Predigt Nr. 21 · 21. November 1909

Predigt: Deuteronomium 33,25

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Deuteronomium 33,25
Dein Alter sei wie deine Jugend.
Liebe Gemeinde!

Im evangelischen Deutschland draußen heißt der heutige Sonntag, der letzte vor dem 1. Advent, Totensonntag. Dem Gedanken an die Verstorbenen und an das Sterben ist dort jetzt überall die Predigt gewidmet, und am Nachmittag ziehen Hunderte und in den großen Städten Tausende und Zehntausende mit Kränzen beladen auf die Friedhöfe hinaus. Wie die Katholiken ihr Aller Seelen-Fest haben, so die Evangelischen Deutschlands ihren Totensonntag.

Wir schweizerischen Reformierten haben keinen solchen Festtag. Vielleicht weil unsrer Art, wie in so mancher Beziehung, das Verständnis für das Sinnige solcher Feier abgeht, weil wir ein zu scharfes Empfinden haben für Alles, was nur irgendwie uns an katholisches Wesen erinnern könnte. Vielleicht ist aber diese unsre nüchterne, trockene Art, die wir weder bestreiten noch bedauern wollen, in der verborgenen und doch überall deutlichen Sonderart unsrer reformierten und schweizerischen Glaubensweise begründet. Ich könnte mir Zwingli oder Calvin schwer vorstellen teilnehmend an einer jener schönen und pietätvollen Friedhofswallfahrten. Ihre Frömmigkeit war durch und durch eine Frömmigkeit des Lebens.

Und darum wollen auch wir heute vom Leben reden und nicht vom Sterben. Und doch vom Sterben, denn die Wende der Jahreszeit, in der wir stehen, legt uns solche Gedanken nahe. Wir haben wieder einmal das von so vielen Dichtern besungene Gelbwerden, Welken und Abfallen der Blätter mitangesehen. Die Knospen, die wir im Mai wachsen sahen, sind längst aufgegangen, und nun ist das Aufgegangene abgefallen, wie wir’s schon so manches Jahr sahen und sehen werden. An die Stelle der freundlichen Sonnenwärme sind die kalten Nebel und Winde getreten. Das Jahr 1909 hat die letzten Stücke seines Feiertagsgewandes abgelegt, um hart und wintermäßig seinem Ende entgegen|196zugehen, wie es begonnen hat. Ein Naturprozess, nichts weiter. Und doch macht er uns alle Jahre wehmütig und nachdenklich. Wir spüren an solchen Wendepunkten des Naturlebens, wie sehr unser Menschenleben daran Teil hat. Wie uns der Frühling von Freude und Auferstehung redet, so der winterliche Herbst von Schmerz und Vergänglichkeit. Wir blicken in solchen Zeiten unwillkürlich auf die großen oder kleinen Strecken unsres eigenen Lebensweges, die schon hinter uns oder noch vor uns liegen, und es überkommt uns etwas von dem Schauer des Gedankens, dass unser Leben schnell dahinfährt, als flögen wir davon [vgl. Ps. 90,10]. Welches auch unsre Gedanken über Gott und Ewigkeit sein mögen, es drängt sich uns in solchen Zeiten die Erkenntnis auf:

Alles stirbt, das Ird’sche findet
In dem Irdischen sein Grab.1

Ich möchte heute in dies Wogen der Herbststimmung, das wir sicher stark oder schwach Alle kennen, jenes Wort aus alter Zeit hineinwerfen, damit es sich kläre aus aller Traurigkeit und Sentimentalität zu starken und freudigen Ewigkeitsgedanken:

Dein Alter sei wie deine Jugend .

I

Wenn die Vergänglichkeit des Lebens einem Menschen schwere Gedanken macht, so ist im letzten Grund immer die Beobachtung daran schuld, dass er alt wird. Altwerden ist ja nichts Anderes, als ein großes, das größte Stück Leben vielleicht, unwiederbringlich hinter sich haben. Und die andre Seite dieser Beobachtung ist: je größer das Stück hinter uns, desto kleiner das Stück vora uns, desto geringer dann auch |197 die Kraft und die Hoffnung, mit der wir dies noch zu durchwandernde Stück antreten. Am Altwerden merken wir die Vergänglichkeit, das ist’s. Und das merken nicht etwa nur die Menschen, die von den andern «alte Leute» geheißen werden, weil sie 60 Jahre und darüber zählen. Was wollen die grauen oder braunen Haare besagen gegenüber den Lebenstatsachen, die vor Aller Augen stehen? Den 10jährigen, den 15jährigen überläuft’s kalt und warm, wenn er sich dunkel erinnert an die Tage, da er als kleiner und kleinster Geselle auf der Mutter Schoß saß, da Alles so ganz anders gewesen. Gewesen! Dann gaukelt2 der Schmetterling weiter, aber es ist etwas in ihm anders geworden, er hat gespürt, dass er älter geworden, weil etwas hinter ihm liegt. Wenn ich in Bern an dem großen Haus vorübergehe, in dem ich 12½ Jahre lang die Leiden und Freuden der Schule und des Gymnasiums erlebt,3 dann ist’s mir jedes Mal, als zöge sich etwas krampfhaft in mir zusammen, was ich nicht beschreiben kann. Gewesen, gewesen! Ich gehe weiter, aber ich spüre, dass etwas hinter mir liegt und dass ich etwas weniger vor mir habe. Und so denkt der reife Mann auf der Höhe seines Lebens zurück an die Zeit, da er als ein mutiger Wanderer auszog, die Welt zu erobern im Handwerk oder auf den Bänken der Universität. Er sieht zurück. Gewesen, gewesen! Er sieht vorwärts: er ist älter geworden.

Das, was die Menschen schmerzt beim Altwerden, ist das Bewusstwerden, dass ihnen die Zukunft keinen Lebenswert mehr bringe oder nur noch geringere als die der Vergangenheit. Wer eine schöne Vergangenheit hinter sich hat, wird leicht zu dem Gedanken neigen, dass das Schöne nun vorbei sei, und in diesem Gedanken zeigt es sich, dass er älter geworden. Und wer ein Leben voll schwerer Tage hinter sich hat, der kann sich’s nicht denken, dass es im Rest seines Daseins noch besser kommen werde, und in diesem Verzicht erkennt er selbst, dass er alt geworden.

198 Seht, meine Freunde, nun haben wir’s schon erkannt und ausgesprochen, dass das wirkliche Alt-Werden mit der Zahl der Jahre und mit der Farbe der Haare nichts zu tun hat. Alt-Werden, das wirkliche Alt-Werden meine ich, heißt keine Zukunft mehr vor sich haben, heißt fertig sein, heißt seine Rechnung abgeschlossen haben im Guten oder im Bösen. Wir Alle kennen das Gefühl des Älterwerdens, das uns in jenen Momenten des Rückblicks überkommt, und wir haben uns seiner nicht zu schämen. Aber wenn das Alt-Werden und Alt-Sein die herrschende Stimmung unsres Lebens wird, dann ist’s die tödlichste Krankheit, die es gibt. Und an dieser Krankheit leidet mancher 20jährige so gut wie mancher 60jährige. Da ist ein Jugendfreund, mit dem wir jahraus jahrein uns gefreut und begeistert hatten. Wir schienen in ihm zu finden, was uns selber noch fehlte an idealem Sinn und an jugendlicher Stärke. Ich hatt’ einen Kameraden, einen treuern findst du nicht.4 Dann kam vielleicht eine Zeit einer gewissen Lauheit, und dann sahen wir ihn nicht mehr ein Jahr, zwei Jahre, und wie wir ihn wiederfanden, da war er ganz anders als zuvor. Er hatte sich innerlich zur Ruhe gesetzt, er hatte mit dem Leben abgeschlossen, er war ein fertiger, satter Spießbürger geworden wie tausend Andere. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! [Jes. 14,12] Um wie Viele möchten wir solche Totenklage erheben zur Rechten und zur Linken, die wir eben erst ins tätige Leben eintreten sahen oder die noch auf der Höhe dieses Lebens stehen. Sie sind alt geworden, bevor die Locken grauten. Und wenn wir dann mit noch schärferem Blick unser eigenes Inwendiges mustern, wieviel Rost, wieviel stehengebliebene Räder, wieviel uraltes Gerumpel entdecken wir da, oft unter dem, was wir für das Wertvollste an uns erachteten. Wir brauchen nur einmal einen Tag lang so recht zufrieden mit uns selbst gewesen zu sein, wie greisenhaft fade kommen wir uns am nächsten vor.

Alt ist, wer irgendwie fertig mit sich selber ist.

Alt ist, wer sich mit der Vergangenheit zufrieden gibt, wer ein für alle Mal den Sinn des Lebens glaubt erfasst, den normalen Weg gefunden zu haben. Alt ist, wer sich behäbig in ausgefahrenen Geleisen |199 bewegt, wer in seinem Denken und Wollen auf einen Punkt gelangt ist, wo er seinen kleinen Anteil an der Wahrheit für die ewiggültige Form aller Wahrheit ansieht. Alt ist, wer vom Leben nichts mehr verlangt als einen Platz an der Sonne, um da mit möglichstem Anstand seine Tage zu verbringen.5

Es gibt ein altgewordenes Wollen, überall da, wo einer meint, er brauche sich nun nicht mehr anzustrengen, überall da, wo einem seine Lorbeeren süß dünken.

Es gibt ein altgewordenes Denken überall da, wo einer meint, er wisse, so er doch nichts weiß.6

Es gibt eine altgewordene Frömmigkeit, meine Freunde, überall da, wo man viele Worte macht entweder über die sogenannte Rechtgläubigkeit oder über den sogenannten religiösen Fortschritt. Wenn die flüssige, glühende Lava des Lebens zum harten, spröden Gestein des Alltags wird, wenn der sprudelnde Bergbach des Geistes zum schleichenden Sumpf der Formel und Phrase wird, das ist Altwerden.

Und wie es altgewordene Menschen gibt, so gibt es altgewordene Völker und Staaten, altgewordene Kirchen, altgewordene Parteien und Richtungen, mag ihr Name oft noch so lang das Gegenteil davon besagen.

Alt-Werden ist das Sterben des wirklichen Lebens.

Gott behüte uns vor diesem Alt-Werden. Gott behüte uns vor dem Fertig-Sein.

Dein Alter sei wie deine Jugend .

II

Denn auch Jugend ist wahrlich etwas ganz Anderes, als was die Oberflächlichen in der Welt Jugend nennen. Wenn nur des Lebens Blütenzeit diesen Namen tragen soll, dann ist Jugend etwas Vergängliches, |200 denn der Blütenzeit soll die Zeit der Früchte folgen. Wenn nur die Zeit der ungebrochenen Körper- und Geisteskraft Jugend heißen soll, dann ist sie vergänglich, denn die Scheide muss sich abnutzen, je länger wir das Schwert führen. Wenn nur die Zeit der tätigen Teilnahme an den Freuden jenes Alters Jugend ist, dann ist Jugend vergänglich, denn jenem Alter muss ein anderes folgen, das höhere Tätigkeit und höhere Teilnahme von uns fordert. Dann ist’s sentimentale Spielerei, dem verlorenen Jugendland nachzusinnen. Dann tun wir gut, mit Bewusstsein abzutun, was kindisch war und vorwärts zu blicken [vgl. 1.Kor. 13,11]. Der Jüngling muss zum Manne wachsen und das Mädchen zur Frau. Für eine kindische Erwachsenheit wollen wir nichts übrig haben.

Aber Jugend ist in Wirklichkeit etwas Anderes als die blonden oder braunen Locken, so gut wie Alter etwas Anderes ist als die grauen und weißen.

Jugend heißt, das Leben vor sich haben. Das Leben! Weißt du, was das heißt? Wenn’s die Spanne Zeit wäre, die zwischen Geburt und Sterben liegt, dann hätten die Oberflächlichen recht, dann wäre die Jugend von Anfang an ein vergänglicher Schein, und die einzige Wirklichkeit des Lebens wäre das Altwerden. Dann wäre das die höchste Weisheit, die spricht: Lasset uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir alt und übermorgen sind wir tot [vgl. 1.Kor. 15,32]. Aber das ist ja nicht Leben. Das, was die Menschen Geborenwerden, Jungsein, Altwerden, Sterben nennen, das ist ja bloß der Ablauf eines Naturprozesses. So treibt die Pflanze Sprossen und Keime, und aus ihnen werden Zweige und Blätter, und beide fallen ab, wenn ihre Zeit gekommen ist. Leben ist etwas Anderes. Leben heißt, im Ablauf jenes Prozesses, dem wir Alle als Glieder der Naturwelt unterworfen sind, den roten Faden der Wahrhaftigkeit gefunden haben. Leben heißt die Entdeckung des unermesslich reichen Zieles, das wir Freiheit oder Persönlichkeit nennen. Leben ist der schnurstracke Gegensatz zum Zwang der äußern Notwendigkeit, die scheinbar Gewalt hat über unser ganzes Dasein.

Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.7

201 Und was in uns ist, wird erweckt, wenn uns der Zauberstab des verborgenen Lebens berührt hat, das in der Geschichte der Natur und der Menschen geheimnisvoll waltet. Wir werden uns unsres Reichtums bewusst, wenn uns die Augen aufgehen für den Reichtum der Welt, die uns umgibt. Leben heißt den Dingen auf den Grund kommen, nicht durch kluge Spekulationen, sondern durch die einfache Besinnung auf das, was den Namen «wirklich» verdient in unserm Dasein. Und dies Leben vor sich haben heiße uns Jugend, nichts Anderes.

Man sagt uns, es sei das schöne Vorrecht der jungen Leute, den Glauben an die Zukunft zu haben. Ich erwidere: es ist nichts mit dieser Grenze zwischen jungen und alten Leuten, und jenes scheinbare Vorrecht ist das heilige Recht Aller, die den Namen Mensch tragen. Was man mit Achselzucken Jugendträume, Jugendidealismus nennt und gelassen preisgibt gegen die angebliche Reife des Alters, es ist nur zu oft das Leben selbst.

Sagen sie
Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte
Gerühmter besserer Vernunft das Herz,
Der zarten Götterblume – dass er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung die Himmelstochter lästert.8

Jung sein heißt das Leben vor sich haben, heißt dem roten Faden der Wahrhaftigkeit nachgehen, unermüdet, unermüdlich, ob nun die Strecke des äußern Wegs, den wir dabei wandern, noch lang oder schon kurz sei. Und wie wir Alle eine Jugend kennen, die schon alle Zeichen des Alters an sich trägt, so könnte ich euch zu einem Alter führen, das |202 die Verkörperung der wirklichen Jugend ist. Ich denke an das Alter Goethes, ich denke an das Alter Friedrich Schleiermachers9, des Begründers der neuen Theologie, ich denke an einen Mann wie Bodelschwingh10, ich denke an Menschen, die vielleicht in unsrer Mitte sind und die mich beschämen, wenn ich mir ihre stille innere Lebendigkeit vorhalte und daneben stelle, wie oft ich selbst müde und greisenhaft bin.

Wie das die Alten sind, die fertig zu sein wähnen, so sind das die Jungen, die in jedem Moment ihres Lebens sich ans Ufer des grenzenlosen Ozeans gestellt fühlen, denen die Augen aufgegangen sind für die unendlichen Tiefen des Daseins, denen immer neue Ziele und Aufgaben sich stellen. Und wie das die Alten sind, die abgeschlossen haben, so sind das die Jungen, die immer wieder sich auftun, um neues Leben zu empfangen und selber lebendig neues Leben hervorzubringen. Wenn wir, die Alten und die Jungen, so Jugend und Alter schauen gelernt haben, seht, dann verliert sich für uns die Vision des herbstlichen Vergehens, von der wir sprachen, in der Dämmerung. Der rote Faden des Lebens führt uns auf die Schwelle eines Bezirks, wo es kein Vergehen gibt, sondern lauter Werden. Wohl uns, wenn wir den roten Faden gefasst haben.

Dein Alter sei wie deine Jugend .

III

Aber dies Wort aus ferner Vergangenheit ist ein Wort der Verheißung, meine Freunde, und wir wollen uns freuen, dass dem so ist. Solange uns diese Gedanken bloß eine hohe Aufforderung sind, solange mö|203gen sie uns erbauen und begeistern, aber sie helfen uns im Grunde nicht, weil sie uns zur selben Zeit beschämen und demütigen. Wenn alle Weisen der Welt es uns geböten und wenn ein Engel vom Himmel käme und uns aufforderte: Du sollst jung sein, wie am Anfang, so in der Mitte und so am Ende deines Lebens – wir sind’s damit noch nicht. Die Botschaft hör’ ich wohl, doch wie der Klang im Ohr zergehet, der mächtig tönend ihr entschallt,11 so rauschen die schönen Gedanken an mir vorüber und lassen mich zurück, wie ich bin.

Meine Freunde! In Allem, was wir über Alter und Jugend eben geredet haben, ist der Name Gottes nicht vorgekommen. Und doch haben wir von nichts Anderem geredet als von Gott. Denn das Leben der Wahrhaftigkeit, das unendlich reich vor jedem von uns liegt, ob er alt oder jung sei, dies Leben ist Gott. Und die Wanderung nach dem Leben, ob wir es finden und ergreifen möchten inmitten der Tiefen und Untiefen unsres äußern Daseins, sie ist doch nichts Andres als die Wanderschaft zu Gott, «bis wir dort nach Kanaan durch die Wüste kommen werden»12. Ob wir faule oder rüstige Wanderer sind auf dieser verborgenen Pilgerfahrt, davon hängt’s ab, ob wir Alte sind oder Junge. Gott steht vor uns, meine Freunde! Aber nun sage ich, dass wir uns freuen wollen, dass unser Gott mehr ist als ein schönes Ziel und eine hohe Aufgabe.

Gott ist Gegenwart und Gott ist Gewissheit, und wo er ist, da ist dein Alter wie deine Jugend, da ist dein Alter, oder was die Menschen so nennen, aufgelöst in unvergänglicher Jugend.

204 Wir Alle wandern im Glauben und nicht im Schauen [2.Kor. 5,7]. Da ist keiner, der b-auf seiner Wanderschaft-b die Hemmungen des ewig Alltäglichen nicht kennte, nicht einer. Und diese Hemmungen sind’s, die uns müde und alt machen. Lange nicht immer bestehen diese Hemmungen in gewaltigen, schweren Schicksalen, die uns treffen, in offener Bosheit Anderer, mit der wir zu kämpfen haben, in deutlich erkennbaren Irrwegen, die wir selber einschlagen. Die kleinsten Hemmungen sind die größten, weil ihrer Viele, Unzählige sind. Einer der originellsten deutschen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hat ein ganzes Buch geschrieben über den Kampf mit der Tücke des Objekts, mit der Tücke der kleinen, ordinären, langweiligen Dinge, die auf unser aller Weg liegen.13 Das ist der Kampf, wir kennen ihn alle, an dem sich Unzählige wund reiben. Und in diesem Kampf kommt dann immer wieder die Stimmung über uns, die uns heißt, uns innerlich zur Ruhe setzen, uns zufrieden zu geben mit dem Erreichten, uns in das behagliche Schneckenhaus irgend einer selbstgemachten oder am Weg aufgelesenen sogenannten Lebensweisheit zurückzuziehen. Und dann sind wir alt geworden, und Gott wird uns ein hoher, aber ferner Name. Denn Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen [Mt. 22,32 par.].

Aber nun ist’s das Große, dass Gott unsrer Pilgerschaft, den Kämpfen unsrer Jugend mit den Gewalten des Alters nicht von ferne zusieht, wie ein orientalischer Despot der Fronarbeit seiner Untertanen zusieht: Er sagt zu einem jeden von uns: Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte [Jer. 31,3]. Und er sagt es nicht nur, sondern er tut es. Denn wenn wir ihn haben, dann haben wir den, der der Herr ist auch über den rätselhaften Naturprozess, in dessen erbarmungslose Räder die kleine Strecke unsres |205 Lebensweges eingeschlossen scheint. Wo Gott ist, da steht der Mensch mitten drin in dem Bezirk, in dem es kein Vergehen gibt, sondern nur Freiheit, nur Freude, nur Werden, kein Rückwärts und keinen Stillstand, sondern lauter Vorwärts und Bewegung, keinen Herbst, sondern lauter Frühling, kein Alter, sondern lauter Jugend. Wo Gott ist, da verliert auch das rätselhafte Ende jenes rätselhaften Naturprozesses, den sie das Leben heißen, seinen Schrecken. Weil auch der Tod in Gottes Hand ist, so muss auch der Tod Leben und Freiheit sein.

Und wo Gott ist, da verstehen wir das andere Wort eines seiner Freunde aus vergangenen Zeiten:

Wem ist Zeit wie Ewigkeit
Und Ewigkeit wie diese Zeit,
Der ist befreit von allem Streit.14

Und in seine Hände befehlen wir dann unsern Eingang und unsern Ausgang in dieser Zeit [vgl. Ps. 121,8] und sagen ohne Resignation und ohne Weltverdruss, aber in Freude und Offenheit:

Kommt, Brüder, lasst uns gehen!
Der Abend kommt herbei;
Es ist gefährlich stehen
In dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,
Zur Ewigkeit zu wandern
Von einer Kraft zur andern:
Es ist das Ende gut.15
Amen.
Lieder:
  • Nr. 9: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1–3 (RG 240; EG 326). 🎵
  • Nr. 227: «Himmelan geht unsre Bahn» von B. Schmolck, Strophen 1.2.7. 🎵
  • Nr. 352: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes, Strophen 1.4.5. 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. doppeltes «vor» am Zeilenende und -anfang.↩
b-b
Im Mskr. mit Bleistift nachträglich eingefügt.↩

Sachfußnoten

1
Beginn der dritten Strophe des Liedes «Bleibt bei dem, der euretwillen» von K. J. Ph. Spitta (GERS 254) 🎵:
Alles stirbt, das Ird’sche findet
In dem Irdischen sein Grab;
Alle Lust der Welt verschwindet,
Und das Herz stirbt selbst ihr ab.
Ird’sches Wesen muss verwesen,
Ird’sche Flamme muss verglühn,
Ird’sche Fessel muss sich lösen,
Ird’sche Blüte muss verblühn.
↩
2
Dichterisch für: leicht oder spielerisch schaukelnd schweben.↩
3
Barth besuchte von April 1892 bis September 1904 das Freie Gymnasium an der Nägeligasse in Bern (davon bis 1896 dessen «Elementarabteilung»), das vormals nach seinem Gründer Theodor von Lerber (1823–1901) «Lerberschule» genannt wurde; vgl. K. Barth, Karl Barth, in: Schweizerköpfe der Gegenwart / Figures Suisse Contemporaines / Svizzeri d’oggi, Bd. I, Zürich 1945, S. 117–121, dort S. 117 📖; Busch, S. 25.43 📖.↩
4
Anfang der ersten Strophe des Gedichts «Der gute Kamerad» (1809) von Ludwig Uhland 📖 (1787–1862), das in der 1825 erfolgten Vertonung durch Friedrich Silcher (1789–1860) und unter dem Titel: «Ich hatt’ einen Kameraden» zu einem weltweit bekannten Soldatenlied wurde.↩
5
Zur hier im ursprünglichen Sinn verwendeten Metapher vom «Platz an der Sonne» vgl. oben, S. 153, Anm. 3.↩
6
Anspielung auf Platon, Apologie, 21d 📖: «[…] οὗτος μὲν οἴεταί τι εἰδέναι οὐκ εἰδώς, ἐγὼ δέ, ὥσπερ οὖν οὐκ οἶδα, οὐδὲ οἴομαι· ἔοικα γοῦν τούτου γε σμικρῷ τινι αὐτῷ τούτῳ σοφώτερος εἶναι, ὅτι, ἃ μὴ οἶδα, οὐδὲ οἴομαι εἰδέναι» («[…] dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen»).↩
7
Schlusszeilen der fünften und letzten Strophe des Gedichts «Die Worte des Wahns» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1800; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 215f., dort S. 216) 📖:
Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn
Und den himmlischen Glauben bewahre!
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, Du bringst es ewig hervor!
↩
8
Fr. Schiller, Don Carlos, vierter Akt, einundzwanzigster Auftritt (Sämtliche Werke, Bd. 2, München 19623, S. 173) 📖.↩
9
Friedrich D. E. Schleiermacher (1768–1834) ließ sein Hauptwerk, «Der christliche Glaube», an dem er lange Jahre gearbeitet hatte, 1821/22 in zwei Bänden erscheinen 📖; die wesentlich überarbeitete zweite Auflage, mit deren Erarbeitung er 1829 begonnen hatte, erschien 1830/31, also erst wenige Jahre vor seinem Tod. Vgl. Fr. D. E. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31) 📖, Teilbd. 1, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/1, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. XII–XIV.↩
10
Friedrich von Bodelschwingh [d. Ä.] (1831–1910), seit 1872 und bis zu seinem Tod Leiter der «Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische» bei Bielefeld (heute: «v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel»).↩
11
Kombination der beiden bekannten Verse «Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube» (J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 765 [Nacht] 📖) und «Und wie der Klang im Ohr vergehet, / Der mächtig tönend ihr entschallt» (Fr. Schiller, Das Lied von der Glocke, V. 414f. [Erstdruck: 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 429–442, dort S. 441) 📖.↩
12
Aus Strophe 1 des im Gottesdienst gesungenen Liedes «Himmelan geht unsre Bahn» (s. unten, Lieder) 🎵:
Himmelan geht unsre Bahn!
Wir sind Gäste nur auf Erden,
Bis wir dort nach Kanaan
Durch die Wüste kommen werden.
Hier ist unser Pilgerstand,
Droben unser Vaterland.
↩
13
Gemeint ist: Fr. Th. Vischer, Auch einer. Eine Reisebekanntschaft, 2. Bde., Stuttgart / Leipzig 1879 📖. Friedrich Theodor Vischer (1807–1887) lehrte seit 1835 als Literaturwissenschaftler in Tübingen und seit 1855 in Zürich; der genannte Roman ist sein erfolgreichstes und meistgelesenes Buch, mit dem er die Redewendung «Tücke des Objekts» prägte (vgl. a.a.O., Bd. 1, S. 24) und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits in mehr als dreißig Auflagen erschienen war.↩
14
Beliebter und häufig zitierter Aphorismus des Mystikers Jacob Böhme (1575–1624); vgl. Konfirmandenunterricht, S. 41, Anm. 84 📖.↩
15
Strophe 1 des Liedes «Kommt, Brüder, lasst uns gehen» von G. Tersteegen (GERS 327; EG 393 [dort: «Kommt, Kinder, lasst uns gehen»]) 🎵.↩