Predigt Nr. 18 · 31. Oktober 1909

Predigt: Markus 1,21-22

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18
Markus 1,21–22
Und sie gingen nach Kapernaum hinein. Und alsbald am Sabbat lehrte Jesus in der Synagoge. Und sie erstaunten über seine Lehre. Denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.
Meine lieben Zuhörer!

In den Worten des Evangelisten Markus, die wir eben gehört haben, zittert etwas nach von der innern Bewegung eines Augenzeugen. Nach der Meinung mancher Gelehrter wäre1 es der Jünger und Apostel Petrus gewesen, der später dem Markus als Gewährsmann gedient hätte, als dieser seinen Bericht über das Leben Jesu, unser heutiges Markusevangelium, verfasste. Wie dem auch sei, die gelesene Stelle ist eine von denen, bei denen wir dem Häuflein der ersten Christen etwa 30 Jahre nach Jesu Tod gleichsam ins Herz schauen. Wir versetzen uns zurück in die Gesindestuben, in die Sklavenräume der vornehmen Häuser in Korinth, in die Katakomben in Rom, wo die Glaubensgenossen zur Andacht zusammenkamen. Vielleicht ist der eine oder andre unter ihnen, der, aus Palästina herübergekommen, ihn noch gesehen hat, wenn auch nur von weitem, als er noch auf Erden wandelte. Mit Bewunderung, fast mit Neid sehen die Andern zu ihm auf. Und nun werden die Rollen herbeigebracht, die die kleine Gemeinde neulich erhalten, nun wird’s ganz still, und einer beginnt daraus vorzulesen, griechisch, wie es damals überall verstanden und geredet wurde, etwa wie heute das Französische:2 «Da Johannes überantwor|161tet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen…», und dann weiter die Geschichte von der Berufung der ersten Jünger, mit der wir uns vor drei Wochen beschäftigt haben,3 und dann unsre Stelle: «Er ging in die Synagoge und lehrte, und sie erstaunten – sie entsetzten sich – über seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hatte, – er lehrte gewaltig – und nicht wie die Schriftgelehrten.» Eine stille Bewegung geht durch die Versammlung: Ja, so war er, nein, so ist er: Vollmacht, das ist sein innerstes Wesen. Seine Vollmacht hat ja weiter gewirkt im Munde seiner Boten, des Paulus vor Allem, und hat sie Alle ergriffen, herausgerissen aus der Dunkelheit und dem Schlamm ihres bisherigen Lebens, hat sie in ein Leben des Lichts und der Freiheit versetzt. Er lehrte gewaltig, und er lehrt gewaltig. Und dann beugen sich die Knie in Anbetung des gnädigen Wunders, das Gott an den Menschen getan hat. Und jeder kehrt getröstet und gekräftigt zurück an seine Arbeit, weil er einen unsichtbar neben sich weiß, der Vollmacht hat und anders ist als die andern Menschen.

Aber verlassen wir jenes Bild aus alter Zeit. Unser Christentum soll ja nicht fromme Anempfindung sein an die innern Lebenskräfte vergangener Zeiten, sondern eigenes Leben, eigene Kraft. Und so drängt uns unser Text, uns selbst zu fragen: Wer war Jesus? Wer ist Jesus? Was haben wir mit ihm zu schaffen? Warum nennen wir uns nach Christus Christen? Warum stellen wir nicht Goethe oder Kant in den Mittelpunkt unsrer religiösen und sittlichen Gedanken? Ich erweitere alle diese Fragen und fasse sie zusammen in der einen: Was ist die Großmacht in deinem und meinem innern Leben ?

162

I

Vom Erstaunen redet unser Textwort. Wer in seinem Leben nie erstaunt ist, der ist ein armer Mensch. Ich rede hier nicht von jenem Erstaunen, das viel eher Neugier heißen könnte, das die Hände über dem Kopf zusammenschlägt über das, was es nicht versteht, um dann gelassen weiterzugehen, rasch getröstet über sein Nichtverstehen. Solches Erstaunen ist eine gleichgiltige Welle im Alltagsgeplätscher der großen Gleichgiltigkeit. Es gibt aber ein Erstaunen, das den Menschen nicht loslässt, das einen Abschnitt macht in seinem Leben. Es ist das Erstaunen über die Entdeckung des Lebens selbst, über die Entdeckung der verborgenen Gewalt, die das Schattenspiel des äußern Lebens lenkt und die dies äußere Leben plötzlich erscheinen lässt als das, was es ist, als ein Schattenspiel.4 Wer von solchem Erstaunen nie etwas verspürt hat, von dem sage ich, dass er ein armer Mensch ist. Es sind freilich noch keine 20–30 Jahre her, dass es in weiten Kreisen für unfein und ungebildet galt, in dieser Weise zu erstaunen. Und was damals Meinung der Gebildeten war, ist heute auf weite Strecken der Durchschnittsstandpunkt des einfachen Mannes, der Arbeitermassen geworden. Das Leben besteht in dem, was man hört und sieht und greift und schmeckt, zu erstaunen gibt’s dabei nichts:5

163 … nach drüben ist die Aussicht uns verrannt,
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet.6

Aber die Tage dieser Lebensweisheit neigen sich ihrem Ende zu. Ja, ich behaupte, es hat nie einen einzigen Menschen gegeben, der in jedem Moment seines Lebens zu dieser Lebensweisheit gestanden wäre. Ein Mensch wäre nicht lebendig, wenn er nie wirklich gestaunt hätte, eben weil er Mensch und nicht ein Tier oder eine Pflanze ist, denen freilich solche Fähigkeit abgeht. Ich denke daran, wie die großen Führer der Sozialdemokratie es verstanden haben und verstehen, Tausenden und Abertausenden eine Überzeugung, einen Idealismus einzuflößen für die Ziele ihrer Partei.7 Ja, was ist denn ein solches Überzeugtwerden, ein solches restloses Sich-Hingeben an das als richtig Erkannte anders als das große Staunen, das über diese Menschen kommt, wenn ihnen gezeigt wird, dass sie in der Partei etwas finden, was ihrem kleinen Leben Inhalt gibt? Ich denke an den Überzeugungsmut und die Zähigkeit, mit der manche sogenannte Freidenker für ihre Sache Propaganda machen.8 Diese Überzeugung ist offenbar etwas Anderes als |164 das, was man sieht und hört und schmeckt und greift, mögen sie selbst noch so laut alles andre als Träumerei und Pfaffentrug verlachen. Unsichtbar, wunderbar, ist das große Staunen über sie gekommen über das, was ihnen letzte Wahrheit zu sein scheint. Je lauter und aufgeregter ein solcher Mensch versichert, Alles in der Welt sei natürlich und selbstverständlich, desto mehr beweist er, dass es nicht so ist, dass er selber unter der Gewalt einer Macht steht, vor der er staunt, die er andern auch zeigen möchte, um sie auch zum Staunen zu bringen. Ich denke an die vielen großen und kleinen Menschen, denen es gegangen ist, wie Friedrich Nietzsche es in einem merkwürdigen Gedicht schildert:

Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Schlaf bin ich erwacht;
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.9

Sie sind aus dem tiefen Schlaf des Allerweltslebens erwacht, weil irgend eine starke, große Idee und Überzeugung, heiße sie nun Sozialismus, Atheismus, Abstinenz, Vegetarianismus oder wie sonst über sie gekommen ist wie ein starker Mann. Und wenn eine solche Idee und Überzeugung die ihrige wurde, wenn sie sie ergriffen mit allen Fibern ihrer Seele, mit ihrem ganzen Willen und ganzen Herzen, dann ist ihnen die Welt tief geworden, tiefer als der Tag, als die Oberflächlichkeit gedacht, sie haben das große Staunen gelernt vor unsichtbaren und doch ganz sicheren Tatsachen, denen sie nun ihr Leben hingeben wollen.

165 Aber wir müssen gleich tiefer graben: Was ist denn das, was die Menschen staunen macht in jenen Augenblicken, wo eine Überzeugung sie mächtig ergreift und mit fortreißt? Die Wahrheit oder das, was sie für Wahrheit, letzte Wahrheit halten. Aber die Wahrheit ist eben nie ein abstraktes, allgemeines Gedankending gewesen. Überzeugung ist kein mechanischer Vorgang, der sich selbstverständlich und notwendig herbeiführen lässt. Überzeugung, Wahrheitsüberzeugung ist etwas höchst Lebendiges, das nur in einem lebendigen Menschen möglich ist und nur von lebendigen Menschen verursacht werden kann. Die größte Wahrheit berührt und packt uns nicht, wenn nicht ein lebendiger Mensch dahinter steht, der sie als seine Überzeugung vertritt. Wenn wir einen Roman, einen Zeitungsartikel, eine Broschüre, ein wissenschaftliches Buch lesen, nicht wahr, da spüren wir es gleich, ob Überzeugung drin steckt, warm pulsierendes Leben, oder ob’s bloße Nichtwirklichkeit, Scheinleben ist. Oder wenn wir eine Rede, einen Vortrag, eine Predigt hören, da hat jeder ein feines Gefühl dafür, ob der Redner mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit in der Rede steckt, oder ob die Mühle leer klappert am rauschenden Bach10 des Lebens. Ja, wir können ruhig sagen: das, was uns packt und überzeugt in einem Buch oder in einer Rede, a-an einer «Wahrheit»,-a das ist im Grunde immer das Unmittelbare, das Persönliche, das zwischen den Zeilen und Worten steht, das ist der Mensch selbst, der zu andern Menschen redet. Und so können wir weiter sagen: das Staunen, die Entdeckung, dass die Welt tiefer ist als der Tag gedacht, kommt über uns, wenn wir einen Blick, einen noch so kleinen Blick in das Geheimnis «Menschenleben» getan haben.

II

Aber nun ist’s eine bekannte Tatsache, dass lange nicht alle, vielleicht nur wenige Menschen im Stand sind, uns den Blick für dies Geheimnis |166 zu öffnen. Das Leben und Reden der meisten Menschen erstaunt uns nicht im geringsten. Auch unser Textwort redet von solchen Menschen, indem es hervorhebt, dass Jesus anders, gewaltiger gepredigt und geredet habe, als seine galiläischen Zuhörer es bis dahin gewohnt waren: nicht wie die Schriftgelehrten. Die Schriftgelehrten waren die Theologen, die Gebildeten unter dem jüdischen Volk, die Kenner und Ausleger des Gesetzes und der Propheten. Wir wollen diese Leute nicht schwarz malen, wie es oft geschieht. In ihrer Arbeit, in ihrer Lehre war viel Aufrichtigkeit und viel guter Wille. Aber nachdenklich machen muss uns die Tatsache, dass es gerade die Gebildeten, die, welche mit Gottes Wort und Willen in besonders enger Berührung zu sein glaubten, waren, von denen da angedeutet wird, dass sie die Menschen kalt ließen, dass sie es nicht verstanden, Staunen zu erwecken. Ja, Staunen über sich selbst, über ihre Gelehrsamkeit und ihren Scharfsinn mögen sie erweckt haben, aber das war wieder das Staunen der Neugier, nicht das Staunen über das entdeckte Geheimnis des Lebens. Das große Staunen weckten sie nicht, es war trotz ihrer religiösen Bildung eine Schranke in ihrem Wesen und Wirken, die das hinderte. Wir sahen es ja eben: die Wahrheit der Gedanken genügt nicht, um uns zu packen, was uns ergreift und überwältigt, ist immer das Persönliche, das durch Gedanken und Worte durchschimmert, so wie ein geschickter Geigenspieler durch einen bestimmten Griff neben dem eigentlichen Ton einen Unterton zum Mittönen bringen kann.

Dem Reden der Schriftgelehrten fehlte der Unterton, dem Reden so vieler Menschen fehlt der Unterton, und darum ist ihr Leben und ihr Reden auch nicht geeignet, das Staunen in uns zu erwecken. Und nun weiter: wie oft, wie oft wird unser Staunen getäuscht! Wir waren ergriffen, gepackt von den Worten eines Menschen, von seinen Ideen, von seiner Persönlichkeit. Wir glaubten das Geheimnis des Lebens, das Ziel und den Zweck unsres Daseins, den Inhalt und Wert unsrer Arbeit entdeckt zu haben. Wir staunten vor der Wahrheit, die sich uns in jenem Menschen enthüllt zu haben schien. Aber dann kam auf das große Staunen die große Ernüchterung. Das kann auf mancherlei Weise kommen. Immer ist’s im Grunde dieselbe Erscheinung: Der Zauber, in dem wir standen, wird unkräftig, die Tiefe der Welt, die sich uns aufgetan zu haben schien, füllt sich wieder mit Nebeln, so wie auf einem Berggipfel oft in fünf Minuten die prachtvollste Aussicht im |167 Nebel versinkt, unser Leben droht wieder untief zu werden, und wir können uns nicht dagegen wehren. Nicht wahr, so etwas haben wir alle schon durchgemacht? Wie manchem eifrigen Anhänger und Verfechter irgend einer neuen Idee ist es schon so gegangen, aber auch wie manchem Frommen, wie manchen Konfirmanden zum Beispiel! Auch unter den Schriftgelehrten Israels gab es große und edle Männer, die sicher in manchem ihrer Zuhörer auch das große, wirkliche Staunen geweckt haben, aber das Haus, das sie bauten, war auf Sand gebaut [vgl. Mt. 5,26], das Staunen, die Begeisterung ist gerade im religiösen Leben der Juden jener Zeit nur zu oft der Ernüchterung, der Enttäuschung gewichen. Und wie zahlreich, meine Freunde, sind erst die, die solche Ernüchterung und Enttäuschung durchgemacht haben, die mitten drin stecken, ohne dass es nach außen sichtbar wird. Sie suchen es vor sich selbst und den andern zu verstecken, dass sie eigentlich das Staunen, die große innere Überzeugtheit verloren haben. Die Mauern des Hauses stehen noch, wie man im letzten Winter solche Mauern im Trümmerfeld von Messina11 gefunden hat, aber wenn man näher hinzutritt, so sieht man, dass das ganze Innere zusammengebrochen, ausgebrannt ist. Wie viele solche innerlich ausgebrannten Häuser mag es geben unter den eifrigsten Sozialisten, unter den eifrigsten Freidenkern, aber auch unter den eifrigsten Kirchgängern!

Woher mag das kommen, dass so viele Menschen kein Staunen, keine Überzeugung zu wecken vermögen und dass bei so vielen andern das Staunen, das sie weckten, merklich oder unmerklich sich wieder in Gleichgiltigkeit verkehrt, früher oder später? Wir haben gesehen: wenn der Mensch zum Menschen redet, wenn persönliches Leben hindurchleuchtet, mitklingt in den Gedanken und Worten, dann erwachen wir zum Staunen, zur Überzeugung, zu einem eigenen persönlichen Leben. Wo kein persönliches Leben ist, da wirken die schönsten Gedanken nicht, da entsteht auch nichts Neues bei den Andern. Ein Toter kann keine andern Toten lebendig machen. Und wenn der Mensch selbst kraftlos wird, dann helfen alle Wahrheiten in seinem Munde wenig, er wird dem Andern nur Scheinkraft geben können, Häuser, die er baut, werden bald ausgebrannte Häuser sein. |168 Wenn der Arzt selbst krank wird, kann er den andern Kranken nicht mehr helfen. Und seht, meine Freunde, hier stehen wir vor der großen Schranke unsres menschlichen Wesens, das auch die Schranke war bei den Schriftgelehrten der Zeit Jesu. Man redet heute so viel von «Persönlichkeit»,12 und es ist gut und recht so, aber ich meine, wir wollen nur davon reden als von etwas, das wir werden sollen und wollen. Denn wenn wir’s ernst nehmen damit, muss es uns doch bald einleuchten, dass wir Alles andre sind, nur nicht Persönlichkeiten. Denn eine Persönlichkeit ist nur, wer ein festes, gewisses Innenleben hat. Ein solches Innenleben aber hat wieder nur der, der sich selbst und seine Natur überwunden hat.

Ein Held ist, wer den Feind bezwinget,
Ein größ’rer, wer sich selbst bezwingt.13

Wer kann, wer darf das von sich sagen? Wir sind doch keine Persönlichkeiten, im besten Fall Anfänge, Ansätze dazu, auch die Größten und Besten unter uns. Und nun wissen wir auch, warum es so vielen so geht wie den Schriftgelehrten, warum so viele trotz der guten und schönen Gedanken und Meinungen, die sie vertreten, nie andre zum Staunen gebracht haben über das Geheimnis «Menschenleben», warum bei so vielen andern dem Staunen die müde Resignation gefolgt ist. Ihre Gedanken mögen so groß und gut sein, als sie wollen, die |169 Andern spürten ihnen an, dass sie keine Helden sind, oder doch nur halbe oder viertels Helden. Sie leben von den Gedanken anderer, von den Früchten des Heldentums, des innern Lebens anderer, wie die Schriftgelehrten vom Gesetz und den Propheten lebten, man merkt es ihnen an, dass sie etwas weitergeben, was ihnen eigentlich gar nicht gehört. Denn nur das kann man weitergeben, nur das kann bei andern das große Staunen wecken, was wir selbst erkämpft im Kampf mit uns selbst.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.14

Und so drohen wir daran zu scheitern, dass unser Herz nach des Propheten Wort ein trotzig und verzagt Ding ist [Jer. 17,9], dass hinter unsern Gedanken und Worten und Überzeugungen keine Helden stehen oder keine rechten Helden. Das Staunen vor dem entdeckten Geheimnis scheint uns dann doch wieder eine schöne Illusion, wir selber trübe Gäste auf einer dunklen Erde.

III

Jesus war anders als die andern, und darum konnte er den andern das sein, was er Unzähligen geworden ist. Sie erstaunten über seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat. Über was haben die Menschen dort gestaunt? Über seine Lehre, über die Worte und Gedanken? Sicher, denn wir wissen aus den Sammlungen seiner Sprüche, die uns die Evangelien bieten, dass er Worte getan hat, wie sie an gedanklichem Tiefsinn und Schärfe des Ausdrucks keiner vor ihm und nach ihm erreicht hat. Aber was die Menschen dort erstaunte, was später und bis auf diesen Tag so vielen der Sieg wurde, in dem sie die Welt überwanden [vgl. 1.Joh. 5,4] und in dem sie frei und selig wurden, das war nicht die Lehre Jesu, sondern gerade nach der Aussage der alten Nachricht, die wir zum Text genommen, das, was hinter der Lehre stand, er selbst, der Mensch Jesus, die Persönlichkeit Jesu, denn er war |170 eine Persönlichkeit. Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. Die Schriftgelehrten erweckten kein Erstaunen, weil hinter den Wahrheiten, die sie lehrten, halbe oder viertels oder gar keine Helden standen. Ihr Feuer war gemaltes Feuer, das niemandem warm gibt. Anders Jesus: seine Worte hatten Kraft und Macht über die Menschen, weil er selbst Kraft und Macht war. Er hatte die Welt überwunden – ihr kennt die Versuchungsgeschichten [vgl. Mt. 4,1–11 par.] – und er überwand sich selbst, sein Leben war nichts als Liebe und Aufopferung für die andern. Er hat dies Leben beendigt durch einen martervollen Tod. Und weil sein Leben Überwindung, Sieg war bis zuletzt, war es Vollmacht, und diese Vollmacht haben die Menschen gespürt, und das war es, was sie staunen machte. Die Vollmacht Jesu war aber Vollmacht von Gott; er wollte in Jesus den Menschen zeigen, wie groß sein Ernst und wie groß seine Liebe sei, er wollte ihrem Leben einen Inhalt geben, den es vorher nicht hatte. Gott hat in manchen Menschen zu den andern geredet, in Moses, in den Propheten, in den Philosophen Griechenlands, in den Reformatoren, in Goethe, in Kant, ja er will durch jeden von uns zu den andern reden. Er redet in mancherlei Zungen und durch mancherlei Mächte. Aber sein innerstes Herz sehen wir aufgetan in Einem, und der Eine ist Jesus. Wenn wir da seine Stimme gehört haben, dann erst vernehmen wir all die andern Stimmen. Wenn wir ihn, der die Vollmacht hatte, sehen gelernt haben, dann bekommen wir Augen für die andern, die Teilmächte hatten und haben. Die Frage: «was ist uns Jesus?» fällt zusammen mit der andren: «was ist uns Gott?» Gott antwortet uns inb ihm: ich will dein Leben sein, ich will dich zum Menschen machen, du darfst staunen über das Geheimnis, über das entdeckte Geheimnis und du wirst nicht mehr enttäuscht werden. Von den ausgetrockneten und von den löchrigen und von den abgeleiteten Brunnen [vgl. Jer. 2,13] ruft uns die Gestalt Jesu immer wieder zurück zur Quelle selbst.

Er, der Held, will auch uns zu Helden machen, zu Menschen, die Vollmacht haben in ihrem Handeln und Reden, weil die Liebe Christi sie also dringet [vgl. 2.Kor. 5,14].

171 Johannes der Täufer hat Jesus einst fragen lassen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten? [Mt. 11,3 par.] Ich möchte, dass wir heute Alle mit der stillen Frage nach Hause gingen, ob wir antworten dürfen wie einst Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens [Joh. 6,68].

Gott schenke uns auf solche Frage solche Antwort.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 33: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von J. Neander, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von E. M. Arndt, Strophen 1–3 und 4–6 (RG 278; EG 357 [Strophe 3 fehlt]). 🎵

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
b
Mskr.: «ihn»; von den Hrsg. korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Beginnend mit diesem Wort sind in dieser Predigt alle Worte nachträglich mit Bleistift unterstrichen, in denen beim Vortrag «Ä»-Laut zu hören ist. Diese Unterstreichungen werden mit der Bitte eines Mitglieds des Gemeindekirchenrats zusammenhängen, von der Barth seinem Vater berichtete: «Ein wackerer Kirchenrat bat mich sehr angelegentlich, ob ich nicht beim Predigen das ä wie e aussprechen wolle, das ä sei ihm so étrange (Genfer Deutsch)» (Brief an Fr. Barth vom 26.10.1909 [KBA 9209.79]).↩
2
Schon vor seiner weiteren Verbreitung im Zusammenhang mit der Kolonialisierungspolitik Frankreichs insbesondere in Afrika hatte das Französische über den engeren muttersprachlichen Raum hinaus als Sprache der Diplomatie und der Führungs- und höheren Bildungsschichten in vielen Ländern Europas und der Welt den Charakter einer Weltsprache angenommen. – Im Vergleich mit dem Englischen war das Französische zu dieser Zeit, was seinen weltweiten Einfluss anbelangt, jedoch bereits ins Hintertreffen geraten. Vgl. J. Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 1110–1112 📖.↩
3
Vgl. oben, S. 150-159.↩
4
Zu dieser Anspielung auf das «Höhlengleichnis 📖» Platons s. oben, S. 155, Anm. 5.↩
5
Vgl. die Ausführungen zur im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmenden Dominanz naturwissenschaftlich-naturalistischer Deutungsmuster bei Th. Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. I: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990, S. 623–629 📖: «Modelle und Abstraktionen spielen eine zunehmende Rolle. Das ‚Wesen’ der Natur ist nicht verstehbar – und in der Wissenschaft, zumal in der Physik, nimmt die Tendenz zu, auf ‚Wesenserkenntnis’ zu verzichten; die neopositivistische These, es komme allein auf die mathematische Beschreibung der experimentellen Tatsachen an, gewinnt in der Praxis an Anhang.» (S. 623) «Naturwissenschaft brauchte man nicht zu begründen, sie war anerkannt, sie war Teil der Kultur. […] Die Lösung der Welträtsel und der Fortschritt seien auf Naturwissenschaft gegründet […], die ­Kulturwissenschaften sollten die naturwissenschaftlichen Methoden übernehmen». (S. 624) – «Gegnerschaft oder Vorbehalte gegen die Naturwissenschaften gab es […] öffentlich lange Zeit kaum. Nach der Jahrhundertwende gibt es kulturkritische Einwände», doch waren bis dahin die «Erkenntnisse der Naturwissenschaften über den Aufbau der Welt, die Natur des Menschen und seine Stellung in der Welt […] teils schneller, teils langsamer ins allgemeine Bewußtsein eingegangen» (S. 625). Vgl. zum Ganzen und über Mitteleuropa und die allein christliche Perspektive hinausgehend auch Osterhammel (Anm. 2), S. 1272–1276 📖.↩
6
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 11442f. (Fünfter Akt, Mitternacht) 📖.↩
7
Zur Gründung und Programmatik der sozialdemokratischen Parteien in der Schweiz und in Deutschland, die in beiden Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur mitglieder- und auch wählerstärksten Partei angewachsen waren, vgl. oben, S. 4, Anm. 3.↩
8
Nachdem es seit 1870 in der Schweiz zu verschiedenen Gründungen von Freidenkervereinigungen gekommen war, konstituierte sich 1908 mit dem «Deutschschweizer Freidenkerbund» erstmals ein landesweiter Zusammenschluss; Ziele waren schon damals die Förderung einer an der Wissenschaft orientierten Weltanschauung und Ethik, Hilfe beim Kirchenaustritt, Trennung von Religion und Schule sowie überhaupt von Staat und Kirche (vgl. R. Dellsperger, Art. «Freidenker», in: HLS 4, S. 761f. 📖). – Der den gleichen Zielen verpflichtete «Deutsche Freidenkerbund» war bereits 1881 unter anderem von dem Arzt Ludwig Büchner (1824–1899) und dem Politiker und Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Wilhelm Liebknecht (1826–1900) gegründet worden (vgl. J.-Chr. Kaiser, Art. «Freidenker», in: RGG4 III, Sp. 296–299 📖); im Januar 1906 war es in Deutschland zudem zur Gründung des ebenfalls freidenkerisch orientierten «Deutschen Monistenbundes» gekommen, dem schon bald mehr als 6000 Mitglieder angehörten (vgl. J. Mehlhausen / D. Dunkel, Art. «Monismus / Monistenbund», in: TRE 23, S. 212–219, dort S. 216 📖).↩
9
Zeile 3–6 des Gedichts «Oh Mensch! Gieb Acht!» von Friedrich Nietzsche (1844–1900), das auch unter den Namen «Mitternachtslied» oder «Das trunkene Lied» bekannt ist. Gedruckt findet es sich in Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 285f. und S. 404. 📖 – Nach Nietzsches Tod ließ seine Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935), dieses Gedicht auf der Halbinsel Chasté im Silsersee (Kanton Graubünden), einem der bevorzugten Aufenthaltsorte Nietzsches, in den Fels meißeln; vgl. W. Stegmaier, Oh Mensch! Gieb Acht! Kontextuelle Interpretation des Mitternachtslieds aus Also sprach Zarathustra, in: Nietzsche-Studien 42 (2013), S. 85–115, dort S. 86 📖.↩
10
Vgl. die erste Zeile des Gedichts und deutschen Volkslieds «Die Mühle» von E. Anschütz (Musikalischer Hausschatz der Deutschen. Eine Sammlung von 1000 Liedern und Gesängen mit Singweisen und Klavierbegleitung, gesammelt und hrsg. von G. W. Fink, Leipzig 1843, S. 178) 📖:
Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp, klapp!
↩
11
Der größte Teil von Messina war am 28. Dezember 1908 durch ein Erdbeben zerstört worden; vgl. oben, S. 135, Anm. 7.↩
12
Vgl. schon die erste Strophe des Gedichts «Suleika» von J. W. von Goethe (ders., West-östlicher Diwan, Buch Suleika, Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 95) 📖:
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn, zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Zur großen Bedeutung des Persönlichkeitsbegriffs in der Philosophie und Theologie des 18. und insbesondere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vgl. U. Dierse / R. Lassahn, Art. «Persönlichkeit», in: HWP 7, Sp. 345–352 📖. – Im Abschnitt «Phänomene des Menschlichen» in KD III/2, S. 82–157 📖 stellt Barth als Repräsentanten des Operierens mit dem Begriff Person bzw. Persönlichkeit R. Otto, Naturalistische und religiöse Weltansicht, Tübingen 19092, 📖 vor (vgl. KD III/2, S. 96.99.109f.).↩
13
Aus der letzten Strophe des Gedichts «Die Versöhnung oder Ulrich zur Kinden von Zürich und Arnold Winkelried von Unterwalden. Ao. 1499» von J. M. Usteri (Dichtungen in Versen und Prosa von Johann Martin Usteri, nebst einer Lebensbeschreibung des Verfassers hrsg. von D. Heß, Bd. 1, Berlin 1831, S. 172–175, dort S. 175) 📖.↩
14
Strophe 5 des Gedichts «Selige Sehnsucht» von J. W. von Goethe (ders., West-östlicher Diwan, Buch des Sängers, Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 22) 📖.↩