Predigt: 2.Timotheus 3,15
Wir Alle gehören zu denen, die von Kind auf die heilige Schrift wissen. Wir haben im Haus unsrer Eltern oder in der Schule ihre schönsten Geschichten uns erzählen lassen, wir haben uns als Konfirmanden mit ihren größten und wichtigsten Gedanken vertraut gemacht, vielleicht haben wir auch damals das eine oder andre Stück aus der Bibel auswendig gelernt und konnten es hersagen, dass Lehrer und Pfarrer die helle Freude an uns hatten. Und heute noch stellen wir uns |119 pünktlich Sonntag für Sonntag hier ein, um Gottes Wort zu hören. Wir wissen von Kind an die heilige Schrift, wir können es nicht leugnen. Hat sie uns aber auch unterwiesen zur Seligkeit ? Denn nicht wahr, darüber sind wir ja einig: damit dass wir die Bibel lesen, daraus auswendig lernen, uns darüber predigen lassen, damit stehen wir erst am Anfang. Die Hauptsache kommt dann erst. Die Bibel ist Mittel zu einem höhern Zweck. Aber kein unfehlbares Mittel, das wir nur einzunehmen brauchten, wie wir ein Arzneimittel einnehmen, um unsern Magen oder unser Blut zu kurieren. Weil du von Kind auf die heilige Schrift weißt, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit. Sie kann es, sie hat die Fähigkeit dazu, aber sie muss es nicht, die Wirkung tritt nicht etwa mit der selbstverständlichen Notwendigkeit ein, mit der auf das A das B folgt, sondern nur unter ganz bestimmten Bedingungen.
Und darum wollen wir es uns recht ernst überlegen, wie es bei uns steht, ob unser großes oder kleines Wissen von der heiligen Schrift uns unterwiesen hat und unterweist zur Seligkeit. Wie? Du sagst: mit der Seligkeit hat’s gute Weile, ich denke noch nicht gleich zu sterben, und wenn’s dann einmal so weit kommt, dann will ich mich wohl von der Schrift zur Seligkeit unterweisen lassen, aber für mein jetziges Leben ist’s genug, wenn ich die Schrift kenne als ein braver Christ, von außen und auch ein wenig von innen. Erst dem Leben mit Handel und Wandel und Vergnügen sein Recht, dann der Seligkeit das ihrige. Nicht wahr, wir Alle haben etwa schon so über Leben und Seligkeit gedacht? Es ist aber in Wirklichkeit ganz anders: Die Seligkeit gehört in dein jetziges Leben schon hinein, woher weißt du, dass sie dir nach dem Tode geschenkt wird, wenn du sie hier nicht kennengelernt hast? Und darum ist es nicht so, dass es genug ist, wenn wir die heilige Schrift kennen und lesen und hören, wir müssen schon hier etwas verspüren von der Unterweisung zur Seligkeit, d. h. aber zu einem Leben der Wahrheit und Beständigkeit und Kraft, das sie uns zu geben vermag.
Die Seligkeit ist eine Kraft der Gegenwart, und darum wollen wir uns heute fragen nach der
- Bedeutung der heiligen Schrift für unser Leben.
- Vom Lesen in der Bibel,
- Vom Inhalt der Bibel und
- 120 Vom Glauben wie die Bibel
- möchte ich euch Einiges sagen.
I
Erstens: Vom Lesen in der Bibel. Liesest du überhaupt noch in der Bibel?
Dass du darin gelesen hast, weil Schule und Konfirmandenunterricht es so mit sich brachten, das ist ja in einem christlichen Lande für die meisten selbstverständlich. Aber wenn dann der Mensch ins Leben hinauskommt, dann wird es eben vielfach anders. Viele verlieren über den Gedanken an die Arbeit oder ans Vergnügen überhaupt die Freudigkeit am Lesen, weil sie wie die Pferde mit Scheuklappen versehen sind gegen alle Dinge, die über den Viehstall und den Erwerb, über das Wirtshaus und den Tanzboden hinausgehen. Die Meisten lesen heute doch wenigstens die Zeitung. Gut! Sie denken doch nicht nur ans Nächste und lernen etwas über ihre vier Pfähle hinaussehen. Aber es will mir scheinen, gerade aus der Zeitung könnten wir ersehen, dass der Mensch höhere Nahrung braucht für Kopf und Herz als eben die Zeitung mit ihren hunderterlei großen und kleinen Nachrichten aus der Nähe und aus der Ferne. Denn was helfen uns all die nützlichen Dinge, die wir da vernehmen, wenn wir in unserm Innern nicht eine Werkstätte haben, die die Dinge verarbeitet, die uns ein selbständiges Urteil gibt über die Dinge, die die Dinge für uns selber innerlich nutzbar macht? Und die Zeitung ist nur ein Abbild unsres Lebens überhaupt. Unser Leben mag äußerlich noch so glücklich und befriedigendb sein, es mag uns noch so viel Schönes und Merkwürdiges bringen, solange wir nur dahin leben, ohne uns über den Zweck des Lebens zu besinnen, solange bleibt es uns etwas Totes. Der Viehstand mehrt sich vielleicht und die Kassenscheine auch, aber wir selber haben nichts davon, wir wissen ja im Grunde nicht, wozu wir leben und arbeiten. Viel zu viele laufen in der Welt herum, bei denen es inwendig so aussieht, und wer weiß, bei den Meisten von ihnen steht zu Hause auf dem Brett an der Wand auch ein Bibelbuch, aber es liegt eine dicke Staubschicht darüber, und dann ist allerdings die Bibel nichts wert. |121 Der Pfarrer, der in dem Haus einen Besuch macht, lässt sich vielleicht durch den Anblick täuschen, wenn er kurzsichtig ist, aber dir selbst ist damit wenig geholfen. Die Bibel als Staubfänger kann dich freilich nicht zur Seligkeit, zu einem selbständigen, starken Leben unterweisen. |
Wie lesen wir die Bibel? Du sagst mir: ich lese dann und
wann die Bibel, vielleicht alle Tage, ich halte darauf, jeden Morgen mit
einem Bibelabschnitt oder -Wort zu beginnen, und in stillen Stunden kann
ich mir nicht genug tun, mich in die Geheimnisse dieses Buchs zu
versenken. Und trotzdem: unterweist sie dich zur Seligkeit, zu einer Kraft, die nicht nur in den
stillen Stunden, sondern in all deinem Tun und Lassen dich erfüllt, zu
einem Leben, von dem z. B. auch deine Knechte und Mägde, deine Nachbarn
etwas verspüren, oder ist dir dein Verkehr mit der Bibel ein
höherer Zeitvertreib, eine Erholung, die ins Kämmerlein gehört und nicht
zum Leben, über die du vielleicht auf dem Krankenbett einmal recht froh
wirst, die aber in gesunden Tagen mehr nebenher geht neben deinem
sonstigen Denken und Tun? Mit dem Bibellesen an sich ist es nämlich
nicht getan, es gibt viel falsches und ungöttliches Bibellesen, selbst unter sehr feinen
und frommen Formen. Ich sollte eigentlich nicht reden müssen von dem
allerlei Aberglauben, der
mit diesem Buch immer wieder getrieben wird,
obschon in dieser Hinsicht auch unter uns Evangelischen noch viel Unfug
geschieht. Aber der Aberglaube zeigt uns gerade hier besonders deutlich,
dass es an der rechten Art des Glaubens fehlt und wo es fehlt. Ich weiß
von einer Gegend, in der es früher üblich war, den kleinen Kindern mit
der ersten gekochten Milch, die sie bekamen, ein Blatt aus dem Neuen
Testament, in
kleine Stückchen zerrissen, einzugeben. Wozu? Damit die Kinder recht
fromm würden!2 Gerade als ob das Essen mit der Frömmigkeit irgend etwas zu tun hätte. Aber
so machen wir’s: wir brauchen die Bibel zu allen
möglichen Zwecken, die wir uns selber erdenken, und nennen das dann
Glauben! Der Eine sitzt hinter der Offenbarung Johannes und spekuliert
scheinbar höchst fromm über die sieben Siegel [vgl.
Alle diese Dinge haben mit dem Glauben nichts zu tun, gar nichts, und wer
die Bibel recht lesen
will, der muss vor Allem die Einsicht und den Willen haben, mit keiner
andren Frage an sie heranzutreten als mit der: Was muss ich
tun, damit ich selig werde? [
Denn Glaube im Sinn des Evangeliums ist doch wohl eine innere Kraft, die wohl in
unserm Herzen entsteht, die wir aber nicht selber uns zurechtmachen
können aus allerlei schönen oder auch weniger schönen Gedanken, und wenn
wir sie aus der Bibel hätten. Glaube ist die Ruhe und
Sicherheit, die unserm Leben fehlt, solange wir es nicht gelernt haben,
nach ihren Quellen zu suchen. Glaube ist ein
herzliches Verhältnis zum lebendigen Gott, der über der Welt steht und der uns herausnehmen will aus
unserm bisherigen Leben, dessen Sinnlosigkeit und Zwiespältigkeit uns
quält, um uns wieder hineinzustellen ins Leben, aber als neue Menschen, die ein Ziel und
eine Zukunft haben. – Diesen Glauben will die Bibel in uns wecken
c-und stärken-c, nicht Gedanken über Weltschöpfung und Weltuntergang, über Himmel und Hölle. Gedanken «haben die
Teufel auch und zittern» [
Mit dem Verlangen nach Gott, mit dem Verlangen nach einem herzlichen Verhältnis zu ihm, das uns frei und stark macht, wollen wir die Bibel lesen.
II
Zweitens: Vom Inhalt der Bibel wollen wir nun reden. – |
Mit dem Verlangen nach Glauben wollen wir sie also lesen. Finden wir in
ihr etwas, das diesem Verlangen entgegenkommt? Enthält die |123 Bibel nicht gar zu viel, das mit meinem persönlichen
Verhältnis zu Gott so gar nichts zu tun
hat? Was sollen mir die Verzeichnisse der Chronikbücher [vgl.
Irgend etwas von diesen Schwierigkeiten beim Bibellesen hat jeder Christ schon erfahren, wenn sich auch lange nicht Alle klar darüber sind. Für die, die die Schwierigkeiten des Bibellesens einsehen, und für die, die sie nicht einsehen, ist es aber in gleicher Weise nötig, dass sie sich in Erinnerung rufen, was die Bibel eigentlich sein will und ist. Dazu braucht es keine gelehrten Spitzfindigkeiten, meine Freunde, sondern nur die einfache Besinnung auf Tatsachen, die für jeden |124 Christen, der seine Bibel kennt, vor Augen liegen, wenn er sie sehen will.
Was ist denn die Bibel nach ihrem eigenen Zeugnis? Eine große Sammlung von Schriften von Männern, die im Verhältnis mit Gott etwas so Großes erlebt hatten, dass sie es auch an Andere weitergeben mussten, dass sie es niederschreiben mussten für alle kommenden Geschlechter. Hinter den Schriften des Alten und Neuen Testaments stehen also Menschen. Menschen aus Fleisch und Blut wie wir auch. Sie Alle, die Propheten und die Apostel, haben die Widerwärtigkeiten und Zwiespältigkeiten des Lebens erfahren so gut wie wir, aber dann ist in ihr Leben etwas Neues hineingetreten. Dies Neue ist der lebendige Gott, und vom lebendigen Gott geben sie uns Zeugnis, jeder in seiner Weise. Gott, das ist der Inhalt der ganzeng Bibel. Aber die Erfahrungen dieser Männer mit Gott sind keineswegs gleichförmig. Ein gewaltiges Bild, das in den verschiedensten Farben leuchtet, ist die Bibel.
Was uns die Propheten über Gott sagen, steht uns höher, als was wir in
den Erzählungen der Bücher Mosis lesen, höher als die Propheten stehen uns die Männer
des neuen Bundes. Und doch
hat dies Bild einen Mittelpunkt. Jesus von Nazareth ist
dieser Mittelpunkt, von dem aus die
Gedanken und Worte der biblischen Schriftsteller Licht empfangen nach rückwärts und vorwärts.
Was die Propheten unsicher
und dunkel hofften und ahnten, das haben die Apostel inh
Klarheit geschaut, einen Menschen, in dem die Kraft und die
Liebe, die uns fehlt, in voller Reinheit und Vollkommenheit
gegenwärtig ist, in dem sie zugleich den Willen Gottes in seinem ganzen
Ernst und seine grenzenlose Barmherzigkeiti
sahen. Und darum
ist die Bibel, vor Allem das Neue Testament, ein Zeugnis des Glaubens jener biblischen Männer an den Gott, der ihnen in
Jesus offenbar geworden. Und dies Zeugnis ist mannigfaltig, denn
jeder hat in persönlicher Wahrhaftigkeit gerade das aufgeschrieben, was
ihm an seinem Glauben das Größte und Wichtigste schien.
III
Meine Freunde! Wenn wir einmal eingesehen haben, wie wir die Bibel lesen sollen, nämlich mit Verlangen nach Glauben, wenn wir weiter eingesehen haben, was die Bibel ist, nämlich das Zeugnis vom Glauben der Propheten und Apostel, dann sind wir soweit, um zu verste|126hen, zu was uns die Bibel unterweisen will, nämlich (drittens:) zu einem Glauben wie der der Bibel, oder der Männer, die in der Bibel zu uns reden.
Wir glauben an Christum als den Menschen, der uns zu Gott führt, nicht an
Nicht wahr, nun brauchen wir uns nicht mehr zu grämen, wenn uns so Manches an den biblischen Gedanken gleichgiltig und fremd oder ärgerlich ist? Bibelglaube ist uns nun nicht mehr ein faules oder unwahrhaftiges Hinnehmen von Dingen, die wir nicht verstehen. Wenn wir die Gedanken der biblischen Männer lesen, dann hören wir hin auf die Stimme ihres Glaubens, der sich darin ausspricht, und je vertrauter uns die Welt der Bibel wird, desto zahlreicher gehen uns da und dort Lichter auf, die uns zeigen, wie jener Glaube auch im fremdartigsten Gewande tief und kräftig ist und uns immer etwas zu sagen hat für das Leben unsres eigenen Glaubens. Wir müssen uns nicht mehr abquälen, die Gedanken der Bibel zu den unsrigen zu machen, weil durch den Geist Gottes, der in den Männern der Bibel war, ihr Glaube der unsrige geworden ist.
Und dieser Glaube unterweist uns zur Seligkeit. Der Apostel Paulus sagt es von sich an einer seiner
herrlichsten Stellen: «Ist jemand in Christo, so ist er eine neue
Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden»
[
Das innere Leben der Männer der Bibel dagegen zeigt sich geleitet von einem Willen, der die Dinge ordnet, der den Dingen nicht unterworfen ist, sondern der dien Dinge beherrscht. Und sie bekennen, dass sie diesen Willen nicht aus sich selbst schöpfen, sondern aus Gott.
Nun sieh, diese Kraft, diese innere Gewissheit, diese Seligkeit, wie unser Schriftwort sagt, kann auch auf dich übergeheno, wenn du es verstehst, an den Zeugnissen des großenp Glaubens jener Menschen deinen eigenen kleinen Glauben aufzurichten. Das ist das Große an der Bibel, das ist die Seligkeit, zu der sie dich unterweisen will.
Jesus hat gesagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage! [
- Nr. 134: «Tut mir auf die schöne
Pforte» von
B. Schmolck (GERS 172; RG 160; EG 166). - Nr. 484: «Ich bete an die Macht der Liebe» von G. Tersteegen
(RG 662).