Predigt Nr. 15 · 21. Februar 1909

Predigt: Apokalypse 3,11

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Apokalypse 3,11
Halte, was du hast, dass Niemand deine Krone nehme.
Liebe Freunde!

Als ich das letzte Mal hieher kam, haben wir es versucht, uns klar zu machen, was die Bedeutung der heiligen Schrift für unser Leben sei.2 Wir haben gefunden, dass sie ein Zeugnis des Glaubens der biblischen Schriftsteller istb, des Glaubens an Jesum Christum und durch ihn an Gott, der ihr Leben frei und froh gemacht. Und wir haben weiter gefunden, dass das, was uns die heilige Schrift schenken will, nichts Anderes ist als ein ebensolcher starker und tapferer Gottesglaube wie der der Männer, die wir da reden hören. Dieser Glaube ist die Unterweisung zur Seligkeit, sahen wir zum Schluss. – |

Vielleicht hat sich unterdessen der eine oder andre von euch die Frage gestellt: Ist das Alles denn auch wahr? Hat mir das Lesen in der Bibel, die Erinnerung an die Gedanken der Bibel Freude gemacht zum |129 Leben, den alten Geist der Gleichgiltigkeit und Traurigkeit ausgefegt und etwas Neues in mir geschaffen? Oder sind das Alles schöne Dinge, die der Pfarrer wohl so sagen muss, weil er der Pfarrer ist, und die sich in der Kirche auch ganz gut anhören, die aber Luft und Wind sind, sobald das letzte Amen und der letzte Orgelton verklungen sind? Ich würde gerne von euch selber hören, ob ihr euch diese Fragen gestellt und was ihr euch selber darauf geantwortet habt! Einige, vielleicht Viele, würden mir wohl sagen: «Die Bibel und der Glaube an Gott und die Unterweisung zur Seligkeit, das Alles sind gute Sonntagswerke, an den übrigen sechs Tagen der Woche gilt etwas Anderes: meine eigenen Gedanken und Wünsche und Absichten. Ich habe immer nach dieser Ordnung gelebt und war froh und zufrieden dabei. Ich brauche nichts Neues für mein Alltagsleben.» Andere würden mir vielleicht antworten: «Du hast selbst gesagt, dass es für Manche nicht leicht ist, die Bibel recht zu lesen. So c-steht’s bei-c mir. Ich kann die Brücke nicht finden vom Glauben der Bibel zu meinem Denken und Empfinden.» Einige aber wären wohl auch da, die würden sagen: «Ja, gerade so ist’s mir gegangen, gerade so geht’s mir immer noch. Wenn ich in den Evangelien oder in den Briefen des Paulus lese, dann höre ich da Töne, die weiterklingen in mir, ich finde Gedanken, bei denen ich sagen muss: so geht’s mir auch, oder wünschen muss: Könnte ich doch das auch von mir sagen. Ich spüre dann, dass die Leute, die das geschrieben haben, es ehrlich gemeint haben mit der Liebe zum Herrn Jesus, und wenn ich mir das so deutlich vor Augen stelle, dann macht es mich kräftig und ruhig, wie wenn ich einem treuen Freund ins Auge gesehen und die Hand gedrückt hätte. Ich weiß auch, was die Krone ist, von der das heutige Textwort redet. Meine Krone ist mein Glaube an den großen Gott, der mich inwendig stark und frei gemacht hat, weil dieser Glaube das Beste in meinem Leben ist.» So würden mir Einige sagen. Und die Andern? Das Wort von der Krone geht sie auch, geht Alle an! Du meinst: wie kann ich eine Krone halten, die ich nicht habe, und ich verstehe ja nicht oder nur undeutlich, was ihr vom Glauben redet. Ist’s wirklich so? Heißt’s vielleicht nicht vielmehr wie im Liede:

130 Es liegt eine Krone im tiefen Rhein
Sie funkeltd von Gold und Edelstein.3

Im tiefen Rhein! Sie war einmal da, die Krone, du hast auch einmal etwas gespürt von Gottes Nähe, aber dann kam der Strom der Ereignisse deines Lebens. Die Krone ist versunken, Sand und Geröll gehen drüber. Besinne dich, die Krone ist noch da, noch ist’s Zeit, sie zu erheben. Halte, was du hast, auch wenn es dir recht wenig scheint. Und die, die etwas erfahren haben von der Freude lebendigen Glaubens, geht es an, weil man sich den Glauben nicht erwerben kann, wie man eine Wiese erwirbt, heimgeht und sich aufs Ohr legt. Der Glaube will immer neu gesucht sein, der Glaube kennt keinen Stillstand.

Glauben heißt Kämpfen.
Das wollen wir uns heute vergegenwärtigen, indem wir 1. vom Haben, 2. vom Verlieren und 3. vom Halten des Glaubens reden.

I

Erstens: Vom Haben des Glaubens. Halte, was du hast! Der Glaube ist also ein Besitz, und wir wollen uns ehrlich danach fragen, wie wenig oder wieviel wir unser eigen nennen. Ein Paulus konnte von seinem Glauben sagen: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur [2.Kor. 5,17]. Ich vermag Alles durch Christum, der mich stark macht [Phil. 4,13]. Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen [Röm. 8,28]. Ich würde mich noche nicht getrauen, so Großes von meinem Glauben auszusagen, und viele von euch vielleicht auch nicht, wenn ihr aufrichtig seid. Wir wollen uns hüten, diese großen Bekenntnisse in den Mund zu nehmen, solange sie nicht Bekenntnisse unsrer tiefsten Erfahrung sind. Denn nicht die Bekenntnisse machen den Glauben, sondern der Glaube und nur er darf Be|131kenntnisse tun. Ein armer Schlucker gibt nicht 20-Markstücke aus, sondern Nickel und wenn’s hoch kommt Silber.4

Also, was hast du an deinem Glauben?

Darauf würde ich jetzt wieder am liebsten eure eigenen Antworten hören, nicht in einem auswendig gelernten Bibelspruch, sondern mit euren eigenen Worten ausgedrückt. Was gilt’s? Einige, die ganz offen wären, würden sagen: Ha, Glaube ist, wenn man am Sonntag in die Kirche geht und an den Festtagen zum Abendmahl, wenn man im Übrigen f-brav ist,-f kein Pferd stiehlt, niemanden totschlägt. Gar nichts Anderes? Nicht wahr, das wäre zuviel gesagt. Es zwingt dich ja niemand, zur Kirche zu kommen, offenbar willst du’s also selber, weil du irgendetwas damit bezweckst. Du hast das stille Gefühl, dass das so sein müsse, dass die Woche nicht gut wäre, wenn sie nicht mit Gott wenigstens angefangen würde. Religion muss sein!», sagen viele Leute und empfinden dabei etwas g-ganz Richtiges-g, das sie freilich nicht ganz klar ausdrücken können. Sie fühlen dunkel, dass irgend ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was da in der Kirche gesagt und getan wird, und dem, was sie in ihrem Denken und Handeln für recht und ehrbar halten. Kirchenchristen wollen wir die nennen, die beim Wort «Glauben» hauptsächlich an ihren gewohnten Platz in der Kirche, an ihr Gesangbuch, an die Orgel und an ein im Allgemeinen braves Leben denken. Bist du ein Kirchenchrist? Dann musst du dir auch sagen, dass du an deinem Glauben wirklich etwas hast, denn ohne Zweifel hat das dunkle Gefühl, dass Religion sein müsse, schon Menschen zu Gutem angeleitet und vor Bösem bewahrt.

Andere würden sagen: Glauben ist, wenn man an die Bibel glaubt und ihren Geboten gehorcht. Sie haben nicht nur ein dunkles Gefühl, sondern die recht klare Erkenntnis, dass sie Gott nötig haben, vielleicht nur zum äußern Wohlergehen, vielleicht aber auch deshalb, weil sie einsehen, dass der Mensch nichts ist ohne ein starkes und gewisses inneres Leben, ohne eine Seele, und dass das innere Leben, die Seele |132 sich auf nichts Anderes gründen kann als auf Gott, der selbst das Leben ist. Und darum glauben Christenh1 an die Bibel, d. h. sie nehmen hin, was die Bibel über Gott sagt, ohne daran zu zweifeln, und sie bemühen sich zu tun, was die Bibel sie tun heißt. Gehörst du zu den Bibelchristen ? Dann hast du einen großen Besitz an deinem Glauben, denn weil du an die Bibel glaubst, weißt du von dem lebendigen Gott, der die Zuflucht der Psalmensänger und die Kraft der Propheten gewesen ist, der das Recht liebt und das Unrecht hasst, du weißt auch, dass er seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, die Sünder selig zu machen [vgl. 1.Tim. 1,15]. Und dieses Wissen um Gottes Verheißungen und Gebote kann dir plötzlich einen Trost und Halt geben, wie ihn die Andern nicht kennen.

Und dann sind da noch Einige, die würden mir vielleicht leise sagen: Glauben ist, wenn man zu Gott gehören möchte. Sie glauben an ihn, nicht nur weil sie ihn nötig haben und weil die Bibel es so verlangt, sondern weil er da ist, weil sie sich erinnern, seine Stimme in ihrem eigenen Leben schon gehört zu haben. Vielleicht ist ihnen ein Mensch begegnet, dessen Gesinnung und dessen Taten sie erst nachdenklich gemacht und dann überzeugt haben, dass Gott nicht nur im heiligen Buch steht, sondern lebt. Vielleicht ist im Verkehr mit den Männern der Schrift diese Überzeugung über sie gekommen, aber jedenfalls ist ihnen diese Überzeugung etwas so Gewisses, dass sie nicht mehr um der andern Menschen und um der Schrift willen glauben, sondern weil sie nicht anders können. Sie haben Gott selber gesehen, und sie sind auf dem Wege, ihm immer näher zu kommen. Gehörst du zu den Herzenschristen ? Dann freue dich deines Besitzes. Von ihnen gilt: «Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie werden nach Hause kommen!»5

Zu welchen gehörst du? Frage dich selber! Aber den Kirchenchristen und den Bibelchristen und den Herzenschristen gilt das Wort: Halte, was du hast, denn der Glaube ist wohl ein Besitz, aber Glauben heißt Kämpfen. Das sehen wir, wenn wir

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II

Zweitens: Vom Verlieren des Glaubens reden. Halte, was du hast, den kleinen oder großen Besitz deines Glaubens, auf dass dir Niemand deine Krone nehme. Wer sind die, die dir die Krone nehmen möchten? Der erste bist du selber, lieber Freund, denn, wie klein oder groß dein Glaube immer sei, du weißt recht gut, dass neben der Stimme des Glaubens noch eine andre Stimme in dir redet. Das ist die Stimme der Selbstsucht, der Habgier, der Sinnlichkeit. Wir kennen sie alle. Zu Zeiten scheint es, als sei sie eingeschlafen, begraben auf immer. Der Kirchenchrist freut sich seines Glaubens, wenn er im dunklen Gefühl, so sei es recht, in der Kirche sitzt oder etwas Schlimmes, das er tun möchte, nicht tut. Der Bibelchrist freut sich seines Glaubens, wenn ihn wieder einmal ein Wort der Bibel getröstet, ein anderes zu guter Tat angespornt hat. Und der Herzenschrist freut sich seines Glaubens, wenn er durch irgend ein Ereignis seines Lebens Gott wieder einen Schritt näher gekommen ist. Aber in allen dreien lebt auch die andre Stimme, die nein sagt, wo der Glaube ja, ja, wo der Glaube nein sagt. Sie schläft manchmal, diese Stimme, aber sie kann alle Tage aufwachen und über uns kommen wie ein brüllender Löwe [vgl. 1.Petr. 5,8]. Da bietet sich vielleicht in Handel und Wandel eine so günstige Gelegenheit, meinen Vorteil wahrzunehmen, vielleicht zum Nachteil des Andern, aber es merkt’s ja niemand und die Polizei am wenigsten. Da ist eine Gelegenheit, etwas zu tun, von dem du ganz genau weißt, dass es nicht recht und nicht rein ist, aber die Gelegenheit ist so lockend. Sollte Gott gesagt haben…? [Gen. 3,1] Wir Alle haben schon so gefragt. |

Wird dah2 der Gedanke an den Platz in der Kirche dem Kirchenchristen helfen? Wird der Gedanke an das Wort der Schrift den Bibelchristen vor der Versuchung bewahren? Wird die Erinnerung an Gott selber den Herzenschristen retten? Nicht wahr, das sind bange Fragen. Gleichviel, zu welchen wir gehören, wir wissen, wie oft wir gefallen sind durch eigene Schuld. Und mit dem Fall verschwindet unser großer oder kleiner Glaube auf immer im dichten Nebel, wenn wir nicht rechtsum kehrtmachen. Die Kirche und das Bravsein, die |134 Bibel und Gott selbst, sie werden uns zu leeren, unverständlichen, fremden Dingen und Gedanken, wenn die Selbstsucht in uns siegt.

Vielleicht kommt nun die Macht, die dir deine Krone nehmen will, ursprünglich nicht aus dir selbst, sondern von den Mitmenschen. Denn wie Gotti bei dir einziehen kann durch die Worte und Taten anderer Menschen, so kann es auch der Teufelj . Durch Worte, denn die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große Dinge an [Jak. 3,5], sie hat schon manchen Glauben nicht nur erschüttert, sondern umgeworfen. Wenn du ein Kirchenchrist bist, was wirst du tun, wenn dich dein Nachbar ganz trocken fragt, wozu das Kirchengehen und Bravsein eigentlich nützlich sei? Wie wird es dem Bibelchristen ergehen, wenn ein törichter Witzbold es versucht, vor ihm die oder jene Geschichte oder Stelle der Bibel lächerlich zu machen? Aber auch der Herzenschrist, was wird er dazu sagen, wenn eines Tages ein Anderer ihm klipp und klar beweisen will, einen Gott gebe es nicht und könne es nicht geben?k Und noch wirksamer sind die Taten, denn was ein Wort vielleicht nicht vermag, das vermag oftl das Beispiel eines Lebens ohne Gott, das ein Mensch den andern geben kann. Zu welchen Christen wir immer gehören, wir wollen uns fragen, ob das, was unser Glaube ist, standhält beim Anhören feindseliger Worte oder beim Anblick gottloser Taten Anderer.

Und endlich können es Ereignisse sein, die uns die Krone nehmen, Ereignisse, die dochm nach der Meinung der Christen nicht von ungefähr, sondern von Gott kommen. Als im Jahre 1755 die Stadt Lissabon in Portugal durch ein gewaltiges Erdbeben zerstört wurde, da war das für Unzählige ein Anlass, dem Gottesglauben den Abschied zu geben,6 und auch bei dem großen Unglück, das vor 7 Wochen n-in Italien |135 geschehen ist-n,7 haben die Stimmen nicht gefehlt, die fragten: Kann es einen Gott geben, der Solches zulässt? Was sagen wir als Christen dazu? Wollen wir auch weggehen? [vgl. Joh. 6,67] Und wie steht’s mit uns, wenn ein solches Ereignis in unser eigenes, persönliches Leben hineintritt?, ein Todesfall, eine Missernte, ein Brandunglück, ein Geldverlust? Halten da Kirche und Bibel und Gott in unserm Innern stand, oder versinkt die Krone im tiefen Rhein, als wäre sie nie dagewesen?

Liebe Freunde! Alle diese Gefahren für unsern Glauben können von heute auf morgen jeden von uns treffen. Jeder von uns kennt in sich selber die andre Stimme, die dem Glauben entgegentritt; Menschen, die dieser Stimme helfen, gibt es auch genug – wirst du siegen oder unterliegen, wenn Gott selber durch eine plötzliche Fügung in deinem Leben deinen Glauben auf die Probe stellt? Nicht wahr, nun will es dir auch fast scheinen, als ob der Glaube wohl ein Besitz sei, aber ein Besitz, um den gekämpft werden muss, und der Kampf ist nicht leicht.

III

Wir reden also drittens vom Halten des Glaubens. Halte, was du hast! Was heißt halten? Wir dürfen das Wort ja nicht etwa so missverstehen, als sei uns gesagt: Bleibe ruhigo bei dem, was du bist, suche beileibe nicht etwa nach einem höhern Glauben, als der ist, den du gerade hast.p |136 Das wäre das direkte Gegenteil von dem, was unser Textq verlangt. In der griechischen Bibel bedeutet das Wort, das im Deutschen mitr «halte, was du hast», übersetzt ist, ungefähr so viel wie «ergreife, was du hast!». Ich weiß nicht, ob die Kinder und jungen Burschen hierzulande auch das Spiel des Seilziehens kennen: Zwei Parteien spannen sich an die zwei Enden eines Seils, wer stärker zieht, hat gewonnen. Dabei hält man das Seil zwar, aber man sucht vor Allem, immer mehr davon zu ergreifen und so den Gegner den Kürzeren ziehen zu lassen. Das ist genau das Halten, das hier gemeint ist.

Das Halten des Glaubens ist also kein Stillstand, sondern ein fortwährendes Wachsen im Glauben. Wie denn? Du sagst: eben haben wir von den Mächten geredet, die uns die Krone nehmen wollen. Können wir nicht zufrieden sein, wenn wir behalten, was wir haben, ist es nicht vermessen, bei solcher Gefahr noch vom Wachsen zu reden? Nein, lieber Freund, gerade wachsen müssen wir, wenn wir nicht verlieren wollen. Sieh, die Sache ist ganz einfach. Wir haben bisher die drei Arten von Christen: Kirchenchristen, Bibelchristen, Herzenschristen, nebeneinander gestellt, als ob der Glaube aller dreier gleich gut sei. Das scheint auch auf den ersten Blick so, denn wer könnte z. B. in dieser Gemeinde die drei Arten auseinanderlesen: Du gehörst hierher und du dahin? Wenn aber jene Gefahren kommen, die uns die Krone nehmen wollen, dann zeigt es sich, wenn auch in vielen Fällen nur vor dem Auge Gottes, wohin ein Mensch gehört. Unds nicht Alle bestehen das Examen, das diese Gefahren für uns bilden.

Glaubt ihr ernstlich, dass der Kirchenchrist, dessen Glaube in dem dunklen Gefühl besteht, dass man zur Kirche gehen und brav sein müsse, glaubt ihr, dass er einer wirklich großen Versuchung widerstehen wird? Wird nicht die Stimme der Selbstsucht stärker sein als die Stimme der Kirchenorgel, an die er denkt, wenn man von Glauben redet? Ich glaube es docht, – entweder er unterliegt und verliert damit das, was er hat, oder aber er besinnt sich auf etwas, was über seinen alten Glaubenu hinausgeht, er besinnt sich auf die Worte v-der Schrift-v , |137 die er da so oftw gehört, ohne zu hören – Sünde – Gericht – Gott tönt es in seinen Ohren. Er überlegt die Sache noch einmal und widersteht der Versuchung – er ist durch die Gefahr aus einem Kirchenchristen ein Bibelchrist geworden.

Aber auch der Glaube des Bibelchristen wird auf die Probe gestellt. Wie, wenn einem solchen in der Nacht Haus und Hof verbrennt, und am andern Morgen vernimmt er zufällig, dass sein Nachbar, ein schlechter Mann, im Handel einen großen Erfolg gehabt hat? Er hat zeitlebens schlecht und recht an den Gott der Bibel geglaubt, jener hat vielleicht darüber gespottet. Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit? Was wird er tun? Nun muss es sich zeigen, welcher Art sein Glaube gewesen ist. Wird er dem lieben Gott aufkündigen, wie man einem schlechten Handelsfreund kündigt, oder wird er sagen können:

«Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Es bleibt gerecht sein Wille.8

– ich weiß nicht, warum Gott das an mir tut. Aber ich weiß, dass er es gut meint mit mir.» Wenn er das Letztere sagen kann, dann ist in aller Stille aus dem Bibelchristen ein Herzenschrist geworden, der weiß, an wen er glaubt, weil er selber Gott gesehen hat – und das kommt an den Tag in der Stunde, da ihm jenes Ereignis die Krone nehmen wollte.

Und der Herzenschrist ? Gibt es für ihn keine Gefahren mehr? Ich meine, gerade wer Gottes Ernst und Gottes Güte in seinem eigenen Leben erfahren hat, der weiß davon zu sagen, dass ihm immer neue Aufgaben entstehen, weil er wohl Gott immer näher kommt, der Weg aber immer noch unermesslich bleibt. Ein solcher Christ ist dannx wie ein Bergsteiger, der freilichy noch stundenweit vom Gipfel entfernt ist, aber er sieht ihn bereits, er kann den Weg nicht mehr verfehlen und schreitet darum tapfer aus.

Seht, das ist das innere Wachsen, das von uns gefordert ist, wenn es heißt, dass wir halten sollen, was wir haben. Wir sollen das kleine oder große Pfund des Glaubens, das wir haben, nicht im Schweißtuch verscharren, sondern damit wuchern [vgl. Lk. 19,20], das Leben unsres |138 Glaubens soll sich nach aufwärts bewegen auch in ruhigen Zeiten, damit, wenn die Stunde der Gefahr kommt, wir nicht nur nicht fallen, sondern die Gefahr als eine Sprosse in der Leiter z-benützen, um einen sichtbaren Schritt aufwärts-z zu tun.

Wollen wir diesen Kampf aufnehmen, liebe Mitchristen? Nicht nur mit Lufthieben, sondern ernsthaft? [vgl. 1.Kor. 9,26] Seht, es bleibt dabei, dass niemand gekrönt wird, er kämpfe denn recht [2.Tim. 2,5].

Wollen wir getreue Knechte sein? [vgl.  Mt. 25,21.23] Dann wollen wir es uns gesagt sein lassen: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben [Apk. 2,10].

Und getreu sein heißt kämpfen.

Amen.
Lied:
  • Nr. 2549: «Mache dich, mein Geist, bereit» von J. B. Freystein (GERS 298; EG 387). 🎵
Lesungstext:
  • Mt. 25,14–30

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Bleistift hinzugefügt.↩
b
Im Mskr. ursprünglich hinter «Zeugnis des Glaubens» positioniert; mit Bleistift korrigiert.↩
c-c
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «geht es».↩
d
Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «glänzet».↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
g-g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
h1
Im Mskr. ursprünglich: «diese Christen»; mit Bleistift korrigiert.↩
h2
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k
Im Mskr. folgt der Satz: «Mit solchen Worten, die uns die Krone nehmen wollen, haben wir heutzutage wohl auch auf dem Dorfe zu rechnen.» Barth hat diesen Satz nachträglich mit Bleistift in eckige Klammern gesetzt und am Rand mit dem Hinweis «Reflexion» versehen.↩
l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
m
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
n-n
Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle der ursprünglich genaueren Aussage: «Calabrien und Sizilien betroffen hat».↩
o
Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.↩
p
Im Mskr. folgt der von Barth eckig eingeklammerte Satz: «Bleibe also z. B. ruhig ein Kirchenchrist, wenn’s dir gefällt.»↩
q
Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «Wort».↩
r
Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.↩
s
Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle von: «Denn».↩
t
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «nicht».↩
u
Im Mskr. folgt der von Barth eckig eingeklammerte Nebensatz: «[…], der auf das Kirchensitzen gegründet war, […]».↩
v-v
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
w
Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.↩
x
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
y
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von: «wohl».↩
z-z
Im Mskr. ursprünglich: «nach oben benützen, um einen sichtbaren Schritt nach oben»; mit Bleistift korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Es handelt sich um die letzte der drei Predigten, die Barth dort hielt (vgl. oben, S. 97, Anm. 1, S. 118, Anm. 1). An seinen Vater Fritz Barth schrieb er über die fehlende Betreuung und das mangelnde professionelle Echo auf seine Predigten wenige Tage später (Brief vom 25.2.1909 [KBA 9209.11]): «Am Sonntag war ich also wieder in der Schwalm, werde aber ohne Not nicht gleich wieder hingehen, da das Niveau des Pfarrers Cornelius doch zu honorig ist. Der Mann ist noch nicht 50 und schon faul wie ein Nilpferd. Ich habe ihn noch nie bei einer nennenswerten Tätigkeit gesehen, außer beim Sprüchemachen, und das war schrecklich. Wir haben ihm unsre Predigten vorgelesen, aber dogmatisch merkte er nichts und homiletisch wusste er nichts außer 1–2 Gemeinplätzen. Der Lehrer in Leimsfeld hat mir das Rätselwort mitgegeben: Ja, Herr Pfarrer, Sie haben viele Worte geredet. Wie soll ich dieses Echo deuten?!»↩
2
Vgl. oben, S. 118-127.↩
3
Auch bekannter, aber seltenerer Beginn des Liedes «Das Herz am Rhein» von H. Dippel (Schauenburgs Allgemeines Deutsches Kommersbuch, hrsg. von Fr. Silcher / Fr. Erk, Lahr o. J., 55–58. Auflage, Lied Nr. 362 [S. 327]) 📖:
Es liegt eine Krone im grünen Rhein,
Gezaubert von Gold und von Edelstein.
↩
4
1908 waren die verausgabten 20- und 10-Markstücke des Deutschen Kaiserreichs aus Gold; aus Silber waren die 50-Pfennig- und 1-Markstücke, Kleinmünzen waren aus Nickel oder Kupfer-Nickel.↩
5
Erster Satz des ersten Buches von: J. H. Jung-Stilling, Das Heimweh und der Schlüssel zu demselben, Bd. 1 [1793] (ders., Sämmtliche Schriften, Bd. IV, Stuttgart 1836 [Nachdruck 1979]), S. 9 📖: «Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Haus kommen».↩
6
Am 1. November 1755 wurde Lissabon durch ein Erdbeben, bei dem über 30 000 Menschen ums Leben kamen, weitgehend zerstört. Zu den in vielfacher Hinsicht gravierenden mentalitäts- und geistesgeschichtlichen Auswirkungen dieses Ereignisses vgl. Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer Zeitgenossen, hrsg. von W. Breidert, Darmstadt 1994 📖.↩
7
Am 28. Dezember 1908 zerstörte ein Erdbeben weite Teile von Messina und anderen Städten; dem Beben und dem darauf folgenden Tsunami fielen nach Schätzungen zwischen 70 000 und 100 000 Menschen zum Opfer.↩
8
Beginn eines Liedes von S. Rodigast (GERS 270; RG 684; EG 372) 🎵.↩
9
Die hier von Barth angegebene Liednummer bezieht sich auf: Evangelisches Kirchengesangbuch für den Konsistorialbezirk Cassel, Cassel 1889; 19073. 📖 ↩