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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 21</title>
        <title type="content">Predigt: Deuteronomium 33,25</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Deuteronomium 33,25, 21. November 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53023 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53023</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 21: Predigt: Deuteronomium 33,25</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">23</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Dtn 33,25, 21. November 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1464">KBA 999</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-11-21">21. November 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>21</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1909-11-21">Sonntag, den
                            21. November 1909</date> <date rend="right">(24. nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.33.25">Deuteronomium 33,25</ref>
                     
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Dein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term> sei wie deine <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term>.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Im evangelischen <term type="Sachen" key="Deutschland">Deutschland</term>
                    draußen heißt der heutige Sonntag, der letzte vor dem 1. Advent, <term type="Sachen" key="Totensonntag">Totensonntag</term>. Dem Gedanken an
                    die Verstorbenen und an das Sterben ist dort jetzt überall die Predigt
                    gewidmet, und am Nachmittag ziehen Hunderte und in den großen Städten
                    Tausende und Zehntausende mit Kränzen beladen auf die Friedhöfe hinaus. Wie
                    die Katholiken ihr Aller <term type="Sachen" key="Allerseelen">Seelen-Fest</term> haben, so die Evangelischen Deutschlands ihren <term type="Sachen" key="Totensonntag">Totensonntag</term>.</p>
                <p> Wir schweizerischen <term type="Sachen" key="Reformierte, schweizerische">Reformierten</term> haben keinen solchen Festtag. Vielleicht weil
                    unsrer Art, wie in so mancher Beziehung, das Verständnis für das Sinnige
                    solcher Feier abgeht, weil wir ein zu scharfes Empfinden haben für Alles,
                    was nur irgendwie uns an katholisches Wesen erinnern könnte. Vielleicht ist
                    aber diese unsre <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> nüchterne, trockene Art, die
                    wir weder bestreiten noch bedauern wollen, in der verborgenen und doch
                    überall deutlichen Sonderart unsrer <term type="Sachen" key="Glaube, reformierter">reformierten</term> und schweizerischen <term type="Sachen" key="Glaube, schweizerischer">Glaubensweise</term>
                    begründet. Ich könnte mir <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> oder <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> schwer vorstellen teilnehmend an einer jener schönen und
                    pietätvollen Friedhofswallfahrten. Ihre Frömmigkeit war durch und durch eine
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, des Lebens">Frömmigkeit</term> des
                    Lebens.</p>
                <p> Und darum wollen auch wir heute vom <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> reden und nicht vom Sterben. Und doch vom <term type="Sachen" key="Sterben">Sterben</term>, denn die Wende der
                    Jahreszeit, in der wir stehen, legt uns solche Gedanken nahe. Wir haben
                    wieder einmal das von so vielen Dichtern besungene Gelbwerden, Welken und
                    Abfallen der Blätter mitangesehen. Die Knospen, die wir im Mai wachsen
                    sahen, sind längst aufgegangen, und nun ist das Aufgegangene abgefallen, wie
                    wir’s schon so manches Jahr sahen und sehen werden. An die Stelle der
                    freundlichen Sonnenwärme sind die kalten Nebel und Winde getreten. Das Jahr
                    1909 hat die letzten Stücke seines Feiertagsgewandes abgelegt, um hart und
                        <term type="Sachen" key="Winter">wintermäßig</term> seinem Ende entgegen<pb xml:id="p196" ed="pga" break="no"/>zugehen, wie es begonnen hat. Ein Naturprozess,
                    nichts weiter. Und doch macht er uns alle Jahre wehmütig und nachdenklich.
                    Wir spüren an solchen Wendepunkten des Naturlebens, wie sehr unser
                    Menschenleben daran Teil hat. Wie <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> uns der <term type="Sachen" key="Frühling">Frühling</term> von Freude und <term type="Sachen" key="Auferstehung">Auferstehung</term> redet, so der
                    winterliche <term type="Sachen" key="Herbst">Herbst</term> von Schmerz und
                        <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term>. Wir
                    blicken in solchen Zeiten unwillkürlich auf die großen oder kleinen Strecken
                    unsres eigenen Lebensweges, die schon hinter uns oder noch vor uns liegen,
                    und es überkommt uns etwas von dem Schauer des Gedankens, dass unser <term type="Sachen" key="Leben, Vergänglichkeit">Leben</term> schnell
                    dahinfährt, als flögen wir davon 
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.10">Ps. 90,10</ref>]. Welches auch unsre Gedanken über Gott und
                        <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> sein mögen, es drängt
                    sich uns in solchen Zeiten die Erkenntnis auf:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Alles stirbt, das Ird’sche findet</l>
                            <l>In dem Irdischen sein Grab.<note xml:id="n01">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-242">Beginn
                                    der dritten Strophe des Liedes «Bleibt bei dem, der
                                    euretwillen» von <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (GERS
                                    254)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Alles stirbt, das Ird’sche findet </l>
                                              <l>In dem Irdischen sein Grab; </l>
                                              <l>Alle Lust der Welt verschwindet, </l>
                                              <l>Und das Herz stirbt selbst ihr ab. </l>
                                              <l>Ird’sches Wesen muss verwesen, </l>
                                              <l>Ird’sche Flamme muss verglühn, </l>
                                              <l>Ird’sche Fessel muss sich lösen, </l>
                                              <l>Ird’sche Blüte muss verblühn.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Ich möchte heute in dies Wogen der <term type="Sachen" key="Herbststimmung">Herbststimmung</term>, das wir sicher stark oder
                    schwach Alle kennen, jenes Wort aus alter Zeit hineinwerfen, damit es sich
                    kläre aus aller Traurigkeit und Sentimentalität zu starken und freudigen
                    Ewigkeitsgedanken:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>
                                <hi rend="italic">Dein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term></hi>
                                <hi rend="italic">sei wie deine <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term></hi>
                                <hi rend="italic">.</hi>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Wenn die Vergänglichkeit des Lebens einem Menschen
                        schwere Gedanken macht, so ist im letzten Grund immer die Beobachtung
                        daran schuld, dass er alt wird. Altwerden ist ja nichts Anderes, als ein
                        großes, das größte Stück Leben vielleicht, unwiederbringlich hinter sich
                        haben. <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Und die andre Seite dieser
                        Beobachtung ist: je größer das Stück hinter uns, desto kleiner das Stück vor<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. doppeltes «vor» am Zeilenende und -anfang.</note>
                         uns, desto geringer dann auch <pb xml:id="p197" ed="pga"/> die Kraft
                        und die Hoffnung, mit der wir dies noch zu durchwandernde Stück
                        antreten. Am <term type="Sachen" key="Altwerden">Altwerden</term> merken
                        wir die <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term>, das ist’s. Und das merken nicht etwa nur
                        die Menschen, die von den andern «alte <term type="Sachen" key="Alter, alte Leute">Leute»</term> geheißen werden, weil sie 60
                        Jahre und darüber zählen. Was wollen die grauen oder braunen Haare
                        besagen gegenüber den Lebenstatsachen, die vor <hi rend="italic">Aller</hi> Augen
                        stehen? Den 10jährigen, den 15jährigen überläuft’s kalt und warm,
                        wenn er sich dunkel erinnert an die Tage, da er als kleiner und
                        kleinster Geselle auf der Mutter Schoß saß, da Alles so ganz anders
                        gewesen. Gewesen! Dann gaukelt<note xml:id="n02">Dichterisch
                            für: leicht oder spielerisch schaukelnd schweben.</note> der
                        Schmetterling weiter, aber es ist etwas in ihm anders geworden, er hat
                        gespürt, dass er älter geworden, weil etwas hinter ihm liegt. Wenn ich
                        in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> an dem großen Haus
                        vorübergehe, in dem ich 12½ Jahre lang die Leiden und Freuden der
                        Schule und des Gymnasiums erlebt,<note xml:id="n03">Barth
                            besuchte von April 1892 bis September 1904 das <placeName ref="kbga-places-1128">Freie Gymnasium</placeName> an der Nägeligasse in Bern (davon bis 1896
                            dessen «Elementarabteilung»), das vormals nach seinem Gründer
                            <persName ref="kbga-actors-9185">Theodor von Lerber</persName> (1823–1901) «Lerberschule» genannt wurde;
                            vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2560">K. Barth, <hi rend="italic">Karl Barth</hi>, in: <hi rend="italic">Schweizerköpfe der
                                Gegenwart / Figures Suisse Contemporaines / Svizzeri
                                d’oggi</hi>, Bd. I, Zürich 1945, S. 117–121,
                            dort S. 117</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 25.43</bibl>.</note> dann ist’s mir jedes
                        Mal, als zöge sich etwas krampfhaft in mir zusammen, was ich nicht
                        beschreiben kann. Gewesen, <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">gewesen</term>! Ich gehe weiter, aber ich spüre, dass etwas hinter
                        mir liegt und dass ich etwas weniger vor mir habe. Und so denkt der
                        reife Mann auf der Höhe seines Lebens zurück an die Zeit, da er als ein
                        mutiger Wanderer auszog, die Welt zu erobern im Handwerk oder <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> auf den Bänken der Universität. Er sieht
                        zurück. Gewesen, gewesen! Er sieht vorwärts: er ist älter geworden.</p>
                    <p> Das, was die Menschen schmerzt beim <term type="Sachen" key="Altwerden">Altwerden</term>, ist das Bewusstwerden, dass ihnen die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> keinen Lebenswert mehr
                        bringe oder nur noch geringere als die der <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term>. Wer eine schöne
                        Vergangenheit hinter sich hat, wird leicht zu dem Gedanken neigen, dass
                        das Schöne nun vorbei sei, und in diesem Gedanken zeigt es sich, dass er
                        älter geworden. Und wer ein Leben voll schwerer Tage hinter sich hat,
                        der kann sich’s nicht denken, dass es im Rest seines Daseins noch
                        besser kommen werde, und in diesem Verzicht erkennt er selbst, dass er
                        alt geworden.</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p198" ed="pga"/> Seht, meine Freunde, nun haben wir’s schon erkannt und
                        ausgesprochen, dass das wirkliche Alt-Werden mit der Zahl der Jahre und
                        mit der Farbe der Haare nichts zu tun hat. Alt-Werden, das wirkliche
                        Alt-Werden meine ich, heißt keine Zukunft <term type="Sachen" key="Altwerden, keine Zukunft mehr haben">mehr</term> vor sich
                        haben, heißt fertig sein, heißt seine Rechnung abgeschlossen <term type="Sachen" key="Altwerden, mit dem Leben abgeschlossen haben">haben</term> im Guten oder im Bösen. Wir Alle kennen das Gefühl des
                        Älterwerdens, das uns in jenen Momenten des Rückblicks überkommt, und
                        wir haben uns seiner nicht zu schämen. Aber wenn das Alt-Werden und
                        Alt-Sein die herrschende Stimmung unsres Lebens wird, dann ist’s
                        die tödlichste Krankheit, die es gibt. Und <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                        an dieser Krankheit leidet mancher 20jährige so gut wie mancher <term type="Sachen" key="Altwerden, keine Frage des Alters">60jährige</term>. Da ist ein Jugendfreund, mit dem wir jahraus
                        jahrein uns gefreut und begeistert hatten. Wir schienen in ihm zu
                        finden, was uns selber noch fehlte an idealem Sinn und an jugendlicher
                        Stärke. Ich hatt’ einen Kameraden, einen treuern findst du
                            nicht.<note xml:id="n04">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2561">Anfang der ersten Strophe des
                            Gedichts «Der gute Kamerad» (1809) von <persName ref="kbga-actors-814">Ludwig Uhland</persName></bibl> (1787–1862), das in
                            der 1825 erfolgten Vertonung durch <persName ref="kbga-actors-7425">Friedrich Silcher</persName> (1789–1860) und
                            unter dem Titel: «Ich hatt’ einen Kameraden» zu einem
                            weltweit bekannten Soldatenlied wurde.</note> Dann kam vielleicht
                        eine Zeit einer gewissen Lauheit, und dann sahen wir ihn nicht mehr ein
                        Jahr, zwei Jahre, und wie wir ihn wiederfanden, da war er ganz anders
                        als zuvor. Er hatte sich innerlich zur Ruhe gesetzt, er hatte mit dem
                        Leben <term type="Sachen" key="Altwerden, mit dem Leben abgeschlossen haben">abgeschlossen</term>, er war ein fertiger, satter <term type="Sachen" key="Spießbürger">Spießbürger</term> geworden wie
                        tausend Andere. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!
                        [Jes. 14,12] Um wie Viele möchten wir solche Totenklage erheben zur
                        Rechten und zur Linken, die wir eben erst ins tätige Leben eintreten
                        sahen oder die noch auf der Höhe dieses Lebens stehen. Sie sind alt
                        geworden, bevor die Locken <term type="Sachen" key="Altwerden, keine Frage des Alters">grauten</term>. Und wenn wir
                        dann mit noch schärferem Blick unser eigenes Inwendiges mustern, wieviel
                        Rost, wieviel stehengebliebene Räder, wieviel uraltes Gerumpel entdecken
                        wir da, oft unter dem, was wir für das Wertvollste an uns erachteten.
                        Wir brauchen nur einmal einen Tag lang so recht zufrieden mit uns selbst
                        gewesen zu sein, wie greisenhaft fade kommen wir uns am nächsten
                        vor.</p>
                    <p>Alt ist, wer irgendwie fertig mit sich selber ist.</p>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Alt <term type="Sachen" key="Altsein">ist</term>, wer sich mit der Vergangenheit zufrieden <term type="Sachen" key="Altsein, sich zufrieden geben">gibt</term>, wer
                        ein für alle Mal den Sinn des <term type="Sachen" key="Sinn des Lebens">Lebens</term> glaubt erfasst, den normalen Weg gefunden zu haben.
                        Alt ist, wer sich behäbig in ausgefahrenen Geleisen <pb xml:id="p199" ed="pga"/> bewegt, wer in seinem Denken und Wollen auf einen Punkt gelangt ist,
                        wo er seinen kleinen Anteil an der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> für die ewiggültige Form aller Wahrheit <term type="Sachen" key="Altsein, sich nicht mehr in Frage stellen">ansieht</term>. Alt ist, wer vom Leben nichts mehr verlangt als
                        einen Platz an der Sonne, um da mit möglichstem Anstand seine Tage zu
                            verbringen.<note xml:id="n05">Zur hier im ursprünglichen
                            Sinn verwendeten Metapher vom «Platz an der Sonne» vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p153#fn_n03">S. 153, Anm. 3</ref>.</note>
                        </p>
                    <p> Es gibt ein altgewordenes <term type="Sachen" key="Altwerden, Wollen">Wollen</term>, überall da, wo einer meint, er brauche sich nun
                        nicht mehr anzustrengen, überall da, wo einem seine Lorbeeren süß
                        dünken.</p>
                    <p> Es gibt ein altgewordenes <term type="Sachen" key="Altwerden, Denken">Denken</term> überall da, wo einer meint, er wisse, so er doch
                        nichts weiß.<note xml:id="n06">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2558">
                                    <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>,
                                <hi rend="italic">Apologie</hi>, 21d</bibl>: «[…] <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">οὗτος μὲν οἴεταί τι εἰδέναι οὐκ εἰδώς, ἐγὼ δέ,
                                ὥσπερ οὖν οὐκ οἶδα, οὐδὲ οἴομαι· ἔοικα γοῦν τούτου γε σμικρῷ
                                τινι αὐτῷ τούτῳ σοφώτερος εἶναι, ὅτι, ἃ μὴ οἶδα, οὐδὲ οἴομαι
                                εἰδέναι</foreign>» («[…] dieser doch meint zu wissen, da
                            er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es
                            auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein
                            als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu
                            wissen»).</note>
                        </p>
                    <p> Es gibt eine altgewordene <term type="Sachen" key="Altwerden, Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, meine Freunde,
                        überall da, wo man viele Worte macht entweder über die sogenannte <term type="Sachen" key="Rechtgläubigkeit">Rechtgläubigkeit</term> oder
                        über den sogenannten religiösen <term type="Sachen" key="Fortschritt, religiöser">Fortschritt</term>. Wenn die flüssige,
                        glühende Lava des Lebens zum harten, spröden Gestein des Alltags wird,
                        wenn der sprudelnde Bergbach des Geistes zum schleichenden Sumpf der
                        Formel und Phrase wird, das ist Altwerden.</p>
                    <p>Und wie es altgewordene Menschen gibt, so gibt es altgewordene Völker und
                            <term type="Sachen" key="Altwerden, Völker und Staaten">Staaten</term>, altgewordene <term type="Sachen" key="Altwerden, Kirchen">Kirchen</term>, altgewordene <term type="Sachen" key="Altwerden, Parteien">Parteien</term> und
                        Richtungen, mag ihr Name oft noch so lang das Gegenteil davon
                        besagen.</p>
                    <p>
                        <term type="Sachen" key="Altwerden, Sterben des Lebens">Alt-Werden</term> ist das Sterben des wirklichen Lebens.</p>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Gott behüte uns vor diesem Alt-Werden. Gott
                        behüte uns vor dem Fertig-Sein.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>
                                    <hi rend="italic">Dein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term></hi>
                                    <hi rend="italic">sei wie deine <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term></hi>
                                    <hi rend="italic">.</hi>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Denn auch Jugend ist wahrlich etwas ganz Anderes, als was
                        die Oberflächlichen in der Welt Jugend nennen. Wenn nur des Lebens
                        Blütenzeit diesen Namen tragen soll, dann ist Jugend etwas <term type="Sachen" key="Jugend, vergänglich">Vergängliches</term>, <pb xml:id="p200" ed="pga"/> denn der Blütenzeit soll die Zeit der Früchte
                        folgen. Wenn nur die Zeit der ungebrochenen Körper- und Geisteskraft
                        Jugend heißen soll, dann ist sie vergänglich, denn die Scheide muss sich
                        abnutzen, je länger wir das Schwert führen. Wenn nur die Zeit der
                        tätigen Teilnahme an den Freuden jenes Alters Jugend ist, dann ist
                        Jugend vergänglich, denn jenem Alter muss ein anderes folgen, das höhere
                        Tätigkeit und höhere Teilnahme von uns fordert. Dann ist’s
                        sentimentale Spielerei, dem verlorenen Jugendland nachzusinnen. Dann tun
                        wir gut, mit Bewusstsein abzutun, was kindisch war und vorwärts zu
                        blicken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.11">1.Kor. 13,11</ref>]. Der Jüngling muss zum Manne wachsen und das Mädchen
                        zur Frau. Für eine kindische Erwachsenheit wollen wir nichts übrig
                        haben.</p>
                    <p>Aber Jugend ist in Wirklichkeit etwas Anderes als die blonden oder
                        braunen Locken, so gut wie Alter etwas <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>
                        Anderes ist als die grauen und weißen.</p>
                    <p> Jugend heißt, das Leben vor sich <term type="Sachen" key="Jugend, das Leben vor sich haben">haben</term>. Das Leben!
                        Weißt du, was das heißt? Wenn’s die Spanne Zeit wäre, die
                        zwischen Geburt und Sterben liegt, dann hätten die Oberflächlichen
                        recht, dann wäre die Jugend von Anfang an ein vergänglicher Schein, und
                        die einzige Wirklichkeit des Lebens wäre das Altwerden. Dann wäre das
                        die höchste Weisheit, die spricht: Lasset uns essen und trinken und
                        fröhlich sein, denn morgen sind wir alt und übermorgen sind wir tot
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.32">1.Kor. 15,32</ref>].
                        Aber das ist ja nicht Leben. Das, was die Menschen Geborenwerden,
                        Jungsein, Altwerden, Sterben nennen, das ist ja bloß der Ablauf eines
                            <term type="Sachen" key="Leben, nicht bloß Naturprozess">Naturprozesses</term>. So treibt die Pflanze Sprossen und Keime,
                        und aus ihnen werden Zweige und Blätter, und beide fallen ab, wenn ihre
                        Zeit gekommen ist. Leben ist etwas Anderes. Leben heißt, im Ablauf jenes
                        Prozesses, dem wir Alle als Glieder der Naturwelt unterworfen sind, den
                        roten Faden der <term type="Sachen" key="Leben, Wahrhaftigkeit finden">Wahrhaftigkeit</term> gefunden haben. Leben heißt die Entdeckung
                        des unermesslich reichen Zieles, das wir <term type="Sachen" key="Leben, Freiheit als Ziel">Freiheit</term> oder <term type="Sachen" key="Leben, Persönlichkeit als Ziel">Persönlichkeit</term> nennen. Leben ist der schnurstracke Gegensatz
                        zum Zwang der äußern Notwendigkeit, die scheinbar Gewalt hat über unser
                        ganzes Dasein.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,</l>
                                <l>Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.<note xml:id="n07">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-1777">Schlusszeilen der fünften und letzten Strophe
                                        des Gedichts «Die Worte des Wahns» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1800; Sämtliche Werke,
                                        Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 215f., dort
                                        S. 216)</bibl>: 
                                            <q rend="block">
                                              <lg>
                                              <l>Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn </l>
                                              <l>Und den himmlischen Glauben bewahre! </l>
                                              <l>Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn, </l>
                                              <l>Es ist dennoch das Schöne, das Wahre! </l>
                                              <l>Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor, </l>
                                              <l>Es ist in dir, Du bringst es ewig hervor!</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p201" ed="pga"/>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Und was in uns ist, wird erweckt, wenn uns
                        der Zauberstab des verborgenen Lebens berührt hat, das in der Geschichte
                        der Natur und der Menschen geheimnisvoll waltet. Wir werden uns unsres
                        Reichtums bewusst, wenn uns die Augen aufgehen für den Reichtum der
                        Welt, die uns umgibt. Leben heißt den Dingen auf den <term type="Sachen" key="Leben, Dingen auf den Grund kommen">Grund</term> kommen, nicht
                        durch kluge Spekulationen, sondern durch die einfache Besinnung auf das,
                        was den Namen «wirklich» verdient in unserm Dasein. Und dies Leben vor
                        sich haben heiße uns <term type="Sachen" key="Jugend, das Leben vor sich haben">Jugend</term>, nichts
                        Anderes.</p>
                    <p>Man sagt uns, es sei das schöne Vorrecht der jungen Leute, den Glauben an
                        die Zukunft zu haben. Ich erwidere: es ist nichts mit dieser Grenze
                        zwischen jungen und alten Leuten, und jenes scheinbare Vorrecht ist das
                        heilige Recht Aller, die den Namen <term type="Sachen" key="Mensch, Glaube an die Zukunft">Mensch</term> tragen. Was man
                        mit Achselzucken Jugendträume, Jugendidealismus nennt und gelassen
                        preisgibt gegen die angebliche Reife des Alters, es ist nur zu oft das
                            <term type="Sachen" key="Leben, Idealismus und Träume">Leben</term>
                        selbst.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg> 
                                <l rend="right2">Sagen sie</l>
                                <l>Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend</l>
                                <l>Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,</l>
                                <l>Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte</l>
                                <l>Gerühmter besserer Vernunft das Herz,</l>
                                <l>Der zarten Götterblume – dass er nicht</l>
                                <l>Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit</l>
                                <l> <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Begeisterung die Himmelstochter
                                        lästert.<note xml:id="n08">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2562">
                                            <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Don Carlos</hi>, vierter
                                        Akt, einundzwanzigster Auftritt (Sämtliche Werke, Bd. 2,
                                        München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 173)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Jung sein heißt das Leben vor sich <term type="Sachen" key="Jugend, das Leben vor sich haben">haben</term>, heißt dem roten
                        Faden der Wahrhaftigkeit <term type="Sachen" key="Leben, Wahrhaftigkeit finden">nachgehen</term>, unermüdet,
                        unermüdlich, ob nun die Strecke des äußern Wegs, den wir dabei wandern,
                        noch lang oder schon kurz sei. Und wie wir Alle eine <term type="Sachen" key="Jugend, Zeichen des Alters tragende">Jugend</term> kennen, die
                        schon alle Zeichen des Alters an sich trägt, so könnte ich euch zu einem
                            <term type="Sachen" key="Alter, wirklich Jugend verkörpernd">Alter</term> führen, das <pb xml:id="p202" ed="pga"/> die Verkörperung
                        der wirklichen Jugend ist. Ich denke an das Alter <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>, ich denke an das
                        Alter Friedrich Schleiermachers<note xml:id="n09">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2270">
                                    <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich D. E. Schleiermacher</persName> (1768–1834) ließ sein
                            Hauptwerk, «Der christliche Glaube», an dem er lange Jahre
                            gearbeitet hatte, 1821/22 in zwei Bänden erscheinen</bibl>; die wesentlich
                            überarbeitete zweite Auflage, mit deren Erarbeitung er 1829 begonnen
                            hatte, erschien 1830/31, also erst wenige Jahre vor seinem Tod. Vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-256">
                                    <persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den
                                Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange
                                dargestellt. Zweite Auflage (1830/31)</hi></bibl>, Teilbd. 1,
                            Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/1, hrsg. von R.
                            Schäfer, Berlin 2003, S. XII–XIV.</note>, des
                        Begründers der neuen Theologie, ich denke an einen Mann wie
                            Bodelschwingh<note xml:id="n10">
                                <persName ref="kbga-actors-7587">Friedrich von
                            Bodelschwingh</persName> [d. Ä.] (1831–1910), seit 1872 und bis zu
                            seinem Tod Leiter der «Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für
                            Epileptische» bei Bielefeld (heute: «v. Bodelschwinghsche Stiftungen
                                Bethel»).</note>, ich denke an
                        Menschen, die vielleicht in unsrer Mitte sind und die mich beschämen,
                        wenn ich mir ihre stille innere Lebendigkeit vorhalte und daneben
                        stelle, wie oft ich selbst müde und greisenhaft bin.</p>
                    <p> Wie das die Alten sind, die fertig zu sein <term type="Sachen" key="Altsein, fertig sein">wähnen</term>, so sind das die Jungen,
                        die in jedem Moment ihres Lebens sich ans Ufer des grenzenlosen Ozeans
                        gestellt fühlen, denen die Augen aufgegangen sind für die unendlichen
                        Tiefen des Daseins, denen immer neue Ziele und Aufgaben sich <term type="Sachen" key="Jungsein, immer neue Ziele und Aufgaben haben">stellen</term>. Und wie das die Alten sind, die abgeschlossen <term type="Sachen" key="Altsein, abgeschlossen haben">haben</term>, so
                        sind das die Jungen, die immer wieder sich auftun, um neues Leben zu
                        empfangen und selber lebendig neues Leben <term type="Sachen" key="Jungsein, neues Leben empfangen und hervorbringen">hervorzubringen</term>. Wenn wir, die Alten und die Jungen, so
                        Jugend und Alter schauen gelernt haben, seht, dann verliert <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> sich für uns die Vision des herbstlichen
                        Vergehens, von der wir sprachen, in der Dämmerung. Der rote Faden des
                            <term type="Sachen" key="Leben roter Faden">Lebens</term> führt uns
                        auf die Schwelle eines Bezirks, wo es kein Vergehen gibt, sondern lauter
                        Werden. Wohl uns, wenn wir den roten Faden gefasst haben.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>
                                    <hi rend="italic">Dein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term></hi>
                                    <hi rend="italic">sei wie deine <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term></hi>
                                    <hi rend="italic">.</hi>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                </div>
                <div>
                    <head>III</head>
                    <p rend="noindent">Aber dies Wort aus ferner Vergangenheit ist ein Wort der
                            <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, meine
                        Freunde, und wir wollen uns freuen, dass dem so ist. Solange uns diese
                        Gedanken bloß eine hohe Aufforderung sind, solange mö<pb xml:id="p203" ed="pga" break="no"/>gen sie uns erbauen und begeistern, aber sie helfen uns
                        im Grunde nicht, weil sie uns zur selben Zeit beschämen und demütigen.
                        Wenn alle Weisen der Welt es uns geböten und wenn ein Engel vom Himmel
                        käme und uns aufforderte: Du sollst jung sein, wie am Anfang, so in der
                        Mitte und so am Ende deines Lebens – wir sind’s damit noch
                        nicht. Die Botschaft hör’ ich wohl, doch wie der Klang im Ohr
                        zergehet, der mächtig tönend ihr entschallt,<note xml:id="n11">Kombination der beiden bekannten Verse «Die Botschaft
                            hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube» (<bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>, V. 765 [Nacht]</bibl>)
                            und «Und wie der Klang im Ohr vergehet, / Der mächtig tönend ihr
                            entschallt» (<bibl corresp="kbga-bibls-1267"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Das Lied von der Glocke</hi>, V. 414f.
                            [Erstdruck: 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 429–442, dort S. 441)</bibl>.</note> so rauschen die
                        schönen Gedanken an mir vorüber und lassen mich zurück, wie ich bin.</p>
                    <p>Meine Freunde! In Allem, was wir über Alter und Jugend <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> eben geredet haben, ist der Name Gottes
                        nicht vorgekommen. Und doch haben wir von nichts Anderem geredet als von
                        Gott. Denn das Leben der <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term>, das unendlich reich vor jedem von uns liegt,
                        ob er alt oder jung sei, dies Leben ist <term type="Sachen" key="Gott, Leben der Wahrhaftigkeit">Gott</term>. Und die Wanderung
                        nach dem Leben, ob wir es finden und ergreifen möchten inmitten der
                        Tiefen und Untiefen unsres äußern Daseins, sie ist doch nichts Andres
                        als die Wanderschaft zu <term type="Sachen" key="Mensch, Wanderschaft zu Gott">Gott</term>, «bis wir dort nach
                        Kanaan durch die Wüste kommen werden»<note xml:id="n12">
                                <bibl type="song" corresp="kbga-songs-258">Aus
                            Strophe 1 des im Gottesdienst gesungenen Liedes «Himmelan geht unsre
                            Bahn» (s. unten, Lieder)</bibl>: 
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Himmelan geht unsre Bahn! </l>
                                        <l>Wir sind Gäste nur auf Erden, </l>
                                        <l>Bis wir dort nach Kanaan </l>
                                        <l>Durch die Wüste kommen werden. </l>
                                        <l>Hier ist unser Pilgerstand, </l>
                                        <l>Droben unser Vaterland.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note>. 
                        Ob wir faule oder rüstige Wanderer sind auf dieser
                        verborgenen Pilgerfahrt, davon hängt’s ab, ob wir Alte sind oder
                        Junge. Gott steht <hi rend="italic">vor</hi> uns, meine Freunde! Aber nun sage
                        ich, dass wir uns freuen wollen, dass unser Gott mehr ist als ein
                        schönes Ziel und eine hohe Aufgabe.</p>
                    <p> Gott ist <term type="Sachen" key="Gott, Gegenwart">Gegenwart</term> und
                        Gott ist <term type="Sachen" key="Gott, Gewissheit">Gewissheit</term>,
                        und wo er ist, da <hi rend="italic">ist</hi> dein Alter wie deine Jugend, da
                            <hi rend="italic">ist</hi> dein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term>,
                        oder was die Menschen so nennen, aufgelöst in unvergänglicher <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term>.</p>
                   
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p204" ed="pga"/> Wir Alle wandern im Glauben und nicht im Schauen [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref>]. Da ist keiner, der
                            <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>auf seiner Wanderschaft<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. mit Bleistift nachträglich eingefügt.</note>
                         die Hemmungen des ewig <term type="Sachen" key="Mensch, Hemmungen des Alltäglichen">Alltäglichen</term> nicht
                        kennte, nicht einer. Und diese Hemmungen sind’s, die uns müde und
                        alt machen. Lange nicht immer bestehen diese Hemmungen in gewaltigen,
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> schweren Schicksalen, die uns treffen,
                        in offener Bosheit Anderer, mit der wir zu kämpfen haben, in deutlich
                        erkennbaren Irrwegen, die wir selber einschlagen. Die kleinsten
                        Hemmungen sind die größten, weil ihrer Viele, Unzählige sind. Einer der
                        originellsten deutschen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hat ein
                        ganzes Buch geschrieben über den Kampf mit der Tücke des <term type="Sachen" key="Tücke des Objekts">Objekts</term>, mit der Tücke
                        der kleinen, ordinären, langweiligen Dinge, die auf unser aller Weg
                            liegen.<note xml:id="n13">Gemeint ist: <bibl corresp="kbga-bibls-2563">
                                    <persName ref="kbga-actors-2134">Fr. Th. Vischer</persName>, <hi rend="italic">Auch einer. Eine
                                Reisebekanntschaft</hi>, 2. Bde., Stuttgart / Leipzig 1879</bibl>.
                            <persName ref="kbga-actors-2134">Friedrich Theodor Vischer</persName> (1807–1887) lehrte seit 1835 als
                            Literaturwissenschaftler in Tübingen und seit 1855 in Zürich; der
                            genannte Roman ist sein erfolgreichstes und meistgelesenes Buch, mit
                            dem er die Redewendung «Tücke des Objekts» prägte (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2563">a.a.O.,
                            Bd. 1, S. 24</bibl>) und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits
                            in mehr als dreißig Auflagen erschienen war.</note> Das ist der
                        Kampf, wir kennen ihn alle, an dem sich Unzählige wund reiben. Und in
                        diesem Kampf kommt dann immer wieder die <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmung</term> über uns, die uns heißt, uns
                        innerlich zur Ruhe setzen, uns zufrieden zu geben mit dem Erreichten,
                        uns in das behagliche Schneckenhaus irgend einer selbstgemachten oder am
                        Weg aufgelesenen sogenannten Lebensweisheit zurückzuziehen. Und dann
                        sind wir alt geworden, und Gott wird uns ein hoher, aber ferner <term type="Sachen" key="Gott, hoher und ferner Name">Name</term>. Denn
                        Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.32">Mt. 22,32</ref> par.].</p>
                    <p>Aber nun ist’s das Große, dass Gott unsrer Pilgerschaft, den
                        Kämpfen unsrer Jugend mit den Gewalten des Alters nicht von ferne
                        zusieht, wie ein orientalischer Despot der Fronarbeit seiner Untertanen
                        zusieht: Er sagt zu einem jeden von uns: Ich habe dich je und je
                        geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.3">Jer. 31,3</ref>]. Und er sagt <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> es nicht nur, sondern er tut es. Denn wenn
                        wir ihn haben, dann haben wir den, der der Herr ist auch über den
                        rätselhaften Naturprozess, in dessen erbarmungslose Räder die kleine
                        Strecke unsres <pb xml:id="p205" ed="pga"/> Lebensweges eingeschlossen
                        scheint. Wo Gott ist, da steht der Mensch mitten drin in dem Bezirk, in
                        dem es kein <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergehen</term>
                        gibt, sondern nur <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>,
                        nur Freude, nur Werden, kein Rückwärts und keinen Stillstand, sondern
                        lauter Vorwärts und Bewegung, keinen <term type="Sachen" key="Herbst">Herbst</term>, sondern lauter <term type="Sachen" key="Frühling">Frühling</term>, kein <term type="Sachen" key="Alter">Alter</term>,
                        sondern lauter <term type="Sachen" key="Jugend">Jugend</term>. Wo Gott
                        ist, da verliert auch das rätselhafte Ende jenes rätselhaften
                        Naturprozesses, den sie das Leben heißen, seinen Schrecken. Weil auch
                        der <term type="Sachen" key="Tod, in Gottes Hand">Tod</term> in Gottes
                        Hand ist, so muss auch der Tod Leben und Freiheit sein.</p>
                    <p>Und wo Gott ist, da verstehen wir das andere Wort eines seiner Freunde
                        aus vergangenen Zeiten:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Wem ist Zeit wie Ewigkeit</l>
                                <l>Und Ewigkeit wie diese Zeit,</l>
                                <l>Der ist befreit von allem Streit.<note xml:id="n14">Beliebter und häufig zitierter Aphorismus des
                                        Mystikers <persName ref="kbga-actors-2802">Jacob Böhme</persName> (1575–1624); vgl.
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p041#fn_n84">S. 41, Anm. 84</ref></bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Und in seine Hände befehlen wir dann unsern Eingang und
                        unsern Ausgang in dieser Zeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.121.8">Ps. 121,8</ref>] und sagen ohne Resignation und ohne
                        Weltverdruss, aber in Freude und Offenheit:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Kommt, Brüder, lasst uns gehen!</l>
                                <l>Der Abend kommt herbei;</l>
                                <l>Es ist gefährlich stehen</l>
                                <l>In dieser Wüstenei.</l>
                                <l>Kommt, stärket euren Mut,</l>
                                <l>Zur Ewigkeit zu wandern</l>
                                <l>Von einer Kraft zur andern:</l>
                                <l>Es ist das Ende gut.<note xml:id="n15">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">Strophe 1
                                        des Liedes «Kommt, Brüder, lasst uns gehen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 327; EG 393 [dort: «Kommt,
                                        Kinder, lasst uns gehen»])</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                    </div>

                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">Nr. 9: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName>,
                                Strophen 1–3 (RG 240; EG 326).</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-258">Nr. 227: «Himmelan geht unsre Bahn» von <persName ref="kbga-actors-5770">B. Schmolck</persName>, Strophen
                                1.2.7.</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-103">Nr. 352: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von
                                <persName ref="kbga-actors-4392">J. T. Hermes</persName>, Strophen 1.4.5.</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
