Predigt: Apokalypse 3,20
Das Bild unsres heutigen Textwortes ist vielleicht eines der glücklichsten und reichhaltigsten im ganzen Neuen Testament. Christus, einlassheischend vor unsrer Türe, ernst und doch milde, eindringlich und doch zurückhaltend; ich weiß noch, wie mir der Gedanke Eindruck gemacht hat, als ich diesen Spruch zum ersten Mal hörte. Es ist etwas Alltägliches, Vertrautes, Familiäres in dem Bilde, und dann entspricht es doch wieder der Erfahrung und dem Zeugnis der reifsten und reinsten Frömmigkeit. Ihr habt gewiss Alle schon irgendeinmal da oder dort eine Predigt über diesen Text gehört, und auch wenn das nicht der Fall wäre, brauchte ich euch nicht zu erinnern an die zahlreichen Vergleiche und Beziehungen, die sich sofort einstellen, wenn man den Gedanken nur ein wenig auszumalen unternimmt. In jedem Kernspruch steckt das ganze Christentum drin, und das ist einer von den Kernsprüchen. Wir verstehen es gut, dass auch die Zeichner und Maler sich den dankbaren Gegenstand nicht haben entgehen lassen, und wo die Gedanken und Worte zu schwer fließen, da haben sie nachgeholfen durch allerlei symbolische Darstellungen von der efeuverwachsenen Tür bis zur Laterne in der Hand des anklopfenden Herrn.
Ich möchte aber heute das Ausmalen und Deuten euch selbst überlassen. Das Nachdenken über ein religiöses Bild und Gleichnis kann viel helfen zur Vertiefung der Religion selbst, wenn du selbst dich nämlich bei diesem Nachdenken beteiligst und nicht bloß der spürsinnige Verstand. Sind doch alle unsre Gedanken und Worte auf diesem Gebiet Bilder und Gleichnisse. Und durch die Gedanken und Worte hindurch schimmert uns etwas entgegen, was größer ist als sie, |244 wie die Sonne durch gemalte Fenster hindurchleuchtet. Aber ich möchte heute von dem Bild, das unser Textwort braucht, gleich zur Sache selbst kommen. Die Sache selbst ist aber die Adventsbotschaft, und zwar die Adventsbotschaft, die dich und mich, die wir beide Kinder der heutigen Welt sind, aufs Lebhafteste angeht. Und weil sie uns etwas angeht, weil religiöse Gedanken Lebenskunde sein sollen und nicht Geschichtskunde, kann ich euch vielleicht am nützlichsten sein, wenn ich mir von vornherein Mühe gebe, in der Sprache unsrer Welt zu reden. Ohne Bilder und Gleichnisse geht es auch da nicht ab, und ich meine wahrlich nicht, damit die Sprache der Bibel zu verbessern. Aber vielleicht seht ihr dann das Geheimnis durch den Gedanken der Bibel hindurch deutlicher schimmern, wie man etwa einem Menschen dadurch dienen kann, dass man ihm ein gemaltes Kirchenfenster einmal nicht von seinem gewohnten Platz aus, sondern vielleicht von der Empore oder von der Kanzel aus zeigt.
Von zwei Dingen redet das Bild unsres Textwortes, davon, wie Christus kommt, und davon, wozu er kommt. Und wenn uns diese zwei Dinge verständlich werden, dann liegt offenbar das Ziel und der Gegenstand unsres Adventsglaubens deutlich vor uns. Ich sage ausdrücklich nicht mehr, als dass das Ziel dann vor uns liegt. Denn damit ist es nichts, als ob ich dich und mich selbst in dies Ziel hineinpredigen könnte. Die Brücke zum Ziel selbst ist das Geheimnis der göttlichen Gnade, und diese Brücke wird vom andern Ufer aus geschlagen, nicht vom unsrigen.
I
Christus kommt. Ist das wahr und wie geht das zu?
Zunächst ist doch Christus offenbar gewesen. Er hat einmal
gelebt vor bald 2000 Jahren im Lande
Für die Andern ist er gegangen, aber es ist ein merkwürdiger Niederschlag von ihm dageblieben, seine schöne und erhabene Lehre nämlich. Und darum reden sie von ihm als von dem weisen Rabbi von Nazareth und weisen ihm einen der höchsten Plätze an unter den Führern der Menschheit zur Tugend und Rechtschaffenheit. Mir ist diese Art immer unverständlich gewesen. Religiöse und moralische Lehre ohne die Persönlichkeit, die sie vertritt und die sie lebt, ist für mich ein Messer ohne Schneide. Die Bergpredigt ohne Jesus selbst ist für mich das dunkelste Rätselbuch, das es geben kann. Ich glaube aber, die Leute, die ein Christentum Christi haben wollen, d. h. ein Christentum ohne Christus, meinen etwas Besseres und Tieferes, als sie denken und aussprechen, und ich wäre wieder ein Tor, wenn ich sie anklagte.
Für die Dritten ist Christus gegangen und thront nun irgendwo fern von der Welt, sie können selbst nicht sagen wie. Sie nennen ihn wohl Herr und Meister und Sohn Gottes, aber in merkwürdigem Gegensatz zu diesen hohen Namen trauen sie ihm recht wenig zu. Sie reden dem suchenden Menschen der Gegenwart gar eindringlich zu, er solle sich zu Jesus wenden, er solle es mit ihm probieren, und er werde sehen, wie er finden werde, was er jetzt suche. Auch das ist mir eine recht schwer verständliche Redeweise. Ich verstehe nicht, was das heißen soll, sich zu Jesus wenden, es mit Jesus probieren. Ich habe immer gemeint, Jesus wende sich zu uns, probiere es mit uns. Das ist offenbar etwas Anderes. Ich klage sie nicht an, aber mir ist’s, Christus sei größer als so.
Mir ist’s Christus sei eben nicht gegangen, sondern er komme. Ja, ist’s mir denn nur so? Trage ich euch da bloß die interessante Hypothese irgend einer modernen Theologie vor, von der man fatalerweise nicht merkt, ob sie ganz orthodox oder ganz liberal ist? Ist denn nicht das der Inhalt der wirklichen, der alten und immer neuen Weihnachtsbotschaft, dass Christus kommt? Wenn Christus einer von den vielen Gewesenen und Gegangenen ist, dann verstehe ich nicht recht, warum wir alle Jahre Weihnacht, seinen Geburtstag, feiern, warum wir uns das ganze Jahr hindurch mit ihm beschäftigen, statt alle 50 und 100 Jahre ein Jubiläum zu feiern, wie wir’s für andre große Männer tun. |247 Und wenn Christus unsre kleine Zustimmung braucht, um gegenwärtig und wirklich zu werden, dann verstehe ich nicht, warum wir zur Weihnachtszeit singen:
Denn ich verstehe nicht, warum das eine gute Mär sein soll, wenn man mir sagt, es sei einmal vor 2000 Jahren ein Mensch dagewesen, jetzt sei er nicht mehr da, aber ich solle nur daran glauben, dass er Gottes Sohn gewesen sei, dann komme es gut mit mir. Mir scheint’s eben, wer christliche Frömmigkeit lebt und nicht bloß denkt oder fühlt, der könne nichts Andres von sich sagen, als dass er von der großen Kraft Gottes geführt und getragen werde, dass das die gute Mär sei, von der die Weihnachtsbotschaft redet, und dass daneben sein kleines Zustimmen und Glauben gar nicht in Betracht komme.
Nein, Christus ist nicht gegangen, er kommt. Wie geht das zu? Es ist freilich ein geheimnisvolles Kommen, und wer auf der Oberfläche des Tages lebt, mag immer darauf pochen, dass er nichts davon sehe.
Als die Zeit erfüllet war, da ging ein Säemann aus zu säen. Und Etliches
fiel an den Weg, da kamen die Vögel unter dem Himmel und fraßen’s
auf. Etliches fiel in das Steinige, Etliches fiel unter die Dornen, und
Etliches fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs
[vgl.
In den Worten Jesu war das unerklärliche Leben, seine Jünger haben etwas davon gespürt,
wenn sie mit ihm durch die Felder gingen und wenn sie ihm fragend in die
Augen sahen. Sie haben dies Leben ergriffen, nein, es hat
sie ergriffen in den großen Stunden, wo sie ihn mit den
Armen und Kranken umgehen sahen, wo sie sahen, wie er zu den Zöllnern
und zu den Dirnen sich hielt und nicht zu den Braven und Frommen. Und
sie wurden überwältigt, gedemütigt und befreit durch dies unerklärliche
Leben, als sie ihn beten sahen und hörten auf dem Berg in
Wie ging das zu? Jesus hat einmal ein merkwürdiges Wort gesprochen: Wo
zwei oder drei unter euch versammelt sind in meinem |249 Namen, da bin ich mitten unter ihnen [
Und wenn ich sage, dass das Leben durch die Menschen zu den Menschen gekommen ist, so müsst ihr mich ja nicht so verstehen, als ob dabei die Worte und das Reden von Gott das Einzige oder auch nur die Hauptsache gewesen sei. Es wäre schlimm bestellt um uns, wenn das Kommen des Reiches Gottes vom Predigen abhängig wäre. Und die Geschichte des Reiches Gottes ist etwas sehr Anderes als eine Geschichte der theologischen Beredsamkeit. Nein, in das ganze Handeln und Leiden, Treiben und Lassen, Ahnen und Empfinden der Menschheit ist jenes Leben mitten hineingekommen, und ebenso mannigfaltig waren dann auch immer wieder seine Ausdrucksmittel. |
Und wieder ist diese Geschichte etwas Anderes als etwa eine Geschichte dessen, was man Frömmigkeit nennt. Sie ist größer und sie ist reicher. Wir ahnen das Göttliche im Menschlichen, in den Geschicken der Staaten und Völker, in den Werken der Kunst, in der Arbeit der Wissenschaft, in den Fortschritten der Technik, in den Wandlungen der Kultur und der sozialen Verhältnisse. Wir ahnen es, sage ich, denn unsre Augen sind gehalten, dass wir das Walten des Lebens immer wieder verkennen. Aber ich meine, wenn wir nur das kleine Stückchen des großen Lebens, das in uns selbst glimmt und das wir zu sehen vermögen in dem kleinen Teil der Welt und der Menschen, die wir |250 kennen, wenn wir nur dies genau ansehen, dann können wir der überwältigenden Erkenntnis nicht ausweichen, dass da kein Anderer am Werk ist als der Christus, von dem das Neue Testament redet. Wir spüren uns getragen von einer übermächtigen Flutwelle. Diese Flutwelle ist die Geschichte, nicht die Geschichte der Kriege und Regierungsveränderungen, aber die Geschichte der innern Kraft, die durch die Menschheit geht. In dieser Geschichte steht jedes von uns drin, an ihr hat jedes teil, tätig und leidend, auch wenn es von der Weltgeschichte und Kirchengeschichte gar nichts weiß. Und durch die Menschengeschichte wandelt seit 2000 Jahren Christus und redet immer dieselben Worte, die doch für jeden immer wieder neu sind, und aus den Worten strahlt das Leben, das Leben entzündet. Und in Christus geht Gott durch die Geschichte und kommt in allerlei Gestalt zu jedem von uns. Ist er auch schon zu dir gekommen? Siehe, ich stehe vor der Tür. Das ist die wirkliche Weihnachtsbotschaft.
II
Durch die Geschichte und durch das Leben der Menschen schreitet Christus. Höher und weiter rauschen die verborgenen Fluten, bis sie auch uns finden, ein jedes an seinem Ort, unsere Schifflein hochheben und mit sich fortführen.
Christus tritt ein in unser Leben, in dein und mein kleines Leben. Das
Reich Gottes ist da. Wir
werden selbst zu Christusträgern, zu solchen, die wieder weiterzeugen durch
ihr Handeln und Reden und Sein, dass sie das unerklärliche Leben gesehen
haben. Das will etwas Doppeltes bedeuten: Du kennst die Sage von
Christusträger sollen wir werden, selber ein kleiner Tropfen in der Lebensflut, die durch die Geschichte braust. Ein alter christlicher Schriftsteller hat dieselbe Sache mit einem andern Bilde gezeichnet: es wird ein Palast gebaut, schon steht das Fundament, und nun werden von allen Seiten die Bausteine gebracht. Werden sie gebracht oder kommen sie von selbst, sich einzufügen, wo es ihrer Art und der Ordnung des Baus angemessen ist, wer will es entscheiden? Genug, der Bau muss wachsen, und er wächst.5 So müssen wir beitragen zum Bau des Gottesreiches auf Erden, so ist’s unsre Pflicht, und so ist’s unsre Ehre. Vor uns haben andre gebaut. Wir lauschen dem Chor der Toten und doch nicht Toten, wie K. F. Meyer6 ihn singen lässt; sie sagen uns:
252 Und aus der Vergangenheit blicken wir in die Zukunft und sehen die Reihen derer, die kommen
werden, weiter zu bauen, wo wir aufhören werden. Alle, alle haben ihr
Scherflein hinzugetragen und werden es tun, unwillig und unbewusst die
einen, freudig und gewiss die andren. Hier ist’s die Reichsgottesarbeit der
Mission und Evangelisation
entschiedener Christen, hier ist’s die Reichsgottesarbeit
Durch lebendige Menschen ist der lebendige Christus zu uns gekommen, und durch uns will er zu andern gehen, um sie auch lebendig zu machen. Unser Geschenk wird uns zur Pflicht und unsre Pflicht zum Geschenk. Und so ist der lebendige Christus, der kommt, das verborgene Gemeinschaftsband, das sich von einer Generation zur andern, von einem Volk zum andern, von einer Klasse zur andern schlingt, immer schenkend und immer verpflichtend.
Das Abendmahl, das die christliche Gemeinde feiert, ist nichts Anderes als das Sinnbild der Gegenwart dieses lebendigen Christus und als das Sinnbild der Gemeinschaft der lebendigen Menschen und de|253rer, die es werden sollen. Christus kommt, und wo er kommt, da sagt er: hier sind deine Brüder, zeige ihnen, was du gesehen hast. Wie das Brot zerteilt ist auf den Hügeln in den Halmen des Getreides und zusammengebracht in Eines, so gehört die Gemeinde der Lebendigen zusammen.9
Und nun wollen wir mit unserm Textwort als Losung in die Weihnachtstage hinübergehen.
Christus steht vor der Tür und klopft an. Nicht wir sind’s, die ihn dahin führen können durch unsre frommen und moralischen Gedanken. Er ist da. Lass einmal diese Tatsache auf dich wirken. Dann weißt du, was Weihnachtsfreude ist. Du brauchst dich dann nicht in eine besondere Weihnachtsstimmung hineinzuschrauben, die vergeht, wie die Lichter des Weihnachtsbaums vergehen. Du wirst die Weihnachtsfreude auch nicht in den weihnachtlichen Veranstaltungen aller Art suchen, nicht in der Reichlichkeit der Geschenke, die du bekommst, und nicht in der Umständlichkeit der Festlichkeiten, die du mitmachst. Sondern du wirst dich besinnen auf die Quelle deines Lebens, und wenn dies Leben noch so bescheiden und spärlich wäre, und du wirst aus dieser Selbstbesinnung neue Freude und neuen Frieden schöpfen. Das ist wirkliche Weihnachtsfreude.
Und wo sie ist, ist dann auch sofort das Andre da, dass du Freude und Friede weiterstrahlen musst und darfst an die Andern. Die Weihnachtszeit ist ja die Zeit des allgemeinen Schenkens und Verteilens. Aber du musst tiefer graben. Armenbescherungen und Kinderfeiern sind eine gute Sache, aber wer selbst Freude gefunden am innern Leben, der wird auch das Freude-Machen anders betätigen wollen als nur in den äußern Gaben. Wem Christus das Herz geöffnet für Gott, dem ist das Herz aufgegangen für die Andern, und so sind auch in der Weihnachtsfreude Geschenk und Pflicht unlöslich verbunden, nein, sie sind dasselbe.
254 Und nun schenke uns Gott ein solches Weihnachtsfest und eine solche Abendmahlsfeier. Er lasse den Ernst und die Freude des verborgenen Lebens reichlicher werden in unsrer Mitte. Er zeige uns den lebendigen Christus.
- Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von
H. Held , Strophen 1.2.4.5.8 (RG 369,1.2.4.5 [Strophen 5–7 nicht übernommen; Strophe 8 = Strophe 5]; EG 12,1.2.4 [Strophen 5–8 nicht übernommen]). - Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von
Fr. Rückert , Strophen 1–3 und 4–6 (RG 371; EG 14).
Johannes 17 .