Predigt Nr. 20 · 14. November 1909

Predigt: Markus 1,23-26

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Markus 1,23–26
Und es war in ihrer Synagoge ein Mensch mit einem unreinen Geist, der schrie auf: was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu verderben? Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes. Und Jesus bedrohte ihn: verstumme und fahre aus von ihm! Und der unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus.
Liebe Freunde,

nicht wahr, das ist eine fremdartige Geschichte? Ein unreiner Geist, ein Dämon, wie es an andern Stellen heißt, hat von einem Menschen so völlig Besitz genommen, dass dieser nur noch als sein Werkzeug, sein Sprachrohr erscheint. Und wie dieser Mensch in die Nähe Jesu kommt, da schreit der Geist, der in ihm steckt, laut auf, er protestiert gegen diese Nähe, deren Heiligkeit und Erhabenheit er in allem Protestieren doch anerkennen muss. Und nun heißt es weiter, dass Jesus diesen Geist mit machtvollem Wort bedroht: Verstumme und fahre aus von ihm! Schweig und verlass diesen Menschen! Da packt die geheimnisvolle Macht den Unglücklichen noch einmal mit aller Kraft, um ihn dann auf immer zu verlassen.

Etwas Unerklärliches, Rätselhaftes bleibt in dieser kleinen Geschichte auf alle Fälle. Viele Christen nehmen die Schilderung des Vorgangs wörtlich. Sie denken dann, wie der alte Erzähler des Stücks es unzweifelhaft getan hat, an eine Art sichtbar-unsichtbarer Geistwesen, die durch den größeren Geist, der in Jesus war, besiegt, in die Flucht geschlagen würden. Heutzutage werden viele von uns eher geneigt sein, an eine Geisteskrankheit zu denken, die dann durch die überlegene seelische Einwirkung der Persönlichkeit Jesu geheilt worden wäre, wie solche Heilungen auch heutzutage etwa vorkommen. Die letzten Gründe des Vorgangs werden uns aber weder bei der alten noch bei der neuen Erklärungsweise völlig durchsichtig. Wer ein wenig tiefer ins Leben hineinzusehen gelernt hat, wird es nicht von sich |185 weisen, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als manche Schulweisheit sich träumen lässt.1 Das Gebiet des Geheimnisvollen, Unerklärlichen ist für uns Menschen der Neuzeit nur in einen andern Bezirk verlegt, mitnichten verschwunden.

Aber wir wollen uns heute nicht dabei aufhalten, auszumachen, was damals denn eigentlich geschehen ist, noch weniger dabei, festzustellen, wieviel Natürliches und wieviel Wunderbares in dem Vorgang enthalten gewesen sein möge. Wo es sich um das Walten Gottes handelt, da sind solche Begriffe wie «natürlich» und «wunderbar» gar merkwürdig. Man kann dann ebenso gut alles Natürliche wunderbar und alles Wunderbare natürlich nennen, aber es scheint mir bei solchem Streit nicht viel herauszukommen.

Ich meine, viel wichtiger sei eine andere Frage, die nämlich, wie diese Erzählung, mag nun der Vorgang gewesen sein, welcher er wolle, ins Evangelium gekommen ist. Was hat sich der alte Geschichtsschreiber, was haben sich die ersten Leser und Hörer dabei gedacht? Einfach das Vergnügen am Merkwürdigen, Sonderbaren, Außerordentlichen kann es nicht gewesen sein, das hätte zu sehr der Art Jesu widersprochen, der es seinen Leuten oft genug eingeschärft hat, dass die Freude am Reich Gottes etwas ganz Anderes sei als die Verwunderung über außerordentliche, übernatürliche Dinge [vgl. z. B. Lk. 10,17–20]. Und wenn wir sonst die Evangelien aufmerksam lesen, so merken wir bald, dass die Erzählung all der Geschichten und Worte Jesu einen ganz andern Sinn hat als den, einfach das, was einmal geschehen, der Nachwelt zu überliefern, wie etwa die alten Assyrer die Geschichte ihrer Könige der Nachwelt überlieferten.2 Die Evangelienschreiber wollten etwas wirken, etwas ausrichten. Sie hatten etwas erlebt, und sie wollten es auch andre erleben machen. Und so sind ihre Berichte immer Transparentbilder3. Sie haben ein Licht entdeckt, das |186 ihnen Leben und Freude geschenkt hat, und dies Licht wollen sie weiter leuchten lassen für die andern in mancherlei Brechungen und Nuancierungen seiner Strahlen. Eine solche Brechung und Spiegelung des großen Lichts werden sie wohl auch in unsrer kleinen Erzählung gefunden haben. Wir wollen versuchen, sie in ihrer Eigentümlichkeit zu verstehen.

I

Meine Freunde! Ihr erinnert euch vielleicht, wiea wir vor 14 Tagen uns hier gefragt haben, was die Menschen Staunen gemacht habe über die Person Jesu, wie sie dazu gekommen sind zu sagen: der ist anders als die andren. Wir haben dann gesehen, dass dies nichts andres war und ist als sein inneres Leben, seine Persönlichkeit, sein Heldentum.4 Und damit haben wir einen tiefen Blick in die Art unsrer Religion getan, wie sie im Unterschied von aller Lehrreligion und Gesetzesreligion eine Religion der Persönlichkeit ist. In der Persönlichkeit Jesu, wie sie war und ist, dem persönlichen Gott begegnen, der uns kleine Menschen persönlich haben will, das ist Christentum.

Die merkwürdige Geschichte aus dem Evangelium, die ich heute zum Text genommen, kann uns vielleicht helfen, dies Verständnis des Christentums nach einer bestimmten, sehr ernsten Seite zu vertiefen, besser noch zu begründen. Nach einer ernsten Seite, sage ich, denn diese Geschichte führt uns bei aufmerksamer Besinnung dicht vor einen verborgenen Abgrund unsres innern Lebens, des Lebens der Frömmigkeit. Sie sagt uns zunächst nichts mehr und nichts weniger als das, dass die Mächte und die Faktoren unsres innern Lebens, welche unsre Erhebung zur Freiheit und zur Freude verhindern wollen, in dem Moment, wo wir mit Jesus zusammentreffen, eine gewaltige Steigerung, einen Ausbruch sondergleichen erfahren. Die Bekanntschaft mit dem Guten und Reinen steigert zugleich das Böse und Unreine in uns. Wollen wir die Augen vor diesem Abgrund schließen, weil wir verlangen, in der Kirche nichts Trauriges, nichts Pessimisti|187sches zu hören? Lasst mich mit einem Gleichnis antworten: ihr habt gewiss die meisten schon einmal einen der Kupferstiche des Holländers Rembrandt gesehen. Das Wesen seiner künstlerischen Art ist die harte, plötzliche Art der Verteilung von Hell und Dunkel.5 Stellt daneben ein Bild eines modernen Malers, der nach dem Grundsatz des freien Lichtes arbeitet. Wenn das letztere ein gutes Bild ist, wird euch auf den ersten Blick der Vorzug auffallen, dass es die Dinge darstellt, wie sie sind, sein Vorzug ist die Wahrheit, die Wahrheit der relativen Gleichmäßigkeit des Lichtes. Aber ist’s nicht so, dass diese Wahrheit im letzten Grund uns doch nicht erhebt, nicht frei macht, sondern eine verborgene Wehmut in uns entstehen lässt, je realistischer Licht und Schatten ineinander spielen? Wenn ich dagegen einen Rembrandt vor mir habe, so mag ich mir zwar meine Gedanken machen über die Plötzlichkeit seiner Übergänge vom Licht zum Schatten, aber dieser Eindruck wird doch ganz verschlungen von dem andern, dass etwas darin steckt, was mir höher steht als die Wahrheit, nämlich die Wahrhaftigkeit. Ich spüre darin einen Willen, ich spüre darin einen Gedanken, und das hebt mich höher, während die noch so wahre Anschauung und Erfahrung geeignet ist, mich unten zu halten. Und ich meine, so müsse es auch in der Religion und beim Reden über die Religion zugehen. Die Wahrheit mag noch so sehr sein, dass Licht und Schatten ineinander laufen, die Wahrhaftigkeit verlangt, dass Licht und Schatten auseinandergehen. In der Religion handelt es sich eben nicht um das, was ist, sondern um das, was werden soll in unserm innern Leben. Ich fürchte, ich fürchte, wer da die tiefen Schatten nicht sehen will, wer nur nach heitern Aussichten auf grüne Matten verlangt, dem fehlt dann auch die tiefe Sehnsucht nach dem reinen, ungebrochenen Lichte, die doch das Wesen wirklicher Frömmigkeit ausmacht.

Meine Freunde! Ihr kennt das Wort Rückerts:

In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knien
Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehen.6

188 Es spricht den schönen und wahren Gedanken aus, dass Gott zu allen Menschen irgendwie und irgendeinmal geredet hat, dass er nicht ferne ist von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir [Act. 17,27], wie es auch die Männer des Neuen Testaments gewusst haben. Neben dieses lichte Bild stellt unser Text den tiefen Schatten. Er erinnert uns daran, dass es etwas gibt in uns, was «Nein» sagt, wenn das Göttliche uns emporziehen will. Ob wir nun diesen Neinsager in uns mit dem alten Erzähler einen unreinen Geist nennen, der in den Menschen hineinfährt auf übernatürliche Weise, oder ob wir in ihm eine böse Krankheit der Seele finden wollen, auf alle Fälle kennen wir diesen Neinsager in uns, und wir tun gut, ihn scharf ins Auge zu fassen. Ihr wisst, wie Goethe ihn einmal beschrieben hat:

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen,
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen.7

Und damit sind wir gleich vor die Hauptsache gestellt: Der Neinsager Gott gegenüber ist der große Jasager der Welt gegenüber in uns. Es ist der Mensch als Naturwesen, das dort Nein und hier Ja sagt. Und die andre Seele in unsrer Brust, die vor dem Göttlichen auf den Knien liegt, sagt Nein der Welt gegenüber, sie ist der Mensch als Geistwesen, das aufwärts will. – Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust – und das sagt uns Goethe, der wie kein zweiter uns gelehrt hat, den Menschen als Einheit, Geist und Natur als Einheit zu verstehen! Ich meine, er hat beide Male recht. Der Mensch, die Natur und der Geist in ihm, sind noch keine Einheit, aber sie sollen eine werden, die Einheit ist unser Ziel, unsre Aufgabe, aber wir haben sie noch nicht, und solange wohnen zwei Seelen in unsrer Brust.

Aber nun haben wir von dem armen Menschen, von dem unsre Geschichte erzählt, den Eindruck, als sei er eben nicht nur teilweise, sondern ganz in der Gewalt des bösen Geistes gestanden. Er redet und tut nicht, was er, sondern was der Dämon in ihm will. Ich meine, das Transparentbild dieser Geschichte sagt uns: Du bist der Mann! [vgl. 2.Sam. 12,7] Oder ist’s dir noch nie so gegangen: wenn wir uns ernst|189lich und ehrlich fragten, was ist eigentlich die Macht, die in Wirklichkeit mein Reden und Tun und Denken und Fühlen regiert, wenn wir bei dieser Frage einmal alle den schönen gebildeten und halbgebildeten Aufputz, den wir uns selbst so gerne geben, beiseiteließen, dass wir uns dann gestehen müssten, dass das Geistige, Göttliche in uns verschwindend geringfügig sei gegenüber den klammernden Organen der andern Seele, die als Faulheit, als Selbstsucht, als Eitelkeit, als Sinnlichkeit unsren ganzen Menschen umfängt und erfüllt? So stehen die Dinge, meine Freunde, wenn wir uns selbst keine Phrasen vormachen. Und wieder ist’s Goethe, von dem wir uns sagen lassen wollen:

In die Schwachheit hingerafft
Sind wir schwer zu retten:
Wer zerreißt aus eigner Kraft
Der Gelüste Ketten?8

Aber das ist noch nicht Alles, was uns das Transparentbild unsrer Geschichte zeigt. Was willst du von uns, Jesus von Nazareth, bist du gekommen, uns zu verderben? So schreit dort der Unglückliche auf, von den dunklen Gewalten in ihm getrieben, wie er Jesu ansichtig wird. Dies Aufschreien, dieser wilde Protest gibt zu denken, ich meine, er komme mir merkwürdig bekannt vor. Erinnert ihr euch noch, wie wir’s alle etwa in der Schule seinerzeit gemacht haben? Wenn wir faul und liederlich waren, war’s dann nicht unser größter Ärger, dass es andre gab, die sich anstrengten und vorwärts kamen? Besinnt ihr euch noch, wie wir dann über Streber und Musterknaben geschimpft haben, wie wir’s als eine persönliche Beleidigung empfanden, dass andre anders waren als wir? Seht, das war der gleiche Geist, der dort aus jenem Menschen schrie: was willst du von uns? bist du gekommen, uns zu verderben? Oder blicken wir in unser gegenwärtiges Leben hinein, besinnen wir uns über die vielen oder wenigen, großen oder kleinen Anlässe, wo wir meinten, mit vollem Recht zürnen, uns aufregen zu dürfen. Ist da nicht oft genug die tatsächliche Überlegenheit der Andern der tiefste Grund gewesen, war’s nicht, vielleicht in irgend einer Verhüllung, die Majestät sittlicher Größe, die |190 den bösen Menschen in uns aufschäumen ließ? Seht, es ist eben nicht wahr, was in vielen schönen und moralischen Büchern und Geschichten zu lesen ist, als ob das sogenannte «gute Beispiel» die Menschen einfach mit sich fortreiße, wie die Schafe dem Leithammel folgen. So einfach ist der Geist des Menschen nicht. Es gibt jene Abgründe in ihm, die wir nicht auszumessen vermögen und die es verursachen, dass es nur zu oft ganz anders mit ihm geht, als es in den Büchern steht. Das gute Beispiel verstärkt dann das Böse in uns, es verdoppelt die Anstrengungen der andern Seele, die sich an die Welt hält, an die tierische Natur mit klammernden Organen. Und diese andre Seele in uns schreit dann gegen das blendende Licht der Güte: Was willst du von mir? Du willst mich verderben! Und die Finsternis waffnet sich zum Entscheidungskampf wider jenes Licht.

Nicht ein finsterer, asketischer Pessimist des Mittelalters, sondern der große Immanuel Kant hat mit allem Nachdruck von einem radikalen, wurzelhaften Bösen geredet, das in jedem Menschen sei.9 Meine Freunde! So wie ich mich selber kenne, wage ich es nicht, diesen Gedanken mit einer vornehmen Handbewegung abzutun. Ich möchte euch bitten, es auch nicht zu tun, und wenn es hundert Mal unzeitgemäß wäre.

II

Aber wir wandern weiter: Da berichtet unsre Geschichte noch von einem der willenlos hervorgestoßenen Worte des Menschen mit dem unreinen Geist: Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes. Das erste Bekenntnis, die erste Anerkennung Jesu, von der uns das Evangelium erzählt, aus solchem Munde! Der Geist des Bösen ist auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung wie gewaltsam genötigt, die überwältigende Größe des Guten anzuerkennen. Wenn das Altertum von Dämonen redete, so tat es das oft in einem eigentümlich zwiespältigen, schillernden Sinn. Dämonen hießen die verschiedenen bösen Geister, an deren Dasein es glaubte, ein Dämonisches nannte es aber auch die |191 gebieterische Stimme der innern Wahrhaftigkeitb , die ein Mann wie Sokrates in seinem Leben zu hören behauptete.10 Das führt uns nun tiefer. Die andre Seele in unsrer Brust, der andre Mensch, das Böse in uns vollendet seinen Lauf, wenn es uns gebieterisch die Anerkennung des Guten aufnötigt. Denn im tiefen radikalen Hass steckt die tiefe radikale Anerkennung. Es ist wie ein Naturgesetz der Geisteswelt, dass es einen Punkt gibt, wo die Extreme sich berühren. Wie oft erleben wir es im politischen Leben, dass die entgegengesetztesten Parteien Hand in Hand gehen. Das ist dann nicht immer bloß Taktik und zufällige Konvenienz, es steckt oft genug eine weitgehende innere Berührung dahinter. Oder denken wir an den Kampf der Weltanschauungen gerade in der modernen Welt. Wie nahe stehen sich im Grunde der materialistische Naturalismus und die Theorien der römisch-katholischen Theologie. Ernst Häckel11 und der Kirchenlehrer Thomas von Aquino12 sind bei näherem Zusehen recht nahe Verwandte, so weltenfern sich beide zu stehen scheinen. Und wenn wir uns im täglichen Leben und Reden der Menschen umsehen, wie oft sind wir da dem Ja am nächsten, gerade in dem Moment, wo wir am lautesten Nein schreien. Es ist bei der letzten, höchsten Frage des Menschenlebens nicht anders. Da ist von Saul Tarsus, von dem uns die Apostelgeschichte erzählt. Er verfolgt die Christengemeinde mit aller Anstrengung, die er aufbringen kann. Da, auf dem Höhepunkt seines Hasses trifft ihn wie ein Blitzstrahl blendend und niederschmetternd die Erkenntnis Christi. Noch ist aus dem Saulus kein Paulus geworden, aber er weiß nun, wer der ist, den er verfolgt hat, der Heilige Gottes [vgl. Act. 9,3–5].

Wenn der alte Mensch zerstäubt.
Wird der neue wach.13

192 Unser Text predigt mit erschütterndem Ernst die Tatsache, die alle Helden der Religion an sich erfahren haben, dass dem großen Erwachen zur Freiheit und Freude ein inneres Brechen vorangehen muss. Das ist der Moment, wo wir uns beim Anblick der tiefsten Tiefe unsres Lebens dessen bewusst werden, was die höchste Höhe wäre. Wir wollen uns nichts vormachen: nicht jeder erlebt dieses Brechen in der dramatischen Schärfe eines Augustin, eines Luther. Es steckt eine tiefe Unwahrheit darin überall, wo man nach plötzlichen Bekehrungen verlangt als nach der Bedingung echter Frömmigkeit. Der eine erlebt’s merklicher, plötzlicher, jäher als der andre, bei dem die Übergänge verschwimmen. Aber ebenso sicher weiß der nicht, was Frömmigkeit, christliche Frömmigkeit ist, dem Christus nie als das Licht in der Tiefe aufgegangen ist. Er hat von sich gesagt, er sei gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten [vgl. Mk. 2,17 par.]. Wer einmal etwas an sich selbst verspürt hat von der altmodischen Sache «Sünde», dem, nur dem, können die Augen aufgehen für den Heiligen Gottes und das, was er uns zu sagen hat.

III

Und wie nun jener Mensch das herausgestoßen hat: Du bist der Heilige Gottes, da ist der Moment da, wo er nicht mehr bloß getrieben, gestoßen wird von dem bösen Geist in ihm oder von seiner Krankheit, sondern wo etwas Anderes ihn ergreift und herüberzieht. So tost und flutet eine Überschwemmung, bis die Natur gebietet: bis hieher und nicht weiter. Es mag wohl so gewesenc sein, dass Jesus damals seinen Hörern geschildert hat, wie nun das ersehnte Gottesreich da sei, wie Gott sich jetztd seiner Menschen angenommen nach der Verheißung. Und der eine oder andre hat sich im Stillen die Frage gestellt: wo bleibt denn der verheißene Messias, der in dieser Gotteszeit kommen soll |193 nach den alten heiligen Büchern? Da fährt der arme Besessene mit dem Hellblick, den solche Menschen oft haben, heraus mit der Antwort auf diese stille Frage: Er ist da, mitten unter euch, der da kommen soll, der Messias, der Heilige Gottes.

Und darauf nun augenblicklich die rätselhafte Gegenwirkung Jesu. Er bedroht ihn: verstumme und fahre aus von ihm! Und es geschieht: Der unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. Die Erklärung dessen, was da vorgegangen ist, wollen wir den Ärzten und Psychologen überlassen. Wir sehen nur eines: Es ist in Jesus eine Kraft gewesen, die das Böse zu bannen vermochte und die es gebannt hat. Und diese Kraft ist Evangelium, frohe Botschaft. Das ist die Gewissheit, die auch ine diesem sonderbaren Stück f-des Lebens Jesu-f schimmert und leuchtet.

Die andre böse Seele in uns mag noch so stark, der Abgrund in uns noch so tief sein, es gibt einen, der stärker ist als das Böse und tiefer als der Abgrund: der eine ist Gott. Es ist Gottes Art, dass er uns auch dann nicht vergessen kann, wenn wir ihm am fernsten sind. Das radikale Böse, das beharrliche Nein in uns wird verschlungen in der radikalen Liebe, im beharrlichen Ja unsres großen Gottes. Wir wissen, wie er uns das offenbar machen will: wenn er es uns schenkt, Jesus in die Augen zu sehen. Es ist etwas in der Art dieses wunderbaren Menschenbildes, das uns nicht loslässt, auch wenn unsre Bekanntschaft mit ihm erst eine dumpfe Ahnung, ein schwacher Lichtstrahl inmitten von viel Gewölk ist. In ihm redet der Mensch, wie er sein sollte, der Mensch, in dem Natur und Geist eins geworden, zum Menschen, wie er ist, zum Menschen des innern Zwiespalts. Und wie uns dies Menschenbild in die tiefste Tiefe hinunterdrückt, weil es so ganz anders ist als wir, so erhebt es uns, langsam aber gewiss, zur höchsten Höhe.

Meine Freunde! Unsre Erniedrigung und unsre Erhöhung erleben wir aber nirgends deutlicher als beim Gedanken an Jesu Tod. Gottes Ernst und Gottes Liebe treffen da wunderbar zusammen und zeigen uns, was Gott ist. An dem Gott, der g-im Kreuze Jesu-g geredet hat, Anteil haben, das ist christlicher Glauben.

194 Auf diesen Gott wollen wir warten, dass er uns froh und frei mache, nicht in Trägheit, aber in Hoffnung, nicht in Resignation, aber im Vertrauen.

Zu diesem Gott wollen wir mit dem tiefsten Dichter der Religion, mit Gerhard Tersteegen, sagen:

Du durchdringest Alles!
Komm mit deinem Lichte,
Zu berühren mein Gesichte!
Wie die zarten Blumen
Willig sich entfalten
Und der Sonne stille halten:
Lass mich so, still und froh,
Deine Strahlen fassen
Und dich wirken lassen!14
Amen.
Lieder:
  • Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1.2.6 (RG 243; EG 328,1.2.7 [dort unter dem Titel: «Dir, dir, o Höchster»]). 🎵
  • Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold, Strophen 1–3 und 4–6 (EG 388,1.2.4 und 6 [Strophen 3 und 5 nicht übernommen; Text mit Abweichungen]). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «dass».↩
b
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «Wahrheit».↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
e
Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «aus».↩
f-f
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «Leben».↩
g-g
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «da».↩

Sachfußnoten

1
Vgl. W. Shakespeare, The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark, Act I, Scene V 📖:
There are more things in heaven and earth, Horatio,
Than are dreamt of in your philosophy.
↩
2
Keilschriftlich überliefert sind Listen der assyrischen Dynastien und Könige. Von der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. an finden sich vermehrt Königsannalen mit Aufzählung geführter Feldzüge u. ä.; vgl. Fr. M. Th. de Liagre Böhl, Art. «Assyriologie», in: RGG3 I,  Sp. 655–660, dort Sp. 659 📖.↩
3
Vgl. oben, S. 156f., Anm. 7.↩
4
Siehe oben, S. 169f.↩
5
Vgl. Art. «Rembrandt», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., 1905–1909, Bd. 16, S. 791–793, dort S. 792 📖: «Sein Hauptmittel malerischer Wirkung ist das Helldunkel. Aus Schatten und Dunkelheit läßt er in scharfer Beleuchtung die charakteristischen Stellen des Bildes kraftvoll hervortreten. Oft ahnt man die Formen nur.»↩
6
Fr. Rückert, Die Weisheit des Brahmanen. Zwölfte Stufe. Frieden, 10, V. 1f. (ders., Werke, hrsg. von G. Ellinger, Bd. 2, Leipzig / Wien 1897, S. 123). 📖 ↩
7
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1112–1115 (Vor dem Tor). 📖 ↩
8
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 12024–12027 (Bergschluchten). 📖 ↩
9
Vgl. I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin 1907/14, S. 1–202, dort bes. S. 17–53 (Erstes Stück) 📖: «Von der Einwohnung des bösen Princips neben dem guten. oder über das radicale Böse in der menschlichen Natur».↩
10
Vgl. Platon, Apologie, 27a–e; 31c–e 📖.↩
11
Siehe oben, S. 179, Anm. 12.↩
12
Thomas von Aquino (um 1224–1274), herausragender Philosoph und Theologe des Mittelalters.↩
13
Aus der in der Weimarer Ausgabe seiner Werke überlieferten, ungeachtet ihrer dann umstrittenen Herkunft im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielzitierten vorletzten Strophe des Gedichtes «Selige Sehnsucht» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1819 📖; vgl. Weimarer Ausgabe I/6, 1888, S. 372f. 📖; in späteren Ausgaben in der Regel nicht abgedruckt):
Lange hab ich mich gesträubt / Endlich gab ich nach!
Wenn der alte Mensch zerstäubt, / Wird der neue wach!
↩
14
Strophe 6 (nach GERS 174) des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (RG 162,5; EG 165,6). 🎵 ↩