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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 17</title>
        <title type="content">Psalm: Markus 1,16-18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm: Markus 1,16-18, 10. Oktober 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 17: Psalm: Markus 1,16-18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">19</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,16-18, 10. Oktober 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1460">KBA 995</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1909-10-10">10. Oktober 1909</date>
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                    <idno>17</idno>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1909-10-10">Sonntag, den
                            10. Oktober 1909</date> <date rend="right">(18. nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.16 Mk.1.18">Markus 1,16–18</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">
                                    <hi rend="italic">Da Jesus am <placeName ref="kbga-places-947">galiläischen See</placeName></hi>
                                    <hi rend="italic">dahinzog, sah er <persName ref="kbga-actors-1814">Simon</persName></hi>
                                    <hi rend="italic">und Simons Bruder <persName ref="kbga-actors-2148">Andreas</persName></hi>
                                    <hi rend="italic">, wie sie ihre Netze im
                                        See auswarfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach
                                        zu ihnen: Folget mir nach; ich will euch zu
                                        Menschenfischern machen. Alsbald verließen sie ihre
                                        Netze und folgten ihm nach.</hi></hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>
                    <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> sind Menschen, die in
                    Jesus die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung">Offenbarung</term>, die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Kraft</term>, das <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vorbild">Vorbild</term> gefunden haben, das ihr ganzes Leben in den Sonnenschein
                    der göttlichen Liebe und des göttlichen Willens stellt. Keiner erlebt und
                    erfährt das genau so wie der andre. Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist nicht eine Maschine, die tagaus
                    tagein, jahraus jahrein, dasselbe exakt gewobene und gefärbte Band zu Tage
                    fördert. <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Das Reich Gottes ist ein lebendiger,
                    wachsender, sprossender Baum mit tausenden von <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Baum mit vielen Blättern">Blättern</term>, die alle
                        <hi rend="italic">seine</hi> Blätter sind, und doch ist keins wie das andre. Wir
                    haben Christen des Verstandes in unsrer Mitte, Christen des Wollens,
                    Christen des Gefühls und der Stimmung. In keinem ist die Mischung der
                    Elemente dieselbe, auch der Letzte und Einfachste und Verborgenste zeigt
                    sich bei genauem Zusehen als ein ganz besonderes, eigenartiges Werk der
                    schaffenden <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gotteskraft</term>. Und
                    doch ist diese Gotteskraft in allen die nämliche, und wenn wir fragen, was
                    es denn sei um diese Gotteskraft, so kommt uns Allen irgendwie der Name
                    Jesus auf die Lippen. Nur dass es mit diesem Namen, der uns über die Lippen
                    geht und in dem sich alle Christen zusammenfinden, nicht getan ist. Jesu
                    Jüngerschaft ist bei aller Freiheit und Verschiedenheit seiner <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> etwas sehr Bestimmtes. Es gibt
                    viele Bäume, aber nur einer ist der Fruchtbaum des Reiches Gottes. Und so
                    wollen wir es heute versuchen, uns um das Eine, Bestimmte zu sammeln, das
                    den <term type="Sachen" key="Christen, was den Christen ausmacht">Christen</term> ausmacht. Die alte, einfache Erzählung des Evangeliums
                    von den beiden ersten, die Jesu <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Jünger geworden
                    sind, soll uns dazu Anleitung geben.</p>
                <div>
                    <pb xml:id="p151" ed="pga"/>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Jesus hat die Menschen, die er zu seinen Jüngern aufrufen
                        wollte, bei der <term type="Sachen" key="Arbeit">
                                <hi rend="italic">Arbeit</hi></term> gefunden. Das ist das erste, was uns bei
                        dem kurzen Bericht des Evangelisten in die Augen springt. «Sie warfen
                        ihre Netze im See aus, <hi rend="italic">denn sie waren Fischer</hi>.» Wir hören
                        nichts von frommer Einsamkeit, die die weltlichen Dinge hinter sich
                        lässt, um in andächtiger Betrachtung Gott zu suchen. Wir hören nichts
                        von besondern Übungen der Gottseligkeit. Wir hören aber, dass <persName ref="kbga-actors-1814">Simon</persName> und <persName ref="kbga-actors-2148">Andreas</persName> in der Erfüllung der harten Pflicht
                        ihres täglichen Berufes mitten drin <term type="Sachen" key="Jünger, Wurzeln im Alltagsleben">standen</term>, als Jesus sie
                        traf. <hi rend="italic">Wir</hi> denken uns die Sache manchmal anders, wenn wir
                        von <term type="Sachen" key="Bekehrung">Bekehrung</term> und Frommwerden
                        reden. Wer vom <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>
                        nichts wissen will, entschuldigt sich am liebsten damit, dass er keine
                        Zeit habe für solche Dinge, weil sein Beruf ihn gerade genug
                        beschäftige. Und die Frommen selbst pflegen sich manchmal so zu stellen,
                        als ob es eigentlich das Beste <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> wäre, sich
                        wie die wunderlichen Heiligen alter <term type="Sachen" key="Styliten">Zeiten</term> auf eine hohe Säule mitten in der Wüste zu setzen, um
                        da auf den lieben Gott zu warten, fern von den Aufregungen und Sorgen
                        des täglichen Lebens.<note xml:id="n01">Gemeint sind die
                            Styliten, eine vor allem im fünften und sechsten Jahrhundert
                            besonders im syrischen Raum auftretende Sonderform des
                            anachoretischen Mönchtums, deren Vertreter dem Beispiel 
                                <persName ref="kbga-actors-9162">Simeons des Styliten</persName>
                            (389–459) folgten und ihr Leben als Zeichen besonderer Askese
                            auf dem Kapitell einer Säule verbrachten. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2526">
                                    <persName ref="kbga-actors-9163">W. M. Gessel</persName>, Art.
                            «Styliten», in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 9, Sp. 1065</bibl>.</note> Jesu
                        Meinung war das nicht, als er inmitten des menschenreichen und belebten
                        Landes <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> mit der
                        Verkündigung auftrat, dass das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> nahe herbeigekommen sei, und mit
                        dem Aufruf zur <term type="Sachen" key="Buße">Buße</term> und zum <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> an diese große und
                        einfache Tatsache [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.15">Mk. 1,15</ref> par.]. Es war für ihn kein Zufall, sondern das einzig
                        Mögliche und Notwendige, dass er mit seiner Botschaft nicht etwa zu der
                        jüdischen Sekte der <term type="Sachen" key="Essener">Essener</term>
                        gegangen ist, die im Gebirge jenseits des <placeName ref="kbga-places-926">Jordans</placeName> in frommer Abgeschiedenheit unter
                        allerlei Entsagungen Gott in besonderer Weise zu dienen meinten,<note xml:id="n02">Die Essener sind eine von antiken Autoren
                            beschriebene Gruppe im antiken Judentum bis zur Zerstörung des
                            Tempels. Besonders <bibl corresp="kbga-bibls-2527">
                                    <persName ref="kbga-actors-9164">Flavius Josephus</persName> beschreibt in <hi rend="italic">De
                                bello Judaico</hi> 2,119–161</bibl>, ihre strengen,
                            asketischen Lebensregeln. Vielfach wird vermutet, dass es sich bei
                            der in Qumran lebenden Gemeinschaft um Essener gehandelt habe. Vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2528">
                                    <persName ref="kbga-actors-9165">H. Lichtenberger</persName>, Art. «Essener / Therapeuten», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> II, Sp. 1590–1592</bibl>.</note>
                        <pb xml:id="p152" ed="pga"/> noch viel weniger zu den reichen <term type="Sachen" key="Müßiggänger">Müßiggängern</term>, die es in den
                        Städten am<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Mskr.: «im»; von den Hrsg. korrigiert.</note>
                         See auch gab, oder zu dem bettelnden Gesindel an den großen
                        römischen Landstraßen. Jesu erster Weg und Jesu einziger Weg führte ihn
                        zu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, sein Weg führte ihn zu Arbeitern">Arbeitern</term>, führte ihn zu Menschen, die im Schweiß ihres
                        Angesichts ihr tägliches Brot verdienten. Er wusste, dass der Same, den
                        er auszusäen gekommen war, nicht aufgehen konnte <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> in dem übersättigten Erdreich frommer und unfrommer
                        Beschaulichkeit und Tatlosigkeit, sondern nur da, wo Menschen schaffend
                        sich regen und bewegen. Und so ist er zu den Fischern am See
                        gegangen.</p>
                    <p>Meine Freunde! Es ist nicht anders: wenn wir Gottes gewahr werden wollen,
                        wie jene Fischer seiner handgreiflich gewahr geworden sind in dem
                        Moment, da Jesu sie aufrief, dann müssen wir wissen, was irdische <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> ist. Dann müssen wir einen
                        bestimmten Platz auf der Erde haben, von dem wir wissen: hier stehe ich
                        nicht zwecklos und nicht zu meinem Vergnügen; hier stehe und arbeite
                        ich, weil ich es <hi rend="italic">muss</hi>, weil ich mir selbst und den Meinigen
                        Brot schaffen muss, weil ich an diesem Platz meinen besondern <term type="Sachen" key="Beruf">
                                <hi rend="italic">Beruf</hi></term> habe, dem ich
                        mich nicht entziehen darf. Denn seht, wir kommen nicht darum herum: nur
                        wer mit einem bestimmten Ziel, und wäre es noch so klein und bescheiden,
                        arbeitet auf der Erde, nur der kommt überhaupt in die innere Lage, Gott
                        nötig zu haben und Gottes Stimme zu verstehen. Wie der Müßiggang aller
                        Laster Anfang ist, so ist das Handeln, die <term type="Sachen" key="Arbeit, Anfang der inneren Erhebung">Arbeit</term> der Anfang
                        aller innern Erhebung. Von außen gesehen hat freilich die Arbeit vieler,
                        vielleicht der meisten <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Menschen wenig
                        Erhebendes. Da ist der Handlanger, der Tag für Tag mit derselben
                        eintönigen Verrichtung sein Leben zubringt. Da ist der Fabrikarbeiter,
                        der in einer rußigen, lärmenden Werkstätte Tag für Tag denselben
                        Handgriff zu besorgen hat, hoffnungslos scheinbar von Ewigkeit zu
                        Ewigkeit. Da ist die Schneiderin oder Näherin, die in ihrem Zimmer hoch
                        oben unter dem Dach Tag für Tag um erbärmlich niedern Lohn ihre <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> tut. Da sind so viele
                        Andere, die Tag für Tag in einer Tretmühle drinstecken, aus der sie nach
                        Erlösung seufzen, weil sie ihnen das Herz leer lässt. Manche unbekannte
                        Werkstatt, manches Bureau, manches Schulzimmer hört und sieht täglich
                        dieses Seufzen arbeitender Männer und Frauen. Wer wagt es, über dieses
                        Seufzen zu schelten? Aber <pb xml:id="p153" ed="pga"/> eins wollen wir: allen
                        diesen von der Arbeit beladenen und bedrückten Menschen sagen, dass
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, hält es mit den Arbeitern">Jesus</term> es mit den Arbeitern gehalten hat, dass Jesus zu den
                        Arbeitern gegangen ist, um ihnen zu sagen, dass Gott da sei, <hi rend="italic">für
                            sie</hi> da sei, wenn sie ihn bloß haben wollten.</p>
                    <p> Denn die <term type="Sachen" key="Arbeit, Anfang der inneren Erhebung">Arbeit</term>
                        <hi rend="italic">ist</hi> der Anfang innerer Erhebung – auch die Arbeit,
                        die uns seufzen macht –, wenn sie <hi rend="italic">rechte</hi>
                        <term type="Sachen" key="Arbeit, rechte">Arbeit</term> ist. Und ob sie
                            <hi rend="italic">rechte</hi> Arbeit ist, <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> das
                        hängt nicht ab von den Umständen, in denen wir zu arbeiten haben, nicht
                        vom äußern Erfolg, sondern von <hi rend="italic">dir</hi> und <hi rend="italic">mir</hi>
                        selbst, die die Arbeit zu tun haben. Man redet nicht mehr so häufig vom
                            <hi rend="italic">Segen</hi> der <term type="Sachen" key="Arbeit, Segen Gottes">Arbeit</term>, wie frühere Zeiten es mit
                        gutem Recht konnten, weil sie die drückenden Verhältnisse des großen
                        Betriebs und vor Allem die<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                «der».</note>
                        
                        <term type="Sachen" key="Arbeit, Maschinenarbeit">Maschinenarbeit</term>
                        noch nicht kannten. Aber seht, ein kleines Stückchen von diesem Segen
                        kann auch heute der kleinste Arbeiter und die letzte Arbeiterin
                        erfahren, und dies Stückchen ist gerade groß genug, weil es der Segen
                            <hi rend="italic">Gottes</hi> ist, und Gott ist in unsern Tagen nicht kleiner,
                        sondern größer geworden.</p>
                    <p> Der Segen der <term type="Sachen" key="Arbeit, Segen Gottes">Arbeit</term> ist, dass sie uns sagt, <hi rend="italic">warum wir da
                            sind</hi>. Jeder Hammerschlag und jeder Nadelstich und jede
                        geschriebene oder gelesene Seite sagt uns, dass wir irgend einem Zweck
                        unsrer <term type="Sachen" key="Arbeit, Zweck">Arbeit</term> näher
                        gekommen sind. Jeder Arbeitstag, der hinter uns liegt, sagt uns, dass
                        wir dem Sinn und Ziel unsres <term type="Sachen" key="Beruf">Berufs</term> näher gekommen sind. Nicht wahr, ihr kennt das alle,
                        in diesem Gefühl ist neben der Freude, dass die Arbeit vorbei ist, dass
                        der wohlverdiente Lohn näher winkt, noch etwas Anderes, Feineres. Es
                        besteht darin, dass wir uns dann sagen dürfen: du hast etwas getan, was
                        dir ein Recht gibt, dazusein, du hast dir deinen <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Platz, deinen kleinen Platz an der Sonne verdient,<note xml:id="n03">Die Rede vom «Platz an der Sonne» wird hier
                            im ursprünglichen Sinn verwendet, in dem sie einen Ort der
                            Unbeschwertheit, losgelöst von den Problemen und Sorgen des Alltags,
                            bezeichnet. Seitdem der spätere deutsche Reichskanzler 
                                <persName ref="kbga-actors-1347">Bernhard von Bülow</persName>
                            (1849–1929) am 6. Dezember 1897 diesen Ausdruck gebrauchte,
                            um damit den deutschen Anspruch auf den Besitz von Kolonien in
                            Afrika und Asien zu untermauern, wurde diese Formulierung weit
                            überwiegend zur Metapher für das deutsche Großmachtstreben und den
                            damit verbundenen Kolonialismus; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-827">
                                    Büchmann, S. 496</bibl>.</note> du bist
                        keine Drohne, sondern eine Arbeitsbiene in dem unendlich großen <pb xml:id="p154" ed="pga"/> Bienenkorb der menschlichen Arbeit. Dieses
                        verborgene, aber nie ganz verschwindende, stille, aber bestimmte Gefühl
                            <hi rend="italic">adelt</hi> die Menschen, die arbeiten, es gibt ihnen, so
                        geringfügig das, was sie tun, in den Augen Andrer immer sein mag, einen
                        stillen <term type="Sachen" key="Arbeit, erfüllt mit Stolz">Stolz</term>. Sie wissen dann: ich bin keine Maschine und ich bin kein
                        Sklave, sondern ich arbeite, weil ein rechter <term type="Sachen" key="Mensch, ein rechter M. muss arbeiten">Mensch</term> arbeiten
                            <hi rend="italic">muss</hi>.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Das ist’s ja, was den Menschen zieret.</l>
                                <l>Und dazu ward ihm der Verstand,</l>
                                <l>Dass er im innern Herzen spüret,</l>
                                <l>Was er erschafft mit seiner Hand.<note xml:id="n04">Aus der <bibl corresp="kbga-bibls-1267">zweiten Strophe des Gedichts «Das Lied
                                        von der Glocke» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck
                                        1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 429–442, dort S. 430)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Aber dieser Stolz der Arbeit ist nicht Alles. Der Stolz
                        der Arbeit führt den ernsten Menschen in die Tiefe, er führt ihn weiter
                        zu der Überzeugung, dass das, was er erschafft mit seiner Hand, und der
                        große oder kleine Lohn, den er dafür bekommt, noch nicht der letzte Sinn
                        seines <term type="Sachen" key="Sinn, Sinnfrage">Daseins</term> sein
                        kann. Vielleicht bleibt’s bei der <hi rend="italic">Frage</hi> nach dem
                        Sinn des Daseins, bei der schweren, dumpfen, bittern Frage: Wozu das
                        alles? Wozu die Arbeit? Wozu der Lohn? Wozu das Leben? Wir wissen, wie
                        gerade in unsrer Zeit hunderte und tausende leiden unter dem Gewicht
                        dieser Fragen ohne Antwort. Andere dringen tiefer und finden den <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Anfang einer Antwort – wohl denen,
                        die’s können. Sie spüren etwas davon, dass rechte <term type="Sachen" key="Arbeit, rechte">Arbeit</term> im Grunde immer
                        anfangen und enden muss mit der Arbeit an sich <term type="Sachen" key="Arbeit, an sich selbst">selbst</term>, mit der Arbeit an
                        Charakter, Herz und Willen. Aber gleichviel: Die bloß fragen, ohne
                        Antwort zu finden, und die sich einer Antwort freuen, die ihnen aus dem
                        tiefsten Wesen ihres Geistes geworden ist, beide sind durch die Arbeit
                        und die Vertiefung, die sie unserm Leben gibt, vorgedrungen zu dem
                        verborgenen Grund alles Lebens, zu den Pforten der geheimnisvollen
                        Tatsachen, die sich in jedes Menschen Brust ankündigen, leise und
                        zweifelnd hier, laut und siegesgewiss dort.</p>
                    <p> Seht, diese innere Lage, in die uns die <term type="Sachen" key="Not">Not</term> und <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> des
                            <term type="Sachen" key="Alltagsleben">Alltagslebens</term> auf
                        mancherlei Weise führt, diese innere Lage ist der fruchtbare Boden, den
                        der Säemann sucht, von dem wir geredet. Der <term type="Sachen" key="Müßiggänger">Müßiggänger</term> und der Einsiedler auf der
                        Säule in der <term type="Sachen" key="Styliten">Wüste</term> kennen
                        diese Lage <pb xml:id="p155" ed="pga"/> nicht. Die Männer und Frauen der
                        Arbeit wissen davon zu reden. Ihnen <hi rend="italic">muss</hi> sich die Tatsache
                        aufdrängen, dass alles Wirken und Schaffen an den Dingen des sichtbaren
                        äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Lebens</term> hinweist
                        auf ein verborgenes Wirken und <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Schaffen
                        einer innern, einer größern <term type="Sachen" key="Welt, innere größere">Welt</term>. Und in ihnen
                            <hi rend="italic">muss</hi> die Sehnsucht, der Wille, die Hoffnung
                        platzgreifen, Anteil zu haben an dem Größern, was hinter dem
                        Schattenspiel des Sichtbaren<note xml:id="n05">Anspielung auf
                            das<bibl corresp="kbga-bibls-2530"> <bibl corresp="kbga-bibls-2529">«Höhlengleichnis» in: <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, <hi rend="italic">Politeia</hi> VII, bes.
                            514a–518b</bibl>; vgl. <persName ref="kbga-actors-9166">Th. A. Slezák</persName>, <hi rend="italic">Das
                                Höhlengleichnis (Buch VII 514a–521b und
                                539d–541b)</hi>, in: O. Höffe (Hrsg.), <hi rend="italic">Platon.
                                Politeia</hi>, Berlin 2011<hi rend="sup">3</hi>,
                            S. 155–173</bibl>.</note> verborgen ist. Ihr kennt ja die Strophe
                        aus dem wundervollen Liede <persName ref="kbga-actors-6916">Josephs von Eichendorff</persName>:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Die Welt mit ihrem Gram und Glücke</l>
                                <l>Will ich, ein Pilger, frohbereit</l>
                                <l>Betreten nur wie eine Brücke</l>
                                <l>Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.<note xml:id="n06">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2531">Strophe 3 des Liedes «Morgengebet» von 
                                            <persName ref="kbga-actors-6916">J. von Eichendorff</persName> (Erstdruck 1834; ders.,
                                            <hi rend="italic">Werke</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Gedichte, Versepen,
                                            Dramen, Autobiographisches</hi>, hrsg. von A.
                                        Hillach, München 1970, S. 265f.)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Das ist der innere Sinn, den die rechtschaffene <term type="Sachen" key="Sinn, durch Arbeit hervorgebracht">Arbeit</term>
                        in uns hervorbringt, und dieser Sinn allein macht uns fähig, Gottes
                        gewahr zu werden.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Zu solchen Menschen, die in einfacher irdischer Arbeit
                        gelernt hatten, nach den Tiefen ihres Daseins zu fragen, in denen etwas
                        schrie, hoffnungsvoll jauchzend oder verzweiflungsvoll seufzend nach
                        einem größern <term type="Sachen" key="Leben, größeres">Leben</term>, zu
                        solchen Menschen ist Jesus gegangen und hat ihnen gesagt: <hi rend="italic">Folget
                            mir <term type="Sachen" key="Nachfolge">nach!</term></hi> Ihr seid
                        Fischer, <hi rend="italic">ich will euch zu Menschenfischern machen</hi>. Er hat
                        ihnen nicht gesagt: ihr müsst dies und das <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                        glauben, was ich euch sage, und dies und das tun, was ich euch
                        vorschreibe. <hi rend="italic">Folget mir nach!</hi> Alles Weitere ergibt sich
                        dann von selbst. Wir wissen nicht, ob <persName ref="kbga-actors-1814">Simon</persName> und <persName ref="kbga-actors-2148">Andreas</persName>
                        schon vorher etwas gehört haben von Taten oder Worten Jesu, wir haben
                        keinen Grund, so etwas anzunehmen. Sicher ist, dass in jenem Augenblick
                        etwas durch sie hindurchgegangen sein muss wie ein Blitz, der ihnen
                        inmitten der Dunkelheit ihres täglichen Arbeitslebens auf einen Schlag
                        den Weg zu <pb xml:id="p156" ed="pga"/> jener Brücke zeigte, die über den
                        Strom der Zeit in die Welt wirklichen, größern <term type="Sachen" key="Leben, größeres">Lebens</term> führt. Folget mir nach! hatte
                        der Mann zu ihnen gesagt, der da zu ihnen getreten war, und ein Blick in
                        seine Augen voll tiefster Klarheit und Gewissheit sagte ihnen besser als
                        alle Erklärungen, was er damit meinte. Zu sein, wie dieser Mann war, im
                        innersten Herzen das haben, was ihn so klar und ruhig und sicher machte,
                        das leuchtete ihnen ein als der Weg, der zu jenem Ziel führt. Was in
                        ihnen vorging, war nicht eine kluge Überredung ihres Verstandes, nicht
                        blinde Unterwerfung unter irgend einen schönen Glaubenssatz, unter
                        irgend ein neues <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> oder
                        Gesetzlein. Sie waren am Leben selbst gepackt, das tiefer ist als
                        Verstand <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> und Wille und das den Menschen
                        erst zum Menschen macht. Dies Leben in ihnen hatte geschrien nach
                        höherem Leben. Nun sie diesem Mann begegneten, wussten sie, dass die
                        Hoffnung und Gewissheit, zu der sie die harte Arbeit erzogen hatte,
                        nicht eine schöne Täuschung war. Was sie in jenem Augenblick erlebten,
                        das war, dass sie <term type="Sachen" key="Vertrauen">
                                <hi rend="italic">Vertrauen</hi></term> fassten, tiefes, herzliches
                        Vertrauen. Sie sahen es auf den ersten Blick, und sie lernten es später
                        immer mehr sehen, dass der da zu ihnen sprach, zwar<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                         ein schlichter Mensch war wie sie auch, aber mit einer tiefen,
                        stillen Güte und Kraft im Herzen, an der sie gewahr wurden, dass da die
                        verborgene Macht in ihr Leben getreten war, nach der sie sich lange<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                «oft».</note>
                         gesehnt, nach der sie oft gefragt und geseufzt hatten. –
                        |</p>
                    <p>Liebe Freunde! Wir können nicht mehr mit Jesus am Ufer des <placeName ref="kbga-places-947">Sees von
                            Galiläa</placeName> stehen, wir können ihm nicht mehr in die Augen blicken,
                        wir können nicht mehr seine Hände fassen und dem starken, warmen Klang
                        seiner Stimme lauschen wie dort die beiden Fischer. Wir können’s
                        nicht mehr und wir können’s doch. Jesus ist uns durch die lange
                        Zeit, die zwischen ihm und uns liegt, ferner gerückt, und doch ist er
                        uns unendlich nahe. Denn was jenen zwei Leuten am See das große, starke
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Vertrauen einflößte, das waren ja schließlich<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                         nicht seine Augen, seine Hände, seine äußere Erscheinung. All das
                        war ja nur das helle, schöne Transparentbild<note xml:id="n07">Transparentbilder oder Diaphanien, deren Motive im
                            durchscheinenden Licht farbig leuchten, waren besonders in den
                            Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg als Dekoration von Fenstern
                            oder Glastüren in bürgerlichen Haushalten sehr beliebt.</note> eines
                        viel helleren Lichtes, von dem dieses <pb xml:id="p157" ed="pga"/> Bild den
                        leuchtenden Schein bekam, des Lichtes der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottesliebe">Gottesliebe</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gotteskraft">Gotteskraft</term>,
                        die in ihm war. Das Transparentbild ist für uns ein anderes. Der Mensch
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> ist uns nicht mehr sichtbar, wie er dort jenen Männern
                        sichtbar war. Aber das Licht, das in dem Menschen Jesus zum ersten Mal
                        auf die Erde gekommen war, ist nicht nur dageblieben, sondern gewachsen.
                        Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> und Gottes
                            <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Kraft</term> ist im Namen Jesu
                        weitergetragen worden, <term type="Sachen" key="Vertrauen">Vertrauen</term> weckend und verbreitend, wohin sie kam. Ich sage,
                        diese Liebe und diese Kraft, die den Menschen das große Vertrauen gibt,
                        ist <hi rend="italic">gewachsen</hi>, denn sie ist von Wenigen zu unendlich Vielen
                        gekommen. Und doch ist sie dieselbe geblieben, und darum haben wir immer
                        wieder keinen andern Namen dafür als den Namen Jesus. Jesus will auch
                        dir und mir in die Augen schauen und uns aufrufen zum großen Vertrauen,
                        wenn wir’s nur einmal fertig bringen, inmitten unsres Arbeitens
                        und Schaffens wie dort die Fischer die Augen aufzuheben, um ihn zu
                        sehen. Er geht an uns <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wirkungen">vorbei</term> in den Taten
                        herzlicher <term type="Sachen" key="Liebe, Taten der L.">Liebe</term>,
                        die wir <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Menschen in unsrer Umgebung tun
                        sehen, er geht an uns vorbei in der Kraft des Handelns scheinbar
                        schwacher Männer und Frauen, die ihn im Herzen tragen, in dem Ernst der
                            <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term>, die wir von
                        Eltern und Lehrern genießen durften, in den Erlebnissen fremder
                        Menschen, aus denen uns plötzlich sein Wesen entgegenstrahlt. Er geht an
                        uns vorüber in den Erzählungen des Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term>, die wir in der Schule und
                        Kirche hören und in den Ereignissen der <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term>, die uns überliefert sind. Er
                        geht an uns vorüber und sagt zu uns: Folge mir <term type="Sachen" key="Nachfolge">nach!</term> Ich habe das, was dir fehlt, ich will
                        dich trösten, ich will dich stark machen.</p>
                    <p>Aber dann hat Jesus den beiden Fischern noch etwas Anderes gesagt:
                            <hi rend="italic">ich will euch zu Menschenfischern machen</hi>. Ihr seid
                        Leute, die wissen, was Arbeit ist, nun will ich eurem Arbeitsleben nicht
                        nur einen Trost und Halt für das Gemüt geben, sondern ein Ziel für den
                        Willen. Wenn ihr vorher bei aller fleißigen Arbeit oft euch habt fragen
                        müssen: wozu arbeiten wir eigentlich, wozu sind wir eigentlich <term type="Sachen" key="Sinn, Sinnfrage">da?</term>, so werdet
                        ihr’s nun wissen. Wenn die Kraft und Liebe von Gott euch
                        ergriffen hat, wenn ihr mir nachfolgt, dann habt ihr ein Gut, das man
                            <pb xml:id="p158" ed="pga"/> wieder nicht ins Kämmerlein oder in die Wüste
                        trägt, sondern das man im Leben verwendet. Und das Verwenden bedeutet;
                        das man’s weitergibt an <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Andre. Ihr
                        habt gearbeitet, und ihr sollt auch weiterarbeiten, aber nun
                        ist’s eine Arbeit, bei der es kein Seufzen mehr gibt. Wer mir
                        nachfolgt, dem geht das Herz auf für die andern Menschen; da
                        verschwinden die eigenen Sorgen und Bedrängnisse, weil der Blick ein
                        ganz neues Ziel bekommen hat, die große Gemeinschaft unsrer Brüder und
                        Schwestern und derer, die es werden sollen. So kommt zum großen <term type="Sachen" key="Vertrauen, von Jesus Christus gewecktes">
                                <hi rend="italic">Vertrauen</hi></term>, das Jesus in uns weckt, die
                        große <term type="Sachen" key="Liebe, von Jesus Christus entzündete">
                                <hi rend="italic">Liebe</hi></term>, die er in uns entzünden will. Eins
                        kann nicht sein ohne das andre. Man kann Gott nicht haben ohne den
                        Gedanken: wie zeige ich ihn auch den andern? Man kann seiner Kraft und
                        Liebe nicht gewahr geworden sein ohne den unwiderstehlichen Drang, auch
                        andern etwas davon zu geben<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                «zeigen».</note>. – |</p>
                    <p>Ihr wisst, dass Jesus mit dem Menschenfischersein bei jenen ersten beiden
                        Nachfolgern noch etwas Besonderes gemeint hat: ihr Lebensberuf sollte es
                        von nun an sein, von Gott zu zeugen. Aber das ändert nichts daran, dass
                        das Wort allen Christen gilt. Wer Jesus <hi rend="italic">nachfolgen</hi>
                        <term type="Sachen" key="Nachfolge">will</term>, der muss und darf auch
                        ein <term type="Sachen" key="Christen, Menschfischer">
                                <hi rend="italic">Menschenfischer</hi></term> werden. Jesus kennt da
                        keinen Unterschied zwischen <term type="Sachen" key="Apostel">Aposteln</term>, Lehrern, <term type="Sachen" key="Theologen">Pfarrern</term> einerseits und gewöhnlichen <term type="Sachen" key="Christen, gewöhnliche">Christen</term> andrerseits. Sie alle,
                        wenn sie wirklich Christen sind, haben dieselbe Gabe und dieselbe
                        Aufgabe. Menschenfischer sein heißt einfach, jenes ruhige innere Licht
                        des Vertrauens, das Gott in uns angezündet hat, leuchten lassen vor den
                        Leuten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt. 5,16</ref>].
                        Das muss jeder auf seine besondere Weise tun. Hier tun Worte not und
                        dort das einfache Beispiel, hier geschieht’s <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> durch Ernst und dort durch Freudigkeit, hier durch Strenge
                        und dort durch Barmherzigkeit. <hi rend="italic">Wie</hi> wir den andern Menschen
                        Gottes unvergleichliche Gabe zeigen wollen, das gehört der
                        Mannigfaltigkeit des <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreiches</term> an, von der wir sprachen; <hi rend="italic">dass</hi>
                        wir ihnen zeigen, was wir selbst empfangen, dass wir Menschenfischer
                        werden an ihnen als Gottes Fischerknechte, das ist <hi rend="italic">jedes</hi>
                        <term type="Sachen" key="Christen, Menschenfischer">Christen</term>
                        hohes Vorrecht und Privileg, aber auch seine Pflicht, deren Anerkennung
                        durch die Tat ihn erst zum Christen macht.</p>
                    
                
                    <p rend="margin-top">
                            <pb rend="noPipe" xml:id="p159" ed="pga"/> Der Christ hat hinter dem Sichtbaren das große
                        Unsichtbare entdeckt, er hat Gott <term type="Sachen" key="Christen, haben Gott gefunden">gefunden</term>, der ihn zu sich
                        zieht aus lauter Güte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.3">Jer. 31,3</ref>]. Und der Christ sieht sich mit dieser
                        Gabe im Herzen als ein neuer <term type="Sachen" key="Mensch, neuer">Mensch</term> wieder hinausgestellt ins Sichtbare, nicht mehr als
                        ein Arbeiter, der seufzen muss, weil ihn das Sichtbare niederdrückt,
                        sondern als ein <term type="Sachen" key="Christen, Arbeiter im Dienst Gottes">Arbeiter</term>, der sich
                        in Bescheidenheit seiner Arbeit freut, weil er in Gottes Dienst
                        arbeitet.</p>
                    <p>Von den beiden Fischern am See heißt es dann schließlich: <hi rend="italic">Sie
                            verließen ihre Netze und folgten ihm nach</hi>. Beides wurde
                        Wirklichkeit in ihrem Leben: ihre <term type="Sachen" key="Arbeit, Gottesarbeit">Arbeit</term> wurde Gottesarbeit, und
                        ihre Arbeit wurde <term type="Sachen" key="Arbeit, für die Anderen">Arbeit</term> für die Andern. Wir kleinen und großen Arbeiter von
                        heute wollen Gott bitten, dass er uns Beides auch schenke.</p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                </div>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
