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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 16</title>
        <title type="content">Predigt: Philipper 3,12-15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Philipper 3,12-15, 26. September 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53018 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53018</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 16: Predigt: Philipper 3,12-15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">18</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Phil 3,12-15: "Antrittspredigt in der deutschen Gemeinde in Genf", 26. September 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1459">KBA 994.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Phil 3,12-15 (masch.), 26. September 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2115">KBA 994.2</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1909-09-26">26. September 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>16</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <date when="1909-09-26">Sonntag, den 26. September 1909</date> <date rend="right">(16. nach
                            Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                        <head type="event">Antrittspredigt in der deutschen Gemeinde in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName><note xml:id="n01">Am 16. September 1909 hatte Barth die Stelle eines
                                Hilfspredigers in der deutschsprachigen <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Gemeinde</term>
                                der Genfer Église <term type="Sachen" key="Genf (Kanton), Nationalkirche">nationale</term>
                                angetreten. Dazu und zu den Umständen seines dortigen Lebens und
                                seinen Eindrücken von der Genfer Gemeinde vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/pr011#pr011">S. XI­-XIII</ref>, sowie <bibl corresp="kbga-bibls-134">
                                <persName ref="kbga-actors-1513">Busch</persName>, S. 63–71</bibl>.</note>
                    </head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12 Phil.3.15">Philipper 3,12–15</ref>
                     
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Nicht als ob ich es schon
                                    ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre, ich jage ihm
                                    aber nach, ob ich es ergreifen möchte, weil ich auch
                                    ergriffen bin von Christus Jesus. Meine Brüder, ich meine
                                    von mir selbst nicht, dass ich es schon ergriffen habe. Aber
                                    eins: Ich vergesse, was hinter mir liegt, ich strecke mich
                                    aus nach dem, was vor mir liegt; nach dem Ziele jage ich, zu
                                    dem Kampfpreis, den die himmlische Berufung Gottes in
                                    Christo Jesu zeigt. <lb/>Wie viele nun unser vollkommen
                                    sind, die lasset uns also gesinnt sein.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> In den Worten des Apostels <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    aus dem Philipperbrief, die wir eben gehört haben, ist das Grundgesetz alles
                    geistigen <term type="Sachen" key="Leben, geistiges">Lebens</term>
                    ausgesprochen. In den Äußerungen der Weisen, der Dichter, der <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Künstler, der ernsten und tiefen Menschen aller
                    Zeiten, aller Länder und aller Lebensrichtungen tönt es wider in
                    mannigfachster Weise und doch einig im Grundakkord: «Nicht als ob ich es
                    schon ergriffen hätte …, ich jage ihm aber nach».</p>
                <p>So bestimmt die <term type="Sachen" key="Wissenschaft">
                            <hi rend="italic">Wissenschaft</hi></term> ihre Aufgabe, die, des Daseins
                    Gesetze erforschend, feststellend und anwendend, an dem vielgestaltigen
                    Bilde der menschlichen <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> arbeitet. Keine Erkenntnis darf hier als letzte
                    Wahrheit auftreten, jede gewonnene Einsicht kann nur als Sprosse dienen in
                    der scheinbar unendlichen Leiter neuer, besserer Einsichten. Und dennoch
                    hält die <term type="Sachen" key="Wissenschaft, Ziel">Wissenschaft</term>
                    unverdrossen fest an dem Ziel, zu erkennen, was <hi rend="italic">ist</hi> in der
                        <term type="Sachen" key="Natur">Naturwelt</term> und im <term type="Sachen" key="Geschichte">geschichtlichen</term> Leben der
                    Menschen.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p140" ed="pga"/> So ist der tiefste Sinn dessen, was wir <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">
                            <hi rend="italic">Sittlichkeit</hi></term> nennen, der Wille
                    zum <term type="Sachen" key="Sittlichkeit, Gehorsam gegen das Gesetz des Guten">Gehorsam</term>
                    gegen das Gesetz des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>
                    als zu einem <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term>, den wir
                    noch nicht ergriffen, aber dem wir nachjagen unser Leben lang. Wer darf
                    sagen, dass er heute oder gestern oder irgend einmal das Gesetz ganz erfüllt
                    hat? Wer ist gut denn allein Gott 
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.18">Mk. 10,18</ref>], der als der <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/>
                    einzige wahrhaft gute <term type="Sachen" key="Gott, wahrhaft guter Wille">Wille</term> das Ziel unsres Willens ist? Und dennoch wankt und weicht
                    dies Ziel nicht im innersten <term type="Sachen" key="Bewusstsein">Bewusstsein</term> des ernsten sittlichen Menschen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Die <term type="Sachen" key="Tugend">Tugend</term>, sie ist kein
                                leerer Schall,</l>
                            <l>Der Mensch kann sie üben im Leben,</l>
                            <l>Und sollt’ er auch straucheln überall,</l>
                            <l>Er <hi rend="italic">kann</hi> nach der göttlichen
                                    <hi rend="italic">streben</hi>…<note xml:id="n02">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1574">Aus der dritten Strophe des Gedichts «Die Worte des
                                    Glaubens» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck
                                    1797; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 214f., dort S. 215)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">So ist es die letzte geheimnisvolle Bedeutung der <term type="Sachen" key="Kunst">
                            <hi rend="italic">Kunst</hi></term>, das, was Mensch und
                    Welt <hi rend="italic">sind</hi>, durch Töne, durch Formen, durch Gedanken zu bilden
                    zu dem, was sie <hi rend="italic">werden</hi>
                    <term type="Sachen" key="Kunst, bildet Mensch und Welt zu ihrer Bestimmung">sollen</term>. Die Abgründe des wirklichen <term type="Sachen" key="Leben, Abgründe">Lebens</term> wird sie nicht zu überbrücken
                    vermögen, und doch bleibt unverrückbar die ahnende Gewissheit, die aller
                    wahren Kunst innewohnt, die Gewissheit einer aufzusuchenden Einheit des
                    Wahren und des Guten in der freien Gestaltung des Schönen.<note xml:id="n03">Die aus der Rezeption der platonischen <term type="Sachen" key="Philosophie, platonische">Philosophie</term>
                        abgeleitete und die Erweiterung der Philosophie durch die Ästhetik
                        aufgreifende Trias vom Wahren, Guten und Schönen war eine kulturelle
                        Leitidee des 18. und 19. Jahrhunderts, zu deren Popularisierung das
                        Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-1871">«Epilog zu Schillers Glocke» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (Berliner Ausgabe.
                        Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966, S. 92–95)</bibl> beitrug, in dessen
                        vierter Strophe (a.a.O., S. 93) es heißt:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Indessen schritt sein Geist gewaltig fort </l>
                                    <l>Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, </l>
                                    <l>Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, </l>
                                    <l>Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. </l>
                                </lg>
                            </q>
                      Vgl. dazu und zu der seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden
                        Kritik an der Verwendung der Trias: <bibl corresp="kbga-bibls-2524">
                                <persName ref="kbga-actors-9161">G. Kurz</persName>, <hi rend="italic">Das Wahre, Gute, Schöne.
                            Aufstieg, Fall und Fortbestehen einer Trias</hi>, Paderborn
                        2015</bibl>.</note>
                    </p>
                <p> Meine Freunde! <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>
                    und <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Sittlichkeit</term> und <term type="Sachen" key="Kunst">Kunst</term> sind aber Betätigungen,
                    Äußerungen, Wirkungsweisen des <hi rend="italic">lebendigen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, Wirkweisen">Menschen</term>. Ohne die
                    Beziehung auf den Menschen lösen sie alle sich auf in <pb xml:id="p141" ed="pga"/>
                    Rauch und Dunst, ja wir sagen: nur durch die<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                            «jene».</note>
                     verborgene Lebendigkeit, die im <term type="Sachen" key="Mensch, Lebendigkeit">Menschen</term> ist, erhalten sie jene nie
                    rastende Zielstrebigkeit, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> die ihren Nerv bildet.
                    Jenes innere Leben ist aber<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                     das, was man mit einem vieldeutigen Wort <term type="Sachen" key="Religion, inneres Leben des Menschen">
                            <hi rend="italic">Religion</hi></term> nennt.<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Der vorstehende Satz stand im Mskr. ursprünglich am Ende des
                            Absatzes und wurde nachträglich mit einer Bleistiftkorrektur
                            verschoben.</note>
                     In jenem innern Leben<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Ein im Mskr. ursprünglich folgendes «aber» wurde nachträglich mit
                            Bleistift gestrichen.</note>
                     finden wir <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> insbesondere<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                     unsre Beziehung zu dem Gott, der uns irgendwie durch die Vermittlung
                    Jesu von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term> Befreiung und Erweckung geworden ist. In jenem innern
                        <term type="Sachen" key="Religion, Keimzelle von Kraft und innerem Reichtum">Leben</term>
                    finden wir erst die Keimzelle, die all jenen Lebensgebieten Kraft und
                    Reichtum gibt.</p>
                <p>Und so<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «nun».</note>
                     gilt auch von der Religion, von dem Kreis von Pflichten und Gütern,
                    die sie in eigenartiger Weise in das Leben des Menschen hineinträgt, jenes
                    Gesetz, dass man sie nur <hi rend="italic">hat</hi>, indem man sie <term type="Sachen" key="Religion, Haben im Suchen">
                            <hi rend="italic">sucht</hi></term>. Von der
                    Religion, vom Christentum, d. h. eben von jener durch die Erscheinung <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Mittler">Jesu</term> vermittelten
                    Beziehung zu Gott hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    gesagt: Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen
                    wäre, ich jage ihm aber nach. Der Christenglaube ist freilich mehr als
                    Zielstrebigkeit. Der nämliche Paulus wird nicht müde, ihn immer wieder als
                        <term type="Sachen" key="Glaube, Besitz">Besitz</term> einer
                    gegenwärtigen Tatsache zu rühmen. Aber ich meine, gerade bei einem Anlass
                    wie dem heutigen hat es seinen guten Sinn, wenn wir es uns gesagt <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> sein lassen, <hi rend="italic">dass die christliche <term type="Sachen" key="Vollkommenheit, christliche">Vollkommenheit</term></hi>
                    <hi rend="italic">steht und fällt mit der Bewegung des <term type="Sachen" key="Glaube, Bewegung vorwärts und aufwärts">Glaubens</term></hi>
                    <hi rend="italic">und <term type="Sachen" key="Leben, Bewegung vorwärts und aufwärts">Lebens</term></hi>
                    <hi rend="italic">nach vorwärts und aufwärts</hi>. Das gilt für das Leben des
                        <hi rend="italic">Einzelnen</hi>, für das Leben der kirchlich verfassten <term type="Sachen" key="Gemeinde">
                            <hi rend="italic">Gemeinde</hi></term>, an die wir
                    heute besonders denken, und endlich für die Entwicklung des <term type="Sachen" key="Reich Gottes">
                            <hi rend="italic">Gottesreichs</hi></term> als
                    eines Universums der <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Universum der Geister">Geister</term>, wie es als
                    Inhalt der Hoffnung den Untergrund alles christlich frommen <term type="Sachen" key="Bewusstsein, christliches frommes">Bewusstseins</term> bildet.</p>
                <div>
                    <pb xml:id="p142" ed="pga"/>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Der Kampfpreis, von dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, dass er danach jage, wie die
                        Wettläufer in den griechischen Spielen nach dem Kranze jagten,<note xml:id="n04">Der Sieger eines jeden Wettbewerbs in den
                            antiken Spielen von <placeName ref="kbga-places-1125">Olympia</placeName> erhielt einen Palmzweig, ein Stirnband und einen
                            Kranz aus Ölbaumzweigen.</note> dieser Kampfpreis ist die
                            <hi rend="italic">Gerechtigkeit aus <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit aus Gott">Gott</term></hi>, will sagen: die
                        innere Beschaffenheit eines Menschen, mit dem Gott Frieden gemacht hat.
                        Wir wissen aus dem ganzen geistigen Bild des Paulus, warum er dieses Gut
                        für des angestrengtesten Kampfes wert erachtet hat. Die Gerechtigkeit
                        aus Gott war ihm nicht ein Lebensgut neben andern, sondern die Totalität
                        aller Lebensgüter. Aus dem elenden Menschen, der sich ängstigt im
                        Bewusstsein seiner Unvollkommenheit gegenüber der Majestät des
                        sittlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches">Gesetzes</term>,
                        ist ein Freier geworden, der in der Kraft <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gottes</term> in <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> jedem
                        Moment nur dem Gesetz <term type="Sachen" key="Gesetz, Jesu Christi">Christi</term> unterworfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.21">1.Kor. 9,21</ref>] und selber urteilt, was recht ist.
                        Aus dem Verlorenen gegenüber den düstern Mächten der Welt ein Sieger und
                        Überwinder. Er kann wohl fallen, aber er steht wieder auf, er kann
                        mutlos werden, aber er weiß, wie er neue Kraft schöpfen wird. Er ist
                        eine neue Kreatur geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>], er vermag Alles durch den, der ihn
                        stark macht [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.13">Phil. 4,13</ref>]. Tragt alle die Züge zusammen, die ihr aus den Stellen
                        seiner Briefe kennt, in denen er die Herrlichkeit seines<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                                «des».</note>
                        
                        <term type="Sachen" key="Christenstand">Christenstandes</term>
                        schildert, so habt ihr eine Ahnung von dem höchsten und einzigen der
                        Güter, das ihm in unsrem Textwort als Kampfpreis vorschwebt. |</p>
                    <p>Aber nun die Hauptsache: dies Gut ist ihm geschenkt durch den Glauben an
                            <hi rend="italic">Christus</hi>, durch die Kraft seiner <term type="Sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> und in der
                        Gemeinschaft seiner Leiden [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.10">Phil. 3,10</ref>]. Hier stehen wir im Mittelpunkt seiner
                        Erfahrung und der Erfahrung der großen, ineinander verschlungenen Kette
                        der <term type="Sachen" key="Glaubenszeugen">Zeugen</term> christlichen
                        Glaubens. «Dies Gut ist ihm geschenkt», sagte ich. Ist jemand in
                        Christo, so <hi rend="italic">ist</hi> er eine neue Kreatur [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. Und nun trotzdem
                        in unsrem Textwort: <hi rend="italic">nicht</hi> als ob ich es schon ergriffen
                        hätte oder schon vollkommen wäre… Wer nicht irgendwie am Leben
                        christlicher <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>
                        Teil hat, wird nie verstehen können, wie diese <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> beiden entgegengesetzten Sätze, beide in <pb xml:id="p143" ed="pga"/>
                        gleicher Schärfe ausgesprochen, gleich wahr sein können. –
                        Versuchen wir es, uns den innern Vorgang klarzumachen, um den es sich
                        handelt. Er spielt sich in jedem Christen mehr oder weniger deutlich und
                        bewusst alle Tage ab.</p>
                    <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt von dem
                        Kampfpreis, dass er ihm nachjage, ob er ihn ergreifen möchte, <hi rend="italic">weil
                            er auch ergriffen sei von Christus Jesus</hi>. Und in Christo Jesu
                        sei ihm dieser Kampfpreis gezeigt. <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>Also nicht<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                                «Nicht».</note>
                         einem Phantom will er nachjagen, das vielleicht Luft ist, sondern
                        einer Realität, von deren Dasein er jeden Augenblick überzeugt ist. Aber
                        er fragt sich gar nicht, ob er das Ziel erreichen wird, genug, dass es
                        da ist und mit ihm der Kampfpreis. So folgt der Wanderer in der Wüste,
                        der nach Westen zieht, dem Lauf der Sonne, wiewohl er weiß, wie
                        unendlich hoch die Sonne über ihm steht. Die Sonne bleibt am
                        Himmelszelt, so bleibt die Berufung, die Richtung aufs Ziel. |</p>
                    <p> Meine Freunde! An uns Alle ist diese <term type="Sachen" key="Berufung">Berufung</term> ergangen, sonst wären wir nicht hier. Auf den
                        gekreuzten Pfaden des Lebens ist uns Allen irgend einmal und irgendwie
                        der Mann begegnet, dessen inneres und äußeres Leben reine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, reine Güte">Güte</term> und reine
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, reine Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> ist. Und wenn es nicht bei <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> der Begegnung geblieben ist, wenn wir
                        begonnen haben, wenn auch noch so leise und zaghaft «Ja» zu sagen zu
                        dem, was dieser Mann war und wollte, dann gehören auch wir zu denen, die
                        von ihm<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χρ᾽ο</foreign>» = Christo.</note>
                         ergriffen sind zur lebendigen Anteilnahme an der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit aus Gott">Gottesgerechtigkeit</term> und dem <term type="Sachen" key="Gottesfrieden">Gottesfrieden</term>, den er auf die Erde
                        gebracht hat. Nicht wahr, wenn wir einmal im tiefsten Innern dies «Ja»
                        ausgesprochen haben, dann haben wir auch bekennen dürfen: Die Freude am
                        Herrn <hi rend="italic">ist</hi> meine Stärke [<ref type="can" subtype="bible" target="Neh.8.10">Neh. 8,10</ref>]. Der Wanderer kommt seinem Ziele näher,
                        obgleich die Sonne, der er folgt, ihm unerreichbar bleibt. Dann wissen
                        wir aber auch, dass dies «Ja» niemals etwas Einmaliges, Vorübergehendes
                        sein kann, sondern dass darin eingeschlossen sind die Impulse weiterer,
                        höherer Entwicklung. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                        meinte von sich selbst <hi rend="italic">nicht, dass er es schon ergriffen
                            habe</hi>. |</p>
                    <p>Meine Freunde! In der Meinung, dass wir es schon ergriffen hätten, lauern
                        alle Gefahren, die unser <term type="Sachen" key="Christentum, Bedrohung">Christentum</term> bedrohen, das
                        liberale <pb xml:id="p144" ed="pga"/>
                        <term type="Sachen" key="Christentum, Richtungen">Christentum</term> wie
                        das orthodoxe, das aufgeklärte wie das pietistische. Das
                        selbstzufriedene Pochen auf bürgerliche Ehrenhaftigkeit hat hier ebenso
                        seine Wurzel wie das Vertrauen auf korrekten Lehrglauben. Aller
                        Stillstand bedeutet aber im religiösen <term type="Sachen" key="Religion, Stillstand bedeutet Verlust">Leben</term> Verlust;
                            <term type="Sachen" key="Selbstzufriedenheit">Selbstzufriedenheit</term> wird <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> das
                        Signal zum Rückzug, <hi rend="italic">wie</hi><note type="textcritical" n="j" xml:id="nj"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                             oft gerade in Momenten, wo wir uns auf einer besondern
                        Höhe unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> wähnten. Wer weiß nicht von der Tatsache zu reden,
                        dass wir uns oft eines großen Mankos unsrer Christlichkeit und unsrer Sittlichkeit<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                                «Menschheit».</note>
                        <term type="Sachen" key="Sittlichkeit"/> gerade dann bewusst
                        wurden, wo wir uns als etwas Ganzes vor Gott und uns selbst fühlten. Und
                        so trifft es den innersten Kern unsrer christlichen Erfahrung, wenn
                        Paulus seinen <term type="Sachen" key="Christenstand">Christenstand</term> nur mit den Worten zeichnen will: <hi rend="italic">ich
                            vergesse, was hinter mir liegt, ich strecke mich aus nach dem, was
                            vor mir liegt</hi>. Hinter dem <term type="Sachen" key="Christen, und persönliche Sonderinteressen">Christen</term>
                        liegt das eigenen Wesen, die Verstrickung in die kleinen
                        Sonderinteressen seiner <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>. Hinter dem Christen liegt aber ebenso sehr
                        das <term type="Sachen" key="Christen, und Herdengefühl ">Herdengefühl</term>, das Aufgehen in den dumpfen Instinkten und
                        populären Meinungen der Masse. Vor ihm liegt die Gemeinschaft der
                        Geister, die <term type="Sachen" key="Christen, Gemeinschaft">Gemeinschaft</term> aller Menschen in der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Bruderliebe</term> des <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreichs</term>. Vor ihm liegt, eben im
                        Bewusstsein dieser Gemeinschaft, der unendliche Wert seiner besondern
                            <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, Wert vor Gott">Persönlichkeit</term> vor dem Auge Gottes. Aus jener Verengung und
                        Verflachung hat ihn Christus befreit, und zu dieser Erweiterung und
                        Vertiefung hat ihn <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Christus erweckt, der
                        Christus, der in allerlei Gestalt seit zwei Jahrtausenden durch die
                            <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> der Völker
                        und der Menschen geht als <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung Gottes">Offenbarung</term> des
                        Gottes, der seine Menschheit nicht sich selbst überlässt, sondern ihr
                        immer wieder Wege und Tore auftut in der Höhe und in der Tiefe. Nur dass
                        das Vergessen dessen, was hinter uns ist, nicht ein Abschütteln ist, das
                        ein für allemal getan wäre! Nur dass das Ausstrecken nach dem, was vor
                        uns ist, nicht geschieht in der Art, wie man sich in die <term type="Sachen" key="Eisenbahn">Eisenbahn</term> setzt und das Weitere
                        der Lokomotive überlässt! Denn noch ist die niedere Macht, aus deren
                        Gewalt uns Christus befreit – <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nennt sie das Fleisch [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.13">Röm. 8,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.24">Gal. 5,24</ref> u. ö.] –,
                        nicht völlig dienstbar geworden, und noch will uns die obere Macht, zu
                        der uns Christus erweckt, in ganz andrem Maße erfüllen. So ist im <term type="Sachen" key="Leben, des Christen">Leben</term>
                        <pb xml:id="p145" ed="pga"/> des Christen neben- und miteinander die Bewegung
                        und die Ruhe, das Suchen und das Finden, das Fragen und die Gewissheit.
                        Und wir stellen uns mit Paulus und Vielen, die dieselbe Erfahrung
                        gemacht, unter das Wort Jesu selbst: Selig sind, die da
                            <hi rend="italic">hungert</hi> und <hi rend="italic">dürstet</hi> nach der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, denn sie
                        sollen satt werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>].</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> II</head>
                    <p rend="noindent">Liebe Freunde! Und unter allen Christen ist es vielleicht
                        für keine andern so nötig und so tröstlich wie gerade für uns <term type="Sachen" key="Theologen">
                                <hi rend="italic">Theologen</hi></term>, dass
                        wir unsre Arbeit in der Gemeinde und an den Einzelnen tun im
                        Bewusstsein: <hi rend="italic">Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns
                            also gesinnt sein</hi>. Also gesinnt – will sagen:
                        eingedenk der Tatsache, dass ein Christ nach <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Wort nicht im Wordensein steht,
                        sondern im <term type="Sachen" key="Christen, stehen im Werden">Werden</term>,<note xml:id="n05">Vgl.  <bibl corresp="kbga-bibls-2525">
                                    <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                                <hi rend="italic">Annotationes in aliquot capita Matthaei</hi> (1538):
                            «Christianus enim non est in facto, sed in fieri» (WA 38, 568,37</bibl>;
                            Übersetzung bei Walch<hi rend="sup">2</hi> 7, S. 216: «Denn ein
                            Christ ist nicht etwas Vollendetes, sondern im Werden»).</note> dass
                        wir all unser Handeln und Reden in unsrem besondern Beruf immer nur als
                        einen Anfang, als ein Wollen betrachten, dessen <term type="Sachen" key="Vollkommenheit, Ausrichtung auf das Ziel">Vollkommenheit</term>
                        in nichts Anderem besteht als in der bleibenden Richtung auf das Ziel
                        bei uns und bei denen, an denen wir unsern Beruf auszuüben haben.</p>
                    <p> Unser Beruf ist es, als <term type="Sachen" key="Theologen, Botschafter an Christi statt">Botschafter</term> an
                        Christi statt [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.20">2.Kor. 5,20</ref>] die Menschen immer wieder daran zu erinnern, dass es
                        in der Geschichte und in der Gegenwart eine Kraftquelle gibt, die ihr
                        Leben erst wirklich zum Leben zu machen geeignet ist, ihnen den Weg dazu
                        zu zeigen, wie er uns aus unsrer persönlichen Erfahrung und aus dem
                        Studium des geschichtlichen Lebens der <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> deutlich geworden ist, und sie vor
                        alten <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> und neuen Irrwegen zu bewahren durch
                        freundschaftlichen Rat. Endlich denen, die jenen Weg gehen wollen, durch
                        Aufmunterung und Warnung beizustehen. Gute Freunde, Wegweiser, Führer
                        sein auf dem Gebiet des innern <term type="Sachen" key="Theologen, Wegweiser auf dem Gebiet des inneren Lebens">Lebens</term>, mit dessen Fragen wir uns besonders vertraut gemacht
                        haben – mehr können wir nicht. Die Zeiten sind auf immer vorbei,
                        wo die Pfarrer nicht nur als Botschafter, sondern als Statthalter gelten
                        wollten und galten. Wir Pfarrer und <term type="Sachen" key="Theologen, keine Religionsverwalter">Theologen</term> haben die
                        Religion weder zu verwalten noch auszuteilen, <pb xml:id="p146" ed="pga"/>
                        sondern immer nur zu wecken, zu fördern, zu gestalten. Der nämliche
                            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt an andrer
                        Stelle: «Nicht dass wir Herren seien über euren Glauben, sondern wir
                        sind Gehilfen eurer Freude, denn ihr steht im Glauben» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.1.24">2.Kor. 1,24</ref>]. Gottlob, dass
                        sich diese Auffassung in den Kirchen der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> immer wieder durchgesetzt
                        hat.</p>
                    <p>So ist unsre Aufgabe äußerlich und innerlich eine bescheidene. Und wie
                        unüberwindbar schwierig und groß erscheint doch, was übrigbleibt, jenes
                        Freundes- und Bruderamt an der Bildung des innern <term type="Sachen" key="Theologen, Helfer an der Bildung inneren Lebens">Lebens</term>.</p>
                    <p>Wir sollen euch helfen in der zentralsten Angelegen<pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>heit des Menschen, im Offenwerden für Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Stimme">Stimme</term> und <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> in eurem Leben. Muss
                        sich da nicht die Frage immer wieder aufdrängen: Wie steht’s mit
                        dir selber, Theologe? Muss uns nicht in manchen Augenblicken das Wort
                        von den blinden Blindenleitern erschreckend vor die Erinnerung treten?
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.15.14">Mt. 15,14</ref> par.]
                        Wir sollen euch durch unsere Art, durch’s Leben zu gehen, das
                            <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>
                        <term type="Sachen" key="Theologen, Vorbilder im Christentum">vorleben</term>. Aber wie steht’s mit unsrer eigenen
                        sittlichen <term type="Sachen" key="Theologen, Sittlichkeit">Durchbildung</term>? Könnte es nicht sein, ja ist es nicht sicher
                        so, dass mancher von denen, die wir führen sollten, uns an Charakter und
                        Reife weit überlegen ist?</p>
                    <p> Wir sollten euch helfen, eure religiöse <term type="Sachen" key="Gewissheit, religiöse">Gewissheit</term> auch in klare Gedanken
                        und Überzeugungen umzuprägen, um sie wetterfest zu machen inmitten des
                        vielbelebten und reichen geistigen <term type="Sachen" key="Leben, geistiges L. der Gegenwart">Lebens</term> der Gegenwart.
                        Und wie oft werden wir selbst vor Rätsel gestellt, die aller
                        gedanklichen Verarbeitung zu spotten scheinen, wie oft wird die beste
                        theologische Bildung kapitulieren müssen vor der Tatsache, dass alles
                        Vergängliche nur ein Gleichnis ist?<note xml:id="n06">Vgl.
                            den Beginn des abschließenden Gesangs des Chorus Mysticus in: <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W.
                            von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>, Fünfter
                            Akt (Bergschluchten)</bibl>: 
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; </l>
                                        <l>Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; </l>
                                        <l>Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; </l>
                                        <l>Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> – Welchen innern Reichtum an Glaubenserfahrung,
                        an sittlicher Kraft, an überzeugender Wucht des Denkens müsste ein <term type="Sachen" key="Theologen, Anforderungen">Theologe</term>
                        besitzen, der dem Amt, das ihm die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> anvertraut, ganz gerecht werden wollte. Und welche
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Tiefe des <pb xml:id="p147" ed="pga"/>
                        Gemüts, welche Vielseitigkeit der Persönlichkeit, welche geistige und
                        körperliche Arbeitsfähigkeit!</p>
                    <p>Meine Freunde! Wenn wir unter diesen Umständen noch mit der Frage nach
                        der Vollkommenheit an die Wirksamkeit eines <term type="Sachen" key="Theologen, Wirksamkeit">Theologen</term> und an seine Wirkungen
                        bei seinen Hörern und Mitstreitern herantreten wollen, dann kann es im
                        Sinne des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>,
                        gerade wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es uns
                        vermittelt, nur nach einer Richtung geschehen. Die erste Losung und die
                        letzte für den Pfarrer und für die ganze Gemeinde muss sein: das
                            <hi rend="italic">Ziel im Auge behalten</hi>. Unser Anfang und unser Ziel ist
                        aber <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Anfang und Ziel">Christus</term> als die geschichtliche Kundgebung <term type="Sachen" key="Jesus Christus, geschichtliche Kundgebung Gottes">Gottes</term>, die uns Vorbild ist und Kraft in einem Mal.<note xml:id="n07">Die Bezeichnung Jesu Christi und seines
                            Wirkens als «geschichtlicher Kundgebung Gottes» spielt an auf
                            zentrale Begriffe <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmanns</persName>, von dessen Theologie
                            Barth damals noch stark beeinflusst war (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 56f. 64</bibl>).
                            Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1791">
                                    <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Die Gewißheit des Glaubens und die
                                Freiheit der Theologie</hi>, Freiburg i. Br. 1889<hi rend="sup">2</hi>, S. 32</bibl>: «Was Jesus an uns bewirkt, wird uns zu
                            einer That Gottes. Indem er durch seine geschichtliche Erscheinung
                            Gott in unseren Gesichtskreis bringt, wird er selbst die Kundgebung,
                            durch welche Gott uns nahe kommt.»</note> Und so ist es das Beste,
                        was wir heute tun können, wenn wir alle Gott herzlich bitten</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Zieh mich, o Vater, zu dem Sohne,</l>
                                <l>damit dein Sohn mich wieder zieh zu dir.<note xml:id="n08">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-52">Beginn der zweiten Strophe des Liedes «Dir,
                                        dir, Jehova, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName> (RG 243; EG 328 [Titel dort:
                                        «Dir, dir, o Höchster, will ich singen»])</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">– ihn zu bitten, dass er Christum immer reicher
                        und deutlicher werden lasse in unsrer Mitte. Dann werden wir, <term type="Sachen" key="Gemeinde, und Pfarrer">Gemeinde</term> und
                        Pfarrer, einander etwas sein können als Freunde und Brüder und
                        Schwestern, nicht in Vollkommenheit, aber wir jagen ihm nach, ob wir es
                        ergreifen möchten.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> III</head>
                    <p rend="noindent">Je tiefer und reiner unser Glaube ist, desto mehr lernt
                        er hinausschauen über die engen Grenzen des eigenen persönlichen
                        religiösen Lebens, hinausschauen auch über das Arbeiten, Suchen und
                        Finden in den Gemeinden da und dort, hinausschauen auf das große Ganze
                        des Werks, das Gott unter den Menschen treibt, desto mehr lernt er <pb xml:id="p148" ed="pga"/> hinhorchen auf die verborgene Arbeit der
                        mancherlei Stoßkräfte des Willens <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> in den großen und kleinen Ereignissen des äußern
                        Lebens. Schließlich ist doch dieser Glaube nicht <term type="Sachen" key="Glaube, keine Privatangelegenheit">Privatangelegenheit</term>
                        hier eines Mannes und dort einer Frau, hier eines Pfarrers und dort
                        einer Gemeinde, sondern der Sieg, der die Welt überwinden soll und
                        überwinden wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. Diese starke <term type="Sachen" key="Glaubenszuversicht">Zuversicht</term> nach außen hat das <term type="Sachen" key="Urchristentum">Urchristentum</term> durch die
                        größten Stürme getragen, im Christentum der römischen <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term> hat
                        sie eine eindrucksvolle Verkörperung gefunden, und <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvin</persName> hat sie mit
                        Recht auch auf die Fahne der Genfer <term type="Sachen" key="Genf, Reformation">Reformation</term> geschrieben. Christus
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sieger">Sieger</term> auf
                        der ganzen Erde, die <term type="Sachen" key="Menschheit, geeinte">Menschheit</term> geeinigt zu einem Bunde der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und des <term type="Sachen" key="Frieden">Friedens</term>, das ist der Inhalt dieser Zuversicht,
                        und wir fühlen es, dass diese <term type="Sachen" key="Glaubenszuversicht">Zuversicht</term>
                        <term type="Sachen" key="Lebenskraft">Lebenskraft</term> geben kann, um
                        Taten zu tun.</p>
                    <p>Aber wie fremd und fast phantastisch mutet uns <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> das Bild an, sobald wir es versuchen, es als gegenwärtige <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu denken. Wir
                        erkennen, dass die Verchristlichung der <term type="Sachen" key="Kultur, Verchristlichung als Aufgabe">Kultur</term> in ihren
                        unendlichen Spielarten und Stufen, um die es sich da handelt, eine
                        Aufgabe ist, deren Lösung nicht so einfach ist, wie noch das 16.
                        Jahrhundert sie sehen durfte. Wir ahnen, dass nur die Arbeit von innen
                        heraus, von Mensch zu Mensch hier helfen kann, und wir sehen auch hier
                        die Perspektive sich ins Unendliche erstrecken. Den Blick auf jenes Ziel
                        gerichtet, gestärkt am Bewusstsein seiner Wirklichkeit, wendet sich auch
                        hier der <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> wieder dem
                        Nächsten, Erreichbaren zu, nicht als ob er es damit ergriffen hätte, er
                        jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte.</p>
                    <p> Zuletzt das Eine: (Dies gilt im Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, das wir hoffen, in der <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term>, die wir schauen, und
                        im persönlichen <term type="Sachen" key="Christenstand">Christenstand</term>, den wir leben) Nicht an unserm Wollen und
                        Laufen hängt das Gelingen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.16">Röm. 9,16</ref>]. So der Herr nicht das Haus bauet,
                        arbeiten umsonst, die daran bauen [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.127.1">Ps. 127,1</ref>]. Und so ist’s immer wieder
                        Gottes unverdiente <term type="Sachen" key="Gnade, unverdiente G. Gottes">Gnade</term>, wenn er uns in
                        Christo ergreifen will. So sagen wir:</p>
                 
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Ich bin zufrieden,</l>
                                <l>Dass ich die Stadt gesehn,</l>
                                <l>Und ohn’ Ermüden</l>
                                <l>Will ich ihr näher gehn</l>
                                <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p149" ed="pga"/> Und ihre hellen, goldnen Gassen</l>
                                <l>Lebenslang nicht aus den Augen lassen.<note xml:id="n09">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-103">Strophe 5 des Liedes «Ich hab’ von
                                        ferne» von <persName ref="kbga-actors-4392">J. T. Hermes</persName> (GERS
                                        352)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Und so wollen wir Alle in Gottes Namen seine Handlanger
                            <hi rend="italic">sein</hi> und <hi rend="italic">werden</hi>.</p>
                        </div>  
                        <div type="closer">
                                <salute>Amen.</salute>
                    
                </div>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
