Predigt Nr. 22 · 28. November 1909

Predigt: Jesaja 9,1

206
22
Jesaja 9,1
Das Volk, das im Finstern wandert, siehet ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheinet es helle.
Meine lieben Zuhörer und Freunde!

Adventszeit! Beim Klang des Wortes schon wird’s mir wunderlich weich und warm zu Mute. Wir denken zurück an die Tage der Kindheit, wo wir mit den Geschwistern um die Wette die Adventswochen zählten, die uns noch von Weihnachten trennten. Wo wir mit mehr oder weniger Ausdauer und Eifer an die Arbeit gingen, um allerlei Überraschungen für Eltern und Großeltern herzustellen. Wo wir selbst unsre kleinen Wünsche, die klugen und die törichten, der Mutter ins Ohr flüsterten oder auf ein Papier schrieben zur Bestellung ans Christkindchen. Und wo wir des Abends, wenn es dämmerte und draußen die kalten Winde bliesen und die ersten Flocken fielen, die alten, lieben Lieder anstimmten und uns neu ins Gedächtnis riefen, um so gerüstet zu sein für das hohe Fest, auf das wir uns freuten. Adventszeit, die Wartezeit der Kinder, und wie mancher Erwachsene erlebt sie alle Jahre wieder mit, selber selig im tiefsten Herzen in dieser Stimmung kindlicher Erwartung.

Aber das ist nicht Alles. Die Adventsglocken reden noch von andern Dingen. Zu dena Menschen nämlich, die durch ihr Wissen und mehr noch durch ihr ahnendes Empfinden Augen und Ohren haben für die großen Zusammenhänge des menschlichen Wesens und der Jahrtausende seiner Geschichte, für jene Zusammenhänge, in denen jedes von uns bewusst und unbewusst ein kleines Glied ist. Advent heißt Ankunft. Und dann stellen wir uns mitten hinein in die geheimnisvolle Reihe der Menschen der Vergangenheit. Wir lauschen auf die Klänge aus alten und ältesten Tagen, und wer’s versteht, bescheiden und freundlich zu lauschen, der vernimmt aus diesen Klängen den |207 leisen und doch unendlich starken Ton der Adventsglocken, und sein eigenes Innerstes nimmt ihn auf und antwortet. Wir hören die Reden der großen Propheten Israels vom Messias und vom Friedensreich zu Jerusalem. Wie fremdartig und fern ihre Worte klingen! und wie nahe und vertraut ist uns dann doch wieder das, was wir hinter ihren Worten spüren, was durch die Worte hindurchleuchtet. Es ergreift uns, es nimmt uns mit, und wir schauen mit ihnen aus auf das, was da kommen soll. Wir vertiefen uns in die ahnungsvollen Gedanken Platons und seiner Freunde1, wir vergessen, dass wir gewöhnt sind, sie zu den sogenannten Heiden zu rechnen, und wir strecken uns mit ihnen aus nach der unvergänglichen Wahrheit, die ihnen aus dem verworrenen Spiegel dieser Scheinwelt entgegenleuchtete. Und wir hören weiter in der jungen christlichen Gemeinde der ersten Zeit jene ergreifenden Klänge der Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn und Meisters. Wie schwer zugänglich uns immer das Verständnis jener Gedanken sein mag, wir ahnen ihren Inhalt mehr als wir ihn verstehen und stimmen mit ein in das inbrünstige Gebet: Amen, ja komm, Herr Jesu! [Apk. 22,20] Die Klänge vom Kommenden, vom Bevorstehenden klingen weiter durch die Jahrhunderte, sie können nicht zur Ruhe kommen, weil sie der Herzschlag wirklichen Menschenlebens sind. Advent! Ankunft! Es kommt! Was kommt? Gott kommt, zu dir und zu mir. Augen auf und Herzen auf, er ist größer und reicher, als wir Kinder und wir erwachsenen Kinder es uns träumen lassen.

I

In einer seltsamen Stunde – wer will beschreiben, was in der Seele eines Propheten vorgeht? – hat Jesajas ein gewaltiges Bild von erschütterndem Ernst gesehen: Ein unermessliches Heer: Männer, Frauen, Kinder, Alte am Stabe gehend, Unmündige auf der Mütter Armen, zu Fuß die meisten, einige zu Ross und zu Wagen, und das Alles zieht dahin auf endloser Landstraße von Westen nach Osten. Jeder hat genug damit zu tun, auf seine eigenen Füße zu sehen. Da und |208 dort stolpert einer, fällt, steht wieder auf. Da und dort bleibt einer liegen, mürrisch fahren ihn die andern an, er gerät unter die Füße der Tiere und unter die Räder. Es sieht sich keiner um. Vorwärts, vorwärts! Und über dem unheimlichen, hastenden Zuge liegt tiefe, rabenschwarze Nacht.

Wir ziehen stumm, ein geschlagenes Heer,
Erloschen sind unsre Sterne.2

Sie wissen nicht, woher sie kommen, noch wohin sie gehen, weiter, weiter! Aus dem Dunkel ins Dunkel! Sie sind das Volk, das im Finstern wandert.

Und da, seitab von der Landstraße, haben andre Halt gemacht, haben in tieferliegenden Gründen leichte Zelte aufgeschlagen, auch hier waltet der Unfriede und die stille Verdrossenheit und auch hier die tiefe, undurchdringliche Nacht. b-Sie rasten und warten und wissen doch nicht, auf was sie warten, denn es ist dunkel und wird dunkel bleiben. Ein Volk, das im finstern Lande wohnet.-b

Da auf einmal gibt’s eine Stauung im Zuge der Rastlosen. Weit vorne scheinen sie Halt gemacht zu haben mitten im Wandern. Ärger wird das Gedränge. Die Männer schelten und treiben vorwärts. Kinderstimmen mischen sich in das Getöse. Aber was ist denn das? Was da vorne die Menschen stillstehen macht, das scheint kein Unglück und kein Streit zu sein. Tönten nicht eben freudige Jauchzer durch die Luft? Und da kommt einer gelaufen von der Spitze des wandernden Zuges, geht zu diesem, geht zu jenem und ruft ihm etwas zu, einer sagt’s dem andern, zahlreicher und lauter werden die Freudenrufe, das Hasten und Schelten wird schwächer und seltener, auch die ganz hinten haben nun Halt gemacht. Denn nun sind Alle aufmerksam ge|209worden, dass da vorne im Osten etwas vorgeht, was noch keiner aus dem Volke der Nacht geschaut. Erst war’s nur ein merkwürdiger, grauer Schein, den keiner beachten wollte, dann wurde er gar merkwürdig rötlich und gelblich, und es kam auf die Gesichter der im Finstern Mitwandernden und auf die Berge und Gründe zur Seite der Straße eine sonderbare Helle, von der Keiner etwas geahnt hatte zuvor. Und jetzt, Wunder des Wunders, erhebt sich ein leuchtender, feuriger Ball über den nun erkennbar gewordenen Horizont. Längst haben die in den Gründen ihre Wanderzelte verlassen und sind auf die nächste Anhöhe gelaufen, um das Unerhörte zu sehen. Und es ruft, es jubelt aus tausend, tausend Kehlen: Ein Licht, ein Licht! Sie können sich nicht satt sehen, sie können es nicht begreifen und fassen, und nun blickt zum ersten Mal einer dem Andern ins Auge, geblendet von der ungewohnten Helle und doch strahlend über die Freiheit und Freude, die wie magnetisch einer am Andern findet. Und von den Mitwanderern wendet sich der Blick auf die Gefilde und Abhänge zur Rechten und zur Linken, die in der geheimnisvollen Klarheit des Morgens daliegen. Und weiter erkennt das geblendete Auge im Strahl des großen Lichtes da vorne am Horizont die Türme und Zinnen einer freundlichen Stadt, reich und weit genug, um all das wandernde Volk aufzunehmen. Golden glänzen die Tore, gastlich geöffnet. Das Hasten ins Ungewisse ist zu Ende, das Ziel ist nahe. Das Volk der Toten, das Volk der Gespenster, das Volk der Nacht hat die Sonne gesehen. Das Volk, das im Finstern wandert, siehet ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheinet es helle. Ein großes Licht! Es kommt, es ist da. Adventszeit. Der Vorhang fällt. Wir haben die Menschheit gesehen.

II

Frage einmal den ersten besten deiner Mitmenschen, zu was er meine, dass er auf der Welt sei? Oder sieh einmal zu bei irgend einem Anlass, wo ein Mensch so recht aus sich herausgeht, um irgend etwas durchzusetzen. Oder nimm dir einmal die Mühe, den Motiven nachzuspüren, wenn eine große Anzahl Menschen sich um etwas ereifert, schreit, die Hände verwirft, von Pontius zu Pilatus läuft,3 weil man irgend |210 etwas oder irgend jemand haben will oder nicht haben will. Oder noch besser: pass mal auf auf dich selbst und auf die verborgenen Kräfte, die dein Denken und deinen Willen vorwärts treiben, manchmal auch im Kreise herum. Kurzum, betrachte das Menschenleben einmal so, als ob du eine große Maschine vor dir hättest und möchtest gern den Motor sehen, der die wunderlichen Räder und Stangen in Bewegung setzt. Vielleicht ist elektrische Kraft von respektabler Potenz im Spiel, vielleicht ist’s Dampfkraft, vielleicht ist’s ein Wasserrad, das vom Fluss getrieben wird, vielleicht ist’s aber auch nur ein armer alter Gaul, der an einem Göpel4 eben zum 27 000. Mal einen Zirkel beschreibt. Erst vor einigen Tagen hat mir wieder jemand gesagt, es sei seine feste Überzeugung, dass die übergroße Mehrzahl der Menschen unbewusst leben, d. h. dass es ihr gar nicht einfalle, sich die Fragen: woher? wohin? wozu? überhaupt zu stellen, dass ihr inneres wie ihr äußeres Leben ablaufe wie das Räderwerk einer Uhr, mechanisch, unbewusst. Ich habe nicht genug Menschenkenntnis, um zu sagen, ob das in dem Umfang wahr ist, aber ich kann es nicht leugnen, dass ich alle Tage Spuren von solch unbewusstem, scheinhaftem Menschenleben sehe. Es gibt unzählige, denen die Frage: wozu das Leben und Treiben? nie eine schwere Viertelstunde gemacht. Sie leben, weil sie leben. Vorwärts, vorwärts! Ein jeder Tag hat seine Plage [vgl. Mt. 6,34], die Maschine läuft, etwas Öl zwischen die Räder, damit ist’s gut. Ein Volk, das im Finstern wandert! Aber was dann? Zum Volk der Unbewussten will ja wohl Keiner gehören, wenn man ihn darauf anredet. Und wenn man nun weiter fragt und sucht nach den Triebfedern und Motoren, dann steigen die Worte und Schlagworte, an die die Menschen sich anklammern, herauf wie die wallenden Dämpfe aus einem brodelnden Kessel. Zufriedenheit, sagt der erste, Fortschritt der zweite, Glück der dritte, Wahrheit der vierte. Sachte, meine Freunde, was meint ihr mit den Worten? |

Zufriedenheit ist eine schöne Sache, fragt sich nur: Zufriedensein mit was? Fragt sich nur, ob die Andern auch zufrieden sind über das, |211 was dich zufrieden macht. Wenn nicht, dann könnte es mit dem Frieden und der Zufriedenheit bald aus sein, und dein Motor genügt nicht. Fragt sich nur, ob deine Zufriedenheit nicht nahe verwandt ist mit Trägheit und ob du in Wirklichkeit nicht doch dem Gaul am Göpel gleichst.

Fortschritt! Ein treffliches Wort. Aber zu was wollen wir fortschreiten? Merkwürdig, ich kann mich ja täuschen, aber mir ist’s immer, als höre ich beim Klang dieses trefflichen Wortes besonders deutlich das Tick-Tack des unbewussten Räderwerkes. Vielleicht ist das treffliche Wort einmal lebendig gewesen, und wir streiten uns bereits um eine Leiche, wie sich nach der alten Sage Engel und Teufel um die Leiche des Mose stritten [vgl. Jud. 1,9]. Vergesst nicht, dass das Räderwerk auch fortschreitet, aber fragt mich nur nicht wie, im Kreise herum nämlich.

Glück! Sehr gut, sehr schön. Wir sehen unwillkürlich eine befriedigte Familie, Vater, Mutter, Kinder um einen Tisch, mit bescheidenen, aber trefflichen Bissen besetzt, daneben rumort ein Kaminfeuer und gleich werden sie anheben zu singen: «Hab oft im Kreise der Lieben...»,5 und Alle sind überzeugt, dass Alles, Alles gut sei. Sehr schön, bin auch dabei. Nur stört es mich, dass ich gerade in diesem Moment an den Bruder von der Landstraße denken muss, der sich jetzt anschickt, in einem Stall zu übernachten, oder an diesen Knaben und jenes Mädchen, die keine Heimat und keine Freunde haben. Ihr erinnert mich freundlich an die viele Wohltätigkeit, die uns doch ein gutes Gewissen gebe, Allen freilich könne man es nicht behaglich machen. Wohl gesprochen. Aber eben darum kommt es mir so vor, als müsse Glück etwas ganz Anderes sein als Behaglichkeit des innern und äußern Menschen, als ob’s vielleicht auch bei euch wieder das unbewusste Tick-Tack sei, das ihr Glück nennt. Nehmt mir’s nicht übel, ich will kein Spielverderber sein, aber das Reden vom Glück ist immer ein lahmer Motor gewesen. |

212 Die Wahrheit! Es ist ein hohes und feines Ding um die Wahrheit, ob wir nun an die Wahrheit im Felde der Erkenntnis oder an die Wahrheit des Charakters denken. Aber wisst ihr, wer die sind, die das Wort «Wahrheit» am seltensten in den Mund genommen haben? immer die, die die Sache «Wahrheit» selbst am besten kannten. Sie haben gewusst, dass diese feine Sache auch mit feinen Händen gesucht sein will, und sie haben sich gehütet, sie zum Schlagwort von Parteien und Massenbestrebungen zu machen. Sonst bemächtigt sich das dumpfe Unbewusste des Wortes, und die Wahrheiten werden Phrasen, wie es tausend andern vor ihnen ergangen ist.

Und wenn wir so alle die schönen Worte und Gedanken, die aus den Köpfen und Herzen der Mitmenschen und aus unsern eigenen aufsteigen, wenn wir sie an uns vorüberziehen lassen, wenn wir sie uns ansehen von vorne und von hinten, dann möchte uns wohl ein Grausen anfassen vor ihrer Dunkelheit und Zweideutigkeit. Sie helfen uns und sie helfen uns doch nicht. Wir packen sie und laufen damit zwei, drei Schritte stillvergnügt oder laut schreiend, und dann sind wir schon angerannt an einen Vordermann, und im Zusammenstoßen fällt uns das schöne Wort aus den Händen, die Seifenblase zerplatzt, wir finden ihre Spur nicht mehr, stolpern und geraten gar unter die Räder des Lebens. Ein Volk, das im Finstern wandert.

Und die Sinnlosigkeit und das Unbewusstsein des Lebens der einzelnen Menschen spiegelt sich in gewaltigen Dimensionen wider in den Formen ihres gesellschaftlichen Lebens. Jede Plakatsäule und jede Zeitungsnummer redet davon eindringliche Worte. Was steht denn eigentlich hinter den – «zündenden» – wie man das nennt – Versicherungen und Tiraden dieser Wahlproklamationen, was hinter diesen abgeschmackten Bildern im Riesen-Format, die zu irgend einer Vergnügung einladen, was rennt das Volk, was wälzt sich da?6 Die großen und schönen Worte stehen dahinter, meine Freunde, deren Wert wir eben geprüft haben, und hinter den Worten steht das große Unbewusstsein, steht der arme Gaul, der den Göpel dreht und weiß nicht warum.

213 Wir haben eine Gesellschaft. Wir haben sogenannte «gute» Familien und sogenannte weniger gute, hohe und niedere, gebildete und ungebildete, wie man das ja wohl so nennt. Sagt mir nur einmal, woher wir die Maßstäbe haben, nach denen wir Wert und Unwert verteilen? Was gilt’s, der Kessel fängt wieder an zu brodeln, und neu abgekocht steigen die alten Worte hervor: vom Fortschritt, vom Glück, von der Wahrheit. Und hinter den Worten steht das Unbewusstsein.

Wir haben einen Staat, wir haben Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen, mit allem Komfort der Neuzeit versehen. Wie viele machen sich Gedanken darüber, wozu das Alles? Es ist eben so, man macht es eben so, aber für Tausende und Abertausende ist der Stolz des Jahrhunderts, unsre öffentliche Kultur, im Grund ein dunkles Rätselding. Sie schwimmen darin mit, wie Alles mitschwimmt, aber im Grunde ist das Unbewusstsein und der Stumpfsinn Meister, nicht mehr und nicht weniger als bei dem Neger in Afrika, der eben auch in der Kultur seines Dorfes so mitschwimmt.

Ein Volk, das im finstern Lande wohnet, hier und dort. Es fällt mir wahrhaftig nicht ein, mit einzustimmen in das Klagegeschrei über die Unchristlichkeit und Verdorbenheit der modernen Kultur, das man von so mancher Kanzel herunter und in so manchem sogenannten christlichen Blatt und Blättchen vernehmen muss. Es ist nicht wahr, dass die Welt ein Jammertal und die moderne Menschheit ein Sündenpfuhl geworden sei; ich meine

Was unser Gott erschaffen hat,
Das wird er auch erhalten,
Darüber wird er früh und spat
Mit seiner Gnade walten.7

Aber das sage ich allerdings, dass ich mich an aller Kultur und an allen Menschen nur freuen kann im Gedanken an das, was sie werden sollen. Sehe ich das an, was sie sind, das, was ich bin, dann kann ich dem Bilde des Jesajas nicht ausweichen und sehe ein Volk der Toten, ein Volk der Gespenster, das im Finstern wandert und im finstern Lande wohnt. Seinen Worten fehlen die Werte. Woher kommt es? Es weiß es nicht. Wohin geht es? Es weiß es nicht. Wozu das Wandern? Wozu das Wohnen? Es weiß es nicht.

214 Und ein geheimes Grausen
Beschleichet unsern Sinn.
Wir sehnen uns nach Hause
Und wissen nicht wohin?8

III

Liebe Freunde! Von dem geheimen Grausen über die finstere Fremde dessen, was ist, und von der Sehnsucht nach Hause, von der Sehnsucht nach dem, was werden soll, hören wir die Menschen aller Länder und Zeiten singen und sagen. Und wenn das Grausen sich wandelte in eine Freude, die von keiner Enttäuschung weiß, wenn die Sehnsucht ihre Erfüllung fand, das waren dann die geheimnisvollen Adventszeiten im Leben der Menschen und in der Geschichte der Menschheit.

Da und dort hat einer ein Leuchten gesehen, fern und fremd an seinem dunkeln, fernen Horizont. War’s Wahrheit? War’s Täuschung? Er erzählt es dem Gefährten, der mag resigniert den Kopf schütteln, c-aber der Andre-c kann das Leuchten nicht vergessen. Was hat er gesehen? Er hat das verborgene Leben gesehen, das man mit Worten kaum zu beschreiben vermag, das hinter der Finsternis des Unbewusstseins, hinter der Finsternis der schönen Worte wogt und rauscht.

Und dort kommt ein breiter Streifen Morgendämmerung. Es ist einem Menschen, vielen Menschen etwas davon aufgeleuchtet, dass das Leben des Brotverdienens und des sogenannten Vergnügens kein Wert ist, solange es gelebt wird von einem unbewussten Naturwesen, solange der Mensch nichts weiß von dem Meißel des Gehorsams und dem Hammer der Wahrhaftigkeit, mit dem er sich selbst, dem schaffenden Künstler gleich, gestalten soll zum wahren Menschen. Ein Amos ruft es seinen Volksgenossen zu: Möge Recht sprudeln wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach [Am. |215 5,24]. Und ein Sokrates führt die Athener aus dem Lärm des Marktes in die Stille und heißt sie sich selber erkennen.9

Und die Morgenröte des Lebens dehnt sich höher und breiter über den nächtlichen Himmel des Unbewusstseins. Da und dort sind einige tiefer gestiegen zu den Quellen dieses Lebens; sie kommen wiederd und sagen’s den Andern: Wisst ihr’s schon: Leben ist etwas ganz Andres als trotzig sich selbst behaupten, als mürrisch und zähe an seinem Recht festhalten. Leben, sich selber finden heißt sich selber verlieren [vgl. Mt. 16,25], heißt überwinden, heißt dienen, heißt sich opfern. Wir denken an die rätselhaften hohen Lieder des zweiten Jesaja vom leidenden Gottesknecht,10 wir denken an das Dichten der Völker des vordern Asiens vom sterbenden und auferstehenden Gotthelden.11 Immer wieder ist’s Ahnung des Bevorstehenden, immer wieder ist’s Weissagung des Kommenden. Das Bevorstehende ist das Leben, das Kommende ist Gott. Und so ist’s immer Adventszeit.

Und dann, um die Wende der Zeiten, ist ein Licht zu den Menschen gekommen, von dem singen nun bald zwei Jahrtausende:

Das ew’ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt einen neuen Schein.
Es leucht’t wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht.12

Das verheißungsvolle Leuchten, die wachsende Morgendämmerung, die gewisse und starke Morgenröte des neuen Tages sind in diesem Licht zusammengefasst zur stillen, starken Flamme. Ihr wisst, dass ich von Jesus Christus rede. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen [Joh. 1,4]. Sein stilles, reines, gutes Wesen haben |216 die Menschen nicht vergessen können. Sein Leben und noch deutlicher sein Sterben hat ihnen das gezeigt in strahlender Gegenwart, was Israel gehofft und Griechenland träumerisch geschaut hatte. Adventszeit! Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit [Joh. 1,14]. Eine kurze Zeit nur ist Jesus über die Erde gegangen. Es kamen andre Zeiten, andre Menschen, und es war auch immer noch Finsternis da, die das Licht nicht begreifen wollte [vgl. Joh. 1,5]. Aber das Adventslicht war da und, merkwürdig, immer größer, immer heller begann es zu scheinen. Und wo Menschen ein helles, unverlöschliches Licht angezündet haben, da war das Feuer von jenem großen Licht genommen. Ein Volk von allerlei Zungen wandert im Scheine dieses Lichts, und da ist kein wirklich Besinnlicher unter ihnen, der es nicht freudig gestände, dass in keinem Andern Heil sei, dass auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschenkindern gegeben sei, der diesem gleichkäme [vgl. Act. 4,12].

Und nun scheint dies ewige Licht auch in dein und mein Leben hinein, lieber Freund. Weißt du etwas zu sagen von der Finsternis des Unbewusstseins, dann mach einmal die Augen auf, da vorne kommt etwas, das deinem leeren Leben, wie bescheiden und verborgen es immer sein mag, unermesslich reichen Inhalt geben will. Bist du des Lebens müde geworden über den abgenützten schönen Worten, nach denen du immer wieder gegriffen hast? Dann merk doch ja auf, was da kommt, das könnte etwas für dich sein!

Wir wandern im Finstern, aber wir sehen ein großes Licht, und im Scheine dieses Lichts sehen wir die Ewigkeit vor uns liegen, in die unser kleines Leben einziehen soll, nein: darf.

Wir wohnen im finstern Lande, aber schon scheinet es hell über uns, und da vorne kommt Freiheit und Freude, um unser zu werden.

Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht [Gen. 1,3].

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b-b
Im Mskr. sind beide Sätze ursprünglich miteinander vertauscht.↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «er».↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩

Sachfußnoten

1
Platon (428/427–348/347 v. Chr.), griechischer Philosoph, Schüler des Sokrates (470/469–399 v. Chr.), an der von ihm gegründeten Akademie Lehrer u. a. von Aristoteles (384–322 v. Chr.).↩
2
Beginn der dritten Strophe des «alten Nordmännerliedes», in: J. V. von Scheffel, Ekkehard. Eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert, hrsg. von Fr. Panzer, Leipzig / Wien 1917, S. 143 (Erstdruck: 1855) 📖:
Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne –
O Island, du eisiger Fels im Meer,
Steig’ auf aus nächtiger Ferne.
↩
3
Redensart, mit der in karikierter Aufnahme des Ablaufs des Prozesses Jesu ein sinnloses Hin- und Herschicken oder -laufen bezeichnet wird; vgl. Büchmann, S. 52 📖.↩
4
Häufig im Bergbau eingesetzte Kraftmaschine, deren Hauptwelle von einem im Kreis gehenden Menschen oder Tier (in der Regel Pferde) angetrieben wird.↩
5
Beginn der ersten Strophe des Gedichts «Frisch gesungen!» von A. von Chamisso (Erstdruck: 1831; Sämtliche Werke, München 1975, Bd. 1, S. 199) 📖:
Hab oft im Kreise der Lieben
In duftigem Grase geruht,
Und mir ein Liedlein gesungen,
Und alles war hübsch und gut.
↩
6
Beginn der ersten Strophe des Gedichts «Der Kampf mit dem Drachen» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1798; Sämtliche Werke, München 19623, Bd. 1, S. 391–399, dort S. 391). 📖 ↩
7
Beginn der dritten Strophe des Liedes «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz (RG 240; EG 326). 🎵 ↩
8
Schluss des ersten Teiles des sechsteiligen Gedichtzyklus «Der Pilger» von J. von Eichendorff (Erstdruck: 1837; Werke, hrsg. von A. Hillach, München 1970, Bd. 1, S. 276–278, dort S. 276) 📖.↩
9
Anspielung auf die Inschrift am Tempel von Delphi, die Sokrates seinen Zuhörern als Weisheit ans Herz legt: «γνῶθι σεαυτόν» (vgl. Platon, Protagoras 343β 📖)↩
10
Jes. 42,1–4; 49,1–6; 50,4–11; 52,13–53,12.↩
11
Vgl. M. Brückner, Der sterbende und auferstehende Gottheiland in den orientalischen Religionen und ihr Verhältnis zum Christentum (Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart, Reihe I: Religion des Neuen Testaments, Bd. 16), Tübingen 1908 📖.↩
12
Strophe 4 des Liedes «Gelobet seist du, Jesu Christ» von M. Luther (RG 392; EG 23). 🎵 ↩