Predigt: Apokalypse 21,1-5
Weihnachtszeit – Freudenzeit, nicht wahr, so sind wir’s Alle gewöhnt, so scheint es uns ganz selbstverständlich? Von der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit hören wir die Kinder singen. Von der Freude reden die grünen Tannenbäume, die jetzt noch in den Wäldern draußen stehen, aber in nicht zu ferner Zeit unsre Straßen und Plätze bevölkern werden. Bald werden die Schaufenster der Kaufläden im Feiertagsschmuck strahlen, eitel Freude und Herrlichkeit, so weit das Auge reicht. Und bereits haben ja die Vorbereitungen für allerlei Weihnachtsfeiern begonnen, hier die Arbeiter und dort die Studenten, hier die Turner und dort der Jünglingsverein. Hier soll’s bescheiden zugehen und dort großartig oder fast großartig, hier christlich und dort mehr weltlich. Aber überall soll es eine Feier werden, ein Anlass der Freude. Und wer könnte die Weihnachtsfreude zählen und messen, von der die andern Menschen und die Öffentlichkeit nur gar nichts weiß, die Weihnachtsfreude im verborgenen Schoß der Familien, die Weihnachtsfreude der Stillen im Lande. Alle Jahre kommt diese Freude wieder, laut und fast aufdringlich hier, verborgen und stillzufrieden dort. Weihnachtszeit – Freudenzeit.
218 Ja, ist’s denn auch wahr? Man macht sich so viel vor in
der Welt. Und nie machen sich die Menschen mehr vor als in Festzeiten.
Ob’s weltliche oder religiöse Festzeiten sind, ist dabei ganz
gleichgiltig. Wir überfließena
an den großen vaterländischen Festtagen von Patriotismus und Sempacherstimmung1. Und dann kehren wir
nach Hause zurück, und die brutale Interessen- und Kantönlipolitikb2 geht weiter wie zuvor. War
denn alles Luft, was wir geredet und gesungen? Wir feiern Jubiläen aller
Art:
Und die Weihnachtsfreude, der wir entgegengehen? c-Ich bin euch vielleicht zu negativ, zu skeptisch-c, aber seht, es ist mir lieber, ihr macht mir diesen Vorwurf als den andern, ich führe euch hier in der |219 Kirche einen schönen und erbaulichen Zauber vor, der vor den Wirklichkeiten des Lebens draußen keinen Bestand habe. Nüchterne Negationen sind für das Leben der Frömmigkeit immer im höchsten Sinn erbaulich, erbauend gewesen, denn wenn wir lernen, uns selber gegenüber negativ und skeptisch zu werden, so gehen uns die Augen auf für Gottes Größe und Herrlichkeit. Und so meine ich allerdings, dass Vieles, das Meiste vielleicht von der Weihnachtsfreude, die wir bald wieder mitansehen werden, nicht bestehen kann vor dem Richterstuhl der Wahrhaftigkeit. Sie ist wie die dünne Schicht unsrer Erdoberfläche über der ungeheuren Masse des feurig-flüssigen Erdinnern eine dürftige Verdeckung des Abgrunds menschlicher Traurigkeit, die darunter seufzt und wogt. Die Erlösung aus dieser Traurigkeit und nur diese verdient den Namen Weihnachtsfreude. Und von dieser Weihnachtsfreude möchte ich reden.
I
Lasst mich an einem Beispiel zeigen, was ich meine. Ich
habe einmal eine Weihnachtspredigt gehört über den Text aus Johannes 1:
«Wir sahen seine Herrlichkeit.» [
Gehn wir nur gleich auf die Sache los: Ihr wisst Alle, was die Herrlichkeit der Weihnachtszeit für unzählige untere Geschäftsangestellte bedeutet. Wenn ihr’s nicht wisst, so fragt einmal eines der Ladenfräulein aus den großen Warenhäusern! Sie wird’s euch sagen: Verdoppelte, verdreifachte Arbeit in der Geschäftszeit und nachher Über|220stunden, dass die Leute am heiligen Abend am liebsten zusammenbrechen und schlafen möchten, wo sie gerade gehen und stehen. Oder fragt einmal die Beamten auf der Post und auf der Eisenbahn, was die Weihnachtszeit für sie bedeutet! Unsre Weihnachtsfreude ist erkauft durch die Weihnachtsbeschwerde zahlloser andrer Menschen. Versteht mich recht: ich will damit nicht eine sentimentale Klage erheben gegen Zustände, zu deren durchgreifender Besserung uns zunächst Mittel und Wege noch dunkel sind, aber ich möchte eure Augen auf den Revers der Medaille richten, auf die Tatsache, dass, was uns freut, für so viele andre – ihr könntet gewiss die Beispiele vermehren – die Ursache von Traurigkeit und Müdigkeit wird. Und diese Tatsache macht uns dann wieder besinnlich auf das, was wir Freude nennen. Oder habt ihr euch schon einmal besonnen, wo die billigen, schönen Kleidungsstücke und Spielsachen herkommen, mit denen ihr auf Weihnacht eure Kinder erfreut, woher die Glaskugeln und der Zierrat, mit denen wir die Weihnachtsbäume schmücken? Aus unbekannten, dunklen Hinterstuben in der Nähe und in der Ferne kommen diese Dinge, wo sie um Stücklohn hergestellt werden, und wenn man von diesen Löhnen hört, greift man sich an die Stirn und sagt: Wie ist’s möglich? Wie ist’s möglich? Es klebt saurer Schweiß daran und wie oft Tränen und hoffnungslose Seufzer. Meine Freunde! Ich erhebe keine Anklage. Es möchte einer aufstehen und mir klipp und klar beweisen, dass diese Löhne bei dem ganzen Stand von Handel und Industrie so sein müssen. Ich zweifle an diesem «Müssen», aber es ist nicht meine Sache, diesen Streit zu schlichten. Wohl aber ist es meine Sache, euch zu sagen, dass wir keine Menschen und erst recht keine Christen sind, solange wir von diesen Dingen wissen, ohne dass wir uns von ihnen unsre ganzen landläufigen Vorstellungen und Wünsche von Glück und Freude über den Haufen haben werfen lassen.
Wir haben nur durch einige schmale Spalten, wie sie sich gerade in der
Nähe der Weihnachtszeit dem
aufmerksamen Blick öffnen, hineingesehen in die Welt der Traurigkeit und
des Schmerzes, die den Untergrund des schönen,
glänzenden Lebens der Oberfläche bildet. Ihr wisst, dass dieser
Untergrund überall ist und dass der das Leben nicht kennt, der von ihm
nichts weiß, so wenig der
Denn wem einmal die soziale Frage5 – von dieser
reden wir, meine Freunde – auf der Seele gebrannt hat, der hat
damit Augen bekommen für das tiefe Herzeleid, das auf dem Grunde unsres
Menschenlebens überhaupt wohnt. Noch einmal: es ist hier nicht der Ort,
über Recht und Unrecht in jener Frage zu diskutieren; aber die schrille
Dissonanz, die uns aus den sozialen Gegensätzen entgegentönt, gibt uns
eine Ahnung von dem gewaltigen Ernst und von der tiefen Not unsres Daseins. Sie zeigt uns den
Menschen im harten Kampfe um dieses Dasein6, den
Menschen im Kampfe um die Forderungen der Natur, die wie der Drachen der sagenhaften
Vorzeit gebieterisch ihr Recht fordert, die ihn nicht zur Ruhe kommen
lässt. Der Kampf ums Leben, der Kampf ums tägliche Brot. Wie einfach und
selbstverständlich scheint es Manchem, dass er sein tägliches Brot hat, und für tausend, tausend Andre ist diese
Selbstverständlichkeit das große Problem, um das sie ihr Leben lang
hilflos, hoffnungslos ringen. Wer zählt die Tränen, die in diesem Kampf
alle Tage vergossen werden, unbekannt, nur Gott bekannt? [vgl.
Meine Freunde! Ihr wisst alle, dass dieser Blick in das Land der Tränen keine Phantasie und keine philosophische Konstruktion ist. Jedes von uns hat seine kleine oder große Strecke durch dies Land zu wandern. Aber nun stehen wir vor der Tatsache, dass Unzählige nichts wissen von dem, was ich die Solidarität des Schmerzes nannte. Sie seufzen unter ihrer Last, aber sie sehen auch nichts als ihre Last. Sie weinen bittere Tränen, aber was sie bewegt, ist immer nur ihr eigenes Geschick. Seht, das ist die große Erziehung, das große Reif-Werden, von dem ich sprach, wenn wir uns bewusst werden, dass unser Teil Leid und Tränen ein Teil ist des großen Leides des Menschen und der Menschheit. Gewiss, wenn wir uns dessen gewahr geworden, wächst der Schmerz in unsrer Brust ins Riesengroße; und das Reif-Werden führt uns an den Abgrund. Aber es ist eben nicht anders: der Weg zur wirklichen Freude führt am Abgrund des wirklichen Schmerzes vorbei. Nur wer hindurchgedrungen durch die scheinhafte Freude der Oberfläche in den Bezirk des großen Schmerzes, nur er sieht dann auch die Pforten sich öffnen nach dem Bezirk der großen Freude. |224 Glücklich die Kinder, die tändelnd auf der Oberfläche weilen dürfen, glücklich die kindlichen Erwachsenen, die zeitlebens gramlos sich auf dieser Oberfläche tummeln mögen. Aber ich weiß euch Besseres als das scheinhafte Ding, das sie Glück nennen. Aus Kindern zu Menschen werden, das ist der Weg zu diesem Bessern, und das Bessere selbst ist die wirkliche Weihnachtsfreude.
II
Und nun wollen wir’s versuchen, uns mitten
hineinzustellen in die bilderreiche und rätselhafte Gedankenwelt des
Das Erste ist vergangen. Das Erste ist die Welt mit ihrem Gram und Glücke. Das Glück hat sich ihm als Schein erwiesen bei dem großen Reifwerden, und nun ist’s ihm mit einem Schlag aufgegangen, dass auch das tiefe, tiefe Weh, das darunter verborgen war, vergänglicher Schein war. Und an die Stelle des doppelten Scheins dessen, was wir so Leben heißen, ist eine große, wunderbare Wirklichkeit getreten, die er nur stammelnd und mit unvollkommenem Wort zu schildern vermag: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde , denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen. Wer will’s wagen, diesen grandiosen Gedanken nachzudenken oder auszumalen? Es wäre ein törichtes Beginnen. Aber wir ahnen, was er mit dem Bilde will: er hat ein Leben, eine Wirklichkeit gesehen, die mit den Bedingungen und Schranken unsres äußern Daseins nur auch gar nichts gemein hat. Es handelt sich um etwas Neues, das schlechterdings, vollständig neu ist. |
Und nun ein anderes geheimnisvoll klares Bild: Und die heilige
Stadt, das neue Jerusalem
, sah ich herabkommen aus dem
Himmel, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut.
Es gab ein altes
Und weiter ruft der Herold: Er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Pein. Wir sind in einer andern Welt. Himmel und Erde und die Natur mit ihren harten Gesetzen sind verschwunden; der Schein hat der Wirklichkeit Platz gemacht. Die Wirklichkeit ist Gott, und wo Gott ist, da ist keine Not und kein Schmerz mehr. Was war das Leid der Menschen? Der h-Kampf mit der Natur-h. Was war der Tod? Ein Gesetz der Natur. Aber die Natur und ihre Gesetze sind nur Gottes geheimnisvolle Erziehungsmittel gewesen. Im Drang der Not sollten wir zu Menschen reifen, und im Angesichte des unerbittlichen Todes unsterblich werden lernen, zeitlich noch schon ewig sein.11 Durch den schweren Kampf der Natur führt uns Gott in das Land der |227 Freiheit, wo wir erkennen, dass für seine Kinder Not und Tod nicht mehr sind. Und endlich erhebt sich Gott selbst von seinem Thron und spricht machtvoll bestätigend: Siehe, ich mache Alles neu. Gott sagt es und Gott tut es.
Ja, liebe Freunde, was sagt ihr zu diesem prophetischen Wort des
christlichen
Und nun fällt Licht auf die große Lebensfrage, von der wir geredet haben.
Mitten im Land des Leides und
der Tränen und des Todes hat einer ein Rauschen gehört wie von
verborgenen Wassern [vgl.
Ich soll dir die Brücke zeigen aus dem Reich des Leides in das Reich Gottes, meinst du? Siehe, der Wind bläst,
wo er will, und du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, von
wannen er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus
dem Geist geboren ist [
- Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen» von
M. Schirmer , Strophen 1–2 und 3–5 (RG 365,1.3;4–6; EG 9,1.3;4–6). - Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von
G. Tersteege n, Strophen 1.2.5 (RG 661,1.2 [Strophe 5 fehlt]; EKG 270,1.2.5).