<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53017">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 15</title>
        <title type="content">Predigt: Apokalypse 3,11</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Apokalypse 3,11, 21. Februar 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53017 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53017</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 15: Predigt: Apokalypse 3,11</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">17</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 3,11, 21. Februar 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1458">KBA 993</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1909-02-21">21. Februar 1909</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p128" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>15</idno>
                </head>
               
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-1066">
                            <hi rend="italic">Niedergrenzebach</hi></placeName>
                            <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>(Filiale <placeName ref="kbga-places-1119">Leimsfeld</placeName>)<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. mit Bleistift hinzugefügt.</note><note xml:id="n01">Es handelt sich um die letzte
                                der drei Predigten, die Barth dort hielt (vgl. oben,
                                    <ref type="pub" target="../volume/53/p097#fn_n01">S. 97, Anm. 1</ref>, <ref type="pub" target="../volume/53/p118#fn_01">S. 118, Anm. 1</ref>). An seinen
                                Vater <persName ref="kbga-actors-21">Fritz Barth</persName> schrieb er über die fehlende Betreuung und das
                                mangelnde professionelle Echo auf seine Predigten wenige Tage
                                später (Brief vom 25.2.1909 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9209.11</idno>]): «Am Sonntag war ich
                                also wieder in der <placeName ref="kbga-places-1122">Schwalm</placeName>, werde aber ohne Not nicht gleich wieder
                                hingehen, da das Niveau des Pfarrers <persName ref="kbga-actors-4632">Cornelius</persName> doch zu honorig
                                ist. Der Mann ist noch nicht 50 und schon faul wie ein Nilpferd.
                                Ich habe ihn noch nie bei einer nennenswerten Tätigkeit gesehen,
                                außer beim Sprüchemachen, und das war schrecklich. Wir haben ihm
                                unsre Predigten vorgelesen, aber dogmatisch merkte er nichts und
                                homiletisch wusste er nichts außer 1–2 Gemeinplätzen. Der
                                Lehrer in <placeName ref="kbga-places-1119">Leimsfeld</placeName> hat mir das Rätselwort mitgegeben:
                                    <hi rend="italic">Ja, Herr Pfarrer, Sie haben viele Worte
                                geredet</hi>. Wie soll ich dieses Echo deuten?!»</note>
                        <date when="1909-02-21" rend="right">Sonntag, den 21. Februar 1909</date>
                        <date rend="right"> (Estomihi)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.11">Apokalypse 3,11</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Halte, was du hast, dass Niemand
                                    deine Krone nehme.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <div>
                    <p>Als ich das letzte Mal hieher kam, haben wir es versucht, uns klar zu machen,
                    was die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Bedeutung für unser Leben">Bedeutung</term> der heiligen <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> für unser Leben sei.<note xml:id="n02">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p118#p118">S. 118-127</ref>.</note> Wir haben gefunden, dass sie ein Zeugnis
                    des Glaubens der biblischen <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Glaubenszeugnis">Schriftsteller</term> ist<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. ursprünglich hinter «Zeugnis des Glaubens» positioniert;
                            mit Bleistift korrigiert.</note>, des Glaubens an Jesum Christum und durch ihn an Gott, der ihr Leben
                    frei und froh gemacht. Und wir haben weiter gefunden, dass das, was uns die
                    heilige Schrift schenken will, nichts Anderes ist als ein ebensolcher
                    starker und tapferer Gottesglaube wie der der Männer, die wir da reden
                    hören. Dieser <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>
                    <term type="Sachen" key="Glaube, der biblischen Schriftsteller">Glaube</term> ist die Unterweisung zur <term type="Sachen" key="Glaube, Unterweisung zur Seligkeit">Seligkeit</term>, sahen wir zum
                    Schluss. – |</p>
                    <p>Vielleicht hat sich unterdessen der eine oder andre von euch die Frage
                    gestellt: Ist das Alles denn auch wahr? Hat mir das <term type="Sachen" key="Bibellese">Lesen</term> in der Bibel, die Erinnerung an die
                    Gedanken der <term type="Sachen" key="Bibellese, Freude zum Leben">Bibel</term> Freude gemacht zum <pb xml:id="p129" ed="pga"/> Leben, den alten
                    Geist der <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>
                    und Traurigkeit ausgefegt und etwas Neues in mir geschaffen? Oder sind das
                    Alles schöne Dinge, die der Pfarrer wohl so sagen muss, weil er der Pfarrer
                    ist, und die sich in der Kirche auch ganz gut anhören, die aber Luft und
                    Wind sind, sobald das letzte Amen und der letzte Orgelton verklungen sind?
                    Ich würde gerne von euch selber hören, ob ihr euch diese Fragen gestellt und
                    was ihr euch selber darauf geantwortet habt! Einige, vielleicht Viele,
                    würden mir wohl sagen: «Die Bibel und der Glaube an Gott und die
                    Unterweisung zur Seligkeit, das Alles sind gute <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntagswerke</term>, an den übrigen sechs Tagen der <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Woche gilt etwas Anderes: meine eigenen Gedanken
                    und Wünsche und Absichten. Ich habe immer nach dieser Ordnung gelebt und war
                    froh und zufrieden dabei. Ich brauche nichts Neues für mein <term type="Sachen" key="Alltag">Alltagsleben</term>.» Andere würden mir
                    vielleicht antworten: «Du hast selbst gesagt, dass es für Manche nicht
                    leicht ist, die Bibel recht zu lesen. So <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>steht’s
                        bei<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus: «geht es».</note>
                     mir. Ich kann die Brücke nicht finden vom Glauben der Bibel zu meinem
                    Denken und Empfinden.» Einige aber wären wohl auch da, die würden sagen:
                    «Ja, gerade so ist’s mir gegangen, gerade so geht’s mir immer
                    noch. Wenn ich in den Evangelien oder in den Briefen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> lese, dann höre ich da Töne,
                    die weiterklingen in mir, ich finde Gedanken, bei denen ich sagen muss: so
                    geht’s mir auch, oder wünschen muss: Könnte ich doch das auch von mir
                    sagen. Ich spüre dann, dass die Leute, die das geschrieben haben, es ehrlich
                    gemeint haben mit der Liebe zum Herrn Jesus, und wenn ich mir das so
                    deutlich vor Augen stelle, dann macht es mich kräftig und ruhig, wie <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> wenn ich einem treuen Freund ins Auge gesehen
                    und die Hand gedrückt hätte. Ich weiß auch, was die <hi rend="italic">Krone</hi> ist,
                    von der das heutige Textwort redet. Meine Krone ist mein Glaube an den
                    großen Gott, der mich inwendig stark und frei gemacht hat, weil dieser
                    Glaube das Beste in meinem Leben ist.» So würden mir Einige sagen. Und die
                    Andern? Das Wort von der Krone geht sie auch, geht Alle an! Du meinst: wie
                    kann ich eine Krone halten, die ich nicht habe, und ich verstehe ja nicht
                    oder nur undeutlich, was ihr vom <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> redet. Ist’s wirklich so? Heißt’s
                    vielleicht nicht vielmehr wie im Liede:</p>
               
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p130" ed="pga"/> Es liegt eine Krone im tiefen Rhein</l>
                            <l>Sie funkelt<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich korrigiert aus:
                                        «glänzet».</note>
                                 von Gold und Edelstein.<note xml:id="n03">Auch
                                    bekannter, aber seltenerer Beginn des Liedes <bibl corresp="kbga-bibls-2522">«Das Herz am
                                    Rhein» von <persName ref="kbga-actors-9160">H. Dippel</persName> (<hi rend="italic">Schauenburgs Allgemeines Deutsches
                                        Kommersbuch</hi>, hrsg. von Fr. Silcher / Fr. Erk,
                                    Lahr o. J., 55–58. Auflage, Lied Nr. 362 [S. 327])</bibl>:
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Es liegt eine Krone im grünen Rhein, </l>
                                              <l>Gezaubert von Gold und von Edelstein.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p rend="noindent">Im tiefen Rhein! Sie war einmal da, die Krone, du hast auch
                    einmal etwas gespürt von Gottes Nähe, aber dann kam der Strom der Ereignisse
                    deines Lebens. Die Krone ist versunken, Sand und Geröll gehen drüber.
                    Besinne dich, die Krone ist noch da, noch ist’s Zeit, sie zu erheben.
                    Halte, was du hast, auch <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> wenn es dir recht wenig
                    scheint. Und die, die etwas erfahren haben von der Freude lebendigen
                    Glaubens, geht es an, weil man sich den Glauben nicht erwerben kann, wie man
                    eine Wiese erwirbt, heimgeht und sich aufs Ohr legt. Der Glaube will immer
                    neu <term type="Sachen" key="Glaube, will immer neu gesucht sein">gesucht</term> sein, der Glaube kennt keinen Stillstand.
                    <q rend="center">
                                <hi rend="italic">Glauben heißt <term type="Sachen" key="Glaube, heißt Kämpfen">Kämpfen.</term></hi>
                            </q>
                    Das wollen wir uns heute vergegenwärtigen, indem wir
                        <hi rend="italic">1</hi>. vom <hi rend="italic">Haben</hi>, <hi rend="italic">2</hi>. vom
                        <hi rend="italic">Verlieren</hi> und <hi rend="italic">3</hi>. vom <hi rend="italic">Halten</hi> des
                    Glaubens reden.</p>
                    </div>
                    <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Erstens: Vom <hi rend="italic">Haben</hi> des <term type="Sachen" key="Glaube, Haben des Glaubens">Glaubens</term>. Halte, was du
                            <hi rend="italic">hast!</hi> Der Glaube ist also ein <term type="Sachen" key="Glaube, Besitz">Besitz</term>, und wir wollen uns ehrlich
                        danach fragen, wie wenig oder wieviel wir unser eigen nennen. Ein <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> konnte von seinem Glauben
                        sagen: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. Ich <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> vermag Alles durch Christum, der mich stark
                        macht [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.13">Phil. 4,13</ref>].
                        Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]. Ich würde
                        mich noch<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         nicht getrauen, so Großes von meinem Glauben auszusagen, und
                        viele von euch vielleicht auch nicht, wenn ihr aufrichtig seid. Wir
                        wollen uns hüten, diese großen <term type="Sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnisse</term> in den Mund zu nehmen, solange sie nicht
                        Bekenntnisse unsrer tiefsten Erfahrung sind. Denn nicht die Bekenntnisse
                        machen den Glauben, sondern der Glaube und nur er darf Be<pb xml:id="p131" ed="pga" break="no"/>kenntnisse tun. Ein armer Schlucker gibt nicht
                        20-Markstücke aus, sondern Nickel und wenn’s hoch kommt
                            Silber.<note xml:id="n04">1908 waren die verausgabten 20-
                            und 10-Markstücke des Deutschen <term type="Sachen" key="Deutsches Reich, Münzgeld">Kaiserreichs</term> aus Gold;
                            aus Silber waren die 50-Pfennig- und 1-Markstücke, Kleinmünzen waren
                            aus Nickel oder Kupfer-Nickel.</note>
                        </p>
                    <p>Also, was <hi rend="italic">hast</hi> du an deinem <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben?</term>
                        </p>
                    <p>Darauf würde ich jetzt wieder am liebsten eure eigenen Antworten hören,
                        nicht in einem auswendig gelernten Bibelspruch, sondern mit euren
                        eigenen Worten ausgedrückt. Was gilt’s? Einige, die ganz offen
                        wären, würden sagen: Ha, Glaube ist, <hi rend="italic">wenn man am Sonntag in die
                                <term type="Sachen" key="Kirchgang">Kirche</term></hi>
                        <hi rend="italic">geht</hi> und an den Festtagen zum <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term>, <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> wenn
                        man im Übrigen <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>brav ist,<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         kein Pferd stiehlt, niemanden totschlägt. Gar nichts Anderes?
                        Nicht wahr, das wäre zuviel gesagt. Es zwingt dich ja niemand, zur
                        Kirche zu kommen, offenbar willst du’s also selber, weil du
                        irgendetwas damit bezweckst. Du hast das stille Gefühl, dass das so sein
                        müsse, dass die Woche nicht gut wäre, wenn sie nicht mit Gott wenigstens
                        angefangen würde. <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> muss sein!», sagen viele Leute und empfinden
                        dabei etwas <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>ganz Richtiges<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>, das sie freilich nicht ganz klar ausdrücken können. Sie fühlen
                        dunkel, dass irgend ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was da in der
                        Kirche gesagt und getan wird, und dem, was sie in ihrem Denken und
                        Handeln für recht und ehrbar halten. <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">
                                <hi rend="italic">Kirchenchristen</hi></term>
                        wollen wir die nennen, die beim Wort «Glauben» hauptsächlich an ihren
                        gewohnten Platz in der Kirche, an ihr Gesangbuch, an die Orgel und an
                        ein im Allgemeinen braves Leben denken. Bist du ein Kirchenchrist? Dann
                        musst du dir auch sagen, dass du an deinem Glauben wirklich etwas <term type="Sachen" key="Glaube, Haben des Glaubens">
                                <hi rend="italic">hast</hi></term>, denn ohne Zweifel hat das dunkle Gefühl,
                        dass <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Religion sein müsse, schon Menschen zu
                            <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutem</term> angeleitet
                        und vor <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösem</term>
                        bewahrt.</p>
                    <p>Andere würden sagen: Glauben ist, <hi rend="italic">wenn man an die Bibel <term type="Sachen" key="Glaube, an die Bibel">glaubt</term></hi>
                        und ihren <term type="Sachen" key="Gebote, biblische">Geboten</term>
                        gehorcht. Sie haben nicht nur ein dunkles Gefühl, sondern die recht
                        klare Erkenntnis, dass sie Gott nötig haben, vielleicht nur zum äußern
                        Wohlergehen, vielleicht aber auch deshalb, weil sie einsehen, dass der
                        Mensch nichts ist ohne ein starkes und gewisses inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>, ohne eine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, und dass das innere Leben,
                        die Seele <pb xml:id="p132" ed="pga"/> sich auf nichts Anderes gründen <term type="Sachen" key="Seele, gründet sich auf Gott">kann</term> als auf
                        Gott, der selbst das <term type="Sachen" key="Gott, ist das Leben">Leben</term> ist. Und darum glauben Christen<note type="textcritical" n="h1" xml:id="nh1"> Im Mskr. ursprünglich: «diese Christen»; mit Bleistift
                                korrigiert.</note>
                         an die Bibel, d. h. sie nehmen hin, was die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> über Gott sagt, ohne
                        daran zu zweifeln, und sie bemühen sich zu tun, was die Bibel sie tun
                        heißt. Gehörst du zu den <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">
                                <hi rend="italic">Bibelchristen</hi></term>
                            <hi rend="italic">?</hi> Dann
                            <hi rend="italic">hast</hi> du einen großen Besitz an deinem <term type="Sachen" key="Glaube, Haben des Glaubens">Glauben</term>, denn
                        weil du an die Bibel glaubst, <hi rend="italic">weißt</hi> du von dem lebendigen
                            <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der die
                        Zuflucht der Psalmensänger und die Kraft der Propheten gewesen ist, der
                        das Recht <term type="Sachen" key="Gott, liebt das Recht">liebt</term>
                        und das Unrecht <term type="Sachen" key="Gott, hasst das Unrecht">hasst</term>, du <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>
                        <hi rend="italic">weißt</hi> auch, dass er seinen Sohn auf die Erde geschickt hat,
                        die Sünder selig zu machen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.1.15">1.Tim. 1,15</ref>]. Und dieses Wissen um Gottes <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißungen</term> und <term type="Sachen" key="Gebote, göttliche">Gebote</term> kann dir
                        plötzlich einen Trost und Halt geben, wie ihn die Andern nicht
                        kennen.</p>
                    <p>Und dann sind da noch Einige, die würden mir vielleicht leise sagen:
                        Glauben ist, <hi rend="italic">wenn man zu Gott gehören <term type="Sachen" key="Glaube, zu Gott gehören möchten">möchte</term></hi>. Sie
                        glauben an ihn, nicht nur weil sie ihn nötig haben und weil die Bibel es
                        so verlangt, sondern weil er <hi rend="italic">da ist</hi>, weil sie sich
                        erinnern, seine Stimme in ihrem eigenen <term type="Sachen" key="Gott, Stimme im eigenen Leben">Leben</term> schon gehört zu
                        haben. Vielleicht ist ihnen ein Mensch begegnet, dessen Gesinnung und
                        dessen Taten sie erst nachdenklich gemacht und dann überzeugt haben,
                        dass Gott nicht nur im heiligen Buch steht, sondern lebt. Vielleicht ist
                        im Verkehr mit den Männern der Schrift diese Überzeugung über sie
                        gekommen, aber jedenfalls ist ihnen diese Überzeugung etwas so Gewisses,
                        dass sie nicht mehr um der andern Menschen und um der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> willen
                        glauben, sondern weil sie nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> anders
                        können. Sie haben Gott selber gesehen, und sie sind auf dem Wege, ihm
                        immer näher zu kommen. Gehörst du zu den <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">
                                <hi rend="italic">Herzenschristen</hi></term>
                            <hi rend="italic">?</hi> Dann
                            <hi rend="italic">freue</hi> dich deines <term type="Sachen" key="Glaube, Besitz">Besitzes</term>. Von ihnen gilt: «Selig sind,
                        die da Heimweh haben, denn sie werden nach Hause kommen!»<note xml:id="n05">Erster Satz des ersten Buches von: 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2459">
                                    <persName ref="kbga-actors-2212">J. H. Jung-Stilling</persName>, <hi rend="italic">Das Heimweh und der Schlüssel zu
                                demselben</hi>, Bd. 1 [1793] (ders., Sämmtliche
                            Schriften, Bd. IV, Stuttgart 1836 [Nachdruck 1979]), S. 9</bibl>:
                                «<hi rend="italic">Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach
                                Haus kommen</hi>».</note>
                        </p>
                    <p> Zu welchen gehörst du? Frage dich selber! Aber den <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchristen</term> und den <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchristen</term> und
                        den <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">Herzenschristen</term> gilt das Wort: <hi rend="italic">Halte</hi>, was du
                        hast, denn der Glaube ist wohl ein <term type="Sachen" key="Glaube, Besitz">Besitz</term>, aber Glauben heißt <term type="Sachen" key="Glaube, heißt Kämpfen">Kämpfen</term>. Das sehen
                        wir, wenn wir</p>
                    </div>
                    <div>
                    <pb xml:id="p133" ed="pga"/>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Zweitens: Vom <hi rend="italic">Verlieren</hi> des <term type="Sachen" key="Glaube, Verlieren des Gl.">Glaubens</term> reden.
                        Halte, was du hast, den kleinen oder großen Besitz deines Glaubens, auf
                        dass dir Niemand deine Krone nehme. Wer sind die, die dir <hi rend="italic">die
                            Krone nehmen</hi> möchten? Der erste bist <hi rend="italic">du selber</hi>,
                        lieber Freund, denn, wie klein oder groß dein Glaube <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> immer sei, du weißt recht gut, dass neben der Stimme des
                        Glaubens noch eine andre Stimme in dir redet. Das ist die Stimme der
                            <term type="Sachen" key="Selbstsucht">
                                <hi rend="italic">Selbstsucht</hi></term>, der <term type="Sachen" key="Habgier">Habgier</term>, der <term type="Sachen" key="Sinnlichkeit">Sinnlichkeit</term>. Wir kennen sie alle. Zu
                        Zeiten scheint es, als sei sie eingeschlafen, begraben auf immer. Der
                            <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchrist</term> freut sich seines Glaubens, wenn er im dunklen
                        Gefühl, so sei es recht, in der Kirche sitzt oder etwas Schlimmes, das
                        er tun möchte, nicht tut. Der <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchrist</term> freut sich seines
                        Glaubens, wenn ihn wieder einmal ein Wort der Bibel getröstet, ein
                        anderes zu guter Tat angespornt hat. Und der <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">Herzenschrist</term> freut sich
                        seines Glaubens, wenn er durch irgend ein Ereignis seines Lebens Gott
                        wieder einen Schritt näher gekommen ist. Aber in allen dreien lebt auch
                        die andre Stimme, die nein sagt, wo der Glaube ja, ja, wo der Glaube
                        nein sagt. Sie schläft manchmal, diese Stimme, aber sie kann alle Tage
                        aufwachen und über uns kommen wie ein brüllender Löwe [vgl. 
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.8">1.Petr. 5,8</ref>]. Da bietet
                        sich vielleicht in <term type="Sachen" key="Handel / Geschäftsleben">Handel</term> und Wandel eine so günstige Gelegenheit, meinen
                        Vorteil wahr<pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>zunehmen, vielleicht zum
                        Nachteil des Andern, aber es merkt’s ja niemand und die Polizei
                        am wenigsten. Da ist eine Gelegenheit, etwas zu tun, von dem du ganz
                        genau weißt, dass es nicht recht und nicht rein ist, aber die
                        Gelegenheit ist so lockend. Sollte Gott gesagt haben…? 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.1">Gen. 3,1</ref>] Wir Alle haben
                        schon so gefragt. |</p>
                    <p>Wird da<note type="textcritical" n="h2" xml:id="nh2"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         der Gedanke an den Platz in der Kirche dem <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchristen</term> helfen? Wird
                        der Gedanke an das Wort der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> den <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchristen</term> vor der
                        Versuchung bewahren? Wird die Erinnerung an Gott selber den <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">Herzenschristen</term>
                        retten? Nicht wahr, das sind bange Fragen. Gleichviel, zu welchen wir
                        gehören, wir wissen, wie oft wir gefallen sind durch eigene <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term>. Und mit dem Fall
                        verschwindet unser großer oder kleiner Glaube auf immer im dichten
                        Nebel, wenn wir nicht rechtsum kehrtmachen. Die Kirche und das Bravsein,
                        die <pb xml:id="p134" ed="pga"/> Bibel und Gott selbst, sie werden uns zu
                        leeren, unverständlichen, fremden Dingen und Gedanken, wenn die <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> in uns siegt.</p>
                    <p>Vielleicht kommt nun die Macht, die dir deine <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Krone nehmen will, ursprünglich nicht aus dir selbst, sondern von den
                            <term type="Sachen" key="Mensch, Mitmensch">
                                <hi rend="italic">Mitmenschen</hi></term>. Denn wie <hi rend="italic">Gott</hi><note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                             bei dir einziehen kann durch die Worte und Taten
                        anderer Menschen, so kann es auch der <hi rend="italic">Teufel</hi><note type="textcritical" n="j" xml:id="nj"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                            <term type="Sachen" key="Teufel"/>. Durch
                            <hi rend="italic">Worte</hi>, denn die Zunge ist ein kleines Glied und richtet
                        große Dinge an [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.5">Jak. 3,5</ref>], sie hat schon manchen Glauben nicht nur erschüttert,
                        sondern umgeworfen. Wenn du ein <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchrist</term> bist, was wirst
                        du tun, wenn dich dein Nachbar ganz trocken fragt, wozu das <term type="Sachen" key="Kirchgang">Kirchengehen</term> und Bravsein
                        eigentlich nützlich sei? Wie wird es dem <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchristen</term> ergehen, wenn ein
                        törichter Witzbold es versucht, vor ihm die oder jene Geschichte oder
                        Stelle der Bibel lächerlich zu machen? Aber auch der <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">Herzenschrist</term>, was wird er
                        dazu sagen, wenn eines Tages ein Anderer ihm klipp und klar beweisen
                        will, einen Gott gebe es nicht und könne es nicht geben?<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk"> Im Mskr. folgt der Satz: «Mit solchen Worten, die uns die
                                Krone nehmen wollen, haben wir heutzutage wohl auch auf dem
                                Dorfe zu rechnen.» Barth hat diesen Satz nachträglich mit
                                Bleistift in eckige Klammern gesetzt und am Rand mit dem Hinweis
                                «Reflexion» versehen.</note>
                         Und noch wirksamer sind die <hi rend="italic">Taten</hi>, denn was ein Wort
                        vielleicht nicht vermag, das vermag oft<note type="textcritical" n="l" xml:id="nl"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         das Beispiel eines Lebens ohne <term type="Sachen" key="Leben, ohne Gott">Gott</term>, das ein Mensch den <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> andern geben kann. Zu welchen Christen wir
                        immer gehören, wir wollen uns fragen, ob das, was unser Glaube ist,
                        standhält beim Anhören feindseliger Worte oder beim Anblick gottloser
                        Taten Anderer.</p>
                    <p>Und endlich können es <hi rend="italic">Ereignisse</hi> sein, die uns die Krone
                        nehmen, Ereignisse, die doch<note type="textcritical" n="m" xml:id="nm"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         nach der Meinung der Christen nicht von ungefähr, sondern von
                        Gott kommen. Als im Jahre 1755 die Stadt <placeName ref="kbga-places-1123">Lissabon</placeName> in Portugal durch ein gewaltiges
                            <term type="Sachen" key="Erdbeben (Lissabon 1755)">Erdbeben</term>
                        zerstört wurde, da war das für Unzählige ein Anlass, dem <term type="Sachen" key="Glaube">Gottesglauben</term> den Abschied zu
                            geben,<note xml:id="n06">Am 1. November 1755 wurde
                                <placeName ref="kbga-places-1123">Lissabon</placeName> durch
                            ein Erdbeben, bei dem über 30 000 Menschen ums Leben kamen,
                            weitgehend zerstört. Zu den in vielfacher Hinsicht gravierenden
                            mentalitäts- und geistesgeschichtlichen Auswirkungen dieses
                            Ereignisses vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2523">
                                    <hi rend="italic">Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die
                                Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer
                                Zeitgenossen</hi>, hrsg. von W. Breidert, Darmstadt
                            1994</bibl>.</note> und auch bei dem großen Unglück, das vor 7 Wochen
                            <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>in <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName>
                        <pb xml:id="p135" ed="pga"/> geschehen ist<note type="textcritical" n="n" xml:id="nn" target="fn-o"> Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle der ursprünglich
                                genaueren Aussage: «<placeName ref="kbga-places-1124">Calabrien</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1028">Sizilien</placeName> betroffen hat».</note>,<note xml:id="n07">Am 28. Dezember 1908 zerstörte ein
                            Erdbeben weite Teile von <placeName ref="kbga-places-1059">Messina</placeName> und anderen Städten; dem Beben und dem darauf
                            folgenden Tsunami fielen nach Schätzungen zwischen 70 000 und 100 000 Menschen zum Opfer.</note> haben die Stimmen nicht gefehlt, die
                        fragten: Kann es einen <term type="Sachen" key="Theodizeefrage">Gott</term> geben, der Solches zulässt? Was sagen wir als Christen
                        dazu? Wollen wir auch weggehen? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.67">Joh. 6,67</ref>] Und wie steht’s mit uns, wenn
                        ein solches Ereignis in unser eigenes, persönliches Leben hineintritt?,
                        ein Todesfall, eine Missernte, ein Brandunglück, ein Geldverlust? Halten
                        da Kirche und Bibel und Gott in unserm Innern <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> stand, oder versinkt die Krone im tiefen Rhein, als wäre sie nie
                        dagewesen?</p>
                    <p> Liebe Freunde! Alle diese Gefahren für unsern <term type="Sachen" key="Glaube, Gefahren">Glauben</term> können von heute auf morgen
                        jeden von uns treffen. Jeder von uns kennt in sich selber die andre
                        Stimme, die dem Glauben entgegentritt; Menschen, die dieser Stimme
                        helfen, gibt es auch genug – wirst du siegen oder unterliegen,
                        wenn Gott selber durch eine plötzliche Fügung in deinem Leben deinen
                        Glauben auf die Probe stellt? Nicht wahr, nun will es dir auch fast
                        scheinen, als ob der Glaube wohl ein <term type="Sachen" key="Glaube, Besitz">Besitz</term> sei, aber ein Besitz, um den
                            <hi rend="italic">gekämpft</hi> werden <term type="Sachen" key="Glaube, heißt Kämpfen">muss</term>, und der Kampf ist nicht
                        leicht.</p>
                    </div>
                    <div>
                    <head>III</head>
                    <p rend="noindent">Wir reden also drittens vom <hi rend="italic">Halten</hi> des <term type="Sachen" key="Glaube, Halten des Gl.">Glaubens</term>.
                            <hi rend="italic">Halte</hi>, was du hast! Was heißt halten? Wir dürfen das
                        Wort ja nicht etwa so <hi rend="italic">missverstehen</hi>, als sei uns gesagt:
                        Bleibe ruhig<note type="textcritical" n="o" xml:id="no"> Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.</note>
                         bei dem, was du bist, suche beileibe nicht etwa nach einem höhern
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>
                        <term type="Sachen" key="Glaube, höherer">Glauben</term>, als der ist,
                        den du gerade hast.<note type="textcritical" n="p" xml:id="np"> Im Mskr. folgt der von Barth eckig eingeklammerte Satz:
                                «Bleibe also z. B. ruhig ein Kirchenchrist, wenn’s dir
                                gefällt.»</note>
                        
                        <pb xml:id="p136" ed="pga"/> Das wäre das direkte Gegenteil von dem, was unser Text<note type="textcritical" n="q" xml:id="nq"> Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «Wort».</note>
                         verlangt. In der griechischen Bibel bedeutet das Wort, das im
                        Deutschen mit<note type="textcritical" n="r" xml:id="nr"> Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.</note>
                         «<hi rend="italic">halte</hi>, was du hast», übersetzt ist, ungefähr so
                        viel wie «<hi rend="italic">ergreife</hi>, was du hast!». Ich weiß nicht, ob die
                        Kinder und jungen Burschen hierzulande auch das Spiel des Seilziehens
                        kennen: Zwei Parteien spannen sich an die zwei Enden eines Seils, wer
                        stärker zieht, hat gewonnen. Dabei <hi rend="italic">hält</hi> man das Seil zwar,
                        aber man sucht vor Allem, <hi rend="italic">immer mehr davon zu ergreifen</hi> und
                        so den Gegner den Kürzeren ziehen zu lassen. Das ist genau das Halten,
                        das hier gemeint ist.</p>
                    <p> Das Halten des <term type="Sachen" key="Glaube, Halten des Gl.">Glaubens</term> ist also kein Stillstand, sondern ein fortwährendes
                            <hi rend="italic">Wachsen</hi> im <term type="Sachen" key="Glaube, Wachsen im Gl.">Glauben</term>. Wie denn? Du sagst:
                        eben haben wir von den Mächten geredet, die uns die Krone nehmen wollen.
                        Können wir nicht zufrieden sein, wenn wir behalten, was wir haben, ist
                        es nicht vermessen, bei solcher Gefahr noch vom Wachsen zu reden? Nein,
                        lieber Freund, <pb ed="A" rend="hidden" n="17"/> gerade <hi rend="italic">wachsen</hi>
                        müssen wir, wenn wir nicht verlieren wollen. Sieh, die Sache ist ganz
                        einfach. Wir haben bisher die drei Arten von Christen: <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchristen</term>, <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchristen</term>, <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">Herzenschristen</term>, nebeneinander gestellt, als ob der Glaube aller
                        dreier gleich gut sei. Das scheint auch auf den ersten Blick so, denn
                        wer könnte z. B. in dieser Gemeinde die drei Arten auseinanderlesen: Du
                        gehörst hierher und du dahin? Wenn aber jene Gefahren kommen, die uns
                        die Krone nehmen wollen, dann zeigt es sich, wenn auch in vielen Fällen
                        nur vor dem Auge Gottes, wohin ein Mensch gehört. Und<note type="textcritical" n="s" xml:id="ns"> Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle von: «Denn».</note>
                         nicht Alle bestehen das Examen, das diese Gefahren für uns
                        bilden.</p>
                    <p>Glaubt ihr ernstlich, dass der <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">
                                <hi rend="italic">Kirchenchrist</hi></term>,
                        dessen Glaube in dem dunklen Gefühl besteht, dass man zur Kirche gehen
                        und brav sein müsse, glaubt ihr, dass er einer wirklich großen <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> widerstehen wird?
                        Wird nicht die Stimme der <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> stärker sein als die Stimme der Kirchenorgel, an
                        die er denkt, wenn man von Glauben redet? Ich glaube es doch<note type="textcritical" n="t" xml:id="nt"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                «nicht».</note>, – entweder er unterliegt und verliert damit das, was er
                        hat, oder aber er besinnt sich auf etwas, was über <pb ed="A" rend="hidden" n="18"/> seinen alten Glauben<note type="textcritical" n="u" xml:id="nu"> Im Mskr. folgt der von Barth eckig eingeklammerte Nebensatz:
                                «[…], der auf das Kirchensitzen gegründet war,
                                […]».</note>
                         hinausgeht, er besinnt sich auf die Worte <anchor type="note" xml:id="fn-v"/>der
                            Schrift<note type="textcritical" n="v" xml:id="nv" target="fn-v"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                            <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift"/>, <pb xml:id="p137" ed="pga"/> die er da so oft<note type="textcritical" n="w" xml:id="nw"> Im Mskr. nachträglich hinzugefügt.</note>
                         gehört, ohne zu hören – <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> – <term type="Sachen" key="Gericht, Jüngstes">Gericht</term> – Gott tönt es in seinen Ohren. Er überlegt
                        die Sache noch einmal und widersteht der <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> – er ist durch die Gefahr
                        aus einem <term type="Sachen" key="Christen, Kirchenchristen">Kirchenchristen</term> ein Bibelchrist geworden.</p>
                    <p>Aber auch der Glaube des <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">
                                <hi rend="italic">Bibelchristen</hi></term> wird
                        auf die Probe gestellt. Wie, wenn einem solchen in der Nacht Haus und
                        Hof verbrennt, und am andern Morgen vernimmt er zufällig, dass sein
                        Nachbar, ein schlechter Mann, im <term type="Sachen" key="Handel / Geschäftsleben">Handel</term> einen großen Erfolg
                        gehabt hat? <hi rend="italic">Er</hi> hat zeitlebens schlecht und recht an den
                        Gott der Bibel geglaubt, <hi rend="italic">jener</hi> hat vielleicht darüber
                        gespottet. Wo bleibt da Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>? Was wird er tun? Nun
                        muss es sich zeigen, welcher Art sein Glaube gewesen ist. Wird er dem
                        lieben Gott aufkündigen, wie man einem schlechten Handelsfreund kündigt,
                        oder wird er sagen können:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>«Was Gott tut, das ist wohlgetan,</l>
                                <l>Es <hi rend="italic">bleibt</hi> gerecht sein Wille.<note xml:id="n08">Beginn eines Liedes von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-162">S.
                                        Rodigast (GERS 270; RG 684; EG 372)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="19"/> – ich weiß nicht, warum Gott das an
                        mir tut. Aber ich weiß, dass er es gut meint mit mir.» Wenn er das
                        Letztere sagen kann, dann ist in aller Stille aus dem <term type="Sachen" key="Christen, Bibelchristen">Bibelchristen</term> ein
                        Herzenschrist geworden, der weiß, an wen er glaubt, weil er selber Gott
                        gesehen hat – und das kommt an den Tag in der Stunde, da ihm
                        jenes Ereignis die Krone nehmen wollte.</p>
                    <p>Und der <term type="Sachen" key="Christen, Herzenschristen">
                                <hi rend="italic">Herzenschrist</hi></term>
                            <hi rend="italic">?</hi> Gibt es für ihn
                        keine Gefahren mehr? Ich meine, gerade wer Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term> und Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> in seinem eigenen Leben erfahren hat,
                        der weiß davon zu sagen, dass ihm immer neue Aufgaben entstehen, weil er
                        wohl Gott immer näher kommt, der Weg aber immer noch unermesslich
                        bleibt. Ein solcher Christ ist dann<note type="textcritical" n="x" xml:id="nx"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         wie ein Bergsteiger, der freilich<note type="textcritical" n="y" xml:id="ny"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                                «wohl».</note>
                         noch stundenweit vom Gipfel entfernt ist, aber er sieht ihn
                        bereits, er kann den Weg nicht mehr verfehlen und schreitet darum tapfer
                        aus.</p>
                    <p>Seht, das ist das innere <term type="Sachen" key="Glaube, Wachsen im Gl.">
                                <hi rend="italic">Wachsen</hi></term>, das von uns gefordert ist, wenn es
                        heißt, dass wir <hi rend="italic">halten</hi> sollen, was wir haben. Wir sollen
                        das kleine oder große Pfund des Glaubens, <pb ed="A" rend="hidden" n="20"/>
                        das wir haben, nicht im Schweißtuch verscharren, sondern damit wuchern
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.20">Lk. 19,20</ref>], das
                        Leben unsres <pb xml:id="p138" ed="pga"/> Glaubens soll sich nach aufwärts
                        bewegen auch in ruhigen Zeiten, damit, wenn die Stunde der Gefahr kommt,
                        wir nicht nur nicht fallen, sondern die Gefahr als eine Sprosse in der
                        Leiter <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>benützen, um einen sichtbaren Schritt
                            aufwärts<note type="textcritical" n="z" xml:id="naa" target="fn-z"> Im Mskr. ursprünglich: «nach oben benützen, um einen
                                sichtbaren Schritt nach oben»; mit Bleistift korrigiert.</note>
                         zu tun.</p>
                    <p> Wollen wir diesen <term type="Sachen" key="Glaube, heißt Kämpfen">Kampf</term> aufnehmen, liebe Mitchristen? Nicht nur mit
                        Lufthieben, sondern ernsthaft? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.26">1.Kor. 9,26</ref>] Seht, es bleibt dabei, dass niemand
                        gekrönt wird, er kämpfe denn recht [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.5">2.Tim. 2,5</ref>].</p>
                    <p> Wollen wir getreue Knechte sein? [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.21 Mt.25.23">Mt. 25,21.23</ref>] Dann wollen wir es uns gesagt sein
                        lassen: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens
                        geben [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.2.10">Apk. 2,10</ref>].</p>
                    <p>Und getreu sein heißt kämpfen.</p>
                    </div>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>                    
                </div>
                <div type="songs">
                       <head>Lied:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                           <bibl type="song" corresp="kbga-songs-46">Nr. 254<note xml:id="n09">Die hier von Barth
                                    angegebene Liednummer bezieht sich auf: <bibl corresp="kbga-bibls-2502">
                                    <hi rend="italic">Evangelisches
                                        Kirchengesangbuch für den Konsistorialbezirk
                                        Cassel</hi>, Cassel 1889; 1907<hi rend="sup">3</hi>.</bibl>
                            </note>: «Mache dich, mein Geist, bereit» von <persName ref="kbga-actors-2396">J. B.
                                Freystein</persName> (GERS 298; EG 387).</bibl>
                        </listBibl>
                </div>
                <div>  
                    
                        <head>Lesungstext:</head>
                        <list type="simple">
                            <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.14 Mt.25.30">Mt. 25,14–30</ref>
                        </item>
                        </list>   
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
