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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 20</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 1,23-26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 1,23-26, 14. November 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53022 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53022</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 20: Predigt: Markus 1,23-26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">22</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,23-26, 14. November 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1463">KBA 998</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-11-14">14. November 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, den
                            <date when="1909-11-14">14. November 1909</date> <date rend="right">(23. nach
                            Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.23 Mk.1.26">Markus 1,23–26</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Und es war in ihrer Synagoge ein
                                    Mensch mit einem unreinen Geist, der schrie auf: was willst
                                    du von uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu
                                    verderben? Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes. Und
                                    Jesus bedrohte ihn: verstumme und fahre aus von ihm! Und der
                                    unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem Geschrei von
                                    ihm aus.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
              
                <salute>Liebe Freunde,</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>nicht wahr, das ist eine fremdartige Geschichte? Ein unreiner Geist, ein
                        <term type="Sachen" key="Dämonen">Dämon</term>, wie es an andern Stellen
                    heißt, hat von einem Menschen so völlig Besitz genommen, dass dieser nur
                    noch als sein Werkzeug, sein Sprachrohr erscheint. Und wie dieser Mensch in
                    die Nähe Jesu kommt, da schreit der Geist, der in ihm steckt, laut auf, er
                    protestiert gegen diese Nähe, deren Heiligkeit und Erhabenheit er in allem
                    Protestieren doch anerkennen muss. Und nun heißt es weiter, dass Jesus
                    diesen Geist mit machtvollem Wort <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> bedroht:
                    Verstumme und fahre aus von ihm! Schweig und verlass diesen Menschen! Da
                    packt die geheimnisvolle Macht den Unglücklichen noch einmal mit aller
                    Kraft, um ihn dann auf immer zu verlassen.</p>
                <p>Etwas Unerklärliches, Rätselhaftes bleibt in dieser kleinen Geschichte auf
                    alle Fälle. Viele Christen nehmen die Schilderung des Vorgangs wörtlich. Sie
                    denken dann, wie der alte Erzähler des Stücks es unzweifelhaft getan hat, an
                    eine Art sichtbar-unsichtbarer Geistwesen, die durch den größeren Geist, der
                    in Jesus war, besiegt, in die Flucht geschlagen würden. Heutzutage werden
                    viele von uns eher geneigt sein, an eine Geisteskrankheit zu denken, die
                    dann durch die überlegene seelische Einwirkung der Persönlichkeit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Persönlichkeit">Jesu</term> geheilt
                    worden wäre, wie solche Heilungen auch heutzutage etwa vorkommen. Die
                    letzten Gründe des Vorgangs werden uns aber weder bei der alten noch bei der
                    neuen Erklärungsweise völlig durchsichtig. Wer ein wenig tiefer ins <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> hineinzusehen gelernt hat, wird
                    es nicht von sich <pb xml:id="p185" ed="pga"/> weisen, dass es mehr Dinge zwischen
                    Himmel und Erde gibt, als manche Schulweisheit sich träumen lässt.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1541">
                                <persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">The Tragedy of
                            Hamlet, Prince of Denmark</hi>, Act I, Scene V</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>There are more things in heaven and earth, Horatio, </l>
                                    <l>Than are dreamt of in your philosophy.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Das Gebiet des Geheimnisvollen, Unerklärlichen ist für uns
                    Menschen der <term type="Sachen" key="Mensch, der Neuzeit">Neuzeit</term>
                    nur in einen andern Bezirk verlegt, mitnichten verschwunden.</p>
                <p>Aber wir wollen uns heute nicht dabei aufhalten, auszumachen, was damals denn
                    eigentlich geschehen ist, noch weniger dabei, festzustellen, wieviel
                    Natürliches und <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> wieviel Wunderbares in dem
                    Vorgang enthalten gewesen sein möge. Wo es sich um das Walten <term type="Sachen" key="Gott, Wunderbares und Natürliches seines Waltens">Gottes</term> handelt, da sind solche Begriffe wie «natürlich» und
                    «wunderbar» gar merkwürdig. Man kann dann ebenso gut alles Natürliche
                    wunderbar und alles Wunderbare natürlich nennen, aber es scheint mir bei
                    solchem Streit nicht viel herauszukommen.</p>
                <p>Ich meine, viel wichtiger sei eine andere Frage, die nämlich, wie diese
                    Erzählung, mag nun der Vorgang gewesen sein, welcher er wolle, ins <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> gekommen ist. Was hat
                    sich der alte Geschichtsschreiber, was haben sich die ersten Leser und Hörer
                    dabei gedacht? Einfach das Vergnügen am Merkwürdigen, Sonderbaren,
                    Außerordentlichen kann es nicht gewesen sein, das hätte zu sehr der Art Jesu
                    widersprochen, der es seinen Leuten oft genug eingeschärft hat, dass die
                    Freude am Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> etwas
                    ganz Anderes sei als die Verwunderung über außerordentliche, übernatürliche
                    Dinge [vgl. z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.17 Lk.10.20">Lk. 10,17–20</ref>]. Und wenn wir sonst die Evangelien aufmerksam
                    lesen, so merken wir bald, dass die Erzählung all der Geschichten und Worte
                    Jesu einen ganz andern Sinn hat als den, einfach das, was einmal geschehen,
                    der Nachwelt zu überliefern, wie etwa die alten Assyrer die Geschichte ihrer
                    Könige der Nachwelt überlieferten.<note xml:id="n02">Keilschriftlich überliefert sind Listen der assyrischen Dynastien und
                        Könige. Von der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. an finden sich
                        vermehrt Königsannalen mit Aufzählung geführter Feldzüge u. ä.; vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2555">
                                <persName ref="kbga-actors-9184">Fr. M. Th. de Liagre Böhl</persName>, Art.
                        «Assyriologie», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> I,  Sp. 655–660,
                        dort Sp. 659</bibl>.</note> Die <term type="Sachen" key="Evangelisten">Evangelienschreiber</term> wollten etwas wirken, etwas ausrichten. Sie
                    hatten etwas erlebt, und sie wollten es auch andre erleben machen. Und so
                    sind ihre Berichte immer Transparentbilder<note xml:id="n03">Vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p156#fn_n07">S. 156f., Anm. 7</ref>.</note>.
                    Sie haben ein Licht <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> entdeckt, das <pb xml:id="p186" ed="pga"/> ihnen Leben und Freude geschenkt hat, und dies Licht wollen
                    sie weiter leuchten <term type="Sachen" key="Evangelisten, Weitergabe des Lichts">lassen</term> für die andern
                    in mancherlei Brechungen und Nuancierungen seiner Strahlen. Eine solche
                    Brechung und Spiegelung des großen Lichts werden sie wohl auch in unsrer
                    kleinen Erzählung gefunden haben. Wir wollen versuchen, sie in ihrer
                    Eigentümlichkeit zu verstehen.</p>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Meine Freunde! Ihr erinnert euch vielleicht, wie<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «dass».</note>
                         wir vor 14 Tagen uns hier gefragt haben, was die Menschen Staunen
                        gemacht habe über die Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term>, wie sie dazu
                        gekommen sind zu sagen: der ist anders als die andren. Wir haben dann
                        gesehen, dass dies nichts andres war und ist als sein inneres <term type="Sachen" key="Jesus Christus, inneres Leben">Leben</term>,
                        seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heldentum">Heldentum</term>.<note xml:id="n04">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p169#p169">S. 169f.</ref></note> Und damit haben wir
                        einen tiefen Blick in die Art unsrer Religion getan, wie sie im
                        Unterschied von aller <term type="Sachen" key="Religion, Lehrreligion">Lehrreligion</term> und <term type="Sachen" key="Religion, Gesetzesreligion">Gesetzesreligion</term> eine
                        Religion der <term type="Sachen" key="Religion, Persönlichkeitsreligion">Persönlichkeit</term> ist. In der Persönlichkeit Jesu, wie sie war
                        und ist, dem persönlichen <term type="Sachen" key="Gott, persönlicher">Gott</term> begegnen, der uns kleine Menschen <term type="Sachen" key="Mensch, persönlich">persönlich</term> haben will, das ist <term type="Sachen" key="Christentum, Definition">Christentum</term>.</p>
                    <p>Die merkwürdige Geschichte aus dem Evangelium, die ich heute zum Text
                        genommen, kann uns vielleicht helfen, dies Verständnis des Christentums
                        nach einer bestimmten, sehr ernsten Seite zu vertiefen,
                            <hi rend="italic">besser</hi> noch zu begründen. <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>
                        Nach einer <hi rend="italic">ernsten</hi> Seite, sage ich, denn diese Geschichte
                        führt uns bei aufmerksamer Besinnung dicht vor einen verborgenen Abgrund
                        unsres innern Lebens, des Lebens der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Abgrund">Frömmigkeit</term>. Sie sagt uns zunächst
                        nichts mehr und nichts weniger als das, dass die Mächte und die Faktoren
                        unsres innern Lebens, welche unsre Erhebung zur Freiheit und zur Freude
                        verhindern wollen, in dem Moment, wo wir mit Jesus zusammentreffen, eine
                        gewaltige Steigerung, einen Ausbruch sondergleichen erfahren. Die
                        Bekanntschaft mit dem <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> und Reinen steigert zugleich das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> und Unreine in uns. Wollen wir
                        die Augen vor diesem Abgrund schließen, weil wir verlangen, in der
                        Kirche nichts Trauriges, nichts Pessimisti<pb xml:id="p187" ed="pga" break="no"/>sches
                        zu hören? Lasst mich mit einem Gleichnis antworten: ihr habt gewiss die
                        meisten schon einmal einen der Kupferstiche des Holländers <persName ref="kbga-actors-1189">Rembrandt</persName> gesehen.
                        Das Wesen seiner künstlerischen Art ist die harte, plötzliche Art der
                        Verteilung von Hell und Dunkel.<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2556">Art.
                            «Rembrandt», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl.,
                            1905–1909, Bd. 16, S. 791–793, dort S. 792</bibl>: «Sein
                            Hauptmittel malerischer Wirkung ist das Helldunkel. Aus Schatten und
                            Dunkelheit läßt er in scharfer Beleuchtung die charakteristischen
                            Stellen des Bildes kraftvoll hervortreten. Oft ahnt man die Formen
                            nur.»</note> Stellt daneben ein Bild eines modernen Malers, der nach
                        dem Grundsatz des freien Lichtes arbeitet. Wenn das letztere ein gutes
                        Bild ist, wird euch auf den ersten Blick der Vorzug auffallen, dass es
                        die Dinge darstellt, wie sie sind, sein Vorzug ist die Wahrheit, die
                        Wahrheit der relativen Gleichmäßigkeit des Lichtes. Aber ist’s
                        nicht so, dass diese Wahrheit im letzten Grund uns doch nicht erhebt,
                        nicht frei macht, sondern eine verborgene Wehmut in uns entstehen lässt,
                        je realistischer Licht und Schatten ineinander spielen? <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Wenn ich dagegen einen <term type="Sachen" key="Rembrandt-Gemälde">Rembrandt</term> vor mir habe, so mag ich
                        mir zwar meine Gedanken machen über die Plötzlichkeit seiner Übergänge
                        vom Licht zum Schatten, aber dieser Eindruck wird doch ganz verschlungen
                        von dem andern, dass etwas darin steckt, was mir höher steht als die
                            <term type="Sachen" key="Wahrheit, und Wahrhaftigkeit">Wahrheit</term>, nämlich die <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term>. Ich spüre darin einen
                        Willen, ich spüre darin einen Gedanken, und das hebt mich höher, während
                        die noch so wahre Anschauung und Erfahrung geeignet ist, mich unten zu
                        halten. Und ich meine, so müsse es auch in der <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> und beim Reden über die Religion
                        zugehen. Die Wahrheit mag noch so sehr sein, dass Licht und Schatten
                        ineinander laufen, die <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term> verlangt, dass Licht und Schatten
                        auseinandergehen. In der <term type="Sachen" key="Religion, Wahrheit und Wahrhaftigkeit">Religion</term> handelt
                        es sich eben nicht um das, was ist, sondern um das, was werden soll in
                        unserm innern Leben. Ich fürchte, ich fürchte, wer da die tiefen
                        Schatten nicht sehen will, wer nur nach heitern Aussichten auf grüne
                        Matten verlangt, dem fehlt dann auch die tiefe Sehnsucht nach dem
                        reinen, ungebrochenen Lichte, die doch das Wesen wirklicher <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> ausmacht.</p>
                    <p> Meine Freunde! Ihr kennt das Wort <persName ref="kbga-actors-1398">Rückerts</persName>:
                        <q rend="block">
                            <lg>
                    <l>In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knien</l>
                    <l>Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehen.<note xml:id="n06">
                                            <bibl corresp="kbga-bibls-2557">
                                                <persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>, <hi rend="italic">Die Weisheit des Brahmanen. Zwölfte
                                Stufe. Frieden</hi>, 10, V. 1f. (ders., Werke, hrsg. von G.
                            Ellinger, Bd. 2, Leipzig / Wien 1897, S. 123).</bibl>
                                        </note>
                    </l>
                                </lg>
                            </q>
                        </p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p188" ed="pga"/> Es spricht den schönen und wahren Gedanken aus, dass Gott
                        zu allen Menschen irgendwie und irgendeinmal geredet hat, dass er nicht
                        ferne ist von einem jeglichen unter uns, denn <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> in ihm leben, weben und sind wir [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27">Act. 17,27</ref>], wie es auch die Männer des Neuen
                            <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term> gewusst
                        haben. Neben dieses lichte Bild stellt unser Text den tiefen Schatten.
                        Er erinnert uns daran, dass es etwas gibt in uns, was «Nein» sagt, wenn
                        das Göttliche uns emporziehen <term type="Sachen" key="Mensch, Neinsager Gott gegenüber">will</term>. Ob wir nun
                        diesen Neinsager in uns mit dem alten Erzähler einen unreinen Geist
                        nennen, der in den Menschen hineinfährt auf übernatürliche Weise, oder
                        ob wir in ihm eine böse Krankheit der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> finden wollen, auf alle Fälle kennen wir diesen
                        Neinsager in uns, und wir tun gut, ihn scharf ins Auge zu fassen. Ihr
                        wisst, wie <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> ihn einmal beschrieben hat:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,</l>
                                <l>Die eine will sich von der andern trennen,</l>
                                <l>Die eine hält, in derber Liebeslust,</l>
                                <l>Sich an die Welt mit klammernden Organen.<note xml:id="n07">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                            <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                        V. 1112–1115 (Vor dem Tor).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Und damit sind wir gleich vor die Hauptsache gestellt:
                        Der Neinsager Gott <term type="Sachen" key="Mensch, Neinsager Gott gegenüber">gegenüber</term> ist der
                        große Jasager der Welt <term type="Sachen" key="Mensch, Jasager der Welt gegenüber">gegenüber</term> in uns. Es
                        ist der <term type="Sachen" key="Mensch, Naturwesen">Mensch</term> als
                        Naturwesen, das dort Nein und hier Ja sagt. Und die andre Seele in
                        unsrer Brust, die vor dem Göttlichen auf den Knien liegt, sagt Nein der
                        Welt gegenüber, sie ist der Mensch als <term type="Sachen" key="Mensch, Geistwesen">Geistwesen</term>, das aufwärts will.
                        – Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner <term type="Sachen" key="Mensch, zwei Seelen">Brust</term> – und das sagt uns
                            <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, der wie kein zweiter uns gelehrt hat, den Menschen
                        als Einheit, Geist und Natur als Einheit zu verstehen! Ich meine, er hat
                        beide Male recht. Der Mensch, die Natur und der Geist <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> in ihm, <hi rend="italic">sind</hi> noch keine <term type="Sachen" key="Mensch, Natur und Geist keine Einheit">Einheit</term>, aber sie sollen eine <hi rend="italic">werden</hi>, die
                        Einheit ist unser Ziel, unsre Aufgabe, aber wir haben sie noch nicht,
                        und solange wohnen zwei Seelen in unsrer Brust.</p>
                    <p>Aber nun haben wir von dem armen Menschen, von dem unsre Geschichte
                        erzählt, den Eindruck, als sei er eben nicht nur teilweise, sondern ganz
                        in der Gewalt des bösen Geistes gestanden. Er redet und tut nicht, was
                        er, sondern was der <term type="Sachen" key="Dämonen">Dämon</term> in
                        ihm will. Ich meine, das Transparentbild dieser Geschichte sagt uns:
                            <hi rend="italic">Du</hi> bist der Mann! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.12.7">2.Sam. 12,7</ref>] Oder ist’s
                        dir noch nie so gegangen: wenn wir uns ernst<pb xml:id="p189" ed="pga" break="no"/>lich
                        und ehrlich fragten, was ist eigentlich die Macht, die in Wirklichkeit
                        mein Reden und Tun und Denken und Fühlen regiert, wenn wir bei dieser
                        Frage einmal alle den schönen gebildeten und halbgebildeten Aufputz, den
                        wir uns selbst so gerne geben, beiseiteließen, dass wir uns dann
                        gestehen müssten, dass das Geistige, Göttliche in uns verschwindend
                        geringfügig sei gegenüber den klammernden Organen der andern Seele, die
                        als Faulheit, als Selbstsucht, als Eitelkeit, als Sinnlichkeit unsren
                        ganzen Menschen umfängt und erfüllt? So stehen die Dinge, meine Freunde,
                        wenn wir uns selbst keine Phrasen vormachen. Und wieder ist’s
                            <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, von dem wir uns sagen lassen wollen:</p>
              
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>In die Schwachheit hingerafft</l>
                                <l>Sind wir schwer zu retten:</l>
                                <l>Wer zerreißt aus eigner Kraft</l>
                                <l>Der Gelüste Ketten?<note xml:id="n08">
                                            <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                            <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>,
                                        V. 12024–12027 (Bergschluchten).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Aber das ist noch nicht Alles, was uns das
                        Transparentbild unsrer Geschichte zeigt. <hi rend="italic">Was willst du von uns,
                            Jesus von Nazareth, bist du gekommen, uns zu verderben?</hi> So
                        schreit dort der Unglückliche auf, von den dunklen Gewalten in ihm
                        getrieben, wie er Jesu ansichtig wird. Dies Aufschreien, dieser wilde
                        Protest gibt zu denken, ich meine, er komme mir merkwürdig bekannt vor.
                        Erinnert ihr euch noch, wie wir’s alle etwa in der Schule
                        seinerzeit gemacht haben? Wenn wir faul und liederlich waren,
                        war’s dann nicht unser größter Ärger, dass es andre gab, die sich
                        anstrengten und vorwärts kamen? Besinnt ihr euch noch, wie wir dann über
                        Streber und Musterknaben geschimpft haben, wie wir’s als eine
                        persönliche Beleidigung empfanden, dass andre anders waren als wir?
                        Seht, das war der gleiche Geist, der dort aus jenem Menschen schrie: was
                        willst du von uns? bist du gekommen, uns zu verderben? Oder blicken wir
                        in unser gegenwärtiges Leben hinein, besinnen wir uns über die vielen
                        oder wenigen, großen oder kleinen Anlässe, wo wir meinten, mit vollem
                        Recht zürnen, uns aufregen zu dürfen. Ist da nicht oft genug die
                        tatsächliche Überlegenheit der Andern der tiefste Grund gewesen,
                        war’s nicht, vielleicht in irgend einer Verhüllung, die Majestät
                        sittlicher Größe, die <pb xml:id="p190" ed="pga"/> den bösen Menschen in uns
                        aufschäumen ließ? Seht, es ist eben nicht wahr, was in vielen schönen
                        und moralischen Büchern und Geschichten zu lesen ist, als ob das
                        sogenannte «gute Beispiel» die Menschen einfach mit sich fortreiße, wie
                        die Schafe dem Leithammel <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> folgen. So
                        einfach ist der Geist des Menschen nicht. Es gibt jene Abgründe in ihm,
                        die wir nicht auszumessen vermögen und die es verursachen, dass es nur
                        zu oft ganz anders mit ihm geht, als es in den Büchern steht. Das gute
                        Beispiel verstärkt dann das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> in uns, es verdoppelt die Anstrengungen der andern
                        Seele, die sich an die Welt hält, an die tierische Natur mit klammernden
                        Organen. Und diese andre Seele in uns schreit dann gegen das blendende
                        Licht der Güte: Was willst du von mir? Du willst mich verderben! Und die
                        Finsternis waffnet sich zum Entscheidungskampf wider jenes Licht.</p>
                    <p>Nicht ein finsterer, asketischer Pessimist des Mittelalters, sondern der
                        große <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kant</persName>
                        hat mit allem Nachdruck von einem radikalen, wurzelhaften <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, radikales">Bösen</term>
                        geredet, das in jedem Menschen sei.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1509">
                                    <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>,
                                <hi rend="italic">Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
                                Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin 1907/14,
                            S. 1–202, dort bes. S. 17–53 (Erstes Stück)</bibl>:
                            «Von der Einwohnung des bösen Princips neben dem guten. oder über
                            das radicale Böse in der menschlichen Natur».</note> Meine Freunde!
                        So wie ich mich selber kenne, wage ich es nicht, diesen Gedanken mit
                        einer vornehmen Handbewegung abzutun. Ich möchte euch bitten, es auch
                        nicht zu tun, und wenn es hundert Mal unzeitgemäß wäre.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Aber wir wandern weiter: Da berichtet unsre Geschichte
                        noch von einem der willenlos hervorgestoßenen Worte des Menschen mit dem
                        unreinen Geist: <hi rend="italic">Wir wissen, wer du bist: der Heilige <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiliger Gottes">Gottes</term></hi>. Das erste Bekenntnis, die erste
                        Anerkennung Jesu, von der uns das Evangelium erzählt, aus solchem Munde!
                        Der Geist des Bösen ist auf dem <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Höhepunkt
                        seiner Entwicklung wie gewaltsam genötigt, die überwältigende Größe des
                            <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>
                        anzuerkennen. Wenn das Altertum von Dämonen redete, so tat es das oft in
                        einem eigentümlich zwiespältigen, schillernden Sinn. <term type="Sachen" key="Dämonen">Dämonen</term> hießen die verschiedenen bösen Geister,
                        an deren Dasein es glaubte, ein Dämonisches nannte es aber auch die <pb xml:id="p191" ed="pga"/> gebieterische Stimme der innern Wahrhaftigkeit<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «Wahrheit».</note>
                            <term type="Sachen" key="Wahrhaftigkeit"/>, die ein Mann wie <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> in seinem Leben zu
                        hören behauptete.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2558">
                                    <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>,
                                <hi rend="italic">Apologie</hi>, 27a–e; 31c–e</bibl>.</note> Das
                        führt uns nun tiefer. Die andre Seele in unsrer Brust, der andre Mensch,
                        das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> in uns
                        vollendet seinen Lauf, wenn es uns gebieterisch die Anerkennung des
                        Guten aufnötigt. Denn im tiefen radikalen Hass steckt die tiefe radikale
                        Anerkennung. Es ist wie ein Naturgesetz der Geisteswelt, dass es einen
                        Punkt gibt, wo die Extreme sich berühren. Wie oft erleben wir es im
                        politischen <term type="Sachen" key="Politik">Leben</term>, dass die
                        entgegengesetztesten Parteien Hand in <term type="Sachen" key="Politik, Nähe der Extreme">Hand</term> gehen. Das ist dann
                        nicht immer bloß Taktik und zufällige Konvenienz, es steckt oft genug
                        eine weitgehende innere Berührung dahinter. Oder denken wir an den Kampf
                        der <term type="Sachen" key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>
                        gerade in der modernen <term type="Sachen" key="Welt, moderne">Welt</term>. Wie nahe stehen sich im Grunde der materialistische
                            <term type="Sachen" key="Naturalismus">Naturalismus</term> und die
                        Theorien der römisch-katholischen <term type="Sachen" key="Theologie, römisch-katholische">Theologie</term>. <persName ref="kbga-actors-150">Ernst Häckel</persName><note xml:id="n11">Siehe oben, S. 179, Anm. 12.</note> und der
                        Kirchenlehrer <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName><note xml:id="n12">
                                <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName> (um
                            1224–1274), herausragender Philosoph und Theologe des
                            Mittelalters.</note> sind bei näherem Zusehen recht nahe <term type="Sachen" key="Weltanschauung, Nähe der Extreme">Verwandte</term>, so weltenfern sich beide zu stehen scheinen. Und
                        wenn wir uns im täglichen Leben und Reden der Menschen umsehen, wie oft
                        sind wir da dem Ja am nächsten, gerade in dem Moment, wo wir am
                        lautesten Nein schreien. Es ist bei der letzten, höchsten Frage des
                        Menschenlebens <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> nicht anders. Da ist 
                        von <persName ref="kbga-actors-313">Saul Tarsus</persName>, von dem uns die
                        Apostelgeschichte erzählt. Er verfolgt die Christengemeinde mit aller
                        Anstrengung, die er aufbringen kann. Da, auf dem Höhepunkt seines Hasses
                        trifft ihn wie ein Blitzstrahl blendend und niederschmetternd die
                        Erkenntnis <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Jesu Christi">Christi</term>. Noch ist aus dem Saulus kein Paulus geworden, aber
                        er weiß nun, wer der ist, den er verfolgt hat, der Heilige <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiliger Gottes">Gottes</term>
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.3 Act.9.5">Act. 9,3–5</ref>].</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Wenn der alte Mensch zerstäubt.</l>
                                <l>Wird der neue wach.<note xml:id="n13">Aus der in
                                        der Weimarer Ausgabe seiner Werke überlieferten,
                                        ungeachtet ihrer dann umstrittenen Herkunft im 19. und
                                        zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielzitierten <bibl corresp="kbga-bibls-2404">vorletzten
                                        Strophe des Gedichtes «Selige Sehnsucht» von 
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                        (Erstdruck: 1819</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2559">Weimarer Ausgabe I/6, 1888,
                                        S. 372f.</bibl>; in späteren Ausgaben in der Regel nicht
                                        abgedruckt):
                                        <q rend="block">
                                            <lg> 
                                                <l>Lange hab ich mich gesträubt / Endlich gab ich nach!</l> 
                                                <l>Wenn der alte Mensch zerstäubt, /
                                        Wird der neue wach!</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p192" ed="pga"/> Unser Text predigt mit erschütterndem Ernst die Tatsache,
                        die alle Helden der <term type="Sachen" key="Religion, Helden der R.">Religion</term> an sich erfahren haben, dass dem großen Erwachen
                        zur Freiheit und Freude ein inneres Brechen vorangehen muss. Das ist der
                        Moment, wo wir uns beim Anblick der tiefsten Tiefe unsres <term type="Sachen" key="Leben, tiefste Tiefe">Lebens</term> dessen
                        bewusst werden, was die höchste <term type="Sachen" key="Leben, höchste Höhe">Höhe</term> wäre. Wir wollen uns nichts
                        vormachen: nicht jeder erlebt dieses Brechen in der dramatischen Schärfe
                        eines <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>,
                        eines <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Es
                        steckt eine tiefe Unwahrheit darin überall, wo man nach plötzlichen
                            <term type="Sachen" key="Bekehrung">Bekehrungen</term> verlangt als
                        nach der Bedingung echter <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>. Der eine erlebt’s merklicher,
                        plötzlicher, jäher als der andre, bei dem die Übergänge verschwimmen.
                        Aber ebenso sicher weiß der nicht, was Frömmigkeit, christliche <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, christliche">Frömmigkeit</term> ist,
                        dem Christus nie als das Licht in der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Licht in der Tiefe">
                                <hi rend="italic">Tiefe</hi></term>
                        aufgegangen ist. Er hat von sich gesagt, er sei gekommen, die
                            <hi rend="italic">Sünder</hi> zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.17">Mk. 2,17</ref> par.]. Wer
                        einmal etwas an sich selbst verspürt hat von der altmodischen <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Sache <term type="Sachen" key="Sünde">«Sünde»</term>, <hi rend="italic">dem</hi>, nur dem, können die Augen
                        aufgehen für den Heiligen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiliger Gottes">Gottes</term> und das, was er
                        uns zu sagen hat.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>III</head>
                    <p rend="noindent">Und wie nun jener Mensch das herausgestoßen hat: Du bist
                        der Heilige Gottes, da ist der Moment da, wo er nicht mehr bloß
                        getrieben, gestoßen wird von dem bösen Geist in ihm oder von seiner
                        Krankheit, sondern wo etwas Anderes ihn ergreift und herüberzieht. So
                        tost und flutet eine Überschwemmung, bis die Natur gebietet: bis hieher
                        und nicht weiter. Es mag wohl so gewesen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         sein, dass Jesus damals seinen Hörern geschildert hat, wie nun
                        das ersehnte <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreich</term>
                        da sei, wie Gott sich jetzt<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         seiner Menschen angenommen nach der <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>. Und der eine oder andre hat sich
                        im Stillen die Frage gestellt: wo bleibt denn der verheißene <term type="Sachen" key="Messias">Messias</term>, der in dieser Gotteszeit
                        kommen soll <pb xml:id="p193" ed="pga"/> nach den alten heiligen Büchern? Da
                        fährt der arme Besessene mit dem Hellblick, den solche Menschen oft
                        haben, heraus mit der Antwort auf diese stille Frage: Er ist da, mitten
                        unter euch, der da kommen soll, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Messias">Messias</term>, der Heilige <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiliger Gottes">Gottes</term>.</p>
                    <p>Und darauf nun augenblicklich die rätselhafte Gegenwirkung Jesu. <hi rend="italic">Er
                            bedroht ihn: verstumme und fahre aus von ihm!</hi> Und es
                        geschieht: <hi rend="italic">Der unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem
                            Geschrei von ihm aus</hi>. Die Erklärung dessen, was da
                        vorgegangen ist, wollen wir den Ärzten und Psychologen überlassen. Wir
                        sehen nur eines: <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Es ist in Jesus eine Kraft
                        gewesen, die das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term>
                        zu bannen vermochte und die es gebannt hat. Und diese Kraft ist <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, frohe Botschaft.
                        Das ist die Gewissheit, die auch in<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «aus».</note>
                         diesem sonderbaren Stück <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>des Lebens Jesu<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «Leben».</note>
                         schimmert und leuchtet.</p>
                    <p> Die andre böse <term type="Sachen" key="Seele, andere böse">Seele</term>
                        in uns mag noch so stark, der Abgrund in uns noch so tief sein, es gibt
                        einen, der stärker ist als das Böse und tiefer als der Abgrund: der eine
                        ist Gott. Es ist Gottes Art, dass er uns auch dann nicht vergessen kann,
                        wenn wir ihm am fernsten sind. Das radikale <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, radikales">Böse</term>, das beharrliche Nein
                        in uns wird verschlungen in der radikalen <term type="Sachen" key="Liebe, radikale">Liebe</term>, im beharrlichen Ja unsres großen
                        Gottes. Wir wissen, wie er uns das offenbar machen will: wenn er es uns
                        schenkt, Jesus in die Augen zu sehen. Es ist etwas in der Art dieses
                        wunderbaren Menschenbildes, das uns nicht loslässt, auch wenn unsre
                        Bekanntschaft mit ihm erst eine dumpfe Ahnung, ein schwacher Lichtstrahl
                        inmitten von viel Gewölk ist. In ihm redet der Mensch, wie er sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Mensch wie er sein soll">sollte</term>, der Mensch, in dem Natur und Geist eins geworden,
                        zum Menschen, wie er ist, zum Menschen des innern <term type="Sachen" key="Mensch, Zwiespalt">Zwiespalts</term>. Und wie uns dies
                        Menschenbild in die tiefste Tiefe hinunterdrückt, weil es so ganz anders
                        ist als wir, so erhebt es uns, langsam aber gewiss, zur höchsten
                        Höhe.</p>
                    <p>Meine Freunde! Unsre Erniedrigung und unsre Erhöhung erleben wir aber
                        nirgends deutlicher als beim Gedanken an Jesu <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term>. Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term> und Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> treffen da wunderbar <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> zusammen und zeigen uns, was Gott ist. An
                        dem Gott, der <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>im Kreuze Jesu<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «da».</note>
                         geredet hat, Anteil haben, das ist christlicher <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Glauben</term>.</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p194" ed="pga"/> Auf diesen Gott wollen wir warten, dass er uns froh und frei mache, nicht
                        in Trägheit, aber in Hoffnung, nicht in Resignation, aber im
                        Vertrauen.</p>
                    <p>Zu diesem Gott wollen wir mit dem tiefsten Dichter der Religion, mit
                        <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName>, sagen:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Du durchdringest Alles!</l>
                                <l>Komm mit deinem Lichte,</l>
                                <l>Zu berühren mein Gesichte!</l>
                                <l>Wie die zarten Blumen</l>
                                <l>Willig sich entfalten</l>
                                <l>Und der Sonne stille halten:</l>
                                <l>Lass mich so, still und froh,</l>
                                <l>Deine Strahlen fassen</l>
                                <l>Und dich wirken lassen!<note xml:id="n14">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Strophe
                                        6 (nach GERS 174) des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von
                                            <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (RG 162,5; EG
                                    165,6).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                </div>

                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-52">Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B.
                                Crasselius</persName>, Strophen 1.2.6 (RG 243; EG 328,1.2.7 [dort unter dem
                                Titel: «Dir, dir, o Höchster»]).</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-60">Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von <persName ref="kbga-actors-1342">G. Arnold</persName>, Strophen
                                1–3 und 4–6 (EG 388,1.2.4 und 6 [Strophen 3 und 5
                                nicht übernommen; Text mit Abweichungen]).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
