Predigt Nr. 24 · 12. Dezember 1909

Predigt: Jesaja 40,3-5

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Jesaja 40,3–5
Horch, man ruft! Bahnet in der Wüste den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße für unsern Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel soll niedrig werden, und das Höckerige soll zur Ebene werden und das Hügelgelände zur Talsohle, damit sich die Herrlichkeit des Herrn offenbare und alles Fleisch zumal sie schaue: denn der Mund des Herrn hat es geredet.
Liebe Gemeinde!

Das sind Gedanken, die in unsern Adventsbetrachtungen nicht fehlen dürfen. Keine selbstverständlichen Gedanken. Es gibt in der Religion überhaupt keine Selbstverständlichkeiten, und wir wollen uns abgewöhnen, das zu meinen, denn die Selbstverständlichkeit ist die größte Feindin des eigenen Lebens. Und eine Religion, die nicht eigenes Leben ist, ist keine Religion.

So meine ich, die prophetische Mahnung, dem Herrn den Weg zu bereiten, sei bei näherm Zusehen ein recht erstaunlicher Gedanke. Sie ist uns Allen vielleicht ziemlich geläufig geworden, weil sie uns alle Jahre um diese Zeit in Predigten und Liedern häufig genug begegnet. Aber mir ist’s, wer etwas weiß von christlicher Frömmigkeit aus eigener Erfahrung, den müsse diese Mahnung immer wieder – und nicht nur in der Adventszeit – frappieren als etwas Neues und durchaus nicht Selbstverständliches, als ein großes Fragezeichen, weniger für den grübelnden Verstand als für das heimliche, innere Leben. Lebendige Frömmigkeit ist doch nichts Anderes als die immer neue Auflösung und Beantwortung solcher Fragezeichen des innern Lebens. Wenn dies verborgene Werk in uns stillsteht, dann ist auch die Frömmigkeit tot, mag sie nach außen noch so sicher und gesalbt sein. – Wenn das Frömmigkeit ist – und ich denke, eure Erfahrung wird mir darin recht geben –, dann gehört es aber auch zur Frömmigkeit, dass man die Fragezeichen des innern Lebens sieht und sehen will.

231 In der Advents- und Weihnachtszeit freuen wir uns der Tatsache, dass Gott kommt. Als die Zeit erfüllet war, hat er den Menschen Jesus geschickt [vgl. Gal. 4,4], damit die andern in ihm sähen ein für allemal den Ernst und die Freundlichkeit Gottes. Und wenn die Zeit erfüllet ist, kommt Gott zu jedem von uns, Einlaß fordernd bei jedem in seiner Weise. Und immer ist’s Gott in seiner ganzen Fülle, der Herr der Welt und der Herzen, der die Seinen kennt [vgl. 2.Tim. 2,19] und in dem sie leben, weben und sind [vgl. Act. 17,28], ehe sie von seinem Namen wissen. Ja, ist’s denn nicht erstaunlich, wenn wir von diesem Gott singen:

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn’ ich dir?1

Kann denn davon überhaupt die Rede sein, dass wir im Stande sind, irgend etwas zu tun Gott gegenüber, und wäre es nur ein Augenaufschlagen, um ihn zu empfangen? Unser kleiner Wille, unser kleines Ja- und Neinsagen bedeutet doch gar nichts dem großen Gott gegenüber. Wenn Gott einen Menschen haben will, so hat er ihn. Der Prophet Amos hat diese Erkenntnis einmal kurz und bündig so ausgesprochen:

Hat der Löwe gebrüllt – wer sollte sich da nicht fürchten?

Hat der Herr Jahwe geredet – wer müsste da nicht weissagen? [Am. 3,8]

Und es ist wahrlich mehr als historische Pietät, wenn wir bewundernd aufsehen zu Johannes Calvin, der einst an dieser Stätte und in seinem ganzen Lebenswerk den tiefen Gedanken der ewigen und absoluten Vorherbestimmung vertreten hat.2 Wir mögen wohl schaudern vor der Härte des Gedankens, aber wir kommen nicht darum herum: Gott allein die Ehre.3 Und wir wollen uns hüten, Wasser in diesen Wein zu |232 schütten, unsre Gefühle und Stimmungen in die Herbigkeit dieses Grundgedankens aller ernsthaften Frömmigkeit.

Gott allein die Ehre! Und nun trotzdem: Horch, man ruft! Bahnet in der Wüste den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße für unsern Gott! Wir Menschen Gottes Wegbereiter! Und wir spüren Alle, dass auch dieser Gedanke unentbehrlich ist für eine ernsthafte Frömmigkeit. Wir selbst müssen aufs Lebhafteste beteiligt sein, wenn das große verborgene Leben in uns erwachen soll. Alles von außen Aufgezwungene ist auf diesem Gebiet gefälschte und untaugliche Ware. Aber wie kann das wieder mit der Erkenntnis zusammen bestehen, dass Gott allein Alles tut? Das war jahrhundertelang eine theologische Doktorfrage, meine Freunde. Aber in den Doktorfragen stecken eben oft verborgen die großen Lebensfragen, die nicht im Streit der Schulen und Richtungen gelöst werden, sondern im heimlichen Suchen und Ringen der tiefen und ernsten Menschen vor sich selbst und vor Gott. Und hier steckt in der Doktorfrage die Lebensfrage. Ich spreche sie noch einmal mit den Worten des Paul Gerhardt4 aus:

Wie soll ich dich empfangen?

Ich, der Mensch, dich, Gott! Und wir wollen sehen, ob wir eine Antwort finden.

I

Die Wahrheit wird uns vielfach schon dadurch deutlich, dass wir lernen, den Irrtum scharf und genau ins Auge fassen. Vielleicht dringen wir tiefer ein in das Geheimnis der Frage: wie soll ich dich empfangen?, wenn wir uns zuerst darüber verständigen, wie wir das «empfangen» nicht fertigbringen. Kurz gesagt, wenn wir auf Gott warten und auf seinen Einzug in unser Innerstes, so handelt es sich dabei um etwas, wobei von «Fertigbringen» unsrerseits in keiner Weise die Rede sein kann. Paulus und Augustin und Calvin haben ganz recht gesehen: Wer etwas zu sagen weiß vom Walten des lebendigen Gottes in seinem Innern, der kann dies Walten als nichts Anderes empfinden denn als das unverdiente Geschenk einer unbegreiflichen Gnade. Al|233ler Irrtum und aller Unfug in Religionssachen sind davon gekommen, dass man immer wieder gemeint hat und noch meint, diese Unbegreiflichkeit Gottes eskamotieren oder doch abschwächen zu müssen. Die katholische Kirche mit jeder einzelnen ihrer Lehren und Einrichtungen ist ein riesiges Beispiel für diese Art. Sie ist ja nichts Anderes als eine ungeheure Anstalt zur normalen Regelung des Verkehrs zwischen Gott und Mensch. Du, Mensch, hast das und das zu glauben, für wahr anzunehmen und das und das zu tun, fertig zu bringen, dann bringe ich, Gott, es meinerseits fertig, dich selig und glücklich zu machen. Der Gott, mit dem man solche Verträge abschließen kann, ist freilich kein unbegreiflicher Gott. Da ist Alles verständlich und anschaulich, und es kann uns gar nicht wundernehmen, dass man dort immer wieder das Bedürfnis hat, diesen Gott auch leibhaftig anschaulich zu machen: im Sakrament des Altars, im Priester, in den Christus- und Heiligenbildern, in all den unzähligen heiligen Dingen und Bräuchen. Die Frage: wie soll ich dich empfangen? löst sich dort ziemlich einfach: Nimm Alles das an, glaube das Alles, tu das Alles, und die Seligkeit ist dir gewiss. Aber es ist ganz unangebracht, deswegen ein aufgeklärtes Lächeln über die katholische Lehre und Frömmigkeit aufzusetzen. Erstens, weil das innere Leben vieler katholischer Christen, ohne dass sie es sich selbst eingestehen, weit hinausgeschritten ist über solche vertragsmäßige Gottesverehrung. Zweitens, weil unser eigenes Christentum immer noch recht sehr erfüllt ist, wenn nicht von den Gedanken, so doch von der Stimmung und von der heimlichen Praxis der katholischen Lehre. Und zwar da am meisten, wo das [brutale]a Gemunkel von Freisinn und Aufklärung am lautesten ist.

Sehen wir einmal ab von allem Inhalt der katholischen und protestantischen Lehre. Jedenfalls herrscht hüben so gut wie drüben in weitesten Kreisen die Vorstellung, der Mensch fange an, fromm oder gläubig zu werden, wenn er es dazu bringe, diese Lehren anzunehmen, für wahr zu halten. Er ist vielleicht durch Krankheit und Not oder durch sein nahes Lebensende in innere Verwirrung gekommen, oder es hat irgend ein Ereignis oder eigenes Nachdenken in ihm den Hunger und Durst nach Höherem geweckt. Kurzum, er ist vor die Lebens|234frage gestellt: Wie soll ich dich empfangen?, und es ist ihm ernst damit. Und nun wird ihm gesagt, er möge sich einen innern Ruck geben und sich zu der Annahme entschließen, dass Gott wirklich da sei, dass Christus auf Erden gekommen, gestorben und auferstanden sei und dass das Alles seine Erlösung bedeute, wenn er’s nur gläubig annehmen wolle. Du möchtest mir vielleicht ins Wort fallen und mir vorhalten, das seien die fatalen Orthodoxen, die’s so machten. Da hast du ganz recht. Es ist der einzige, aber schwere Vorwurf, den man dieser Richtung machen muss, dass für sie der rechte Christenglaube auf allerlei Umwegen immer wieder in der Zustimmung zu einer Lehre besteht, und damit ist sie ohne Zweifel unterwegs nach Rom. Aber unterdessen wollen wir Andern einmal hübsch vor unsrer eigenen Türe kehren. Der Gottesglaube, zu dessen Annahme man sich in solcher Weise entschließt, kommt auch im liberalen Mäntelchen vor. Der angebliche religiöse Fortschritt besteht dann darin, dass man von der Lehre der Orthodoxie subtrahiert, was einem unbequem ist, z. B. so unbequeme Dinge wie Sünde, Gericht und Tod. Und dann besteht eben der Christenglaube in der Zustimmung zum Resultat dieses Rechenexempels. Ich kann’s den Orthodoxen oder denen, die man so nennt, nicht verargen, wenn ihnen ein solches Christentum wässerig vorkommt. |

Und der Gottesglaube, den man sich so durch einen angeblich gläubigen Entschluss aneignet, hat noch ganz andre Mäntelchen. Er kommt in allerlei Religionen und Religiönchen vor, die mit b-dem Worte-b Frei- anfangen und damit sagen wollen, dass sie ohne den lieben Gott auskommen wollen. Seht einmal genau hin. Gott heißt dort vielleicht Freiheit, Tugend, Unsterblichkeit, oder er heißt das Schöne, Wahre, Gute.5 Aber die Antwort auf die Frage: wie kommt man zu diesen trefflichen Dingen? ist immer dieselbe: man entschließt sich eben, sie als wahr anzunehmen, man erklärt sich einverstanden damit, womöglich durch eine Beitrittserklärung auf vorgedruckter Postkarte. Immer ist das Empfangen Gottes ein Entschluss des gläu|235bigen und rechtschaffenen Menschen. Beim einen besteht dann die Religion, die so zustande gebracht wird, in der Zustimmung zu einer umfangreichen Dogmatik, und beim andern wenigstens in der Erklärung, dass er nichts gegen den Herrgott habe. Was sie Glauben nennen, ist bei allen im Grunde dasselbe, der Glaube ist eben eine respektable Leistung des Menschen. Mein verehrter theologischer Lehrer, Professor Herrmann6 in Marburg, pflegte allen derartigen Glauben als «Götzendienst» zu bezeichnen.7 Das mag etwas grob sein, aber es ist richtig, denn es ist in der Tat ein selbstgemachter Glaube an einen selbstgemachten Gott.

Und um solch selbstgemachten Glauben kennen zu lernen, brauchen wir sogar gar nicht erst zu den kirchlichen und unkirchlichen Parteien und Bestrebungen zu gehen. Ich glaube, es ist gar keines unter uns, das nicht an der religiösen Krankheit laborierte, dass wir oft in der besten Absicht uns einen Gott nach unserm Bilde, nach unsern Wünschen und Bedürfnissen zurechtmachen. Den Verkehr mit diesem selbstgemachten Gott nennen wir dann Religion, und wenn wir, wie das nicht anders sein kann, früher oder später davon enttäuscht werden, dann kehren wir ihm wieder den Rücken, eigenmächtig, wie wir uns eigenmächtig ihm zugewandt hatten, und meinen wohl gar noch, wir könnten damit dem großen, lebendigen Gott selbst aus der |236 Schule laufen. Der Kirchenvater Tertullian hat einmal gesagt, die Menschenseele sei von Natur eine Christin.8 Ich setze hinter diese Behauptung ein großes Fragezeichen. Aber so viel ist sicher, dass die Menschenseele von Natur eine Katholikin ist, dass wir alle von Natur den Hang haben, wenn die große Frage: wie soll ich dich empfangen? an uns herantritt, den einfachen und bequemen Weg einzuschlagen, dass wir uns an die frommen Gedanken Anderer, an irgend eine gute oder schlechte Theologie oder auch an irgend ein Schlagwort anklammern. Ein Mann, mit dem ich diese Woche redete, brauchte für diese Art Religion den sehr treffenden Ausdruck: «von der Gnade Anderer leben». Und damit meinen wir dann, Gott selbst erfasst zu haben, und glauben, das Recht zu haben, allerlei Gutes und Nützliches, was wir im Leben gerade brauchen, von ihm fordern zu dürfen.

Täuschen wir uns nicht, meine Freunde, wir bewegen uns in einer großartigen Illusion, wenn wir’s so machen. Wer etwas davon weiß, was wirkliches Gebet ist, der weiß davon zu sagen, wie oft wir uns beim Beten hilflos im Kreis herum bewegen. Wir meinen zu Gott zu reden, und wir bekommen keine Antwort. Der verborgene Trugschluss, der uns dabei neckt, besteht dann immer darin, dass wir wohl mit den Lippen oder mit den Gedanken Gott suchen, in Wirklichkeit aber uns selbst. Ich möchte solche Frömmigkeit mit einem ausgestopften Fell vergleichen. Es fehlt vielleicht gar nichts daran: Glieder und Ohren und Klauen und sogar gläserne Augen von täuschender Ähnlichkeit. Es fehlt nur gerade die Hauptsache, das lebendige Wesen, das einmal in dem Allen gesteckt ist. Und weil die Hauptsache fehlt, ist das Ding kein lebendiges Wesen, obwohl es auf die Entfernung gesehen so aussieht, sondern ein toter Balg, der nur in einem Museum oder als Wanddekoration einen Sinn hat. So ist alle Frömmigkeit, die wir durch Beitrittserklärung und Zustimmung fertig zu bringen meinen, keine Frömmigkeit, mag sie sich so oder anders drapieren. Und |237 sie tut uns die Pforte des Lebens nicht auf, sie führt uns nicht zu Gott, so wenig der berühmte Freiherr von Münchhausen sich selbst an seinem Zopf aus dem Sumpf gezogen hat.9 Machen wir uns nur klar, dass wir alle solche Münchhausens sind, die alle Tage Ähnliches probieren. Vielleicht merken wir dann, dass dem Herrn den Weg bereiten, etwas Anderes bedeutet.

II

Wir haben am Anfang unsres heutigen Gottesdienstes die Erzählung des Lukasevangeliums vom Auftreten Johannes des Täufers gelesen [vgl. Lk. 3,1–18], und ihr habt hören können, wie dort unser Textwort aus dem Buch Jesaja zitiert ist als Weissagung auf die Predigt jenes merkwürdigen Mannes, der Jesu vorausging, ihm den Weg zu bereiten. Wir lesen heutzutage das Alte Testament mit etwas andern Augen, auch jene Stelle aus dem Propheten. Nach dem Zusammenhang, in demc sie steht, haben wir Anlass anzunehmen, dass es sich ursprünglich um die durch Gottes mächtige Hand bewirkte Rückkehr des israelitischen Volkes aus der Verbannung in Babylonien nach Palästina gehandelt habe. Das Volk wartet auf seinen Gott, der es trösten und heimführen soll, und in diese Erwartung hinein ruft der Prophetd seine Mahnung: Bahnet in der Wüste den Weg des Herrn… Unsre |238 Vorstellung von Weissagung ist eine etwas andere geworden als die der ersten Christen, zu denen z. B. der Evangelist Lukas gehörte. Aber wir werden uns sagen müssen, dass sie trotzdem ein feines Gefühl gehabt haben für ähnliche Situationen, wenn sie die Bußpredigt des Johannes in Vergleich stellten mit jener Mahnung des Propheten. Es handelte sich hier und dort um das Kommen Gottes zu seinem Volk und hier und dort um die Forderung: Bereitet euch, ihr Menschen, den Herrn würdig zu empfangen! Und ich meine weiter, wenn wir heute uns mit der Frage beschäftigen: wie soll ich dich empfangen? und mit der Mahnung: bereitet dem Herrn den Weg, so tun wir gut, dem Beispiel des Neuen Testamentes zu folgen und uns von der Person und Predigt des Johannes den Kommentar zu jener Frage und zu dieser Mahnung geben zu lassen. Nicht weil das so alte Gewohnheit ist in der christlichen Kirche, sondern weil es der Sache entspricht.

Denn auch Johannes hat dort ein Volk vor sich gehabt, das sich mit dieser Frage beschäftigte. Ihr wisst, wie ganz Israel damals auf den Messias wartete. Und dies Volk war auch im Besitz von allerlei Antworten, an deren Richtigkeit die einen zuversichtlich, die andern zweifelnd glaubten. Da waren die orthodoxene Pharisäer, die darauf pochten, dass Abraham ihr Vater sei [vgl. Joh. 8,33], und die von der strikten Befolgung eines heiligen alten Gesetzes das Heil erwarteten. Und da waren die liberalenf Sadduzäer, die sich selbstzufrieden eine aufgeklärtere Religion gemacht hatten. Und zwischen den beiden Extremen bewegte sich ein zahlreiches Volk, mehr dahin oder mehr dorthin neigend, aber alle darin einig, dass man allerlei vorgeschriebene oder selbsterdachte Dinge glauben oder tun müsse, um Gott zu veranlassen, endlich zu erscheinen und in Jerusalem sein Reich aufzurichten. Sie dachten alle an Gott und merkten nicht, dass sie an einen selbstgemachten Gott dachten. In diese schwüle Atmosphäre ist Johannes der Täufer hineingefahren wie ein Frühlingsgewitter. Der ganzen gläubigen und rechtschaffenen Frömmigkeit hat er ein großes «Nicht» entgegengestellt und hat den Menschen gesagt, sie seien dicht vor der größten Katastrophe. Bereitet dem Herrn den Weg! Ja, das wussten sie schon, das wollten sie ja gerade, werden sie unter sich |239 gebrummeltg haben. Und wir hören, wie sie ihn fragen: was sollen wir denn tun? Er hat ihnen eine Antwort gegeben, die sie nicht erwartet hatten: wer zwei Röcke hat, der gebe einen dem, der keinen hat! [Lk. 3,11], und zu den Zöllnern hat er gesagt: übervorteilt niemanden, nehmt nicht mehr als euch zugehört! [vgl. Lk. 3,13], und zu den Soldaten: Plündert nicht, erpresset nicht, lasst euch begnügen mit eurem Solde! [vgl. Lk. 3,14] Ich vermute, die Leute werden recht lange und enttäuschte Gesichter gemacht haben. Sie hatten gewiss irgend eine neue, verzwickte Lehre über Gott und göttliche Dinge erwartet, der sie beitreten und dann im Besitz der allerneusten Frömmigkeit sein könnten. Und nun war’s etwas so Einfaches, dass es ihnen recht überflüssig vorkommen musste, die Wanderung an den Jordan unternommen zu haben, um das zu hören. Ach, immer die alte Geschichte! werden sie geseufzt haben. Recht und Gerechtigkeit, wir kennen das, das haben wir in unsern Synagogen längst gehört.

Wollen wir’s auch so machen, meine Freunde? Seht, das scheint mir eine recht merkwürdige und nachdenkliche Sache zu sein, dass Johannes den Leuten dort überhaupt nichts von Glauben h-und von Gott-h gesagt hat, sondern nur die alte bekannte Sache, dass sie recht sein und dass sie Liebe üben sollten. Offenbar ist er der Meinung gewesen, dass die beste Vorbereitung auf das Kommen Gottes die sei, wenn die Gedanken der Menschen von Gott oder von dem, was sie Gott nannten, abgelenkt und einmal gründlich auf sich selbst gelenkt würden.

Wenn ich das auf unsre Verhältnisse anwende, so gerate ich i-in Gefahr, bei euch für ketzerisch und unfromm-i zu gelten, aber ich tue es trotzdem. Es gibt in der Tat auf die Frage: wie soll ich dich empfangen? nur eine Antwort, und das ist die Antwort Johannes des Täufers. Denn selbstverständlich hat er nicht gemeint, dass seine Antwort erschöpft sei mit den Anweisungen, die er dort den einzelnen Ständen gegeben hat. Er hat mit diesen Anweisungen die Menschen aufrütteln wollen aus dem Schlaf der selbstgemachten Frömmigkeit, er hat ihnen sagen wollen: seid jetzt einmal nicht fromm, sondern seht stracks hin, ein jeder auf das, was er soll. Soll, versteht ihr das Wort, meine |240 Freunde? Sollen heißt nicht, sich entschließen zur Befolgung irgend eines Gebots oder Gebötleinsj, das vonk außen uns angepriesen oder aufoktroyiertl wird. Sollen heißt nicht tun, was uns das Nützlichste scheint für unsern äußern Menschen oder das Angenehmste für unsern Geist. Sollen heißt der Wille zu dem einzigen wahrhaftigen Gehorsam, den es gibt, zum Gehorsam gegen das große Gesetz unsres Innern. Was befiehlt mir dies Gesetz? Mein Freund! Wenn du dir diese Frage aufrichtig stellst, dann brauche ich dir sie nicht zu beantworten. Ich müsste so viele Antworten geben als Menschen in diesem Raume sind, und es wären doch nur ungenügende Antworten. Denn jeder hat nur einen, der ihn und das, was ihm besonders nottut, wirklich kennt, und der eine ist er selber. Du selber musst sehen, wo die Täler sind, die erhöht werden, die Berge und Hügel, die niedrig werden müssen, das Höckerige, das zur Ebene, und das Hügelgelände, das zur Talsohle werden muss. Du selber musst erkennen, wo zu addieren ist in deinem Wesen und wo zu subtrahieren, du sollst es, denn du kannst es, und du kannst es, denn du sollst es.10 Aber ich rate dir gut, lass bei dieser Arbeit an dir selbst einmal alle schönen und weniger schönen Gedanken über Gott aus dem Spiel. Du erkennst Gott nicht, bevor du dich selbst erkannt hast. Wenn du diese Arbeit als ein Werk der Frömmigkeit treibst, dann ist ihr Segen dahin. Frage einmal gar nicht: warum? und wozu?, sondern nur noch was? und wie? Denn es ist immer eine Unwahrhaftigkeit, die sich mit großen Enttäuschungen straft, wenn wir von Gott reden, allerlei für Gott zu tun und allerlei von Gott zu fordern haben meinen, bevor wir Gott erfahren, erlebt, selber erlebt haben.

241 Nur dem Ernst, den reine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born,
Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
Sich des Marmors sprödes Korn.11

Wenn dem Gottsuchen und der Frömmigkeit unsrer Zeit etwas fehlt, so scheint es mir dieser tiefe Ernst des sittlichen Gesetzes zu sein, wie ihn am Anfang des letzten Jahrhunderts Schiller gepredigt hat und wie ihn noch früher Kant ausgesprochen hat in seiner wunderlichen, steifen Sprache: «Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.»12 Es ist wie ein weichlich und schlaff machender Föhnwind in unsrer Luft, dass wir Religion und Frömmigkeit haben möchten, bevor wir etwas wissen von jener Beugung unter die Majestät des m-kategorischen Imperativs-m,13 dass wir Gott haben möchten, bevor wir uns nach dem Guten gefragt haben, dass wir allerlei Schönes von Christus sagen und uns sagen lassen möchten, bevor wir zu Johannes dem Täufer an den Jordan gegangen sind.

Bahnet in der Wüste den Weg des Herrn! Ebnet in der Steppe eine Straße für unsern Gott! Und indem ihr’s tut, werdet ihr sehen, dass der n-kategorische Imperativ-n mit seinem richtenden, niederdrückenden Ernst nicht das letzte Wort ist. Nicht vorher, wohlverstanden. Aber dann wirst du sehen, was das sagen will, dass die Herrlichkeit des Herrn sich offenbart. Wenn du begonnen hast zu ringen um die |242 innere Wahrhaftigkeit des innern Gehorsams, dann ist die Straße geebnet und erhöht, auf der Gott bei dir einziehen will. Denn du bist dann eingetreten als Glied in die geheimnisvolle Kette der Menschen, die ein großes Licht gesehen haben [vgl. Jes. 9,1] und darauf zu wandern Tag und Nacht. Als ein schaffendes Glied und als ein empfangendes Glied. Denn in den Kämpfen und Siegen und Niederlagen dieses Gehorsams wirst du dich, ehe du’s ahnst, getragen fühlen von einer Kraft, die dein Sollen verwandelt in dein Können. Du hörst dann die wundersame Stimme, die dich zu sich ruft: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken [Mt. 11,28]. Wer weiß, was Mühsal ist, dero wird wissen, was das für eine Erquickung ist. Und es leuchtet uns dann etwas auf von der Erkenntnis des Paulus: Sind wir mit Christo gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden [Röm. 6,8]. Und was wir vorher «Glauben» nannten, das fällt wie mürber Zunder in sich zusammen vor dem unverdienten, unbegreiflichen Geschenk des großen Gottes, der unsre Kraft und unsre Befreiung geworden ist.

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn’ ich dir?14

Antwort: Bahnet den Weg des Herrn! Den Weg, hast du’s gehört? Dieser Weg ist die Wahrhaftigkeit deines innern Menschen. Überlass es Gott selbst, dem lebendigen, dem wirklichen Gott, wann und wie er auf diesem Weg bei dir einziehen will. Er p- kann es tun, denn er ist größer als unser Herz [1.Joh. 3,20], und er wird es tun, denn sein Gebot ist ein Gebot, das Verheißung hat. Aber nicht wir haben ihn erwählt, sondern er hat uns-p erwählt [Joh. 15,16].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 85: «Macht hoch die Tür» von G. Weißel, Strophen 1–2 (RG 363; EG 1). 🎵
  • Nr. 90: «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt, Strophen 1–3 und 6–8 (RG 367; EG 11). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Nachträglich mit Bleistift in das Mskr. eingefügte eckige Klammern.↩
b-b
Nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
c
Mskr.: «der»; von den Hrsg. korrigiert.↩
d
Im Mskr. folgte ursprünglich ein mit Bleistift gestrichener Einschub: «[– nicht Jesaja selbst übrigens, der bekanntlich 20­0 Jahre früher lebte –]».↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
i-i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k
Mskr.: doppeltes «von» am Zeilenende und -anfang.↩
l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
m-m
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
n-n
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
o
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
p-p
Die hervorgehobenen Worte sind im Manuskript jeweils nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Im Gottesdienst gesungenes Lied (s. unten, Lieder).↩
2
Die Predigtstätte der deutschsprachigen Genfer Gemeinde befand sich seit 1903 neben der großen Kirche St. Pierre im Temple de l’Auditoire, der einst der Hörsaal für Calvins Vortrag seiner Bibelauslegungen war; vgl. O.Br. 1909–1935, S. 3 📖. – Calvins zentrale Darlegung der Prädestinationslehre findet sich in Inst. III,21 📖. In seiner Calvin-Vorlesung von 1922 hob Barth auch Ausführungen aus der Institutio von 1536 und dem Genfer Katechismus von 1537 hervor; vgl. Th.Calvins, S. 238–243. 371–373 📖.↩
3
In der lateinischen Form «Soli Deo gloria» ein besonders mit Calvin und seiner Theologie in Verbindung gebrachtes Motto der Reformation.↩
4
Paul Gerhardt (1607–1676), lutherischer Theologe und Liederdichter.↩
5
Anspielung auf die weit verbreitete, verkürzte Aufnahme zentraler Begriffe der Platonischen Ideenlehre zur näheren Beschreibung der göttlichen Sphäre; vgl. oben, S. 140, Anm. 3.↩
6
Wilhelm Herrmann (1846–1922), seit 1879 Professor für Systematische Theologie in Marburg. – Barth war zum Sommersemester 1908 vor allem wegen Herrmann nach Marburg gegangen.↩
7
Vgl. schon W. Herrmann, Die Religion im Verhältniß zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. Eine Grundlegung der systematischen Theologie, Halle 1879, S. 7f. 📖: «Ein religiöser Glaube […] wird als solcher [= Aberglaube] erkannt und bezeichnet, wenn auf niederen Bildungsstufen die sittlich indifferente Furcht oder Hoffnung des Menschen seiner Phantasie den Antrieb verleiht, die sinnliche Welt zu verdoppeln. Man sollte nun auch gegen das Uebernatürliche der Metaphysik, wenn es als Gegenstand des religiösen Glaubens sich darbietet, dieselbe Gerechtigkeit üben. Falls eine sittlich indifferente Logik uns zwingt, den Gedanken des absoluten Geistes zu vollziehen, so ist die religiöse Verehrung dieses Geistes um nichts besser als irgend ein anderer Naturdienst. […] Wenn aber dem Objecte des Glaubens die Würde fehlt, die das Gewissen des Menschen trifft und ihn als sittliches Wesen ebenso niederbeugt wie erhebt, so ist es ein Götze. Ich kann nicht sehen, was es unter diesem Gesichtspunkte für einen Unterschied machen soll, ob eine kindliche Phantasie den Götzen gebildet hat oder ein hochentwickeltes Denken.»↩
8
Tertullian, Apologeticum 17,6 📖: «O testimonium animae naturaliter Christianae! Denique pronuntians haec non ad Capitolium, sed ad caelum respicit. Novit enim sedem dei vivi; ab illo, et inde descendit.» («O Zeugnis der Seele, die von Natur Christin ist! Endlich, wenn sie dergleichen spricht, so blickt sie nicht nach dem Kapitol, sondern zum Himmel; sie kennt nämlich den Sitz des lebendigen Gottes, von ihm und von dort ist sie ja auch herniedergestiegen» [Übersetzung: K. A. H. Kellner]).↩
9
Vgl. G. A. Bürger, Wunderbare Reise zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt, (Erstdruck: 1786) Frankfurt/Main 1976, S. 53f. 📖: «Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größern Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloß, wieder herausgezogen hätte.»↩
10
Anspielung auf die Zuordnung von Materie des Gesetzes, freiem Willen und moralischem Gesetz bei I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1908/13, S. 1–163, bes. S. 29f.; vgl. a.a.O., S. 30 📖: «Er urtheilt also, daß er etwas kann, darum weil er sich bewußt ist, daß er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre.»↩
11
Aus Strophe 8 des Gedichts «Das Ideal und das Leben» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1795; Sämtliche Werke, München 19623, Bd. 1, S. 201–205, dort S. 203) 📖.↩
12
I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Akademie-Ausgabe, Bd. 4, Berlin 1903/11, S. 385–463, dort S. 393 (i. Orig. mit Hervorhebung von «Wille») 📖.↩
13
«Kategorischer Imperativ» ist die gängige Bezeichnung für das von Kant formulierte «Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft»: «Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne» (Kant, Kritik der praktischen Vernunft [Anm. 10], S. 30 📖). ↩
14
Siehe oben, Anm. 1.↩