Predigt Nr. 19 · 7. November 1909

Predigt: 1.Korinther 2,12 (Reformationsfest)

172
19
Reformationsfest
1.Korinther 2,12
Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, um zu schauen, was uns von Gott zu lieb getan ist.
Liebe Gemeinde!

Zum Gedächtnis der Reformation sind wir heute versammelt. Was die Genfer Reformation des 16. Jahrhunderts war und was sie dem heutigen Geschlecht zu sagen hat, das ist den Protestanten des ganzen Erdkreises und besonders denen der Stadt Calvins dies Jahr in eindrücklicher Weise in Erinnerung gerufen worden.1 Möchten die Töne, die da angeschlagen worden sind, weiterklingen in der evangelischen Kirche, möchte der Same, der in jenen festlichen Tagen ausgestreut worden ist, Wurzel gefasst haben und Wurzel fassen und Frucht bringen. Dann ist das Calvin fest etwas Anderes und Besseres gewesen als die unzähligen Jubiläen und Erinnerungsfeiern, mit denen unsre Zeit gesegnet ist.

Am heutigen Tag stellen wir uns auf eine höhere Warte. Calvins Reformation war nur der eine Arm des Stromes, der im 16. Jahrhundert hervorgebrochen ist, wir freuen uns des Besondern, das sie uns gebracht hat, und wir werden uns hüten, dies Besondere preiszugeben. Aber heute dürfen und wollen wir uns auf die Reformation besinnen, die für alle evangelischen Christen dieselbe ist. Im Sinn und Geist Calvins wenden wir jetzt unsern Blick auf die Quelle jenes Stroms, |173 nach Wittenberg, nach der Wartburg im waldgrünen Thüringland, nach dem Kaisersaal zu Worms.

Da hab ich eines Führers Ruf gehört:
Der Kerker, schrie er, Geister, ist zerstört!
Das Tor gebrochen, offen ist die Bahn.
Befreit die Brüder! Auf! Empor! Hinan!2

Der Führer ist Martin Luther. Nicht nur, weil er der Zeit nach der erste war, der mit Bewusstsein die alten Altäre verließ, die neue Fahne hochhob. Was Reformation war und ist in ihrem innersten Wesen, sehen wir in a-keinem so wie in ihm-a. An theologischem und politischem Scharfsinn haben ihn unsre schweizerischen Reformatoren Zwingli und Calvin überragt, aber den warmen Herzschlag des Neuen, der auch in ihnen war, sehen wir bei Luther deutlicher, unmittelbarer, originaler. Was jenen bereits selbstverständlich war, musste Luther erst erkämpfen. Jene sahen weiter als er, weil sie auf seinen Schultern standen.

In seiner Seele kämpft, was wird und war,
Ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.
Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet –
Mich wundert’s nicht, dass er Dämonen sieht!3

Nein, je näher der Quelle, desto jäher und zerrissener die felsigen Ufer, das darf uns in der Tat nicht wundern, es muss so sein.

So können wir in Luthers Art und Wesen erkennen, was die Reformation einst gewesen ist. Und wenn wir erkennen, was gewesen ist, so erkennen und verstehen wir, was evangelisches Christentum ist und sein soll. Sein soll! sage ich, und es weist uns die Reformationsfeier von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft, vom Erkennen zum Wollen, vom Verstehen zum Glauben und Handeln.

Zwei Linien meine ich in Luthers reformatorischem Charakter zu sehen. Beide berühren sich, beide sind aber so einfach wie folgenschwer. Die eine besteht in der radikalen Abstoßung des Menschen|174geistes b-aus dem-b Leben der Religion, die andre in einer ebenso radikalen Unterwerfung und Hingabe an Gott selbst. Beides zusammen macht den Kern und Stern der Reformation aus. Was Beides gewesen ist und was Beides uns zu sagen hat, wollen wir zu sehen versuchen.

I

Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, das war der erste Satz, den die Reformation der Religion der römischen Kirche entgegenstellte. Und deshalb war der eine Grundzug der Reformation Verneinung, Abstoßung, Zerstörung. Die Verneinung des Vorhandenen war es, was der Trompete den deutlichen Ton gab, als Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug. Die Verneinung hat damals Deutschland geweckt, wegbereitend für die neue Bejahung. Wenn ein unterirdisches Wasser ausbrechen will, kündigt es sich an durch weggetriebenes Gestein und Geschiebe, dann erst wird der volle Strom sichtbar, und immer noch hat er zu kämpfen mit den Widerständen, zu beseitigen, aufzuräumen. So haben alle religiösen Vorwärtsbewegungen begonnen als Revolutionen neuer Frömmigkeit gegen altgewordene. So ist Reformation in erster Linie Gegensatz. Gegensatz zu was? Zum Mittelalter, zu Rom, zum Aberglauben, zur Verdummung, zur Scheinheiligkeit, zur Irrlehre, zum Papst, so hört man wohl auf diese Frage antworten. Mir sind alle diese Antworten, soviel Richtiges sie enthalten, zu unfein, zu pfaffenfresserisch polternd. Das Poltern gegen den Katholizismus macht noch lange keinen Protestanten. Und sie scheinen mir zu unwesentlich, zu oberflächlich, sie berühren zu wenig den Kern der Sache, die Religion selbst, um die es sich doch dabei handelt.

Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen. Der Geist der Welt ist nichts Anderes als der Geist des Menschen. Die Reformation, Luther an der Spitze, hat proklamiert, dass Religion, Glaube, Frömmigkeit etwas ganz Anderes sei als das Denken und Wollen des Menschengeistes. Das war ihr Gegensatz und das ist er, denn er ist noch lange nicht durchgekämpft.

175 Den Katholizismus vergleiche ich mit einem seiner gewaltigen Dome. Tief in der Erde ruhen die breiten Fundamente, mächtig und massig gewinnen die Mauern und Pfeiler die Höhe, ein riesiger Block auf dem andern, wie von Zyklopenhänden geschichtet, leicht und gefällig vereinen sich die Massen zur gotischen Form, schmächtiger und durchsichtiger wird das Ganze, je mehr es emporwächst, luftig scheinbar und fein krönt das Werk der schwindelnd hohe Helm mit der Kreuzblume, und doch ist Alles harter, solider Stein bis zuletzt. So stand ich einmal in der Dämmerung eines Wintermorgens im Dom zu Köln.4 War es die Dämmerung, waren es die leichten Weihrauchwolken einer frühen Messe, genug, dem hohen Gewölbe schien die Decke zu fehlen, es war, als türmten sich die Quadern der Säulen fort ins Unendliche, erdentsprossen, himmelragend. Das ist Katholizismus. So türmt nach seiner Anschauung die gotterleuchtete Vernunft Satz auf Satz und endet mit der vernünftigen Erkenntnis Gottes wie der Turm mit der Kreuzblume. So türmt der freie Wille Leistung auf Leistung, Anstrengung auf Anstrengung und endigt mit der im Geheimnis sich verlierenden Vereinigung mit Gott, wie der Schlussstein des Gewölbes sich in der Dämmerung verliert. Das Natürliche erhebt sich zum Übernatürlichen, der Mensch steigt auf zu Gott, je reiner sein Denken, je vollkommener sein Wille wird. Und die gesetzmäßigen Formen, in denen das Denken und Wollen vor sich geht, bilden die Kirche, die große, für alle Menschen zum Heil notwendige Anstalt, die ihnen sagt, wie sie zu denken und wie sie zu handeln haben, um Gottes teilhaftig zu werden. Die Kirche verwaltet die geheimnisvolle Gotteskraft, durch die die Anstrengungen des Menschengeistes in gottwohlgefällige Opfer verwandelt werden. Die Kirche, die den Sätzen der menschlichen Vernunft göttliche Autorität gibt, die Kirche, die den Leistungen des menschlichen Willens göttlichen Wert verleiht, das ist Katholizismus. So steht nach seiner Anschauung der Mensch Gott am nächsten, der durch besondere Anstrengung seines Willens seinen natürlichen Menschen am meisten gesteigert hat, und das ist der Priester, der Mönch; so findet die Frömmigkeit in dem Augen|176blick ihren Höhepunkt, da durch die Vollmacht eines solchen vollkommenen Menschen Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn sich wandelt, da die Natur sichtbar Gott wird.

Durch diese ganze Rechnung hat die Reformation, Luther zuerst, einen dicken Strich gezogen. Nicht ohne Vorgänger. Ein Franz von Assisi hatte bereits zurückgerufen von der Menschenlehre und vom Menschengesetz zum Evangelium Christi, das unmittelbares Leben, unmittelbarer Gehorsam sei.5 Und aus seinem Orden sind Männer hervorgegangen, die den Mut und die Wahrhaftigkeit hatten, inmitten der theologischen Schulen die Behauptung zu vertreten, die natürliche Vernunft werde nie zu Gott führen, Glaube sei etwas total Anderes als die Sätze der Erkenntnis.6 Endlich jene tiefen deutschen Denker, die in mancherlei Form immer wieder behaupteten, «dass alle unsre Vollkommenheit und alle unsre Seligkeit liegt daran, dass der Mensch durchgehe und überwinde alle Geschaffenheit und alle Zeitlichkeit und alles Wesen und gehe in den Grund, der grundlos ist.»7 Das alles war die Morgenröte eines bessern Tages. Der Tag selbst brach an mit Luther.

Nicht Menschengedanken, nicht Menschenwerk führt zu Gott.

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
Die Sünde zu vergeben;
177 Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
Des muss sich fürchten jedermann
Und deiner Gnade leben.8

«So ist es offenbar, dass kein äußerliches Ding den Menschen frei noch fromm machen kann», sagt Luther ein andermal;9 das war die große Verneinung, die er dem stolzen Bau der katholischen Religion entgegenstellte und durch die er die tiefe Erkenntnis des Paulus wieder zum Leben erweckte, dass wir nicht den Geist der Welt empfangen haben.

Und nun ist es das Merkwürdige, dass die Reformation eben durch diese radikale Verneinung des Menschengeistes, die uns zunächst so fremd und finster berühren möchte, dem Denken und Wollen des Menschengeistes seine Freiheit und Würde zurückgegeben hat, die in dem Steingebäude des Katholizismus zu ersticken drohte. Luther ist es aufgegangen, dass das Gesetz, von dem die katholische Kirche so viel redete, etwas ganz Andres sei als eine Lehre, was für Werke zu tun oder zu lassen seien aus Furcht der Strafe oder Liebe des Lohnes. Er hat erkannt, dass das Gesetz unsres Herzens Grund, uns selbst fordert, dass diesem Fordern nie genug getan sein kann durch Anstrengung und Leistung, dass es kein Ende, keine abschließende Kreuzblume kennt, sondern streng und erhaben auch dem Vollkommensten immer höhere Ziele setzt. Und Luther hat bestimmt und scharf den Anspruch der Schulweisheit zurückgewiesen, als ob sie im Stande sei, eine menschliche Erkenntnis Gottes zu erweisen. |

Eben damit ist dem menschlichen Denken seine Würde zurückgegeben, es ist von da an freies Denken, nicht mehr eine Magd der Kirche und ihrer Satzungen. Dank dieser Befreiungstat sind die folgenden Jahrhunderte Jahrhunderte einer Wissenschaft geworden, wie sie keine frühere Zeit gekannt hat, weil es eine Wissenschaft war, die ihre eigenen Wege ging, nicht mehr eine kraftlose und überflüssige Stütze |178 der Religion sein wollte. Und es führt eine gerade Linie durch die Jahrhunderte von Martin Luther zu Immanuel Kant, dem Begründer der sittlichen und wissenschaftlichen Weltanschauung der Neuzeit. Es ist kein Zufall, dass gerade diese beiden Männer am heftigsten bekämpft werden in den Schriften der katholischen Gelehrten. Was jener ehrte und andeutete, hat dieser erkannt und ausgesprochen: den reinen Willen und das reine Denken.10

Und nun, wie stehen wir zu diesem Erbe der Reformation? Wir wollen uns keine Illusionen machen, meine Freunde, an diesem festlichen Gedächtnistage weniger als je. Es ist noch viel katholische Dombau-Frömmigkeit in unsrer Mitte, in jedem von uns, wenn wir’s ernst mit uns nehmen. Solange wir noch die Edelsten und Besten unter uns wie den verstorbenen Professor Karl Hilty in Bern am Werk sehen, dem Wollen, dem sittlichen Streben der Menschen nachzuhelfen durch allerlei schöne Gedanken über das Glück, das ihm daraus entsprießen werde,11 solange sind wir noch am Dombauen. Und solange Hunderttausende Beifall jauchzen, weil ein Mann wie Ernst Häckel es |179 unternimmt, in naiver Zuversicht eine vernünftige Religion zu machen,12 solange sind wir noch am Dombauen. Wieviel Selbstgerechtigkeit, wieviel Gesetzesgehorsam, wieviel Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Lohn, wieviel Angst vor der Wissenschaft, wieviel falsche Kompromisse mit ihr sind doch noch in unsrem Christentum, gleichgiltig ob das äußere Mäntelchen nun liberal oder orthodox heiße. Wir Alle haben es nötig, meine Freunde, uns von der Reformation, von Luther zurufen zu lassen, dass wir nicht den Geist der Welt empfangen haben. Freuen wir uns dieser Erkenntnis und setzen wir sie endlich ins Leben um, c-indem wir uns von Friedrich Schiller, dessen 150. Geburtstag wir am 10. November feiern, sagen lassen-c:

Was Hände bauten, können Hände stürzen.
Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.13

II

Und das führt uns nun weiter, höher, vom Nein der Reformation zu ihrem großen Ja. Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, um zu schauen, was uns von Gott zu lieb getan ist. Religion, Frömmigkeit ist nach der Meinung der Reformatoren nicht etwas, was wir Menschen mit unserm kurzen Denken und Wollen zustande bringen sollen und können, sondern Gottes wunderbares Geschenk. Er hat uns etwas zu lieb getan; wenn wir’s schauen, so haben wir’s. Der Glaube ist das uns von Gott geschenkte |180 Schauen Gottes, nichts Anderes. Da stehen wir im Herzpunkt der Persönlichkeit Luthers, im Herzpunkt der Reformation. Ich möchte hier Luther selbst reden lassen, wie er in der kurzen, lapidaren Vorrede zum Römerbrief von 152214 den Glauben schildert; Luther sagt:

«Glaube ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten. Und wenn sie sehen, dass keine Besserung des Lebens noch gute Werke folgen und doch vom Glauben viel reden und hören können, fallen sie in den Irrtum und sprechen: der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, soll man fromm und selig werden. Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanken ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt, also tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.
Aber Glaube ist ein göttlichesd Werk in uns, das uns wandelte und neu gebiert aus Gottf und tötet den alten Adam, macht aus uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften und bringt den heiligen Geist mit sich. O, es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtiges Ding um den Glauben, dass unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein glaubloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder, was Glaube oder gute Werke sind, wäscht und schwatzt doch viele Worte vom Glauben und guten Werken.
Glaube ist eine lebendige, verwegeneg Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass, der glaubt, tausendmal darüber stürbe. Und |181 solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen: welches der heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden, Gott zu Liebe und zu Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, also dass unmöglich ist, Werk vom Glauben zu scheiden, ja so unmöglich, als Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor vor deinem eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom Glauben und guten Werken klug sein wollen zu urteilen und sind die größten Narren. Bitte Gott, dass er den Glauben in dir wirke, sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, du dichtest und tust, was du willst oder kannst.»15

Meine Freunde, das ist Luther. Das ist die Reformation. Und ich meine, ich könnte diese gewaltigen Worte nur abschwächen, wenn ich etwas hinzufügen wollte. Einfacher und tiefer zugleich ist nie vom Glauben geredet worden.

Aber nun ist dieser von Gott geschenkte Glaube ein Schauen dessen, was Gott uns zulieb getan hat. Christlicher Glaube ist Glaube an das Evangelium, Glaube an Jesus Christus. Nicht an ein Dogma und nicht an eine Weltanschauung, sondern an ihn selbst. Was heißt das? Wir wollen noch einmal Luther hören. In der kleinen Schrift «Von der Freiheit eines Christenmenschen» von 1520 – die übrigens jeder evangelische Christ einmal gelesen haben sollte – sagt er:

«Dass es nicht genug sei gepredigt, wenn man Christi Leben und Werk obenhin und nur als eine Historie und Chronikengeschichte predigt, geschweige denn, so man seiner gar schweigt und das geistliche Recht oder andrer Menschen Gesetze und Lehre predigt. Ihrer sind auch viele, die Christum also predigen und lehren, dass sie ein Mitleid über ihn haben, mit den Juden zürnen oder sonst mehr kindische Weise darinnen üben. Aber er soll und muss also gepredigt sein, dass mir und dir der Glaube daraus erwachse und erhalten werde. Welcher Glaube daraus erwächst und erhalten wird, wenn mir gesagt wird, warum Christus gekommen sei, wie man seiner |182 gebrauchen und genießen soll, was er mir gebracht und gegeben hat. Das geschieht, wo man recht auslegt die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, und wie wir Könige und Priester seien, aller Dinge mächtig und dass alles, was wir tun, vor Gottes Augen angenehm h-und erhört-h sei…
 Denn wo ein Herz also Christum hört, das muss fröhlich werden von ganzem Grunde, Trost empfangen und süß werden gegen Christum, ihn wiederum lieb zu haben. Dahin kann es nimmermehr mit Gesetzen oder Werken kommen. Denn wer will einem solchen Herzen Schaden tun oder es erschrecken? Fällt die Sünde oder der Tod daher, so glaubt es, Christi Frömmigkeit sei sein und seinei Sünden seien nimmer seinj, sondern Christi; so muss die Sünde verschwinden vor Christi Frömmigkeit in dem Glauben… und es lernt mit dem Apostel dem Tod und der Sünde Trotz bieten und sagen: ‚Wo ist nun, du Tod, dein Sieg? wo ist nun, du Tod, dein Spieß? Dein Spieß ist die Sünde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum, unsern Herrn.’»16

Der Glaube und das Evangelium, dieser Glaube und dieses Evangelium waren das große Ja der Reformatoren. Und sie sind die andre Seite des Erbes der Reformation, das auf uns gekommen ist. Wollen wir in oberflächlichem sogenanntem Freisinn uns von Luther abwenden, etwa weil er in späteren Jahren selber dem kühnen Geist seiner ersten Zeit, aus der diese Worte stammen, untreu geworden ist, weil er unserm Zwingli die Bruderhand verweigerte, als dieser anders dachte als er über die Gegenwart Christi im Abendmahl,17 weil seine Nachfolger nur zu bald den Glauben zu einem neuen Werk, das Evangelium zu einem neuen Gesetz für die Gewissenk machten? Wir denken daran, dass sein Geist l-und der Geist jener Epoche-l zweier Zeiten |183 Schlachtgebiet war,18 und wir bleiben ihm dankbar. Aber etwas Anderes wollen wir tun: Uns selbst, unser eigenes Christentum, unsern Glauben, unser Evangelium messen am Glauben und am Evangelium des Reformators, wie er beides in seiner Heldenzeit verkündigte. Dann haben wir wieder allen Anlass, bescheiden zu werden. Ist’s nicht noch heut in weitesten Kreisen gang und gäbe, dass der Glaube ein mehr oder weniger ödes Nachsagen von frommen Gedanken anderer sei, das man dem lieben Gott zu lieb tun müsse, statt dass wir im Glauben zunächst überhaupt nichts sagen, sondern in lebendiger, verwegener Zuversicht auf das schauen, was Gott uns zuliebe getan hat? Und wenn man vom Evangelium redet, so denken die einen an die Lehre vom Sohn Gottes und die andern an die Lehre vom weisen Rabbi von Nazareth, aber warum der Mensch Jesus uns eigentlich eine frohe Botschaft, Evangelium ist, darüber sind die einen so unklar wie die andern. Möchte die Reformationsfeier wieder einmal all den katholischen Protestanten zur Linken und zur Rechten zurufen:

O lerne fühlen, welchen Stamms du bist!19

Wir sind als evangelische Christen edlen Stammes, meine Freunde, freie Königskinder, wie Luther es einmal nennt.20 Lasst uns dessen bewusst sein. So besteht denn in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft fangen [Gal. 5,1]. Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, um zu schauen, was uns von Gott zu lieb getan ist. Es ist uns aber von Gott zu lieb getan, dass wir mit Luther frei singen und sagen dürfen: Das Reich muss uns doch bleiben.21

Amen.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «Luther».↩
b-b
Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «im».↩
c-c
Im Mskr. korrigiert aus einem ursprünglich eigenen Satz: «Wir fassen sie zusammen in dem Wort Friedrich Schillers, dessen 150. Geburtstag wir am 10. November feiern.»↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Die Ergänzung des bei Luther stehenden «erwegene» wurde von Barth im Mskr. dadurch kenntlich gemacht, dass er das «v» zwischen senkrechte Striche setzte.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich eingefügt.↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Christen».↩
l-l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩

Sachfußnoten

1
Gemeint sind die Feiern zu Ehren des 400. Geburtstags Johannes Calvins. Zu den vom 2. bis 7. Juli 1909 in Genf stattgefundenen Feierlichkeiten vgl. Les Jubilés de Genève en 1909, fasc. 1–3, Genf 1909 📖; M. Sallmann, Reformatoren und Heilige als Brennpunkte konfessioneller Gedächtniskulturen: Martin Luther, Karl Borromäus und Johannes Calvin im Vergleich, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Jg. 103 (2009), S. 99–116, dort S. 111–114 📖.↩
2
C. F. Meyer, Huttens letzte Tage, LX: Die Menschheit, V. 17–20 (ders., Sämtliche Werke in zwei Bänden, München 1968, Bd. 2, S. 445) 📖.↩
3
C. F. Meyer, Huttens letzte Tage, XXXII: Luther, V. 11–14 (a.a.O., S. 408) 📖.↩
4
Am 28.12.1908 berichtete Barth noch von Marburg aus in einem Brief an seine Eltern von einer vorweihnachtlichen Reise nach Köln und bemerkte unter anderem: «Aber mit den Spitzbögen des Doms habe ich neue Freundschaft geschlossen» (KBA 9208.74).↩
5
Franziskus von Assisi (um 1181–1226), Gründer des Franziskanerordens, dessen Angehörige sich nach den verschiedenen, von Franziskus verfassten Ordensregeln um ein evangeliumsgemäßes Leben in der Nachfolge Jesu bemühen und dabei asketische Armut mit Demut und unbedingtem Gehorsam verbinden sollten.↩
6
Vgl. A. A. van Ruler, Art. «Glaube IV. Dogmengeschichtlich», in: RGG3 II, Sp. 1597–1601, dort Sp. 1599f. 📖: «Bei [den Franziskanern] Duns Scotus und Ockham ändert sich [gegenüber Thomas] die Lage aufs neue. Man spricht der natürlichen, philosophischen Erkenntnis göttlicher Dinge alle Gewißheit ab. […] Man betont jetzt das Gewißheitsgefühl, das den Menschen erfüllt. Mit den kirchlichen Ordnungen sind auch die kirchlichen Lehren von Gott gesetzt; sie ermöglichen dem Menschen die Realisierung seiner Bestimmung […].»↩
7
Es handelt sich um einen Meister Eckhart (um 1260–1328) zugeschriebenen Spruch; vgl. A. Lasson, Meister Eckhart, der Mystiker. Zur Geschichte der religiösen Speculation in Deutschland, Berlin 1868, S. 192; Fr. Pfeiffer (Hrsg.) 📖, Meister Eckhart (Deutsche Mystiker des 14. Jahrhunderts, Bd. 2), Leipzig 1857, S. 619,24–28 📖.↩
8
Strophe 2 des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther (RG 83; EG 299) 🎵.↩
9
Vgl. M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520): «So ists offenbar, das keyn eußerlich ding mag yhn frey, noch frum machen» (WA 7, 21,20f.) 📖.↩
10
Ein halbes Jahrhundert später resümierte Barth seine frühe Hochschätzung Kants in einem Gespräch in Bièvres: «Zum Beispiel habe ich lange Zeit geglaubt, sogar, als ich schon Pfarrer war, dass Gott jene transzendentale Idee sei, die ich bei meiner ununterbrochenen, sehr tiefgehenden, sehr strengen Lektüre von Immanuel Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’ kennengelernt hatte. Immanuel Kant war der Lehrer meiner theologischen Jugend. [Von ihm lernte ich:] Gott… man muss ihn immer neu suchen. Er ist nicht ein Objekt. Er ist nur eine Grenze… Und ich habe versucht, nach dieser Idee zu arbeiten und sogar zu predigen, zu unterrichten […]. Ich gestehe Ihnen, würde ich wieder Philosoph – denn ich war damals im Grund Philosoph –, so würde ich vielleicht zu Immanuel Kant zurückkehren. Ich liebe ihn noch heute» (Gespräche 1963, S. 209f. 📖).
Zu Barths frühen und intensiven Kant-Studien und seiner Hochschätzung Kants bis in die 1920er Jahre hinein vgl. J. Fr. Lohmann, Art. «Voraussetzungen. 7. Kant, Kierkegaard und der Neukantianismus», in: Barth Handbuch, hrsg. von M. Beintker, Tübingen 2016, S. 42–48, dort S. 42f 📖.↩
11
Carl Hilty (1833–1909) war knapp vier Wochen zuvor, am 12. Oktober 1909, verstorben. Der Berner Staatsrechtler war in den letzten Jahren seines Lebens durch philosophisch-ethische Schriften einem größeren Publikum bekannt geworden. Besonders die ab 1891 zum Thema «Glück» erschienenen, in drei Bänden gesammelten Schriften und Traktate (Neudruck: Zürich 1987) entwickelten sich zu einem Bestseller: Die 1905 bzw. 1907 gedruckten Auflagen umfassten bereits das 30., 45. bzw. 55. Tausend.↩
12
Ernst Haeckel (1834–1919), Zoologe, Philosoph und Freidenker, beeinflusste durch seine auf den Ideen Darwins beruhende Abstammungslehre die sozialethische Diskussion um 1900 in starkem Maße. Unter Haeckels bestimmendem Einfluss war 1906 der Deutsche Monistenbund gegründet worden, der bald über 6000 Mitglieder zählte und dessen Ziel «die Verbreitung einer einheitlichen, auf Naturerkenntnis begründeten Weltanschauung und einer monistischen Religion, die das Gemüt durch Kunst und Wissenschaft erhebt», war (R. Lorenz, Art. «Monistenbund», in: RGG3 IV, Sp. 1102 📖).↩
13
Fr. Schiller, Wilhelm Teil, erster Aufzug, dritte Szene 📖 (im Orig. keine Hervorhebung).↩
14
M. Luther, Vorrede auff die Epistel S. Pauli an die Römer (1522), WA.DB 7, 3–27 📖.↩
15
A.a.O., 9.11. 📖 – Dieses und die folgenden Zitate bieten den Luther-Text in einer gegenüber der WA modernisierten Fassung.↩
16
Luther, Freiheit (Anm. 9), 21,7–30 📖.↩
17
Diese Differenz war der Grund für das Scheitern des Marburger Religionsgespräches von 1529 (s. dazu oben, S. 61, Anm. 6).↩
18
Siehe oben, Anm. 3.↩
19
Fr. Schiller, Wilhelm Tell, zweiter Aufzug, erste Szene (Attinghausen); dort: «welches Stamms» 📖.↩
20
Vgl. Luther, Freiheit (Anm. 9), 36,25f. 📖: «Das ist ein feyn exempell zu dißer lere, da Christus sich und die seynen freye künigs kinder nennett […].»↩
21
Aus Strophe 4 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (RG 32; EG 362) 🎵.↩