Predigt: Markus 1,21-22
In den Worten des Evangelisten
Aber verlassen wir jenes Bild aus alter Zeit. Unser Christentum soll ja nicht
fromme Anempfindung sein an die innern Lebenskräfte vergangener Zeiten,
sondern eigenes Leben, eigene Kraft.
Und so drängt uns unser Text, uns selbst zu fragen: Wer war Jesus? Wer ist
Jesus? Was haben wir mit ihm zu schaffen? Warum nennen wir uns nach Christus
Christen? Warum stellen wir nicht
I
Vom Erstaunen redet unser Textwort. Wer in seinem Leben nie erstaunt ist, der ist ein armer Mensch. Ich rede hier nicht von jenem Erstaunen, das viel eher Neugier heißen könnte, das die Hände über dem Kopf zusammenschlägt über das, was es nicht versteht, um dann gelassen weiterzugehen, rasch getröstet über sein Nichtverstehen. Solches Erstaunen ist eine gleichgiltige Welle im Alltagsgeplätscher der großen Gleichgiltigkeit. Es gibt aber ein Erstaunen, das den Menschen nicht loslässt, das einen Abschnitt macht in seinem Leben. Es ist das Erstaunen über die Entdeckung des Lebens selbst, über die Entdeckung der verborgenen Gewalt, die das Schattenspiel des äußern Lebens lenkt und die dies äußere Leben plötzlich erscheinen lässt als das, was es ist, als ein Schattenspiel.4 Wer von solchem Erstaunen nie etwas verspürt hat, von dem sage ich, dass er ein armer Mensch ist. Es sind freilich noch keine 20–30 Jahre her, dass es in weiten Kreisen für unfein und ungebildet galt, in dieser Weise zu erstaunen. Und was damals Meinung der Gebildeten war, ist heute auf weite Strecken der Durchschnittsstandpunkt des einfachen Mannes, der Arbeitermassen geworden. Das Leben besteht in dem, was man hört und sieht und greift und schmeckt, zu erstaunen gibt’s dabei nichts:5
Aber die Tage dieser Lebensweisheit neigen sich ihrem
Ende zu. Ja, ich behaupte, es hat nie einen einzigen Menschen gegeben,
der in jedem Moment seines Lebens zu dieser Lebensweisheit gestanden
wäre. Ein Mensch wäre nicht lebendig, wenn er nie wirklich gestaunt
hätte, eben weil er Mensch und nicht ein Tier oder eine Pflanze
ist, denen freilich solche Fähigkeit abgeht. Ich denke daran, wie die
großen Führer der Sozialdemokratie es verstanden haben und verstehen,
Tausenden und Abertausenden eine Überzeugung, einen Idealismus
einzuflößen für die Ziele ihrer Partei.7 Ja, was ist denn ein
solches Überzeugtwerden, ein solches restloses Sich-Hingeben an das als
richtig Erkannte anders als das große Staunen, das über diese Menschen
kommt, wenn ihnen gezeigt wird, dass sie in der Partei etwas finden, was
ihrem kleinen Leben Inhalt gibt? Ich denke an den Überzeugungsmut und
die Zähigkeit, mit der manche sogenannte Freidenker für ihre Sache Propaganda machen.8 Diese Überzeugung ist offenbar etwas Anderes als |164 das, was man sieht und
hört und schmeckt und greift, mögen sie selbst noch so laut alles andre
als Träumerei und Pfaffentrug verlachen. Unsichtbar, wunderbar, ist das
große Staunen über sie gekommen über das, was ihnen letzte Wahrheit zu sein scheint. Je
lauter und aufgeregter ein solcher Mensch versichert, Alles in der Welt
sei natürlich und selbstverständlich, desto mehr beweist er, dass es
nicht so ist, dass er selber unter der Gewalt einer Macht steht, vor der
er staunt, die er andern auch zeigen möchte, um sie auch zum Staunen zu
bringen. Ich denke an die vielen großen und kleinen Menschen, denen es
gegangen ist, wie
Sie sind aus dem tiefen Schlaf des Allerweltslebens erwacht, weil irgend eine starke, große Idee und Überzeugung, heiße sie nun Sozialismus, Atheismus, Abstinenz, Vegetarianismus oder wie sonst über sie gekommen ist wie ein starker Mann. Und wenn eine solche Idee und Überzeugung die ihrige wurde, wenn sie sie ergriffen mit allen Fibern ihrer Seele, mit ihrem ganzen Willen und ganzen Herzen, dann ist ihnen die Welt tief geworden, tiefer als der Tag, als die Oberflächlichkeit gedacht, sie haben das große Staunen gelernt vor unsichtbaren und doch ganz sicheren Tatsachen, denen sie nun ihr Leben hingeben wollen.
165 Aber wir müssen gleich tiefer graben: Was ist denn das, was die Menschen staunen macht in jenen Augenblicken, wo eine Überzeugung sie mächtig ergreift und mit fortreißt? Die Wahrheit oder das, was sie für Wahrheit, letzte Wahrheit halten. Aber die Wahrheit ist eben nie ein abstraktes, allgemeines Gedankending gewesen. Überzeugung ist kein mechanischer Vorgang, der sich selbstverständlich und notwendig herbeiführen lässt. Überzeugung, Wahrheitsüberzeugung ist etwas höchst Lebendiges, das nur in einem lebendigen Menschen möglich ist und nur von lebendigen Menschen verursacht werden kann. Die größte Wahrheit berührt und packt uns nicht, wenn nicht ein lebendiger Mensch dahinter steht, der sie als seine Überzeugung vertritt. Wenn wir einen Roman, einen Zeitungsartikel, eine Broschüre, ein wissenschaftliches Buch lesen, nicht wahr, da spüren wir es gleich, ob Überzeugung drin steckt, warm pulsierendes Leben, oder ob’s bloße Nichtwirklichkeit, Scheinleben ist. Oder wenn wir eine Rede, einen Vortrag, eine Predigt hören, da hat jeder ein feines Gefühl dafür, ob der Redner mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit in der Rede steckt, oder ob die Mühle leer klappert am rauschenden Bach10 des Lebens. Ja, wir können ruhig sagen: das, was uns packt und überzeugt in einem Buch oder in einer Rede, a-an einer «Wahrheit»,-a das ist im Grunde immer das Unmittelbare, das Persönliche, das zwischen den Zeilen und Worten steht, das ist der Mensch selbst, der zu andern Menschen redet. Und so können wir weiter sagen: das Staunen, die Entdeckung, dass die Welt tiefer ist als der Tag gedacht, kommt über uns, wenn wir einen Blick, einen noch so kleinen Blick in das Geheimnis «Menschenleben» getan haben.
II
Aber nun ist’s eine bekannte Tatsache, dass lange nicht alle, vielleicht nur wenige Menschen im Stand sind, uns den Blick für dies Geheimnis |166 zu öffnen. Das Leben und Reden der meisten Menschen erstaunt uns nicht im geringsten. Auch unser Textwort redet von solchen Menschen, indem es hervorhebt, dass Jesus anders, gewaltiger gepredigt und geredet habe, als seine galiläischen Zuhörer es bis dahin gewohnt waren: nicht wie die Schriftgelehrten. Die Schriftgelehrten waren die Theologen, die Gebildeten unter dem jüdischen Volk, die Kenner und Ausleger des Gesetzes und der Propheten. Wir wollen diese Leute nicht schwarz malen, wie es oft geschieht. In ihrer Arbeit, in ihrer Lehre war viel Aufrichtigkeit und viel guter Wille. Aber nachdenklich machen muss uns die Tatsache, dass es gerade die Gebildeten, die, welche mit Gottes Wort und Willen in besonders enger Berührung zu sein glaubten, waren, von denen da angedeutet wird, dass sie die Menschen kalt ließen, dass sie es nicht verstanden, Staunen zu erwecken. Ja, Staunen über sich selbst, über ihre Gelehrsamkeit und ihren Scharfsinn mögen sie erweckt haben, aber das war wieder das Staunen der Neugier, nicht das Staunen über das entdeckte Geheimnis des Lebens. Das große Staunen weckten sie nicht, es war trotz ihrer religiösen Bildung eine Schranke in ihrem Wesen und Wirken, die das hinderte. Wir sahen es ja eben: die Wahrheit der Gedanken genügt nicht, um uns zu packen, was uns ergreift und überwältigt, ist immer das Persönliche, das durch Gedanken und Worte durchschimmert, so wie ein geschickter Geigenspieler durch einen bestimmten Griff neben dem eigentlichen Ton einen Unterton zum Mittönen bringen kann.
Dem Reden der Schriftgelehrten fehlte der Unterton, dem Reden so vieler
Menschen fehlt der Unterton, und darum ist ihr Leben und ihr Reden auch
nicht geeignet, das Staunen in uns zu erwecken. Und nun weiter: wie oft,
wie oft wird unser Staunen
getäuscht!
Wir waren ergriffen, gepackt von den Worten
eines Menschen, von seinen Ideen, von seiner Persönlichkeit. Wir
glaubten das Geheimnis des Lebens, das Ziel und den Zweck unsres
Daseins, den Inhalt und Wert unsrer Arbeit entdeckt zu haben. Wir
staunten vor der Wahrheit, die sich uns in jenem Menschen enthüllt zu
haben schien. Aber dann kam auf das große Staunen die große
Ernüchterung. Das kann auf mancherlei Weise kommen. Immer ist’s
im Grunde dieselbe Erscheinung: Der Zauber, in dem wir standen, wird
unkräftig, die Tiefe der Welt, die sich uns aufgetan zu haben schien,
füllt sich wieder mit Nebeln, so wie auf einem Berggipfel oft in fünf
Minuten die prachtvollste Aussicht im |167 Nebel
versinkt, unser Leben droht wieder untief zu werden, und wir können uns
nicht dagegen wehren. Nicht wahr, so etwas haben wir alle schon
durchgemacht? Wie manchem eifrigen Anhänger und Verfechter irgend einer
neuen Idee ist es schon so gegangen, aber auch wie manchem Frommen, wie
manchen Konfirmanden zum Beispiel! Auch unter den Schriftgelehrten
Israels gab es große und edle Männer, die sicher in manchem ihrer
Zuhörer auch das große, wirkliche Staunen geweckt haben, aber das Haus,
das sie bauten, war auf Sand gebaut [vgl.
Woher mag das kommen, dass so viele Menschen kein Staunen, keine Überzeugung zu wecken vermögen und dass bei so vielen andern das Staunen, das sie weckten, merklich oder unmerklich sich wieder in Gleichgiltigkeit verkehrt, früher oder später? Wir haben gesehen: wenn der Mensch zum Menschen redet, wenn persönliches Leben hindurchleuchtet, mitklingt in den Gedanken und Worten, dann erwachen wir zum Staunen, zur Überzeugung, zu einem eigenen persönlichen Leben. Wo kein persönliches Leben ist, da wirken die schönsten Gedanken nicht, da entsteht auch nichts Neues bei den Andern. Ein Toter kann keine andern Toten lebendig machen. Und wenn der Mensch selbst kraftlos wird, dann helfen alle Wahrheiten in seinem Munde wenig, er wird dem Andern nur Scheinkraft geben können, Häuser, die er baut, werden bald ausgebrannte Häuser sein. |168 Wenn der Arzt selbst krank wird, kann er den andern Kranken nicht mehr helfen. Und seht, meine Freunde, hier stehen wir vor der großen Schranke unsres menschlichen Wesens, das auch die Schranke war bei den Schriftgelehrten der Zeit Jesu. Man redet heute so viel von «Persönlichkeit»,12 und es ist gut und recht so, aber ich meine, wir wollen nur davon reden als von etwas, das wir werden sollen und wollen. Denn wenn wir’s ernst nehmen damit, muss es uns doch bald einleuchten, dass wir Alles andre sind, nur nicht Persönlichkeiten. Denn eine Persönlichkeit ist nur, wer ein festes, gewisses Innenleben hat. Ein solches Innenleben aber hat wieder nur der, der sich selbst und seine Natur überwunden hat.
Wer kann, wer darf das von sich sagen? Wir sind doch keine Persönlichkeiten, im besten Fall Anfänge, Ansätze dazu, auch die Größten und Besten unter uns. Und nun wissen wir auch, warum es so vielen so geht wie den Schriftgelehrten, warum so viele trotz der guten und schönen Gedanken und Meinungen, die sie vertreten, nie andre zum Staunen gebracht haben über das Geheimnis «Menschenleben», warum bei so vielen andern dem Staunen die müde Resignation gefolgt ist. Ihre Gedanken mögen so groß und gut sein, als sie wollen, die |169 Andern spürten ihnen an, dass sie keine Helden sind, oder doch nur halbe oder viertels Helden. Sie leben von den Gedanken anderer, von den Früchten des Heldentums, des innern Lebens anderer, wie die Schriftgelehrten vom Gesetz und den Propheten lebten, man merkt es ihnen an, dass sie etwas weitergeben, was ihnen eigentlich gar nicht gehört. Denn nur das kann man weitergeben, nur das kann bei andern das große Staunen wecken, was wir selbst erkämpft im Kampf mit uns selbst.
Und so drohen wir daran zu scheitern, dass unser Herz
nach des Propheten Wort ein trotzig und verzagt Ding ist [
III
Jesus war anders als die andern, und darum konnte er den
andern das sein, was er Unzähligen geworden ist. Sie erstaunten über
seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht
hat. Über was haben die Menschen dort gestaunt? Über seine
Lehre, über die Worte und Gedanken? Sicher, denn wir wissen aus den
Sammlungen seiner Sprüche, die uns die Evangelien bieten, dass er Worte
getan hat, wie sie an gedanklichem Tiefsinn und Schärfe des Ausdrucks
keiner vor ihm und nach ihm erreicht hat. Aber was die Menschen dort
erstaunte, was später und bis auf diesen Tag so vielen der Sieg wurde,
in dem sie die Welt überwanden [vgl.
Er, der Held, will auch uns zu Helden machen, zu Menschen, die Vollmacht
haben in ihrem Handeln und Reden, weil die Liebe Christi sie also
dringet [vgl.
171
Gott schenke uns auf solche Frage solche Antwort.
- Nr. 33: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von
J. Neander , Strophen 1–3. - Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von
E. M. Arndt , Strophen 1–3 und 4–6 (RG 278; EG 357 [Strophe 3 fehlt]).