Predigt Nr. 23 · 5. Dezember 1909

Predigt: Apokalypse 21,1-5

217
23
Apokalypse 21,1–5
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und die heilige Stadt, das neue Jerusalem, sah ich herabkommen aus dem Himmel von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut, und ich hörte eine laute Stimme vom Throne her sprechen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Pein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: siehe, ich mache Alles neu.
Meine Freunde!

Weihnachtszeit – Freudenzeit, nicht wahr, so sind wir’s Alle gewöhnt, so scheint es uns ganz selbstverständlich? Von der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit hören wir die Kinder singen. Von der Freude reden die grünen Tannenbäume, die jetzt noch in den Wäldern draußen stehen, aber in nicht zu ferner Zeit unsre Straßen und Plätze bevölkern werden. Bald werden die Schaufenster der Kaufläden im Feiertagsschmuck strahlen, eitel Freude und Herrlichkeit, so weit das Auge reicht. Und bereits haben ja die Vorbereitungen für allerlei Weihnachtsfeiern begonnen, hier die Arbeiter und dort die Studenten, hier die Turner und dort der Jünglingsverein. Hier soll’s bescheiden zugehen und dort großartig oder fast großartig, hier christlich und dort mehr weltlich. Aber überall soll es eine Feier werden, ein Anlass der Freude. Und wer könnte die Weihnachtsfreude zählen und messen, von der die andern Menschen und die Öffentlichkeit nur gar nichts weiß, die Weihnachtsfreude im verborgenen Schoß der Familien, die Weihnachtsfreude der Stillen im Lande. Alle Jahre kommt diese Freude wieder, laut und fast aufdringlich hier, verborgen und stillzufrieden dort. Weihnachtszeit – Freudenzeit.

218 Ja, ist’s denn auch wahr? Man macht sich so viel vor in der Welt. Und nie machen sich die Menschen mehr vor als in Festzeiten. Ob’s weltliche oder religiöse Festzeiten sind, ist dabei ganz gleichgiltig. Wir überfließena an den großen vaterländischen Festtagen von Patriotismus und Sempacherstimmung1. Und dann kehren wir nach Hause zurück, und die brutale Interessen- und Kantönlipolitikb2 geht weiter wie zuvor. War denn alles Luft, was wir geredet und gesungen? Wir feiern Jubiläen aller Art: Calvin, Darwin, Schiller;3 Fluten, manchmal auch Sündfluten von Reden und Schriften ergießen sich über das Gelände. Dann verlaufen sich die Fluten, die Gräber der Propheten stehen noch eine Weile geschmückt [vgl. Mt. 23,29], dann beginnen die Kränze zu verdorren, die schönen Schleifen mit den goldenen Lettern zu verbleichen, man hängt sie wohl zur Erinnerung unter Glas und Rahmen, in Wirklichkeit ist das Alles gewesen. War’s Wahrheit oder haben wir uns etwas vorgemacht? – |

Und die Weihnachtsfreude, der wir entgegengehen? c-Ich bin euch vielleicht zu negativ, zu skeptisch-c, aber seht, es ist mir lieber, ihr macht mir diesen Vorwurf als den andern, ich führe euch hier in der |219 Kirche einen schönen und erbaulichen Zauber vor, der vor den Wirklichkeiten des Lebens draußen keinen Bestand habe. Nüchterne Negationen sind für das Leben der Frömmigkeit immer im höchsten Sinn erbaulich, erbauend gewesen, denn wenn wir lernen, uns selber gegenüber negativ und skeptisch zu werden, so gehen uns die Augen auf für Gottes Größe und Herrlichkeit. Und so meine ich allerdings, dass Vieles, das Meiste vielleicht von der Weihnachtsfreude, die wir bald wieder mitansehen werden, nicht bestehen kann vor dem Richterstuhl der Wahrhaftigkeit. Sie ist wie die dünne Schicht unsrer Erdoberfläche über der ungeheuren Masse des feurig-flüssigen Erdinnern eine dürftige Verdeckung des Abgrunds menschlicher Traurigkeit, die darunter seufzt und wogt. Die Erlösung aus dieser Traurigkeit und nur diese verdient den Namen Weihnachtsfreude. Und von dieser Weihnachtsfreude möchte ich reden.

I

Lasst mich an einem Beispiel zeigen, was ich meine. Ich habe einmal eine Weihnachtspredigt gehört über den Text aus Johannes 1: «Wir sahen seine Herrlichkeit.» [Joh. 1,14] Nachdem der Prediger geschildert hatte, wie die Herrlichkeit des Evangeliums die Jünger Christi ergriffen, wie sie die Römer und Griechen überzeugt habe, ging er auf die Gegenwart über und fand da als Beweis für diese Herrlichkeit vor allem den gewaltig gesteigerten Geschäftsverkehr, der jedes Jahr um Weihnachten herum eintrete.4 Das war nicht böse gemeint, aber es war eine der Oberflächlichkeiten und Unwahrheiten, in die wir leicht verfallen, wenn wir meinen, wir müssten zur Ehre des lieben Gottes den Mund recht voll nehmen.

Gehn wir nur gleich auf die Sache los: Ihr wisst Alle, was die Herrlichkeit der Weihnachtszeit für unzählige untere Geschäftsangestellte bedeutet. Wenn ihr’s nicht wisst, so fragt einmal eines der Ladenfräulein aus den großen Warenhäusern! Sie wird’s euch sagen: Verdoppelte, verdreifachte Arbeit in der Geschäftszeit und nachher Über|220stunden, dass die Leute am heiligen Abend am liebsten zusammenbrechen und schlafen möchten, wo sie gerade gehen und stehen. Oder fragt einmal die Beamten auf der Post und auf der Eisenbahn, was die Weihnachtszeit für sie bedeutet! Unsre Weihnachtsfreude ist erkauft durch die Weihnachtsbeschwerde zahlloser andrer Menschen. Versteht mich recht: ich will damit nicht eine sentimentale Klage erheben gegen Zustände, zu deren durchgreifender Besserung uns zunächst Mittel und Wege noch dunkel sind, aber ich möchte eure Augen auf den Revers der Medaille richten, auf die Tatsache, dass, was uns freut, für so viele andre – ihr könntet gewiss die Beispiele vermehren – die Ursache von Traurigkeit und Müdigkeit wird. Und diese Tatsache macht uns dann wieder besinnlich auf das, was wir Freude nennen. Oder habt ihr euch schon einmal besonnen, wo die billigen, schönen Kleidungsstücke und Spielsachen herkommen, mit denen ihr auf Weihnacht eure Kinder erfreut, woher die Glaskugeln und der Zierrat, mit denen wir die Weihnachtsbäume schmücken? Aus unbekannten, dunklen Hinterstuben in der Nähe und in der Ferne kommen diese Dinge, wo sie um Stücklohn hergestellt werden, und wenn man von diesen Löhnen hört, greift man sich an die Stirn und sagt: Wie ist’s möglich? Wie ist’s möglich? Es klebt saurer Schweiß daran und wie oft Tränen und hoffnungslose Seufzer. Meine Freunde! Ich erhebe keine Anklage. Es möchte einer aufstehen und mir klipp und klar beweisen, dass diese Löhne bei dem ganzen Stand von Handel und Industrie so sein müssen. Ich zweifle an diesem «Müssen», aber es ist nicht meine Sache, diesen Streit zu schlichten. Wohl aber ist es meine Sache, euch zu sagen, dass wir keine Menschen und erst recht keine Christen sind, solange wir von diesen Dingen wissen, ohne dass wir uns von ihnen unsre ganzen landläufigen Vorstellungen und Wünsche von Glück und Freude über den Haufen haben werfen lassen.

Wir haben nur durch einige schmale Spalten, wie sie sich gerade in der Nähe der Weihnachtszeit dem aufmerksamen Blick öffnen, hineingesehen in die Welt der Traurigkeit und des Schmerzes, die den Untergrund des schönen, glänzenden Lebens der Oberfläche bildet. Ihr wisst, dass dieser Untergrund überall ist und dass der das Leben nicht kennt, der von ihm nichts weiß, so wenig der Berlin oder Paris kennt, der nie aus den schönen, breiten, hellen Straßen und Boulevards abgebogen ist in die dunklen, feuchten Nebengassen, in denen |221 die Sünde und das Elend wohnt. Wer einmal des Risses gewahr geworden ist, der heimlich durch die menschliche Gesellschaft geht, der kann es nicht wieder vergessen. Und wer einmal gewahr geworden ist, dass Tausende, Hunderttausende unsrer Brüder und Schwestern an all dem, was wir so Freude nennen, keinen Anteil haben, ja dass ihr Leben des Leides den dunklen Untergrund bildet dessen, was wir Freude nennen, in dessen Innern muss sich etwas wandeln, weniger in seinem Denken, meine ich hier, als in dem, was hinter dem Denken steht, in seiner Persönlichkeit. Reif werden, möchte ich diese Wandlung nennen.

Denn wem einmal die soziale Frage5 – von dieser reden wir, meine Freunde – auf der Seele gebrannt hat, der hat damit Augen bekommen für das tiefe Herzeleid, das auf dem Grunde unsres Menschenlebens überhaupt wohnt. Noch einmal: es ist hier nicht der Ort, über Recht und Unrecht in jener Frage zu diskutieren; aber die schrille Dissonanz, die uns aus den sozialen Gegensätzen entgegentönt, gibt uns eine Ahnung von dem gewaltigen Ernst und von der tiefen Not unsres Daseins. Sie zeigt uns den Menschen im harten Kampfe um dieses Dasein6, den Menschen im Kampfe um die Forderungen der Natur, die wie der Drachen der sagenhaften Vorzeit gebieterisch ihr Recht fordert, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Der Kampf ums Leben, der Kampf ums tägliche Brot. Wie einfach und selbstverständlich scheint es Manchem, dass er sein tägliches Brot hat, und für tausend, tausend Andre ist diese Selbstverständlichkeit das große Problem, um das sie ihr Leben lang hilflos, hoffnungslos ringen. Wer zählt die Tränen, die in diesem Kampf alle Tage vergossen werden, unbekannt, nur Gott bekannt? [vgl. Ps. 56,9] Wollen wir daran vorbeigehen, weil dieser Kampf uns zufällig nie beschäftigt hat? Ich meine, der Anblick dieser Tränen führt uns direkt vor das letzte, tiefste Problem des Lebens, unser aller Lebens. Und wie kein andrer lässt uns dieser Anblick der großen Solidarität uns bewusst werden, in der wir Alle, reich oder arm, gebildet oder ungebildet, stehen, ob wir’s wollen oder nicht. Was ist denn dies Leben, um das wir die Menschen streiten sehen mit dem |222 Mut der Verzweiflung? Ist denn dasd Leben, dass wir uns von einem Tag auf den andern unsern Unterhalt verdienen? Dann wären der Arme und der Reiche im gleichen Fall, nur dass der eine dabei scheitert und der andre oben bleibt. Aber ist denn das auch wahr? Hat denn der das Leben, der einen ausreichenden oder reichlichen Unterhalt des Lebens hat? Ich meine, damit sei die Frage nur weiter zurückgeschoben, nicht erledigt. Der Kampf mit dem e-Drachen Natur-e kehrt unter andern Formen wieder. Da ist keiner, der in diesem Kampf nicht seine Last hätte. Denkt nur an die einfachsten Dinge: was dort Hunger und Not heißt, heißt hier Geschäftssorge und Konkurrenz. Dort droht als das Letzte das Auf-die-Straße-Gesetzt-Werden, und hier ist’s der kaufmännische Ruin, von dessen Tragik wenige eine Vorstellung haben. Ihr habt vielleicht aus den Zeitungsberichten über die f- Centralbank-Affäre in Bern-f7 euch ein Bild davon gemacht, wie es auch in jenen Regionen Schicksalsschläge gibt, die das Glück und Ansehen |223 ganzer Häuser und Familien in ihre Wirbel reißen. Der Kampf ist dort ein anderer, aber das Weh und Herzeleid, das er verursacht, ist immer dasselbe, weil die Menschen dieselben sind. Und wenn dieser Kampf das Leben wäre, so wäre es nicht wert, gelebt zu werden. Und nun brauche ich euch nicht erst zu sagen, dass die Solidarität des Schmerzes unter den Menschen noch viel weiter geht. Die Sorgen und Schmerzen der Krankheit, der Kindererziehung, des Verkehrs der Menschen untereinander, sie sind bei aller Verschiedenheit immer dieselben. Und zuletzt ist die große Not des Todes dieselbe. Kaiser und Papst und Edelmann und Bauer und Handwerker müssen einmal denselben geheimnisvollen Gang antreten, wie’s die Maler des Totentanzes im Mittelalter in erschütternder Weise geschildert.8 Und dieser Gang ist immer ein Gang der Pein und der Tränen.

Meine Freunde! Ihr wisst alle, dass dieser Blick in das Land der Tränen keine Phantasie und keine philosophische Konstruktion ist. Jedes von uns hat seine kleine oder große Strecke durch dies Land zu wandern. Aber nun stehen wir vor der Tatsache, dass Unzählige nichts wissen von dem, was ich die Solidarität des Schmerzes nannte. Sie seufzen unter ihrer Last, aber sie sehen auch nichts als ihre Last. Sie weinen bittere Tränen, aber was sie bewegt, ist immer nur ihr eigenes Geschick. Seht, das ist die große Erziehung, das große Reif-Werden, von dem ich sprach, wenn wir uns bewusst werden, dass unser Teil Leid und Tränen ein Teil ist des großen Leides des Menschen und der Menschheit. Gewiss, wenn wir uns dessen gewahr geworden, wächst der Schmerz in unsrer Brust ins Riesengroße; und das Reif-Werden führt uns an den Abgrund. Aber es ist eben nicht anders: der Weg zur wirklichen Freude führt am Abgrund des wirklichen Schmerzes vorbei. Nur wer hindurchgedrungen durch die scheinhafte Freude der Oberfläche in den Bezirk des großen Schmerzes, nur er sieht dann auch die Pforten sich öffnen nach dem Bezirk der großen Freude. |224 Glücklich die Kinder, die tändelnd auf der Oberfläche weilen dürfen, glücklich die kindlichen Erwachsenen, die zeitlebens gramlos sich auf dieser Oberfläche tummeln mögen. Aber ich weiß euch Besseres als das scheinhafte Ding, das sie Glück nennen. Aus Kindern zu Menschen werden, das ist der Weg zu diesem Bessern, und das Bessere selbst ist die wirkliche Weihnachtsfreude.

II

Und nun wollen wir’s versuchen, uns mitten hineinzustellen in die bilderreiche und rätselhafte Gedankenwelt des Mannes, der das Buch der Offenbarung, das am Ende unsres Neuen Testaments steht, geschrieben hat. Wir wollen’s uns ganz offen gestehen, dass diese Gedankenwelt uns Menschen von heute fremd geworden ist. Es sind recht Wenige, die aufrichtig sagen können, dass sie mit seinem Buch etwas anzufangen wissen, und die künstlichen Auslegungen, die es sich seit Jahrhunderten hat gefallen lassen müssen,9 sind auch mit Schuld daran. Aber wir können diesmal ruhig über diese Schwierigkeiten wegsehen; denn die schöne Stelle, die ich mir heute zum Text genommen, lässt an Klarheit und Einfachheit gar nichts zu wünschen übrig. Eins sehen wir auf den ersten Blick: Der Mann, der da redet und zeugt von dem, was er geheimnisvoll innerlich geschaut hat, das ist einer von denen, die durch die heitere Oberfläche des Lebens durchgebrochen und gründlich hindurchgegangen sindg durch das große Land des Menschenleides, das darunter verborgen ist. Er hat aber auch nicht zu den selbstsüchtigen Duldern gehört, die nur ihren eigenen kleinen oder großen Kummer in sich bewegen, hin- und wie|225derwälzen Tag und Nacht. Die Bewegung, die wir noch aus seinen Worten herausspüren, ist die Bewegung einer tiefen Persönlichkeit, die reif geworden ist in der Anschauung des tiefen Leides der Menschheit. Er hat hineingesehen in das Meer der Völker, die so verschieden sind an Nationalität, an Kultur, an Religion, er hat Große und Kleine, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Christen, Juden und Heiden gesehen. Aber er hat auch gesehen das einigende Band, das sich um Alle schlingt und das sie im letzten Grunde alle einander gleichstellt, das einigende Band der Tränen, die vergossen werden um Unrechts und Unglücks willen, das Leid, den Jammer, die Pein der Menschen im Kampf ums Dasein und endlich den Allherrscher Tod, der über sie alle gebieterisch sein Zepter schwingt. Aber der Gang durch das Land des Leides liegt hinter ihm, und nun beschreibt er uns in einem gewaltigen Bild, was er vor sich gesehen hat. |

Das Erste ist vergangen. Das Erste ist die Welt mit ihrem Gram und Glücke. Das Glück hat sich ihm als Schein erwiesen bei dem großen Reifwerden, und nun ist’s ihm mit einem Schlag aufgegangen, dass auch das tiefe, tiefe Weh, das darunter verborgen war, vergänglicher Schein war. Und an die Stelle des doppelten Scheins dessen, was wir so Leben heißen, ist eine große, wunderbare Wirklichkeit getreten, die er nur stammelnd und mit unvollkommenem Wort zu schildern vermag: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde , denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen. Wer will’s wagen, diesen grandiosen Gedanken nachzudenken oder auszumalen? Es wäre ein törichtes Beginnen. Aber wir ahnen, was er mit dem Bilde will: er hat ein Leben, eine Wirklichkeit gesehen, die mit den Bedingungen und Schranken unsres äußern Daseins nur auch gar nichts gemein hat. Es handelt sich um etwas Neues, das schlechterdings, vollständig neu ist. |

Und nun ein anderes geheimnisvoll klares Bild: Und die heilige Stadt, das neue Jerusalem , sah ich herabkommen aus dem Himmel, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Es gab ein altes Jerusalem, im Lande Palästina, aber das gehört zu dem Ersten, das vergangen ist, es war zu der Zeit, da jener Mann schrieb, dem Untergang durch die Römer nahe,10 aber noch weiß auch der Christ jener |226 Zeit keinen höhern Namen, um Alles das auszudrücken, was seine Verheißung und Hoffnung war. Jerusalem, die Gottesstadt auf der neuen Erde unter dem neuen Himmel. Gottes Reich, Gerechtigkeit, Friede, Liebe, das ist Jerusalem. Und das höchste Bild menschlicher Freude kann gerade spärlich schildern, was das für die Menschen bedeutet: Bräutigam und Braut gehen sich entgegen, um in Zukunft nicht mehr zwei, sondern eins zu sein. Und nun ertönt es vom Thron Gottes her wie Heroldsruf: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er, Gott, wird mit ihnen sein. Gott schenkt sich selbst den Menschen, das ist der Inhalt der frohen Botschaft. Gott ist nicht einer, der seine Liebe in milden Gaben à distance erweist, er selbst kommt und schlägt sichtbar seine Hütte auf, um den Seinigen nahe zu sein, näher als irgend ein Mensch dem andern. Und es kommt Ordnung ins Chaos, die Völker werden seine Völker, die Menschen seine Menschen. |

Und weiter ruft der Herold: Er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Pein. Wir sind in einer andern Welt. Himmel und Erde und die Natur mit ihren harten Gesetzen sind verschwunden; der Schein hat der Wirklichkeit Platz gemacht. Die Wirklichkeit ist Gott, und wo Gott ist, da ist keine Not und kein Schmerz mehr. Was war das Leid der Menschen? Der h-Kampf mit der Natur-h. Was war der Tod? Ein Gesetz der Natur. Aber die Natur und ihre Gesetze sind nur Gottes geheimnisvolle Erziehungsmittel gewesen. Im Drang der Not sollten wir zu Menschen reifen, und im Angesichte des unerbittlichen Todes unsterblich werden lernen, zeitlich noch schon ewig sein.11 Durch den schweren Kampf der Natur führt uns Gott in das Land der |227 Freiheit, wo wir erkennen, dass für seine Kinder Not und Tod nicht mehr sind. Und endlich erhebt sich Gott selbst von seinem Thron und spricht machtvoll bestätigend: Siehe, ich mache Alles neu. Gott sagt es und Gott tut es.

Ja, liebe Freunde, was sagt ihr zu diesem prophetischen Wort des christlichen Sehers aus alter Zeit? Darin sind wir wohl Alle einig, dass es zu der Adventszeit, in der wir uns befinden, in recht naher Beziehung steht. Eine größere Verheißung und Erwartung als die der neuen Wirklichkeit Gottes kann es ja wohl nicht geben. Aber nun möchte mir vielleicht der eine oder andre einwenden, hier sei vom Leben nach dem Tode, von dem, was man wohl auch das Jenseits nennt, die Rede, von der Ewigkeit, vom Reich der Seligen. Seht, ich glaube, es ist doch eine große Verflachung unsrer christlichen Hoffnung, wenn wir so scheiden zwischen Diesseits und Jenseits. Diese Scheidung hat etwas Kaltes, sie widerspricht der Wahrhaftigkeit eines fröhlichen Christenglaubens, und sie gibt unsern Adventsgedanken etwas Halbes und Rationalistischesi. Oder ist’s denn nicht so, ich meine, vor Gott sind auch Gegenwart und Zukunft ein vergänglicher Schein, und die göttliche Ewigkeit ist etwas ganz Anderes als die endlose Zeit, die auf diese Zeit folgt. Vielleicht ist dieser Gedanke Manchem von euch ungewohnt, aber ist denn nicht gerade das der frohe Inhalt unsres Adventsglaubens, dass wir wissen, dass Gott da ist in seiner ganzen Fülle für jeden, dem er Augen und Herz auftut, ihn zu sehen? Freilich steht er vor uns, ob wir ihn suchen und finden möchten, freilich wächst seine Größe und Herrlichkeit, je tiefer wir in sein Wesen eindringen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er Wohnung genommen hat unter uns. Er ist da, der da kommen soll, und wir brauchen keines andern zu warten [vgl. Mt. 11,3 par.].

Und nun fällt Licht auf die große Lebensfrage, von der wir geredet haben. Mitten im Land des Leides und der Tränen und des Todes hat einer ein Rauschen gehört wie von verborgenen Wassern [vgl. Apk. 14,2]. Im Wogen des Menschenlebens und des Menschenschmerzes vernehme ich wundersame Worte von Gerechtigkeit, Freiheit und Freude. Und das waren keine Worte wie die andern, sondern sie kommen von geheimnisvollen Quellorten. Vielleicht waren es die Worte |228 eines Apostels, vielleicht eines Denkers und Dichters, vielleicht eines armen, vergessenen Menschen, den seine Stätte nicht mehr kennt [vgl. Ps. 103,16]. Jedenfalls kamen sie aus dem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, und dies Reich wächst, wie die Erde von ihr selbst das Gras bringt, dann die Ähren, danach den vollen Weizen in den Ähren [Mk. 4,28]. Und in diesem Reich hat Schmerz und Tod ein Ende, weil diese Mächte nur Vergängliches stören und zerstören können. Die Menschen, die dahin gehören, wissen aber von einem Unvergänglichen, sie wissen nicht nur, sondern sie haben es. Die Ewigkeit ist da. Und die Ewigkeit ist da, weil Jesus da ist.

Ich soll dir die Brücke zeigen aus dem Reich des Leides in das Reich Gottes, meinst du? Siehe, der Wind bläst, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist [Joh. 3,8]. Sieh, das ist das Große unsres Adventsglaubens, dass wir auf Gott warten dürfen und nicht auf Menschen. Er macht Alles neu. Das ist das ganze Christentum, das sei unsre Weihnachtsfreude.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.
Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume
Sah ich den Herrn das Brot den Zwölfen brechen
Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.
Weit über ihre Häupter lud die Erde
Er ein mit allumarmender Gebärde.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben
Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,
Da breiteten sich unter tausend Händen
Die Tische, doch verdämmerten die Enden
Im grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen
Kummergestalten saßen ungerufen.
Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute
Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute,
Da sprangen reif die Brunnen auf des Lebens,
Da streckte keine Schale sich vergebens,
229 Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,
Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.12
Amen.
Lieder:
  • Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen» von M. Schirmer, Strophen 1–2 und 3–5 (RG 365,1.3;4–6; EG 9,1.3;4–6). 🎵
  • Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.5 (RG 661,1.2 [Strophe 5 fehlt]; EKG 270,1.2.5). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b
Im Mskr. ist «Kantönli» nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e-e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Mskr.: «ist»; von den Hrsg. geändert.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Am 9. Juli 1386 errangen die Schweizer Eidgenossen in der Schlacht bei Sempach einen entscheidenden Sieg gegen das Heer des habsburgischen Herzogs Leopold III. (1351–9.7.1386), aufgrund dessen sich die Eidgenossenschaft in der lange währenden Auseinandersetzung mit den Habsburgern festigen konnte. Der Jahrestag dieser mit zahlreichen Legenden verwobenen Schlacht wird bis heute feierlich begangen. ↩
2
Gemeint ist eine an den Eigeninteressen der damals 25 Kantone der Schweiz orientierte Politik. Knapp zwei Jahre später erläuterte Barth diesen Sachverhalt so: «[W]ir sind ein Volk, das ums Leben gern kleine und ganz kleine Interessenkreise bildet, die sich dann gegen alles Übrige mit einer ebenso lächerlichen als unheilvollen Beschränktheit abschließen. […] der Kantönligeist ist von daher eine gemeineidgenössische Eigenschaft geworden, für die wir in ganz Europa bekannt sind» (Predigten 1911, S. 290f. 📖). ↩
3
Die Geburtsdaten aller drei Genannten boten im Jahr 1909 Anlass zu ‚runden’ Jubiläumsfeiern: Johannes Calvin wurde am 10. Juli 1509 geboren, Friedrich Schiller am 10. November 1759 und Charles Darwin am 9. Februar 1809.↩
4
In den im KBA vorhandenen Briefen Barths aus den Jahren vor 1909 fand sich kein Hinweis auf eine solche Predigt; Taschenkalender, in denen sich später oft Notizen auch über gehörte Predigten finden, sind erst ab 1909 erhalten.↩
5
Zum Begriff «Soziale Frage» / «Arbeiterfrage» und Barths Beschäftigung mit der dahinter stehenden Problematik vgl. oben. S. 41, Anm. 5.↩
6
Zu dieser Anspielung auf Ch. Darwins Hauptwerk vgl. oben, S. 51, Anm. 7. ↩
7
In einer 1914 eingereichten volkswirtschaftlichen Dissertation wird diese Affäre als ein Beispiel für die «Folgen einer Überbewertung» von Gesellschaften beschrieben: «Die Internationale Eisenbahnbank in Bern wurde 1907 als Tochtergesellschaft der Zentralbank in Bern sowie der Trustgesellschaft für Industriewerke ins Leben gerufen. Das Aktienkapital bestand aus 6 Millionen Prioritäts- und 6 Millionen Stammaktien. Letztere galten als Entgelt für die Sacheinlagen, die in Beteiligungen der russischen Eisenbahngesellschaft Rjasan-Uralsk sowie in Optionen auf Kohlenfelder, Minen usw. bestanden. Die Prioritätsaktien wurden mit einem Agio von 200 Fr. mit größtem Erfolge emittiert. Es dauerte nicht lange, so mußte die Verwaltung in ihrem Jahresbericht von 1909 bekennen, daß die Sacheinlagen auf die Stammaktien völlig wertlos waren und das gesamte Stammkapital von 6 Millionen völlig abgeschrieben werden mußte. Der Erfolg war der, daß eine Liquidation als unumgänglich erschien und der Endeffekt derselben war, daß von den 1200 Fr. pro Prioritätsaktie nur 400 Fr. ausbezahlt werden konnten» (E. Englich, Über die finanziellen Garantien des Aktienkapitals und der Reserven bei den Aktiengesellschaften auf dem Gebiete der Sachversicherung, Diss. Bern 1904, Langensalza 1915, S. 9f. 📖). – Am 22. Oktober 1909 wurden zwei Bankiers des Hauses «wegen Betruges bei Finanztransaktionen» verhaftet (H. T[ürler], Berner Chronik vom 1. Nov. 1908 bis 31. Okt. 1909, in: Neues Berner Taschenbuch 15 [1909], S. 316–347, dort S. 346 📖).↩
8
Der mittelalterliche Totentanz gehört zur religiösen Bußliteratur und zeigt «Vertreter aller Stände als Sterbende (Neuverstorbene) wechselweise mit halbverwesten Toten im Reigen vereint, nach der Pfeife des Todes tanzend» (H. Rosenfeld, Art. «Totentanz», in: RGG3 VI, Sp. 957f., dort Sp. 957 📖). Berühmte Totentanz-Darstellungen fanden bzw. finden sich in Kirchen oder an Friedhofsmauern u. a. in Basel (Basler Totentanz, 1439/40; Klingental, 1460/80), Lübeck (1463), Straßburg (ca. 1485) und Bern (1516/19).↩
9
Gemeint sind die seit der altkirchlichen Zeit unternommenen Versuche, die Vorhersagen der Johannes-Offenbarung entweder auf konkrete (vergangene und gegenwärtige) Geschichtsereignisse zu beziehen oder sie zeitgeschichtlich, chiliastisch, spiritualistisch, mystisch, poetisch-prophetisch zu deuten. Eine ausführliche Übersicht bietet R. Kübel, Die Offenbarung Johannis, in zweiter Auflage durchgesehen und ergänzt von O. Zöckler, in: Pastoralbriefe, Hebräerbrief und Offenbarung Johannis, ausgelegt von R. Kübel, neubearb. von E. Riggenbach / O. Zöckler (KK.B 5), München 18982, S. 155–333, dort S. 162–170 📖.↩
10
Barth geht hier offensichtlich von der Frühdatierung der Johannes-Offenbarung aus, wie sie noch zu seinen Studienzeiten durchaus üblich war. Daraus, dass der Tempel und Jerusalem als unzerstört vorausgesetzt erscheinen, und aus den Hinweisen auf die römischen Herrscher schloss man auf eine Datierung der für einheitlich erachteten Schrift auf das Jahr 68/69 n. Chr. Vgl. etwa Kübel a.a.O., S. 186 📖.↩
11
Variante zu einer Zeile aus Strophe 1 des Liedes «Lasset uns mit Jesus ziehen» von S. von Birken (GERS 295; EG 384) 🎵: «Irdisch noch schon himmlisch sein».↩
12
C. F. Meyer, Alle, in: ders., Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben letzter Hand, mit einem Nachwort von E. Laaths, Bd. 2, S. 138, München 1968. 📖 ↩