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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 22</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaja 9,1</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaja 9,1, 28. November 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53024 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53024</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 22: Predigt: Jesaja 9,1</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">24</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 9,1, 28. November 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1465">KBA 1000.1</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-11-28">28. November 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                        <idno>22</idno>
                    </head>
                       
                            <dateline>Sonntag, den <date when="1909-11-28">28. November 1909</date>,
                                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName> <date rend="right">(1. Advent)</date> 
                            </dateline>
                                        
                            <epigraph>
                                <cit>
                                    <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.1">Jesaja 9,1</ref>
                                
                                    <quote>
                                        <hi rend="italic" resp="kb">Das Volk, das im Finstern wandert,
                                            siehet ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern
                                            Lande, scheinet es helle.</hi>
                                    </quote>
                                </cit>
                            </epigraph>
                       
                        <salute>Meine lieben Zuhörer und Freunde!</salute>
                        </div>
                        <div type="main">
                        <p>
                            <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term>! Beim Klang des Wortes
                            schon wird’s mir wunderlich weich und warm zu Mute. Wir denken zurück
                            an die Tage der Kindheit, wo wir mit den Geschwistern um die Wette die
                            Adventswochen zählten, die uns noch von <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachten</term> trennten. Wo wir mit mehr oder
                            weniger Ausdauer und Eifer an die Arbeit gingen, um allerlei Überraschungen
                            für Eltern und Großeltern herzustellen. Wo wir selbst unsre kleinen Wünsche,
                            die klugen und die törichten, der Mutter ins Ohr flüsterten oder auf ein
                            Papier schrieben zur Bestellung ans Christkindchen. Und wo wir des Abends,
                            wenn es dämmerte und draußen <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> die kalten Winde
                            bliesen und die ersten Flocken fielen, die alten, lieben Lieder anstimmten
                            und uns neu ins Gedächtnis riefen, um so gerüstet zu sein für das hohe Fest,
                            auf das wir uns freuten. Adventszeit, die Wartezeit der Kinder, und wie
                            mancher Erwachsene erlebt sie alle Jahre wieder mit, selber selig im
                            tiefsten Herzen in dieser Stimmung kindlicher Erwartung.</p>
                        <p>Aber das ist nicht Alles. Die Adventsglocken reden noch von andern Dingen. Zu <hi rend="italic">den</hi><note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                                 Menschen nämlich, die durch ihr Wissen und mehr noch durch
                            ihr ahnendes Empfinden Augen und Ohren haben für die großen Zusammenhänge
                            des menschlichen Wesens und der Jahrtausende seiner Geschichte, für jene
                            Zusammenhänge, in denen jedes von uns bewusst und unbewusst ein kleines
                            Glied ist. Advent heißt Ankunft. Und dann stellen wir uns mitten hinein in
                            die geheimnisvolle Reihe der Menschen der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term>. Wir lauschen auf die Klänge
                            aus alten und ältesten Tagen, und wer’s versteht, bescheiden und
                            freundlich zu lauschen, der vernimmt aus diesen Klängen den <pb xml:id="p207" ed="pga"/> leisen und doch unendlich starken Ton der Adventsglocken, und
                            sein eigenes Innerstes nimmt ihn auf und antwortet. Wir hören die Reden der
                            großen <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> Israels vom
                                <term type="Sachen" key="Messias">Messias</term> und vom Friedensreich
                            zu <term type="Sachen" key="Jerusalem, Friedensreich">Jerusalem</term>. Wie
                            fremdartig und fern ihre Worte klingen! und wie nahe und vertraut ist uns
                            dann doch wieder das, was wir hinter <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> ihren
                            Worten spüren, was durch die Worte hindurchleuchtet. Es ergreift uns, es
                            nimmt uns mit, und wir schauen mit ihnen aus auf das, was da kommen soll.
                            Wir vertiefen uns in die ahnungsvollen Gedanken <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> und seiner Freunde<note xml:id="n01">
                               <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName> (428/427–348/347
                                v. Chr.), griechischer Philosoph, Schüler des <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> (470/469–399 v. Chr.), an der
                                von ihm gegründeten Akademie Lehrer u. a. von <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> (384–322
                                v. Chr.).</note>, wir vergessen, dass wir gewöhnt sind, sie zu den
                            sogenannten <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> zu
                            rechnen, und wir strecken uns mit ihnen aus nach der unvergänglichen <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die ihnen aus dem
                            verworrenen Spiegel dieser Scheinwelt entgegenleuchtete. Und wir hören
                            weiter in der jungen christlichen <term type="Sachen" key="Gemeinde, Urgemeinde">Gemeinde</term> der ersten Zeit jene
                            ergreifenden Klänge der Sehnsucht nach der <term type="Sachen" key="Parusie">Wiederkunft</term> des Herrn und Meisters. Wie schwer zugänglich uns
                            immer das Verständnis jener Gedanken sein mag, wir ahnen ihren Inhalt mehr
                            als wir ihn verstehen und stimmen mit ein in das inbrünstige Gebet: Amen, ja
                            komm, Herr Jesu! 
                            [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.20">Apk. 22,20</ref>] Die Klänge vom Kommenden, vom Bevorstehenden klingen
                            weiter durch die Jahrhunderte, sie können nicht zur Ruhe kommen, weil sie
                            der Herzschlag wirklichen Menschenlebens sind. <term type="Sachen" key="Advent">Advent</term>! Ankunft! Es kommt! Was kommt?
                                <hi rend="italic">Gott</hi> kommt, zu dir und zu mir. Augen auf und Herzen auf, er
                            ist größer und reicher, als wir Kinder und wir erwachsenen Kinder es uns
                            träumen lassen.</p>
                        <div>
                            <head>I</head>
                            <p rend="noindent">In einer seltsamen Stunde – wer will beschreiben,
                                was <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> in der Seele eines Propheten vorgeht?
                                – hat <persName ref="kbga-actors-2204">Jesajas</persName> ein
                                gewaltiges Bild von erschütterndem Ernst gesehen: Ein unermessliches
                                Heer: Männer, Frauen, Kinder, Alte am Stabe gehend, Unmündige auf der
                                Mütter Armen, zu Fuß die meisten, einige zu Ross und zu Wagen, und das
                                Alles zieht dahin auf endloser Landstraße von Westen nach Osten. Jeder
                                hat genug damit zu tun, auf seine eigenen Füße zu sehen. Da und <pb xml:id="p208" ed="pga"/> dort stolpert einer, fällt, steht wieder auf. Da
                                und dort bleibt einer liegen, mürrisch fahren ihn die andern an, er
                                gerät unter die Füße der Tiere und unter die Räder. Es sieht sich keiner
                                um. Vorwärts, vorwärts! Und über dem unheimlichen, hastenden Zuge liegt
                                tiefe, rabenschwarze Nacht.</p>
                          
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Wir ziehen stumm, ein geschlagenes Heer,</l>
                                        <l>Erloschen sind unsre Sterne.<note xml:id="n02">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2564">Beginn der dritten Strophe des «alten
                                                Nordmännerliedes», in: <persName ref="kbga-actors-1209">J. V. von Scheffel</persName>,
                                                    <hi rend="italic">Ekkehard. Eine Geschichte aus dem 10.
                                                    Jahrhundert</hi>, hrsg. von Fr. Panzer,
                                                Leipzig / Wien 1917, S. 143 (Erstdruck: 1855)</bibl>: 
                                                    <q rend="block">
                                                      <lg>
                                                      <l>Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer, </l>
                                                      <l>Erloschen sind unsere Sterne – </l>
                                                      <l>O Island, du eisiger Fels im Meer, </l>
                                                      <l>Steig’ auf aus nächtiger Ferne.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                </l>
                                    </lg>
                                </q>
                        
                            <p rend="noindent">Sie wissen nicht, woher sie kommen, noch wohin sie gehen,
                                weiter, weiter! Aus dem Dunkel ins Dunkel! Sie sind das Volk, das im
                                Finstern wandert.</p>
                            <p>Und da, seitab von der Landstraße, haben andre Halt gemacht, haben in
                                tieferliegenden Gründen leichte Zelte aufgeschlagen, auch hier waltet
                                der Unfriede und die stille Verdrossenheit und auch hier die tiefe,
                                undurchdringliche Nacht. <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>Sie rasten und warten und
                                wissen doch nicht, auf was sie warten, denn es ist dunkel und wird
                                dunkel bleiben. Ein Volk, das im finstern Lande wohnet.<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. sind beide Sätze ursprünglich miteinander
                                        vertauscht.</note>
                               </p>
                            <p>Da auf einmal gibt’s eine Stauung im Zuge der Rastlosen. Weit
                                vorne scheinen sie Halt gemacht zu haben mitten im Wandern. Ärger wird
                                das Gedränge. Die Männer schelten und treiben vorwärts. Kinderstimmen
                                mischen sich <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> in das Getöse. Aber was ist
                                denn das? Was da vorne die Menschen stillstehen macht, das scheint kein
                                Unglück und kein Streit zu sein. Tönten nicht eben freudige Jauchzer
                                durch die Luft? Und da kommt einer gelaufen von der Spitze des
                                wandernden Zuges, geht zu diesem, geht zu jenem und ruft ihm etwas zu,
                                einer sagt’s dem andern, zahlreicher und lauter werden die
                                Freudenrufe, das Hasten und Schelten wird schwächer und seltener, auch
                                die ganz hinten haben nun Halt gemacht. Denn nun sind Alle aufmerksam ge<pb xml:id="p209" ed="pga" break="no"/>worden, dass da vorne im Osten etwas vorgeht,
                                was noch keiner aus dem Volke der Nacht geschaut. Erst war’s nur
                                ein merkwürdiger, grauer Schein, den keiner beachten wollte, dann wurde
                                er gar merkwürdig rötlich und gelblich, und es kam auf die Gesichter der
                                im Finstern Mitwandernden und auf die Berge und Gründe zur Seite der
                                Straße eine sonderbare Helle, von der Keiner etwas geahnt hatte zuvor.
                                Und jetzt, Wunder des Wunders, erhebt sich ein leuchtender, feuriger
                                Ball über den nun erkennbar gewordenen Horizont. Längst haben die in den
                                Gründen ihre Wanderzelte verlassen und sind auf die nächste Anhöhe
                                gelaufen, um das Unerhörte zu sehen. Und es ruft, es jubelt aus tausend,
                                tausend Kehlen: Ein Licht, ein Licht! Sie können sich nicht satt sehen,
                                sie können es nicht begreifen und fassen, und nun blickt zum ersten Mal
                                einer dem Andern ins Auge, geblendet von der ungewohnten Helle und doch
                                strahlend über die Freiheit und Freude, die wie magnetisch einer am
                                Andern findet. Und von <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> den Mitwanderern
                                wendet sich der Blick auf die Gefilde und Abhänge zur Rechten und zur
                                Linken, die in der geheimnisvollen Klarheit des Morgens daliegen. Und
                                weiter erkennt das geblendete Auge im Strahl des großen Lichtes da vorne
                                am Horizont die Türme und Zinnen einer freundlichen Stadt, reich und
                                weit genug, um all das wandernde Volk aufzunehmen. Golden glänzen die
                                Tore, gastlich geöffnet. Das Hasten ins Ungewisse ist zu Ende, das Ziel
                                ist nahe. Das Volk der Toten, das Volk der Gespenster, das Volk der
                                Nacht hat die Sonne gesehen. Das Volk, das im Finstern wandert, siehet
                                ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheinet es
                                helle. Ein großes Licht! Es kommt, es ist da. <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term>. Der Vorhang fällt. Wir haben die
                                    <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> gesehen.</p>
                        </div>
                        <div>
                            <head>II</head>
                            <p rend="noindent">Frage einmal den ersten besten deiner Mitmenschen, zu was
                                er meine, dass er auf der Welt sei? Oder sieh einmal zu bei irgend einem
                                Anlass, wo ein Mensch so recht aus sich herausgeht, um irgend etwas
                                durchzusetzen. Oder nimm dir einmal die Mühe, den Motiven nachzuspüren,
                                wenn eine große Anzahl Menschen sich um etwas ereifert, schreit, die
                                Hände verwirft, von Pontius zu Pilatus läuft,<note xml:id="n03">Redensart, mit der in karikierter Aufnahme des Ablaufs des
                                    Prozesses Jesu ein sinnloses Hin- und Herschicken oder -laufen
                                    bezeichnet wird; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 52</bibl>.</note> weil man irgend <pb xml:id="p210" ed="pga"/> etwas oder irgend jemand haben will oder nicht haben
                                will. Oder noch besser: pass mal auf auf dich selbst und auf die
                                verborgenen Kräfte, die dein Denken und deinen Willen vorwärts treiben,
                                manchmal auch im Kreise <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> herum. Kurzum,
                                betrachte das <term type="Sachen" key="Leben">Menschenleben</term>
                                einmal so, als ob du eine große Maschine vor dir hättest und möchtest
                                gern den Motor sehen, der die wunderlichen Räder und Stangen in Bewegung
                                setzt. Vielleicht ist elektrische Kraft von respektabler Potenz im
                                Spiel, vielleicht ist’s Dampfkraft, vielleicht ist’s ein
                                Wasserrad, das vom Fluss getrieben wird, vielleicht ist’s aber
                                auch nur ein armer alter Gaul, der an einem Göpel<note xml:id="n04">Häufig im Bergbau eingesetzte Kraftmaschine, deren
                                    Hauptwelle von einem im Kreis gehenden Menschen oder Tier (in der
                                    Regel Pferde) angetrieben wird.</note> eben zum 27 000. Mal einen
                                Zirkel beschreibt. Erst vor einigen Tagen hat mir wieder jemand gesagt,
                                es sei seine feste Überzeugung, dass die übergroße Mehrzahl der Menschen
                                unbewusst leben, d. h. dass es ihr gar nicht einfalle, sich die Fragen:
                                woher? wohin? wozu? überhaupt zu stellen, dass ihr inneres wie ihr
                                äußeres Leben ablaufe wie das Räderwerk einer Uhr, mechanisch,
                                unbewusst. Ich habe nicht genug Menschenkenntnis, um zu sagen, ob das in
                                dem Umfang wahr ist, aber ich kann es nicht leugnen, dass ich alle Tage
                                Spuren von solch unbewusstem, scheinhaftem <term type="Sachen" key="Leben, scheinhaftes">Menschenleben</term> sehe. Es gibt
                                unzählige, denen die Frage: wozu das Leben und Treiben? nie eine schwere
                                Viertelstunde gemacht. Sie leben, weil sie leben. Vorwärts, vorwärts!
                                Ein jeder Tag hat seine Plage [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.34">Mt. 6,34</ref>], die Maschine läuft, etwas Öl zwischen
                                die Räder, damit ist’s gut. Ein Volk, das im Finstern wandert!
                                Aber was dann? Zum Volk der Unbewussten will ja wohl Keiner gehören,
                                wenn man ihn darauf anredet. Und wenn man nun weiter <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> fragt und sucht nach den Triebfedern und Motoren, dann
                                steigen die Worte und Schlagworte, an die die Menschen sich anklammern,
                                herauf wie die wallenden Dämpfe aus einem brodelnden Kessel. <term type="Sachen" key="Zufriedenheit">Zufriedenheit</term>, sagt der
                                erste, <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> der
                                zweite, <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> der dritte, <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> der vierte. Sachte,
                                meine Freunde, was meint ihr mit den Worten? |</p>
                            <p>Zufriedenheit ist eine schöne Sache, fragt sich nur: Zufriedensein mit
                                was? Fragt sich nur, ob die Andern auch zufrieden sind über das, <pb xml:id="p211" ed="pga"/> was dich zufrieden macht. Wenn nicht, dann könnte
                                es mit dem Frieden und der Zufriedenheit bald aus sein, und dein Motor
                                genügt nicht. Fragt sich nur, ob deine <term type="Sachen" key="Zufriedenheit">Zufriedenheit</term> nicht nahe verwandt ist mit
                                Trägheit und ob du in Wirklichkeit nicht doch dem Gaul am Göpel
                                gleichst.</p>
                            <p>Fortschritt! Ein treffliches Wort. Aber zu was wollen wir fortschreiten?
                                Merkwürdig, ich kann mich ja täuschen, aber mir ist’s immer, als
                                höre ich beim Klang dieses trefflichen Wortes besonders deutlich das
                                Tick-Tack des unbewussten Räderwerkes. Vielleicht ist das treffliche
                                Wort einmal lebendig gewesen, und wir streiten uns bereits um eine
                                Leiche, wie sich nach der alten Sage Engel und Teufel um die Leiche des
                                Mose stritten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jud.1.9">Jud. 1,9</ref>]. Vergesst nicht, dass das Räderwerk auch <term type="Sachen" key="Fortschritt">fortschreitet</term>, aber fragt
                                mich nur nicht wie, im Kreise herum nämlich.</p>
                            <p>Glück! Sehr gut, sehr schön. Wir sehen unwillkürlich eine befriedigte
                                    <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>, Vater, Mutter,
                                Kinder um einen Tisch, mit bescheidenen, aber trefflichen Bissen
                                besetzt, <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> daneben rumort ein Kaminfeuer und
                                gleich werden sie anheben zu singen: «Hab oft im Kreise der
                                    Lieben...»,<note xml:id="n05">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2565">Beginn der ersten
                                    Strophe des Gedichts «Frisch gesungen!» von <persName ref="kbga-actors-945">A. von Chamisso</persName>
                                    (Erstdruck: 1831; <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, München 1975, Bd. 1,
                                    S. 199)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Hab oft im Kreise der Lieben </l>
                                                <l>In duftigem Grase geruht, </l>
                                                <l>Und mir ein Liedlein gesungen, </l>
                                                <l>Und alles war hübsch und gut.</l>
                                            </lg>
                                </q>
                            </note> und Alle sind überzeugt, dass Alles, Alles gut sei.
                                Sehr schön, bin auch dabei. Nur stört es mich, dass ich gerade in diesem
                                Moment an den Bruder von der Landstraße denken muss, der sich jetzt
                                anschickt, in einem Stall zu übernachten, oder an diesen Knaben und
                                jenes Mädchen, die keine Heimat und keine Freunde haben. Ihr erinnert
                                mich freundlich an die viele Wohltätigkeit, die uns doch ein gutes
                                Gewissen gebe, Allen freilich könne man es nicht behaglich machen. Wohl
                                gesprochen. Aber eben darum kommt es mir so vor, als müsse Glück etwas
                                ganz Anderes sein als Behaglichkeit des innern und äußern Menschen, als
                                ob’s vielleicht auch bei euch wieder das unbewusste Tick-Tack
                                sei, das ihr Glück nennt. Nehmt mir’s nicht übel, ich will kein
                                Spielverderber sein, aber das Reden vom <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> ist immer ein lahmer Motor gewesen. |</p>
                            
                            <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p212" ed="pga"/> Die Wahrheit! Es ist ein hohes und feines Ding um die Wahrheit, ob wir
                                nun an die Wahrheit im Felde der Erkenntnis oder an die Wahrheit des
                                Charakters denken. Aber wisst ihr, wer die sind, die das Wort «Wahrheit»
                                am seltensten in den Mund genommen haben? immer die, die die Sache
                                «Wahrheit» selbst am besten kannten. Sie haben gewusst, dass diese feine
                                Sache auch mit feinen Händen gesucht sein will, und sie haben sich
                                gehütet, sie zum Schlagwort von Parteien <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                                und Massenbestrebungen zu machen. Sonst bemächtigt sich das dumpfe
                                Unbewusste des Wortes, und die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheiten</term> werden Phrasen, wie es tausend andern vor ihnen
                                ergangen ist.</p>
                            <p>Und wenn wir so alle die schönen Worte und Gedanken, die aus den Köpfen
                                und Herzen der Mitmenschen und aus unsern eigenen aufsteigen, wenn wir
                                sie an uns vorüberziehen lassen, wenn wir sie uns ansehen von vorne und
                                von hinten, dann möchte uns wohl ein Grausen anfassen vor ihrer
                                Dunkelheit und Zweideutigkeit. Sie helfen uns und sie helfen uns doch
                                nicht. Wir packen sie und laufen damit zwei, drei Schritte stillvergnügt
                                oder laut schreiend, und dann sind wir schon angerannt an einen
                                Vordermann, und im Zusammenstoßen fällt uns das schöne Wort aus den
                                Händen, die Seifenblase zerplatzt, wir finden ihre Spur nicht mehr,
                                stolpern und geraten gar unter die Räder des Lebens. Ein Volk, das im
                                Finstern wandert.</p>
                            <p> Und die <term type="Sachen" key="Leben, Sinnlosigkeit">Sinnlosigkeit</term> und das Unbewusstsein des <term type="Sachen" key="Leben, unbewusstes">Lebens</term> der einzelnen Menschen
                                spiegelt sich in gewaltigen Dimensionen wider in den Formen ihres
                                gesellschaftlichen <term type="Sachen" key="Leben, gesellschaftliches">Lebens</term>. Jede Plakatsäule und jede Zeitungsnummer redet davon
                                eindringliche Worte. Was steht denn eigentlich hinter den –
                                «zündenden» – wie man das nennt – Versicherungen und
                                Tiraden dieser Wahlproklamationen, was hinter diesen abgeschmackten
                                Bildern im Riesen-Format, die zu irgend einer <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügung</term> einladen, was rennt das Volk, was
                                wälzt sich da?<note xml:id="n06">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2566">Beginn der ersten Strophe
                                    des Gedichts «Der Kampf mit dem Drachen» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>
                                    (Erstdruck: 1798; Sämtliche Werke, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, Bd. 1, S. 391–399, dort S. 391).</bibl>
                            </note> Die großen
                                und schönen <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Worte stehen dahinter, meine
                                Freunde, deren Wert wir eben geprüft haben, und hinter den Worten steht
                                das große Unbewusstsein, steht der arme Gaul, der den Göpel dreht und
                                weiß nicht warum.</p>
                           
                            <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p213" ed="pga"/> Wir haben eine <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term>. Wir haben sogenannte «gute» <term type="Sachen" key="Familie">Familien</term> und sogenannte weniger
                                gute, hohe und niedere, gebildete und ungebildete, wie man das ja wohl
                                so nennt. Sagt mir nur einmal, woher wir die Maßstäbe haben, nach denen
                                wir Wert und Unwert verteilen? Was gilt’s, der Kessel fängt
                                wieder an zu brodeln, und neu abgekocht steigen die alten Worte hervor:
                                vom <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term>, vom <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>, von der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Und hinter den Worten steht das
                                    <term type="Sachen" key="Leben, unbewusstes">Unbewusstsein</term>.</p>
                            <p> Wir haben einen <term type="Sachen" key="Staat">Staat</term>, wir haben
                                Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen, mit allem Komfort der <term type="Sachen" key="Neuzeit">Neuzeit</term> versehen. Wie viele
                                machen sich Gedanken darüber, wozu das Alles? Es ist eben so, man macht
                                es eben so, aber für Tausende und Abertausende ist der Stolz des
                                Jahrhunderts, unsre öffentliche <term type="Sachen" key="Kultur, öffentliche">Kultur</term>, im Grund ein dunkles
                                Rätselding. Sie schwimmen darin mit, wie Alles mitschwimmt, aber im
                                Grunde ist das Unbewusstsein und der Stumpfsinn Meister, nicht mehr und
                                nicht weniger als bei dem Neger in Afrika, der eben auch in der <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> seines Dorfes so
                                mitschwimmt.</p>
                            <p>Ein Volk, das im finstern Lande wohnet, hier und dort. Es fällt mir
                                wahrhaftig nicht ein, mit einzustimmen in das Klagegeschrei über die
                                Unchristlichkeit und Verdorbenheit <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> der
                                modernen Kultur, das man von so mancher Kanzel herunter und in so
                                manchem sogenannten christlichen Blatt und Blättchen vernehmen muss. Es
                                ist nicht wahr, dass die Welt ein Jammertal und die moderne <term type="Sachen" key="Menschheit, kein Sündenpfuhl">Menschheit</term>
                                ein Sündenpfuhl geworden sei; ich meine</p>
                         
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Was unser Gott erschaffen hat,</l>
                                        <l>Das wird er auch erhalten,</l>
                                        <l>Darüber wird er früh und spat</l>
                                        <l>Mit seiner Gnade walten.<note xml:id="n07">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Beginn
                                                der dritten Strophe des Liedes «Sei Lob und Ehr dem
                                                höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName> (RG 240; EG
                                                326).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                                    </lg>
                                </q>
                        
                            <p rend="noindent">Aber das sage ich allerdings, dass ich mich an aller
                                    <term type="Sachen" key="Kultur, Werden und Sein">Kultur</term> und
                                an allen <term type="Sachen" key="Mensch, Werden und Sein">Menschen</term> nur freuen kann im Gedanken an das, was sie
                                    <hi rend="italic">werden</hi> sollen. Sehe ich das an, was sie
                                    <hi rend="italic">sind</hi>, das, was ich <hi rend="italic">bin</hi>, dann kann ich dem
                                Bilde des <persName ref="kbga-actors-2204">Jesajas</persName> nicht
                                ausweichen und sehe ein Volk der Toten, ein Volk der Gespenster, das im
                                Finstern wandert und im finstern Lande wohnt. Seinen Worten fehlen die
                                Werte. Woher kommt es? Es weiß es nicht. Wohin geht es? Es weiß es
                                nicht. Wozu das Wandern? Wozu das Wohnen? Es weiß es nicht.</p>
                          
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p214" ed="pga"/> Und ein geheimes Grausen</l>
                                        <l>Beschleichet unsern Sinn.</l>
                                        <l>Wir sehnen uns nach Hause</l>
                                        <l>Und wissen nicht wohin?<note xml:id="n08">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2567">Schluss
                                                des ersten Teiles des sechsteiligen Gedichtzyklus «Der
                                                Pilger» von <persName ref="kbga-actors-6916">J. von Eichendorff</persName>
                                                (Erstdruck: 1837; Werke, hrsg. von A. Hillach, München
                                                1970, Bd. 1, S. 276–278, dort S. 276)</bibl>.</note>
                                </l>
                                    </lg>
                                </q>
                           
                        </div>
                        <div>
                            <head>III</head>
                            <p rend="noindent">Liebe Freunde! Von dem geheimen Grausen über die finstere
                                Fremde dessen, was ist, und von der Sehnsucht nach Hause, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> von der Sehnsucht nach dem, was werden
                                soll, hören wir die Menschen aller Länder und Zeiten singen und sagen.
                                Und wenn das Grausen sich wandelte in eine Freude, die von keiner
                                Enttäuschung weiß, wenn die Sehnsucht ihre Erfüllung fand, das waren
                                dann die geheimnisvollen <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeiten</term> im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> der Menschen und in der <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> der Menschheit.</p>
                            <p>Da und dort hat einer ein Leuchten gesehen, fern und fremd an seinem
                                dunkeln, fernen Horizont. War’s <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>? War’s Täuschung? Er erzählt
                                es dem Gefährten, der mag resigniert den Kopf schütteln, <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>aber der Andre<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c">
                                     Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                        «er».</note>
                             kann das Leuchten nicht vergessen. Was hat er gesehen? Er hat das
                                verborgene Leben gesehen, das man mit Worten kaum zu beschreiben vermag,
                                das hinter der Finsternis des Unbewusstseins, hinter der Finsternis der
                                schönen Worte wogt und rauscht.</p>
                            <p>Und dort kommt ein breiter Streifen Morgendämmerung. Es ist einem
                                Menschen, vielen Menschen etwas davon aufgeleuchtet, dass das <term type="Sachen" key="Leben, des Brotverdienens">Leben</term> des
                                Brotverdienens und des sogenannten <term type="Sachen" key="Leben, des Vergnügens">Vergnügens</term> kein Wert ist, solange
                                es gelebt wird von einem unbewussten Naturwesen, solange der Mensch
                                nichts weiß von dem Meißel des Gehorsams und dem Hammer der <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term>, mit dem er
                                sich selbst, dem schaffenden Künstler gleich, gestalten soll zum wahren
                                Menschen. Ein <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName> ruft es
                                seinen Volksgenossen zu: Möge Recht sprudeln wie Wasser und
                                Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach [<ref type="can" subtype="bible" target="Am.5.24">Am. <pb xml:id="p215" ed="pga"/> 5,24</ref>]. Und ein <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> führt die Athener aus
                                dem Lärm des Marktes in die Stille <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> und
                                heißt sie sich selber erkennen.<note xml:id="n09">Anspielung
                                    auf die Inschrift am Tempel von <term type="Orte" key="Delphi">Delphi</term>, die <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> seinen Zuhörern als Weisheit ans Herz legt:
                                        «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γνῶθι σεαυτόν</foreign>» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2568">
                                    <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>,
                                        <hi rend="italic">Protagoras</hi> 343<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">β</foreign></bibl>)</note>
                        </p>
                            <p> Und die Morgenröte des <term type="Sachen" key="Leben, Morgenröte">Lebens</term> dehnt sich höher und breiter über den nächtlichen
                                Himmel des Unbewusstseins. Da und dort sind einige tiefer gestiegen zu
                                den Quellen dieses Lebens; sie kommen wieder<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                                 und sagen’s den Andern: Wisst ihr’s schon: Leben
                                ist etwas ganz Andres als trotzig sich selbst behaupten, als mürrisch
                                und zähe an seinem Recht festhalten. Leben, sich selber finden heißt
                                sich selber verlieren [vgl. 
                                <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.25">Mt. 16,25</ref>], heißt überwinden, heißt dienen, heißt
                                sich opfern. Wir denken an die rätselhaften hohen Lieder des zweiten
                                    <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> vom leidenden
                                    Gottesknecht,<note xml:id="n10">
                                <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.42.1 Jes.42.4">Jes. 42,1–4</ref>; 
                                    <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.49.1 Jes.49.6">49,1–6</ref>;
                                    <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.50.4 Jes.50.11">50,4–11</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.52.13 Jes.53.12">52,13–53,12</ref>.</note>
                                wir denken an das Dichten der Völker des vordern Asiens vom sterbenden
                                und auferstehenden Gotthelden.<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2569">M.
                                        <persName ref="kbga-actors-9186">Brückner</persName>,
                                        <hi rend="italic">Der sterbende und auferstehende Gottheiland in den
                                        orientalischen Religionen und ihr Verhältnis zum
                                        Christentum</hi> (Religionsgeschichtliche Volksbücher für die
                                    deutsche christliche Gegenwart, Reihe I: Religion des Neuen
                                    Testaments, Bd. 16), Tübingen 1908</bibl>.</note> Immer wieder ist’s
                                Ahnung des Bevorstehenden, immer wieder ist’s Weissagung des
                                Kommenden. Das Bevorstehende ist das Leben, das Kommende ist Gott. Und
                                so ist’s immer <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term>.</p>
                            <p>Und dann, um die Wende der Zeiten, ist ein Licht zu den Menschen
                                gekommen, von dem singen nun bald zwei Jahrtausende:</p>
                          
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Das ew’ge Licht geht da herein,</l>
                                        <l>Gibt der Welt einen neuen Schein.</l>
                                        <l>Es leucht’t wohl mitten in der Nacht</l>
                                        <l>Und uns des Lichtes Kinder macht.<note xml:id="n12">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-5">Strophe 4 des Liedes «Gelobet seist du, Jesu
                                                Christ» von M. Luther (RG 392; EG 23).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                                    </lg>
                                </q>
                        
                            <p rend="noindent">Das verheißungsvolle Leuchten, die wachsende
                                Morgendämmerung, die gewisse und starke Morgenröte des neuen Tages sind
                                in diesem Licht zusammengefasst zur stillen, starken Flamme. Ihr wisst,
                                dass ich von Jesus Christus rede. In ihm war das Leben, und das Leben
                                war das Licht der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Licht der Menschen">Menschen</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.4">Joh. 1,4</ref>]. <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Sein stilles, reines, gutes Wesen haben <pb xml:id="p216" ed="pga"/> die Menschen nicht vergessen können. Sein Leben und noch
                                deutlicher sein <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterben</term> hat ihnen das gezeigt in strahlender Gegenwart, was
                                    <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term> gehofft und
                                Griechenland träumerisch geschaut hatte. <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term>! Das Wort ward Fleisch und wohnte
                                unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Eine kurze Zeit
                                nur ist Jesus über die Erde gegangen. Es kamen andre Zeiten, andre
                                Menschen, und es war auch immer noch Finsternis da, die das Licht nicht
                                begreifen wollte [vgl. 
                                <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Aber das Adventslicht war da und, merkwürdig, immer
                                größer, immer heller begann es zu scheinen. Und wo Menschen ein helles,
                                unverlöschliches Licht angezündet haben, da war das Feuer von jenem
                                großen Licht genommen. Ein Volk von allerlei Zungen wandert im Scheine
                                dieses Lichts, und da ist kein wirklich Besinnlicher unter ihnen, der es
                                nicht freudig gestände, dass in keinem Andern Heil sei, dass auch kein
                                anderer Name unter dem Himmel den Menschenkindern gegeben sei, der
                                diesem gleichkäme [vgl. 
                                <ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.12">Act. 4,12</ref>].</p>
                            <p>Und nun scheint dies ewige Licht auch in dein und mein Leben hinein,
                                lieber Freund. Weißt du etwas zu sagen von der Finsternis des
                                Unbewusstseins, dann mach einmal die Augen auf, da vorne kommt etwas,
                                das deinem leeren Leben, wie bescheiden und verborgen es immer sein mag,
                                unermesslich reichen Inhalt geben will. Bist du des Lebens müde geworden
                                über den abgenützten schönen Worten, nach denen du immer wieder
                                gegriffen hast? Dann merk doch ja auf, was da kommt, das könnte etwas
                                für dich sein!</p>
                            <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Wir wandern im Finstern, aber wir sehen ein
                                großes Licht, und im Scheine dieses Lichts sehen wir die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> vor uns liegen, in die
                                unser kleines Leben einziehen soll, nein: darf.</p>
                            <p>Wir wohnen im finstern Lande, aber schon scheinet es hell über uns, und
                                da vorne kommt Freiheit und Freude, um unser zu werden.</p>
                            <p>Gott sprach: Es werde Licht! Und es <hi rend="italic">ward</hi> Licht [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.3">Gen. 1,3</ref>].</p>
                        </div>  
                            <div type="closer">
                                <salute>Amen.</salute>
                            </div>
                            
                        </div>
                    </div>
                </body>
            </text>
</TEI>
