Predigt: Philipper 3,12-15
Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasset uns also gesinnt sein.
In den Worten des Apostels
So bestimmt die Wissenschaft ihre Aufgabe, die, des Daseins Gesetze erforschend, feststellend und anwendend, an dem vielgestaltigen Bilde der menschlichen Erkenntnis arbeitet. Keine Erkenntnis darf hier als letzte Wahrheit auftreten, jede gewonnene Einsicht kann nur als Sprosse dienen in der scheinbar unendlichen Leiter neuer, besserer Einsichten. Und dennoch hält die Wissenschaft unverdrossen fest an dem Ziel, zu erkennen, was ist in der Naturwelt und im geschichtlichen Leben der Menschen.
140 So ist der tiefste Sinn dessen, was wir
Sittlichkeit nennen, der Wille
zum Gehorsam
gegen das Gesetz des Guten
als zu einem Gehorsam, den wir
noch nicht ergriffen, aber dem wir nachjagen unser Leben lang. Wer darf
sagen, dass er heute oder gestern oder irgend einmal das Gesetz ganz erfüllt
hat? Wer ist gut denn allein Gott
[vgl.
So ist es die letzte geheimnisvolle Bedeutung der Kunst, das, was Mensch und Welt sind, durch Töne, durch Formen, durch Gedanken zu bilden zu dem, was sie werden sollen. Die Abgründe des wirklichen Lebens wird sie nicht zu überbrücken vermögen, und doch bleibt unverrückbar die ahnende Gewissheit, die aller wahren Kunst innewohnt, die Gewissheit einer aufzusuchenden Einheit des Wahren und des Guten in der freien Gestaltung des Schönen.3
Meine Freunde! Wissenschaft und Sittlichkeit und Kunst sind aber Betätigungen, Äußerungen, Wirkungsweisen des lebendigen Menschen. Ohne die Beziehung auf den Menschen lösen sie alle sich auf in |141 Rauch und Dunst, ja wir sagen: nur durch diea verborgene Lebendigkeit, die im Menschen ist, erhalten sie jene nie rastende Zielstrebigkeit, die ihren Nerv bildet. Jenes innere Leben ist aberb das, was man mit einem vieldeutigen Wort Religion nennt.c In jenem innern Lebend finden wir Christen insbesonderee unsre Beziehung zu dem Gott, der uns irgendwie durch die Vermittlung Jesu von Nazareth Befreiung und Erweckung geworden ist. In jenem innern Leben finden wir erst die Keimzelle, die all jenen Lebensgebieten Kraft und Reichtum gibt.
Und sof
gilt auch von der Religion, von dem Kreis von Pflichten und Gütern,
die sie in eigenartiger Weise in das Leben des Menschen hineinträgt, jenes
Gesetz, dass man sie nur hat, indem man sie
sucht. Von der
Religion, vom Christentum, d. h. eben von jener durch die Erscheinung Jesu vermittelten
Beziehung zu Gott hat
I
Der Kampfpreis, von dem
Aber nun die Hauptsache: dies Gut ist ihm geschenkt durch den Glauben an
Christus, durch die Kraft seiner Auferstehung und in der
Gemeinschaft seiner Leiden [
Meine Freunde! An uns Alle ist diese Berufung ergangen, sonst wären wir nicht hier. Auf den
gekreuzten Pfaden des Lebens ist uns Allen irgend einmal und irgendwie
der Mann begegnet, dessen inneres und äußeres Leben reine Güte und reine
Vollkommenheit ist. Und wenn es nicht bei der Begegnung geblieben ist, wenn wir
begonnen haben, wenn auch noch so leise und zaghaft «Ja» zu sagen zu
dem, was dieser Mann war und wollte, dann gehören auch wir zu denen, die
von ihmi
ergriffen sind zur lebendigen Anteilnahme an der Gottesgerechtigkeit und dem Gottesfrieden, den er auf die Erde
gebracht hat. Nicht wahr, wenn wir einmal im tiefsten Innern dies «Ja»
ausgesprochen haben, dann haben wir auch bekennen dürfen: Die Freude am
Herrn ist meine Stärke [
Meine Freunde! In der Meinung, dass wir es schon ergriffen hätten, lauern
alle Gefahren, die unser Christentum bedrohen, das
liberale |144
Christentum wie
das orthodoxe, das aufgeklärte wie das pietistische. Das
selbstzufriedene Pochen auf bürgerliche Ehrenhaftigkeit hat hier ebenso
seine Wurzel wie das Vertrauen auf korrekten Lehrglauben. Aller
Stillstand bedeutet aber im religiösen Leben Verlust;
Selbstzufriedenheit wird das
Signal zum Rückzug, wiej
oft gerade in Momenten, wo wir uns auf einer besondern
Höhe unsres innern Lebens wähnten. Wer weiß nicht von der Tatsache zu reden,
dass wir uns oft eines großen Mankos unsrer Christlichkeit und unsrer Sittlichkeitk
gerade dann bewusst
wurden, wo wir uns als etwas Ganzes vor Gott und uns selbst fühlten. Und
so trifft es den innersten Kern unsrer christlichen Erfahrung, wenn
Paulus seinen Christenstand nur mit den Worten zeichnen will: ich
vergesse, was hinter mir liegt, ich strecke mich aus nach dem, was
vor mir liegt. Hinter dem Christen
liegt das eigenen Wesen, die Verstrickung in die kleinen
Sonderinteressen seiner Persönlichkeit. Hinter dem Christen liegt aber ebenso sehr
das Herdengefühl, das Aufgehen in den dumpfen Instinkten und
populären Meinungen der Masse. Vor ihm liegt die Gemeinschaft der
Geister, die Gemeinschaft aller Menschen in der Bruderliebe des Gottesreichs. Vor ihm liegt, eben im
Bewusstsein dieser Gemeinschaft, der unendliche Wert seiner besondern
Persönlichkeit vor dem Auge Gottes. Aus jener Verengung und
Verflachung hat ihn Christus befreit, und zu dieser Erweiterung und
Vertiefung hat ihn Christus erweckt, der
Christus, der in allerlei Gestalt seit zwei Jahrtausenden durch die
Geschichte der Völker
und der Menschen geht als Offenbarung des
Gottes, der seine Menschheit nicht sich selbst überlässt, sondern ihr
immer wieder Wege und Tore auftut in der Höhe und in der Tiefe. Nur dass
das Vergessen dessen, was hinter uns ist, nicht ein Abschütteln ist, das
ein für allemal getan wäre! Nur dass das Ausstrecken nach dem, was vor
uns ist, nicht geschieht in der Art, wie man sich in die Eisenbahn setzt und das Weitere
der Lokomotive überlässt! Denn noch ist die niedere Macht, aus deren
Gewalt uns Christus befreit –
II
Liebe Freunde! Und unter allen Christen ist es vielleicht
für keine andern so nötig und so tröstlich wie gerade für uns
Theologen, dass
wir unsre Arbeit in der Gemeinde und an den Einzelnen tun im
Bewusstsein: Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns
also gesinnt sein. Also gesinnt – will sagen:
eingedenk der Tatsache, dass ein Christ nach
Unser Beruf ist es, als Botschafter an
Christi statt [
So ist unsre Aufgabe äußerlich und innerlich eine bescheidene. Und wie unüberwindbar schwierig und groß erscheint doch, was übrigbleibt, jenes Freundes- und Bruderamt an der Bildung des innern Lebens.
Wir sollen euch helfen in der zentralsten Angelegenheit des Menschen, im Offenwerden für Gottes Stimme und Wille in eurem Leben. Muss
sich da nicht die Frage immer wieder aufdrängen: Wie steht’s mit
dir selber, Theologe? Muss uns nicht in manchen Augenblicken das Wort
von den blinden Blindenleitern erschreckend vor die Erinnerung treten?
[vgl.
Wir sollten euch helfen, eure religiöse Gewissheit auch in klare Gedanken und Überzeugungen umzuprägen, um sie wetterfest zu machen inmitten des vielbelebten und reichen geistigen Lebens der Gegenwart. Und wie oft werden wir selbst vor Rätsel gestellt, die aller gedanklichen Verarbeitung zu spotten scheinen, wie oft wird die beste theologische Bildung kapitulieren müssen vor der Tatsache, dass alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist?6 – Welchen innern Reichtum an Glaubenserfahrung, an sittlicher Kraft, an überzeugender Wucht des Denkens müsste ein Theologe besitzen, der dem Amt, das ihm die Kirche anvertraut, ganz gerecht werden wollte. Und welche Tiefe des |147 Gemüts, welche Vielseitigkeit der Persönlichkeit, welche geistige und körperliche Arbeitsfähigkeit!
Meine Freunde! Wenn wir unter diesen Umständen noch mit der Frage nach
der Vollkommenheit an die Wirksamkeit eines Theologen und an seine Wirkungen
bei seinen Hörern und Mitstreitern herantreten wollen, dann kann es im
Sinne des Evangeliums,
gerade wie
– ihn zu bitten, dass er Christum immer reicher und deutlicher werden lasse in unsrer Mitte. Dann werden wir, Gemeinde und Pfarrer, einander etwas sein können als Freunde und Brüder und Schwestern, nicht in Vollkommenheit, aber wir jagen ihm nach, ob wir es ergreifen möchten.
III
Je tiefer und reiner unser Glaube ist, desto mehr lernt
er hinausschauen über die engen Grenzen des eigenen persönlichen
religiösen Lebens, hinausschauen auch über das Arbeiten, Suchen und
Finden in den Gemeinden da und dort, hinausschauen auf das große Ganze
des Werks, das Gott unter den Menschen treibt, desto mehr lernt er |148 hinhorchen auf die verborgene Arbeit der
mancherlei Stoßkräfte des Willens Gottes in den großen und kleinen Ereignissen des äußern
Lebens. Schließlich ist doch dieser Glaube nicht Privatangelegenheit
hier eines Mannes und dort einer Frau, hier eines Pfarrers und dort
einer Gemeinde, sondern der Sieg, der die Welt überwinden soll und
überwinden wird [vgl.
Aber wie fremd und fast phantastisch mutet uns das Bild an, sobald wir es versuchen, es als gegenwärtige Wahrheit zu denken. Wir erkennen, dass die Verchristlichung der Kultur in ihren unendlichen Spielarten und Stufen, um die es sich da handelt, eine Aufgabe ist, deren Lösung nicht so einfach ist, wie noch das 16. Jahrhundert sie sehen durfte. Wir ahnen, dass nur die Arbeit von innen heraus, von Mensch zu Mensch hier helfen kann, und wir sehen auch hier die Perspektive sich ins Unendliche erstrecken. Den Blick auf jenes Ziel gerichtet, gestärkt am Bewusstsein seiner Wirklichkeit, wendet sich auch hier der Glaube wieder dem Nächsten, Erreichbaren zu, nicht als ob er es damit ergriffen hätte, er jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte.
Zuletzt das Eine: (Dies gilt im Reich Gottes, das wir hoffen, in der Gemeinde, die wir schauen, und
im persönlichen Christenstand, den wir leben) Nicht an unserm Wollen und
Laufen hängt das Gelingen [vgl.
Und so wollen wir Alle in Gottes Namen seine Handlanger sein und werden.