Die Weihnachtlichkeit besteht da oft fast
ausschließlich im Tannenbaum und in der Überschrift des Programms. Aber ich
sage mir dann doch wieder, dass nur Gott die Herzen kennt [vgl.
Es ist Weihnachtszeit, und da merkt auch der langweiligste und alltäglichste Mensch etwas davon, dass der grüne Tannenbaum mit den Lichtern eigentlich nur das Sinnbild ist von etwas viel Wichtigerem. Er muss auch mit einstimmen in den brausenden, vielstimmigen Choral: Lobt Gott, ihr Christen allzugleich!, vielleicht recht unbewusst und recht ungeschickt; aber er kann doch nicht anders. Und mancher findet dann auch an solchem Tag wieder einmal den Weg zur Kirche, die er sich sonst lieber von außen ansieht. Vielleicht ist’s nur ein dumpfer Drang und eine alte Gewohnheit, vielleicht ist’s aber doch auch etwas Besseres. Vielleicht ist’s doch mindestens ein gewisses unklares und doch in der Hauptsache sehr bestimmtes Gefühl, das ihm sagt: Eigentlich, eigentlich gibt’s doch noch andre Dinge, die ich |257 ehren und achten sollte als bloß das Prosperieren meines Geschäftes und allenfalls das bisschen Politik oder Vereinsleben, das ich nebenher betreibe.
Ein vielstimmigerb Choral ist die Weihnachtsfreude der Christenheit. Wie steht’s aber mit der Harmonie in der Vielstimmigkeit? Gott mag sie hören, wie er die Harmonie der Sphären hört, von der die Dichter reden.5 Für unsre menschlichen Ohren ist viel Missklang in diesem Choral, und wir wollen offen und ehrlich sein und uns das eingestehen. Der Tannenbaumoptimismusc, der sich im Allgemeinen damit beruhigt, dass die Weihnachtszeit eine Freudenzeit sei, ist ebenso unwahr wie all das andre, was sich Optimismus heißt. Denn in die Vielstimmigkeit des Weihnachtschorals dringen lärmend und störend herein die Disharmonien der Not und der Sünde des öffentlichen und privaten Lebens derselben Menschen, die den Choral singen, laut oder leise, bewusst oder unbewusst. Und wie sich vielleicht keiner dem Singen und Klingen: Lobt Gott, ihr Christen allzugleich! entziehen kann, so erinnern uns jene Disharmonien, die wir ebensowenig überhören wollen, daran, dass wir die Harmonie der Weihnachtsfreude nicht haben, sondern dass sie vor uns liegt als ein gewaltiges, hohes Ziel. Es ist Gottes freundliches Weihnachtsgeschenk, dass er uns in diesen Tagen wieder an den Weg erinnert, der aus der Disharmonie zur Harmonie führt. Aber es ist unsre Sache, diesen Weg zu gehen. Kurz und machtvoll spricht das Weihnachtsevangelium das |258 Eins-und-Alles aus, auf das es ankommt, das Eins-und-Alles, das uns geschenkt ist, und das Eins-und-Alles, das von uns gefordert wird:
I
Die Ehre Gottes – das ist der ganze Inhalt der Weihnachtsbotschaft,
und
Wir wollen die Gegenwart betrachten im Spiegel der Vergangenheit. Vielleicht wird es uns dann deutlicher, warum gerade das in der Mitte unsres christlichen Bekenntnisses und in der Mitte unsrer Weihnachtsgedanken stehen muss: Ehre sei Gott in der Höhe!
Wenn die ersten Christen mit dieser Botschaft zu den Völkern der alten
Welt gegangen sind, dann mögen wohl auch dort die Leute die Köpfe
geschüttelt haben und sich gefragt: Ist das Alles?; denn auch dort
gehörte die Ehre Gottes zu den angenommenen, zu den selbstverständlichen
Dingen. Ihr wisst, welches die Völker waren,
die diese alte Welt repräsentierten: das Volk der Griechen, das Volk der Römer, |259 das Volk der Juden. Auf dem
Marktplatz von
Die Ehre Gottes bei den Griechen. Es hat kaum ein so d-frommes Volk-d gegeben wie die Griechen. Ihr ganzes Leben war Religion. In jedem Baum und Strauch, in jeder Quelle, in jeder Bergschlucht wohnten Götter und Göttinnen. Jede Stadt und jeder Flecken verehrte seine besondere Gottheit, ebenso wie jedes Gewerbe und jegliche Lebensbeziehung ihren besondern Schutzgott hatte. Die Ehre Gottese war groß, Gottf war überall. Aber eben weil er überall war, war er nirgends. Frömmigkeit war dort etwas, was wirkliche Frömmigkeit wohl begleiten kann, was aber im Grunde etwas Anderes ist: künstlerisches, empfindendes Schauen nämlich. Die Natur g-wurde Gott-g. Wenn der Grieche Gott denken wollte, so dachte er an den letzten Zusammenhang der Natur, und wenn er Gott darstellen wollte, so bildete er die Krone der Natur, den vollkommenen Menschen, sich selbst. Die Ehre, die er Gott gab, war sein eigenes Gefühl für schöne Vernünftigkeit, nicht mehr. – |
Ob wir uns in diesem Spiegel wiedererkennen? Mir ist’s, ich höre einen Schwall von Worten: Religion sei eigentlich Gefühl, Alles Andre sei Dogmatik und Philosophie, aber freilich habe die Vernunft bei dieser Gefühlsreligion ein gewichtiges Wort mitzureden. Religion sei das, was man am Sonntagnachmittag im grünen Wald draußen empfinde, aber Religion dürfe vor Allem auch nicht mit den Naturgeset|260zen in Konflikt kommen. Gott sei eigentlich überall und Alles, aber vielleicht komme doch einmal die Zeit, wo bewiesen werde, dass Gott nirgends und gar nichts sei. Das ist der griechische Geist der schönen Vernünftigkeit, der so redet, meine Freunde. Er waltet mächtig bis heute in der Christenheit und trägt je nach Belieben zwei Mäntelchen von grundverschiedener Farbe. Das eine heißt römischer Katholizismus, das andre hat keinen einheitlichen Namen, aber es ist überall da, wo der Mensch meint, aus Vernunft und Gefühl sich selbst eine Religion zusammenbrauen zu können. Ehre sei Gott in der Höhe? Nein, in Wirklichkeit heißt es da: Ehre sei Gott in der Tiefe! Ehre sei dem Menschen! Denn es ist da immer und immer nur der Mensch, der mit seinen kleinen Gefühlen und seiner kleinen Vernunft im Kreis herum läuft. |
Wenn wir theoretisch oder praktisch oder beides in einer solchen Religion
der Tiefe drin stecken, wollen wir uns doch ja nicht auf
Das selbständige Gewissen, hört ihr’s? Wo dieser Ton hineinklingt in die Sätze der Vernunft und in das Wogen der Gefühle, da wird auch die |261 «Ehre Gottes» etwas Anderes werden; die ganze Frömmigkeit wird etwas Anderes.
Und etwas davon sehen wir im Altertum in Rom. Der Geist der Römer warh der Geist des Rechts und des Gesetzes. Etwas davon, von dem Ton des «selbständigen Gewissens», aber mehr eine Verheißung als eine Erfüllung, und auch die Verheißung ist bald zur Karikatur geworden. Die Ehre Gottes war in Rom die Ehre der Republik, die Ehre des Staates. Jupiter vom Kapitol war die Verkörperung dieses Staates, und diese Idee führte in direkter Linie zu der göttlichen Verehrung, die in den Jahrhunderten nach Christus den Repräsentanten dieses Staates, den Kaiserni, gewidmet wurde. Auch da war das ganze Leben Religion, und diese Religion war erfüllt von dem hohen sittlichen Gedanken der Gemeinschaft. Aber diesem hohen sittlichen Gedanken waren von vornherein die Schwingen gebrochen, denn die Ehre Gottes wurde zur Ehre der Organisation, der menschlichen Organisation, und so sehen wir auch auf dieser höhern Stufe ein Zerrbild von Religion zustande kommen. Fromm sein heißt hier, sich fügen unter geheiligte Lebensordnungen, heißt ein gehorsamer Bürger sein, heißt zur Verherrlichung der staatlichen Organisation sein Möglichstes beitragen. Ihr wißt, wie dieser Geist des römischen Rechts seine Ausgestaltung erlebt hat in der Zeit, als das römische Reich zusammenkrachte: Er ist in der römischen Papstkirche gewaltiger wieder erstanden, gewaltiger als je einer der göttlichenj Cäsaren es geträumt hatte. Ehre sei Gott in der Höhe? Nein, es war auch hier der Mensch, der Mensch und sein Gesetz, der sich selbst verherrlichte. |
Was sagt uns der Spiegel? Er sagt uns: Du bist der Mann
[
Und nun blicken wir von Athen und von Rom hinüber nach Jerusalem und sehen
um den Tempel Jahwes versammelt ein Volk, das, wenn eines, erfüllt war
von dem Gedanken: Ehre sei Gott in der Höhe. Was die Besten der Griechen
und Römer ahnten, das hatten die großen Propheten des israelitischen Volkes längst aus
geheimnisvollen Schächten zu Tage gefördert, dass ein
Gott sei, der aber nicht
Natur sei, nein, der Himmel und Erde gemacht habe, und dass
es nur ein Gebot gebe, das das selbständige Gewissen befriedige: Du
sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst [
II
In die Welt der Griechen und Römer und Juden ist Christus
gekommen, und es wird erzählt, bei seiner Geburt sei die Menge der
himmlischen Heerscharen dagewesen, die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe! Wer hat die himmlischen
Heerscharen gesehen, und wer hat ihre Stimmen vernommen? Wo der Glaube
stammelnd beschreibt, was er gesehen, da ist es eine kümmerliche Sache,
von Sage und Dichtung zu reden. Mag dem immer sein, wie ihm wolle, in
der schlichten und doch so ungeheuren Erzählung des Lukasevangeliums
redet die Ewigkeit des lebendigen Glaubens, redet dieselbe durch nichts
zu erschütternde Gewissheit, die den Verfasser des vierten
264 Und was die Apostel und die ersten Christen sahen, das war die Ehre Gottes in ihrer vollen Wirklichkeit. Was haben sie gesehen? Sie haben in den kurzen Monaten und Tagen, in denen sie mit Jesus von Nazareth zusammen waren, einen Menschen gesehen, in dem die Frömmigkeit nicht in schönen Gefühlen und nicht in klugen Vernunftschlüssen und nicht in staatsbürgerlicher Gesinnung und nicht in der Befolgung von Paragraphen und nicht in der Hoffnung auf göttliche Belohnung bestand, sondern in der Tat und in der Wahrheit und im Leben.
In der
Tat. Denn Christus hat gegenüber allem
gefühlvollen und vernünftelnden Religionswesen ein für allemal gesagt:
Nicht, die Herr, Herr sagen, nicht die schöne Gefühle haben, nicht die so freundlich sind, hinter den Welträtseln
trotz Allem noch einen Gott zu vermuten, nicht die werden in das
Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines
Vaters [vgl.
Und die Ehre Gottes durch die Tat hat Christus gelebt,
wie er sie gelehrt hat. Sein Leben war Gehorsam, und sein Leben war
Dienen.
Gehorsam gegenüber dem Gott, der in seinem Innern sprach, und Dienen
gegenüber den Menschen, denen er helfen wollte. So hat er gelebt, und so
ist er gestorben. Gestorben! Und seine Jünger und Apostel
hatten wahrlich recht, wenn sie in seinem Sterben Siegel und Bewährung
sahen seines Lebens und des neuen Lebens, das er in ihnen angezündet.
Höhere Liebe und höhern Gehorsam kann niemand haben, denn der sein Leben
lässt für seine Brüder [vgl.
265 In Christus war die Frömmigkeit
Wahrheit. Wo der Mensch meint, fromm sein,
Gott die Ehre geben, könne erfüllt werden in der Befolgung und Verehrung menschlicher Organisationen und
Gesetze, da stellt sich unvermeidlich die verborgene Lüge ein. Diese
Lüge der Staats- und Gesetzesreligion war
das Schicksal des römischen Kaiserreichs und wurde das Schicksal des
römischen Papstreichs, denn m-Sitte und Sittlichkeit
liegen in ewigem Krieg miteinander-m. Allen Paragraphen der Menschen hat Christus entgegengestellt:
Ich aber sage euch, eure Gerechtigkeit soll
besser sein als die der Schriftgelehrten [
Und in Christus war das
Leben. Gerade das Leben, das den hohen und reinen
Gedanken und Geboten der Frömmigkeit und Sittlichkeit Israels fehlte.
Was heißt Leben? Leben ist das, wenn einer nicht das Seine sucht,
sondern das, was Gottes und was des Nächsten ist [
Seht, liebe Freunde, die Tat und die
Wahrheit
und das Leben, das die Apostel in Christus gesehen und erlebt haben,
das ist die Weihnachtsbotschaft, die ich euch heute ausrichten darf.
Wollen wir uns in die Reihe der Apostel stellen oder in die Reihe der Griechen, Römer und
Juden? Beide Reihen haben sich fortgesetzt bis in unsre Tage. Wir haben
es angedeutet, wie wir bis heute unter
Griechen, Römern und Juden leben, die im Gewand der
Frömmigkeit und des Christentums nicht Gottes Ehre suchen, sondern ihre
eigene, und denen das Wort vom Kreuz ein Ärgernis, eine Torheit ist ganz wie damals [
Wir haben nicht von der Fortsetzung der andern
Reihe geredet. Und wir wollen es nicht tun. Denn diese Fortsetzung ist
für dich und mich, lieber Freund, eine von den Lebensfragen, bei denen
Schweigen besser ist als Reden. o-Und man kann diese
Fortsetzung nicht machen, sondern nur darum beten. Gott allein die Ehre. Er ist größer und
besser als unser Wollen und Laufen-o
[vgl.
Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!10 hören wir jetzt die Kleinen singen. Alle Jahre wieder kommt das Weihnachtsfest und noch öfter das heilige Abendmahl, das wir jetzt wieder zu feiern gedenken. Alle Jahre wieder? Sieh, lieber Freund, das ist Weihnachtsfreude, wenn uns einmal das Licht aus der Höhe begegnet ist. Einmal, Gott helfe uns Allen, für immer.
267 Ehre sei Gott in der Höhe!
- Nr. 99: «Jauchzet, ihr Himmel» von
G. Tersteegen , Strophen 1.2.4.8 (RG 404; EG 41,1.2.4. [dort ohne Strophe 8]). - Nr. 97: «Fröhlich soll mein Herze springen» von
P. Gerhardt , Strophen 1–3 und 7.8 (RG 401,1–3.8.9; EG 36,1–3.8.9).
Lukas 2,1–20 .