Predigt Nr. 26 · 25. Dezember 1909

Predigt: Lukas 2,14

255
26
Lukas 2,14
Ehre sei Gott in der Höhe!
Meine lieben Freunde!

In mächtigen Akkorden tönt es in diesen festlichen Stunden und Tagen durch die christliche Menschheit auf dem ganzen Erdenrund:

Lobt Gott, ihr Christen all zugleich,
Auf seinem höchsten Thron,
Der heut aufschließt sein Himmelreich
Und schenkt uns seinen Sohn!2

Ein vielstimmiger Weihnachtschoral, vielleicht ebenso vielstimmig als die Zahl seiner Sänger. Hier feiern die christlichen Kirchen des Südens und des Nordens nach altgeheiligter Sitte, und vom Altar ertönen die ehrwürdigen Bekenntnisse der Vergangenheit vom Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrhaftigem Gott aus wahrhaftigem Gott, der eines Wesens ist mit dem Vater und durch den Alles geworden ist im Himmel und auf der Erde.3 Diese Sprache und Sitte wird heute von vielen nicht mehr verstanden, aber wo sie noch verstanden wird und wo sie wieder verstanden wird, da spürt und ahnt der Mensch etwas vom Herzschlag der Wahrheit und der Ewigkeit, und in diesen Tagen mehr als sonst; denn es ist Weihnachtszeit. – |

Hier ist die Familie um den Weihnachtsbaum versammelt, die alten, lieben Lieder ertönen von der stillen, heiligen Nacht und vom Christuskind, das alle Jahre wieder kommt.4 Vielleicht greift dann auch der |256 Vater oder die Mutter nach der alten Bibel, und alle hören zu, wie es damals gewesen ist, die einfache und doch so bedeutungsvolle Geschichte, damals als Cyrenius Landpfleger in Syrien war [vgl. Lk. 2,2]. Auch die Kleinen können dann einen solchen Weihnachtsabend nicht so bald wieder vergessen, und die Großen und die Kleinen ahnen beim Singen und Anhören der Weihnachtslieder und der Weihnachtsgeschichte, dass hinter dem Leben des grauen Alltags ein Geheimnis verborgen ist; denn es ist Weihnachtszeit. – |

Hier sind’s die Weihnachtsfeiern der Vereine und Gesellschaften aller Art. Ihr werdet es mir wohl glauben, dass ich mir keine Illusionen mache über den Charakter dieser Feiern. Die Weihnachtlichkeit besteht da oft fast ausschließlich im Tannenbaum und in der Überschrift des Programms. Aber ich sage mir dann doch wieder, dass nur Gott die Herzen kennt [vgl. Lk. 16,15], und dass das, was die Leute da zusammenführt, vielleicht etwas Besseres und Höheres ist als die a-etwas platte-a Art, wie es dann zum Ausdruck kommt. Es braucht da manchmal nur ein Wort oder ein Lied, das gesprochen oder gesungen wird, so können auch die Lichter des Tannenbaums eine andre Sprache reden, so besinnt sich auch da der Eine oder Andre auf das Leben, das hinter dem «Leben» verborgen ist. Es ist ja Weihnachtszeit.

Es ist Weihnachtszeit, und da merkt auch der langweiligste und alltäglichste Mensch etwas davon, dass der grüne Tannenbaum mit den Lichtern eigentlich nur das Sinnbild ist von etwas viel Wichtigerem. Er muss auch mit einstimmen in den brausenden, vielstimmigen Choral: Lobt Gott, ihr Christen allzugleich!, vielleicht recht unbewusst und recht ungeschickt; aber er kann doch nicht anders. Und mancher findet dann auch an solchem Tag wieder einmal den Weg zur Kirche, die er sich sonst lieber von außen ansieht. Vielleicht ist’s nur ein dumpfer Drang und eine alte Gewohnheit, vielleicht ist’s aber doch auch etwas Besseres. Vielleicht ist’s doch mindestens ein gewisses unklares und doch in der Hauptsache sehr bestimmtes Gefühl, das ihm sagt: Eigentlich, eigentlich gibt’s doch noch andre Dinge, die ich |257 ehren und achten sollte als bloß das Prosperieren meines Geschäftes und allenfalls das bisschen Politik oder Vereinsleben, das ich nebenher betreibe.

Ein vielstimmigerb Choral ist die Weihnachtsfreude der Christenheit. Wie steht’s aber mit der Harmonie in der Vielstimmigkeit? Gott mag sie hören, wie er die Harmonie der Sphären hört, von der die Dichter reden.5 Für unsre menschlichen Ohren ist viel Missklang in diesem Choral, und wir wollen offen und ehrlich sein und uns das eingestehen. Der Tannenbaumoptimismusc, der sich im Allgemeinen damit beruhigt, dass die Weihnachtszeit eine Freudenzeit sei, ist ebenso unwahr wie all das andre, was sich Optimismus heißt. Denn in die Vielstimmigkeit des Weihnachtschorals dringen lärmend und störend herein die Disharmonien der Not und der Sünde des öffentlichen und privaten Lebens derselben Menschen, die den Choral singen, laut oder leise, bewusst oder unbewusst. Und wie sich vielleicht keiner dem Singen und Klingen: Lobt Gott, ihr Christen allzugleich! entziehen kann, so erinnern uns jene Disharmonien, die wir ebensowenig überhören wollen, daran, dass wir die Harmonie der Weihnachtsfreude nicht haben, sondern dass sie vor uns liegt als ein gewaltiges, hohes Ziel. Es ist Gottes freundliches Weihnachtsgeschenk, dass er uns in diesen Tagen wieder an den Weg erinnert, der aus der Disharmonie zur Harmonie führt. Aber es ist unsre Sache, diesen Weg zu gehen. Kurz und machtvoll spricht das Weihnachtsevangelium das |258 Eins-und-Alles aus, auf das es ankommt, das Eins-und-Alles, das uns geschenkt ist, und das Eins-und-Alles, das von uns gefordert wird:

Ehre sei Gott in der Höhe!

I

Die Ehre Gottes – das ist der ganze Inhalt der Weihnachtsbotschaft, und Johannes Calvin hatte recht, das ist auch der ganze Inhalt des Christentums.6 Alles Andre ist dazu nur eine selbstverständliche Voraussetzung oder eine selbstverständliche Folge. Die Ehre Gottes! Ja, das spricht sich so einfach aus, das scheint vielleicht Manchem eine so bekannte und angenommene Sache, dass er sich schon als ein recht guter Mensch und Christ vorkommt, weil er ja daran nie gezweifelt und gerüttelt hat. Die Dank- und Loblieder sind die populärsten und beliebtesten Lieder im ganzen Gesangbuch, viel beliebter als z. B. die Passionslieder oder gar die Lieder über Gericht und Ewigkeit, die so harte und scharfe Gedanken in uns auslösen. Das ist schön, wenn du gerne einstimmst in das Lob der Ehre Gottes, aber ich darf dir nicht verheimlichen, dass dir die Ehre Gottes noch lange nicht in ihrer Wirklichkeit bekannt ist, solange sie keine harten und scharfen Gedanken in dir ausgelöst hat. Sonst wäre es schwer verständlich, dass gerade ein Mann wie Calvin dies «Gott allein die Ehre» in den Mittelpunkt seines Lebens und Denkens gestellt haben sollte.

Wir wollen die Gegenwart betrachten im Spiegel der Vergangenheit. Vielleicht wird es uns dann deutlicher, warum gerade das in der Mitte unsres christlichen Bekenntnisses und in der Mitte unsrer Weihnachtsgedanken stehen muss: Ehre sei Gott in der Höhe!

Wenn die ersten Christen mit dieser Botschaft zu den Völkern der alten Welt gegangen sind, dann mögen wohl auch dort die Leute die Köpfe geschüttelt haben und sich gefragt: Ist das Alles?; denn auch dort gehörte die Ehre Gottes zu den angenommenen, zu den selbstverständlichen Dingen. Ihr wisst, welches die Völker waren, die diese alte Welt repräsentierten: das Volk der Griechen, das Volk der Römer, |259 das Volk der Juden. Auf dem Marktplatz von Athen, auf dem Forum zu Rom und auf dem Tempelberge zu Jerusalem ist das geschichtliche Erbe geworden und gewachsen, an dem das Mittelalter gezehrt hat und an dem die Neuzeit noch immer zehrt. Und nun sage ich, dass diesen drei großen Vertretern des vorchristlichen Altertums der Klang des Wortes «Ehre Gottes» sehr wohl vertraut war. Was sie so nannten, sah dem, was die ersten Christen verkündigten, zum Verwechseln ähnlich, und wir müssen hinzufügen: die Christen selbst haben bald genug den neuen Wein in alte Schläuche geschüttet [vgl. Lk. 5,37f.], und sie tun es noch heute, bewusst und unbewusst, auf die mannigfaltigste Weise.

Die Ehre Gottes bei den Griechen. Es hat kaum ein so d-frommes Volk-d gegeben wie die Griechen. Ihr ganzes Leben war Religion. In jedem Baum und Strauch, in jeder Quelle, in jeder Bergschlucht wohnten Götter und Göttinnen. Jede Stadt und jeder Flecken verehrte seine besondere Gottheit, ebenso wie jedes Gewerbe und jegliche Lebensbeziehung ihren besondern Schutzgott hatte. Die Ehre Gottese war groß, Gottf war überall. Aber eben weil er überall war, war er nirgends. Frömmigkeit war dort etwas, was wirkliche Frömmigkeit wohl begleiten kann, was aber im Grunde etwas Anderes ist: künstlerisches, empfindendes Schauen nämlich. Die Natur g-wurde Gott-g. Wenn der Grieche Gott denken wollte, so dachte er an den letzten Zusammenhang der Natur, und wenn er Gott darstellen wollte, so bildete er die Krone der Natur, den vollkommenen Menschen, sich selbst. Die Ehre, die er Gott gab, war sein eigenes Gefühl für schöne Vernünftigkeit, nicht mehr. – |

Ob wir uns in diesem Spiegel wiedererkennen? Mir ist’s, ich höre einen Schwall von Worten: Religion sei eigentlich Gefühl, Alles Andre sei Dogmatik und Philosophie, aber freilich habe die Vernunft bei dieser Gefühlsreligion ein gewichtiges Wort mitzureden. Religion sei das, was man am Sonntagnachmittag im grünen Wald draußen empfinde, aber Religion dürfe vor Allem auch nicht mit den Naturgeset|260zen in Konflikt kommen. Gott sei eigentlich überall und Alles, aber vielleicht komme doch einmal die Zeit, wo bewiesen werde, dass Gott nirgends und gar nichts sei. Das ist der griechische Geist der schönen Vernünftigkeit, der so redet, meine Freunde. Er waltet mächtig bis heute in der Christenheit und trägt je nach Belieben zwei Mäntelchen von grundverschiedener Farbe. Das eine heißt römischer Katholizismus, das andre hat keinen einheitlichen Namen, aber es ist überall da, wo der Mensch meint, aus Vernunft und Gefühl sich selbst eine Religion zusammenbrauen zu können. Ehre sei Gott in der Höhe? Nein, in Wirklichkeit heißt es da: Ehre sei Gott in der Tiefe! Ehre sei dem Menschen! Denn es ist da immer und immer nur der Mensch, der mit seinen kleinen Gefühlen und seiner kleinen Vernunft im Kreis herum läuft. |

Wenn wir theoretisch oder praktisch oder beides in einer solchen Religion der Tiefe drin stecken, wollen wir uns doch ja nicht auf Goethe berufen. Damit, dass du es ihm nachsagst, Gefühl sei Alles, Name sei Schall und Rauch,7 bist du noch lange nicht Goethe, und wer diesen Denker und Dichter kennt, der weiß, wie viel größer er war als seine Nachtreter, und dass er das Leben ganz anderswo gesucht hat als in dem zierlichen Gartenhäuschen unsrer Gefühle und in den wohlgeordneten Gartenbauten unsrer Vernunft.

Sofort nun wende dich nach innen,
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen;
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.8

Das selbständige Gewissen, hört ihr’s? Wo dieser Ton hineinklingt in die Sätze der Vernunft und in das Wogen der Gefühle, da wird auch die |261 «Ehre Gottes» etwas Anderes werden; die ganze Frömmigkeit wird etwas Anderes.

Und etwas davon sehen wir im Altertum in Rom. Der Geist der Römer warh der Geist des Rechts und des Gesetzes. Etwas davon, von dem Ton des «selbständigen Gewissens», aber mehr eine Verheißung als eine Erfüllung, und auch die Verheißung ist bald zur Karikatur geworden. Die Ehre Gottes war in Rom die Ehre der Republik, die Ehre des Staates. Jupiter vom Kapitol war die Verkörperung dieses Staates, und diese Idee führte in direkter Linie zu der göttlichen Verehrung, die in den Jahrhunderten nach Christus den Repräsentanten dieses Staates, den Kaiserni, gewidmet wurde. Auch da war das ganze Leben Religion, und diese Religion war erfüllt von dem hohen sittlichen Gedanken der Gemeinschaft. Aber diesem hohen sittlichen Gedanken waren von vornherein die Schwingen gebrochen, denn die Ehre Gottes wurde zur Ehre der Organisation, der menschlichen Organisation, und so sehen wir auch auf dieser höhern Stufe ein Zerrbild von Religion zustande kommen. Fromm sein heißt hier, sich fügen unter geheiligte Lebensordnungen, heißt ein gehorsamer Bürger sein, heißt zur Verherrlichung der staatlichen Organisation sein Möglichstes beitragen. Ihr wißt, wie dieser Geist des römischen Rechts seine Ausgestaltung erlebt hat in der Zeit, als das römische Reich zusammenkrachte: Er ist in der römischen Papstkirche gewaltiger wieder erstanden, gewaltiger als je einer der göttlichenj Cäsaren es geträumt hatte. Ehre sei Gott in der Höhe? Nein, es war auch hier der Mensch, der Mensch und sein Gesetz, der sich selbst verherrlichte. |

Was sagt uns der Spiegel? Er sagt uns: Du bist der Mann [2.Sam. 12,7]. Denn mit dem griechischen Geist der Gefühls- und Vernunftreligion geht der römische Geist der Staatsreligion eng verbunden durch die Zeiten. Wieder in allerlei Form. Aber die Grundform ist immer dieselbe: Die höhern Gefühle des Menschen ergreifen irgend eine menschliche Gemeinschaftsform, Staat, Kirche, Gemeinde, Schule, Verein, in patriotischen und kirchlichen und gemeinnützigen Stim|262mungen und Betätigungen glaubt er das zu finden, was andre Frömmigkeit nennen, und merkt nicht, dass er sich schon wieder im Kreise bewegt. Das selbständige Gewissen wird eingelullt durch das große Bewusstsein der Arbeit an einer festen Organisation. Die Gerechtigkeit, die dies Gewissen fordert, verwandelt sich in das Recht, das in den Paragraphen steht. Ehre sei Gott in der Höhe? Nein, Ehre sei dem Kaiser und seiner Armee, Ehre sei der Republik und ihrer glorreichen Vergangenheit, Ehre sei dem Vaterland, dem Kanton und seinen Unternehmungen, Ehre sei der Kirche und ihren Pfarrern, der Gemeinde und ihren Angelegenheiten, und in den Geschäftigkeiten und Festlichkeiten, die das Alles mit sich bringt, geht die Frage nach Recht und Wahrheit unter, muss sie untergehen, denn Recht und Wahrheit sind immer größer gewesen als die Organisationen, die die Menschen zu ihrer Pflege gebildet haben.

Und nun blicken wir von Athen und von Rom hinüber nach Jerusalem und sehen um den Tempel Jahwes versammelt ein Volk, das, wenn eines, erfüllt war von dem Gedanken: Ehre sei Gott in der Höhe. Was die Besten der Griechen und Römer ahnten, das hatten die großen Propheten des israelitischen Volkes längst aus geheimnisvollen Schächten zu Tage gefördert, dass ein Gott sei, der aber nicht Natur sei, nein, der Himmel und Erde gemacht habe, und dass es nur ein Gebot gebe, das das selbständige Gewissen befriedige: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst [Lev. 19,18]. Die reifsten und reichsten Gedanken der Frömmigkeit und der Sittlichkeit waren da, auch Christus hat k-reifere und reichere nicht gebracht-k. Und trotzdem war diese Religion tot in sich selbst und steht wie ein riesiges weltgeschichtliches Ausrufzeichen vor uns Menschen der Nachwelt. Warnend ruft uns l-der Geist der Synagoge-l zu: Folget mir nicht nach! Meinet nicht, dass das Frömmigkeit sei, wenn man hohe und wahre Gedanken über Gott und göttliche Dinge habe! Meinet nicht, dass das Frömmigkeit sei, wenn man die schönsten und reinsten Gebote habe und sich beeifere, ihnen nachzukommen. Die Ehre Gottes ist etwas Anderes, ganz Anderes, denn in der Religion der Synagoge steckte verborgen derselbe Todeskeim, den wir bei den Griechen und Rö|263mern sahen. Ihre Frömmigkeit war verborgene Selbstverherrlichung. Verborgene, sage ich, denn äußerlich war wirklich die größere Ehre Gottes das Streben und Suchen jener Menschen, und sie glaubten, tief heruntersehen zu dürfen auf die Naturreligion der Griechen und auf die Staatsreligion der Römer. Aber die Ehre Gottes, nach der sie trachteten und ausschauten, war in Wirklichkeit die Ehre Israels und Jerusalems und jedes einzelnen Israeliten. Die Ehre Gottes sollte seine Verherrlichung sein in dem auf übernatürliche Weise aufgerichteten Messiasreich. Die Ehre Gottes sollte darin bestehen, dass Israel herrschte und Griechenland und Rom dienten. Und dieser verborgene Todeskeim hat wieder die reifen Gedanken der Frömmigkeit und die reinen Gebote der Sittlichkeit Israels vergiftet, starr und tot gemacht. Aus dem Glauben an den einen lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, wurde die starre Verehrung der Zahl Eins, die noch heute das jüdische Denken auszeichnet. Und aus dem einfachen Gebot der Liebe wurde ein umfangreiches Gesetz, das dieGottes- und Menschenliebe in 1000 Paragraphen zwängte. Im Geist des Judentums sind die Geister des Griechen und des Römers vereinigt, und in und mit beiden geht auch er durch die Jahrhunderte als der Geist, der nicht Gott in der Höhe die Ehre gibt, sondern dem Menschen in der Tiefe.

II

In die Welt der Griechen und Römer und Juden ist Christus gekommen, und es wird erzählt, bei seiner Geburt sei die Menge der himmlischen Heerscharen dagewesen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe! Wer hat die himmlischen Heerscharen gesehen, und wer hat ihre Stimmen vernommen? Wo der Glaube stammelnd beschreibt, was er gesehen, da ist es eine kümmerliche Sache, von Sage und Dichtung zu reden. Mag dem immer sein, wie ihm wolle, in der schlichten und doch so ungeheuren Erzählung des Lukasevangeliums redet die Ewigkeit des lebendigen Glaubens, redet dieselbe durch nichts zu erschütternde Gewissheit, die den Verfasser des vierten Evangeliums zu dem begeisterten Ausruf treibt: Wir sahen seine Herrlichkeit! [Joh. 1,14]

264 Und was die Apostel und die ersten Christen sahen, das war die Ehre Gottes in ihrer vollen Wirklichkeit. Was haben sie gesehen? Sie haben in den kurzen Monaten und Tagen, in denen sie mit Jesus von Nazareth zusammen waren, einen Menschen gesehen, in dem die Frömmigkeit nicht in schönen Gefühlen und nicht in klugen Vernunftschlüssen und nicht in staatsbürgerlicher Gesinnung und nicht in der Befolgung von Paragraphen und nicht in der Hoffnung auf göttliche Belohnung bestand, sondern in der Tat und in der Wahrheit und im Leben.

In der Tat. Denn Christus hat gegenüber allem gefühlvollen und vernünftelnden Religionswesen ein für allemal gesagt: Nicht, die Herr, Herr sagen, nicht die schöne Gefühle haben, nicht die so freundlich sind, hinter den Welträtseln trotz Allem noch einen Gott zu vermuten, nicht die werden in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters [vgl. Mt. 7,21]. Die Ehre Gottes ist da, wo ein Mensch beginnt, nach der Vollkommenheit zu trachten, nicht nach der Vollkommenheit, wie sie irgend eine öffentliche Meinung oder irgend ein Gebot ihm vorschreibt, sondern nach der Vollkommenheit Gottes, der in seinem Innern redet. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist [Mi. 6,8] und

das selbständige Gewissen
Sei Sonne deinem Sittentag.9

Und die Ehre Gottes durch die Tat hat Christus gelebt, wie er sie gelehrt hat. Sein Leben war Gehorsam, und sein Leben war Dienen. Gehorsam gegenüber dem Gott, der in seinem Innern sprach, und Dienen gegenüber den Menschen, denen er helfen wollte. So hat er gelebt, und so ist er gestorben. Gestorben! Und seine Jünger und Apostel hatten wahrlich recht, wenn sie in seinem Sterben Siegel und Bewährung sahen seines Lebens und des neuen Lebens, das er in ihnen angezündet. Höhere Liebe und höhern Gehorsam kann niemand haben, denn der sein Leben lässt für seine Brüder [vgl. Joh. 15,13], und Christus ist gestorben in dem Bewusstsein, dass er auch dem Tode nicht ausweichen dürfe, um das Werk an seinen Brüdern zu vollenden. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe [Lk.22,42 par.]. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist [Lk. 23,46]. Ehre sei Gott in der Höhe!

265 In Christus war die Frömmigkeit Wahrheit. Wo der Mensch meint, fromm sein, Gott die Ehre geben, könne erfüllt werden in der Befolgung und Verehrung menschlicher Organisationen und Gesetze, da stellt sich unvermeidlich die verborgene Lüge ein. Diese Lüge der Staats- und Gesetzesreligion war das Schicksal des römischen Kaiserreichs und wurde das Schicksal des römischen Papstreichs, denn m-Sitte und Sittlichkeit liegen in ewigem Krieg miteinander-m. Allen Paragraphen der Menschen hat Christus entgegengestellt: Ich aber sage euch, eure Gerechtigkeit soll besser sein als die der Schriftgelehrten [Mt. 5,20], besser als die Gerechtigkeit der Paragraphen, besser als die Gerechtigkeit des besten Staatsbürgersinns. Und mit diesem «besser» hat er sagen wollen: Euer Trachten nach Gerechtigkeit darf überhaupt keine Schranke und kein Ende kennen, wenn es Wahrheit sein will. Das ist ein harter Gedanke, und noch härter ist es, n-ihn zu leben-n. Christus hat diesen harten Gedanken gedacht und er hat ihn gelebt, das sahen seine Freunde, und das war es, was sie meinten, wenn sie von ihm sagten: wir sahen seine Herrlichkeit. Das war es, was ihnen die Ruhe und Gewissheit und Überlegenheit gab, mit der sie der Macht des Kaiserreichs widerstanden. Sie durchschauten die große Lüge, die dessen Wesen war, weil sie die Wahrheit gesehen hatten und in der Wahrheit die eine große Tatsache: Ehre sei Gott in der Höhe!

Und in Christus war das Leben. Gerade das Leben, das den hohen und reinen Gedanken und Geboten der Frömmigkeit und Sittlichkeit Israels fehlte. Was heißt Leben? Leben ist das, wenn einer nicht das Seine sucht, sondern das, was Gottes und was des Nächsten ist [1.Kor. 10,24]. Die Theologen und Frommen in Israel redeten viel von Gott und viel vom Nächsten, aber die ganze Frömmigkeit und Sittlichkeit Israels war ein großes Warten auf göttliche Belohnung. Sie suchten das Ihrige, obwohl im Mantel der reinsten Gottesverehrung. Christus hat auf keine Belohnung gewartet. Über seinem ganzen Leben stand geschrieben: Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist? [Lk. 2,49] Und dies ich muss war in ihm das höchste ich will, von der ersten Stunde seines Wirkens an bis zum Tode am Kreuz, den er auf sich nahm, weil er bis zuletzt treu sein, bis zuletzt dienen wollte. Und dies |266 Leben an ihm, diesen Sieg, diese Überwindung in ihm, haben seine Freunde gesehen und sagten davon: wir sahen seine Herrlichkeit. Und ihr Sehen war nicht das Zusehen der leeren Bewunderung, sondern, indem sie sahen, empfingen sie, und indem sie dabei waren, als Christus für Gott lebte und starb, erlebten und erfuhren sie’s: er hat für uns gelebt, und er ist für uns gestorben. Und jauchzend riefen nun auch sie es hinaus in die Welt der Griechen, der Römer, der Juden: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet [1.Joh. 5,4]. Ehre sei Gott in der Höhe!

Seht, liebe Freunde, die Tat und die Wahrheit und das Leben, das die Apostel in Christus gesehen und erlebt haben, das ist die Weihnachtsbotschaft, die ich euch heute ausrichten darf. Wollen wir uns in die Reihe der Apostel stellen oder in die Reihe der Griechen, Römer und Juden? Beide Reihen haben sich fortgesetzt bis in unsre Tage. Wir haben es angedeutet, wie wir bis heute unter Griechen, Römern und Juden leben, die im Gewand der Frömmigkeit und des Christentums nicht Gottes Ehre suchen, sondern ihre eigene, und denen das Wort vom Kreuz ein Ärgernis, eine Torheit ist ganz wie damals [1.Kor. 1,23]. Und verhehlen wir es uns nur nicht: jeder von uns trägt ein Stückchen von diesen Dreien in sich herum.

Wir haben nicht von der Fortsetzung der andern Reihe geredet. Und wir wollen es nicht tun. Denn diese Fortsetzung ist für dich und mich, lieber Freund, eine von den Lebensfragen, bei denen Schweigen besser ist als Reden. o-Und man kann diese Fortsetzung nicht machen, sondern nur darum beten. Gott allein die Ehre. Er ist größer und besser als unser Wollen und Laufen-o [vgl. Röm. 9,16].

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!10 hören wir jetzt die Kleinen singen. Alle Jahre wieder kommt das Weihnachtsfest und noch öfter das heilige Abendmahl, das wir jetzt wieder zu feiern gedenken. Alle Jahre wieder? Sieh, lieber Freund, das ist Weihnachtsfreude, wenn uns einmal das Licht aus der Höhe begegnet ist. Einmal, Gott helfe uns Allen, für immer.

267 Ehre sei Gott in der Höhe!

Amen!
Lieder:
  • Nr. 99: «Jauchzet, ihr Himmel» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4.8 (RG 404; EG 41,1.2.4. [dort ohne Strophe 8]). 🎵
  • Nr. 97: «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt, Strophen 1–3 und 7.8 (RG 401,1–3.8.9; EG 36,1–3.8.9). 🎵
Lesungstext:
  • Lukas 2,1–20.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d-d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g-g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
h
Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «ist» und nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
i
Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «Cäsaren» und nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k-k
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
l-l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
m-m
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
n-n
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
o-o
Am Rand mit einem senkrechten Bleistift-Strich markiert.↩

Sachfußnoten

1
An Tagen, an denen zahlreiche Gottesdienstbesucher zu erwarten waren, konnte die deutschsprachige Genfer Gemeinde ihren Gottesdienst im Temple de la Madeleine in der Genfer Altstadt, Rue de Toutes-Ames 20, halten.↩
2
Erste Strophe des Liedes von N. Herman (RG 395; EG 27). 🎵 ↩
3
Aus dem zweiten Artikel des Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum (vgl. BSLK, S. 26,9–13 📖; BSLK.NE, S. 49,10–14 📖).↩
4
Anspielungen auf die Weihnachtslieder «Stille Nacht, heilige Nacht» von J. Fr. Mohr (RG 412; EG 46) 🎵 und «Alle Jahre wieder», Strophe 1: «Alle Jahre wieder / kommt das Christuskind / auf die Erde nieder, / wo wir Menschen sind» von W. Hey (Abdruck u. a. in: Weihnachtslieder aus alter und neuer Zeit, neu hrsg. und bearb. von L. Erk, Berlin 1860, S. 15) 📖.↩
5
Vgl. Art. «Harmonie der Sphären», in: Meyers Großes Konversationslexikon, 6. Aufl., Bd. 8, Leipzig 1907, S. 812 📖: «Harmonie der Sphären, eine Annahme des Pythagoras […], wonach die Weltkörper in ihrem Umschwung um das Zentralfeuer tönen, eine Harmonie hervorbringen sollten, wenn auch das Ohr des Menschen diese Töne (Sphärenmusik) so wenig vernehme, wie dessen Auge das Zentralfeuer sehe. Diese besonders von Cicero im ‚Traum des Scipio’ ausgeführte Idee gründete sich auf die Abstände der sieben Kreise der Weltkörper vom Zentralfeuer, die nach Rechnung des Pythagoras dem Zahlenverhältnis der sieben Töne seines Heptachords entsprachen […].» Zur Rezeption in Philosophie und Dichtung vgl. Fr. Zipp, Vom Urklang zur Weltharmonie. Werden und Wirken der Idee der Sphärenmusik, Kassel (1985) 19992 📖; vgl. auch Büchmann, S. 377 📖.↩
6
Zur zentralen Rolle der «gloria dei» im Leben des Christen vgl. etwa Inst. II,3,4; III,6,3; III,20,31; III,20,43; IV,15,13. 📖 – Später, in seiner Calvin-Vorlesung von 1922, wird Barth es ablehnen, Calvins Lehre oder Theologie unter einen einzelnen Oberbegriff zu stellen; vgl. Th.Calvins, S. 155f 📖.↩
7
Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 3456–3458 (Marthens Garten) 📖:
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.
↩
8
Dritte Strophe des Gedichts «Vermächtnis» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 541f., dort S. 541) 📖.↩
9
Siehe oben, Anm. 8.↩
10
Siehe oben, Anm. 4.↩