Predigt Nr. 17 · 10. Oktober 1909

Psalm: Markus 1,16-18

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Markus 1,16–18
Da Jesus am galiläischen See dahinzog, sah er Simon und Simons Bruder Andreas , wie sie ihre Netze im See auswarfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen. Alsbald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.
Liebe Freunde!

Christen sind Menschen, die in Jesus die Offenbarung, die Kraft, das Vorbild gefunden haben, das ihr ganzes Leben in den Sonnenschein der göttlichen Liebe und des göttlichen Willens stellt. Keiner erlebt und erfährt das genau so wie der andre. Das Reich Gottes ist nicht eine Maschine, die tagaus tagein, jahraus jahrein, dasselbe exakt gewobene und gefärbte Band zu Tage fördert. Das Reich Gottes ist ein lebendiger, wachsender, sprossender Baum mit tausenden von Blättern, die alle seine Blätter sind, und doch ist keins wie das andre. Wir haben Christen des Verstandes in unsrer Mitte, Christen des Wollens, Christen des Gefühls und der Stimmung. In keinem ist die Mischung der Elemente dieselbe, auch der Letzte und Einfachste und Verborgenste zeigt sich bei genauem Zusehen als ein ganz besonderes, eigenartiges Werk der schaffenden Gotteskraft. Und doch ist diese Gotteskraft in allen die nämliche, und wenn wir fragen, was es denn sei um diese Gotteskraft, so kommt uns Allen irgendwie der Name Jesus auf die Lippen. Nur dass es mit diesem Namen, der uns über die Lippen geht und in dem sich alle Christen zusammenfinden, nicht getan ist. Jesu Jüngerschaft ist bei aller Freiheit und Verschiedenheit seiner Jünger etwas sehr Bestimmtes. Es gibt viele Bäume, aber nur einer ist der Fruchtbaum des Reiches Gottes. Und so wollen wir es heute versuchen, uns um das Eine, Bestimmte zu sammeln, das den Christen ausmacht. Die alte, einfache Erzählung des Evangeliums von den beiden ersten, die Jesu Jünger geworden sind, soll uns dazu Anleitung geben.

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I

Jesus hat die Menschen, die er zu seinen Jüngern aufrufen wollte, bei der Arbeit gefunden. Das ist das erste, was uns bei dem kurzen Bericht des Evangelisten in die Augen springt. «Sie warfen ihre Netze im See aus, denn sie waren Fischer.» Wir hören nichts von frommer Einsamkeit, die die weltlichen Dinge hinter sich lässt, um in andächtiger Betrachtung Gott zu suchen. Wir hören nichts von besondern Übungen der Gottseligkeit. Wir hören aber, dass Simon und Andreas in der Erfüllung der harten Pflicht ihres täglichen Berufes mitten drin standen, als Jesus sie traf. Wir denken uns die Sache manchmal anders, wenn wir von Bekehrung und Frommwerden reden. Wer vom Christentum nichts wissen will, entschuldigt sich am liebsten damit, dass er keine Zeit habe für solche Dinge, weil sein Beruf ihn gerade genug beschäftige. Und die Frommen selbst pflegen sich manchmal so zu stellen, als ob es eigentlich das Beste wäre, sich wie die wunderlichen Heiligen alter Zeiten auf eine hohe Säule mitten in der Wüste zu setzen, um da auf den lieben Gott zu warten, fern von den Aufregungen und Sorgen des täglichen Lebens.1 Jesu Meinung war das nicht, als er inmitten des menschenreichen und belebten Landes Galiläa mit der Verkündigung auftrat, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei, und mit dem Aufruf zur Buße und zum Glauben an diese große und einfache Tatsache [vgl. Mk. 1,15 par.]. Es war für ihn kein Zufall, sondern das einzig Mögliche und Notwendige, dass er mit seiner Botschaft nicht etwa zu der jüdischen Sekte der Essener gegangen ist, die im Gebirge jenseits des Jordans in frommer Abgeschiedenheit unter allerlei Entsagungen Gott in besonderer Weise zu dienen meinten,2 |152 noch viel weniger zu den reichen Müßiggängern, die es in den Städten ama See auch gab, oder zu dem bettelnden Gesindel an den großen römischen Landstraßen. Jesu erster Weg und Jesu einziger Weg führte ihn zu Arbeitern, führte ihn zu Menschen, die im Schweiß ihres Angesichts ihr tägliches Brot verdienten. Er wusste, dass der Same, den er auszusäen gekommen war, nicht aufgehen konnte in dem übersättigten Erdreich frommer und unfrommer Beschaulichkeit und Tatlosigkeit, sondern nur da, wo Menschen schaffend sich regen und bewegen. Und so ist er zu den Fischern am See gegangen.

Meine Freunde! Es ist nicht anders: wenn wir Gottes gewahr werden wollen, wie jene Fischer seiner handgreiflich gewahr geworden sind in dem Moment, da Jesu sie aufrief, dann müssen wir wissen, was irdische Arbeit ist. Dann müssen wir einen bestimmten Platz auf der Erde haben, von dem wir wissen: hier stehe ich nicht zwecklos und nicht zu meinem Vergnügen; hier stehe und arbeite ich, weil ich es muss, weil ich mir selbst und den Meinigen Brot schaffen muss, weil ich an diesem Platz meinen besondern Beruf habe, dem ich mich nicht entziehen darf. Denn seht, wir kommen nicht darum herum: nur wer mit einem bestimmten Ziel, und wäre es noch so klein und bescheiden, arbeitet auf der Erde, nur der kommt überhaupt in die innere Lage, Gott nötig zu haben und Gottes Stimme zu verstehen. Wie der Müßiggang aller Laster Anfang ist, so ist das Handeln, die Arbeit der Anfang aller innern Erhebung. Von außen gesehen hat freilich die Arbeit vieler, vielleicht der meisten Menschen wenig Erhebendes. Da ist der Handlanger, der Tag für Tag mit derselben eintönigen Verrichtung sein Leben zubringt. Da ist der Fabrikarbeiter, der in einer rußigen, lärmenden Werkstätte Tag für Tag denselben Handgriff zu besorgen hat, hoffnungslos scheinbar von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da ist die Schneiderin oder Näherin, die in ihrem Zimmer hoch oben unter dem Dach Tag für Tag um erbärmlich niedern Lohn ihre Arbeit tut. Da sind so viele Andere, die Tag für Tag in einer Tretmühle drinstecken, aus der sie nach Erlösung seufzen, weil sie ihnen das Herz leer lässt. Manche unbekannte Werkstatt, manches Bureau, manches Schulzimmer hört und sieht täglich dieses Seufzen arbeitender Männer und Frauen. Wer wagt es, über dieses Seufzen zu schelten? Aber |153 eins wollen wir: allen diesen von der Arbeit beladenen und bedrückten Menschen sagen, dass Jesus es mit den Arbeitern gehalten hat, dass Jesus zu den Arbeitern gegangen ist, um ihnen zu sagen, dass Gott da sei, für sie da sei, wenn sie ihn bloß haben wollten.

Denn die Arbeit ist der Anfang innerer Erhebung – auch die Arbeit, die uns seufzen macht –, wenn sie rechte Arbeit ist. Und ob sie rechte Arbeit ist, das hängt nicht ab von den Umständen, in denen wir zu arbeiten haben, nicht vom äußern Erfolg, sondern von dir und mir selbst, die die Arbeit zu tun haben. Man redet nicht mehr so häufig vom Segen der Arbeit, wie frühere Zeiten es mit gutem Recht konnten, weil sie die drückenden Verhältnisse des großen Betriebs und vor Allem dieb Maschinenarbeit noch nicht kannten. Aber seht, ein kleines Stückchen von diesem Segen kann auch heute der kleinste Arbeiter und die letzte Arbeiterin erfahren, und dies Stückchen ist gerade groß genug, weil es der Segen Gottes ist, und Gott ist in unsern Tagen nicht kleiner, sondern größer geworden.

Der Segen der Arbeit ist, dass sie uns sagt, warum wir da sind. Jeder Hammerschlag und jeder Nadelstich und jede geschriebene oder gelesene Seite sagt uns, dass wir irgend einem Zweck unsrer Arbeit näher gekommen sind. Jeder Arbeitstag, der hinter uns liegt, sagt uns, dass wir dem Sinn und Ziel unsres Berufs näher gekommen sind. Nicht wahr, ihr kennt das alle, in diesem Gefühl ist neben der Freude, dass die Arbeit vorbei ist, dass der wohlverdiente Lohn näher winkt, noch etwas Anderes, Feineres. Es besteht darin, dass wir uns dann sagen dürfen: du hast etwas getan, was dir ein Recht gibt, dazusein, du hast dir deinen Platz, deinen kleinen Platz an der Sonne verdient,3 du bist keine Drohne, sondern eine Arbeitsbiene in dem unendlich großen |154 Bienenkorb der menschlichen Arbeit. Dieses verborgene, aber nie ganz verschwindende, stille, aber bestimmte Gefühl adelt die Menschen, die arbeiten, es gibt ihnen, so geringfügig das, was sie tun, in den Augen Andrer immer sein mag, einen stillen Stolz. Sie wissen dann: ich bin keine Maschine und ich bin kein Sklave, sondern ich arbeite, weil ein rechter Mensch arbeiten muss.

Das ist’s ja, was den Menschen zieret.
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.4

Aber dieser Stolz der Arbeit ist nicht Alles. Der Stolz der Arbeit führt den ernsten Menschen in die Tiefe, er führt ihn weiter zu der Überzeugung, dass das, was er erschafft mit seiner Hand, und der große oder kleine Lohn, den er dafür bekommt, noch nicht der letzte Sinn seines Daseins sein kann. Vielleicht bleibt’s bei der Frage nach dem Sinn des Daseins, bei der schweren, dumpfen, bittern Frage: Wozu das alles? Wozu die Arbeit? Wozu der Lohn? Wozu das Leben? Wir wissen, wie gerade in unsrer Zeit hunderte und tausende leiden unter dem Gewicht dieser Fragen ohne Antwort. Andere dringen tiefer und finden den Anfang einer Antwort – wohl denen, die’s können. Sie spüren etwas davon, dass rechte Arbeit im Grunde immer anfangen und enden muss mit der Arbeit an sich selbst, mit der Arbeit an Charakter, Herz und Willen. Aber gleichviel: Die bloß fragen, ohne Antwort zu finden, und die sich einer Antwort freuen, die ihnen aus dem tiefsten Wesen ihres Geistes geworden ist, beide sind durch die Arbeit und die Vertiefung, die sie unserm Leben gibt, vorgedrungen zu dem verborgenen Grund alles Lebens, zu den Pforten der geheimnisvollen Tatsachen, die sich in jedes Menschen Brust ankündigen, leise und zweifelnd hier, laut und siegesgewiss dort.

Seht, diese innere Lage, in die uns die Not und Arbeit des Alltagslebens auf mancherlei Weise führt, diese innere Lage ist der fruchtbare Boden, den der Säemann sucht, von dem wir geredet. Der Müßiggänger und der Einsiedler auf der Säule in der Wüste kennen diese Lage |155 nicht. Die Männer und Frauen der Arbeit wissen davon zu reden. Ihnen muss sich die Tatsache aufdrängen, dass alles Wirken und Schaffen an den Dingen des sichtbaren äußern Lebens hinweist auf ein verborgenes Wirken und Schaffen einer innern, einer größern Welt. Und in ihnen muss die Sehnsucht, der Wille, die Hoffnung platzgreifen, Anteil zu haben an dem Größern, was hinter dem Schattenspiel des Sichtbaren5 verborgen ist. Ihr kennt ja die Strophe aus dem wundervollen Liede Josephs von Eichendorff:

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.6

Das ist der innere Sinn, den die rechtschaffene Arbeit in uns hervorbringt, und dieser Sinn allein macht uns fähig, Gottes gewahr zu werden.

II

Zu solchen Menschen, die in einfacher irdischer Arbeit gelernt hatten, nach den Tiefen ihres Daseins zu fragen, in denen etwas schrie, hoffnungsvoll jauchzend oder verzweiflungsvoll seufzend nach einem größern Leben, zu solchen Menschen ist Jesus gegangen und hat ihnen gesagt: Folget mir nach! Ihr seid Fischer, ich will euch zu Menschenfischern machen. Er hat ihnen nicht gesagt: ihr müsst dies und das glauben, was ich euch sage, und dies und das tun, was ich euch vorschreibe. Folget mir nach! Alles Weitere ergibt sich dann von selbst. Wir wissen nicht, ob Simon und Andreas schon vorher etwas gehört haben von Taten oder Worten Jesu, wir haben keinen Grund, so etwas anzunehmen. Sicher ist, dass in jenem Augenblick etwas durch sie hindurchgegangen sein muss wie ein Blitz, der ihnen inmitten der Dunkelheit ihres täglichen Arbeitslebens auf einen Schlag den Weg zu |156 jener Brücke zeigte, die über den Strom der Zeit in die Welt wirklichen, größern Lebens führt. Folget mir nach! hatte der Mann zu ihnen gesagt, der da zu ihnen getreten war, und ein Blick in seine Augen voll tiefster Klarheit und Gewissheit sagte ihnen besser als alle Erklärungen, was er damit meinte. Zu sein, wie dieser Mann war, im innersten Herzen das haben, was ihn so klar und ruhig und sicher machte, das leuchtete ihnen ein als der Weg, der zu jenem Ziel führt. Was in ihnen vorging, war nicht eine kluge Überredung ihres Verstandes, nicht blinde Unterwerfung unter irgend einen schönen Glaubenssatz, unter irgend ein neues Gesetz oder Gesetzlein. Sie waren am Leben selbst gepackt, das tiefer ist als Verstand und Wille und das den Menschen erst zum Menschen macht. Dies Leben in ihnen hatte geschrien nach höherem Leben. Nun sie diesem Mann begegneten, wussten sie, dass die Hoffnung und Gewissheit, zu der sie die harte Arbeit erzogen hatte, nicht eine schöne Täuschung war. Was sie in jenem Augenblick erlebten, das war, dass sie Vertrauen fassten, tiefes, herzliches Vertrauen. Sie sahen es auf den ersten Blick, und sie lernten es später immer mehr sehen, dass der da zu ihnen sprach, zwarc ein schlichter Mensch war wie sie auch, aber mit einer tiefen, stillen Güte und Kraft im Herzen, an der sie gewahr wurden, dass da die verborgene Macht in ihr Leben getreten war, nach der sie sich langed gesehnt, nach der sie oft gefragt und geseufzt hatten. – |

Liebe Freunde! Wir können nicht mehr mit Jesus am Ufer des Sees von Galiläa stehen, wir können ihm nicht mehr in die Augen blicken, wir können nicht mehr seine Hände fassen und dem starken, warmen Klang seiner Stimme lauschen wie dort die beiden Fischer. Wir können’s nicht mehr und wir können’s doch. Jesus ist uns durch die lange Zeit, die zwischen ihm und uns liegt, ferner gerückt, und doch ist er uns unendlich nahe. Denn was jenen zwei Leuten am See das große, starke Vertrauen einflößte, das waren ja schließliche nicht seine Augen, seine Hände, seine äußere Erscheinung. All das war ja nur das helle, schöne Transparentbild7 eines viel helleren Lichtes, von dem dieses |157 Bild den leuchtenden Schein bekam, des Lichtes der Gottesliebe und Gotteskraft, die in ihm war. Das Transparentbild ist für uns ein anderes. Der Mensch Jesus ist uns nicht mehr sichtbar, wie er dort jenen Männern sichtbar war. Aber das Licht, das in dem Menschen Jesus zum ersten Mal auf die Erde gekommen war, ist nicht nur dageblieben, sondern gewachsen. Gottes Liebe und Gottes Kraft ist im Namen Jesu weitergetragen worden, Vertrauen weckend und verbreitend, wohin sie kam. Ich sage, diese Liebe und diese Kraft, die den Menschen das große Vertrauen gibt, ist gewachsen, denn sie ist von Wenigen zu unendlich Vielen gekommen. Und doch ist sie dieselbe geblieben, und darum haben wir immer wieder keinen andern Namen dafür als den Namen Jesus. Jesus will auch dir und mir in die Augen schauen und uns aufrufen zum großen Vertrauen, wenn wir’s nur einmal fertig bringen, inmitten unsres Arbeitens und Schaffens wie dort die Fischer die Augen aufzuheben, um ihn zu sehen. Er geht an uns vorbei in den Taten herzlicher Liebe, die wir Menschen in unsrer Umgebung tun sehen, er geht an uns vorbei in der Kraft des Handelns scheinbar schwacher Männer und Frauen, die ihn im Herzen tragen, in dem Ernst der Erziehung, die wir von Eltern und Lehrern genießen durften, in den Erlebnissen fremder Menschen, aus denen uns plötzlich sein Wesen entgegenstrahlt. Er geht an uns vorüber in den Erzählungen des Neuen Testaments, die wir in der Schule und Kirche hören und in den Ereignissen der Geschichte, die uns überliefert sind. Er geht an uns vorüber und sagt zu uns: Folge mir nach! Ich habe das, was dir fehlt, ich will dich trösten, ich will dich stark machen.

Aber dann hat Jesus den beiden Fischern noch etwas Anderes gesagt: ich will euch zu Menschenfischern machen. Ihr seid Leute, die wissen, was Arbeit ist, nun will ich eurem Arbeitsleben nicht nur einen Trost und Halt für das Gemüt geben, sondern ein Ziel für den Willen. Wenn ihr vorher bei aller fleißigen Arbeit oft euch habt fragen müssen: wozu arbeiten wir eigentlich, wozu sind wir eigentlich da?, so werdet ihr’s nun wissen. Wenn die Kraft und Liebe von Gott euch ergriffen hat, wenn ihr mir nachfolgt, dann habt ihr ein Gut, das man |158 wieder nicht ins Kämmerlein oder in die Wüste trägt, sondern das man im Leben verwendet. Und das Verwenden bedeutet; das man’s weitergibt an Andre. Ihr habt gearbeitet, und ihr sollt auch weiterarbeiten, aber nun ist’s eine Arbeit, bei der es kein Seufzen mehr gibt. Wer mir nachfolgt, dem geht das Herz auf für die andern Menschen; da verschwinden die eigenen Sorgen und Bedrängnisse, weil der Blick ein ganz neues Ziel bekommen hat, die große Gemeinschaft unsrer Brüder und Schwestern und derer, die es werden sollen. So kommt zum großen Vertrauen, das Jesus in uns weckt, die große Liebe, die er in uns entzünden will. Eins kann nicht sein ohne das andre. Man kann Gott nicht haben ohne den Gedanken: wie zeige ich ihn auch den andern? Man kann seiner Kraft und Liebe nicht gewahr geworden sein ohne den unwiderstehlichen Drang, auch andern etwas davon zu gebenf. – |

Ihr wisst, dass Jesus mit dem Menschenfischersein bei jenen ersten beiden Nachfolgern noch etwas Besonderes gemeint hat: ihr Lebensberuf sollte es von nun an sein, von Gott zu zeugen. Aber das ändert nichts daran, dass das Wort allen Christen gilt. Wer Jesus nachfolgen will, der muss und darf auch ein Menschenfischer werden. Jesus kennt da keinen Unterschied zwischen Aposteln, Lehrern, Pfarrern einerseits und gewöhnlichen Christen andrerseits. Sie alle, wenn sie wirklich Christen sind, haben dieselbe Gabe und dieselbe Aufgabe. Menschenfischer sein heißt einfach, jenes ruhige innere Licht des Vertrauens, das Gott in uns angezündet hat, leuchten lassen vor den Leuten [vgl. Mt. 5,16]. Das muss jeder auf seine besondere Weise tun. Hier tun Worte not und dort das einfache Beispiel, hier geschieht’s durch Ernst und dort durch Freudigkeit, hier durch Strenge und dort durch Barmherzigkeit. Wie wir den andern Menschen Gottes unvergleichliche Gabe zeigen wollen, das gehört der Mannigfaltigkeit des Gottesreiches an, von der wir sprachen; dass wir ihnen zeigen, was wir selbst empfangen, dass wir Menschenfischer werden an ihnen als Gottes Fischerknechte, das ist jedes Christen hohes Vorrecht und Privileg, aber auch seine Pflicht, deren Anerkennung durch die Tat ihn erst zum Christen macht.

159 Der Christ hat hinter dem Sichtbaren das große Unsichtbare entdeckt, er hat Gott gefunden, der ihn zu sich zieht aus lauter Güte [vgl. Jer. 31,3]. Und der Christ sieht sich mit dieser Gabe im Herzen als ein neuer Mensch wieder hinausgestellt ins Sichtbare, nicht mehr als ein Arbeiter, der seufzen muss, weil ihn das Sichtbare niederdrückt, sondern als ein Arbeiter, der sich in Bescheidenheit seiner Arbeit freut, weil er in Gottes Dienst arbeitet.

Von den beiden Fischern am See heißt es dann schließlich: Sie verließen ihre Netze und folgten ihm nach. Beides wurde Wirklichkeit in ihrem Leben: ihre Arbeit wurde Gottesarbeit, und ihre Arbeit wurde Arbeit für die Andern. Wir kleinen und großen Arbeiter von heute wollen Gott bitten, dass er uns Beides auch schenke.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «im»; von den Hrsg. korrigiert.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «der».↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «oft».↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «zeigen».↩

Sachfußnoten

1
Gemeint sind die Styliten, eine vor allem im fünften und sechsten Jahrhundert besonders im syrischen Raum auftretende Sonderform des anachoretischen Mönchtums, deren Vertreter dem Beispiel Simeons des Styliten (389–459) folgten und ihr Leben als Zeichen besonderer Askese auf dem Kapitell einer Säule verbrachten. Vgl. W. M. Gessel, Art. «Styliten», in: LThK3 9, Sp. 1065 📖.↩
2
Die Essener sind eine von antiken Autoren beschriebene Gruppe im antiken Judentum bis zur Zerstörung des Tempels. Besonders Flavius Josephus beschreibt in De bello Judaico 2,119–161 📖, ihre strengen, asketischen Lebensregeln. Vielfach wird vermutet, dass es sich bei der in Qumran lebenden Gemeinschaft um Essener gehandelt habe. Vgl. H. Lichtenberger, Art. «Essener / Therapeuten», in: RGG4 II, Sp. 1590–1592 📖.↩
3
Die Rede vom «Platz an der Sonne» wird hier im ursprünglichen Sinn verwendet, in dem sie einen Ort der Unbeschwertheit, losgelöst von den Problemen und Sorgen des Alltags, bezeichnet. Seitdem der spätere deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849–1929) am 6. Dezember 1897 diesen Ausdruck gebrauchte, um damit den deutschen Anspruch auf den Besitz von Kolonien in Afrika und Asien zu untermauern, wurde diese Formulierung weit überwiegend zur Metapher für das deutsche Großmachtstreben und den damit verbundenen Kolonialismus; vgl. Büchmann, S. 496 📖.↩
4
Aus der zweiten Strophe des Gedichts «Das Lied von der Glocke» von Fr. Schiller (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 429–442, dort S. 430) 📖.↩
5
Anspielung auf das«Höhlengleichnis» in: Platon, Politeia VII, bes. 514a–518b 📖; vgl. Th. A. Slezák, Das Höhlengleichnis (Buch VII 514a–521b und 539d–541b), in: O. Höffe (Hrsg.), Platon. Politeia, Berlin 20113, S. 155–173 📖.↩
6
Strophe 3 des Liedes «Morgengebet» von J. von Eichendorff (Erstdruck 1834; ders., Werke, Bd. 1: Gedichte, Versepen, Dramen, Autobiographisches, hrsg. von A. Hillach, München 1970, S. 265f.) 📖.↩
7
Transparentbilder oder Diaphanien, deren Motive im durchscheinenden Licht farbig leuchten, waren besonders in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg als Dekoration von Fenstern oder Glastüren in bürgerlichen Haushalten sehr beliebt.↩