Zum Gedächtnis der Reformation
sind wir heute versammelt. Was die Genfer Reformation des 16. Jahrhunderts
war und was sie dem heutigen Geschlecht zu sagen hat, das ist den Protestanten
des ganzen Erdkreises und besonders denen der Stadt
Calvins dies Jahr in
eindrücklicher Weise in Erinnerung gerufen worden.1 Möchten
die Töne, die da angeschlagen worden sind, weiterklingen in der
evangelischen Kirche,
möchte der Same, der in jenen festlichen Tagen ausgestreut worden ist,
Wurzel gefasst haben und Wurzel fassen und Frucht bringen. Dann ist das
Calvin 2
fest etwas Anderes und
Besseres gewesen als die unzähligen Jubiläen und Erinnerungsfeiern, mit
denen unsre Zeit gesegnet ist.
Am heutigen Tag stellen wir uns auf eine höhere Warte. Calvins Reformation war nur der
eine Arm des Stromes, der im 16. Jahrhundert hervorgebrochen ist, wir freuen
uns des Besondern, das sie uns gebracht hat, und wir werden uns hüten, dies
Besondere preiszugeben. Aber heute dürfen und wollen wir uns auf die
Reformation besinnen, die für alle evangelischen Christen dieselbe ist. Im Sinn und
Geist Calvins wenden wir jetzt unsern Blick auf die Quelle jenes Stroms, |173 nach Wittenberg, nach der Wartburg im waldgrünen Thüringland, nach dem Kaisersaal zu
Worms.
Da hab ich eines Führers Ruf gehört:
Der Kerker, schrie er, Geister, ist zerstört!
Das Tor gebrochen, offen ist die Bahn.
Befreit die Brüder! Auf! Empor! Hinan!
2
Der Führer ist Martin Luther. Nicht nur, weil er der
Zeit nach der erste war, der mit Bewusstsein die alten Altäre verließ, die
neue Fahne hochhob. Was Reformation war und ist in ihrem innersten Wesen, sehen wir in
a-keinem so wie in ihm-a. An theologischem und politischem Scharfsinn haben ihn 3 unsre schweizerischen Reformatoren
Zwingli und Calvin überragt, aber den
warmen Herzschlag des Neuen, der auch in ihnen war, sehen wir bei Luther
deutlicher, unmittelbarer, originaler. Was jenen bereits selbstverständlich
war, musste Luther erst erkämpfen. Jene sahen weiter als er, weil sie auf
seinen Schultern standen.
In seiner Seele kämpft, was wird und
war,
Ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.
Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet –
Mich wundert’s nicht, dass er Dämonen sieht!
3
Nein, je näher der Quelle, desto jäher und zerrissener die
felsigen Ufer, das darf uns in der Tat nicht wundern, es muss so sein.
So können wir in Luthers
Art und Wesen erkennen, was die Reformation einst gewesen ist. Und wenn wir
erkennen, was gewesen ist, so erkennen und verstehen wir, was evangelisches
Christentum
ist und sein soll. Sein soll! sage ich, und es weist uns die Reformationsfeier von der
Vergangenheit in die
Gegenwart und Zukunft, vom Erkennen zum Wollen, vom
Verstehen zum Glauben und Handeln.
Zwei Linien meine ich in Luthers reformatorischem Charakter
zu sehen. Beide berühren sich, beide sind aber so einfach wie folgenschwer.
Die eine besteht in der radikalen Abstoßung des Menschen|174geistes b-aus dem-b
Leben 4 der Religion, die andre in einer ebenso radikalen Unterwerfung und
Hingabe an Gott selbst.
Beides zusammen macht den Kern und Stern der Reformation aus. Was Beides
gewesen ist und was Beides uns zu sagen hat, wollen wir zu sehen
versuchen.
I
Wir haben nicht den Geist der Welt
empfangen, das war der erste Satz, den die Reformation der Religion der römischen
Kirche entgegenstellte. Und deshalb war der eine Grundzug
der Reformation Verneinung, Abstoßung, Zerstörung. Die Verneinung des Vorhandenen war es, was der
Trompete den deutlichen Ton gab, als Luther am 31. Oktober 1517 seine 95
Thesen gegen den Ablass an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug. Die
Verneinung hat damals Deutschland geweckt, wegbereitend für die neue Bejahung.
Wenn ein unterirdisches Wasser ausbrechen will, kündigt es sich an durch
weggetriebenes Gestein und Geschiebe, dann erst wird der volle Strom
sichtbar, und immer noch hat er zu kämpfen mit den Widerständen, zu
beseitigen, aufzuräumen. So haben alle religiösen Vorwärtsbewegungen
begonnen als Revolutionen neuer Frömmigkeit gegen altgewordene. So ist Reformation in erster
Linie Gegensatz.
5 Gegensatz zu was? Zum Mittelalter, zu
Rom, zum Aberglauben, zur Verdummung, zur Scheinheiligkeit, zur
Irrlehre, zum Papst, so hört man wohl auf diese Frage antworten. Mir
sind alle diese Antworten, soviel Richtiges sie enthalten, zu unfein, zu
pfaffenfresserisch polternd. Das Poltern gegen den Katholizismus macht noch lange keinen
Protestanten. Und sie scheinen mir zu unwesentlich, zu
oberflächlich, sie berühren zu wenig den Kern der Sache, die Religion selbst, um die es sich
doch dabei handelt.
Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen. Der Geist der Welt ist
nichts Anderes als der Geist des Menschen. Die Reformation, Luther an
der Spitze, hat proklamiert, dass Religion, Glaube, Frömmigkeit etwas ganz Anderes sei als das Denken und Wollen
des Menschengeistes. Das war ihr Gegensatz und das ist er, denn
er ist noch lange nicht durchgekämpft.
175 Den Katholizismus vergleiche ich mit einem seiner gewaltigen Dome. Tief
in der Erde ruhen die breiten Fundamente, mächtig und massig gewinnen
die Mauern und Pfeiler die Höhe, ein riesiger Block auf dem andern, wie
von Zyklopenhänden geschichtet, leicht und gefällig vereinen sich die
Massen zur gotischen Form, schmächtiger und durchsichtiger wird das
Ganze, je mehr es emporwächst, luftig scheinbar und fein krönt das Werk
der schwindelnd hohe Helm mit der Kreuzblume, und doch ist Alles harter,
6 solider Stein bis zuletzt. So stand ich
einmal in der Dämmerung eines Wintermorgens im Dom zu Köln.4 War es die
Dämmerung, waren es die leichten Weihrauchwolken einer frühen Messe,
genug, dem hohen Gewölbe schien die Decke zu fehlen, es war, als türmten
sich die Quadern der Säulen fort ins Unendliche, erdentsprossen,
himmelragend. Das ist Katholizismus. So türmt nach seiner Anschauung die
gotterleuchtete Vernunft Satz auf Satz und endet mit der vernünftigen
Erkenntnis Gottes wie der Turm mit der Kreuzblume. So türmt der freie
Wille Leistung auf
Leistung, Anstrengung auf Anstrengung und endigt mit der im Geheimnis
sich verlierenden Vereinigung mit Gott, wie der Schlussstein des
Gewölbes sich in der Dämmerung verliert. Das Natürliche erhebt sich zum
Übernatürlichen, der Mensch steigt auf zu Gott, je reiner sein Denken,
je vollkommener sein Wille wird. Und die gesetzmäßigen Formen, in denen
das Denken und Wollen vor sich geht, bilden die Kirche, die große, für
alle Menschen zum Heil notwendige Anstalt, die ihnen sagt, wie sie
zu denken und wie sie zu handeln haben, um Gottes teilhaftig zu werden.
Die Kirche verwaltet die geheimnisvolle Gotteskraft, durch
die die Anstrengungen des Menschengeistes in gottwohlgefällige Opfer
verwandelt werden. Die Kirche, die den Sätzen der menschlichen Vernunft göttliche Autorität
gibt, die Kirche, die den Leistungen des menschlichen Willens 7 göttlichen Wert verleiht, das ist Katholizismus. So steht
nach seiner Anschauung der Mensch Gott am nächsten, der
durch besondere Anstrengung seines Willens seinen natürlichen Menschen
am meisten gesteigert hat, und das ist der Priester, der Mönch; so findet die Frömmigkeit in dem Augen|176blick ihren Höhepunkt, da durch die Vollmacht
eines solchen vollkommenen Menschen Brot und Wein in den Leib und das
Blut des Herrn sich wandelt, da die Natur sichtbar Gott wird.
Durch diese ganze Rechnung hat die Reformation, Luther zuerst, einen dicken Strich gezogen. Nicht ohne
Vorgänger. Ein Franz von Assisi hatte bereits
zurückgerufen von der Menschenlehre und vom Menschengesetz zum
Evangelium Christi, das unmittelbares Leben, unmittelbarer Gehorsam
sei.5 Und aus seinem Orden sind Männer hervorgegangen, die den
Mut und die Wahrhaftigkeit hatten, inmitten der theologischen Schulen die Behauptung
zu vertreten, die natürliche Vernunft werde nie zu Gott führen, Glaube sei etwas
total Anderes als die Sätze der Erkenntnis.6 Endlich jene
tiefen deutschen Denker, die in mancherlei Form immer wieder
behaupteten, «dass alle unsre Vollkommenheit und alle unsre Seligkeit
liegt daran, dass der Mensch durchgehe und überwinde alle Geschaffenheit
und alle Zeitlichkeit und alles Wesen und gehe in den Grund, der
grundlos ist.»7 Das alles war die Morgenröte eines
bessern Tages. Der Tag selbst brach an mit Luther.
8 Nicht Menschengedanken, nicht Menschenwerk
führt zu Gott.
Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
Die Sünde zu vergeben;
177 Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
Des muss sich fürchten jedermann
«So ist es offenbar, dass kein äußerliches Ding den
Menschen frei noch fromm machen kann», sagt Luther ein andermal;9 das war die große Verneinung, die er dem stolzen
Bau der katholischen Religion entgegenstellte und durch die er die tiefe
Erkenntnis des Paulus wieder
zum Leben erweckte, dass wir nicht den Geist der Welt empfangen
haben.
Und nun ist es das Merkwürdige, dass die Reformation eben durch diese radikale
Verneinung des Menschengeistes, die uns zunächst so fremd und finster
berühren möchte, dem Denken und Wollen des Menschengeistes seine
Freiheit und Würde
zurückgegeben hat, die in dem Steingebäude des Katholizismus zu ersticken drohte. Luther
ist es aufgegangen, dass das
Gesetz, von dem die katholische Kirche so viel
redete, etwas ganz Andres sei als eine Lehre, was für Werke zu tun oder zu lassen seien
aus Furcht der Strafe oder Liebe des Lohnes. Er hat erkannt, dass das
Gesetz unsres Herzens Grund, uns 9 selbst
fordert, dass diesem Fordern nie genug getan sein kann durch Anstrengung
und Leistung, dass es kein Ende, keine abschließende Kreuzblume kennt,
sondern streng und erhaben auch dem Vollkommensten immer höhere Ziele
setzt. Und Luther hat bestimmt und scharf den Anspruch der Schulweisheit
zurückgewiesen, als ob sie im Stande sei, eine menschliche Erkenntnis
Gottes zu erweisen. |
Eben damit ist dem menschlichen
Denken seine Würde zurückgegeben, es ist
von da an freies Denken, nicht mehr eine Magd der Kirche und ihrer
Satzungen. Dank dieser Befreiungstat sind die folgenden Jahrhunderte
Jahrhunderte einer Wissenschaft geworden,
wie sie keine frühere Zeit gekannt hat, weil es eine Wissenschaft war,
die ihre eigenen Wege ging, nicht mehr eine kraftlose und überflüssige
Stütze |178 der Religion sein wollte. Und es führt
eine gerade Linie durch die
Jahrhunderte von Martin Luther zu Immanuel Kant, dem Begründer der sittlichen und
wissenschaftlichen Weltanschauung der
Neuzeit. Es ist kein
Zufall, dass gerade diese beiden Männer am heftigsten bekämpft werden in
den Schriften der katholischen Gelehrten. Was jener ehrte und andeutete,
hat dieser erkannt und ausgesprochen:
den reinen Willen und das reine Denken.10
Und nun, wie stehen wir zu diesem Erbe der Reformation? Wir wollen uns
keine Illusionen machen, 10 meine Freunde, an
diesem festlichen Gedächtnistage weniger als je. Es ist noch viel katholische
Dombau-Frömmigkeit in unsrer Mitte, in jedem von uns, wenn
wir’s ernst mit uns nehmen. Solange wir noch die Edelsten und
Besten unter uns wie den verstorbenen Professor Karl Hilty in Bern am Werk sehen, dem Wollen, dem
sittlichen Streben der Menschen nachzuhelfen durch allerlei schöne
Gedanken über das Glück, das ihm
daraus entsprießen werde,11 solange sind wir noch am Dombauen. Und
solange Hunderttausende Beifall jauchzen, weil ein Mann wie Ernst Häckel es |179 unternimmt, in naiver Zuversicht eine vernünftige Religion zu
machen,12 solange sind wir
noch am Dombauen. Wieviel Selbstgerechtigkeit, wieviel Gesetzesgehorsam,
wieviel Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Lohn, wieviel Angst vor der
Wissenschaft, wieviel falsche Kompromisse mit ihr sind doch noch in
unsrem Christentum, gleichgiltig ob das äußere Mäntelchen nun liberal oder orthodox
heiße. Wir Alle haben es nötig, meine Freunde, uns von der Reformation, von Luther zurufen zu
lassen, dass wir nicht den Geist der Welt empfangen haben. Freuen wir
uns dieser Erkenntnis und setzen wir sie endlich ins Leben um, c-indem wir uns von Friedrich Schiller, dessen 150. Geburtstag
wir am 10. November feiern, sagen lassen-c:
Was Hände bauten, können Hände stürzen.
Das Haus der Freiheit hat uns
Gott
gegründet.
13
11 II
Und das führt uns nun weiter, höher, vom Nein der Reformation zu ihrem großen
Ja. Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen,
sondern den Geist aus Gott, um zu schauen, was uns von Gott zu
lieb getan ist. Religion, Frömmigkeit ist nach der Meinung der Reformatoren nicht etwas, was wir Menschen
mit unserm kurzen Denken und Wollen zustande bringen
sollen und können, sondern Gottes wunderbares Geschenk. Er hat uns etwas
zu lieb getan; wenn wir’s schauen, so haben wir’s. Der
Glaube ist das uns von Gott geschenkte |180 Schauen Gottes, nichts Anderes. Da stehen wir im Herzpunkt der
Persönlichkeit Luthers, im Herzpunkt der Reformation. Ich möchte hier Luther selbst reden
lassen, wie er in der kurzen, lapidaren Vorrede zum Römerbrief von
152214 den Glauben schildert; Luther
sagt:
«Glaube ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche
für Glauben halten. Und wenn sie sehen, dass keine Besserung
des Lebens noch gute Werke folgen und doch vom Glauben viel
reden und hören können, fallen sie in den Irrtum und
sprechen: der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun,
soll man fromm und selig werden. Das macht, wenn sie das
Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus
eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich
glaube. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber
wie es ein menschli12ches
Gedicht und Gedanken ist, den des Herzens Grund nimmer
erfährt, also tut er auch nichts und folgt keine Besserung
hernach.
Aber Glaube ist ein
göttlichesd
Werk in uns, das uns
wandelte
und neu gebiert aus
Gottf
und tötet den alten Adam, macht aus uns
ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften
und bringt den heiligen Geist mit sich. O, es ist ein
lebendig, geschäftig, tätig, mächtiges Ding um den Glauben,
dass unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte
Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun
sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer
im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein
glaubloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben
und guten Werken und weiß weder, was Glaube oder gute Werke
sind, wäscht und schwatzt doch viele Worte vom Glauben und
guten Werken.
Glaube ist eine lebendige, verwegene
g
Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass, der
glaubt, tausendmal darüber stürbe. Und
|181 solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht
fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen:
welches der heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch
ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun,
jeder
13mann zu dienen, allerlei
zu leiden, Gott zu Liebe und zu Lob, der ihm solche Gnade
erzeigt hat, also dass unmöglich ist, Werk vom Glauben zu
scheiden, ja so unmöglich, als Brennen und Leuchten vom
Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor vor deinem
eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom
Glauben und guten Werken klug sein wollen zu urteilen und
sind die größten Narren. Bitte Gott, dass
er
den Glauben in dir wirke, sonst bleibst du wohl ewiglich
ohne Glauben, du dichtest und tust, was
du
willst oder kannst.»
15
Meine Freunde, das ist Luther. Das ist die Reformation. Und ich meine, ich könnte
diese gewaltigen Worte nur abschwächen, wenn ich etwas hinzufügen
wollte. Einfacher und tiefer zugleich ist nie vom Glauben geredet worden.
Aber nun ist dieser von Gott geschenkte Glaube ein Schauen dessen,
was Gott uns zulieb getan hat. Christlicher Glaube ist
Glaube an das Evangelium,
Glaube an Jesus Christus. Nicht an ein Dogma und nicht an eine Weltanschauung, sondern an ihn selbst.
Was heißt das? Wir wollen noch einmal Luther hören. In der kleinen Schrift
«Von der Freiheit eines Christenmenschen» von 1520 – die übrigens
jeder evangelische Christ einmal gelesen haben sollte – sagt
er:
14 «Dass es nicht genug sei
gepredigt, wenn man Christi Leben und Werk obenhin und nur
als eine Historie und Chronikengeschichte predigt,
geschweige denn, so man seiner gar schweigt und das
geistliche Recht oder andrer Menschen Gesetze und Lehre
predigt. Ihrer sind auch viele, die Christum also predigen
und lehren, dass sie ein Mitleid über ihn haben, mit den
Juden zürnen oder sonst mehr kindische Weise darinnen üben.
Aber er soll und muss
also gepredigt sein, dass
mir und dir der
Glaube daraus
erwachse und
erhalten werde.
Welcher Glaube
daraus erwächst und erhalten
wird, wenn mir
gesagt wird,
warum
Christus gekommen sei,
wie man seiner
|182 gebrauchen und genießen soll,
was er mir gebracht und gegeben hat. Das
geschieht, wo man
recht auslegt die christliche
Freiheit, die wir von ihm haben, und wie
wir
Könige und
Priester seien,
aller Dinge
mächtig und dass
alles, was wir tun, vor Gottes Augen angenehm
h-und erhört
-h
sei…
Denn wo ein Herz
also Christum hört, das
muss
fröhlich werden von ganzem Grunde, Trost
empfangen und süß werden gegen Christum, ihn wiederum lieb
zu haben. Dahin kann es
nimmermehr mit Gesetzen
oder Werken kommen. Denn
wer will einem
solchen Herzen Schaden tun oder es
erschrecken? Fällt die
15 Sünde
oder der Tod daher, so glaubt es, Christi
Frömmigkeit sei
sein und
seinei
Sünden seien nimmer
seinj, sondern
Christi; so muss die
Sünde verschwinden vor Christi Frömmigkeit in dem Glauben… und es lernt mit dem Apostel dem
Tod und der Sünde Trotz bieten und sagen: ‚Wo ist nun, du
Tod, dein Sieg? wo ist nun, du Tod, dein Spieß? Dein Spieß
ist die Sünde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns den Sieg
gegeben hat durch Jesum Christum, unsern Herrn.’»
16
Der Glaube und
das Evangelium,
dieser Glaube und dieses Evangelium waren
das große Ja der Reformatoren.
Und sie sind die andre Seite des Erbes der Reformation,
das auf uns gekommen ist. Wollen wir in oberflächlichem sogenanntem
Freisinn uns von Luther abwenden, etwa weil er in späteren Jahren selber dem
kühnen Geist seiner ersten Zeit, aus der diese Worte stammen, untreu
geworden ist, weil er unserm Zwingli die Bruderhand verweigerte, als dieser anders dachte
als er über die Gegenwart Christi im Abendmahl,17 weil seine Nachfolger nur zu bald den Glauben zu einem neuen Werk, das
Evangelium zu einem neuen Gesetz für die Gewissenk
machten? Wir denken daran, dass sein Geist
l-und der Geist jener Epoche-l
zweier Zeiten |183 Schlachtgebiet war,18 und wir bleiben
ihm dankbar. Aber etwas Anderes wollen wir tun: Uns selbst, unser
eigenes Christentum, unsern Glauben, unser Evangelium messen am Glauben
und am Evangelium des 16
Reformators, wie er beides in seiner Heldenzeit verkündigte.
Dann haben wir wieder allen Anlass, bescheiden zu werden. Ist’s
nicht noch heut in weitesten Kreisen gang und gäbe, dass der Glaube ein
mehr oder weniger ödes Nachsagen von frommen Gedanken anderer sei, das
man dem lieben Gott zu lieb tun müsse, statt dass wir im Glauben
zunächst überhaupt nichts sagen, sondern in lebendiger, verwegener
Zuversicht auf das schauen, was Gott uns zuliebe getan hat?
Und wenn man vom Evangelium redet, so denken die einen an die Lehre vom
Sohn Gottes
und die andern an die Lehre vom weisen Rabbi von Nazareth, aber warum
der Mensch Jesus uns eigentlich eine frohe Botschaft, Evangelium
ist, darüber sind die einen so unklar wie die andern. Möchte die Reformationsfeier wieder
einmal all den katholischen Protestanten zur Linken und
zur Rechten zurufen:
O lerne fühlen, welchen Stamms du bist!
19
Wir sind als evangelische Christen edlen Stammes, meine
Freunde, freie Königskinder, wie Luther es einmal nennt.20 Lasst uns dessen bewusst sein. So besteht denn
in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht
wieder unter das Joch der Knechtschaft fangen [Gal. 5,1]. Wir haben nicht den
Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, um zu schauen, was
uns von Gott zu lieb getan ist. Es ist uns aber von Gott zu lieb getan,
dass wir mit Luther frei singen und sagen dürfen: Das Reich muss uns doch
bleiben.21
Amen.