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        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 25</title>
        <title type="content">Predigt: Apokalypse 3,20</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Apokalypse 3,20, 19. Dezember 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53027 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 25: Predigt: Apokalypse 3,20</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">27</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 3,20, 19. Dezember 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1468">KBA 1003</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-12-19">19. Dezember 1909</date>
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                <div type="opener">
                <head>
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                    <idno>25</idno>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1909-12-19">Sonntag, den
                            19. Dezember 1909</date> <date rend="right">(4. Advent)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apokalypse 3,20</ref>
                     
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Siehe, ich stehe vor der Tür und
                                    klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür
                                    auftun, zu dem werde ich eingehen und das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> mit ihm
                                    halten und er mit mir.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Das Bild unsres heutigen Textwortes ist vielleicht eines der glücklichsten
                    und reichhaltigsten im ganzen Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>. Christus, einlassheischend vor
                    unsrer Türe, ernst und doch milde, eindringlich und doch zurückhaltend; ich
                    weiß noch, wie mir der Gedanke Eindruck gemacht hat, als ich diesen Spruch
                    zum ersten Mal hörte. Es ist etwas Alltägliches, Vertrautes, Familiäres in
                    dem Bilde, und dann entspricht es doch wieder der Erfahrung und dem Zeugnis
                    der reifsten und reinsten <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>. Ihr habt gewiss Alle schon irgendeinmal da oder
                    dort eine Predigt über diesen Text gehört, und auch wenn das nicht der Fall
                    wäre, brauchte ich euch nicht zu erinnern an die zahlreichen Vergleiche und
                    Beziehungen, die sich sofort einstellen, wenn man den Gedanken nur ein wenig
                    auszumalen unternimmt. In jedem Kernspruch steckt das ganze Christentum
                    drin, und das ist einer von den Kernsprüchen. Wir verstehen es gut, dass
                    auch die <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Zeichner und Maler sich den dankbaren
                    Gegenstand nicht haben entgehen lassen, und wo die Gedanken und Worte zu
                    schwer fließen, da haben sie nachgeholfen durch allerlei symbolische
                    Darstellungen von der efeuverwachsenen Tür bis zur Laterne in der Hand des
                    anklopfenden Herrn.</p>
                <p>Ich möchte aber heute das Ausmalen und Deuten euch selbst überlassen. Das
                    Nachdenken über ein religiöses Bild und Gleichnis kann viel helfen zur
                    Vertiefung der Religion selbst, wenn du selbst dich nämlich bei diesem
                    Nachdenken beteiligst und nicht bloß der spürsinnige Verstand. Sind doch
                    alle unsre Gedanken und Worte auf diesem Gebiet Bilder und Gleichnisse. Und
                    durch die Gedanken und Worte hindurch schimmert uns etwas entgegen, was
                    größer ist als sie, <pb xml:id="p244" ed="pga"/> wie die Sonne durch gemalte
                    Fenster hindurchleuchtet. Aber ich möchte heute von dem Bild, das unser
                    Textwort braucht, gleich zur Sache selbst kommen. Die Sache selbst ist aber
                    die <term type="Sachen" key="Advent, Botschaft">Adventsbotschaft</term>, und
                    zwar die Adventsbotschaft, die dich und mich, die wir beide Kinder der
                    heutigen <term type="Sachen" key="Welt, heutige">Welt</term> sind, aufs
                    Lebhafteste angeht. Und weil sie uns etwas angeht, weil religiöse Gedanken
                        <term type="Sachen" key="Religion, Lebenskunde">Lebenskunde</term> sein
                    sollen und nicht Geschichtskunde, kann ich euch vielleicht am nützlichsten
                    sein, wenn ich mir von vornherein Mühe gebe, in der Sprache unsrer Welt zu
                    reden. Ohne Bilder und Gleichnisse geht es auch da nicht ab, und ich meine
                    wahrlich nicht, damit die Sprache der Bibel zu verbessern. Aber vielleicht
                    seht ihr dann das Geheimnis durch den Gedanken der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> hindurch deutlicher
                    schimmern, wie man etwa einem Menschen dadurch dienen kann, dass man ihm ein
                    gemaltes Kirchenfenster einmal nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> von seinem
                    gewohnten Platz aus, sondern vielleicht von der Empore oder von der Kanzel
                    aus zeigt.</p>
                <p>Von zwei Dingen redet das Bild unsres Textwortes, davon, wie Christus kommt,
                    und davon, wozu er kommt. Und wenn uns diese zwei Dinge verständlich werden,
                    dann liegt offenbar das Ziel und der Gegenstand unsres <term type="Sachen" key="Glaube, Adventsglaube">Adventsglaubens</term> deutlich vor uns. Ich
                    sage ausdrücklich nicht mehr, als dass das Ziel dann vor uns liegt. Denn
                    damit ist es nichts, als ob ich dich und mich selbst in dies Ziel
                    hineinpredigen könnte. Die Brücke zum Ziel selbst ist das Geheimnis der
                    göttlichen <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>, und
                    diese Brücke wird vom andern Ufer aus geschlagen, nicht vom unsrigen.</p>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Christus kommt. Ist das wahr und wie geht das zu?
                        Zunächst ist doch Christus offenbar <hi rend="italic">gewesen</hi>. Er hat einmal
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">gelebt</term> vor bald 2000 Jahren im Lande <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName>, wenig mehr als 30
                        Jahre lang gelebt, und dann ist er gestorben. Ich weiß, da ist die <term type="Sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehungsbotschaft</term>, und ich weiß auch von den
                        wunderlichen Rechnungen und Verträgen, die die Theologen und die übrigen
                        klugen Menschen mit dem lieben Gott gemacht haben über die Frage,
                        wieviel oder wie wenig Wunderbares an dem gewesen sei, was hinter der
                        Botschaft steckte. Aber offen oder insgeheim sind Alle darin einig, dass
                        das Alles recht lang her sei, dass Christus, seine Person und seine
                        Botschaft zu den Dingen gehören, <pb xml:id="p245" ed="pga"/> die einmal
                            <hi rend="italic">gewesen</hi> sind. Und da ist man dann in der <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>
                        <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> in einer
                        gewissen Ratlosigkeit. Man muss schon zu allerlei schönen Betrachtungen
                        über das kalte Wetter und über den warmen Ofen zur Winterszeit greifen,
                        um diesem Fest einen Sinn abzugewinnen, etwa so, wie man zu <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term> und <term type="Sachen" key="Pfingsten">Pfingsten</term> am liebsten von Knospen und
                        Frühlingswinden hört und redet. Das übliche festliche «Moralin», wie ein
                        Freund von mir diese Flüssigkeit einmal nannte, droht zu versagen, und
                        die Programme mancher <term type="Sachen" key="Weihnachtsfeiern">Weihnachtsfeiern</term> legen von dieser Ratlosigkeit ein so
                        beredtes Zeugnis ab, dass man sich fragt, ob es nicht ehrlicher und
                        einfacher wäre, das Ding Winterfest zu nennen oder Fest der <term type="Sachen" key="Wintersonnenwende">Wintersonnenwende</term> wie
                        der <term type="Sachen" key="Genf, Monistenbund">Genfer</term>
                        <term type="Sachen" key="Monismus">Monistenbund</term>.<note xml:id="n01">Die monistische Bewegung war «in der Schweiz
                            vor 1912 nur in vier, miteinander nicht enger verbundenen Vereinen
                            (von Zürich, Bern, Basel und Genf)» organisiert (<bibl corresp="kbga-bibls-2577"><persName ref="kbga-actors-9192">K. A. Brodtbeck</persName>,
                                <hi rend="italic">Monismus und Sozialismus in der Schweiz. Teil II</hi>,
                            in: Der Schweizer Freidenker 2 [1916], S. 78f., dort S. 78</bibl>; zum
                            einflussreicheren, 1906 gegründeten Deutschen Monistenbund s. oben.
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p179#fn_n12">S. 179, Anm. 12</ref>). – Im 1915 erschienenen ersten
                            Band der eigenen Zeitschrift von Freidenker- und Monistenbund wurde
                            die Motivation zur Wintersonnenwendfeier ausführlich erläutert:
                            «Weihnachten. Ein Märchen, eine Legende; denn die Wissenschaft weiss
                            nichts Bestimmtes über die Person Jesu. […] ‚Weihnachten’ war
                            ursprünglich ein heidnisches Fest, […], das
                                <hi rend="italic">Sonnenwendfest</hi>. […] Für uns Modernen kann
                            natürlich die Sonnenwendefeier nur noch symbolischen Charakter
                            haben. <hi rend="italic">Die Sonnenwendefeier sei uns ein Fest der Huldigung,
                                der Hoffnung, ein Fest der Liebe zur Wahrheit!</hi> […]
                            Ich glaube an eine Erlösung, aber an eine Erlösung der Menschheit
                            durch jene, die die Ausbeutung bekämpfen, die Unwissenheit und die
                            Barbarei, den Krieg. <hi rend="italic">Die Erlösung des Einzelnen ist
                                vollbracht, wenn er Mitkämpfer für diese Ideale geworden, die
                                Erlösung der Menschheit erreicht, wenn soziale Demokratie, wahre
                                Volksbildung und Friede herrschen</hi>. In diesem Sinne feiern
                            wir Freidenker am 24. Dezember […] als moderne Heiden,
                            huldigend dem Symbol der Wahrheit und des Lichts, indem wir an
                            ‚Weihnachten’ das <hi rend="italic">Sonnenwendefest</hi> feiern» (<bibl corresp="kbga-bibls-2578">H. G. W.,
                                <hi rend="italic">Weihnachten – Sonnenwende</hi>, in: Der Schweizer
                            Freidenker 1 [1915], Nr. 20 [15.12.1915], S. 80f.</bibl>)</note> Wenn man also sagt: Christus kommt,
                        so muss man damit rechnen, dass in unzähligen Köpfen und Herzen heimlich
                        geschrieben steht: Nein, umgekehrt, <hi rend="italic">Christus ist gegangen</hi>,
                        längst gegangen! Ich weiß, da gibt’s Unterschiede: für die Einen
                        ist er gegangen, und sie sehen seine Spur nicht mehr. Vielleicht ist er
                        durch Gesetz und Menschenlehre ihrem innern Auge undeutlich und
                        unmöglich geworden. Vielleicht ist’s eigene Verholzung und
                        Erstarrung? Ich wage nicht, sie anzukla<pb xml:id="p246" ed="pga" break="no"/>gen, ich
                        will es nicht tun. Wer ein Geschenk empfangen, dem steht’s übel
                        an, andre anzuklagen, weil sie kein Geschenk empfangen.</p>
                    <p>Für die Andern ist er gegangen, aber es ist ein merkwürdiger Niederschlag
                        von ihm dageblieben, seine schöne und erhabene Lehre nämlich. Und darum
                        reden sie von ihm als von dem weisen Rabbi von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Rabbi von Nazareth">Nazareth</term> und weisen
                        ihm einen der höchsten Plätze an unter den Führern der Menschheit zur
                            <term type="Sachen" key="Tugend">Tugend</term> und <term type="Sachen" key="Rechtschaffenheit">Rechtschaffenheit</term>. Mir
                        ist diese Art immer <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> unverständlich gewesen.
                        Religiöse und moralische Lehre ohne die Persönlichkeit, die sie vertritt
                        und die sie lebt, ist für mich ein Messer ohne Schneide. Die <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> ohne Jesus selbst
                        ist für mich das dunkelste Rätselbuch, das es geben kann. Ich glaube
                        aber, die Leute, die ein Christentum Christi haben wollen, d. h. ein
                            <term type="Sachen" key="Christentum, ohne Christus">Christentum</term> ohne Christus, meinen etwas Besseres und
                        Tieferes, als sie denken und aussprechen, und ich wäre wieder ein Tor,
                        wenn ich sie anklagte.</p>
                    <p>Für die Dritten ist Christus gegangen und thront nun irgendwo fern von
                        der Welt, sie können selbst nicht sagen wie. Sie nennen ihn wohl Herr
                        und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herr und Meister">Meister</term> und Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term>, aber in
                        merkwürdigem Gegensatz zu diesen hohen Namen trauen sie ihm recht wenig
                        zu. Sie reden dem suchenden Menschen der <term type="Sachen" key="Mensch, gegenwärtiger">Gegenwart</term> gar eindringlich zu, er
                        solle sich zu Jesus wenden, er solle es mit ihm probieren, und er werde
                        sehen, wie er finden werde, was er jetzt suche. Auch das ist mir eine
                        recht schwer verständliche Redeweise. Ich verstehe nicht, was das heißen
                        soll, sich zu Jesus wenden, es mit Jesus probieren. Ich habe immer
                        gemeint, Jesus wende sich zu uns, probiere es mit uns. Das ist offenbar
                        etwas Anderes. Ich klage sie nicht an, aber mir ist’s, Christus
                        sei größer als so.</p>
                    <p>Mir ist’s Christus sei eben nicht gegangen, sondern er komme. Ja,
                        ist’s mir denn nur so? Trage ich euch da bloß die interessante
                        Hypothese irgend einer modernen <term type="Sachen" key="Theologie, moderne">Theologie</term> vor, von der man
                        fatalerweise nicht merkt, ob sie ganz <term type="Sachen" key="Theologie, protestantisch-orthodoxe">orthodox</term> oder ganz
                            <term type="Sachen" key="Theologie, liberale">liberal</term> ist?
                        Ist denn nicht das der Inhalt der wirklichen, der alten und immer neuen
                            <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term>, dass Christus <hi rend="italic">kommt?</hi> Wenn
                        Christus einer von den vielen Gewesenen und Gegangenen ist, dann
                        verstehe ich nicht recht, warum wir alle Jahre <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term>, seinen Geburtstag, feiern, warum
                        wir uns das ganze Jahr hindurch mit ihm beschäftigen, statt alle 50 <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> und 100 Jahre ein Jubiläum zu feiern, wie
                        wir’s für andre große Männer tun. <pb xml:id="p247" ed="pga"/> Und wenn
                        Christus unsre kleine Zustimmung braucht, um gegenwärtig und wirklich zu
                        werden, dann verstehe ich nicht, warum wir zur Weihnachtszeit
                        singen:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Vom Himmel hoch, da komm ich her,</l>
                                <l>Ich bring euch eine gute Mär,</l>
                                <l>Der guten Mär bring ich so viel,</l>
                                <l>Davon ich singen und sagen will.<note xml:id="n02">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-32">Strophe 1 des Liedes «Vom Himmel hoch, da komm ich her»
                                        von ­<persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 394; EG 24).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Denn ich verstehe nicht, warum das eine gute Mär sein
                        soll, wenn man mir sagt, es sei einmal vor 2000 Jahren ein Mensch
                        dagewesen, jetzt sei er nicht mehr da, aber ich solle nur daran glauben,
                        dass er Gottes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Sohn</term> gewesen sei, dann komme es gut mit mir. Mir
                        scheint’s eben, wer christliche <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, christliche">Frömmigkeit</term>
                        <hi rend="italic">lebt</hi> und nicht bloß denkt oder fühlt, der könne nichts
                        Andres von sich sagen, als dass er von der großen Kraft <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gottes</term> geführt und getragen
                        werde, dass das die gute Mär sei, von der die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term> redet, und dass
                        daneben sein kleines Zustimmen und <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> gar nicht in Betracht komme.</p>
                    <p>Nein, Christus ist nicht gegangen, er kommt. Wie geht das zu? Es ist
                        freilich ein geheimnisvolles Kommen, und wer auf der Oberfläche des
                        Tages lebt, mag immer darauf pochen, dass er nichts davon sehe.</p>
                    <p>Als die Zeit erfüllet war, da ging ein Säemann aus zu säen. Und Etliches
                        fiel an den Weg, da kamen die Vögel unter dem Himmel und fraßen’s
                        auf. Etliches fiel in das Steinige, Etliches fiel unter die Dornen, und
                        Etliches fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.3 Mk.4.8">Mk. 4,3–8</ref> par.]. Ihr wisst, dass der Säemann, von dem ich
                        rede, Jesus von <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/>
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term> hieß, und der Same, den er ausgestreut hat, waren
                        seine Worte von Gott, dem <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>, vom <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reiche</term> dieses Vaters, das inwendig komme zu seinen Kindern,
                        von der neuen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, die besser sein solle als die der <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term> [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.20">Mt. 5,20</ref>], und von dem
                        geheimnisvollen und doch ganz einfachen <term type="Sachen" key="Leben, neues">Leben</term>, das in denen entstehen und wachsen
                        sollte, die zu diesem Reiche gehörten. Die Zeit des Säens war kurz, und
                        es waren wenige Worte, die er geredet hat, und noch weniger sind uns bis
                        heute erhalten, ein dünnes Büchlein würden sie zusammen ausmachen, das
                        man in wenig Stunden lesen könnte. Sie wären vielleicht verschollen,
                        wenn es bloß die <pb xml:id="p248" ed="pga"/> Worte gewesen wären. Aber sie
                        waren etwas Anderes, weil er selbst in den Worten war, die er sprach, so
                        wie das Samenkorn etwas Anderes ist als eine wunderliche Mischung von
                        natürlichen Stoffen, weil da verborgene <term type="Sachen" key="Lebenskraft">Lebenskraft</term> drin ist, die die Naturforscher
                        wohl beschreiben, aber nie erklären können, weil das Leben <term type="Sachen" key="Leben, unerklärlich">unerklärlich</term> ist.
                        |</p>
                    <p> In den Worten Jesu war das unerklärliche Leben, seine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> haben etwas davon gespürt,
                        wenn sie mit ihm durch die Felder gingen und wenn sie ihm fragend in die
                        Augen sahen. Sie haben dies Leben ergriffen, nein, es hat
                            <hi rend="italic">sie</hi> ergriffen in den großen Stunden, wo sie ihn mit den
                        Armen und Kranken umgehen sahen, wo sie sahen, wie er zu den Zöllnern
                        und zu den Dirnen sich hielt und nicht zu den Braven und Frommen. Und
                        sie wurden überwältigt, gedemütigt und befreit durch dies unerklärliche
                        Leben, als sie ihn beten sahen und hörten auf dem Berg in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, im <placeName ref="kbga-places-864">Garten Gethsemane</placeName> und
                        an dem letzten düstern Tag auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. Sie hätten von da an ebenso gut die Tatsache
                        leugnen können, dass sie einmal <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> geboren
                        worden seien, als die Tatsache, dass jenes unerklärliche Leben da sei.
                        Sie konnten diese Tatsache nicht vergessen, nicht wegräumen, sie war
                        eben da als der heimliche Grund ihres Daseins, ihnen so unentbehrlich
                        wie Luft und Licht. Nicht für Alle. Für die meisten damaligen Menschen
                        nicht. Und auch später für die Meisten nicht. Wer will das erklären? Man
                        kann Anklagen und Vorwürfe erheben gegen diese Meisten, deren
                        dichtgeschlossene Reihen die Finsternis gebildet haben und noch bilden,
                        die das Licht nicht begreifen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Ich sage: klage jeder sich selbst an, je
                        schärfer, desto besser. Die Andern sind in Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">barmherziger</term> Hand. Tiefer können
                        wir in dies Geheimnis nicht eindringen. Sicher ist, dass von dem Samen,
                        der damals ausgesät worden ist, Etliches auf gutes Land fiel und
                        aufwuchs und Frucht brachte. Es ist ein Reis entsprungen aus einer
                        Wurzel zart,<note xml:id="n03">Lied: <bibl type="song" corresp="kbga-songs-262">«Es ist ein Reis / Ros
                            entsprungen», Trier 1587/88 (RG 399; EG 30)</bibl>.</note> und das Reis ist
                        zum Baume geworden. Es ist eine Quelle hervorgebrochen, die hat man wohl
                        eindämmen können, hier grob und dort künstlich, die hat man wohl auch
                        zuschütten können, ihre Wasser sind weiter geflossen, ein Tropfen am
                        andern, und sind doch zum Strome geworden.</p>
                    <p>Wie ging das zu? Jesus hat einmal ein merkwürdiges Wort gesprochen: Wo
                        zwei oder drei unter euch versammelt sind in meinem <pb xml:id="p249" ed="pga"/> Namen, da bin ich mitten unter ihnen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>]. <hi rend="italic">So</hi> ging das zu, liebe
                        Freunde! Das unerklärliche Leben, das die paar Freunde Jesu in der
                        kurzen Zeit seines Erdenwallens gesehen haben, ist nicht vergangen.
                            <term type="Sachen" key="Leben, unvergänglich">Leben</term> kann
                        überhaupt nicht vergehen, wohl aber nimmt es immer neue Formen und
                        Gestaltungen an. Er war längst gestorben, und doch war dies Leben immer
                        noch da. Ein <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> haben
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> davon geredet mit aller
                        Überzeugungsgewissheit ihrer Persönlichkeiten. Einer hat’s dem
                        Andern gesagt, und wieder fiel vom Samen der Worte einiges auf den Weg,
                        einiges in[s] Steinige, einiges unter die Dornen, aber auch einiges auf
                        guten Boden. Und wo das Letztere der Fall war, da war dann auch das
                        Leben da, das die Menschen demütigte und zugleich frei machte. Da war
                        das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Es war
                            <hi rend="italic">in</hi> den <term type="Sachen" key="Reich Gottes, in den Menschen">Menschen</term>, es kam
                            <hi rend="italic">durch</hi> die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, durch die Menschen">Menschen</term>
                        <hi rend="italic">zu</hi> den <term type="Sachen" key="Reich Gottes, zu den Menschen">Menschen</term>, und doch
                        merkten, die davon wussten, gut, dass es über ihnen und außer ihnen war,
                        dass das Leben, das sie sahen, etwas ganz Anderes war als eine schöne
                            <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmung</term>, wie sie aus
                        der Tiefe oder aus der angeblichen Tiefe unsres <term type="Sachen" key="Mensch, Gemüt">Gemüts</term> manchmal so aufsteigen wie
                        Seifenblasen. |</p>
                    <p> Und wenn ich sage, dass das <term type="Sachen" key="Leben, durch die Menschen zu den Menschen">Leben</term> durch
                        die Menschen zu den Menschen gekommen ist, so müsst ihr mich ja nicht so
                        verstehen, als ob dabei die Worte und das Reden von Gott das Einzige
                        oder auch nur die Hauptsache gewesen sei. Es wäre schlimm bestellt um
                        uns, wenn das Kommen des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes, unabhängig vom Predigen">Gottes</term> vom
                        Predigen abhängig wäre. Und die Geschichte des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Geschichte">Gottes</term> ist etwas
                        sehr Anderes als eine Geschichte der theologischen Beredsamkeit. Nein,
                        in das ganze Handeln und Leiden, Treiben und Lassen, Ahnen und Empfinden
                        der Menschheit ist jenes Leben mitten hineingekommen, und ebenso
                        mannigfaltig waren dann auch immer wieder seine Ausdrucksmittel. |</p>
                    <p>Und wieder ist diese Geschichte etwas Anderes als etwa eine Geschichte
                        dessen, was man <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>
                        nennt. Sie ist größer und sie ist reicher. Wir ahnen das Göttliche im
                        Menschlichen, in den Geschicken der <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Staaten
                        und <term type="Sachen" key="Völker">Völker</term>, in den Werken der
                            <term type="Sachen" key="Kunst">Kunst</term>, in der Arbeit der
                            <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>, in den
                        Fortschritten der <term type="Sachen" key="Technik">Technik</term>, in
                        den Wandlungen der <term type="Sachen" key="Kultur, Wandel">Kultur</term> und der sozialen <term type="Sachen" key="Soziale Verhältnisse, Wandel">Verhältnisse</term>. Wir ahnen
                        es, sage ich, denn unsre Augen sind gehalten, dass wir das Walten des
                        Lebens immer wieder verkennen. Aber ich meine, wenn wir nur das kleine
                        Stückchen des großen <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>, das
                        in uns selbst glimmt und das wir zu sehen vermögen in dem kleinen Teil
                        der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschen</term>, die wir <pb xml:id="p250" ed="pga"/> kennen, wenn wir nur dies genau ansehen, dann können wir
                        der überwältigenden Erkenntnis nicht ausweichen, dass da kein Anderer am
                        Werk ist als der Christus, von dem das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> redet. Wir spüren uns
                        getragen von einer übermächtigen Flutwelle. Diese Flutwelle ist die
                            <term type="Sachen" key="Geschichte, Flutwelle der inneren Kraft">Geschichte</term>, nicht die Geschichte der Kriege und
                        Regierungsveränderungen, aber die Geschichte der innern Kraft, die durch
                        die Menschheit geht. In dieser <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> steht jedes von uns drin, an ihr hat jedes teil,
                        tätig und leidend, auch wenn es von der Weltgeschichte und <term type="Sachen" key="Kirchengeschichte">Kirchengeschichte</term> gar
                        nichts weiß. Und durch die Menschengeschichte wandelt seit 2000 Jahren
                        Christus und redet immer dieselben Worte, die doch für jeden immer
                        wieder neu sind, und aus den Worten strahlt das <term type="Sachen" key="Leben, entzündet Leben">Leben</term>, das Leben entzündet. Und
                        in Christus geht <term type="Sachen" key="Gott, geht in Christus durch die Geschichte">Gott</term> durch
                        die Geschichte und kommt in allerlei Gestalt zu jedem von uns. Ist er
                        auch schon zu dir gekommen? Siehe, ich stehe vor der Tür. Das ist die
                        wirkliche <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term>.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> II</head>
                    <p rend="noindent">Durch die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, geht durch die Geschichte">Geschichte</term>
                        und durch das Leben der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, geht durch das menschliche Leben">Menschen</term> schreitet Christus. Höher und weiter rauschen die
                        verborgenen Fluten, bis sie auch uns finden, ein jedes an seinem Ort,
                        unsere Schifflein hochheben und mit sich fortführen.</p>
                    <p>Christus tritt ein in unser Leben, in dein und mein kleines Leben. Das
                        Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist da. Wir
                        werden selbst zu <term type="Sachen" key="Mensch, Christusträger">Christusträgern</term>, zu solchen, die wieder weiterzeugen durch
                        ihr Handeln und Reden und Sein, dass sie das unerklärliche Leben gesehen
                        haben. Das will etwas Doppeltes bedeuten: Du kennst die Sage von <persName ref="kbga-actors-7600">Christophorus</persName>, dem
                        Riesen, den ein Knäblein bat, ihn durch einen reißenden Fluss zu tragen.
                        Er griff bereitwillig zu, trug die scheinbar leichte Last ins Wasser
                        hinein, da wurde sie schwer und schwerer, beinah wär er ermattet und
                        erlegen, da erreicht er eben noch das Ufer und erkennt, dass er Christus
                        getragen, und die Erinnerung daran ist in Zukunft seine Ehre und seine
                            Freude.<note xml:id="n04">Der Legende nach stammte der
                            Riese Reprobus aus Kanaan und hatte zuvor auf der Suche nach dem
                            mächtigsten Herrn einem König und dann dem Teufel gedient. Als er
                            aber bemerkte, dass der Teufel sich vor dem Kreuz fürchtete, sagte
                            er sich von ihm los und wollte den noch Mächtigeren, Christus,
                            suchen. Nach der oben geschilderten Begegnung mit ihm sollte
                            Reprobus sich fortan Christophorus = «Christusträger» nennen; als
                            solcher soll er später 48 000 Menschen bekehrt haben, bevor er den
                            Märtyrertod fand. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2579">
                                    <persName ref="kbga-actors-9193">A. Chr. Sellner</persName>,
                                <hi rend="italic">Immerwährender Heiligenkalender</hi>, erweiterte
                            Ausgabe, Frankfurt/Main 1998, S. 424–426</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2580">
                                    <persName ref="kbga-actors-9194">M.-B. von Stritzky</persName>, Art. «Christophorus», in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 2, Sp. 1174–1176</bibl>.</note> So ist’s, wenn
                        Christus zum Menschen kommt: er <pb xml:id="p251" ed="pga"/> stellt ihn
                        unmittelbar vor den tiefsten Ernst und vor die reinste Freude. Denn das
                        Leben, das von ihm ausgeht, ist beides miteinander, unzertrennbar eines
                        vom andern.</p>
                    <p>
                        <term type="Sachen" key="Mensch, Christusträger">Christusträger</term>
                        sollen wir werden, selber ein kleiner Tropfen in der Lebensflut, die
                        durch die Geschichte braust. Ein alter christlicher Schriftsteller hat
                        dieselbe Sache mit einem andern Bilde gezeichnet: es wird ein Palast
                        gebaut, schon steht das Fundament, und nun werden von allen Seiten die
                        Bausteine gebracht. Werden sie gebracht oder kommen sie von selbst, sich
                        einzufügen, wo es ihrer Art und der Ordnung des Baus angemessen ist, wer
                        will es entscheiden? Genug, der Bau muss <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                        wachsen, und er wächst.<note xml:id="n05">Das Bild weist
                            Ähnlichkeit auf mit der Schilderung und Deutung des Turmbaus im
                            umfangreichen neunten Gleichnis in: Hirte des Hermas, Sim. IX, bes.
                            Kap. 3f.6f.12f. Eine gewisse Nähe besteht auch zu dem in 
                                <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.2.5 1.Petr.2.6">1.Petr. 2,5f.</ref>
                            verwendeten Bild. In beiden Fällen ist allerdings nicht von einem
                            «Palast» die Rede, auch wenn die Schilderung des Turmes in «Hirte
                            des Hermas» einem solchen schon recht nahe kommt.</note> So müssen
                        wir beitragen zum Bau des <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreiches</term> auf Erden, so ist’s unsre Pflicht, und
                        so ist’s unsre Ehre. Vor uns haben andre gebaut. Wir lauschen dem
                        Chor der Toten und doch nicht Toten, wie K. F. Meyer<note xml:id="n06"> <persName ref="kbga-actors-1383">Conrad Ferdinand Meyer</persName> (1825–1898),
                            einer der bedeutendsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts.<persName ref="kbga-actors-1383"/>
                            </note> ihn
                        singen lässt; sie sagen uns:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,</l>
                                <l>Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,</l>
                                <l>Und was wir vollendet, und was wir begonnen,</l>
                                <l>Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,</l>
                                <l>Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,</l>
                                <l>Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,</l>
                                <l>Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,</l>
                                <l>Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden.<note xml:id="n07">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2581">Verse 3–7 des Gedichts
                                        «Chor der Toten» von <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName>
                                        (Erstdruck: 1883; ders., Sämtliche Werke in zwei Bänden,
                                        mit einem Nachwort von E. Laaths, Bd. 2, München 1968,
                                        S. 198f.)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                   
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p252" ed="pga"/> Und aus der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> blicken wir in die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> und sehen die Reihen derer, die kommen
                        werden, weiter zu bauen, wo wir aufhören werden. Alle, alle haben ihr
                        Scherflein hinzugetragen und werden es tun, unwillig und unbewusst die
                        einen, freudig und gewiss die andren. Hier ist’s die <term type="Sachen" key="Reichsgottesarbeit">Reichsgottesarbeit</term> der
                            <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> und <term type="Sachen" key="Evangelisation">Evangelisation</term>
                        entschiedener <term type="Sachen" key="Christen, entschiedne">Christen</term>, hier ist’s die Reichsgottesarbeit <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>,
                        der sich einmal einen entschiedenen Nicht-Christen genannt hat und der
                        doch Christus die anbetende Ehrfurcht nicht verweigerte,<note xml:id="n08">Während <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> in einem Brief
                            an <persName ref="kbga-actors-658">J. C. Lavater</persName> vom 29.7.1782 bekannte, er sei zwar «kein
                            Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist»
                                (<bibl corresp="kbga-bibls-2582"><hi rend="italic">Goethes Briefe</hi>, Hamburger Ausgabe in vier Bänden,
                            hrsg. von K. R. Mandelkow / B. Morawe, Bd. 1: <hi rend="italic">Briefe der Jahre
                                1764–1786</hi>, München 1968<hi rend="sup">2</hi>,
                            S. 402</bibl>), sagte er 50 Jahre später, am 11.3.1832: «Fragt man mich, ob
                            es in meiner Natur sei, ihm [= Christus] anbetende Ehrfurcht zu
                            erweisen, so sage ich: Durchaus! Ich beuge mich vor ihm, als der
                            göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit»
                            (<bibl corresp="kbga-bibls-1872"><persName ref="kbga-actors-1559">J. P. Eckermann</persName>, <hi rend="italic">Gespräche mit Goethe in den letzten
                                Jahren seines Lebens</hi>, hrsg. von H. Schlaffer [
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, Sämtliche Werke, Münchener Ausgabe, Bd. 19],
                            München / Wien 1986, S. 694)</bibl>.</note> und hier ist’s die
                        Reichsgottesarbeit der alten Waschfrau, die einfach durch den Frieden
                        und die Freude ihres Innern den andern etwas davon gezeigt hat, was
                            <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> ist. Einen andern Grund
                        kann niemand legen außer den, der gelegt ist, Jesus Christus. Auf diesem
                        Grund wird gebaut mit Gold, Silber, Edelsteinen, aber auch mit Holz,
                        Stroh und Stoppeln. Das Feuer wird sie bewähren müssen [vgl. 
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.11 1.Kor.3.13">1.Kor. 3,11–13</ref>]. Vor Gott ist der Wert all der Beiträge und
                        Scherflein offenbar. <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Und eben darin besteht
                        der Ernst und die Freude dieser geheimnisvollen <term type="Sachen" key="Reichsgottesarbeit">Bauarbeit</term>.</p>
                    <p> Durch lebendige Menschen ist der lebendige <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebendiger">Christus</term> zu uns gekommen,
                        und durch uns will er zu andern gehen, um sie auch lebendig zu machen.
                        Unser Geschenk wird uns zur Pflicht und unsre Pflicht zum Geschenk. Und
                        so ist der lebendige Christus, der kommt, das verborgene <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gemeinschaftsband">Gemeinschaftsband</term>, das sich von einer <term type="Sachen" key="Jesus Christus, verbindet Generationen">Generation</term> zur
                        andern, von einem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, verbindet Völker">Volk</term> zum andern, von
                        einer <term type="Sachen" key="Jesus Christus, verbindet Klassen">Klasse</term> zur andern schlingt, immer schenkend und immer
                        verpflichtend.</p>
                    <p> Das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term>, das die
                        christliche Gemeinde feiert, ist nichts Anderes als das Sinnbild der
                            <term type="Sachen" key="Abendmahl, Sinnbild der Gegenwart Christi">Gegenwart</term> dieses lebendigen Christus und als das Sinnbild
                        der <term type="Sachen" key="Abendmahl, Sinnbild der Gemeinschaft">Gemeinschaft</term> der lebendigen Menschen und de<pb xml:id="p253" ed="pga" break="no"/>rer, die es werden sollen. Christus kommt, und wo er
                        kommt, da sagt er: hier sind deine Brüder, zeige ihnen, was du gesehen
                        hast. Wie das Brot zerteilt ist auf den Hügeln in den Halmen des
                        Getreides und zusammengebracht in Eines, so gehört die Gemeinde der
                        Lebendigen zusammen.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1615">Didache 9,4</bibl>:
                                «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὥσπερ ἦν τοῦτο τὸ κλάσμα
                                διεσκορπισμένον ἐπάνω τῶν ὀρέων καὶ συναχθὲν ἐγένετο ἕν, οὕτω
                                συναχθήτω σου ἡ ἐκκλησία ἀπὸ τῶν περάτων τῆς γῆς εἰς τὴν σὴν
                                βασιλείαν. ὅτι σοῦ ἐστιν ἡ δόξα καὶ ἡ δύναμις διὰ Ἰησοῦ εἰς τοὺς
                                αἰῶνας</foreign>» («Wie dieses [gebrochene Brot] auf den Bergen
                            zerstreut war und zusammengebracht eins wurde, so möge Deine
                            Gemeinde von den Enden der Erde zusammengebracht werden in Dein
                            Reich; weil Dein ist die Ehre und die Macht durch Jesus Christus in
                            Ewigkeit»).</note>
                        </p>
                    
                    <p rend="margin-top">Und nun wollen wir mit unserm Textwort als Losung in die
                            <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtstage</term>
                        hinübergehen.</p>
                    <p>Christus steht vor der Tür und klopft an. Nicht wir sind’s, die
                        ihn dahin führen können durch unsre frommen und moralischen Gedanken. Er
                        ist da. Lass einmal diese Tatsache auf dich wirken. Dann weißt du, was
                            <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>
                        ist. Du brauchst dich dann nicht in eine besondere Weihnachtsstimmung
                        hineinzuschrauben, die vergeht, wie die Lichter <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> des Weihnachtsbaums vergehen. Du wirst die Weihnachtsfreude
                        auch nicht in den weihnachtlichen Veranstaltungen aller Art suchen,
                        nicht in der Reichlichkeit der Geschenke, die du bekommst, und nicht in
                        der Umständlichkeit der <term type="Sachen" key="Weihnachtsfeiern">Festlichkeiten</term>, die du mitmachst. Sondern du wirst dich
                        besinnen auf die Quelle deines Lebens, und wenn dies Leben noch so
                        bescheiden und spärlich wäre, und du wirst aus dieser Selbstbesinnung
                        neue <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und neuen <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term> schöpfen. Das ist
                        wirkliche Weihnachtsfreude.</p>
                    <p>Und wo sie ist, ist dann auch sofort das Andre da, dass du Freude und
                        Friede weiterstrahlen musst und darfst an die Andern. Die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> ist ja die
                        Zeit des allgemeinen Schenkens und Verteilens. Aber du musst tiefer
                        graben. Armenbescherungen und Kinderfeiern sind eine gute Sache, aber
                        wer selbst Freude gefunden am innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>, der wird auch das Freude-Machen
                        anders betätigen wollen als nur in den äußern Gaben. Wem Christus das
                        Herz geöffnet für Gott, dem ist das Herz aufgegangen für die Andern, und
                        so sind auch in der <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> Geschenk und Pflicht unlöslich verbunden,
                        nein, sie sind dasselbe.</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p254" ed="pga"/> Und nun schenke uns Gott ein solches <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtsfest</term> und eine solche <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahlsfeier</term>. Er lasse den
                        Ernst und die Freude des verborgenen Lebens reichlicher werden in unsrer
                        Mitte. <hi rend="italic">Er</hi> zeige uns den <hi rend="italic">lebendigen</hi>
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebendiger">Christus</term>.</p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                    </div>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-168">Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName>, Strophen
                            1.2.4.5.8 (RG 369,1.2.4.5 [Strophen 5–7 nicht übernommen;
                            Strophe 8 = Strophe 5]; EG 12,1.2.4 [Strophen 5–8 nicht
                            übernommen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-129">Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von <persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>,
                            Strophen 1–3 und 4–6 (RG 371; EG 14).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>  

                    <head>Lesungstext:</head>
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                         <item>
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