Predigt: Deuteronomium 33,25
Im evangelischen Deutschland draußen heißt der heutige Sonntag, der letzte vor dem 1. Advent, Totensonntag. Dem Gedanken an die Verstorbenen und an das Sterben ist dort jetzt überall die Predigt gewidmet, und am Nachmittag ziehen Hunderte und in den großen Städten Tausende und Zehntausende mit Kränzen beladen auf die Friedhöfe hinaus. Wie die Katholiken ihr Aller Seelen-Fest haben, so die Evangelischen Deutschlands ihren Totensonntag.
Wir schweizerischen Reformierten haben keinen solchen Festtag. Vielleicht weil
unsrer Art, wie in so mancher Beziehung, das Verständnis für das Sinnige
solcher Feier abgeht, weil wir ein zu scharfes Empfinden haben für Alles,
was nur irgendwie uns an katholisches Wesen erinnern könnte. Vielleicht ist
aber diese unsre nüchterne, trockene Art, die
wir weder bestreiten noch bedauern wollen, in der verborgenen und doch
überall deutlichen Sonderart unsrer reformierten und schweizerischen Glaubensweise
begründet. Ich könnte mir
Und darum wollen auch wir heute vom Leben reden und nicht vom Sterben. Und doch vom Sterben, denn die Wende der
Jahreszeit, in der wir stehen, legt uns solche Gedanken nahe. Wir haben
wieder einmal das von so vielen Dichtern besungene Gelbwerden, Welken und
Abfallen der Blätter mitangesehen. Die Knospen, die wir im Mai wachsen
sahen, sind längst aufgegangen, und nun ist das Aufgegangene abgefallen, wie
wir’s schon so manches Jahr sahen und sehen werden. An die Stelle der
freundlichen Sonnenwärme sind die kalten Nebel und Winde getreten. Das Jahr
1909 hat die letzten Stücke seines Feiertagsgewandes abgelegt, um hart und
wintermäßig seinem Ende entgegen|196zugehen, wie es begonnen hat. Ein Naturprozess,
nichts weiter. Und doch macht er uns alle Jahre wehmütig und nachdenklich.
Wir spüren an solchen Wendepunkten des Naturlebens, wie sehr unser
Menschenleben daran Teil hat. Wie uns der Frühling von Freude und Auferstehung redet, so der
winterliche Herbst von Schmerz und
Vergänglichkeit. Wir
blicken in solchen Zeiten unwillkürlich auf die großen oder kleinen Strecken
unsres eigenen Lebensweges, die schon hinter uns oder noch vor uns liegen,
und es überkommt uns etwas von dem Schauer des Gedankens, dass unser Leben schnell
dahinfährt, als flögen wir davon
[vgl.
Ich möchte heute in dies Wogen der Herbststimmung, das wir sicher stark oder schwach Alle kennen, jenes Wort aus alter Zeit hineinwerfen, damit es sich kläre aus aller Traurigkeit und Sentimentalität zu starken und freudigen Ewigkeitsgedanken:
I
Wenn die Vergänglichkeit des Lebens einem Menschen
schwere Gedanken macht, so ist im letzten Grund immer die Beobachtung
daran schuld, dass er alt wird. Altwerden ist ja nichts Anderes, als ein
großes, das größte Stück Leben vielleicht, unwiederbringlich hinter sich
haben. Und die andre Seite dieser
Beobachtung ist: je größer das Stück hinter uns, desto kleiner das Stück vora
uns, desto geringer dann auch |197 die Kraft
und die Hoffnung, mit der wir dies noch zu durchwandernde Stück
antreten. Am Altwerden merken
wir die Vergänglichkeit, das ist’s. Und das merken nicht etwa nur
die Menschen, die von den andern «alte Leute» geheißen werden, weil sie 60
Jahre und darüber zählen. Was wollen die grauen oder braunen Haare
besagen gegenüber den Lebenstatsachen, die vor Aller Augen
stehen? Den 10jährigen, den 15jährigen überläuft’s kalt und warm,
wenn er sich dunkel erinnert an die Tage, da er als kleiner und
kleinster Geselle auf der Mutter Schoß saß, da Alles so ganz anders
gewesen. Gewesen! Dann gaukelt2 der
Schmetterling weiter, aber es ist etwas in ihm anders geworden, er hat
gespürt, dass er älter geworden, weil etwas hinter ihm liegt. Wenn ich
in
Das, was die Menschen schmerzt beim Altwerden, ist das Bewusstwerden, dass ihnen die Zukunft keinen Lebenswert mehr bringe oder nur noch geringere als die der Vergangenheit. Wer eine schöne Vergangenheit hinter sich hat, wird leicht zu dem Gedanken neigen, dass das Schöne nun vorbei sei, und in diesem Gedanken zeigt es sich, dass er älter geworden. Und wer ein Leben voll schwerer Tage hinter sich hat, der kann sich’s nicht denken, dass es im Rest seines Daseins noch besser kommen werde, und in diesem Verzicht erkennt er selbst, dass er alt geworden.
198 Seht, meine Freunde, nun haben wir’s schon erkannt und ausgesprochen, dass das wirkliche Alt-Werden mit der Zahl der Jahre und mit der Farbe der Haare nichts zu tun hat. Alt-Werden, das wirkliche Alt-Werden meine ich, heißt keine Zukunft mehr vor sich haben, heißt fertig sein, heißt seine Rechnung abgeschlossen haben im Guten oder im Bösen. Wir Alle kennen das Gefühl des Älterwerdens, das uns in jenen Momenten des Rückblicks überkommt, und wir haben uns seiner nicht zu schämen. Aber wenn das Alt-Werden und Alt-Sein die herrschende Stimmung unsres Lebens wird, dann ist’s die tödlichste Krankheit, die es gibt. Und an dieser Krankheit leidet mancher 20jährige so gut wie mancher 60jährige. Da ist ein Jugendfreund, mit dem wir jahraus jahrein uns gefreut und begeistert hatten. Wir schienen in ihm zu finden, was uns selber noch fehlte an idealem Sinn und an jugendlicher Stärke. Ich hatt’ einen Kameraden, einen treuern findst du nicht.4 Dann kam vielleicht eine Zeit einer gewissen Lauheit, und dann sahen wir ihn nicht mehr ein Jahr, zwei Jahre, und wie wir ihn wiederfanden, da war er ganz anders als zuvor. Er hatte sich innerlich zur Ruhe gesetzt, er hatte mit dem Leben abgeschlossen, er war ein fertiger, satter Spießbürger geworden wie tausend Andere. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! [Jes. 14,12] Um wie Viele möchten wir solche Totenklage erheben zur Rechten und zur Linken, die wir eben erst ins tätige Leben eintreten sahen oder die noch auf der Höhe dieses Lebens stehen. Sie sind alt geworden, bevor die Locken grauten. Und wenn wir dann mit noch schärferem Blick unser eigenes Inwendiges mustern, wieviel Rost, wieviel stehengebliebene Räder, wieviel uraltes Gerumpel entdecken wir da, oft unter dem, was wir für das Wertvollste an uns erachteten. Wir brauchen nur einmal einen Tag lang so recht zufrieden mit uns selbst gewesen zu sein, wie greisenhaft fade kommen wir uns am nächsten vor.
Alt ist, wer irgendwie fertig mit sich selber ist.
Alt ist, wer sich mit der Vergangenheit zufrieden gibt, wer ein für alle Mal den Sinn des Lebens glaubt erfasst, den normalen Weg gefunden zu haben. Alt ist, wer sich behäbig in ausgefahrenen Geleisen |199 bewegt, wer in seinem Denken und Wollen auf einen Punkt gelangt ist, wo er seinen kleinen Anteil an der Wahrheit für die ewiggültige Form aller Wahrheit ansieht. Alt ist, wer vom Leben nichts mehr verlangt als einen Platz an der Sonne, um da mit möglichstem Anstand seine Tage zu verbringen.5
Es gibt ein altgewordenes Wollen, überall da, wo einer meint, er brauche sich nun nicht mehr anzustrengen, überall da, wo einem seine Lorbeeren süß dünken.
Es gibt ein altgewordenes Denken überall da, wo einer meint, er wisse, so er doch nichts weiß.6
Es gibt eine altgewordene Frömmigkeit, meine Freunde, überall da, wo man viele Worte macht entweder über die sogenannte Rechtgläubigkeit oder über den sogenannten religiösen Fortschritt. Wenn die flüssige, glühende Lava des Lebens zum harten, spröden Gestein des Alltags wird, wenn der sprudelnde Bergbach des Geistes zum schleichenden Sumpf der Formel und Phrase wird, das ist Altwerden.
Und wie es altgewordene Menschen gibt, so gibt es altgewordene Völker und Staaten, altgewordene Kirchen, altgewordene Parteien und Richtungen, mag ihr Name oft noch so lang das Gegenteil davon besagen.
Alt-Werden ist das Sterben des wirklichen Lebens.
Gott behüte uns vor diesem Alt-Werden. Gott behüte uns vor dem Fertig-Sein.
II
Denn auch Jugend ist wahrlich etwas ganz Anderes, als was
die Oberflächlichen in der Welt Jugend nennen. Wenn nur des Lebens
Blütenzeit diesen Namen tragen soll, dann ist Jugend etwas Vergängliches, |200 denn der Blütenzeit soll die Zeit der Früchte
folgen. Wenn nur die Zeit der ungebrochenen Körper- und Geisteskraft
Jugend heißen soll, dann ist sie vergänglich, denn die Scheide muss sich
abnutzen, je länger wir das Schwert führen. Wenn nur die Zeit der
tätigen Teilnahme an den Freuden jenes Alters Jugend ist, dann ist
Jugend vergänglich, denn jenem Alter muss ein anderes folgen, das höhere
Tätigkeit und höhere Teilnahme von uns fordert. Dann ist’s
sentimentale Spielerei, dem verlorenen Jugendland nachzusinnen. Dann tun
wir gut, mit Bewusstsein abzutun, was kindisch war und vorwärts zu
blicken [vgl.
Aber Jugend ist in Wirklichkeit etwas Anderes als die blonden oder braunen Locken, so gut wie Alter etwas Anderes ist als die grauen und weißen.
Jugend heißt, das Leben vor sich haben. Das Leben!
Weißt du, was das heißt? Wenn’s die Spanne Zeit wäre, die
zwischen Geburt und Sterben liegt, dann hätten die Oberflächlichen
recht, dann wäre die Jugend von Anfang an ein vergänglicher Schein, und
die einzige Wirklichkeit des Lebens wäre das Altwerden. Dann wäre das
die höchste Weisheit, die spricht: Lasset uns essen und trinken und
fröhlich sein, denn morgen sind wir alt und übermorgen sind wir tot
[vgl.
201 Und was in uns ist, wird erweckt, wenn uns der Zauberstab des verborgenen Lebens berührt hat, das in der Geschichte der Natur und der Menschen geheimnisvoll waltet. Wir werden uns unsres Reichtums bewusst, wenn uns die Augen aufgehen für den Reichtum der Welt, die uns umgibt. Leben heißt den Dingen auf den Grund kommen, nicht durch kluge Spekulationen, sondern durch die einfache Besinnung auf das, was den Namen «wirklich» verdient in unserm Dasein. Und dies Leben vor sich haben heiße uns Jugend, nichts Anderes.
Man sagt uns, es sei das schöne Vorrecht der jungen Leute, den Glauben an die Zukunft zu haben. Ich erwidere: es ist nichts mit dieser Grenze zwischen jungen und alten Leuten, und jenes scheinbare Vorrecht ist das heilige Recht Aller, die den Namen Mensch tragen. Was man mit Achselzucken Jugendträume, Jugendidealismus nennt und gelassen preisgibt gegen die angebliche Reife des Alters, es ist nur zu oft das Leben selbst.
Jung sein heißt das Leben vor sich haben, heißt dem roten
Faden der Wahrhaftigkeit nachgehen, unermüdet,
unermüdlich, ob nun die Strecke des äußern Wegs, den wir dabei wandern,
noch lang oder schon kurz sei. Und wie wir Alle eine Jugend kennen, die
schon alle Zeichen des Alters an sich trägt, so könnte ich euch zu einem
Alter führen, das |202 die Verkörperung
der wirklichen Jugend ist. Ich denke an das Alter
Wie das die Alten sind, die fertig zu sein wähnen, so sind das die Jungen, die in jedem Moment ihres Lebens sich ans Ufer des grenzenlosen Ozeans gestellt fühlen, denen die Augen aufgegangen sind für die unendlichen Tiefen des Daseins, denen immer neue Ziele und Aufgaben sich stellen. Und wie das die Alten sind, die abgeschlossen haben, so sind das die Jungen, die immer wieder sich auftun, um neues Leben zu empfangen und selber lebendig neues Leben hervorzubringen. Wenn wir, die Alten und die Jungen, so Jugend und Alter schauen gelernt haben, seht, dann verliert sich für uns die Vision des herbstlichen Vergehens, von der wir sprachen, in der Dämmerung. Der rote Faden des Lebens führt uns auf die Schwelle eines Bezirks, wo es kein Vergehen gibt, sondern lauter Werden. Wohl uns, wenn wir den roten Faden gefasst haben.
III
Aber dies Wort aus ferner Vergangenheit ist ein Wort der Verheißung, meine Freunde, und wir wollen uns freuen, dass dem so ist. Solange uns diese Gedanken bloß eine hohe Aufforderung sind, solange mö|203gen sie uns erbauen und begeistern, aber sie helfen uns im Grunde nicht, weil sie uns zur selben Zeit beschämen und demütigen. Wenn alle Weisen der Welt es uns geböten und wenn ein Engel vom Himmel käme und uns aufforderte: Du sollst jung sein, wie am Anfang, so in der Mitte und so am Ende deines Lebens – wir sind’s damit noch nicht. Die Botschaft hör’ ich wohl, doch wie der Klang im Ohr zergehet, der mächtig tönend ihr entschallt,11 so rauschen die schönen Gedanken an mir vorüber und lassen mich zurück, wie ich bin.
Meine Freunde! In Allem, was wir über Alter und Jugend eben geredet haben, ist der Name Gottes nicht vorgekommen. Und doch haben wir von nichts Anderem geredet als von Gott. Denn das Leben der Wahrhaftigkeit, das unendlich reich vor jedem von uns liegt, ob er alt oder jung sei, dies Leben ist Gott. Und die Wanderung nach dem Leben, ob wir es finden und ergreifen möchten inmitten der Tiefen und Untiefen unsres äußern Daseins, sie ist doch nichts Andres als die Wanderschaft zu Gott, «bis wir dort nach Kanaan durch die Wüste kommen werden»12. Ob wir faule oder rüstige Wanderer sind auf dieser verborgenen Pilgerfahrt, davon hängt’s ab, ob wir Alte sind oder Junge. Gott steht vor uns, meine Freunde! Aber nun sage ich, dass wir uns freuen wollen, dass unser Gott mehr ist als ein schönes Ziel und eine hohe Aufgabe.
Gott ist Gegenwart und Gott ist Gewissheit, und wo er ist, da ist dein Alter wie deine Jugend, da ist dein Alter, oder was die Menschen so nennen, aufgelöst in unvergänglicher Jugend.
204 Wir Alle wandern im Glauben und nicht im Schauen [
Aber nun ist’s das Große, dass Gott unsrer Pilgerschaft, den
Kämpfen unsrer Jugend mit den Gewalten des Alters nicht von ferne
zusieht, wie ein orientalischer Despot der Fronarbeit seiner Untertanen
zusieht: Er sagt zu einem jeden von uns: Ich habe dich je und je
geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte [
Und wo Gott ist, da verstehen wir das andere Wort eines seiner Freunde aus vergangenen Zeiten:
Und in seine Hände befehlen wir dann unsern Eingang und
unsern Ausgang in dieser Zeit [vgl.
- Nr. 9: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von
J. J. Schütz , Strophen 1–3 (RG 240; EG 326). - Nr. 227: «Himmelan geht unsre Bahn» von
B. Schmolck , Strophen 1.2.7. - Nr. 352: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von
J. T. Hermes , Strophen 1.4.5.