Predigt Nr. 16 · 26. September 1909

Predigt: Philipper 3,12-15

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16
Antrittspredigt in der deutschen Gemeinde in Genf1
Philipper 3,12–15
Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen möchte, weil ich auch ergriffen bin von Christus Jesus. Meine Brüder, ich meine von mir selbst nicht, dass ich es schon ergriffen habe. Aber eins: Ich vergesse, was hinter mir liegt, ich strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt; nach dem Ziele jage ich, zu dem Kampfpreis, den die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu zeigt.
Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasset uns also gesinnt sein.
Liebe Freunde!

In den Worten des Apostels Paulus aus dem Philipperbrief, die wir eben gehört haben, ist das Grundgesetz alles geistigen Lebens ausgesprochen. In den Äußerungen der Weisen, der Dichter, der Künstler, der ernsten und tiefen Menschen aller Zeiten, aller Länder und aller Lebensrichtungen tönt es wider in mannigfachster Weise und doch einig im Grundakkord: «Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte …, ich jage ihm aber nach».

So bestimmt die Wissenschaft ihre Aufgabe, die, des Daseins Gesetze erforschend, feststellend und anwendend, an dem vielgestaltigen Bilde der menschlichen Erkenntnis arbeitet. Keine Erkenntnis darf hier als letzte Wahrheit auftreten, jede gewonnene Einsicht kann nur als Sprosse dienen in der scheinbar unendlichen Leiter neuer, besserer Einsichten. Und dennoch hält die Wissenschaft unverdrossen fest an dem Ziel, zu erkennen, was ist in der Naturwelt und im geschichtlichen Leben der Menschen.

140 So ist der tiefste Sinn dessen, was wir Sittlichkeit nennen, der Wille zum Gehorsam gegen das Gesetz des Guten als zu einem Gehorsam, den wir noch nicht ergriffen, aber dem wir nachjagen unser Leben lang. Wer darf sagen, dass er heute oder gestern oder irgend einmal das Gesetz ganz erfüllt hat? Wer ist gut denn allein Gott [vgl. Mk. 10,18], der als der einzige wahrhaft gute Wille das Ziel unsres Willens ist? Und dennoch wankt und weicht dies Ziel nicht im innersten Bewusstsein des ernsten sittlichen Menschen:

Die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt’ er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben…2

So ist es die letzte geheimnisvolle Bedeutung der Kunst, das, was Mensch und Welt sind, durch Töne, durch Formen, durch Gedanken zu bilden zu dem, was sie werden sollen. Die Abgründe des wirklichen Lebens wird sie nicht zu überbrücken vermögen, und doch bleibt unverrückbar die ahnende Gewissheit, die aller wahren Kunst innewohnt, die Gewissheit einer aufzusuchenden Einheit des Wahren und des Guten in der freien Gestaltung des Schönen.3

Meine Freunde! Wissenschaft und Sittlichkeit und Kunst sind aber Betätigungen, Äußerungen, Wirkungsweisen des lebendigen Menschen. Ohne die Beziehung auf den Menschen lösen sie alle sich auf in |141 Rauch und Dunst, ja wir sagen: nur durch diea verborgene Lebendigkeit, die im Menschen ist, erhalten sie jene nie rastende Zielstrebigkeit, die ihren Nerv bildet. Jenes innere Leben ist aberb das, was man mit einem vieldeutigen Wort Religion nennt.c In jenem innern Lebend finden wir Christen insbesonderee unsre Beziehung zu dem Gott, der uns irgendwie durch die Vermittlung Jesu von Nazareth Befreiung und Erweckung geworden ist. In jenem innern Leben finden wir erst die Keimzelle, die all jenen Lebensgebieten Kraft und Reichtum gibt.

Und sof gilt auch von der Religion, von dem Kreis von Pflichten und Gütern, die sie in eigenartiger Weise in das Leben des Menschen hineinträgt, jenes Gesetz, dass man sie nur hat, indem man sie sucht. Von der Religion, vom Christentum, d. h. eben von jener durch die Erscheinung Jesu vermittelten Beziehung zu Gott hat Paulus gesagt: Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre, ich jage ihm aber nach. Der Christenglaube ist freilich mehr als Zielstrebigkeit. Der nämliche Paulus wird nicht müde, ihn immer wieder als Besitz einer gegenwärtigen Tatsache zu rühmen. Aber ich meine, gerade bei einem Anlass wie dem heutigen hat es seinen guten Sinn, wenn wir es uns gesagt sein lassen, dass die christliche Vollkommenheit steht und fällt mit der Bewegung des Glaubens und Lebens nach vorwärts und aufwärts. Das gilt für das Leben des Einzelnen, für das Leben der kirchlich verfassten Gemeinde, an die wir heute besonders denken, und endlich für die Entwicklung des Gottesreichs als eines Universums der Geister, wie es als Inhalt der Hoffnung den Untergrund alles christlich frommen Bewusstseins bildet.

142

I

Der Kampfpreis, von dem Paulus sagt, dass er danach jage, wie die Wettläufer in den griechischen Spielen nach dem Kranze jagten,4 dieser Kampfpreis ist die Gerechtigkeit aus Gott, will sagen: die innere Beschaffenheit eines Menschen, mit dem Gott Frieden gemacht hat. Wir wissen aus dem ganzen geistigen Bild des Paulus, warum er dieses Gut für des angestrengtesten Kampfes wert erachtet hat. Die Gerechtigkeit aus Gott war ihm nicht ein Lebensgut neben andern, sondern die Totalität aller Lebensgüter. Aus dem elenden Menschen, der sich ängstigt im Bewusstsein seiner Unvollkommenheit gegenüber der Majestät des sittlichen Gesetzes, ist ein Freier geworden, der in der Kraft Gottes in jedem Moment nur dem Gesetz Christi unterworfen [vgl. 1.Kor. 9,21] und selber urteilt, was recht ist. Aus dem Verlorenen gegenüber den düstern Mächten der Welt ein Sieger und Überwinder. Er kann wohl fallen, aber er steht wieder auf, er kann mutlos werden, aber er weiß, wie er neue Kraft schöpfen wird. Er ist eine neue Kreatur geworden [vgl. 2.Kor. 5,17], er vermag Alles durch den, der ihn stark macht [Phil. 4,13]. Tragt alle die Züge zusammen, die ihr aus den Stellen seiner Briefe kennt, in denen er die Herrlichkeit seinesg Christenstandes schildert, so habt ihr eine Ahnung von dem höchsten und einzigen der Güter, das ihm in unsrem Textwort als Kampfpreis vorschwebt. |

Aber nun die Hauptsache: dies Gut ist ihm geschenkt durch den Glauben an Christus, durch die Kraft seiner Auferstehung und in der Gemeinschaft seiner Leiden [Phil. 3,10]. Hier stehen wir im Mittelpunkt seiner Erfahrung und der Erfahrung der großen, ineinander verschlungenen Kette der Zeugen christlichen Glaubens. «Dies Gut ist ihm geschenkt», sagte ich. Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur [2.Kor. 5,17]. Und nun trotzdem in unsrem Textwort: nicht als ob ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre… Wer nicht irgendwie am Leben christlicher Frömmigkeit Teil hat, wird nie verstehen können, wie diese beiden entgegengesetzten Sätze, beide in |143 gleicher Schärfe ausgesprochen, gleich wahr sein können. – Versuchen wir es, uns den innern Vorgang klarzumachen, um den es sich handelt. Er spielt sich in jedem Christen mehr oder weniger deutlich und bewusst alle Tage ab.

Paulus sagt von dem Kampfpreis, dass er ihm nachjage, ob er ihn ergreifen möchte, weil er auch ergriffen sei von Christus Jesus. Und in Christo Jesu sei ihm dieser Kampfpreis gezeigt. h-Also nicht-h einem Phantom will er nachjagen, das vielleicht Luft ist, sondern einer Realität, von deren Dasein er jeden Augenblick überzeugt ist. Aber er fragt sich gar nicht, ob er das Ziel erreichen wird, genug, dass es da ist und mit ihm der Kampfpreis. So folgt der Wanderer in der Wüste, der nach Westen zieht, dem Lauf der Sonne, wiewohl er weiß, wie unendlich hoch die Sonne über ihm steht. Die Sonne bleibt am Himmelszelt, so bleibt die Berufung, die Richtung aufs Ziel. |

Meine Freunde! An uns Alle ist diese Berufung ergangen, sonst wären wir nicht hier. Auf den gekreuzten Pfaden des Lebens ist uns Allen irgend einmal und irgendwie der Mann begegnet, dessen inneres und äußeres Leben reine Güte und reine Vollkommenheit ist. Und wenn es nicht bei der Begegnung geblieben ist, wenn wir begonnen haben, wenn auch noch so leise und zaghaft «Ja» zu sagen zu dem, was dieser Mann war und wollte, dann gehören auch wir zu denen, die von ihmi ergriffen sind zur lebendigen Anteilnahme an der Gottesgerechtigkeit und dem Gottesfrieden, den er auf die Erde gebracht hat. Nicht wahr, wenn wir einmal im tiefsten Innern dies «Ja» ausgesprochen haben, dann haben wir auch bekennen dürfen: Die Freude am Herrn ist meine Stärke [Neh. 8,10]. Der Wanderer kommt seinem Ziele näher, obgleich die Sonne, der er folgt, ihm unerreichbar bleibt. Dann wissen wir aber auch, dass dies «Ja» niemals etwas Einmaliges, Vorübergehendes sein kann, sondern dass darin eingeschlossen sind die Impulse weiterer, höherer Entwicklung. Paulus meinte von sich selbst nicht, dass er es schon ergriffen habe. |

Meine Freunde! In der Meinung, dass wir es schon ergriffen hätten, lauern alle Gefahren, die unser Christentum bedrohen, das liberale |144 Christentum wie das orthodoxe, das aufgeklärte wie das pietistische. Das selbstzufriedene Pochen auf bürgerliche Ehrenhaftigkeit hat hier ebenso seine Wurzel wie das Vertrauen auf korrekten Lehrglauben. Aller Stillstand bedeutet aber im religiösen Leben Verlust; Selbstzufriedenheit wird das Signal zum Rückzug, wiej oft gerade in Momenten, wo wir uns auf einer besondern Höhe unsres innern Lebens wähnten. Wer weiß nicht von der Tatsache zu reden, dass wir uns oft eines großen Mankos unsrer Christlichkeit und unsrer Sittlichkeitk gerade dann bewusst wurden, wo wir uns als etwas Ganzes vor Gott und uns selbst fühlten. Und so trifft es den innersten Kern unsrer christlichen Erfahrung, wenn Paulus seinen Christenstand nur mit den Worten zeichnen will: ich vergesse, was hinter mir liegt, ich strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt. Hinter dem Christen liegt das eigenen Wesen, die Verstrickung in die kleinen Sonderinteressen seiner Persönlichkeit. Hinter dem Christen liegt aber ebenso sehr das Herdengefühl, das Aufgehen in den dumpfen Instinkten und populären Meinungen der Masse. Vor ihm liegt die Gemeinschaft der Geister, die Gemeinschaft aller Menschen in der Bruderliebe des Gottesreichs. Vor ihm liegt, eben im Bewusstsein dieser Gemeinschaft, der unendliche Wert seiner besondern Persönlichkeit vor dem Auge Gottes. Aus jener Verengung und Verflachung hat ihn Christus befreit, und zu dieser Erweiterung und Vertiefung hat ihn Christus erweckt, der Christus, der in allerlei Gestalt seit zwei Jahrtausenden durch die Geschichte der Völker und der Menschen geht als Offenbarung des Gottes, der seine Menschheit nicht sich selbst überlässt, sondern ihr immer wieder Wege und Tore auftut in der Höhe und in der Tiefe. Nur dass das Vergessen dessen, was hinter uns ist, nicht ein Abschütteln ist, das ein für allemal getan wäre! Nur dass das Ausstrecken nach dem, was vor uns ist, nicht geschieht in der Art, wie man sich in die Eisenbahn setzt und das Weitere der Lokomotive überlässt! Denn noch ist die niedere Macht, aus deren Gewalt uns Christus befreit – Paulus nennt sie das Fleisch [vgl. Röm. 8,13; Gal. 5,24 u. ö.] –, nicht völlig dienstbar geworden, und noch will uns die obere Macht, zu der uns Christus erweckt, in ganz andrem Maße erfüllen. So ist im Leben |145 des Christen neben- und miteinander die Bewegung und die Ruhe, das Suchen und das Finden, das Fragen und die Gewissheit. Und wir stellen uns mit Paulus und Vielen, die dieselbe Erfahrung gemacht, unter das Wort Jesu selbst: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden [Mt. 5,6].

II

Liebe Freunde! Und unter allen Christen ist es vielleicht für keine andern so nötig und so tröstlich wie gerade für uns Theologen, dass wir unsre Arbeit in der Gemeinde und an den Einzelnen tun im Bewusstsein: Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein. Also gesinnt – will sagen: eingedenk der Tatsache, dass ein Christ nach Luthers Wort nicht im Wordensein steht, sondern im Werden,5 dass wir all unser Handeln und Reden in unsrem besondern Beruf immer nur als einen Anfang, als ein Wollen betrachten, dessen Vollkommenheit in nichts Anderem besteht als in der bleibenden Richtung auf das Ziel bei uns und bei denen, an denen wir unsern Beruf auszuüben haben.

Unser Beruf ist es, als Botschafter an Christi statt [2.Kor. 5,20] die Menschen immer wieder daran zu erinnern, dass es in der Geschichte und in der Gegenwart eine Kraftquelle gibt, die ihr Leben erst wirklich zum Leben zu machen geeignet ist, ihnen den Weg dazu zu zeigen, wie er uns aus unsrer persönlichen Erfahrung und aus dem Studium des geschichtlichen Lebens der Religion deutlich geworden ist, und sie vor alten und neuen Irrwegen zu bewahren durch freundschaftlichen Rat. Endlich denen, die jenen Weg gehen wollen, durch Aufmunterung und Warnung beizustehen. Gute Freunde, Wegweiser, Führer sein auf dem Gebiet des innern Lebens, mit dessen Fragen wir uns besonders vertraut gemacht haben – mehr können wir nicht. Die Zeiten sind auf immer vorbei, wo die Pfarrer nicht nur als Botschafter, sondern als Statthalter gelten wollten und galten. Wir Pfarrer und Theologen haben die Religion weder zu verwalten noch auszuteilen, |146 sondern immer nur zu wecken, zu fördern, zu gestalten. Der nämliche Paulus sagt an andrer Stelle: «Nicht dass wir Herren seien über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude, denn ihr steht im Glauben» [2.Kor. 1,24]. Gottlob, dass sich diese Auffassung in den Kirchen der Reformation immer wieder durchgesetzt hat.

So ist unsre Aufgabe äußerlich und innerlich eine bescheidene. Und wie unüberwindbar schwierig und groß erscheint doch, was übrigbleibt, jenes Freundes- und Bruderamt an der Bildung des innern Lebens.

Wir sollen euch helfen in der zentralsten Angelegenheit des Menschen, im Offenwerden für Gottes Stimme und Wille in eurem Leben. Muss sich da nicht die Frage immer wieder aufdrängen: Wie steht’s mit dir selber, Theologe? Muss uns nicht in manchen Augenblicken das Wort von den blinden Blindenleitern erschreckend vor die Erinnerung treten? [vgl. Mt. 15,14 par.] Wir sollen euch durch unsere Art, durch’s Leben zu gehen, das Christentum vorleben. Aber wie steht’s mit unsrer eigenen sittlichen Durchbildung? Könnte es nicht sein, ja ist es nicht sicher so, dass mancher von denen, die wir führen sollten, uns an Charakter und Reife weit überlegen ist?

Wir sollten euch helfen, eure religiöse Gewissheit auch in klare Gedanken und Überzeugungen umzuprägen, um sie wetterfest zu machen inmitten des vielbelebten und reichen geistigen Lebens der Gegenwart. Und wie oft werden wir selbst vor Rätsel gestellt, die aller gedanklichen Verarbeitung zu spotten scheinen, wie oft wird die beste theologische Bildung kapitulieren müssen vor der Tatsache, dass alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist?6 – Welchen innern Reichtum an Glaubenserfahrung, an sittlicher Kraft, an überzeugender Wucht des Denkens müsste ein Theologe besitzen, der dem Amt, das ihm die Kirche anvertraut, ganz gerecht werden wollte. Und welche Tiefe des |147 Gemüts, welche Vielseitigkeit der Persönlichkeit, welche geistige und körperliche Arbeitsfähigkeit!

Meine Freunde! Wenn wir unter diesen Umständen noch mit der Frage nach der Vollkommenheit an die Wirksamkeit eines Theologen und an seine Wirkungen bei seinen Hörern und Mitstreitern herantreten wollen, dann kann es im Sinne des Evangeliums, gerade wie Paulus es uns vermittelt, nur nach einer Richtung geschehen. Die erste Losung und die letzte für den Pfarrer und für die ganze Gemeinde muss sein: das Ziel im Auge behalten. Unser Anfang und unser Ziel ist aber Christus als die geschichtliche Kundgebung Gottes, die uns Vorbild ist und Kraft in einem Mal.7 Und so ist es das Beste, was wir heute tun können, wenn wir alle Gott herzlich bitten

Zieh mich, o Vater, zu dem Sohne,
damit dein Sohn mich wieder zieh zu dir.8

– ihn zu bitten, dass er Christum immer reicher und deutlicher werden lasse in unsrer Mitte. Dann werden wir, Gemeinde und Pfarrer, einander etwas sein können als Freunde und Brüder und Schwestern, nicht in Vollkommenheit, aber wir jagen ihm nach, ob wir es ergreifen möchten.

III

Je tiefer und reiner unser Glaube ist, desto mehr lernt er hinausschauen über die engen Grenzen des eigenen persönlichen religiösen Lebens, hinausschauen auch über das Arbeiten, Suchen und Finden in den Gemeinden da und dort, hinausschauen auf das große Ganze des Werks, das Gott unter den Menschen treibt, desto mehr lernt er |148 hinhorchen auf die verborgene Arbeit der mancherlei Stoßkräfte des Willens Gottes in den großen und kleinen Ereignissen des äußern Lebens. Schließlich ist doch dieser Glaube nicht Privatangelegenheit hier eines Mannes und dort einer Frau, hier eines Pfarrers und dort einer Gemeinde, sondern der Sieg, der die Welt überwinden soll und überwinden wird [vgl. 1.Joh. 5,4]. Diese starke Zuversicht nach außen hat das Urchristentum durch die größten Stürme getragen, im Christentum der römischen Kirche hat sie eine eindrucksvolle Verkörperung gefunden, und Johannes Calvin hat sie mit Recht auch auf die Fahne der Genfer Reformation geschrieben. Christus Sieger auf der ganzen Erde, die Menschheit geeinigt zu einem Bunde der Gerechtigkeit und des Friedens, das ist der Inhalt dieser Zuversicht, und wir fühlen es, dass diese Zuversicht Lebenskraft geben kann, um Taten zu tun.

Aber wie fremd und fast phantastisch mutet uns das Bild an, sobald wir es versuchen, es als gegenwärtige Wahrheit zu denken. Wir erkennen, dass die Verchristlichung der Kultur in ihren unendlichen Spielarten und Stufen, um die es sich da handelt, eine Aufgabe ist, deren Lösung nicht so einfach ist, wie noch das 16. Jahrhundert sie sehen durfte. Wir ahnen, dass nur die Arbeit von innen heraus, von Mensch zu Mensch hier helfen kann, und wir sehen auch hier die Perspektive sich ins Unendliche erstrecken. Den Blick auf jenes Ziel gerichtet, gestärkt am Bewusstsein seiner Wirklichkeit, wendet sich auch hier der Glaube wieder dem Nächsten, Erreichbaren zu, nicht als ob er es damit ergriffen hätte, er jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte.

Zuletzt das Eine: (Dies gilt im Reich Gottes, das wir hoffen, in der Gemeinde, die wir schauen, und im persönlichen Christenstand, den wir leben) Nicht an unserm Wollen und Laufen hängt das Gelingen [vgl. Röm. 9,16]. So der Herr nicht das Haus bauet, arbeiten umsonst, die daran bauen [Ps. 127,1]. Und so ist’s immer wieder Gottes unverdiente Gnade, wenn er uns in Christo ergreifen will. So sagen wir:

Ich bin zufrieden,
Dass ich die Stadt gesehn,
Und ohn’ Ermüden
Will ich ihr näher gehn
149 Und ihre hellen, goldnen Gassen
Lebenslang nicht aus den Augen lassen.9

Und so wollen wir Alle in Gottes Namen seine Handlanger sein und werden.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «jene».↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩
c
Der vorstehende Satz stand im Mskr. ursprünglich am Ende des Absatzes und wurde nachträglich mit einer Bleistiftkorrektur verschoben.↩
d
Ein im Mskr. ursprünglich folgendes «aber» wurde nachträglich mit Bleistift gestrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «nun».↩
g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «des».↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Nicht».↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Χρ᾽ο» = Christo.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Menschheit».↩

Sachfußnoten

1
Am 16. September 1909 hatte Barth die Stelle eines Hilfspredigers in der deutschsprachigen Gemeinde der Genfer Église nationale angetreten. Dazu und zu den Umständen seines dortigen Lebens und seinen Eindrücken von der Genfer Gemeinde vgl. oben, S. XI­-XIII, sowie Busch, S. 63–71 📖.↩
2
Aus der dritten Strophe des Gedichts «Die Worte des Glaubens» von Fr. Schiller (Erstdruck 1797; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 214f., dort S. 215) 📖.↩
3
Die aus der Rezeption der platonischen Philosophie abgeleitete und die Erweiterung der Philosophie durch die Ästhetik aufgreifende Trias vom Wahren, Guten und Schönen war eine kulturelle Leitidee des 18. und 19. Jahrhunderts, zu deren Popularisierung das Gedicht «Epilog zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe (Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966, S. 92–95) 📖 beitrug, in dessen vierter Strophe (a.a.O., S. 93) es heißt:
Indessen schritt sein Geist gewaltig fort
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen,
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.
Vgl. dazu und zu der seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Kritik an der Verwendung der Trias: G. Kurz, Das Wahre, Gute, Schöne. Aufstieg, Fall und Fortbestehen einer Trias, Paderborn 2015 📖.↩
4
Der Sieger eines jeden Wettbewerbs in den antiken Spielen von Olympia erhielt einen Palmzweig, ein Stirnband und einen Kranz aus Ölbaumzweigen.↩
5
Vgl. M. Luther, Annotationes in aliquot capita Matthaei (1538): «Christianus enim non est in facto, sed in fieri» (WA 38, 568,37 📖; Übersetzung bei Walch2 7, S. 216: «Denn ein Christ ist nicht etwas Vollendetes, sondern im Werden»).↩
6
Vgl. den Beginn des abschließenden Gesangs des Chorus Mysticus in: J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, Fünfter Akt (Bergschluchten) 📖:
Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.
↩
7
Die Bezeichnung Jesu Christi und seines Wirkens als «geschichtlicher Kundgebung Gottes» spielt an auf zentrale Begriffe Wilhelm Herrmanns, von dessen Theologie Barth damals noch stark beeinflusst war (vgl. Busch, S. 56f. 64 📖). Vgl. etwa W. Herrmann, Die Gewißheit des Glaubens und die Freiheit der Theologie, Freiburg i. Br. 18892, S. 32 📖: «Was Jesus an uns bewirkt, wird uns zu einer That Gottes. Indem er durch seine geschichtliche Erscheinung Gott in unseren Gesichtskreis bringt, wird er selbst die Kundgebung, durch welche Gott uns nahe kommt.»↩
8
Beginn der zweiten Strophe des Liedes «Dir, dir, Jehova, will ich singen» von B. Crasselius (RG 243; EG 328 [Titel dort: «Dir, dir, o Höchster, will ich singen»]) 🎵.↩
9
Strophe 5 des Liedes «Ich hab’ von ferne» von J. T. Hermes (GERS 352) 🎵.↩