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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 18</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 1,21-22</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 1,21-22, 31. Oktober 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53020 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53020</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 18: Predigt: Markus 1,21-22</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">20</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,21-22, 31. Oktober 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1461">KBA 996</ref>. </bibl>
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      <creation>
        <date type="creation" when="1909-10-31">31. Oktober 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                    <idno>18</idno>
                    </head>
                
                    <dateline>
                        <date when="1909-10-31">Sonntag, den 31. Oktober 1909,
                                    <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>
                        </date> <date rend="right">(21. nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.21 Mk.1.22">Markus 1,21–22</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Und sie gingen nach <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> hinein. Und
                                    alsbald am Sabbat lehrte Jesus in der Synagoge. Und sie
                                    erstaunten über seine Lehre. Denn er lehrte sie wie einer,
                                    der Vollmacht hat, und nicht wie die
                                    Schriftgelehrten.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine lieben Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> In den Worten des Evangelisten <persName ref="kbga-actors-9167">Markus</persName>, die wir eben gehört haben,
                    zittert etwas nach von der innern Bewegung eines Augenzeugen. Nach der
                    Meinung mancher Gelehrter wäre<note xml:id="n01">Beginnend mit
                        diesem Wort sind in dieser Predigt alle Worte nachträglich mit Bleistift
                        unterstrichen, in denen beim Vortrag «Ä»-Laut zu hören ist. Diese
                        Unterstreichungen werden mit der Bitte eines Mitglieds des
                        Gemeindekirchenrats zusammenhängen, von der Barth seinem Vater
                        berichtete: «Ein wackerer Kirchenrat bat mich sehr angelegentlich, ob
                        ich nicht beim Predigen das ä wie e aussprechen wolle, das ä sei ihm so
                        étrange (Genfer Deutsch)» (Brief an Fr. Barth vom 26.10.1909 
                        [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9209.79</idno>]).</note> es der Jünger und Apostel <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> gewesen, der später dem Markus als
                    Gewährsmann gedient hätte, als dieser seinen Bericht über das Leben Jesu,
                    unser heutiges Markusevangelium, verfasste. Wie dem auch sei, die gelesene
                    Stelle ist eine von denen, bei denen wir dem Häuflein der ersten <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Christen</term> etwa 30 Jahre nach
                    Jesu Tod <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> gleichsam ins Herz schauen. Wir
                    versetzen uns zurück in die Gesindestuben, in die Sklavenräume der vornehmen
                    Häuser in <placeName ref="kbga-places-1081">Korinth</placeName>, in die
                    Katakomben in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>, wo die
                    Glaubensgenossen zur Andacht zusammenkamen. Vielleicht ist der eine oder
                    andre unter ihnen, der, aus <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> herübergekommen, <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">
                            <hi rend="italic">ihn</hi></term> noch
                    gesehen hat, wenn auch nur von weitem, als er noch auf Erden wandelte. Mit
                    Bewunderung, fast mit Neid sehen die Andern zu ihm auf. Und nun werden die
                    Rollen herbeigebracht, die die kleine Gemeinde neulich erhalten, nun
                    wird’s ganz still, und einer beginnt daraus vorzulesen, griechisch,
                    wie es damals überall verstanden und geredet wurde, etwa wie heute das
                        Französische:<note xml:id="n02">Schon vor seiner weiteren
                        Verbreitung im Zusammenhang mit der Kolonialisierungspolitik Frankreichs
                        insbesondere in Afrika hatte das Französische über den engeren
                        muttersprachlichen Raum hinaus als Sprache der Diplomatie und der
                        Führungs- und höheren Bildungsschichten in vielen Ländern Europas und
                        der Welt den Charakter einer Weltsprache angenommen. – Im
                        Vergleich mit dem Englischen war das Französische zu dieser Zeit, was
                        seinen weltweiten Einfluss anbelangt, jedoch bereits ins Hintertreffen
                        geraten. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2532">
                                <persName ref="kbga-actors-9168">J. Osterhammel</persName>, <hi rend="italic">Die Verwandlung der Welt. Eine
                            Geschichte des 19. Jahrhunderts</hi>, München 2009,
                        S. 1110–1112</bibl>.</note> «Da <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> überantwor<pb xml:id="p161" ed="pga" break="no"/>tet war, kam Jesus nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> und predigte das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit
                    ist erfüllet, und das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist herbeigekommen…», und dann weiter die
                    Geschichte von der Berufung der ersten <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term>, mit der wir uns vor drei Wochen beschäftigt haben,<note xml:id="n03">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p150#p150">S. 150-159</ref>.</note> und dann unsre Stelle: «Er ging in die
                    Synagoge und lehrte, und sie erstaunten – sie entsetzten sich
                    – über seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hatte,
                    – er lehrte gewaltig – und nicht wie die Schriftgelehrten.»
                    Eine stille Bewegung geht durch die Versammlung: Ja, <hi rend="italic">so</hi> war <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> er, nein, so <hi rend="italic">ist</hi> er: <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollmacht">
                            <hi rend="italic">Vollmacht</hi></term>, das ist sein innerstes Wesen. Seine
                    Vollmacht hat ja weiter gewirkt im Munde seiner Boten, des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vor Allem, und hat sie Alle
                    ergriffen, herausgerissen aus der Dunkelheit und dem Schlamm ihres
                    bisherigen Lebens, hat sie in ein <term type="Sachen" key="Leben, des Lichts">Leben</term> des Lichts und der <term type="Sachen" key="Leben, der Freiheit">Freiheit</term> versetzt. Er
                    lehrte gewaltig, und er lehrt gewaltig. Und dann beugen sich die Knie in
                    Anbetung des gnädigen Wunders, das Gott an den Menschen getan hat. Und jeder
                    kehrt getröstet und gekräftigt zurück an seine Arbeit, weil er einen
                    unsichtbar neben sich weiß, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollmacht">Vollmacht</term> hat und anders ist als
                    die andern Menschen.</p>
                <p>Aber verlassen wir jenes Bild aus alter Zeit. Unser Christentum soll ja nicht
                    fromme Anempfindung sein an die innern Lebenskräfte vergangener Zeiten,
                    sondern eigenes <term type="Sachen" key="Christentum, soll eigenes Leben sein">Leben</term>, eigene Kraft.
                    Und so drängt uns unser Text, uns selbst zu fragen: Wer war Jesus? Wer ist
                    Jesus? Was haben wir mit ihm zu schaffen? Warum nennen wir uns nach Christus
                    Christen? Warum stellen wir nicht <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> oder <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> in den Mittelpunkt
                    unsrer religiösen und sittlichen Gedanken? Ich erweitere alle diese Fragen
                    und fasse sie zusammen in der einen: <hi rend="italic">Was ist die Großmacht in
                        deinem</hi>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>
                    <hi rend="italic">und meinem innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term></hi>
                        <hi rend="italic">?</hi>
                    </p>
                <div>
                    <pb xml:id="p162" ed="pga"/>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Vom <term type="Sachen" key="Erstaunen">
                                <hi rend="italic">Erstaunen</hi></term> redet unser Textwort. Wer in
                        seinem Leben nie erstaunt ist, der ist ein armer Mensch. Ich rede hier
                        nicht von jenem Erstaunen, das viel eher Neugier heißen <term type="Sachen" key="Erstaunen, neugieriges">könnte</term>, das die
                        Hände über dem Kopf zusammenschlägt über das, was es nicht versteht, um
                        dann gelassen weiterzugehen, rasch getröstet über sein Nichtverstehen.
                        Solches Erstaunen ist eine gleichgiltige Welle im Alltagsgeplätscher der
                        großen <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>. Es gibt aber ein Erstaunen, das den
                        Menschen nicht loslässt, das einen Abschnitt macht in seinem Leben. Es
                        ist das <term type="Sachen" key="Erstaunen, über das Leben selbst">Erstaunen</term> über die Entdeckung des Lebens selbst, über die
                        Entdeckung der verborgenen Gewalt, die das Schattenspiel des äußern
                        Lebens lenkt und die dies äußere Leben plötzlich erscheinen lässt als
                        das, was es ist, als ein Schattenspiel.<note xml:id="n04">Zu
                            dieser Anspielung auf das «<bibl corresp="kbga-bibls-2529">Höhlengleichnis</bibl>» <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> Wer von solchem
                        Erstaunen nie etwas verspürt hat, von dem sage ich, dass er ein armer
                        Mensch ist. Es sind freilich noch keine 20–30 Jahre her, dass es
                        in weiten Kreisen für unfein und ungebildet galt, in dieser Weise zu
                        erstaunen. Und was damals Meinung der Gebildeten war, ist heute <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> auf weite Strecken der
                        Durchschnittsstandpunkt des einfachen Mannes, der Arbeitermassen
                        geworden. Das Leben besteht in dem, was man hört und sieht und greift
                        und schmeckt, zu erstaunen gibt’s dabei nichts:<note xml:id="n05">Vgl. die Ausführungen zur im Verlauf des 19.
                            Jahrhunderts zunehmenden Dominanz
                            naturwissenschaftlich-naturalistischer Deutungsmuster bei <bibl corresp="kbga-bibls-2533">
                                    <persName ref="kbga-actors-9148">Th. Nipperdey</persName>,
                                <hi rend="italic">Deutsche Geschichte 1866–1918</hi>, Bd. I:
                                <hi rend="italic">Arbeitswelt und Bürgergeist</hi>, München 1990,
                            S. 623–629</bibl>: «Modelle und Abstraktionen spielen eine
                            zunehmende Rolle. Das ‚Wesen’ der Natur ist nicht verstehbar
                            – und in der Wissenschaft, zumal in der Physik, nimmt die
                            Tendenz zu, auf ‚Wesenserkenntnis’ zu verzichten; die
                            neopositivistische These, es komme allein auf die mathematische
                            Beschreibung der experimentellen Tatsachen an, gewinnt in der Praxis
                            an Anhang.» (S. 623) «Naturwissenschaft brauchte man nicht zu
                            begründen, sie war anerkannt, sie war Teil der Kultur. […]
                            Die Lösung der Welträtsel und der Fortschritt seien auf
                            Naturwissenschaft gegründet […], die ­Kulturwissenschaften
                            sollten die naturwissenschaftlichen Methoden übernehmen». (S. 624)
                            – «Gegnerschaft oder Vorbehalte gegen die Naturwissenschaften
                            gab es […] öffentlich lange Zeit kaum. Nach der
                            Jahrhundertwende gibt es kulturkritische Einwände», doch waren bis
                            dahin die «Erkenntnisse der Naturwissenschaften über den Aufbau der
                            Welt, die Natur des Menschen und seine Stellung in der Welt
                            […] teils schneller, teils langsamer ins allgemeine
                            Bewußtsein eingegangen» (S. 625). Vgl. zum Ganzen und über
                            Mitteleuropa und die allein christliche Perspektive hinausgehend
                            auch <bibl corresp="kbga-bibls-2532">
                                    <persName ref="kbga-actors-9168">Osterhammel</persName> (Anm. 2), S. 1272–1276</bibl>.</note>
                        </p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p163" ed="pga"/> … nach drüben ist die Aussicht uns verrannt,</l>
                    <l>Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet.<note xml:id="n06">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust.
                                Der Tragödie zweiter Teil</hi>, V. 11442f. (Fünfter Akt,
                            Mitternacht)</bibl>.</note>
                        </l>
                    </lg>
                </q>
                    <p rend="noindent">Aber die Tage dieser Lebensweisheit neigen sich ihrem
                        Ende zu. Ja, ich behaupte, es hat nie einen einzigen Menschen gegeben,
                        der in jedem Moment seines Lebens zu dieser Lebensweisheit gestanden
                        wäre. Ein Mensch wäre nicht lebendig, wenn er nie wirklich gestaunt
                            <term type="Sachen" key="Mensch, Fähigkeit zum Staunen">hätte</term>, eben weil er Mensch und nicht ein Tier oder eine Pflanze
                        ist, denen freilich solche Fähigkeit abgeht. Ich denke daran, wie die
                        großen Führer der <term type="Sachen" key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term> es verstanden haben und verstehen,
                        Tausenden und Abertausenden eine Überzeugung, einen Idealismus
                        einzuflößen für die Ziele ihrer <term type="Sachen" key="Sozialdekokratische Partei">Partei</term>.<note xml:id="n07">Zur Gründung und Programmatik der sozialdemokratischen
                            Parteien in der Schweiz und in Deutschland, die in beiden Ländern zu
                            Beginn des 20. Jahrhunderts zur mitglieder- und auch wählerstärksten
                            Partei angewachsen waren, vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p004#fn_n04">S. 4, Anm. 3</ref>.</note> Ja, was ist denn ein
                        solches Überzeugtwerden, ein solches restloses Sich-Hingeben an das als
                        richtig Erkannte anders als das große Staunen, das über diese Menschen
                        kommt, wenn ihnen gezeigt wird, dass sie in der Partei etwas finden, was
                        ihrem kleinen Leben Inhalt gibt? Ich denke an den Überzeugungsmut und
                        die Zähigkeit, mit der manche sogenannte <term type="Sachen" key="Freidenker">Freidenker</term> für ihre Sache Propaganda machen.<note xml:id="n08">Nachdem es seit 1870 in der
                            Schweiz zu verschiedenen Gründungen von Freidenkervereinigungen
                            gekommen war, konstituierte sich 1908 mit dem «Deutschschweizer
                            Freidenkerbund» erstmals ein landesweiter Zusammenschluss; Ziele
                            waren schon damals die Förderung einer an der Wissenschaft
                            orientierten Weltanschauung und Ethik, Hilfe beim Kirchenaustritt,
                            Trennung von Religion und Schule sowie überhaupt von Staat und
                            Kirche (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2534">
                                    <persName ref="kbga-actors-6889">R. Dellsperger</persName>, Art. «Freidenker», in: HLS 4, S. 761f.</bibl>).
                            – Der den gleichen Zielen verpflichtete «Deutsche
                            Freidenkerbund» war bereits 1881 unter anderem von dem Arzt 
                                <persName ref="kbga-actors-9169">Ludwig Büchner</persName>
                            (1824–1899) und dem Politiker und Mitbegründer der
                            Sozialdemokratischen Partei <persName ref="kbga-actors-4825">Wilhelm Liebknecht</persName> (1826–1900)
                            gegründet worden (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2535">
                                    <persName ref="kbga-actors-9170">J.-Chr. Kaiser</persName>, Art. «Freidenker»,
                            in: RGG<hi rend="sup">4</hi> III, Sp. 296–299</bibl>); im Januar
                            1906 war es in Deutschland zudem zur Gründung des ebenfalls
                            freidenkerisch orientierten «Deutschen Monistenbundes» gekommen, dem
                            schon bald mehr als 6000 Mitglieder angehörten (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2536">
                                    <persName key="Mehlhausen, Joachim">J. Mehlhausen</persName> /
                                 <persName key="Dunkel, Daniela">D. Dunkel</persName>, Art.
                            «Monismus / Monistenbund», in: TRE 23, S. 212–219, dort
                            S. 216</bibl>).</note> Diese Überzeugung ist offenbar etwas Anderes als <pb xml:id="p164" ed="pga"/> das, was man <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> sieht und
                        hört und schmeckt und greift, mögen sie selbst noch so laut alles andre
                        als Träumerei und Pfaffentrug verlachen. Unsichtbar, wunderbar, ist das
                        große Staunen über sie gekommen über das, was ihnen letzte <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu sein scheint. Je
                        lauter und aufgeregter ein solcher Mensch versichert, Alles in der Welt
                        sei natürlich und selbstverständlich, desto mehr beweist er, dass es
                        nicht so ist, dass er selber unter der Gewalt einer Macht steht, vor der
                        er staunt, die er andern auch zeigen möchte, um sie auch zum Staunen zu
                        bringen. Ich denke an die vielen großen und kleinen Menschen, denen es
                        gegangen ist, wie <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName> es in einem merkwürdigen
                        Gedicht schildert:</p>
                
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Ich schlief, ich schlief –,</l>
                                <l>Aus tiefem Schlaf bin ich erwacht;</l>
                                <l>Die Welt ist tief,</l>
                                <l>Und tiefer als der Tag gedacht.<note xml:id="n09">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2537">Zeile 3–6 des Gedichts «Oh Mensch! Gieb Acht!»
                                        von <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName>
                                        (1844–1900), das auch unter den Namen
                                        «Mitternachtslied» oder «Das trunkene Lied» bekannt ist.
                                        Gedruckt findet es sich in Fr. Nietzsche, <hi rend="italic">Also
                                            sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und
                                            Keinen</hi>, Sämtliche Werke. Kritische
                                        Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M.
                                        Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 285f. und
                                        S. 404.</bibl> – Nach Nietzsches Tod ließ seine
                                        Schwester, <persName ref="kbga-actors-9173">Elisabeth Förster-Nietzsche</persName> (1846–1935), dieses
                                        Gedicht auf der Halbinsel Chasté im <placeName ref="kbga-places-1126">Silsersee</placeName> (Kanton
                                        Graubünden), einem der bevorzugten Aufenthaltsorte
                                        Nietzsches, in den Fels meißeln; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2538">
                                            W. Stegmaier, <hi rend="italic">Oh Mensch! Gieb Acht!
                                            Kontextuelle Interpretation des Mitternachtslieds
                                            aus Also sprach Zarathustra</hi>, in:
                                        Nietzsche-Studien 42 (2013), S. 85–115, dort
                                        S. 86</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Sie sind aus dem tiefen Schlaf des <term type="Sachen" key="Leben, Allerweltsleben">Allerweltslebens</term> erwacht, weil
                        irgend eine starke, große Idee und Überzeugung, heiße sie nun <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialismus</term>, <term type="Sachen" key="Atheismus">Atheismus</term>, <term type="Sachen" key="Abstinenz-Bewegung">Abstinenz</term>, <term type="Sachen" key="Vegetarianismus">Vegetarianismus</term> oder wie sonst über sie
                        gekommen ist wie ein starker Mann. Und wenn eine solche Idee und
                        Überzeugung die ihrige wurde, wenn sie sie ergriffen mit allen Fibern
                        ihrer Seele, mit ihrem ganzen Willen und ganzen Herzen, dann ist ihnen
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> die Welt tief geworden, tiefer als der
                        Tag, als die Oberflächlichkeit gedacht, sie haben das große Staunen
                        gelernt vor unsichtbaren und doch ganz sicheren Tatsachen, denen sie nun
                        ihr Leben hingeben wollen.</p>
                    
                     <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p165" ed="pga"/> Aber wir müssen gleich tiefer graben: Was ist denn das, was die Menschen
                        staunen macht in jenen Augenblicken, wo eine Überzeugung sie mächtig
                        ergreift und mit fortreißt? Die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> oder das, was sie für Wahrheit, letzte Wahrheit
                        halten. Aber die Wahrheit ist eben nie ein abstraktes, allgemeines <term type="Sachen" key="Wahrheit, nicht abstrakt">Gedankending</term>
                        gewesen. Überzeugung ist kein mechanischer Vorgang, der sich
                        selbstverständlich und notwendig herbeiführen lässt. Überzeugung,
                        Wahrheitsüberzeugung ist etwas höchst Lebendiges, das nur in einem
                        lebendigen Menschen möglich ist und nur von lebendigen Menschen
                        verursacht werden kann. Die größte <term type="Sachen" key="Wahrheit, überzeugt nur durch Menschen">Wahrheit</term> berührt
                        und packt uns nicht, wenn nicht ein lebendiger Mensch dahinter steht,
                        der sie als seine Überzeugung vertritt. Wenn wir einen Roman, einen
                        Zeitungsartikel, eine Broschüre, ein wissenschaftliches Buch lesen,
                        nicht wahr, da spüren wir es gleich, ob Überzeugung drin steckt, warm
                        pulsierendes Leben, oder ob’s bloße Nichtwirklichkeit,
                        Scheinleben ist. Oder wenn wir eine Rede, einen Vortrag, eine Predigt
                        hören, da hat jeder ein feines Gefühl dafür, ob der Redner mit der
                        ganzen Kraft seiner <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term> in der Rede steckt, oder ob die Mühle leer
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> klappert am rauschenden Bach<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2539">die erste Zeile des Gedichts und
                            deutschen Volkslieds «Die Mühle» von <persName ref="kbga-actors-9175">E. Anschütz</persName> (<hi rend="italic">Musikalischer
                                Hausschatz der Deutschen. Eine Sammlung von 1000 Liedern und
                                Gesängen mit Singweisen und Klavierbegleitung</hi>, gesammelt
                            und hrsg. von G. W. Fink, Leipzig 1843, S. 178)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                    <lg>
                                <l>Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp, klapp!</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> des Lebens. Ja,
                        wir können ruhig sagen: das, was uns packt und überzeugt in einem Buch
                        oder in einer Rede, <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>an einer «Wahrheit»,<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                         das ist im Grunde immer das <term type="Sachen" key="Wahrheit, Unmittelbarkeit">Unmittelbare</term>, das
                        Persönliche, das zwischen den Zeilen und Worten steht, das ist der
                        Mensch selbst, der zu andern Menschen redet. Und so können wir weiter
                        sagen: das Staunen, die Entdeckung, dass die Welt tiefer ist als der Tag
                        gedacht, kommt über uns, wenn wir einen Blick, einen noch so kleinen
                        Blick in das Geheimnis <term type="Sachen" key="Leben, Geheimnis «Menschenleben»">«Menschenleben»</term>
                        getan haben.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Aber nun ist’s eine bekannte Tatsache, dass lange
                        nicht alle, vielleicht nur wenige Menschen im Stand sind, uns den Blick
                        für dies Geheimnis <pb xml:id="p166" ed="pga"/> zu öffnen. Das Leben und Reden
                        der meisten Menschen erstaunt uns nicht im geringsten. Auch unser
                        Textwort redet von solchen Menschen, indem es hervorhebt, dass Jesus
                        anders, gewaltiger gepredigt und geredet habe, als seine galiläischen
                        Zuhörer es bis dahin gewohnt waren: <hi rend="italic">nicht wie die <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term></hi>. Die Schriftgelehrten waren die
                            <term type="Sachen" key="Theologen">Theologen</term>, die Gebildeten
                        unter dem jüdischen <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Volk</term>, die Kenner und Ausleger des <term type="Sachen" key="Gesetz, mosaisches">Gesetzes</term> und der <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>. Wir wollen diese Leute nicht
                        schwarz malen, wie es oft geschieht. In ihrer Arbeit, in ihrer Lehre <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> war viel Aufrichtigkeit und viel guter
                        Wille. Aber nachdenklich machen muss uns die Tatsache, dass es gerade
                        die Gebildeten, die, welche mit Gottes Wort und Willen in besonders
                        enger Berührung zu sein glaubten, waren, von denen da angedeutet wird,
                        dass sie die Menschen kalt ließen, dass sie es nicht verstanden, Staunen
                        zu erwecken. Ja, Staunen über sich selbst, über ihre Gelehrsamkeit und
                        ihren Scharfsinn mögen sie erweckt haben, aber das war wieder das <term type="Sachen" key="Erstaunen, neugieriges">Staunen</term> der
                        Neugier, nicht das <term type="Sachen" key="Erstaunen, über das Geheimnis des Lebens">Staunen</term> über
                        das entdeckte Geheimnis des Lebens. Das große Staunen weckten sie nicht,
                        es war trotz ihrer religiösen Bildung eine Schranke in ihrem Wesen und
                        Wirken, die das hinderte. Wir sahen es ja eben: die Wahrheit der
                        Gedanken genügt nicht, um uns zu packen, was uns ergreift und
                        überwältigt, ist immer das Persönliche, das durch Gedanken und Worte
                        durchschimmert, so wie ein geschickter Geigenspieler durch einen
                        bestimmten Griff neben dem eigentlichen Ton einen Unterton zum Mittönen
                        bringen kann.</p>
                    <p> Dem Reden der <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term> fehlte der Unterton, dem Reden so vieler
                        Menschen fehlt der Unterton, und darum ist ihr Leben und ihr Reden auch
                        nicht geeignet, das Staunen in uns zu erwecken. Und nun weiter: wie oft,
                        wie oft wird unser <term type="Sachen" key="Erstaunen, getäuschtes">Staunen</term>
                        <hi rend="italic">getäuscht!</hi>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Wir waren ergriffen, gepackt von den Worten
                        eines Menschen, von seinen Ideen, von seiner Persönlichkeit. Wir
                        glaubten das Geheimnis des Lebens, das Ziel und den Zweck unsres
                        Daseins, den Inhalt und Wert unsrer Arbeit entdeckt zu haben. Wir
                        staunten vor der Wahrheit, die sich uns in jenem Menschen enthüllt zu
                        haben schien. Aber dann kam auf das große Staunen die große
                        Ernüchterung. Das kann auf mancherlei Weise kommen. Immer ist’s
                        im Grunde dieselbe Erscheinung: Der Zauber, in dem wir standen, wird
                        unkräftig, die Tiefe der Welt, die sich uns aufgetan zu haben schien,
                        füllt sich wieder mit Nebeln, so wie auf einem Berggipfel oft in fünf
                        Minuten die prachtvollste Aussicht im <pb xml:id="p167" ed="pga"/> Nebel
                        versinkt, unser Leben droht wieder untief zu werden, und wir können uns
                        nicht dagegen wehren. Nicht wahr, so etwas haben wir alle schon
                        durchgemacht? Wie manchem eifrigen Anhänger und Verfechter irgend einer
                        neuen Idee ist es schon so gegangen, aber auch wie manchem Frommen, wie
                        manchen Konfirmanden zum Beispiel! Auch unter den Schriftgelehrten
                        Israels gab es große und edle Männer, die sicher in manchem ihrer
                        Zuhörer auch das große, wirkliche Staunen geweckt haben, aber das Haus,
                        das sie bauten, war auf Sand gebaut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.26">Mt. 5,26</ref>], das Staunen, die Begeisterung ist
                        gerade im religiösen Leben <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> der <term type="Sachen" key="Juden / Judentum, Begeisterung und Ernüchterung">Juden</term> jener Zeit nur zu oft der Ernüchterung, der
                        Enttäuschung gewichen. Und wie zahlreich, meine Freunde, sind erst die,
                        die solche Ernüchterung und <term type="Sachen" key="Erstaunen, getäuschtes">Enttäuschung</term> durchgemacht haben,
                        die mitten drin stecken, ohne dass es nach außen sichtbar wird. Sie
                        suchen es vor sich selbst und den andern zu <hi rend="italic">verstecken</hi>,
                        dass sie eigentlich das Staunen, die große innere Überzeugtheit verloren
                        haben. Die Mauern des Hauses stehen noch, wie man im letzten Winter
                        solche Mauern im Trümmerfeld von <placeName ref="kbga-places-1059">Messina</placeName><note xml:id="n11">Der größte Teil von
                            Messina war am 28. Dezember 1908 durch ein Erdbeben zerstört worden;
                            vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p135#fn_n07">S. 135, Anm. 7</ref>.</note> gefunden hat, aber wenn man näher
                        hinzutritt, so sieht man, dass das ganze Innere zusammengebrochen,
                        ausgebrannt ist. Wie viele solche innerlich ausgebrannten Häuser mag es
                        geben unter den eifrigsten <term type="Sachen" key="Sozialisten">Sozialisten</term>, unter den eifrigsten <term type="Sachen" key="Freidenker">Freidenkern</term>, aber auch unter den eifrigsten
                            <term type="Sachen" key="Kirchgänger">Kirchgängern</term>!</p>
                    <p>Woher mag das kommen, dass so viele Menschen kein Staunen, keine
                        Überzeugung zu wecken vermögen und dass bei so vielen andern das <term type="Sachen" key="Erstaunen">Staunen</term>, das sie weckten,
                        merklich oder unmerklich sich wieder in <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> verkehrt, früher oder
                        später? Wir haben gesehen: wenn der Mensch zum Menschen redet, wenn
                        persönliches <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term>
                        hindurchleuchtet, mitklingt in den Gedanken und Worten, dann erwachen
                        wir zum Staunen, zur Überzeugung, zu einem eigenen persönlichen Leben.
                        Wo kein persönliches Leben ist, da wirken die schönsten Gedanken nicht,
                        da ent<pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>steht auch nichts Neues bei den
                        Andern. Ein Toter kann keine andern Toten lebendig machen. Und wenn der
                        Mensch selbst kraftlos wird, dann helfen alle Wahrheiten in seinem Munde
                        wenig, er wird dem Andern nur Scheinkraft geben können, Häuser, die er
                        baut, werden bald ausgebrannte Häuser sein. <pb xml:id="p168" ed="pga"/> Wenn
                        der Arzt selbst krank wird, kann er den andern Kranken nicht mehr
                        helfen. Und seht, meine Freunde, hier stehen wir vor der großen
                            <hi rend="italic">Schranke</hi> unsres menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Schranke seines Wesens">Wesens</term>, das auch die
                        Schranke war bei den Schriftgelehrten der Zeit Jesu. Man redet heute so
                        viel von <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">«<hi rend="italic">Persönlichkeit</hi>»</term>,<note xml:id="n12">Vgl. schon <bibl corresp="kbga-bibls-2540">die erste Strophe des Gedichts «Suleika» von
                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (ders., We<hi rend="italic">st-östlicher Diwan</hi>,
                                <hi rend="italic">Buch Suleika</hi>, Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 95)</bibl>: 
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Volk und Knecht und Überwinder, </l>
                                        <l>Sie gestehn, zu jeder Zeit: </l>
                                        <l>Höchstes Glück der Erdenkinder </l>
                                        <l>Sei nur die Persönlichkeit. </l>
                                    </lg>
                                </q>
                          Zur großen Bedeutung des Persönlichkeitsbegriffs in der
                            Philosophie und Theologie des 18. und insbesondere des 19. und
                            frühen 20. Jahrhunderts vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2541">
                                    <persName ref="kbga-actors-9176">U. Dierse</persName> / <persName ref="kbga-actors-9177">R. Lassahn</persName>, Art. «Persönlichkeit»,
                            in: HWP 7, Sp. 345–352</bibl>. – Im Abschnitt <bibl corresp="kbga-bibls-2">«Phänomene des
                            Menschlichen» in KD III/2, S. 82–157</bibl> stellt Barth als
                            Repräsentanten des Operierens mit dem Begriff Person bzw.
                            Persönlichkeit <bibl corresp="kbga-bibls-51">
                                    <persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, <hi rend="italic">Naturalistische und religiöse
                                Weltansicht</hi>, Tübingen 1909<hi rend="sup">2</hi>,</bibl> vor
                            (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 96.99.109f.</bibl>).</note> und es ist gut und recht so,
                        aber ich meine, wir wollen nur davon reden als von etwas, das wir
                            <hi rend="italic">werden</hi> sollen und wollen. Denn wenn wir’s ernst
                        nehmen damit, muss es uns doch bald einleuchten, dass wir Alles andre
                        sind, nur nicht Persönlichkeiten. Denn eine Persönlichkeit ist nur, wer
                        ein festes, gewisses <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, besitzt gewisses Innenleben">Innenleben</term>
                        hat. Ein solches Innenleben aber hat wieder nur der, der sich selbst und
                        seine Natur <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, hat sich selbst überwunden">
                                <hi rend="italic">überwunden</hi></term> hat.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Ein Held ist, wer den Feind bezwinget,</l>
                                <l>Ein größ’rer, wer sich selbst bezwingt.<note xml:id="n13">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2542">Aus der letzten Strophe des
                                        Gedichts «Die Versöhnung oder Ulrich zur Kinden von
                                        Zürich und Arnold Winkelried von Unterwalden. Ao. 1499»
                                        von <persName ref="kbga-actors-4505">J. M. Usteri</persName>
                                            (<hi rend="italic">Dichtungen in Versen und Prosa von Johann
                                            Martin Usteri</hi>, nebst einer Lebensbeschreibung
                                        des Verfassers hrsg. von D. Heß, Bd. 1, Berlin 1831,
                                        S. 172–175, dort S. 175)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Wer kann, wer darf das von sich sagen? Wir sind doch
                        keine Persönlichkeiten, im besten Fall Anfänge, Ansätze <term type="Sachen" key="Mensch, Persönlichkeit nur in Ansätzen">dazu</term>, auch die Größten und Besten unter uns. Und nun wissen
                        wir auch, warum es so vielen so geht wie den <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term>, warum so viele trotz
                        der guten und <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> schönen Gedanken und
                        Meinungen, die sie vertreten, nie andre zum Staunen gebracht haben über
                        das Geheimnis <term type="Sachen" key="Leben, Geheimnis «Menschenleben»">«Menschenleben»</term>, warum bei so vielen andern dem Staunen
                        die müde Resignation gefolgt ist. Ihre Gedanken mögen so groß und gut
                        sein, als sie wollen, die <pb xml:id="p169" ed="pga"/> Andern spürten ihnen
                        an, dass sie keine Helden sind, oder doch nur halbe oder viertels
                        Helden. Sie leben von den Gedanken anderer, von den Früchten des
                        Heldentums, des innern Lebens anderer, wie die <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term> vom <term type="Sachen" key="Gesetz, mosaisches">Gesetz</term> und den <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> lebten, man merkt es
                        ihnen an, dass sie etwas weitergeben, was ihnen eigentlich gar nicht
                        gehört. Denn nur das kann man weitergeben, nur das kann bei andern das
                        große <term type="Sachen" key="Erstaunen, erkämpft im Kampf mit uns selbst">Staunen</term>
                        wecken, was wir selbst erkämpft im Kampf mit uns selbst.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Und solang du das nicht hast,</l>
                                <l>Dieses: Stirb und werde!</l>
                                <l>Bist du nur ein trüber Gast</l>
                                <l>Auf der dunklen Erde.<note xml:id="n14">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2404">Strophe 5
                                        des Gedichts «Selige Sehnsucht» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (ders., <hi rend="italic">West-östlicher Diwan,
                                            Buch des Sängers</hi>, Berliner Ausgabe, Bd. 3,
                                        S. 22)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Und so drohen wir daran zu scheitern, dass unser Herz
                        nach des Propheten Wort ein trotzig und verzagt Ding ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.17.9">Jer. 17,9</ref>], dass hinter unsern
                        Gedanken und Worten und Überzeugungen keine Helden stehen oder keine
                        rechten Helden. Das Staunen vor dem entdeckten Geheimnis scheint uns
                        dann doch wieder eine schöne Illusion, wir selber trübe Gäste auf einer
                        dunklen Erde.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> III</head>
                    <p rend="noindent">Jesus war anders als die andern, und darum konnte er den
                        andern das sein, was er Unzähligen geworden ist. Sie erstaunten über
                        seine Lehre, <hi rend="italic">denn er lehrte wie einer, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollmacht">Vollmacht</term></hi>
                        <hi rend="italic">hat</hi>. Über was haben die Menschen dort gestaunt? Über seine
                        Lehre, über die Worte und Gedanken? Sicher, denn wir wissen aus den
                        Sammlungen seiner Sprüche, die uns die Evangelien bieten, dass er Worte
                        getan hat, wie sie an gedanklichem Tiefsinn und Schärfe des Ausdrucks
                        keiner vor ihm und nach ihm erreicht hat. Aber was die Menschen dort
                        erstaunte, was später und bis auf diesen Tag so vielen der Sieg wurde,
                        in dem sie die Welt überwanden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>] und in dem sie frei und selig wurden,
                        das war nicht die Lehre Jesu, sondern gerade nach der Aussage der alten
                        Nachricht, die wir zum Text genommen, das, was hinter der Lehre stand,
                            <hi rend="italic">er selbst</hi>, der Mensch <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term>, die
                        Persönlichkeit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Persönlichkeit">Jesu</term>, denn <hi rend="italic">er war</hi>
                        <pb xml:id="p170" ed="pga"/> eine Persönlichkeit. Er lehrte sie wie einer, der
                        Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. Die Schriftgelehrten
                        erweckten kein Erstaunen, weil hinter den Wahrheiten, die sie lehrten,
                        halbe oder viertels oder gar keine Helden standen. Ihr Feuer war
                        gemaltes Feuer, das niemandem warm gibt. Anders Jesus: seine Worte
                        hatten Kraft und Macht über die Menschen, weil er selbst Kraft und Macht
                        war. Er hatte die Welt überwunden – ihr kennt die
                        Versuchungsgeschichten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1–11</ref> par.] – und er
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> überwand sich selbst, sein Leben war
                        nichts als Liebe und Aufopferung für die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe und Aufopferung für andere">andern</term>. Er hat dies Leben beendigt durch einen martervollen
                            <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term>. Und weil
                        sein Leben Überwindung, Sieg war bis zuletzt, war es Vollmacht, und
                        diese Vollmacht haben die Menschen gespürt, und das war es, was sie
                        staunen machte. Die Vollmacht <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollmacht">Jesu</term> war aber Vollmacht von
                            <hi rend="italic">Gott</hi>; er wollte in Jesus den Menschen zeigen, wie groß
                        sein <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term> und wie groß
                        seine <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> sei, er wollte
                        ihrem Leben einen Inhalt geben, den es vorher nicht hatte. Gott hat in
                        manchen Menschen zu den andern geredet, in <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>, in den <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>, in den Philosophen <term type="Sachen" key="Philosophie, griechische">Griechenlands</term>, in den <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term>, in <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, in
                            <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>, ja er will
                        durch jeden von uns zu den andern reden. Er redet in mancherlei Zungen
                        und durch mancherlei Mächte. Aber sein innerstes Herz sehen wir aufgetan
                        in Einem, und der Eine ist <term type="Sachen" key="Gott, Herz aufgetan in Jesus Christus">Jesus</term>. Wenn wir
                        da seine Stimme gehört haben, dann erst vernehmen wir all die andern
                        Stimmen. Wenn wir ihn, der die Vollmacht hatte, sehen gelernt haben,
                        dann bekommen wir Augen für die andern, die Teilmächte hatten und haben.
                        Die Frage: «was ist uns Jesus?» fällt zusammen mit der andren: «was ist
                        uns Gott?» Gott antwortet uns in<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Mskr.: «ihn»; von den Hrsg. korrigiert.</note>
                         ihm: ich will dein Leben sein, ich will dich zum Menschen machen,
                        du darfst staunen über das <term type="Sachen" key="Erstaunen, über das Geheimnis des Lebens">Geheimnis</term>,
                        über das entdeckte Geheimnis und du <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> wirst
                        nicht mehr enttäuscht werden. Von den ausgetrockneten und von den
                        löchrigen und von den abgeleiteten Brunnen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.2.13">Jer. 2,13</ref>] ruft uns die
                        Gestalt Jesu immer wieder zurück zur Quelle selbst.</p>
                    <p>Er, der Held, will auch uns zu Helden machen, zu Menschen, die Vollmacht
                        haben in ihrem Handeln und Reden, weil die Liebe Christi sie also
                        dringet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>].</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p171" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> hat Jesus einst fragen lassen: Bist du, der da kommen
                        soll, oder sollen wir eines andern warten? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.3">Mt. 11,3</ref> par.] Ich möchte,
                        dass wir heute Alle mit der stillen Frage nach Hause gingen, ob wir
                        antworten dürfen wie einst Simon <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>: Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des
                        ewigen Lebens [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.68">Joh. 6,68</ref>].</p>
                    <p>Gott schenke uns auf solche Frage solche Antwort.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                 
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-66">Nr. 33: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName>,
                                Strophen 1–3.</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-113">Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von <persName ref="kbga-actors-871">E. M. Arndt</persName>,
                                Strophen 1–3 und 4–6 (RG 278; EG 357 [Strophe 3
                                fehlt]).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
