Predigt Nr. 25 · 19. Dezember 1909

Predigt: Apokalypse 3,20

243
25
Apokalypse 3,20
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
Liebe Freunde!

Das Bild unsres heutigen Textwortes ist vielleicht eines der glücklichsten und reichhaltigsten im ganzen Neuen Testament. Christus, einlassheischend vor unsrer Türe, ernst und doch milde, eindringlich und doch zurückhaltend; ich weiß noch, wie mir der Gedanke Eindruck gemacht hat, als ich diesen Spruch zum ersten Mal hörte. Es ist etwas Alltägliches, Vertrautes, Familiäres in dem Bilde, und dann entspricht es doch wieder der Erfahrung und dem Zeugnis der reifsten und reinsten Frömmigkeit. Ihr habt gewiss Alle schon irgendeinmal da oder dort eine Predigt über diesen Text gehört, und auch wenn das nicht der Fall wäre, brauchte ich euch nicht zu erinnern an die zahlreichen Vergleiche und Beziehungen, die sich sofort einstellen, wenn man den Gedanken nur ein wenig auszumalen unternimmt. In jedem Kernspruch steckt das ganze Christentum drin, und das ist einer von den Kernsprüchen. Wir verstehen es gut, dass auch die Zeichner und Maler sich den dankbaren Gegenstand nicht haben entgehen lassen, und wo die Gedanken und Worte zu schwer fließen, da haben sie nachgeholfen durch allerlei symbolische Darstellungen von der efeuverwachsenen Tür bis zur Laterne in der Hand des anklopfenden Herrn.

Ich möchte aber heute das Ausmalen und Deuten euch selbst überlassen. Das Nachdenken über ein religiöses Bild und Gleichnis kann viel helfen zur Vertiefung der Religion selbst, wenn du selbst dich nämlich bei diesem Nachdenken beteiligst und nicht bloß der spürsinnige Verstand. Sind doch alle unsre Gedanken und Worte auf diesem Gebiet Bilder und Gleichnisse. Und durch die Gedanken und Worte hindurch schimmert uns etwas entgegen, was größer ist als sie, |244 wie die Sonne durch gemalte Fenster hindurchleuchtet. Aber ich möchte heute von dem Bild, das unser Textwort braucht, gleich zur Sache selbst kommen. Die Sache selbst ist aber die Adventsbotschaft, und zwar die Adventsbotschaft, die dich und mich, die wir beide Kinder der heutigen Welt sind, aufs Lebhafteste angeht. Und weil sie uns etwas angeht, weil religiöse Gedanken Lebenskunde sein sollen und nicht Geschichtskunde, kann ich euch vielleicht am nützlichsten sein, wenn ich mir von vornherein Mühe gebe, in der Sprache unsrer Welt zu reden. Ohne Bilder und Gleichnisse geht es auch da nicht ab, und ich meine wahrlich nicht, damit die Sprache der Bibel zu verbessern. Aber vielleicht seht ihr dann das Geheimnis durch den Gedanken der Bibel hindurch deutlicher schimmern, wie man etwa einem Menschen dadurch dienen kann, dass man ihm ein gemaltes Kirchenfenster einmal nicht von seinem gewohnten Platz aus, sondern vielleicht von der Empore oder von der Kanzel aus zeigt.

Von zwei Dingen redet das Bild unsres Textwortes, davon, wie Christus kommt, und davon, wozu er kommt. Und wenn uns diese zwei Dinge verständlich werden, dann liegt offenbar das Ziel und der Gegenstand unsres Adventsglaubens deutlich vor uns. Ich sage ausdrücklich nicht mehr, als dass das Ziel dann vor uns liegt. Denn damit ist es nichts, als ob ich dich und mich selbst in dies Ziel hineinpredigen könnte. Die Brücke zum Ziel selbst ist das Geheimnis der göttlichen Gnade, und diese Brücke wird vom andern Ufer aus geschlagen, nicht vom unsrigen.

I

Christus kommt. Ist das wahr und wie geht das zu? Zunächst ist doch Christus offenbar gewesen. Er hat einmal gelebt vor bald 2000 Jahren im Lande Palästina, wenig mehr als 30 Jahre lang gelebt, und dann ist er gestorben. Ich weiß, da ist die Auferstehungsbotschaft, und ich weiß auch von den wunderlichen Rechnungen und Verträgen, die die Theologen und die übrigen klugen Menschen mit dem lieben Gott gemacht haben über die Frage, wieviel oder wie wenig Wunderbares an dem gewesen sei, was hinter der Botschaft steckte. Aber offen oder insgeheim sind Alle darin einig, dass das Alles recht lang her sei, dass Christus, seine Person und seine Botschaft zu den Dingen gehören, |245 die einmal gewesen sind. Und da ist man dann in der Weihnachtszeit in einer gewissen Ratlosigkeit. Man muss schon zu allerlei schönen Betrachtungen über das kalte Wetter und über den warmen Ofen zur Winterszeit greifen, um diesem Fest einen Sinn abzugewinnen, etwa so, wie man zu Ostern und Pfingsten am liebsten von Knospen und Frühlingswinden hört und redet. Das übliche festliche «Moralin», wie ein Freund von mir diese Flüssigkeit einmal nannte, droht zu versagen, und die Programme mancher Weihnachtsfeiern legen von dieser Ratlosigkeit ein so beredtes Zeugnis ab, dass man sich fragt, ob es nicht ehrlicher und einfacher wäre, das Ding Winterfest zu nennen oder Fest der Wintersonnenwende wie der Genfer Monistenbund.1 Wenn man also sagt: Christus kommt, so muss man damit rechnen, dass in unzähligen Köpfen und Herzen heimlich geschrieben steht: Nein, umgekehrt, Christus ist gegangen, längst gegangen! Ich weiß, da gibt’s Unterschiede: für die Einen ist er gegangen, und sie sehen seine Spur nicht mehr. Vielleicht ist er durch Gesetz und Menschenlehre ihrem innern Auge undeutlich und unmöglich geworden. Vielleicht ist’s eigene Verholzung und Erstarrung? Ich wage nicht, sie anzukla|246gen, ich will es nicht tun. Wer ein Geschenk empfangen, dem steht’s übel an, andre anzuklagen, weil sie kein Geschenk empfangen.

Für die Andern ist er gegangen, aber es ist ein merkwürdiger Niederschlag von ihm dageblieben, seine schöne und erhabene Lehre nämlich. Und darum reden sie von ihm als von dem weisen Rabbi von Nazareth und weisen ihm einen der höchsten Plätze an unter den Führern der Menschheit zur Tugend und Rechtschaffenheit. Mir ist diese Art immer unverständlich gewesen. Religiöse und moralische Lehre ohne die Persönlichkeit, die sie vertritt und die sie lebt, ist für mich ein Messer ohne Schneide. Die Bergpredigt ohne Jesus selbst ist für mich das dunkelste Rätselbuch, das es geben kann. Ich glaube aber, die Leute, die ein Christentum Christi haben wollen, d. h. ein Christentum ohne Christus, meinen etwas Besseres und Tieferes, als sie denken und aussprechen, und ich wäre wieder ein Tor, wenn ich sie anklagte.

Für die Dritten ist Christus gegangen und thront nun irgendwo fern von der Welt, sie können selbst nicht sagen wie. Sie nennen ihn wohl Herr und Meister und Sohn Gottes, aber in merkwürdigem Gegensatz zu diesen hohen Namen trauen sie ihm recht wenig zu. Sie reden dem suchenden Menschen der Gegenwart gar eindringlich zu, er solle sich zu Jesus wenden, er solle es mit ihm probieren, und er werde sehen, wie er finden werde, was er jetzt suche. Auch das ist mir eine recht schwer verständliche Redeweise. Ich verstehe nicht, was das heißen soll, sich zu Jesus wenden, es mit Jesus probieren. Ich habe immer gemeint, Jesus wende sich zu uns, probiere es mit uns. Das ist offenbar etwas Anderes. Ich klage sie nicht an, aber mir ist’s, Christus sei größer als so.

Mir ist’s Christus sei eben nicht gegangen, sondern er komme. Ja, ist’s mir denn nur so? Trage ich euch da bloß die interessante Hypothese irgend einer modernen Theologie vor, von der man fatalerweise nicht merkt, ob sie ganz orthodox oder ganz liberal ist? Ist denn nicht das der Inhalt der wirklichen, der alten und immer neuen Weihnachtsbotschaft, dass Christus kommt? Wenn Christus einer von den vielen Gewesenen und Gegangenen ist, dann verstehe ich nicht recht, warum wir alle Jahre Weihnacht, seinen Geburtstag, feiern, warum wir uns das ganze Jahr hindurch mit ihm beschäftigen, statt alle 50 und 100 Jahre ein Jubiläum zu feiern, wie wir’s für andre große Männer tun. |247 Und wenn Christus unsre kleine Zustimmung braucht, um gegenwärtig und wirklich zu werden, dann verstehe ich nicht, warum wir zur Weihnachtszeit singen:

Vom Himmel hoch, da komm ich her,
Ich bring euch eine gute Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singen und sagen will.2

Denn ich verstehe nicht, warum das eine gute Mär sein soll, wenn man mir sagt, es sei einmal vor 2000 Jahren ein Mensch dagewesen, jetzt sei er nicht mehr da, aber ich solle nur daran glauben, dass er Gottes Sohn gewesen sei, dann komme es gut mit mir. Mir scheint’s eben, wer christliche Frömmigkeit lebt und nicht bloß denkt oder fühlt, der könne nichts Andres von sich sagen, als dass er von der großen Kraft Gottes geführt und getragen werde, dass das die gute Mär sei, von der die Weihnachtsbotschaft redet, und dass daneben sein kleines Zustimmen und Glauben gar nicht in Betracht komme.

Nein, Christus ist nicht gegangen, er kommt. Wie geht das zu? Es ist freilich ein geheimnisvolles Kommen, und wer auf der Oberfläche des Tages lebt, mag immer darauf pochen, dass er nichts davon sehe.

Als die Zeit erfüllet war, da ging ein Säemann aus zu säen. Und Etliches fiel an den Weg, da kamen die Vögel unter dem Himmel und fraßen’s auf. Etliches fiel in das Steinige, Etliches fiel unter die Dornen, und Etliches fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs [vgl. Mk. 4,3–8 par.]. Ihr wisst, dass der Säemann, von dem ich rede, Jesus von Nazareth hieß, und der Same, den er ausgestreut hat, waren seine Worte von Gott, dem Vater, vom Reiche dieses Vaters, das inwendig komme zu seinen Kindern, von der neuen Gerechtigkeit, die besser sein solle als die der Schriftgelehrten [vgl. Mt. 5,20], und von dem geheimnisvollen und doch ganz einfachen Leben, das in denen entstehen und wachsen sollte, die zu diesem Reiche gehörten. Die Zeit des Säens war kurz, und es waren wenige Worte, die er geredet hat, und noch weniger sind uns bis heute erhalten, ein dünnes Büchlein würden sie zusammen ausmachen, das man in wenig Stunden lesen könnte. Sie wären vielleicht verschollen, wenn es bloß die |248 Worte gewesen wären. Aber sie waren etwas Anderes, weil er selbst in den Worten war, die er sprach, so wie das Samenkorn etwas Anderes ist als eine wunderliche Mischung von natürlichen Stoffen, weil da verborgene Lebenskraft drin ist, die die Naturforscher wohl beschreiben, aber nie erklären können, weil das Leben unerklärlich ist. |

In den Worten Jesu war das unerklärliche Leben, seine Jünger haben etwas davon gespürt, wenn sie mit ihm durch die Felder gingen und wenn sie ihm fragend in die Augen sahen. Sie haben dies Leben ergriffen, nein, es hat sie ergriffen in den großen Stunden, wo sie ihn mit den Armen und Kranken umgehen sahen, wo sie sahen, wie er zu den Zöllnern und zu den Dirnen sich hielt und nicht zu den Braven und Frommen. Und sie wurden überwältigt, gedemütigt und befreit durch dies unerklärliche Leben, als sie ihn beten sahen und hörten auf dem Berg in Galiläa, im Garten Gethsemane und an dem letzten düstern Tag auf Golgatha. Sie hätten von da an ebenso gut die Tatsache leugnen können, dass sie einmal geboren worden seien, als die Tatsache, dass jenes unerklärliche Leben da sei. Sie konnten diese Tatsache nicht vergessen, nicht wegräumen, sie war eben da als der heimliche Grund ihres Daseins, ihnen so unentbehrlich wie Luft und Licht. Nicht für Alle. Für die meisten damaligen Menschen nicht. Und auch später für die Meisten nicht. Wer will das erklären? Man kann Anklagen und Vorwürfe erheben gegen diese Meisten, deren dichtgeschlossene Reihen die Finsternis gebildet haben und noch bilden, die das Licht nicht begreifen will [vgl. Joh. 1,5]. Ich sage: klage jeder sich selbst an, je schärfer, desto besser. Die Andern sind in Gottes barmherziger Hand. Tiefer können wir in dies Geheimnis nicht eindringen. Sicher ist, dass von dem Samen, der damals ausgesät worden ist, Etliches auf gutes Land fiel und aufwuchs und Frucht brachte. Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart,3 und das Reis ist zum Baume geworden. Es ist eine Quelle hervorgebrochen, die hat man wohl eindämmen können, hier grob und dort künstlich, die hat man wohl auch zuschütten können, ihre Wasser sind weiter geflossen, ein Tropfen am andern, und sind doch zum Strome geworden.

Wie ging das zu? Jesus hat einmal ein merkwürdiges Wort gesprochen: Wo zwei oder drei unter euch versammelt sind in meinem |249 Namen, da bin ich mitten unter ihnen [Mt. 18,20]. So ging das zu, liebe Freunde! Das unerklärliche Leben, das die paar Freunde Jesu in der kurzen Zeit seines Erdenwallens gesehen haben, ist nicht vergangen. Leben kann überhaupt nicht vergehen, wohl aber nimmt es immer neue Formen und Gestaltungen an. Er war längst gestorben, und doch war dies Leben immer noch da. Ein Paulus, ein Johannes haben davon geredet mit aller Überzeugungsgewissheit ihrer Persönlichkeiten. Einer hat’s dem Andern gesagt, und wieder fiel vom Samen der Worte einiges auf den Weg, einiges in[s] Steinige, einiges unter die Dornen, aber auch einiges auf guten Boden. Und wo das Letztere der Fall war, da war dann auch das Leben da, das die Menschen demütigte und zugleich frei machte. Da war das Reich Gottes. Es war in den Menschen, es kam durch die Menschen zu den Menschen, und doch merkten, die davon wussten, gut, dass es über ihnen und außer ihnen war, dass das Leben, das sie sahen, etwas ganz Anderes war als eine schöne Stimmung, wie sie aus der Tiefe oder aus der angeblichen Tiefe unsres Gemüts manchmal so aufsteigen wie Seifenblasen. |

Und wenn ich sage, dass das Leben durch die Menschen zu den Menschen gekommen ist, so müsst ihr mich ja nicht so verstehen, als ob dabei die Worte und das Reden von Gott das Einzige oder auch nur die Hauptsache gewesen sei. Es wäre schlimm bestellt um uns, wenn das Kommen des Reiches Gottes vom Predigen abhängig wäre. Und die Geschichte des Reiches Gottes ist etwas sehr Anderes als eine Geschichte der theologischen Beredsamkeit. Nein, in das ganze Handeln und Leiden, Treiben und Lassen, Ahnen und Empfinden der Menschheit ist jenes Leben mitten hineingekommen, und ebenso mannigfaltig waren dann auch immer wieder seine Ausdrucksmittel. |

Und wieder ist diese Geschichte etwas Anderes als etwa eine Geschichte dessen, was man Frömmigkeit nennt. Sie ist größer und sie ist reicher. Wir ahnen das Göttliche im Menschlichen, in den Geschicken der Staaten und Völker, in den Werken der Kunst, in der Arbeit der Wissenschaft, in den Fortschritten der Technik, in den Wandlungen der Kultur und der sozialen Verhältnisse. Wir ahnen es, sage ich, denn unsre Augen sind gehalten, dass wir das Walten des Lebens immer wieder verkennen. Aber ich meine, wenn wir nur das kleine Stückchen des großen Lebens, das in uns selbst glimmt und das wir zu sehen vermögen in dem kleinen Teil der Welt und der Menschen, die wir |250 kennen, wenn wir nur dies genau ansehen, dann können wir der überwältigenden Erkenntnis nicht ausweichen, dass da kein Anderer am Werk ist als der Christus, von dem das Neue Testament redet. Wir spüren uns getragen von einer übermächtigen Flutwelle. Diese Flutwelle ist die Geschichte, nicht die Geschichte der Kriege und Regierungsveränderungen, aber die Geschichte der innern Kraft, die durch die Menschheit geht. In dieser Geschichte steht jedes von uns drin, an ihr hat jedes teil, tätig und leidend, auch wenn es von der Weltgeschichte und Kirchengeschichte gar nichts weiß. Und durch die Menschengeschichte wandelt seit 2000 Jahren Christus und redet immer dieselben Worte, die doch für jeden immer wieder neu sind, und aus den Worten strahlt das Leben, das Leben entzündet. Und in Christus geht Gott durch die Geschichte und kommt in allerlei Gestalt zu jedem von uns. Ist er auch schon zu dir gekommen? Siehe, ich stehe vor der Tür. Das ist die wirkliche Weihnachtsbotschaft.

II

Durch die Geschichte und durch das Leben der Menschen schreitet Christus. Höher und weiter rauschen die verborgenen Fluten, bis sie auch uns finden, ein jedes an seinem Ort, unsere Schifflein hochheben und mit sich fortführen.

Christus tritt ein in unser Leben, in dein und mein kleines Leben. Das Reich Gottes ist da. Wir werden selbst zu Christusträgern, zu solchen, die wieder weiterzeugen durch ihr Handeln und Reden und Sein, dass sie das unerklärliche Leben gesehen haben. Das will etwas Doppeltes bedeuten: Du kennst die Sage von Christophorus, dem Riesen, den ein Knäblein bat, ihn durch einen reißenden Fluss zu tragen. Er griff bereitwillig zu, trug die scheinbar leichte Last ins Wasser hinein, da wurde sie schwer und schwerer, beinah wär er ermattet und erlegen, da erreicht er eben noch das Ufer und erkennt, dass er Christus getragen, und die Erinnerung daran ist in Zukunft seine Ehre und seine Freude.4 So ist’s, wenn Christus zum Menschen kommt: er |251 stellt ihn unmittelbar vor den tiefsten Ernst und vor die reinste Freude. Denn das Leben, das von ihm ausgeht, ist beides miteinander, unzertrennbar eines vom andern.

Christusträger sollen wir werden, selber ein kleiner Tropfen in der Lebensflut, die durch die Geschichte braust. Ein alter christlicher Schriftsteller hat dieselbe Sache mit einem andern Bilde gezeichnet: es wird ein Palast gebaut, schon steht das Fundament, und nun werden von allen Seiten die Bausteine gebracht. Werden sie gebracht oder kommen sie von selbst, sich einzufügen, wo es ihrer Art und der Ordnung des Baus angemessen ist, wer will es entscheiden? Genug, der Bau muss wachsen, und er wächst.5 So müssen wir beitragen zum Bau des Gottesreiches auf Erden, so ist’s unsre Pflicht, und so ist’s unsre Ehre. Vor uns haben andre gebaut. Wir lauschen dem Chor der Toten und doch nicht Toten, wie K. F. Meyer6 ihn singen lässt; sie sagen uns:

Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet, und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden.7

252 Und aus der Vergangenheit blicken wir in die Zukunft und sehen die Reihen derer, die kommen werden, weiter zu bauen, wo wir aufhören werden. Alle, alle haben ihr Scherflein hinzugetragen und werden es tun, unwillig und unbewusst die einen, freudig und gewiss die andren. Hier ist’s die Reichsgottesarbeit der Mission und Evangelisation entschiedener Christen, hier ist’s die Reichsgottesarbeit Goethes, der sich einmal einen entschiedenen Nicht-Christen genannt hat und der doch Christus die anbetende Ehrfurcht nicht verweigerte,8 und hier ist’s die Reichsgottesarbeit der alten Waschfrau, die einfach durch den Frieden und die Freude ihres Innern den andern etwas davon gezeigt hat, was Leben ist. Einen andern Grund kann niemand legen außer den, der gelegt ist, Jesus Christus. Auf diesem Grund wird gebaut mit Gold, Silber, Edelsteinen, aber auch mit Holz, Stroh und Stoppeln. Das Feuer wird sie bewähren müssen [vgl. 1.Kor. 3,11–13]. Vor Gott ist der Wert all der Beiträge und Scherflein offenbar. Und eben darin besteht der Ernst und die Freude dieser geheimnisvollen Bauarbeit.

Durch lebendige Menschen ist der lebendige Christus zu uns gekommen, und durch uns will er zu andern gehen, um sie auch lebendig zu machen. Unser Geschenk wird uns zur Pflicht und unsre Pflicht zum Geschenk. Und so ist der lebendige Christus, der kommt, das verborgene Gemeinschaftsband, das sich von einer Generation zur andern, von einem Volk zum andern, von einer Klasse zur andern schlingt, immer schenkend und immer verpflichtend.

Das Abendmahl, das die christliche Gemeinde feiert, ist nichts Anderes als das Sinnbild der Gegenwart dieses lebendigen Christus und als das Sinnbild der Gemeinschaft der lebendigen Menschen und de|253rer, die es werden sollen. Christus kommt, und wo er kommt, da sagt er: hier sind deine Brüder, zeige ihnen, was du gesehen hast. Wie das Brot zerteilt ist auf den Hügeln in den Halmen des Getreides und zusammengebracht in Eines, so gehört die Gemeinde der Lebendigen zusammen.9

Und nun wollen wir mit unserm Textwort als Losung in die Weihnachtstage hinübergehen.

Christus steht vor der Tür und klopft an. Nicht wir sind’s, die ihn dahin führen können durch unsre frommen und moralischen Gedanken. Er ist da. Lass einmal diese Tatsache auf dich wirken. Dann weißt du, was Weihnachtsfreude ist. Du brauchst dich dann nicht in eine besondere Weihnachtsstimmung hineinzuschrauben, die vergeht, wie die Lichter des Weihnachtsbaums vergehen. Du wirst die Weihnachtsfreude auch nicht in den weihnachtlichen Veranstaltungen aller Art suchen, nicht in der Reichlichkeit der Geschenke, die du bekommst, und nicht in der Umständlichkeit der Festlichkeiten, die du mitmachst. Sondern du wirst dich besinnen auf die Quelle deines Lebens, und wenn dies Leben noch so bescheiden und spärlich wäre, und du wirst aus dieser Selbstbesinnung neue Freude und neuen Frieden schöpfen. Das ist wirkliche Weihnachtsfreude.

Und wo sie ist, ist dann auch sofort das Andre da, dass du Freude und Friede weiterstrahlen musst und darfst an die Andern. Die Weihnachtszeit ist ja die Zeit des allgemeinen Schenkens und Verteilens. Aber du musst tiefer graben. Armenbescherungen und Kinderfeiern sind eine gute Sache, aber wer selbst Freude gefunden am innern Leben, der wird auch das Freude-Machen anders betätigen wollen als nur in den äußern Gaben. Wem Christus das Herz geöffnet für Gott, dem ist das Herz aufgegangen für die Andern, und so sind auch in der Weihnachtsfreude Geschenk und Pflicht unlöslich verbunden, nein, sie sind dasselbe.

254 Und nun schenke uns Gott ein solches Weihnachtsfest und eine solche Abendmahlsfeier. Er lasse den Ernst und die Freude des verborgenen Lebens reichlicher werden in unsrer Mitte. Er zeige uns den lebendigen Christus.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von H. Held, Strophen 1.2.4.5.8 (RG 369,1.2.4.5 [Strophen 5–7 nicht übernommen; Strophe 8 = Strophe 5]; EG 12,1.2.4 [Strophen 5–8 nicht übernommen]). 🎵
  • Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von Fr. Rückert, Strophen 1–3 und 4–6 (RG 371; EG 14). 🎵
Lesungstext:
  • Johannes 17.

Sachfußnoten

1
Die monistische Bewegung war «in der Schweiz vor 1912 nur in vier, miteinander nicht enger verbundenen Vereinen (von Zürich, Bern, Basel und Genf)» organisiert (K. A. Brodtbeck, Monismus und Sozialismus in der Schweiz. Teil II, in: Der Schweizer Freidenker 2 [1916], S. 78f., dort S. 78 📖; zum einflussreicheren, 1906 gegründeten Deutschen Monistenbund s. oben. S. 179, Anm. 12). – Im 1915 erschienenen ersten Band der eigenen Zeitschrift von Freidenker- und Monistenbund wurde die Motivation zur Wintersonnenwendfeier ausführlich erläutert: «Weihnachten. Ein Märchen, eine Legende; denn die Wissenschaft weiss nichts Bestimmtes über die Person Jesu. […] ‚Weihnachten’ war ursprünglich ein heidnisches Fest, […], das Sonnenwendfest. […] Für uns Modernen kann natürlich die Sonnenwendefeier nur noch symbolischen Charakter haben. Die Sonnenwendefeier sei uns ein Fest der Huldigung, der Hoffnung, ein Fest der Liebe zur Wahrheit! […] Ich glaube an eine Erlösung, aber an eine Erlösung der Menschheit durch jene, die die Ausbeutung bekämpfen, die Unwissenheit und die Barbarei, den Krieg. Die Erlösung des Einzelnen ist vollbracht, wenn er Mitkämpfer für diese Ideale geworden, die Erlösung der Menschheit erreicht, wenn soziale Demokratie, wahre Volksbildung und Friede herrschen. In diesem Sinne feiern wir Freidenker am 24. Dezember […] als moderne Heiden, huldigend dem Symbol der Wahrheit und des Lichts, indem wir an ‚Weihnachten’ das Sonnenwendefest feiern» (H. G. W., Weihnachten – Sonnenwende, in: Der Schweizer Freidenker 1 [1915], Nr. 20 [15.12.1915], S. 80f. 📖)↩
2
Strophe 1 des Liedes «Vom Himmel hoch, da komm ich her» von ­M. Luther (RG 394; EG 24). 🎵 ↩
3
Lied: «Es ist ein Reis / Ros entsprungen», Trier 1587/88 (RG 399; EG 30) 🎵.↩
4
Der Legende nach stammte der Riese Reprobus aus Kanaan und hatte zuvor auf der Suche nach dem mächtigsten Herrn einem König und dann dem Teufel gedient. Als er aber bemerkte, dass der Teufel sich vor dem Kreuz fürchtete, sagte er sich von ihm los und wollte den noch Mächtigeren, Christus, suchen. Nach der oben geschilderten Begegnung mit ihm sollte Reprobus sich fortan Christophorus = «Christusträger» nennen; als solcher soll er später 48 000 Menschen bekehrt haben, bevor er den Märtyrertod fand. Vgl. A. Chr. Sellner, Immerwährender Heiligenkalender, erweiterte Ausgabe, Frankfurt/Main 1998, S. 424–426 📖; M.-B. von Stritzky, Art. «Christophorus», in: LThK3 2, Sp. 1174–1176 📖.↩
5
Das Bild weist Ähnlichkeit auf mit der Schilderung und Deutung des Turmbaus im umfangreichen neunten Gleichnis in: Hirte des Hermas, Sim. IX, bes. Kap. 3f.6f.12f. Eine gewisse Nähe besteht auch zu dem in 1.Petr. 2,5f. verwendeten Bild. In beiden Fällen ist allerdings nicht von einem «Palast» die Rede, auch wenn die Schilderung des Turmes in «Hirte des Hermas» einem solchen schon recht nahe kommt.↩
6
Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898), einer der bedeutendsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts. ↩
7
Verse 3–7 des Gedichts «Chor der Toten» von C. F. Meyer (Erstdruck: 1883; ders., Sämtliche Werke in zwei Bänden, mit einem Nachwort von E. Laaths, Bd. 2, München 1968, S. 198f.) 📖.↩
8
Während Goethe in einem Brief an J. C. Lavater vom 29.7.1782 bekannte, er sei zwar «kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist» (Goethes Briefe, Hamburger Ausgabe in vier Bänden, hrsg. von K. R. Mandelkow / B. Morawe, Bd. 1: Briefe der Jahre 1764–1786, München 19682, S. 402 📖), sagte er 50 Jahre später, am 11.3.1832: «Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm [= Christus] anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: Durchaus! Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit» (J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, hrsg. von H. Schlaffer [ J. W. von Goethe, Sämtliche Werke, Münchener Ausgabe, Bd. 19], München / Wien 1986, S. 694) 📖.↩
9
Vgl. Didache 9,4 📖: «ὥσπερ ἦν τοῦτο τὸ κλάσμα διεσκορπισμένον ἐπάνω τῶν ὀρέων καὶ συναχθὲν ἐγένετο ἕν, οὕτω συναχθήτω σου ἡ ἐκκλησία ἀπὸ τῶν περάτων τῆς γῆς εἰς τὴν σὴν βασιλείαν. ὅτι σοῦ ἐστιν ἡ δόξα καὶ ἡ δύναμις διὰ Ἰησοῦ εἰς τοὺς αἰῶνας» («Wie dieses [gebrochene Brot] auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht eins wurde, so möge Deine Gemeinde von den Enden der Erde zusammengebracht werden in Dein Reich; weil Dein ist die Ehre und die Macht durch Jesus Christus in Ewigkeit»).↩