Psalm: Markus 1,16-18
Christen sind Menschen, die in Jesus die Offenbarung, die Kraft, das Vorbild gefunden haben, das ihr ganzes Leben in den Sonnenschein der göttlichen Liebe und des göttlichen Willens stellt. Keiner erlebt und erfährt das genau so wie der andre. Das Reich Gottes ist nicht eine Maschine, die tagaus tagein, jahraus jahrein, dasselbe exakt gewobene und gefärbte Band zu Tage fördert. Das Reich Gottes ist ein lebendiger, wachsender, sprossender Baum mit tausenden von Blättern, die alle seine Blätter sind, und doch ist keins wie das andre. Wir haben Christen des Verstandes in unsrer Mitte, Christen des Wollens, Christen des Gefühls und der Stimmung. In keinem ist die Mischung der Elemente dieselbe, auch der Letzte und Einfachste und Verborgenste zeigt sich bei genauem Zusehen als ein ganz besonderes, eigenartiges Werk der schaffenden Gotteskraft. Und doch ist diese Gotteskraft in allen die nämliche, und wenn wir fragen, was es denn sei um diese Gotteskraft, so kommt uns Allen irgendwie der Name Jesus auf die Lippen. Nur dass es mit diesem Namen, der uns über die Lippen geht und in dem sich alle Christen zusammenfinden, nicht getan ist. Jesu Jüngerschaft ist bei aller Freiheit und Verschiedenheit seiner Jünger etwas sehr Bestimmtes. Es gibt viele Bäume, aber nur einer ist der Fruchtbaum des Reiches Gottes. Und so wollen wir es heute versuchen, uns um das Eine, Bestimmte zu sammeln, das den Christen ausmacht. Die alte, einfache Erzählung des Evangeliums von den beiden ersten, die Jesu Jünger geworden sind, soll uns dazu Anleitung geben.
I
Jesus hat die Menschen, die er zu seinen Jüngern aufrufen
wollte, bei der
Arbeit gefunden. Das ist das erste, was uns bei
dem kurzen Bericht des Evangelisten in die Augen springt. «Sie warfen
ihre Netze im See aus, denn sie waren Fischer.» Wir hören
nichts von frommer Einsamkeit, die die weltlichen Dinge hinter sich
lässt, um in andächtiger Betrachtung Gott zu suchen. Wir hören nichts
von besondern Übungen der Gottseligkeit. Wir hören aber, dass
Meine Freunde! Es ist nicht anders: wenn wir Gottes gewahr werden wollen, wie jene Fischer seiner handgreiflich gewahr geworden sind in dem Moment, da Jesu sie aufrief, dann müssen wir wissen, was irdische Arbeit ist. Dann müssen wir einen bestimmten Platz auf der Erde haben, von dem wir wissen: hier stehe ich nicht zwecklos und nicht zu meinem Vergnügen; hier stehe und arbeite ich, weil ich es muss, weil ich mir selbst und den Meinigen Brot schaffen muss, weil ich an diesem Platz meinen besondern Beruf habe, dem ich mich nicht entziehen darf. Denn seht, wir kommen nicht darum herum: nur wer mit einem bestimmten Ziel, und wäre es noch so klein und bescheiden, arbeitet auf der Erde, nur der kommt überhaupt in die innere Lage, Gott nötig zu haben und Gottes Stimme zu verstehen. Wie der Müßiggang aller Laster Anfang ist, so ist das Handeln, die Arbeit der Anfang aller innern Erhebung. Von außen gesehen hat freilich die Arbeit vieler, vielleicht der meisten Menschen wenig Erhebendes. Da ist der Handlanger, der Tag für Tag mit derselben eintönigen Verrichtung sein Leben zubringt. Da ist der Fabrikarbeiter, der in einer rußigen, lärmenden Werkstätte Tag für Tag denselben Handgriff zu besorgen hat, hoffnungslos scheinbar von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da ist die Schneiderin oder Näherin, die in ihrem Zimmer hoch oben unter dem Dach Tag für Tag um erbärmlich niedern Lohn ihre Arbeit tut. Da sind so viele Andere, die Tag für Tag in einer Tretmühle drinstecken, aus der sie nach Erlösung seufzen, weil sie ihnen das Herz leer lässt. Manche unbekannte Werkstatt, manches Bureau, manches Schulzimmer hört und sieht täglich dieses Seufzen arbeitender Männer und Frauen. Wer wagt es, über dieses Seufzen zu schelten? Aber |153 eins wollen wir: allen diesen von der Arbeit beladenen und bedrückten Menschen sagen, dass Jesus es mit den Arbeitern gehalten hat, dass Jesus zu den Arbeitern gegangen ist, um ihnen zu sagen, dass Gott da sei, für sie da sei, wenn sie ihn bloß haben wollten.
Denn die Arbeit ist der Anfang innerer Erhebung – auch die Arbeit, die uns seufzen macht –, wenn sie rechte Arbeit ist. Und ob sie rechte Arbeit ist, das hängt nicht ab von den Umständen, in denen wir zu arbeiten haben, nicht vom äußern Erfolg, sondern von dir und mir selbst, die die Arbeit zu tun haben. Man redet nicht mehr so häufig vom Segen der Arbeit, wie frühere Zeiten es mit gutem Recht konnten, weil sie die drückenden Verhältnisse des großen Betriebs und vor Allem dieb Maschinenarbeit noch nicht kannten. Aber seht, ein kleines Stückchen von diesem Segen kann auch heute der kleinste Arbeiter und die letzte Arbeiterin erfahren, und dies Stückchen ist gerade groß genug, weil es der Segen Gottes ist, und Gott ist in unsern Tagen nicht kleiner, sondern größer geworden.
Der Segen der Arbeit ist, dass sie uns sagt, warum wir da sind. Jeder Hammerschlag und jeder Nadelstich und jede geschriebene oder gelesene Seite sagt uns, dass wir irgend einem Zweck unsrer Arbeit näher gekommen sind. Jeder Arbeitstag, der hinter uns liegt, sagt uns, dass wir dem Sinn und Ziel unsres Berufs näher gekommen sind. Nicht wahr, ihr kennt das alle, in diesem Gefühl ist neben der Freude, dass die Arbeit vorbei ist, dass der wohlverdiente Lohn näher winkt, noch etwas Anderes, Feineres. Es besteht darin, dass wir uns dann sagen dürfen: du hast etwas getan, was dir ein Recht gibt, dazusein, du hast dir deinen Platz, deinen kleinen Platz an der Sonne verdient,3 du bist keine Drohne, sondern eine Arbeitsbiene in dem unendlich großen |154 Bienenkorb der menschlichen Arbeit. Dieses verborgene, aber nie ganz verschwindende, stille, aber bestimmte Gefühl adelt die Menschen, die arbeiten, es gibt ihnen, so geringfügig das, was sie tun, in den Augen Andrer immer sein mag, einen stillen Stolz. Sie wissen dann: ich bin keine Maschine und ich bin kein Sklave, sondern ich arbeite, weil ein rechter Mensch arbeiten muss.
Aber dieser Stolz der Arbeit ist nicht Alles. Der Stolz der Arbeit führt den ernsten Menschen in die Tiefe, er führt ihn weiter zu der Überzeugung, dass das, was er erschafft mit seiner Hand, und der große oder kleine Lohn, den er dafür bekommt, noch nicht der letzte Sinn seines Daseins sein kann. Vielleicht bleibt’s bei der Frage nach dem Sinn des Daseins, bei der schweren, dumpfen, bittern Frage: Wozu das alles? Wozu die Arbeit? Wozu der Lohn? Wozu das Leben? Wir wissen, wie gerade in unsrer Zeit hunderte und tausende leiden unter dem Gewicht dieser Fragen ohne Antwort. Andere dringen tiefer und finden den Anfang einer Antwort – wohl denen, die’s können. Sie spüren etwas davon, dass rechte Arbeit im Grunde immer anfangen und enden muss mit der Arbeit an sich selbst, mit der Arbeit an Charakter, Herz und Willen. Aber gleichviel: Die bloß fragen, ohne Antwort zu finden, und die sich einer Antwort freuen, die ihnen aus dem tiefsten Wesen ihres Geistes geworden ist, beide sind durch die Arbeit und die Vertiefung, die sie unserm Leben gibt, vorgedrungen zu dem verborgenen Grund alles Lebens, zu den Pforten der geheimnisvollen Tatsachen, die sich in jedes Menschen Brust ankündigen, leise und zweifelnd hier, laut und siegesgewiss dort.
Seht, diese innere Lage, in die uns die Not und Arbeit des
Alltagslebens auf
mancherlei Weise führt, diese innere Lage ist der fruchtbare Boden, den
der Säemann sucht, von dem wir geredet. Der Müßiggänger und der Einsiedler auf der
Säule in der Wüste kennen
diese Lage |155 nicht. Die Männer und Frauen der
Arbeit wissen davon zu reden. Ihnen muss sich die Tatsache
aufdrängen, dass alles Wirken und Schaffen an den Dingen des sichtbaren
äußern Lebens hinweist
auf ein verborgenes Wirken und Schaffen
einer innern, einer größern Welt. Und in ihnen
muss die Sehnsucht, der Wille, die Hoffnung
platzgreifen, Anteil zu haben an dem Größern, was hinter dem
Schattenspiel des Sichtbaren5 verborgen ist. Ihr kennt ja die Strophe
aus dem wundervollen Liede
Das ist der innere Sinn, den die rechtschaffene Arbeit in uns hervorbringt, und dieser Sinn allein macht uns fähig, Gottes gewahr zu werden.
II
Zu solchen Menschen, die in einfacher irdischer Arbeit
gelernt hatten, nach den Tiefen ihres Daseins zu fragen, in denen etwas
schrie, hoffnungsvoll jauchzend oder verzweiflungsvoll seufzend nach
einem größern Leben, zu
solchen Menschen ist Jesus gegangen und hat ihnen gesagt: Folget
mir nach! Ihr seid
Fischer, ich will euch zu Menschenfischern machen. Er hat
ihnen nicht gesagt: ihr müsst dies und das
glauben, was ich euch sage, und dies und das tun, was ich euch
vorschreibe. Folget mir nach! Alles Weitere ergibt sich
dann von selbst. Wir wissen nicht, ob
Liebe Freunde! Wir können nicht mehr mit Jesus am Ufer des
Aber dann hat Jesus den beiden Fischern noch etwas Anderes gesagt: ich will euch zu Menschenfischern machen. Ihr seid Leute, die wissen, was Arbeit ist, nun will ich eurem Arbeitsleben nicht nur einen Trost und Halt für das Gemüt geben, sondern ein Ziel für den Willen. Wenn ihr vorher bei aller fleißigen Arbeit oft euch habt fragen müssen: wozu arbeiten wir eigentlich, wozu sind wir eigentlich da?, so werdet ihr’s nun wissen. Wenn die Kraft und Liebe von Gott euch ergriffen hat, wenn ihr mir nachfolgt, dann habt ihr ein Gut, das man |158 wieder nicht ins Kämmerlein oder in die Wüste trägt, sondern das man im Leben verwendet. Und das Verwenden bedeutet; das man’s weitergibt an Andre. Ihr habt gearbeitet, und ihr sollt auch weiterarbeiten, aber nun ist’s eine Arbeit, bei der es kein Seufzen mehr gibt. Wer mir nachfolgt, dem geht das Herz auf für die andern Menschen; da verschwinden die eigenen Sorgen und Bedrängnisse, weil der Blick ein ganz neues Ziel bekommen hat, die große Gemeinschaft unsrer Brüder und Schwestern und derer, die es werden sollen. So kommt zum großen Vertrauen, das Jesus in uns weckt, die große Liebe, die er in uns entzünden will. Eins kann nicht sein ohne das andre. Man kann Gott nicht haben ohne den Gedanken: wie zeige ich ihn auch den andern? Man kann seiner Kraft und Liebe nicht gewahr geworden sein ohne den unwiderstehlichen Drang, auch andern etwas davon zu gebenf. – |
Ihr wisst, dass Jesus mit dem Menschenfischersein bei jenen ersten beiden
Nachfolgern noch etwas Besonderes gemeint hat: ihr Lebensberuf sollte es
von nun an sein, von Gott zu zeugen. Aber das ändert nichts daran, dass
das Wort allen Christen gilt. Wer Jesus nachfolgen
will, der muss und darf auch
ein
Menschenfischer werden. Jesus kennt da
keinen Unterschied zwischen Aposteln, Lehrern, Pfarrern einerseits und gewöhnlichen Christen andrerseits. Sie alle,
wenn sie wirklich Christen sind, haben dieselbe Gabe und dieselbe
Aufgabe. Menschenfischer sein heißt einfach, jenes ruhige innere Licht
des Vertrauens, das Gott in uns angezündet hat, leuchten lassen vor den
Leuten [vgl.
159 Der Christ hat hinter dem Sichtbaren das große
Unsichtbare entdeckt, er hat Gott gefunden, der ihn zu sich
zieht aus lauter Güte [vgl.
Von den beiden Fischern am See heißt es dann schließlich: Sie verließen ihre Netze und folgten ihm nach. Beides wurde Wirklichkeit in ihrem Leben: ihre Arbeit wurde Gottesarbeit, und ihre Arbeit wurde Arbeit für die Andern. Wir kleinen und großen Arbeiter von heute wollen Gott bitten, dass er uns Beides auch schenke.