Predigt: Markus 1,23-26
nicht wahr, das ist eine fremdartige Geschichte? Ein unreiner Geist, ein Dämon, wie es an andern Stellen heißt, hat von einem Menschen so völlig Besitz genommen, dass dieser nur noch als sein Werkzeug, sein Sprachrohr erscheint. Und wie dieser Mensch in die Nähe Jesu kommt, da schreit der Geist, der in ihm steckt, laut auf, er protestiert gegen diese Nähe, deren Heiligkeit und Erhabenheit er in allem Protestieren doch anerkennen muss. Und nun heißt es weiter, dass Jesus diesen Geist mit machtvollem Wort bedroht: Verstumme und fahre aus von ihm! Schweig und verlass diesen Menschen! Da packt die geheimnisvolle Macht den Unglücklichen noch einmal mit aller Kraft, um ihn dann auf immer zu verlassen.
Etwas Unerklärliches, Rätselhaftes bleibt in dieser kleinen Geschichte auf alle Fälle. Viele Christen nehmen die Schilderung des Vorgangs wörtlich. Sie denken dann, wie der alte Erzähler des Stücks es unzweifelhaft getan hat, an eine Art sichtbar-unsichtbarer Geistwesen, die durch den größeren Geist, der in Jesus war, besiegt, in die Flucht geschlagen würden. Heutzutage werden viele von uns eher geneigt sein, an eine Geisteskrankheit zu denken, die dann durch die überlegene seelische Einwirkung der Persönlichkeit Jesu geheilt worden wäre, wie solche Heilungen auch heutzutage etwa vorkommen. Die letzten Gründe des Vorgangs werden uns aber weder bei der alten noch bei der neuen Erklärungsweise völlig durchsichtig. Wer ein wenig tiefer ins Leben hineinzusehen gelernt hat, wird es nicht von sich |185 weisen, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als manche Schulweisheit sich träumen lässt.1 Das Gebiet des Geheimnisvollen, Unerklärlichen ist für uns Menschen der Neuzeit nur in einen andern Bezirk verlegt, mitnichten verschwunden.
Aber wir wollen uns heute nicht dabei aufhalten, auszumachen, was damals denn eigentlich geschehen ist, noch weniger dabei, festzustellen, wieviel Natürliches und wieviel Wunderbares in dem Vorgang enthalten gewesen sein möge. Wo es sich um das Walten Gottes handelt, da sind solche Begriffe wie «natürlich» und «wunderbar» gar merkwürdig. Man kann dann ebenso gut alles Natürliche wunderbar und alles Wunderbare natürlich nennen, aber es scheint mir bei solchem Streit nicht viel herauszukommen.
Ich meine, viel wichtiger sei eine andere Frage, die nämlich, wie diese
Erzählung, mag nun der Vorgang gewesen sein, welcher er wolle, ins Evangelium gekommen ist. Was hat
sich der alte Geschichtsschreiber, was haben sich die ersten Leser und Hörer
dabei gedacht? Einfach das Vergnügen am Merkwürdigen, Sonderbaren,
Außerordentlichen kann es nicht gewesen sein, das hätte zu sehr der Art Jesu
widersprochen, der es seinen Leuten oft genug eingeschärft hat, dass die
Freude am Reich Gottes etwas
ganz Anderes sei als die Verwunderung über außerordentliche, übernatürliche
Dinge [vgl. z. B.
I
Meine Freunde! Ihr erinnert euch vielleicht, wiea wir vor 14 Tagen uns hier gefragt haben, was die Menschen Staunen gemacht habe über die Person Jesu, wie sie dazu gekommen sind zu sagen: der ist anders als die andren. Wir haben dann gesehen, dass dies nichts andres war und ist als sein inneres Leben, seine Persönlichkeit, sein Heldentum.4 Und damit haben wir einen tiefen Blick in die Art unsrer Religion getan, wie sie im Unterschied von aller Lehrreligion und Gesetzesreligion eine Religion der Persönlichkeit ist. In der Persönlichkeit Jesu, wie sie war und ist, dem persönlichen Gott begegnen, der uns kleine Menschen persönlich haben will, das ist Christentum.
Die merkwürdige Geschichte aus dem Evangelium, die ich heute zum Text
genommen, kann uns vielleicht helfen, dies Verständnis des Christentums
nach einer bestimmten, sehr ernsten Seite zu vertiefen,
besser noch zu begründen.
Nach einer ernsten Seite, sage ich, denn diese Geschichte
führt uns bei aufmerksamer Besinnung dicht vor einen verborgenen Abgrund
unsres innern Lebens, des Lebens der Frömmigkeit. Sie sagt uns zunächst
nichts mehr und nichts weniger als das, dass die Mächte und die Faktoren
unsres innern Lebens, welche unsre Erhebung zur Freiheit und zur Freude
verhindern wollen, in dem Moment, wo wir mit Jesus zusammentreffen, eine
gewaltige Steigerung, einen Ausbruch sondergleichen erfahren. Die
Bekanntschaft mit dem Guten und Reinen steigert zugleich das Böse und Unreine in uns. Wollen wir
die Augen vor diesem Abgrund schließen, weil wir verlangen, in der
Kirche nichts Trauriges, nichts Pessimisti|187sches
zu hören? Lasst mich mit einem Gleichnis antworten: ihr habt gewiss die
meisten schon einmal einen der Kupferstiche des Holländers
Meine Freunde! Ihr kennt das Wort
188 Es spricht den schönen und wahren Gedanken aus, dass Gott
zu allen Menschen irgendwie und irgendeinmal geredet hat, dass er nicht
ferne ist von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir [
Und damit sind wir gleich vor die Hauptsache gestellt: Der Neinsager Gott gegenüber ist der große Jasager der Welt gegenüber in uns. Es ist der Mensch als Naturwesen, das dort Nein und hier Ja sagt. Und die andre Seele in unsrer Brust, die vor dem Göttlichen auf den Knien liegt, sagt Nein der Welt gegenüber, sie ist der Mensch als Geistwesen, das aufwärts will. – Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust – und das sagt uns Goethe, der wie kein zweiter uns gelehrt hat, den Menschen als Einheit, Geist und Natur als Einheit zu verstehen! Ich meine, er hat beide Male recht. Der Mensch, die Natur und der Geist in ihm, sind noch keine Einheit, aber sie sollen eine werden, die Einheit ist unser Ziel, unsre Aufgabe, aber wir haben sie noch nicht, und solange wohnen zwei Seelen in unsrer Brust.
Aber nun haben wir von dem armen Menschen, von dem unsre Geschichte
erzählt, den Eindruck, als sei er eben nicht nur teilweise, sondern ganz
in der Gewalt des bösen Geistes gestanden. Er redet und tut nicht, was
er, sondern was der Dämon in
ihm will. Ich meine, das Transparentbild dieser Geschichte sagt uns:
Du bist der Mann! [vgl.
Aber das ist noch nicht Alles, was uns das Transparentbild unsrer Geschichte zeigt. Was willst du von uns, Jesus von Nazareth, bist du gekommen, uns zu verderben? So schreit dort der Unglückliche auf, von den dunklen Gewalten in ihm getrieben, wie er Jesu ansichtig wird. Dies Aufschreien, dieser wilde Protest gibt zu denken, ich meine, er komme mir merkwürdig bekannt vor. Erinnert ihr euch noch, wie wir’s alle etwa in der Schule seinerzeit gemacht haben? Wenn wir faul und liederlich waren, war’s dann nicht unser größter Ärger, dass es andre gab, die sich anstrengten und vorwärts kamen? Besinnt ihr euch noch, wie wir dann über Streber und Musterknaben geschimpft haben, wie wir’s als eine persönliche Beleidigung empfanden, dass andre anders waren als wir? Seht, das war der gleiche Geist, der dort aus jenem Menschen schrie: was willst du von uns? bist du gekommen, uns zu verderben? Oder blicken wir in unser gegenwärtiges Leben hinein, besinnen wir uns über die vielen oder wenigen, großen oder kleinen Anlässe, wo wir meinten, mit vollem Recht zürnen, uns aufregen zu dürfen. Ist da nicht oft genug die tatsächliche Überlegenheit der Andern der tiefste Grund gewesen, war’s nicht, vielleicht in irgend einer Verhüllung, die Majestät sittlicher Größe, die |190 den bösen Menschen in uns aufschäumen ließ? Seht, es ist eben nicht wahr, was in vielen schönen und moralischen Büchern und Geschichten zu lesen ist, als ob das sogenannte «gute Beispiel» die Menschen einfach mit sich fortreiße, wie die Schafe dem Leithammel folgen. So einfach ist der Geist des Menschen nicht. Es gibt jene Abgründe in ihm, die wir nicht auszumessen vermögen und die es verursachen, dass es nur zu oft ganz anders mit ihm geht, als es in den Büchern steht. Das gute Beispiel verstärkt dann das Böse in uns, es verdoppelt die Anstrengungen der andern Seele, die sich an die Welt hält, an die tierische Natur mit klammernden Organen. Und diese andre Seele in uns schreit dann gegen das blendende Licht der Güte: Was willst du von mir? Du willst mich verderben! Und die Finsternis waffnet sich zum Entscheidungskampf wider jenes Licht.
Nicht ein finsterer, asketischer Pessimist des Mittelalters, sondern der
große
II
Aber wir wandern weiter: Da berichtet unsre Geschichte
noch von einem der willenlos hervorgestoßenen Worte des Menschen mit dem
unreinen Geist: Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes. Das erste Bekenntnis, die erste
Anerkennung Jesu, von der uns das Evangelium erzählt, aus solchem Munde!
Der Geist des Bösen ist auf dem Höhepunkt
seiner Entwicklung wie gewaltsam genötigt, die überwältigende Größe des
Guten
anzuerkennen. Wenn das Altertum von Dämonen redete, so tat es das oft in
einem eigentümlich zwiespältigen, schillernden Sinn. Dämonen hießen die verschiedenen bösen Geister,
an deren Dasein es glaubte, ein Dämonisches nannte es aber auch die |191 gebieterische Stimme der innern Wahrhaftigkeitb
, die ein Mann wie
192 Unser Text predigt mit erschütterndem Ernst die Tatsache,
die alle Helden der Religion an sich erfahren haben, dass dem großen Erwachen
zur Freiheit und Freude ein inneres Brechen vorangehen muss. Das ist der
Moment, wo wir uns beim Anblick der tiefsten Tiefe unsres Lebens dessen
bewusst werden, was die höchste Höhe wäre. Wir wollen uns nichts
vormachen: nicht jeder erlebt dieses Brechen in der dramatischen Schärfe
eines
III
Und wie nun jener Mensch das herausgestoßen hat: Du bist der Heilige Gottes, da ist der Moment da, wo er nicht mehr bloß getrieben, gestoßen wird von dem bösen Geist in ihm oder von seiner Krankheit, sondern wo etwas Anderes ihn ergreift und herüberzieht. So tost und flutet eine Überschwemmung, bis die Natur gebietet: bis hieher und nicht weiter. Es mag wohl so gewesenc sein, dass Jesus damals seinen Hörern geschildert hat, wie nun das ersehnte Gottesreich da sei, wie Gott sich jetztd seiner Menschen angenommen nach der Verheißung. Und der eine oder andre hat sich im Stillen die Frage gestellt: wo bleibt denn der verheißene Messias, der in dieser Gotteszeit kommen soll |193 nach den alten heiligen Büchern? Da fährt der arme Besessene mit dem Hellblick, den solche Menschen oft haben, heraus mit der Antwort auf diese stille Frage: Er ist da, mitten unter euch, der da kommen soll, der Messias, der Heilige Gottes.
Und darauf nun augenblicklich die rätselhafte Gegenwirkung Jesu. Er bedroht ihn: verstumme und fahre aus von ihm! Und es geschieht: Der unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. Die Erklärung dessen, was da vorgegangen ist, wollen wir den Ärzten und Psychologen überlassen. Wir sehen nur eines: Es ist in Jesus eine Kraft gewesen, die das Böse zu bannen vermochte und die es gebannt hat. Und diese Kraft ist Evangelium, frohe Botschaft. Das ist die Gewissheit, die auch ine diesem sonderbaren Stück f-des Lebens Jesu-f schimmert und leuchtet.
Die andre böse Seele in uns mag noch so stark, der Abgrund in uns noch so tief sein, es gibt einen, der stärker ist als das Böse und tiefer als der Abgrund: der eine ist Gott. Es ist Gottes Art, dass er uns auch dann nicht vergessen kann, wenn wir ihm am fernsten sind. Das radikale Böse, das beharrliche Nein in uns wird verschlungen in der radikalen Liebe, im beharrlichen Ja unsres großen Gottes. Wir wissen, wie er uns das offenbar machen will: wenn er es uns schenkt, Jesus in die Augen zu sehen. Es ist etwas in der Art dieses wunderbaren Menschenbildes, das uns nicht loslässt, auch wenn unsre Bekanntschaft mit ihm erst eine dumpfe Ahnung, ein schwacher Lichtstrahl inmitten von viel Gewölk ist. In ihm redet der Mensch, wie er sein sollte, der Mensch, in dem Natur und Geist eins geworden, zum Menschen, wie er ist, zum Menschen des innern Zwiespalts. Und wie uns dies Menschenbild in die tiefste Tiefe hinunterdrückt, weil es so ganz anders ist als wir, so erhebt es uns, langsam aber gewiss, zur höchsten Höhe.
Meine Freunde! Unsre Erniedrigung und unsre Erhöhung erleben wir aber nirgends deutlicher als beim Gedanken an Jesu Tod. Gottes Ernst und Gottes Liebe treffen da wunderbar zusammen und zeigen uns, was Gott ist. An dem Gott, der g-im Kreuze Jesu-g geredet hat, Anteil haben, das ist christlicher Glauben.
194 Auf diesen Gott wollen wir warten, dass er uns froh und frei mache, nicht in Trägheit, aber in Hoffnung, nicht in Resignation, aber im Vertrauen.
Zu diesem Gott wollen wir mit dem tiefsten Dichter der Religion, mit
- Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von
B. Crasselius , Strophen 1.2.6 (RG 243; EG 328,1.2.7 [dort unter dem Titel: «Dir, dir, o Höchster»]). - Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von
G. Arnold , Strophen 1–3 und 4–6 (EG 388,1.2.4 und 6 [Strophen 3 und 5 nicht übernommen; Text mit Abweichungen]).