Predigt: Jesaja 9,1
Adventszeit! Beim Klang des Wortes schon wird’s mir wunderlich weich und warm zu Mute. Wir denken zurück an die Tage der Kindheit, wo wir mit den Geschwistern um die Wette die Adventswochen zählten, die uns noch von Weihnachten trennten. Wo wir mit mehr oder weniger Ausdauer und Eifer an die Arbeit gingen, um allerlei Überraschungen für Eltern und Großeltern herzustellen. Wo wir selbst unsre kleinen Wünsche, die klugen und die törichten, der Mutter ins Ohr flüsterten oder auf ein Papier schrieben zur Bestellung ans Christkindchen. Und wo wir des Abends, wenn es dämmerte und draußen die kalten Winde bliesen und die ersten Flocken fielen, die alten, lieben Lieder anstimmten und uns neu ins Gedächtnis riefen, um so gerüstet zu sein für das hohe Fest, auf das wir uns freuten. Adventszeit, die Wartezeit der Kinder, und wie mancher Erwachsene erlebt sie alle Jahre wieder mit, selber selig im tiefsten Herzen in dieser Stimmung kindlicher Erwartung.
Aber das ist nicht Alles. Die Adventsglocken reden noch von andern Dingen. Zu dena
Menschen nämlich, die durch ihr Wissen und mehr noch durch
ihr ahnendes Empfinden Augen und Ohren haben für die großen Zusammenhänge
des menschlichen Wesens und der Jahrtausende seiner Geschichte, für jene
Zusammenhänge, in denen jedes von uns bewusst und unbewusst ein kleines
Glied ist. Advent heißt Ankunft. Und dann stellen wir uns mitten hinein in
die geheimnisvolle Reihe der Menschen der Vergangenheit. Wir lauschen auf die Klänge
aus alten und ältesten Tagen, und wer’s versteht, bescheiden und
freundlich zu lauschen, der vernimmt aus diesen Klängen den |207 leisen und doch unendlich starken Ton der Adventsglocken, und
sein eigenes Innerstes nimmt ihn auf und antwortet. Wir hören die Reden der
großen Propheten Israels vom
Messias und vom Friedensreich
zu Jerusalem. Wie
fremdartig und fern ihre Worte klingen! und wie nahe und vertraut ist uns
dann doch wieder das, was wir hinter ihren
Worten spüren, was durch die Worte hindurchleuchtet. Es ergreift uns, es
nimmt uns mit, und wir schauen mit ihnen aus auf das, was da kommen soll.
Wir vertiefen uns in die ahnungsvollen Gedanken
I
In einer seltsamen Stunde – wer will beschreiben,
was in der Seele eines Propheten vorgeht?
– hat
Sie wissen nicht, woher sie kommen, noch wohin sie gehen, weiter, weiter! Aus dem Dunkel ins Dunkel! Sie sind das Volk, das im Finstern wandert.
Und da, seitab von der Landstraße, haben andre Halt gemacht, haben in tieferliegenden Gründen leichte Zelte aufgeschlagen, auch hier waltet der Unfriede und die stille Verdrossenheit und auch hier die tiefe, undurchdringliche Nacht. b-Sie rasten und warten und wissen doch nicht, auf was sie warten, denn es ist dunkel und wird dunkel bleiben. Ein Volk, das im finstern Lande wohnet.-b
Da auf einmal gibt’s eine Stauung im Zuge der Rastlosen. Weit vorne scheinen sie Halt gemacht zu haben mitten im Wandern. Ärger wird das Gedränge. Die Männer schelten und treiben vorwärts. Kinderstimmen mischen sich in das Getöse. Aber was ist denn das? Was da vorne die Menschen stillstehen macht, das scheint kein Unglück und kein Streit zu sein. Tönten nicht eben freudige Jauchzer durch die Luft? Und da kommt einer gelaufen von der Spitze des wandernden Zuges, geht zu diesem, geht zu jenem und ruft ihm etwas zu, einer sagt’s dem andern, zahlreicher und lauter werden die Freudenrufe, das Hasten und Schelten wird schwächer und seltener, auch die ganz hinten haben nun Halt gemacht. Denn nun sind Alle aufmerksam ge|209worden, dass da vorne im Osten etwas vorgeht, was noch keiner aus dem Volke der Nacht geschaut. Erst war’s nur ein merkwürdiger, grauer Schein, den keiner beachten wollte, dann wurde er gar merkwürdig rötlich und gelblich, und es kam auf die Gesichter der im Finstern Mitwandernden und auf die Berge und Gründe zur Seite der Straße eine sonderbare Helle, von der Keiner etwas geahnt hatte zuvor. Und jetzt, Wunder des Wunders, erhebt sich ein leuchtender, feuriger Ball über den nun erkennbar gewordenen Horizont. Längst haben die in den Gründen ihre Wanderzelte verlassen und sind auf die nächste Anhöhe gelaufen, um das Unerhörte zu sehen. Und es ruft, es jubelt aus tausend, tausend Kehlen: Ein Licht, ein Licht! Sie können sich nicht satt sehen, sie können es nicht begreifen und fassen, und nun blickt zum ersten Mal einer dem Andern ins Auge, geblendet von der ungewohnten Helle und doch strahlend über die Freiheit und Freude, die wie magnetisch einer am Andern findet. Und von den Mitwanderern wendet sich der Blick auf die Gefilde und Abhänge zur Rechten und zur Linken, die in der geheimnisvollen Klarheit des Morgens daliegen. Und weiter erkennt das geblendete Auge im Strahl des großen Lichtes da vorne am Horizont die Türme und Zinnen einer freundlichen Stadt, reich und weit genug, um all das wandernde Volk aufzunehmen. Golden glänzen die Tore, gastlich geöffnet. Das Hasten ins Ungewisse ist zu Ende, das Ziel ist nahe. Das Volk der Toten, das Volk der Gespenster, das Volk der Nacht hat die Sonne gesehen. Das Volk, das im Finstern wandert, siehet ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheinet es helle. Ein großes Licht! Es kommt, es ist da. Adventszeit. Der Vorhang fällt. Wir haben die Menschheit gesehen.
II
Frage einmal den ersten besten deiner Mitmenschen, zu was
er meine, dass er auf der Welt sei? Oder sieh einmal zu bei irgend einem
Anlass, wo ein Mensch so recht aus sich herausgeht, um irgend etwas
durchzusetzen. Oder nimm dir einmal die Mühe, den Motiven nachzuspüren,
wenn eine große Anzahl Menschen sich um etwas ereifert, schreit, die
Hände verwirft, von Pontius zu Pilatus läuft,3 weil man irgend |210 etwas oder irgend jemand haben will oder nicht haben
will. Oder noch besser: pass mal auf auf dich selbst und auf die
verborgenen Kräfte, die dein Denken und deinen Willen vorwärts treiben,
manchmal auch im Kreise herum. Kurzum,
betrachte das Menschenleben
einmal so, als ob du eine große Maschine vor dir hättest und möchtest
gern den Motor sehen, der die wunderlichen Räder und Stangen in Bewegung
setzt. Vielleicht ist elektrische Kraft von respektabler Potenz im
Spiel, vielleicht ist’s Dampfkraft, vielleicht ist’s ein
Wasserrad, das vom Fluss getrieben wird, vielleicht ist’s aber
auch nur ein armer alter Gaul, der an einem Göpel4 eben zum 27 000. Mal einen
Zirkel beschreibt. Erst vor einigen Tagen hat mir wieder jemand gesagt,
es sei seine feste Überzeugung, dass die übergroße Mehrzahl der Menschen
unbewusst leben, d. h. dass es ihr gar nicht einfalle, sich die Fragen:
woher? wohin? wozu? überhaupt zu stellen, dass ihr inneres wie ihr
äußeres Leben ablaufe wie das Räderwerk einer Uhr, mechanisch,
unbewusst. Ich habe nicht genug Menschenkenntnis, um zu sagen, ob das in
dem Umfang wahr ist, aber ich kann es nicht leugnen, dass ich alle Tage
Spuren von solch unbewusstem, scheinhaftem Menschenleben sehe. Es gibt
unzählige, denen die Frage: wozu das Leben und Treiben? nie eine schwere
Viertelstunde gemacht. Sie leben, weil sie leben. Vorwärts, vorwärts!
Ein jeder Tag hat seine Plage [vgl.
Zufriedenheit ist eine schöne Sache, fragt sich nur: Zufriedensein mit was? Fragt sich nur, ob die Andern auch zufrieden sind über das, |211 was dich zufrieden macht. Wenn nicht, dann könnte es mit dem Frieden und der Zufriedenheit bald aus sein, und dein Motor genügt nicht. Fragt sich nur, ob deine Zufriedenheit nicht nahe verwandt ist mit Trägheit und ob du in Wirklichkeit nicht doch dem Gaul am Göpel gleichst.
Fortschritt! Ein treffliches Wort. Aber zu was wollen wir fortschreiten?
Merkwürdig, ich kann mich ja täuschen, aber mir ist’s immer, als
höre ich beim Klang dieses trefflichen Wortes besonders deutlich das
Tick-Tack des unbewussten Räderwerkes. Vielleicht ist das treffliche
Wort einmal lebendig gewesen, und wir streiten uns bereits um eine
Leiche, wie sich nach der alten Sage Engel und Teufel um die Leiche des
Mose stritten [vgl.
Glück! Sehr gut, sehr schön. Wir sehen unwillkürlich eine befriedigte Familie, Vater, Mutter, Kinder um einen Tisch, mit bescheidenen, aber trefflichen Bissen besetzt, daneben rumort ein Kaminfeuer und gleich werden sie anheben zu singen: «Hab oft im Kreise der Lieben...»,5 und Alle sind überzeugt, dass Alles, Alles gut sei. Sehr schön, bin auch dabei. Nur stört es mich, dass ich gerade in diesem Moment an den Bruder von der Landstraße denken muss, der sich jetzt anschickt, in einem Stall zu übernachten, oder an diesen Knaben und jenes Mädchen, die keine Heimat und keine Freunde haben. Ihr erinnert mich freundlich an die viele Wohltätigkeit, die uns doch ein gutes Gewissen gebe, Allen freilich könne man es nicht behaglich machen. Wohl gesprochen. Aber eben darum kommt es mir so vor, als müsse Glück etwas ganz Anderes sein als Behaglichkeit des innern und äußern Menschen, als ob’s vielleicht auch bei euch wieder das unbewusste Tick-Tack sei, das ihr Glück nennt. Nehmt mir’s nicht übel, ich will kein Spielverderber sein, aber das Reden vom Glück ist immer ein lahmer Motor gewesen. |
212 Die Wahrheit! Es ist ein hohes und feines Ding um die Wahrheit, ob wir nun an die Wahrheit im Felde der Erkenntnis oder an die Wahrheit des Charakters denken. Aber wisst ihr, wer die sind, die das Wort «Wahrheit» am seltensten in den Mund genommen haben? immer die, die die Sache «Wahrheit» selbst am besten kannten. Sie haben gewusst, dass diese feine Sache auch mit feinen Händen gesucht sein will, und sie haben sich gehütet, sie zum Schlagwort von Parteien und Massenbestrebungen zu machen. Sonst bemächtigt sich das dumpfe Unbewusste des Wortes, und die Wahrheiten werden Phrasen, wie es tausend andern vor ihnen ergangen ist.
Und wenn wir so alle die schönen Worte und Gedanken, die aus den Köpfen und Herzen der Mitmenschen und aus unsern eigenen aufsteigen, wenn wir sie an uns vorüberziehen lassen, wenn wir sie uns ansehen von vorne und von hinten, dann möchte uns wohl ein Grausen anfassen vor ihrer Dunkelheit und Zweideutigkeit. Sie helfen uns und sie helfen uns doch nicht. Wir packen sie und laufen damit zwei, drei Schritte stillvergnügt oder laut schreiend, und dann sind wir schon angerannt an einen Vordermann, und im Zusammenstoßen fällt uns das schöne Wort aus den Händen, die Seifenblase zerplatzt, wir finden ihre Spur nicht mehr, stolpern und geraten gar unter die Räder des Lebens. Ein Volk, das im Finstern wandert.
Und die Sinnlosigkeit und das Unbewusstsein des Lebens der einzelnen Menschen spiegelt sich in gewaltigen Dimensionen wider in den Formen ihres gesellschaftlichen Lebens. Jede Plakatsäule und jede Zeitungsnummer redet davon eindringliche Worte. Was steht denn eigentlich hinter den – «zündenden» – wie man das nennt – Versicherungen und Tiraden dieser Wahlproklamationen, was hinter diesen abgeschmackten Bildern im Riesen-Format, die zu irgend einer Vergnügung einladen, was rennt das Volk, was wälzt sich da?6 Die großen und schönen Worte stehen dahinter, meine Freunde, deren Wert wir eben geprüft haben, und hinter den Worten steht das große Unbewusstsein, steht der arme Gaul, der den Göpel dreht und weiß nicht warum.
213 Wir haben eine Gesellschaft. Wir haben sogenannte «gute» Familien und sogenannte weniger gute, hohe und niedere, gebildete und ungebildete, wie man das ja wohl so nennt. Sagt mir nur einmal, woher wir die Maßstäbe haben, nach denen wir Wert und Unwert verteilen? Was gilt’s, der Kessel fängt wieder an zu brodeln, und neu abgekocht steigen die alten Worte hervor: vom Fortschritt, vom Glück, von der Wahrheit. Und hinter den Worten steht das Unbewusstsein.
Wir haben einen Staat, wir haben Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen, mit allem Komfort der Neuzeit versehen. Wie viele machen sich Gedanken darüber, wozu das Alles? Es ist eben so, man macht es eben so, aber für Tausende und Abertausende ist der Stolz des Jahrhunderts, unsre öffentliche Kultur, im Grund ein dunkles Rätselding. Sie schwimmen darin mit, wie Alles mitschwimmt, aber im Grunde ist das Unbewusstsein und der Stumpfsinn Meister, nicht mehr und nicht weniger als bei dem Neger in Afrika, der eben auch in der Kultur seines Dorfes so mitschwimmt.
Ein Volk, das im finstern Lande wohnet, hier und dort. Es fällt mir wahrhaftig nicht ein, mit einzustimmen in das Klagegeschrei über die Unchristlichkeit und Verdorbenheit der modernen Kultur, das man von so mancher Kanzel herunter und in so manchem sogenannten christlichen Blatt und Blättchen vernehmen muss. Es ist nicht wahr, dass die Welt ein Jammertal und die moderne Menschheit ein Sündenpfuhl geworden sei; ich meine
Aber das sage ich allerdings, dass ich mich an aller
Kultur und
an allen Menschen nur freuen kann im Gedanken an das, was sie
werden sollen. Sehe ich das an, was sie
sind, das, was ich bin, dann kann ich dem
Bilde des
III
Liebe Freunde! Von dem geheimen Grausen über die finstere Fremde dessen, was ist, und von der Sehnsucht nach Hause, von der Sehnsucht nach dem, was werden soll, hören wir die Menschen aller Länder und Zeiten singen und sagen. Und wenn das Grausen sich wandelte in eine Freude, die von keiner Enttäuschung weiß, wenn die Sehnsucht ihre Erfüllung fand, das waren dann die geheimnisvollen Adventszeiten im Leben der Menschen und in der Geschichte der Menschheit.
Da und dort hat einer ein Leuchten gesehen, fern und fremd an seinem dunkeln, fernen Horizont. War’s Wahrheit? War’s Täuschung? Er erzählt es dem Gefährten, der mag resigniert den Kopf schütteln, c-aber der Andre-c kann das Leuchten nicht vergessen. Was hat er gesehen? Er hat das verborgene Leben gesehen, das man mit Worten kaum zu beschreiben vermag, das hinter der Finsternis des Unbewusstseins, hinter der Finsternis der schönen Worte wogt und rauscht.
Und dort kommt ein breiter Streifen Morgendämmerung. Es ist einem
Menschen, vielen Menschen etwas davon aufgeleuchtet, dass das Leben des
Brotverdienens und des sogenannten Vergnügens kein Wert ist, solange
es gelebt wird von einem unbewussten Naturwesen, solange der Mensch
nichts weiß von dem Meißel des Gehorsams und dem Hammer der Wahrhaftigkeit, mit dem er
sich selbst, dem schaffenden Künstler gleich, gestalten soll zum wahren
Menschen. Ein
Und die Morgenröte des Lebens dehnt sich höher und breiter über den nächtlichen
Himmel des Unbewusstseins. Da und dort sind einige tiefer gestiegen zu
den Quellen dieses Lebens; sie kommen wiederd
und sagen’s den Andern: Wisst ihr’s schon: Leben
ist etwas ganz Andres als trotzig sich selbst behaupten, als mürrisch
und zähe an seinem Recht festhalten. Leben, sich selber finden heißt
sich selber verlieren [vgl.
Und dann, um die Wende der Zeiten, ist ein Licht zu den Menschen gekommen, von dem singen nun bald zwei Jahrtausende:
Das verheißungsvolle Leuchten, die wachsende
Morgendämmerung, die gewisse und starke Morgenröte des neuen Tages sind
in diesem Licht zusammengefasst zur stillen, starken Flamme. Ihr wisst,
dass ich von Jesus Christus rede. In ihm war das Leben, und das Leben
war das Licht der Menschen [
Und nun scheint dies ewige Licht auch in dein und mein Leben hinein, lieber Freund. Weißt du etwas zu sagen von der Finsternis des Unbewusstseins, dann mach einmal die Augen auf, da vorne kommt etwas, das deinem leeren Leben, wie bescheiden und verborgen es immer sein mag, unermesslich reichen Inhalt geben will. Bist du des Lebens müde geworden über den abgenützten schönen Worten, nach denen du immer wieder gegriffen hast? Dann merk doch ja auf, was da kommt, das könnte etwas für dich sein!
Wir wandern im Finstern, aber wir sehen ein großes Licht, und im Scheine dieses Lichts sehen wir die Ewigkeit vor uns liegen, in die unser kleines Leben einziehen soll, nein: darf.
Wir wohnen im finstern Lande, aber schon scheinet es hell über uns, und da vorne kommt Freiheit und Freude, um unser zu werden.
Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht [