Predigt: Apokalypse 3,11
Als ich das letzte Mal hieher kam, haben wir es versucht, uns klar zu machen, was die Bedeutung der heiligen Schrift für unser Leben sei.2 Wir haben gefunden, dass sie ein Zeugnis des Glaubens der biblischen Schriftsteller istb, des Glaubens an Jesum Christum und durch ihn an Gott, der ihr Leben frei und froh gemacht. Und wir haben weiter gefunden, dass das, was uns die heilige Schrift schenken will, nichts Anderes ist als ein ebensolcher starker und tapferer Gottesglaube wie der der Männer, die wir da reden hören. Dieser Glaube ist die Unterweisung zur Seligkeit, sahen wir zum Schluss. – |
Vielleicht hat sich unterdessen der eine oder andre von euch die Frage
gestellt: Ist das Alles denn auch wahr? Hat mir das Lesen in der Bibel, die Erinnerung an die
Gedanken der Bibel Freude gemacht zum |129 Leben, den alten
Geist der Gleichgiltigkeit
und Traurigkeit ausgefegt und etwas Neues in mir geschaffen? Oder sind das
Alles schöne Dinge, die der Pfarrer wohl so sagen muss, weil er der Pfarrer
ist, und die sich in der Kirche auch ganz gut anhören, die aber Luft und
Wind sind, sobald das letzte Amen und der letzte Orgelton verklungen sind?
Ich würde gerne von euch selber hören, ob ihr euch diese Fragen gestellt und
was ihr euch selber darauf geantwortet habt! Einige, vielleicht Viele,
würden mir wohl sagen: «Die Bibel und der Glaube an Gott und die
Unterweisung zur Seligkeit, das Alles sind gute Sonntagswerke, an den übrigen sechs Tagen der Woche gilt etwas Anderes: meine eigenen Gedanken
und Wünsche und Absichten. Ich habe immer nach dieser Ordnung gelebt und war
froh und zufrieden dabei. Ich brauche nichts Neues für mein Alltagsleben.» Andere würden mir
vielleicht antworten: «Du hast selbst gesagt, dass es für Manche nicht
leicht ist, die Bibel recht zu lesen. So c-steht’s
bei-c
mir. Ich kann die Brücke nicht finden vom Glauben der Bibel zu meinem
Denken und Empfinden.» Einige aber wären wohl auch da, die würden sagen:
«Ja, gerade so ist’s mir gegangen, gerade so geht’s mir immer
noch. Wenn ich in den Evangelien oder in den Briefen des
Im tiefen Rhein! Sie war einmal da, die Krone, du hast auch einmal etwas gespürt von Gottes Nähe, aber dann kam der Strom der Ereignisse deines Lebens. Die Krone ist versunken, Sand und Geröll gehen drüber. Besinne dich, die Krone ist noch da, noch ist’s Zeit, sie zu erheben. Halte, was du hast, auch wenn es dir recht wenig scheint. Und die, die etwas erfahren haben von der Freude lebendigen Glaubens, geht es an, weil man sich den Glauben nicht erwerben kann, wie man eine Wiese erwirbt, heimgeht und sich aufs Ohr legt. Der Glaube will immer neu gesucht sein, der Glaube kennt keinen Stillstand.
I
Erstens: Vom Haben des Glaubens. Halte, was du
hast! Der Glaube ist also ein Besitz, und wir wollen uns ehrlich
danach fragen, wie wenig oder wieviel wir unser eigen nennen. Ein
Also, was hast du an deinem Glauben?
Darauf würde ich jetzt wieder am liebsten eure eigenen Antworten hören, nicht in einem auswendig gelernten Bibelspruch, sondern mit euren eigenen Worten ausgedrückt. Was gilt’s? Einige, die ganz offen wären, würden sagen: Ha, Glaube ist, wenn man am Sonntag in die Kirche geht und an den Festtagen zum Abendmahl, wenn man im Übrigen f-brav ist,-f kein Pferd stiehlt, niemanden totschlägt. Gar nichts Anderes? Nicht wahr, das wäre zuviel gesagt. Es zwingt dich ja niemand, zur Kirche zu kommen, offenbar willst du’s also selber, weil du irgendetwas damit bezweckst. Du hast das stille Gefühl, dass das so sein müsse, dass die Woche nicht gut wäre, wenn sie nicht mit Gott wenigstens angefangen würde. Religion muss sein!», sagen viele Leute und empfinden dabei etwas g-ganz Richtiges-g, das sie freilich nicht ganz klar ausdrücken können. Sie fühlen dunkel, dass irgend ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was da in der Kirche gesagt und getan wird, und dem, was sie in ihrem Denken und Handeln für recht und ehrbar halten. Kirchenchristen wollen wir die nennen, die beim Wort «Glauben» hauptsächlich an ihren gewohnten Platz in der Kirche, an ihr Gesangbuch, an die Orgel und an ein im Allgemeinen braves Leben denken. Bist du ein Kirchenchrist? Dann musst du dir auch sagen, dass du an deinem Glauben wirklich etwas hast, denn ohne Zweifel hat das dunkle Gefühl, dass Religion sein müsse, schon Menschen zu Gutem angeleitet und vor Bösem bewahrt.
Andere würden sagen: Glauben ist, wenn man an die Bibel glaubt
und ihren Geboten
gehorcht. Sie haben nicht nur ein dunkles Gefühl, sondern die recht
klare Erkenntnis, dass sie Gott nötig haben, vielleicht nur zum äußern
Wohlergehen, vielleicht aber auch deshalb, weil sie einsehen, dass der
Mensch nichts ist ohne ein starkes und gewisses inneres Leben, ohne eine Seele, und dass das innere Leben,
die Seele |132 sich auf nichts Anderes gründen kann als auf
Gott, der selbst das Leben ist. Und darum glauben Christenh1
an die Bibel, d. h. sie nehmen hin, was die Bibel über Gott sagt, ohne
daran zu zweifeln, und sie bemühen sich zu tun, was die Bibel sie tun
heißt. Gehörst du zu den
Bibelchristen
? Dann
hast du einen großen Besitz an deinem Glauben, denn
weil du an die Bibel glaubst, weißt du von dem lebendigen
Gott, der die
Zuflucht der Psalmensänger und die Kraft der Propheten gewesen ist, der
das Recht liebt
und das Unrecht hasst, du
weißt auch, dass er seinen Sohn auf die Erde geschickt hat,
die Sünder selig zu machen [vgl.
Und dann sind da noch Einige, die würden mir vielleicht leise sagen: Glauben ist, wenn man zu Gott gehören möchte. Sie glauben an ihn, nicht nur weil sie ihn nötig haben und weil die Bibel es so verlangt, sondern weil er da ist, weil sie sich erinnern, seine Stimme in ihrem eigenen Leben schon gehört zu haben. Vielleicht ist ihnen ein Mensch begegnet, dessen Gesinnung und dessen Taten sie erst nachdenklich gemacht und dann überzeugt haben, dass Gott nicht nur im heiligen Buch steht, sondern lebt. Vielleicht ist im Verkehr mit den Männern der Schrift diese Überzeugung über sie gekommen, aber jedenfalls ist ihnen diese Überzeugung etwas so Gewisses, dass sie nicht mehr um der andern Menschen und um der Schrift willen glauben, sondern weil sie nicht anders können. Sie haben Gott selber gesehen, und sie sind auf dem Wege, ihm immer näher zu kommen. Gehörst du zu den Herzenschristen ? Dann freue dich deines Besitzes. Von ihnen gilt: «Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie werden nach Hause kommen!»5
Zu welchen gehörst du? Frage dich selber! Aber den Kirchenchristen und den Bibelchristen und den Herzenschristen gilt das Wort: Halte, was du hast, denn der Glaube ist wohl ein Besitz, aber Glauben heißt Kämpfen. Das sehen wir, wenn wir
II
Zweitens: Vom Verlieren des Glaubens reden.
Halte, was du hast, den kleinen oder großen Besitz deines Glaubens, auf
dass dir Niemand deine Krone nehme. Wer sind die, die dir die
Krone nehmen möchten? Der erste bist du selber,
lieber Freund, denn, wie klein oder groß dein Glaube immer sei, du weißt recht gut, dass neben der Stimme des
Glaubens noch eine andre Stimme in dir redet. Das ist die Stimme der
Selbstsucht, der Habgier, der Sinnlichkeit. Wir kennen sie alle. Zu
Zeiten scheint es, als sei sie eingeschlafen, begraben auf immer. Der
Kirchenchrist freut sich seines Glaubens, wenn er im dunklen
Gefühl, so sei es recht, in der Kirche sitzt oder etwas Schlimmes, das
er tun möchte, nicht tut. Der Bibelchrist freut sich seines
Glaubens, wenn ihn wieder einmal ein Wort der Bibel getröstet, ein
anderes zu guter Tat angespornt hat. Und der Herzenschrist freut sich
seines Glaubens, wenn er durch irgend ein Ereignis seines Lebens Gott
wieder einen Schritt näher gekommen ist. Aber in allen dreien lebt auch
die andre Stimme, die nein sagt, wo der Glaube ja, ja, wo der Glaube
nein sagt. Sie schläft manchmal, diese Stimme, aber sie kann alle Tage
aufwachen und über uns kommen wie ein brüllender Löwe [vgl.
Wird dah2 der Gedanke an den Platz in der Kirche dem Kirchenchristen helfen? Wird der Gedanke an das Wort der Schrift den Bibelchristen vor der Versuchung bewahren? Wird die Erinnerung an Gott selber den Herzenschristen retten? Nicht wahr, das sind bange Fragen. Gleichviel, zu welchen wir gehören, wir wissen, wie oft wir gefallen sind durch eigene Schuld. Und mit dem Fall verschwindet unser großer oder kleiner Glaube auf immer im dichten Nebel, wenn wir nicht rechtsum kehrtmachen. Die Kirche und das Bravsein, die |134 Bibel und Gott selbst, sie werden uns zu leeren, unverständlichen, fremden Dingen und Gedanken, wenn die Selbstsucht in uns siegt.
Vielleicht kommt nun die Macht, die dir deine Krone nehmen will, ursprünglich nicht aus dir selbst, sondern von den
Mitmenschen. Denn wie Gotti
bei dir einziehen kann durch die Worte und Taten
anderer Menschen, so kann es auch der Teufelj
. Durch
Worte, denn die Zunge ist ein kleines Glied und richtet
große Dinge an [
Und endlich können es Ereignisse sein, die uns die Krone
nehmen, Ereignisse, die dochm
nach der Meinung der Christen nicht von ungefähr, sondern von
Gott kommen. Als im Jahre 1755 die Stadt
Liebe Freunde! Alle diese Gefahren für unsern Glauben können von heute auf morgen jeden von uns treffen. Jeder von uns kennt in sich selber die andre Stimme, die dem Glauben entgegentritt; Menschen, die dieser Stimme helfen, gibt es auch genug – wirst du siegen oder unterliegen, wenn Gott selber durch eine plötzliche Fügung in deinem Leben deinen Glauben auf die Probe stellt? Nicht wahr, nun will es dir auch fast scheinen, als ob der Glaube wohl ein Besitz sei, aber ein Besitz, um den gekämpft werden muss, und der Kampf ist nicht leicht.
III
Wir reden also drittens vom Halten des Glaubens. Halte, was du hast! Was heißt halten? Wir dürfen das Wort ja nicht etwa so missverstehen, als sei uns gesagt: Bleibe ruhigo bei dem, was du bist, suche beileibe nicht etwa nach einem höhern Glauben, als der ist, den du gerade hast.p |136 Das wäre das direkte Gegenteil von dem, was unser Textq verlangt. In der griechischen Bibel bedeutet das Wort, das im Deutschen mitr «halte, was du hast», übersetzt ist, ungefähr so viel wie «ergreife, was du hast!». Ich weiß nicht, ob die Kinder und jungen Burschen hierzulande auch das Spiel des Seilziehens kennen: Zwei Parteien spannen sich an die zwei Enden eines Seils, wer stärker zieht, hat gewonnen. Dabei hält man das Seil zwar, aber man sucht vor Allem, immer mehr davon zu ergreifen und so den Gegner den Kürzeren ziehen zu lassen. Das ist genau das Halten, das hier gemeint ist.
Das Halten des Glaubens ist also kein Stillstand, sondern ein fortwährendes Wachsen im Glauben. Wie denn? Du sagst: eben haben wir von den Mächten geredet, die uns die Krone nehmen wollen. Können wir nicht zufrieden sein, wenn wir behalten, was wir haben, ist es nicht vermessen, bei solcher Gefahr noch vom Wachsen zu reden? Nein, lieber Freund, gerade wachsen müssen wir, wenn wir nicht verlieren wollen. Sieh, die Sache ist ganz einfach. Wir haben bisher die drei Arten von Christen: Kirchenchristen, Bibelchristen, Herzenschristen, nebeneinander gestellt, als ob der Glaube aller dreier gleich gut sei. Das scheint auch auf den ersten Blick so, denn wer könnte z. B. in dieser Gemeinde die drei Arten auseinanderlesen: Du gehörst hierher und du dahin? Wenn aber jene Gefahren kommen, die uns die Krone nehmen wollen, dann zeigt es sich, wenn auch in vielen Fällen nur vor dem Auge Gottes, wohin ein Mensch gehört. Unds nicht Alle bestehen das Examen, das diese Gefahren für uns bilden.
Glaubt ihr ernstlich, dass der Kirchenchrist, dessen Glaube in dem dunklen Gefühl besteht, dass man zur Kirche gehen und brav sein müsse, glaubt ihr, dass er einer wirklich großen Versuchung widerstehen wird? Wird nicht die Stimme der Selbstsucht stärker sein als die Stimme der Kirchenorgel, an die er denkt, wenn man von Glauben redet? Ich glaube es docht, – entweder er unterliegt und verliert damit das, was er hat, oder aber er besinnt sich auf etwas, was über seinen alten Glaubenu hinausgeht, er besinnt sich auf die Worte v-der Schrift-v , |137 die er da so oftw gehört, ohne zu hören – Sünde – Gericht – Gott tönt es in seinen Ohren. Er überlegt die Sache noch einmal und widersteht der Versuchung – er ist durch die Gefahr aus einem Kirchenchristen ein Bibelchrist geworden.
Aber auch der Glaube des Bibelchristen wird auf die Probe gestellt. Wie, wenn einem solchen in der Nacht Haus und Hof verbrennt, und am andern Morgen vernimmt er zufällig, dass sein Nachbar, ein schlechter Mann, im Handel einen großen Erfolg gehabt hat? Er hat zeitlebens schlecht und recht an den Gott der Bibel geglaubt, jener hat vielleicht darüber gespottet. Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit? Was wird er tun? Nun muss es sich zeigen, welcher Art sein Glaube gewesen ist. Wird er dem lieben Gott aufkündigen, wie man einem schlechten Handelsfreund kündigt, oder wird er sagen können:
– ich weiß nicht, warum Gott das an mir tut. Aber ich weiß, dass er es gut meint mit mir.» Wenn er das Letztere sagen kann, dann ist in aller Stille aus dem Bibelchristen ein Herzenschrist geworden, der weiß, an wen er glaubt, weil er selber Gott gesehen hat – und das kommt an den Tag in der Stunde, da ihm jenes Ereignis die Krone nehmen wollte.
Und der Herzenschrist ? Gibt es für ihn keine Gefahren mehr? Ich meine, gerade wer Gottes Ernst und Gottes Güte in seinem eigenen Leben erfahren hat, der weiß davon zu sagen, dass ihm immer neue Aufgaben entstehen, weil er wohl Gott immer näher kommt, der Weg aber immer noch unermesslich bleibt. Ein solcher Christ ist dannx wie ein Bergsteiger, der freilichy noch stundenweit vom Gipfel entfernt ist, aber er sieht ihn bereits, er kann den Weg nicht mehr verfehlen und schreitet darum tapfer aus.
Seht, das ist das innere
Wachsen, das von uns gefordert ist, wenn es
heißt, dass wir halten sollen, was wir haben. Wir sollen
das kleine oder große Pfund des Glaubens,
das wir haben, nicht im Schweißtuch verscharren, sondern damit wuchern
[vgl.
Wollen wir diesen Kampf aufnehmen, liebe Mitchristen? Nicht nur mit
Lufthieben, sondern ernsthaft? [vgl.
Wollen wir getreue Knechte sein? [vgl.
Und getreu sein heißt kämpfen.
- Nr. 2549: «Mache dich, mein Geist, bereit» von
J. B. Freystein (GERS 298; EG 387).
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Mt. 25,14–30