Predigt: Jesaja 40,3-5
Das sind Gedanken, die in unsern Adventsbetrachtungen nicht fehlen dürfen. Keine selbstverständlichen Gedanken. Es gibt in der Religion überhaupt keine Selbstverständlichkeiten, und wir wollen uns abgewöhnen, das zu meinen, denn die Selbstverständlichkeit ist die größte Feindin des eigenen Lebens. Und eine Religion, die nicht eigenes Leben ist, ist keine Religion.
So meine ich, die prophetische Mahnung, dem Herrn den Weg zu bereiten, sei bei näherm Zusehen ein recht erstaunlicher Gedanke. Sie ist uns Allen vielleicht ziemlich geläufig geworden, weil sie uns alle Jahre um diese Zeit in Predigten und Liedern häufig genug begegnet. Aber mir ist’s, wer etwas weiß von christlicher Frömmigkeit aus eigener Erfahrung, den müsse diese Mahnung immer wieder – und nicht nur in der Adventszeit – frappieren als etwas Neues und durchaus nicht Selbstverständliches, als ein großes Fragezeichen, weniger für den grübelnden Verstand als für das heimliche, innere Leben. Lebendige Frömmigkeit ist doch nichts Anderes als die immer neue Auflösung und Beantwortung solcher Fragezeichen des innern Lebens. Wenn dies verborgene Werk in uns stillsteht, dann ist auch die Frömmigkeit tot, mag sie nach außen noch so sicher und gesalbt sein. – Wenn das Frömmigkeit ist – und ich denke, eure Erfahrung wird mir darin recht geben –, dann gehört es aber auch zur Frömmigkeit, dass man die Fragezeichen des innern Lebens sieht und sehen will.
231 In der Advents- und Weihnachtszeit freuen wir uns der
Tatsache, dass Gott kommt. Als die Zeit erfüllet war, hat er den Menschen
Jesus geschickt [vgl.
Kann denn davon überhaupt die Rede sein, dass wir im Stande
sind, irgend etwas zu tun Gott gegenüber, und wäre es nur ein
Augenaufschlagen, um ihn zu empfangen? Unser kleiner Wille, unser kleines Ja- und Neinsagen
bedeutet doch gar nichts dem großen Gott gegenüber. Wenn Gott einen Menschen
haben will, so hat er ihn. Der Prophet
Hat der Löwe gebrüllt – wer sollte sich da nicht fürchten?
Hat der Herr Jahwe geredet – wer müsste da nicht weissagen? [
Und es ist wahrlich mehr als historische Pietät, wenn wir
bewundernd aufsehen zu Johannes
Gott allein die Ehre! Und nun trotzdem: Horch, man ruft! Bahnet in der
Wüste den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße für unsern
Gott! Wir Menschen Gottes Wegbereiter! Und wir spüren Alle, dass auch
dieser Gedanke unentbehrlich ist für eine ernsthafte Frömmigkeit. Wir selbst müssen aufs Lebhafteste beteiligt sein,
wenn das große verborgene Leben in uns erwachen soll. Alles von außen Aufgezwungene ist
auf diesem Gebiet gefälschte und untaugliche Ware. Aber wie kann das wieder
mit der Erkenntnis zusammen bestehen, dass Gott allein Alles tut? Das war
jahrhundertelang eine theologische Doktorfrage, meine Freunde. Aber in den
Doktorfragen stecken eben oft verborgen die großen Lebensfragen, die nicht
im Streit der Schulen und Richtungen gelöst werden, sondern im heimlichen
Suchen und Ringen der tiefen und ernsten Menschen vor sich selbst und vor
Gott. Und hier steckt in der Doktorfrage die Lebensfrage. Ich spreche sie
noch einmal mit den Worten des
Ich, der Mensch, dich, Gott! Und wir wollen sehen, ob wir eine Antwort finden.
I
Die Wahrheit
wird uns vielfach schon dadurch deutlich, dass wir lernen, den Irrtum scharf und genau ins Auge
fassen. Vielleicht dringen wir tiefer ein in das Geheimnis der Frage:
wie soll ich dich empfangen?, wenn wir uns zuerst darüber verständigen,
wie wir das «empfangen» nicht fertigbringen. Kurz gesagt,
wenn wir auf Gott warten und auf seinen Einzug in unser Innerstes, so
handelt es sich dabei um etwas, wobei von
«Fertigbringen» unsrerseits in keiner Weise die Rede sein kann.
Sehen wir einmal ab von allem Inhalt der katholischen und protestantischen Lehre. Jedenfalls herrscht hüben so gut wie drüben in weitesten Kreisen die Vorstellung, der Mensch fange an, fromm oder gläubig zu werden, wenn er es dazu bringe, diese Lehren anzunehmen, für wahr zu halten. Er ist vielleicht durch Krankheit und Not oder durch sein nahes Lebensende in innere Verwirrung gekommen, oder es hat irgend ein Ereignis oder eigenes Nachdenken in ihm den Hunger und Durst nach Höherem geweckt. Kurzum, er ist vor die Lebens|234frage gestellt: Wie soll ich dich empfangen?, und es ist ihm ernst damit. Und nun wird ihm gesagt, er möge sich einen innern Ruck geben und sich zu der Annahme entschließen, dass Gott wirklich da sei, dass Christus auf Erden gekommen, gestorben und auferstanden sei und dass das Alles seine Erlösung bedeute, wenn er’s nur gläubig annehmen wolle. Du möchtest mir vielleicht ins Wort fallen und mir vorhalten, das seien die fatalen Orthodoxen, die’s so machten. Da hast du ganz recht. Es ist der einzige, aber schwere Vorwurf, den man dieser Richtung machen muss, dass für sie der rechte Christenglaube auf allerlei Umwegen immer wieder in der Zustimmung zu einer Lehre besteht, und damit ist sie ohne Zweifel unterwegs nach Rom. Aber unterdessen wollen wir Andern einmal hübsch vor unsrer eigenen Türe kehren. Der Gottesglaube, zu dessen Annahme man sich in solcher Weise entschließt, kommt auch im liberalen Mäntelchen vor. Der angebliche religiöse Fortschritt besteht dann darin, dass man von der Lehre der Orthodoxie subtrahiert, was einem unbequem ist, z. B. so unbequeme Dinge wie Sünde, Gericht und Tod. Und dann besteht eben der Christenglaube in der Zustimmung zum Resultat dieses Rechenexempels. Ich kann’s den Orthodoxen oder denen, die man so nennt, nicht verargen, wenn ihnen ein solches Christentum wässerig vorkommt. |
Und der Gottesglaube, den man sich so durch einen angeblich gläubigen
Entschluss aneignet, hat noch ganz andre Mäntelchen. Er kommt in
allerlei Religionen und Religiönchen vor, die mit
b-dem Worte-b
Frei- anfangen und damit sagen wollen, dass sie ohne den lieben
Gott auskommen wollen. Seht einmal genau hin. Gott heißt dort vielleicht
Freiheit, Tugend, Unsterblichkeit, oder er heißt das Schöne, Wahre,
Gute.5 Aber
die Antwort auf die Frage: wie kommt man zu diesen trefflichen Dingen?
ist immer dieselbe: man entschließt sich eben, sie als wahr anzunehmen,
man erklärt sich einverstanden damit, womöglich durch eine Beitrittserklärung auf vorgedruckter
Postkarte. Immer ist das Empfangen Gottes ein Entschluss des gläu|235bigen und rechtschaffenen Menschen. Beim einen
besteht dann die Religion, die
so zustande gebracht wird, in der Zustimmung zu einer umfangreichen
Dogmatik, und beim andern
wenigstens in der Erklärung, dass er nichts gegen den Herrgott habe. Was
sie Glauben nennen, ist bei
allen im Grunde dasselbe, der Glaube ist eben eine respektable Leistung
des Menschen. Mein verehrter theologischer Lehrer, Professor
Und um solch selbstgemachten Glauben kennen zu lernen, brauchen wir sogar
gar nicht erst zu den kirchlichen und unkirchlichen Parteien und Bestrebungen zu gehen.
Ich glaube, es ist gar keines unter uns, das nicht an der religiösen
Krankheit laborierte, dass wir oft in der besten Absicht uns einen Gott
nach unserm Bilde, nach unsern Wünschen und Bedürfnissen zurechtmachen.
Den Verkehr mit diesem selbstgemachten Gott nennen wir dann Religion, und wenn wir, wie das
nicht anders sein kann, früher oder später davon enttäuscht werden, dann
kehren wir ihm wieder den Rücken, eigenmächtig, wie wir uns eigenmächtig
ihm zugewandt hatten, und meinen wohl gar noch, wir könnten damit dem
großen, lebendigen
Gott selbst aus der |236 Schule laufen. Der
Kirchenvater
Täuschen wir uns nicht, meine Freunde, wir bewegen uns in einer
großartigen Illusion, wenn wir’s so machen. Wer etwas davon weiß,
was wirkliches Gebet ist, der weiß davon zu sagen, wie oft wir uns beim
Beten hilflos im Kreis herum
bewegen. Wir meinen zu Gott zu reden, und wir bekommen keine Antwort.
Der verborgene Trugschluss, der uns dabei neckt, besteht dann immer
darin, dass wir wohl mit den Lippen oder mit den Gedanken Gott suchen,
in Wirklichkeit aber uns selbst. Ich möchte solche Frömmigkeit mit einem ausgestopften Fell
vergleichen. Es fehlt vielleicht gar nichts daran: Glieder und Ohren und
Klauen und sogar gläserne Augen von täuschender Ähnlichkeit. Es fehlt
nur gerade die Hauptsache, das lebendige Wesen, das einmal in dem Allen
gesteckt ist. Und weil die Hauptsache
fehlt, ist das Ding kein lebendiges Wesen, obwohl es auf die Entfernung
gesehen so aussieht, sondern ein toter Balg, der nur in einem Museum oder
als Wanddekoration einen Sinn hat. So ist alle Frömmigkeit, die wir
durch Beitrittserklärung und Zustimmung fertig zu bringen meinen, keine
Frömmigkeit, mag sie sich so oder anders drapieren. Und |237 sie tut uns die Pforte des Lebens nicht auf, sie führt
uns nicht zu Gott, so wenig der berühmte Freiherr von
II
Wir haben am Anfang unsres heutigen Gottesdienstes die
Erzählung des Lukasevangeliums vom Auftreten
Denn auch Johannes hat dort ein Volk vor sich gehabt, das sich mit dieser
Frage beschäftigte. Ihr wisst, wie ganz Israel damals auf den Messias
wartete. Und dies Volk war auch im Besitz von allerlei Antworten, an
deren Richtigkeit die einen zuversichtlich,
die andern zweifelnd glaubten. Da waren die orthodoxene
Pharisäer, die darauf
pochten, dass
Wollen wir’s auch so machen, meine Freunde? Seht, das scheint mir eine recht merkwürdige und nachdenkliche Sache zu sein, dass Johannes den Leuten dort überhaupt nichts von Glauben h-und von Gott-h gesagt hat, sondern nur die alte bekannte Sache, dass sie recht sein und dass sie Liebe üben sollten. Offenbar ist er der Meinung gewesen, dass die beste Vorbereitung auf das Kommen Gottes die sei, wenn die Gedanken der Menschen von Gott oder von dem, was sie Gott nannten, abgelenkt und einmal gründlich auf sich selbst gelenkt würden.
Wenn ich das auf unsre Verhältnisse anwende, so gerate ich i-in Gefahr, bei euch für ketzerisch und unfromm-i
zu gelten, aber ich tue es trotzdem. Es gibt in der Tat auf die
Frage: wie soll ich dich empfangen? nur eine Antwort, und das ist die
Antwort
Wenn dem Gottsuchen und der Frömmigkeit unsrer Zeit etwas fehlt, so scheint es mir
dieser tiefe Ernst des sittlichen Gesetzes zu sein, wie ihn am Anfang
des letzten Jahrhunderts
Bahnet in der Wüste den Weg des Herrn! Ebnet in der Steppe eine
Straße für unsern Gott! Und indem ihr’s tut, werdet
ihr sehen, dass der n-kategorische Imperativ-n
mit seinem richtenden, niederdrückenden Ernst nicht das letzte
Wort ist. Nicht vorher, wohlverstanden. Aber dann wirst du sehen, was
das sagen will, dass die Herrlichkeit des Herrn sich offenbart. Wenn du
begonnen hast zu ringen um die |242 innere Wahrhaftigkeit des
innern Gehorsams,
dann ist die Straße geebnet und erhöht, auf der Gott bei dir einziehen
will. Denn du bist dann eingetreten als Glied in die geheimnisvolle Kette der Menschen, die ein großes Licht
gesehen haben [vgl.
Antwort: Bahnet den Weg des Herrn! Den
Weg, hast du’s gehört? Dieser Weg ist die Wahrhaftigkeit deines
innern Menschen.
Überlass es Gott selbst, dem lebendigen, dem wirklichen Gott, wann und wie er auf diesem
Weg bei dir einziehen will. Er p-
kann es
tun, denn er ist größer als unser Herz [
- Nr. 85: «Macht hoch die Tür» von
G. Weißel , Strophen 1–2 (RG 363; EG 1). - Nr. 90: «Wie soll ich dich empfangen» von
P. Gerhardt , Strophen 1–3 und 6–8 (RG 367; EG 11).