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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 23</title>
        <title type="content">Predigt: Apokalypse 21,1-5</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Apokalypse 21,1-5, 5. Dezember 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53025 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 23: Predigt: Apokalypse 21,1-5</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">25</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 21,1-5, 5. Dezember 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1466">KBA 1001.1</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-12-05">5. Dezember 1909</date>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, den <date when="1909-12-05">5. Dezember
                            1909, Sonntag</date> <date rend="right">(2. Advent)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1 Apk.21.5">Apokalypse 21,1–5</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Und ich sah einen neuen Himmel und
                                    eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde
                                    waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und die
                                    heilige Stadt, das neue Jerusalem, sah ich herabkommen aus
                                    dem Himmel von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann
                                    geschmückte Braut, und ich hörte eine laute Stimme vom
                                    Throne her sprechen:</hi> <hi rend="italic">Siehe da, die Hütte Gottes bei
                                        den Menschen</hi>, <hi rend="text-recte">und er wird bei ihnen wohnen, und
                                    sie werden seine Völker sein, und er, Gott, wird mit ihnen
                                    sein. Und</hi> <hi rend="italic">er wird abwischen alle Tränen von ihren
                                        Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch
                                        Geschrei, noch Pein; denn das Erste ist vergangen. Und
                                        der auf dem Throne saß, sprach: siehe, ich mache Alles
                                        neu.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>
                    <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> –
                    Freudenzeit, nicht wahr, so sind wir’s Alle gewöhnt, so scheint es
                    uns ganz selbstverständlich? Von der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit
                    hören wir die Kinder singen. Von der Freude reden die grünen Tannenbäume,
                    die jetzt noch in den Wäldern draußen stehen, aber in nicht zu ferner Zeit
                    unsre Straßen und Plätze bevölkern werden. Bald werden die Schaufenster der
                    Kaufläden im Feiertagsschmuck strahlen, eitel Freude und Herrlichkeit, so
                    weit das Auge <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> reicht. Und bereits haben ja die
                    Vorbereitungen für allerlei Weihnachtsfeiern begonnen, hier die Arbeiter und
                    dort die Studenten, hier die Turner und dort der Jünglingsverein. Hier
                    soll’s bescheiden zugehen und dort großartig oder fast großartig,
                    hier christlich und dort mehr weltlich. Aber überall soll es eine Feier
                    werden, ein Anlass der Freude. Und wer könnte die <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> zählen und messen, von
                    der die andern Menschen und die Öffentlichkeit nur gar nichts weiß, die
                    Weihnachtsfreude im verborgenen Schoß der Familien, die Weihnachtsfreude der
                    Stillen im Lande. Alle Jahre kommt diese Freude wieder, laut und fast
                    aufdringlich hier, verborgen und stillzufrieden dort. Weihnachtszeit
                    – Freudenzeit.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p218" ed="pga"/> Ja, ist’s denn auch <hi rend="italic">wahr?</hi> Man macht sich so viel vor in
                    der Welt. Und nie machen sich die Menschen mehr vor als in Festzeiten.
                    Ob’s weltliche oder religiöse Festzeiten sind, ist dabei ganz
                    gleichgiltig. Wir überfließen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na">Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     an den großen vaterländischen Festtagen von <term type="Sachen" key="Patriotismus">Patriotismus</term> und Sempacherstimmung<note xml:id="n01">Am 9. Juli 1386 errangen die Schweizer
                        Eidgenossen in der <term type="Sachen" key="Sempach, Schlacht">Schlacht</term> bei <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName> einen entscheidenden Sieg gegen das Heer des
                        habsburgischen Herzogs <persName ref="kbga-actors-9187">Leopold III.</persName> (1351–9.7.1386),
                        aufgrund dessen sich die Eidgenossenschaft in der lange währenden
                        Auseinandersetzung mit den Habsburgern festigen konnte. Der Jahrestag
                        dieser mit zahlreichen Legenden verwobenen Schlacht wird bis heute
                        feierlich begangen.<term type="Sachen" key="Stimmungen, Sempacherstimmung"/>
                        </note>. Und dann kehren wir
                    nach Hause zurück, und die <term type="Sachen" key="Politik, Interessenpolitik">brutale</term> Interessen- und Kantönlipolitik<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. ist «Kantönli» nachträglich mit Bleistift
                            unterstrichen.</note><note xml:id="n02">Gemeint ist eine an den Eigeninteressen
                        der damals 25 Kantone der <term type="Sachen" key="Schweiz, Kantönlipolitik">Schweiz</term> orientierte Politik.
                        Knapp zwei Jahre später erläuterte Barth diesen Sachverhalt so: «[W]ir
                        sind ein Volk, das ums Leben gern kleine und ganz kleine
                        Interessenkreise bildet, die sich dann gegen alles Übrige mit einer
                        ebenso lächerlichen als unheilvollen Beschränktheit abschließen.
                        […] der Kantönligeist ist von daher eine gemeineidgenössische
                        Eigenschaft geworden, für die wir in ganz Europa bekannt sind»
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-834">Predigten 1911, <ref type="pub" target="../volume/51/p290#p290">S. 290f.</ref></bibl>).<term type="Sachen" key="Politik, Kantönlipolitik"/>
                        </note> geht weiter wie zuvor. War
                    denn alles Luft, was wir geredet und gesungen? Wir feiern Jubiläen aller
                    Art: <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, <persName ref="kbga-actors-2013">Darwin</persName>, <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName>;<note xml:id="n03">Die Geburtsdaten aller drei Genannten boten im
                        Jahr 1909 Anlass zu ‚runden’ Jubiläumsfeiern: Johannes Calvin wurde am
                        10. Juli 1509 geboren, Friedrich Schiller am 10. November 1759 und
                        Charles Darwin am 9. Februar 1809.</note> Fluten, manchmal auch
                    Sündfluten von Reden und Schriften ergießen sich über das Gelände. Dann
                    verlaufen sich die Fluten, die Gräber der Propheten stehen noch eine Weile
                    geschmückt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.29">Mt. 23,29</ref>], dann beginnen die Kränze zu verdorren, die schönen Schleifen
                    mit den goldenen Lettern zu verbleichen, man hängt sie wohl zur Erinnerung
                    unter Glas <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> und Rahmen, in Wirklichkeit ist das
                    Alles <hi rend="italic">gewesen</hi>. War’s Wahrheit oder haben wir uns etwas
                    vorgemacht? – |</p>
                <p> Und die <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>,
                    der wir entgegengehen? <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Ich bin euch vielleicht zu negativ,
                    zu skeptisch<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, aber seht, es ist mir lieber, ihr macht mir diesen Vorwurf als den
                    andern, ich führe euch hier in der <pb xml:id="p219" ed="pga"/> Kirche einen
                    schönen und erbaulichen Zauber vor, der vor den Wirklichkeiten des Lebens
                    draußen keinen Bestand habe. Nüchterne Negationen sind für das Leben der
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> immer im
                    höchsten Sinn erbaulich, erbauend gewesen, denn wenn wir lernen, uns selber
                    gegenüber negativ und skeptisch zu werden, so gehen uns die Augen auf für
                    Gottes Größe und Herrlichkeit. Und so meine ich allerdings, dass Vieles, das
                    Meiste vielleicht von der Weihnachtsfreude, die wir bald wieder mitansehen
                    werden, nicht bestehen kann vor dem Richterstuhl der <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term>. Sie ist wie die dünne
                    Schicht unsrer Erdoberfläche über der ungeheuren Masse des feurig-flüssigen
                    Erdinnern eine dürftige Verdeckung des Abgrunds menschlicher Traurigkeit,
                    die darunter seufzt und wogt. Die Erlösung aus dieser Traurigkeit und nur
                    diese verdient den Namen Weihnachtsfreude. Und von dieser <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> möchte ich
                    reden.</p>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Lasst mich an einem Beispiel zeigen, was ich meine. Ich
                        habe einmal eine Weihnachtspredigt gehört über den Text aus Johannes 1:
                        «Wir sahen seine Herrlichkeit.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>] Nachdem der Prediger geschildert hatte,
                        wie die Herrlichkeit des <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Evangeliums die
                        Jünger Christi ergriffen, wie sie die Römer und Griechen überzeugt habe,
                        ging er auf die Gegenwart über und fand da als Beweis für diese
                        Herrlichkeit vor allem den gewaltig gesteigerten Geschäftsverkehr, der
                        jedes Jahr um Weihnachten herum eintrete.<note xml:id="n04">In den im KBA vorhandenen Briefen Barths aus den Jahren vor 1909
                            fand sich kein Hinweis auf eine solche Predigt; Taschenkalender, in
                            denen sich später oft Notizen auch über gehörte Predigten finden,
                            sind erst ab 1909 erhalten.</note> Das war nicht böse gemeint, aber
                        es war eine der Oberflächlichkeiten und Unwahrheiten, in die wir leicht
                        verfallen, wenn wir meinen, wir müssten zur Ehre des lieben Gottes den
                        Mund recht voll nehmen.</p>
                    <p>Gehn wir nur gleich auf die Sache los: Ihr wisst Alle, was die
                        Herrlichkeit der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> für unzählige untere Geschäftsangestellte
                        bedeutet. Wenn ihr’s nicht wisst, so fragt einmal eines der
                        Ladenfräulein aus den großen Warenhäusern! Sie wird’s euch sagen:
                        Verdoppelte, verdreifachte Arbeit in der Geschäftszeit und nachher Über<pb xml:id="p220" ed="pga" break="no"/>stunden, dass die Leute am heiligen Abend am
                        liebsten zusammenbrechen und schlafen möchten, wo sie gerade gehen und
                        stehen. Oder fragt einmal die Beamten auf der Post und auf der
                        Eisenbahn, was die Weihnachtszeit für sie bedeutet! Unsre <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> ist
                        erkauft durch die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbeschwerde">Weihnachtsbeschwerde</term> zahlloser andrer Menschen. Versteht
                        mich recht: ich will damit nicht eine sentimentale Klage erheben gegen
                        Zustände, zu deren durchgreifender Besserung uns zunächst Mittel und
                        Wege noch dunkel sind, aber ich möchte eure Augen auf den Revers der
                        Medaille richten, auf die Tatsache, dass, was uns freut, für so viele
                        andre – ihr könntet gewiss die Beispiele vermehren – die
                        Ursache von Traurigkeit und Müdigkeit wird. Und diese Tatsache macht uns
                        dann wieder besinnlich auf das, <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> was wir
                        Freude nennen. Oder habt ihr euch schon einmal besonnen, wo die
                        billigen, schönen Kleidungsstücke und Spielsachen herkommen, mit denen
                        ihr auf <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> eure
                        Kinder erfreut, woher die Glaskugeln und der Zierrat, mit denen wir die
                        Weihnachtsbäume schmücken? Aus unbekannten, dunklen Hinterstuben in der
                        Nähe und in der Ferne kommen diese Dinge, wo sie um <term type="Sachen" key="Arbeit, Stücklohn">Stücklohn</term> hergestellt werden, und
                        wenn man von diesen Löhnen hört, greift man sich an die Stirn und sagt:
                        Wie ist’s möglich? Wie ist’s möglich? Es klebt saurer
                        Schweiß daran und wie oft Tränen und hoffnungslose Seufzer. Meine
                        Freunde! Ich erhebe keine Anklage. Es möchte einer aufstehen und mir
                        klipp und klar beweisen, dass diese Löhne bei dem ganzen Stand von
                        Handel und Industrie so sein müssen. Ich zweifle an diesem «Müssen»,
                        aber es ist nicht meine Sache, diesen Streit zu schlichten. Wohl aber
                        ist es meine Sache, euch zu sagen, dass wir keine Menschen und erst
                        recht keine Christen sind, solange wir von diesen Dingen wissen, ohne
                        dass wir uns von ihnen unsre ganzen landläufigen Vorstellungen und
                        Wünsche von <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> und Freude über
                        den Haufen haben werfen lassen.</p>
                    <p>Wir haben nur durch einige schmale Spalten, wie sie sich gerade in der
                        Nähe der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> dem
                        aufmerksamen Blick öffnen, hineingesehen in die Welt der Traurigkeit und
                        des Schmerzes, die den <term type="Sachen" key="Leben, Untergrund des Leides">Untergrund</term> des schönen,
                        glänzenden <term type="Sachen" key="Leben, glänzende Oberfläche">Lebens</term> der Oberfläche bildet. Ihr wisst, dass dieser
                        Untergrund überall ist und dass der das Leben nicht kennt, der von ihm
                        nichts weiß, so wenig der <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> oder <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>
                        kennt, der nie aus den schönen, breiten, hellen Straßen und Boulevards
                        abgebogen ist in die dunklen, feuchten <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                        Nebengassen, in denen <pb xml:id="p221" ed="pga"/> die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und das <term type="Sachen" key="Elend">Elend</term> wohnt. Wer einmal des Risses gewahr geworden ist, der
                        heimlich durch die menschliche <term type="Sachen" key="Gesellschaft, zerrissen">Gesellschaft</term> geht, der kann es
                        nicht wieder vergessen. Und wer einmal gewahr geworden ist, dass
                        Tausende, Hunderttausende unsrer Brüder und Schwestern an all dem, was
                        wir so <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> nennen, keinen
                        Anteil haben, ja dass ihr Leben des Leides den dunklen <term type="Sachen" key="Leben, Untergrund des Leides">Untergrund</term>
                        bildet dessen, was wir Freude nennen, in dessen Innern muss sich etwas
                        wandeln, weniger in seinem Denken, meine ich hier, als in dem, was
                        hinter dem Denken steht, in seiner Persönlichkeit. Reif werden, möchte
                        ich diese Wandlung nennen.</p>
                    <p> Denn wem einmal die <term type="Sachen" key="Soziale Frage">soziale</term> Frage<note xml:id="n05">Zum Begriff
                            «Soziale Frage» / «Arbeiterfrage» und Barths Beschäftigung mit der
                            dahinter stehenden Problematik vgl. oben. <ref type="pub" target="../volume/53/p041#fn_n05">S. 41, Anm. 5</ref>.</note> – von dieser
                        reden wir, meine Freunde – auf der Seele gebrannt hat, der hat
                        damit Augen bekommen für das tiefe Herzeleid, das auf dem Grunde unsres
                        Menschenlebens überhaupt wohnt. Noch einmal: es ist hier nicht der Ort,
                        über Recht und Unrecht in jener Frage zu diskutieren; aber die schrille
                        Dissonanz, die uns aus den sozialen Gegensätzen entgegentönt, gibt uns
                        eine Ahnung von dem gewaltigen Ernst und von der tiefen <term type="Sachen" key="Not">Not</term> unsres Daseins. Sie zeigt uns den
                        Menschen im harten Kampfe um dieses Dasein<note xml:id="n06">Zu dieser Anspielung auf Ch. Darwins Hauptwerk vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p051#fn_n07">S. 51, Anm. 7</ref>.<term type="Sachen" key="Mensch, Kampf ums Dasein"/>
                            </note>, den
                        Menschen im Kampfe um die Forderungen der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>, die wie der Drachen der sagenhaften
                        Vorzeit gebieterisch ihr Recht fordert, die ihn nicht zur Ruhe kommen
                        lässt. Der Kampf ums <term type="Sachen" key="Leben, Kampf">Leben</term>, der Kampf ums tägliche Brot. Wie einfach und
                        selbstverständlich scheint es Manchem, dass er sein <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> tägliches Brot hat, und für tausend, tausend Andre ist diese
                        Selbstverständlichkeit das große Problem, um das sie ihr Leben lang
                        hilflos, hoffnungslos ringen. Wer zählt die Tränen, die in diesem Kampf
                        alle Tage vergossen werden, unbekannt, nur Gott bekannt? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.56.9">Ps. 56,9</ref>] Wollen wir daran
                        vorbeigehen, weil <hi rend="italic">dieser</hi> Kampf uns zufällig nie beschäftigt
                        hat? Ich meine, der Anblick dieser Tränen führt uns direkt vor das
                        letzte, tiefste Problem des Lebens, unser aller Lebens. Und wie kein
                        andrer lässt uns dieser Anblick der großen <term type="Sachen" key="Solidarität">Solidarität</term> uns bewusst werden, in der wir
                        Alle, reich oder arm, gebildet oder ungebildet, stehen, ob wir’s
                        wollen oder nicht. Was ist denn dies <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, um das wir die Menschen streiten sehen mit dem <pb xml:id="p222" ed="pga"/> Mut der Verzweiflung? Ist denn <hi rend="italic">das</hi><note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                             Leben, dass wir uns von einem Tag auf den andern
                        unsern Unterhalt verdienen? Dann wären der <term type="Sachen" key="Armut">Arme</term> und der <term type="Sachen" key="Reichtum">Reiche</term> im gleichen Fall, nur dass der eine dabei scheitert
                        und der andre oben bleibt. Aber ist denn das auch wahr? Hat denn der das
                        Leben, der einen ausreichenden oder reichlichen Unterhalt des <term type="Sachen" key="Leben, Unterhalt">Lebens</term> hat? Ich meine,
                        damit sei die Frage nur weiter zurückgeschoben, nicht erledigt. Der
                        Kampf mit dem <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>Drachen Natur<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Natur"/> kehrt unter andern Formen
                        wieder. Da ist keiner, der in diesem Kampf nicht seine Last hätte. Denkt
                        nur an die einfachsten Dinge: was dort Hunger und Not heißt, heißt hier
                        Geschäftssorge und Konkurrenz. Dort droht als das Letzte das
                        Auf-die-Straße-Gesetzt-Werden, und hier ist’s der kaufmännische
                        Ruin, von dessen Tragik wenige eine <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>
                        Vorstellung haben. Ihr habt vielleicht aus den Zeitungsberichten über
                        die <hi rend="italic">
                            <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>
                            <term type="Sachen" key="Bern, Zentralbankaffäre">Centralbank-Affäre</term> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName></hi><note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note><note xml:id="n07">In einer 1914 eingereichten
                                volkswirtschaftlichen Dissertation wird diese Affäre als ein
                                Beispiel für die «Folgen einer Überbewertung» von Gesellschaften
                                beschrieben: «Die Internationale Eisenbahnbank in Bern wurde
                                1907 als Tochtergesellschaft der Zentralbank in Bern sowie der
                                Trustgesellschaft für Industriewerke ins Leben gerufen. Das
                                Aktienkapital bestand aus 6 Millionen Prioritäts- und 6
                                Millionen Stammaktien. Letztere galten als Entgelt für die
                                Sacheinlagen, die in Beteiligungen der russischen
                                Eisenbahngesellschaft Rjasan-Uralsk sowie in Optionen auf
                                Kohlenfelder, Minen usw. bestanden. Die Prioritätsaktien wurden
                                mit einem Agio von 200 Fr. mit größtem Erfolge emittiert. Es
                                dauerte nicht lange, so mußte die Verwaltung in ihrem
                                Jahresbericht von 1909 bekennen, daß die Sacheinlagen auf die
                                Stammaktien völlig wertlos waren und das gesamte Stammkapital
                                von 6 Millionen völlig abgeschrieben werden mußte. Der Erfolg
                                war der, daß eine Liquidation als unumgänglich erschien und der
                                Endeffekt derselben war, daß von den 1200 Fr. pro
                                Prioritätsaktie nur 400 Fr. ausbezahlt werden konnten» (<bibl corresp="kbga-bibls-2570"><persName ref="kbga-actors-9188">E. Englich</persName>,
                                    <hi rend="italic">Über die finanziellen Garantien des Aktienkapitals und
                                    der Reserven bei den Aktiengesellschaften auf dem Gebiete
                                    der Sachversicherung</hi>, Diss. Bern 1904, Langensalza
                                1915, S. 9f.</bibl>). – Am 22. Oktober 1909 wurden zwei Bankiers
                                des Hauses «wegen Betruges bei Finanztransaktionen» verhaftet
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2571">
                                    <persName ref="kbga-actors-9189">(H. T[ürler]</persName>, <hi rend="italic">Berner Chronik vom 1. Nov. 1908
                                    bis 31. Okt. 1909</hi>, in: Neues Berner Taschenbuch 15
                                [1909], S. 316–347, dort S. 346</bibl>).</note> euch ein Bild davon gemacht, wie
                        es auch in jenen Regionen Schicksalsschläge gibt, die das Glück und
                        Ansehen <pb xml:id="p223" ed="pga"/> ganzer Häuser und Familien in ihre Wirbel
                        reißen. Der Kampf ist dort ein anderer, aber das Weh und Herzeleid, das
                        er verursacht, ist immer dasselbe, weil die Menschen dieselben sind. Und
                        wenn dieser Kampf das Leben wäre, so wäre es nicht wert, gelebt zu
                        werden. Und nun brauche ich euch nicht erst zu sagen, dass die <term type="Sachen" key="Solidarität, des Schmerzes">Solidarität</term>
                        des Schmerzes unter den Menschen noch viel weiter geht. Die <term type="Sachen" key="Mensch, Sorge">Sorgen</term> und Schmerzen der
                        Krankheit, der Kindererziehung, des Verkehrs der Menschen untereinander,
                        sie sind bei aller Verschiedenheit immer dieselben. Und zuletzt ist die
                        große Not des <term type="Sachen" key="Tod">Todes</term> dieselbe.
                        Kaiser und Papst und Edelmann und Bauer und Handwerker müssen einmal
                        denselben geheimnisvollen Gang antreten, wie’s die Maler des
                            <term type="Sachen" key="Totentanz">Totentanzes</term> im
                        Mittelalter in erschütternder Weise geschildert.<note xml:id="n08">Der mittelalterliche Totentanz gehört zur religiösen
                            Bußliteratur und zeigt «Vertreter aller Stände als Sterbende
                            (Neuverstorbene) wechselweise mit halbverwesten Toten im Reigen
                            vereint, nach der Pfeife des Todes tanzend» (<bibl corresp="kbga-bibls-2572"><persName ref="kbga-actors-3920">H. Rosenfeld</persName>, Art.
                            «Totentanz», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> VI, Sp. 957f., dort
                            Sp. 957</bibl>). Berühmte Totentanz-Darstellungen fanden bzw. finden
                            sich in Kirchen oder an Friedhofsmauern u. a. in Basel (Basler
                            Totentanz, 1439/40; Klingental, 1460/80), Lübeck (1463), Straßburg
                            (ca. 1485) und Bern (1516/19).</note> Und dieser Gang ist immer ein
                        Gang der Pein und der Tränen.</p>
                    <p>Meine Freunde! Ihr wisst alle, dass dieser Blick in das Land der Tränen
                        keine Phantasie und keine philosophische Konstruktion ist. Jedes von uns
                        hat seine kleine oder große Strecke durch dies Land zu wandern. Aber nun
                        stehen wir vor der Tatsache, dass Unzählige nichts wissen von dem, was
                        ich die Solidarität des <term type="Sachen" key="Solidarität, des Schmerzes">Schmerzes</term> nannte. Sie
                        seufzen unter ihrer Last, aber sie sehen auch nichts als
                            <hi rend="italic">ihre</hi>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Last. Sie weinen bittere Tränen, aber was
                        sie bewegt, ist immer nur ihr eigenes Geschick. Seht, das ist die große
                        Erziehung, das große Reif-Werden, von dem ich sprach, wenn wir uns
                        bewusst werden, dass unser Teil Leid und Tränen ein Teil ist des großen
                        Leides des Menschen und der <term type="Sachen" key="Menschheit, Leid">Menschheit</term>. Gewiss, wenn wir uns dessen gewahr geworden,
                        wächst der Schmerz in unsrer Brust ins Riesengroße; und das Reif-Werden
                        führt uns an den Abgrund. Aber es ist eben nicht anders: der Weg zur
                        wirklichen <term type="Sachen" key="Freude, und Schmerz">Freude</term>
                        führt am Abgrund des wirklichen Schmerzes vorbei. Nur wer
                        hindurchgedrungen durch die scheinhafte Freude der Oberfläche in den
                        Bezirk des großen Schmerzes, nur er sieht dann auch die Pforten sich
                        öffnen nach dem Bezirk der großen Freude. <pb xml:id="p224" ed="pga"/>
                        Glücklich die Kinder, die tändelnd auf der Oberfläche weilen dürfen,
                        glücklich die kindlichen Erwachsenen, die zeitlebens gramlos sich auf
                        dieser Oberfläche tummeln mögen. Aber ich weiß euch Besseres als das
                        scheinhafte Ding, das sie <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>
                        nennen. Aus Kindern zu Menschen werden, das ist der Weg zu diesem
                        Bessern, und das Bessere selbst ist die wirkliche <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Und nun wollen wir’s versuchen, uns mitten
                        hineinzustellen in die bilderreiche und rätselhafte Gedankenwelt des
                            <rs type="person" ref="kbga-actors-4766">Mannes</rs>, der das Buch der Offenbarung, das am Ende unsres
                        Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term> steht,
                        geschrieben hat. Wir wollen’s uns ganz offen gestehen, dass diese
                        Gedankenwelt uns Menschen von heute <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> fremd
                        geworden ist. Es sind recht Wenige, die aufrichtig sagen können, dass
                        sie mit seinem Buch etwas anzufangen wissen, und die künstlichen
                        Auslegungen, die es sich seit Jahrhunderten hat gefallen lassen
                            müssen,<note xml:id="n09">Gemeint sind die seit der
                            altkirchlichen Zeit unternommenen Versuche, die Vorhersagen der
                            Johannes-Offenbarung entweder auf konkrete (vergangene und
                            gegenwärtige) Geschichtsereignisse zu beziehen oder sie
                            zeitgeschichtlich, chiliastisch, spiritualistisch, mystisch,
                            poetisch-prophetisch zu deuten. Eine ausführliche Übersicht bietet
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2573">
                                    <persName ref="kbga-actors-650">R. Kübel</persName>, <hi rend="italic">Die
                                Offenbarung Johannis</hi>, in zweiter Auflage durchgesehen und
                            ergänzt von O. Zöckler, in: <hi rend="italic">Pastoralbriefe, Hebräerbrief und
                                Offenbarung Johannis</hi>, ausgelegt von R. Kübel, neubearb.
                            von E. Riggenbach / O. Zöckler (KK.B 5), München 1898<hi rend="sup">2</hi>, S. 155–333, dort
                            S. 162–170</bibl>.</note> sind auch mit Schuld daran. Aber wir
                        können diesmal ruhig über diese Schwierigkeiten wegsehen; denn die
                        schöne Stelle, die ich mir heute zum Text genommen, lässt an Klarheit
                        und Einfachheit gar nichts zu wünschen übrig. Eins sehen wir auf den
                        ersten Blick: Der Mann, der da redet und zeugt von dem, was er
                        geheimnisvoll innerlich geschaut hat, das ist einer von denen, die durch
                        die heitere Oberfläche des <term type="Sachen" key="Leben, Oberfläche">Lebens</term> durchgebrochen und gründlich hindurchgegangen sind<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Mskr.: «ist»; von den Hrsg. geändert.</note>
                         durch das große Land des Menschenleides, das darunter verborgen
                        ist. Er hat aber auch nicht zu den selbstsüchtigen Duldern gehört, die
                        nur ihren eigenen kleinen oder großen Kummer in sich bewegen, hin- und
                        wie<pb xml:id="p225" ed="pga" break="no"/>derwälzen Tag und Nacht. Die Bewegung, die
                        wir noch aus seinen Worten herausspüren, ist die Bewegung einer tiefen
                        Persönlichkeit, die reif geworden ist in der Anschauung des tiefen
                        Leides der <term type="Sachen" key="Menschheit, Leid">Menschheit</term>.
                        Er hat hineingesehen in das Meer der <term type="Sachen" key="Menschheit">Völker</term>, die so verschieden sind an
                        Nationalität, an Kultur, an Religion, er hat Große und Kleine, Reiche
                        und Arme, Gebildete und Ungebildete, Christen, Juden und Heiden gesehen.
                        Aber er hat auch gesehen das einigende Band, das sich um Alle schlingt
                        und das sie im letzten Grunde alle einander gleichstellt, das einigende
                        Band der Tränen, die vergossen werden um Unrechts und Unglücks willen,
                        das Leid, den Jammer, die Pein der Menschen im Kampf ums <term type="Sachen" key="Mensch, Kampf ums Dasein">Dasein</term> und
                        endlich den Allherrscher <term type="Sachen" key="Tod, Allherrscher">Tod</term>, der über sie alle <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                        gebieterisch sein Zepter schwingt. Aber der Gang durch das Land des
                            <term type="Sachen" key="Leiden">Leides</term> liegt hinter ihm, und
                        nun beschreibt er uns in einem gewaltigen Bild, was er vor sich gesehen
                        hat. |</p>
                    <p>
                            <hi rend="italic">Das Erste ist vergangen</hi>. Das Erste ist die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> mit ihrem Gram und Glücke. Das
                        Glück hat sich ihm als Schein erwiesen bei dem großen Reifwerden, und
                        nun ist’s ihm mit einem Schlag aufgegangen, dass auch das tiefe,
                        tiefe Weh, das darunter verborgen war, vergänglicher Schein war. Und an
                        die Stelle des doppelten Scheins dessen, was wir so <term type="Sachen" key="Leben, doppelter Schein">Leben</term> heißen, ist eine große,
                        wunderbare Wirklichkeit getreten, die er nur stammelnd und mit
                        unvollkommenem Wort zu schildern vermag: <hi rend="italic">Ich sah einen neuen <term type="Sachen" key="Himmel, neuer">Himmel</term></hi>
                        <hi rend="italic">und eine neue <term type="Sachen" key="Erde, neue">Erde</term></hi>
                            <hi rend="italic">, denn der erste Himmel und die erste Erde
                            waren vergangen</hi>. Wer will’s wagen, diesen grandiosen
                        Gedanken nachzudenken oder auszumalen? Es wäre ein törichtes Beginnen.
                        Aber wir ahnen, was er mit dem Bilde will: er hat ein Leben, eine
                        Wirklichkeit gesehen, die mit den Bedingungen und Schranken unsres
                        äußern Daseins nur auch gar nichts gemein hat. Es handelt sich um etwas
                        Neues, das schlechterdings, vollständig neu ist. |</p>
                    <p>Und nun ein anderes geheimnisvoll klares Bild: <hi rend="italic">Und die heilige
                            Stadt, das neue <term type="Sachen" key="Jerusalem, neues">Jerusalem</term></hi>
                            <hi rend="italic">, sah ich herabkommen aus dem
                            Himmel, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut</hi>.
                        Es gab ein altes <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, im Lande <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName>, aber das gehört zu dem Ersten, das
                        vergangen ist, es war zu der Zeit, da jener Mann schrieb, dem Untergang
                        durch die Römer nahe,<note xml:id="n10">Barth geht hier
                            offensichtlich von der Frühdatierung der Johannes-Offenbarung aus,
                            wie sie noch zu seinen Studienzeiten durchaus üblich war. Daraus,
                            dass der <term type="Sachen" key="Jerusalem, Tempel">Tempel</term>
                            und <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> als
                            unzerstört vorausgesetzt erscheinen, und aus den Hinweisen auf die
                            römischen Herrscher schloss man auf eine Datierung der für
                            einheitlich erachteten Schrift auf das Jahr 68/69 n. Chr. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2573">
                                    <persName ref="kbga-actors-650">Kübel</persName> a.a.O.,
                            S. 186</bibl>.</note> aber noch weiß auch der Christ jener <pb xml:id="p226" ed="pga"/> Zeit keinen höhern Namen, um Alles das auszudrücken, was
                        seine <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> und
                        Hoffnung war. <term type="Sachen" key="Jerusalem, Gottesstadt">Jerusalem</term>, die Gottesstadt auf der neuen Erde unter <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> dem neuen Himmel. Gottes <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term>, <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, <term type="Sachen" key="Gott, Friede">Friede</term>, <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>, das ist <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. Und das höchste Bild menschlicher
                        Freude kann gerade spärlich schildern, was das für die Menschen
                        bedeutet: Bräutigam und Braut gehen sich entgegen, um in Zukunft nicht
                        mehr zwei, sondern eins zu sein. Und nun ertönt es vom Thron Gottes her
                        wie Heroldsruf: <hi rend="italic">Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und
                            er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er,
                            Gott, wird mit ihnen sein</hi>. Gott schenkt sich selbst den
                        Menschen, das ist der Inhalt der frohen <term type="Sachen" key="Evangelium">Botschaft</term>. Gott ist nicht einer, der seine
                        Liebe in milden Gaben à distance erweist, er selbst kommt und schlägt
                        sichtbar seine Hütte auf, um den Seinigen nahe zu sein, näher als irgend
                        ein Mensch dem andern. Und es kommt <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term> ins <term type="Sachen" key="Chaos">Chaos</term>,
                        die Völker werden <hi rend="italic">seine</hi> Völker, die Menschen
                            <hi rend="italic">seine</hi> Menschen. |</p>
                    <p>Und weiter ruft der Herold: <hi rend="italic">Er wird abwischen alle Tränen von ihren
                            Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei,
                            noch Pein</hi>. Wir sind in einer andern Welt. <term type="Sachen" key="Himmel">Himmel</term> und <term type="Sachen" key="Erde (Planet)">Erde</term> und die <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> mit ihren harten <term type="Sachen" key="Naturgesetze">Gesetzen</term> sind verschwunden; der Schein hat
                        der Wirklichkeit Platz gemacht. Die <term type="Sachen" key="Wirklichkeit, neue W. Gottes">Wirklichkeit</term> ist Gott, und
                        wo Gott ist, da ist keine Not und kein Schmerz mehr. Was war das Leid
                        der <term type="Sachen" key="Menschheit, Leid">Menschen</term>? Der
                            <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>Kampf mit der Natur<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Was war der <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term>? Ein Gesetz
                        der <term type="Sachen" key="Tod, Naturgesetz">Natur</term>. Aber die
                        Natur und ihre Gesetze sind nur Gottes geheimnisvolle <term type="Sachen" key="Naturgesetze, Gottes geheimnisvolle Erziehungsmittel">Erziehungsmittel</term> gewesen. Im Drang der <term type="Sachen" key="Not">Not</term> sollten wir zu Menschen reifen, und im
                        Angesichte des unerbittlichen Todes unsterblich werden lernen, zeitlich
                        noch schon ewig sein.<note xml:id="n11"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-261">Variante zu einer
                            Zeile aus Strophe 1 des Liedes «Lasset uns mit Jesus ziehen» von <persName ref="kbga-actors-9190">S. von Birken</persName> (GERS 295; EG 384)</bibl>: «Irdisch noch schon himmlisch sein».</note> Durch den schweren Kampf der Natur führt uns Gott in
                        das Land der <pb xml:id="p227" ed="pga"/>
                        <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> wo wir erkennen, dass für seine Kinder Not und Tod nicht
                        mehr sind. Und endlich erhebt sich Gott selbst von seinem Thron und
                        spricht machtvoll bestätigend: <hi rend="italic">Siehe, ich mache Alles neu</hi>.
                        Gott sagt es und Gott tut es.</p>
                    <p>Ja, liebe Freunde, was sagt ihr zu diesem prophetischen Wort des
                        christlichen <rs type="person" ref="kbga-actors-4766">Sehers</rs> aus alter Zeit? Darin sind wir wohl Alle einig, dass
                        es zu der <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term>, in der
                        wir uns befinden, in recht naher Beziehung steht. Eine größere <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> und Erwartung als
                        die der neuen Wirklichkeit <term type="Sachen" key="Wirklichkeit, neue W. Gottes">Gottes</term> kann es ja wohl
                        nicht geben. Aber nun möchte mir vielleicht der eine oder andre
                        einwenden, hier sei vom <term type="Sachen" key="Leben, nach dem Tod">Leben</term> nach dem Tode, von dem, was man wohl auch das <term type="Sachen" key="Jenseits">Jenseits</term> nennt, die Rede, von
                        der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>, vom Reich der
                        Seligen. Seht, ich glaube, es ist doch eine große Verflachung unsrer
                        christlichen <term type="Sachen" key="Hoffnung, christliche">Hoffnung</term>, wenn wir so scheiden zwischen <term type="Sachen" key="Diesseits">Diesseits</term> und Jenseits. Diese Scheidung hat
                        etwas Kaltes, sie widerspricht der Wahrhaftigkeit eines fröhlichen <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Christenglaubens</term>,
                        und sie gibt unsern Adventsgedanken etwas Halbes und Rationalistisches<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Oder ist’s denn nicht so, ich meine, vor Gott sind auch
                            <term type="Sachen" key="Gegenwart, vergänglicher Schein vor Gott">Gegenwart</term> und <term type="Sachen" key="Zukunft, vergänglicher Schein vor Gott">Zukunft</term> ein
                        vergänglicher Schein, und die göttliche <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> ist etwas ganz Anderes als die
                        endlose <term type="Sachen" key="Zeit, endlose">Zeit</term>, die auf
                        diese Zeit folgt. Vielleicht ist dieser Gedanke Manchem von euch
                        ungewohnt, aber ist denn nicht gerade das der frohe Inhalt unsres <term type="Sachen" key="Glaube, Adventglaube">Adventsglaubens</term>,
                        dass wir wissen, dass Gott <hi rend="italic">da ist</hi> in seiner ganzen <term type="Sachen" key="Gott, Fülle">Fülle</term> für jeden, dem er Augen
                        und Herz auftut, ihn zu sehen? Freilich steht er <hi rend="italic">vor</hi> uns,
                        ob wir ihn suchen und finden möchten, freilich wächst seine Größe und
                        Herrlichkeit, je tiefer wir in sein <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Wesen
                        eindringen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er Wohnung
                        genommen hat unter uns. Er ist da, der da kommen soll, und wir brauchen
                        keines andern zu warten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.3">Mt. 11,3</ref> par.].</p>
                    <p>Und nun fällt Licht auf die große Lebensfrage, von der wir geredet haben.
                        Mitten im Land des <term type="Sachen" key="Leiden">Leides</term> und
                        der Tränen und des Todes hat einer ein Rauschen gehört wie von
                        verborgenen Wassern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.14.2">Apk. 14,2</ref>]. Im Wogen des <term type="Sachen" key="Leben">Menschenlebens</term> und des Menschenschmerzes vernehme ich
                        wundersame Worte von <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>.
                        Und das waren keine Worte wie die andern, sondern sie kommen von
                        geheimnisvollen Quellorten. Vielleicht waren es die Worte <pb xml:id="p228" ed="pga"/> eines <term type="Sachen" key="Apostel">Apostels</term>,
                        vielleicht eines Denkers und Dichters, vielleicht eines armen,
                        vergessenen Menschen, den seine Stätte nicht mehr kennt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.16">Ps. 103,16</ref>]. Jedenfalls
                        kamen sie aus dem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, und dies <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> wächst, wie die Erde
                        von ihr selbst das Gras bringt, dann die Ähren, danach den vollen Weizen
                        in den Ähren [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.28">Mk. 4,28</ref>].
                        Und in diesem Reich hat Schmerz und <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> ein Ende, weil diese Mächte nur Vergängliches stören und
                        zerstören können. Die Menschen, die dahin gehören, wissen aber von einem
                        Unvergänglichen, sie wissen nicht nur, sondern sie haben es. Die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> ist da. Und die
                        Ewigkeit ist da, weil Jesus da ist.</p>
                    <p> Ich soll dir die Brücke zeigen aus dem Reich des <term type="Sachen" key="Leiden">Leides</term> in das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, meinst du? Siehe, der Wind bläst,
                        wo er will, und du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, von
                        wannen er kommt, noch wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus
                        dem Geist geboren ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.8">Joh. 3,8</ref>]. Sieh, das ist das Große unsres <term type="Sachen" key="Glaube, Adventsglaube">Adventsglaubens</term>, dass wir auf
                        Gott warten dürfen <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> und nicht auf Menschen.
                            <hi rend="italic">Er</hi> macht Alles neu. Das ist das ganze <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>, das sei unsre
                            <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>.</p>
                    
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.</l>
                                <l>Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume</l>
                                <l>Sah ich den Herrn das Brot den Zwölfen brechen</l>
                                <l>Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.</l>
                                <l>Weit über ihre Häupter lud die Erde</l>
                                <l>Er ein mit allumarmender Gebärde.</l>
                                <lb/>
                                <l>Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben</l>
                                <l>Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,</l>
                                <l>Da breiteten sich unter tausend Händen</l>
                                <l>Die Tische, doch verdämmerten die Enden</l>
                                <l>Im grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen</l>
                                <l>Kummergestalten saßen ungerufen.</l>
                            </lg>
                        </q>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute</l>
                                <l>Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute,</l>
                                <l>Da sprangen reif die Brunnen auf des Lebens,</l>
                                <l>Da streckte keine Schale sich vergebens,</l>
                                <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p229" ed="pga"/> Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,</l>
                                <l>Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.<note xml:id="n12"> <bibl corresp="kbga-bibls-2574">
                                            <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName>,
                                            <hi rend="italic">Alle</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Sämtliche Werke
                                            in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben
                                            letzter Hand</hi>, mit einem Nachwort von E.
                                        Laaths, Bd. 2, S. 138, München 1968.</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-128">Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen» von <persName ref="kbga-actors-1401">M.
                                Schirmer</persName>, Strophen 1–2 und 3–5 (RG
                                365,1.3;4–6; EG 9,1.3;4–6).</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-107">Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteege</persName>n, Strophen 1.2.5
                                (RG 661,1.2 [Strophe 5 fehlt]; EKG <choice>
                                    <sic ed="pga">70</sic>
                                    <corr>270</corr>
                                </choice>,1.2.5).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
