Predigt Nr. 14 · 31. Januar 1909

Predigt: 2.Timotheus 3,15

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2.Timotheus 3,15
Weil du von Kind auf die heilige Schrift weißt, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum.
Liebe Freunde!

Wir Alle gehören zu denen, die von Kind auf die heilige Schrift wissen. Wir haben im Haus unsrer Eltern oder in der Schule ihre schönsten Geschichten uns erzählen lassen, wir haben uns als Konfirmanden mit ihren größten und wichtigsten Gedanken vertraut gemacht, vielleicht haben wir auch damals das eine oder andre Stück aus der Bibel auswendig gelernt und konnten es hersagen, dass Lehrer und Pfarrer die helle Freude an uns hatten. Und heute noch stellen wir uns |119 pünktlich Sonntag für Sonntag hier ein, um Gottes Wort zu hören. Wir wissen von Kind an die heilige Schrift, wir können es nicht leugnen. Hat sie uns aber auch unterwiesen zur Seligkeit ? Denn nicht wahr, darüber sind wir ja einig: damit dass wir die Bibel lesen, daraus auswendig lernen, uns darüber predigen lassen, damit stehen wir erst am Anfang. Die Hauptsache kommt dann erst. Die Bibel ist Mittel zu einem höhern Zweck. Aber kein unfehlbares Mittel, das wir nur einzunehmen brauchten, wie wir ein Arzneimittel einnehmen, um unsern Magen oder unser Blut zu kurieren. Weil du von Kind auf die heilige Schrift weißt, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit. Sie kann es, sie hat die Fähigkeit dazu, aber sie muss es nicht, die Wirkung tritt nicht etwa mit der selbstverständlichen Notwendigkeit ein, mit der auf das A das B folgt, sondern nur unter ganz bestimmten Bedingungen.

Und darum wollen wir es uns recht ernst überlegen, wie es bei uns steht, ob unser großes oder kleines Wissen von der heiligen Schrift uns unterwiesen hat und unterweist zur Seligkeit. Wie? Du sagst: mit der Seligkeit hat’s gute Weile, ich denke noch nicht gleich zu sterben, und wenn’s dann einmal so weit kommt, dann will ich mich wohl von der Schrift zur Seligkeit unterweisen lassen, aber für mein jetziges Leben ist’s genug, wenn ich die Schrift kenne als ein braver Christ, von außen und auch ein wenig von innen. Erst dem Leben mit Handel und Wandel und Vergnügen sein Recht, dann der Seligkeit das ihrige. Nicht wahr, wir Alle haben etwa schon so über Leben und Seligkeit gedacht? Es ist aber in Wirklichkeit ganz anders: Die Seligkeit gehört in dein jetziges Leben schon hinein, woher weißt du, dass sie dir nach dem Tode geschenkt wird, wenn du sie hier nicht kennengelernt hast? Und darum ist es nicht so, dass es genug ist, wenn wir die heilige Schrift kennen und lesen und hören, wir müssen schon hier etwas verspüren von der Unterweisung zur Seligkeit, d. h. aber zu einem Leben der Wahrheit und Beständigkeit und Kraft, das sie uns zu geben vermag.

Die Seligkeit ist eine Kraft der Gegenwart, und darum wollen wir uns heute fragen nach der

  • Bedeutung der heiligen Schrift für unser Leben.
  • Vom Lesen in der Bibel,
  • Vom Inhalt der Bibel und
  • 120 Vom Glauben wie die Bibel
  • möchte ich euch Einiges sagen.

I

Erstens: Vom Lesen in der Bibel. Liesest du überhaupt noch in der Bibel?

Dass du darin gelesen hast, weil Schule und Konfirmandenunterricht es so mit sich brachten, das ist ja in einem christlichen Lande für die meisten selbstverständlich. Aber wenn dann der Mensch ins Leben hinauskommt, dann wird es eben vielfach anders. Viele verlieren über den Gedanken an die Arbeit oder ans Vergnügen überhaupt die Freudigkeit am Lesen, weil sie wie die Pferde mit Scheuklappen versehen sind gegen alle Dinge, die über den Viehstall und den Erwerb, über das Wirtshaus und den Tanzboden hinausgehen. Die Meisten lesen heute doch wenigstens die Zeitung. Gut! Sie denken doch nicht nur ans Nächste und lernen etwas über ihre vier Pfähle hinaussehen. Aber es will mir scheinen, gerade aus der Zeitung könnten wir ersehen, dass der Mensch höhere Nahrung braucht für Kopf und Herz als eben die Zeitung mit ihren hunderterlei großen und kleinen Nachrichten aus der Nähe und aus der Ferne. Denn was helfen uns all die nützlichen Dinge, die wir da vernehmen, wenn wir in unserm Innern nicht eine Werkstätte haben, die die Dinge verarbeitet, die uns ein selbständiges Urteil gibt über die Dinge, die die Dinge für uns selber innerlich nutzbar macht? Und die Zeitung ist nur ein Abbild unsres Lebens überhaupt. Unser Leben mag äußerlich noch so glücklich und befriedigendb sein, es mag uns noch so viel Schönes und Merkwürdiges bringen, solange wir nur dahin leben, ohne uns über den Zweck des Lebens zu besinnen, solange bleibt es uns etwas Totes. Der Viehstand mehrt sich vielleicht und die Kassenscheine auch, aber wir selber haben nichts davon, wir wissen ja im Grunde nicht, wozu wir leben und arbeiten. Viel zu viele laufen in der Welt herum, bei denen es inwendig so aussieht, und wer weiß, bei den Meisten von ihnen steht zu Hause auf dem Brett an der Wand auch ein Bibelbuch, aber es liegt eine dicke Staubschicht darüber, und dann ist allerdings die Bibel nichts wert. |121 Der Pfarrer, der in dem Haus einen Besuch macht, lässt sich vielleicht durch den Anblick täuschen, wenn er kurzsichtig ist, aber dir selbst ist damit wenig geholfen. Die Bibel als Staubfänger kann dich freilich nicht zur Seligkeit, zu einem selbständigen, starken Leben unterweisen. |

Wie lesen wir die Bibel? Du sagst mir: ich lese dann und wann die Bibel, vielleicht alle Tage, ich halte darauf, jeden Morgen mit einem Bibelabschnitt oder -Wort zu beginnen, und in stillen Stunden kann ich mir nicht genug tun, mich in die Geheimnisse dieses Buchs zu versenken. Und trotzdem: unterweist sie dich zur Seligkeit, zu einer Kraft, die nicht nur in den stillen Stunden, sondern in all deinem Tun und Lassen dich erfüllt, zu einem Leben, von dem z. B. auch deine Knechte und Mägde, deine Nachbarn etwas verspüren, oder ist dir dein Verkehr mit der Bibel ein höherer Zeitvertreib, eine Erholung, die ins Kämmerlein gehört und nicht zum Leben, über die du vielleicht auf dem Krankenbett einmal recht froh wirst, die aber in gesunden Tagen mehr nebenher geht neben deinem sonstigen Denken und Tun? Mit dem Bibellesen an sich ist es nämlich nicht getan, es gibt viel falsches und ungöttliches Bibellesen, selbst unter sehr feinen und frommen Formen. Ich sollte eigentlich nicht reden müssen von dem allerlei Aberglauben, der mit diesem Buch immer wieder getrieben wird, obschon in dieser Hinsicht auch unter uns Evangelischen noch viel Unfug geschieht. Aber der Aberglaube zeigt uns gerade hier besonders deutlich, dass es an der rechten Art des Glaubens fehlt und wo es fehlt. Ich weiß von einer Gegend, in der es früher üblich war, den kleinen Kindern mit der ersten gekochten Milch, die sie bekamen, ein Blatt aus dem Neuen Testament, in kleine Stückchen zerrissen, einzugeben. Wozu? Damit die Kinder recht fromm würden!2 Gerade als ob das Essen mit der Frömmigkeit irgend etwas zu tun hätte. Aber so machen wir’s: wir brauchen die Bibel zu allen möglichen Zwecken, die wir uns selber erdenken, und nennen das dann Glauben! Der Eine sitzt hinter der Offenbarung Johannes und spekuliert scheinbar höchst fromm über die sieben Siegel [vgl. Apk. 5–8] und das Tier aus |122 dem Abgrund [vgl. Apk. 13]. Der Andre macht sich über das Gesetz des Moses und meint, alles Heil hänge davon ab, dass wir nicht mehr den Sonntag, sondern den Sabbat feiern sollten. Der Dritte tut, als ob der Apostel Paulus nichts Andres geschrieben habe als das vierte Kapitel des ersten Thessalonicherbriefes, und predigt die Entrückung der Gläubigen vor dem letzten Gericht [vgl. 1.Thess. 4,16f.]. Und eine schwerkranke Frau, die ich einmal besuchte, erfreute sich vor Allem an dem Gedanken, dass es nach den Worten der Schrift den Bösen einmal so recht schlecht ergehen werde [vgl. Spr. 11,19.21 u. ö.].

Alle diese Dinge haben mit dem Glauben nichts zu tun, gar nichts, und wer die Bibel recht lesen will, der muss vor Allem die Einsicht und den Willen haben, mit keiner andren Frage an sie heranzutreten als mit der: Was muss ich tun, damit ich selig werde? [Act. 16,30]

Denn Glaube im Sinn des Evangeliums ist doch wohl eine innere Kraft, die wohl in unserm Herzen entsteht, die wir aber nicht selber uns zurechtmachen können aus allerlei schönen oder auch weniger schönen Gedanken, und wenn wir sie aus der Bibel hätten. Glaube ist die Ruhe und Sicherheit, die unserm Leben fehlt, solange wir es nicht gelernt haben, nach ihren Quellen zu suchen. Glaube ist ein herzliches Verhältnis zum lebendigen Gott, der über der Welt steht und der uns herausnehmen will aus unserm bisherigen Leben, dessen Sinnlosigkeit und Zwiespältigkeit uns quält, um uns wieder hineinzustellen ins Leben, aber als neue Menschen, die ein Ziel und eine Zukunft haben. – Diesen Glauben will die Bibel in uns wecken c-und stärken-c, nicht Gedanken über Weltschöpfung und Weltuntergang, über Himmel und Hölle. Gedanken «haben die Teufel auch und zittern» [Jak. 2,19].

Mit dem Verlangen nach Gott, mit dem Verlangen nach einem herzlichen Verhältnis zu ihm, das uns frei und stark macht, wollen wir die Bibel lesen.

II

Zweitens: Vom Inhalt der Bibel wollen wir nun reden. – |

Mit dem Verlangen nach Glauben wollen wir sie also lesen. Finden wir in ihr etwas, das diesem Verlangen entgegenkommt? Enthält die |123 Bibel nicht gar zu viel, das mit meinem persönlichen Verhältnis zu Gott so gar nichts zu tun hat? Was sollen mir die Verzeichnisse der Chronikbücher [vgl. 1.Chr. 1–8 u. ö.] oder Jesu Geschlechtsregister [Mt. 1,1–17] oder die dunkeln Gesichte Hesekiels oder der Offenbarung des Johannes? Führen uns alle diese Dinge nicht geradezu in Versuchung, nach irgendd einem tiefern Sinn zu spekulieren und uns so vom Glauben selbst zu entfernen? Vielleicht fragst du nur soe, vielleicht geht aber dein Zweifel tieferf. Du hast eine tiefe Sehnsucht in dir nach dem herzlichen Glauben des Evangeliums, von dem wir gesprochen haben. Aber wenn du in der Bibel liesest und aufrichtig gegen dich selbst bist, so fällt es dir bei dieser und jener Stelle, in diesem oder jenem Buch, wo doch ausdrücklich vom Verhältnis des Menschen zu Gott die Rede ist, schmerzlich auf, wie fremdartig dir dieser Ausdruck des Glaubens ist. Du musst dir gestehen, dass du von dir aus niemals auf den Gedanken kommen würdest, deinen Glauben, dein Verhältnis zu Gott gerade in diese Gedanken und Worte zu kleiden. Und es ist dir dann nicht geholfen, wenn man dir sagt, du müssest das eben glauben, ohne es zu verstehen, denn du spürst es deutlich, dass dein Glaube ganz etwas Anderes, etwas viel Reineres und Tieferes ist, als ein solches Übernehmen von Gedanken und Vorstellungen, die die Männer der Bibel sich vor 2000 und mehr Jahren gemacht haben. Es sind viele fromme Christen, die ehrlich genug waren, sich diesen Widerstreit einzugestehen, nicht über ihn hinweggekommen, sondern irre geworden auch an ihrem eigenen Glauben, weil sie sich einreden ließen, gläubig sein heiße, die Gedanken der Bibel zu den seinigen machen, und wer das nicht könne, sei eben ungläubig.

Irgend etwas von diesen Schwierigkeiten beim Bibellesen hat jeder Christ schon erfahren, wenn sich auch lange nicht Alle klar darüber sind. Für die, die die Schwierigkeiten des Bibellesens einsehen, und für die, die sie nicht einsehen, ist es aber in gleicher Weise nötig, dass sie sich in Erinnerung rufen, was die Bibel eigentlich sein will und ist. Dazu braucht es keine gelehrten Spitzfindigkeiten, meine Freunde, sondern nur die einfache Besinnung auf Tatsachen, die für jeden |124 Christen, der seine Bibel kennt, vor Augen liegen, wenn er sie sehen will.

Was ist denn die Bibel nach ihrem eigenen Zeugnis? Eine große Sammlung von Schriften von Männern, die im Verhältnis mit Gott etwas so Großes erlebt hatten, dass sie es auch an Andere weitergeben mussten, dass sie es niederschreiben mussten für alle kommenden Geschlechter. Hinter den Schriften des Alten und Neuen Testaments stehen also Menschen. Menschen aus Fleisch und Blut wie wir auch. Sie Alle, die Propheten und die Apostel, haben die Widerwärtigkeiten und Zwiespältigkeiten des Lebens erfahren so gut wie wir, aber dann ist in ihr Leben etwas Neues hineingetreten. Dies Neue ist der lebendige Gott, und vom lebendigen Gott geben sie uns Zeugnis, jeder in seiner Weise. Gott, das ist der Inhalt der ganzeng Bibel. Aber die Erfahrungen dieser Männer mit Gott sind keineswegs gleichförmig. Ein gewaltiges Bild, das in den verschiedensten Farben leuchtet, ist die Bibel.

Was uns die Propheten über Gott sagen, steht uns höher, als was wir in den Erzählungen der Bücher Mosis lesen, höher als die Propheten stehen uns die Männer des neuen Bundes. Und doch hat dies Bild einen Mittelpunkt. Jesus von Nazareth ist dieser Mittelpunkt, von dem aus die Gedanken und Worte der biblischen Schriftsteller Licht empfangen nach rückwärts und vorwärts. Was die Propheten unsicher und dunkel hofften und ahnten, das haben die Apostel inh Klarheit geschaut, einen Menschen, in dem die Kraft und die Liebe, die uns fehlt, in voller Reinheit und Vollkommenheit gegenwärtig ist, in dem sie zugleich den Willen Gottes in seinem ganzen Ernst und seine grenzenlose Barmherzigkeiti sahen. Und darum ist die Bibel, vor Allem das Neue Testament, ein Zeugnis des Glaubens jener biblischen Männer an den Gott, der ihnen in Jesus offenbar geworden. Und dies Zeugnis ist mannigfaltig, denn jeder hat in persönlicher Wahrhaftigkeit gerade das aufgeschrieben, was ihm an seinem Glauben das Größte und Wichtigste schien. Matthäus schildert uns Jesum als den |125 erwarteten Messias, der im Gegensatz zu den Gedanken der Juden das Gottesreich der bessern Gerechtigkeit aufrichtet [vgl. Mt. 5,20]. Bei Paulus ist Christus der neue Adam, in dessen Tod unser alter Mensch gestorben, mit dessen Auferstehung Alles neu geworden ist [vgl. Röm. 6,4]. Johannes preist ihn als den eingebornen Sohn vom Vater voller Gnade und Wahrheit [Joh. 1,14], der Verfasser des Hebräerbriefs als den Anfänger und Vollender unsres Glaubens [Hebr. 12,2], als den Hohepriester, der uns durch sein Blut vor Gott vertritt [vgl. Hebr. 9,11f.]. j-Alle diese Gedanken sind Ausdruck der gemeinsamen Gewissheit, der auch wir unser Bestes verdanken: «Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart»3, und doch ist-j der Glaube an Christus, den uns diese Männer zeichnen, bei jedem von ihnen etwas Eigenes, Lebendiges, Selbständiges, Abgeschlossenes. Es hat selbst an Gegensätzen unter ihnen nicht gefehlt, wie uns k-das zweite Kapitel des Jakobusbriefes-k zeigt. Aber bei aller Verschiedenheit des Ausdrucks des Glaubens waren sie einig im Glauben selbst, will sagen in ihrem Verhältnis zu Gott, das so sehr durch ihr Verhältnis zu dem Menschen Jesus bestimmt war, dass sie in ihm den Herrn selbst sahen. Der Glaube des Neuen Testamentes ist Glaube an Christum Jesum, ein persönliches, eigenes Verhältnis des Menschen zu diesem andern Menschen und durch ihn zu Gott. In diesem Glauben haben die Männer der Bibel Seligkeit, Kraft, Frieden gefunden.

III

Meine Freunde! Wenn wir einmal eingesehen haben, wie wir die Bibel lesen sollen, nämlich mit Verlangen nach Glauben, wenn wir weiter eingesehen haben, was die Bibel ist, nämlich das Zeugnis vom Glauben der Propheten und Apostel, dann sind wir soweit, um zu verste|126hen, zu was uns die Bibel unterweisen will, nämlich (drittens:) zu einem Glauben wie der der Bibel, oder der Männer, die in der Bibel zu uns reden.

Wir glauben an Christum als den Menschen, der uns zu Gott führt, nicht an Paulus oder Petrus, und darum sagen wir: Glauben wie die Bibel, nicht an die Bibel. Aber was uns Paulus und Petrus und die andern Männer der Bibel über Christus sagen, das ist uns darum wichtig und wertvoll, weil es das erste und ursprünglichste Zeugnis ist von dem Licht, das in die Welt gekommen [Joh. 12,46] und nach dessen Glanz auch wir uns sehnen. An ihrem Glauben stärkt sich der unsrige. Aus ihren Gedanken und Worten heraus vernehmen wir das große Erlebnis, das sie mit Gott gemacht, das über allen Gedanken und Worten steht, sie erwecken in uns die Begier, auch so etwas zu erleben, und sie trösten uns, dass Gott es uns schenken wird, wie er es jenen unsern Mitmenschen geschenkt hat.

Nicht wahr, nun brauchen wir uns nicht mehr zu grämen, wenn uns so Manches an den biblischen Gedanken gleichgiltig und fremd oder ärgerlich ist? Bibelglaube ist uns nun nicht mehr ein faules oder unwahrhaftiges Hinnehmen von Dingen, die wir nicht verstehen. Wenn wir die Gedanken der biblischen Männer lesen, dann hören wir hin auf die Stimme ihres Glaubens, der sich darin ausspricht, und je vertrauter uns die Welt der Bibel wird, desto zahlreicher gehen uns da und dort Lichter auf, die uns zeigen, wie jener Glaube auch im fremdartigsten Gewande tief und kräftig ist und uns immer etwas zu sagen hat für das Leben unsres eigenen Glaubens. Wir müssen uns nicht mehr abquälen, die Gedanken der Bibel zu den unsrigen zu machen, weil durch den Geist Gottes, der in den Männern der Bibel war, ihr Glaube der unsrige geworden ist.

Und dieser Glaube unterweist uns zur Seligkeit. Der Apostel Paulus sagt es von sich an einer seiner herrlichsten Stellen: «Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden» [2.Kor. 5,17]. l-Was ist neu geworden? Dein Leben, du selber m-mit Freud und Leid-m, mit der ganzen Welt deiner |127 Arbeit und Sorge. Denn der Glaube, von dem die Bibel redet, ist offenbar nicht etwas, das über den Wolken schwebt, sondern eine Lebenskraft. Wer will die Veränderung erklären, die sie in einem Menschen bewirkt? Wir haben am Anfang davon geredet, dass unser inneres Leben nur zu oft aussieht wie ein Zeitungsblatt, dass es nur zu oft eine Sammlung von großen und kleinen Merkwürdigkeiten ist, ein Altertumsmuseum von Dingen, mit denen wir selbst nichts anzufangen wissen, weil wir ihren Gebrauch-l nicht kennen.

Das innere Leben der Männer der Bibel dagegen zeigt sich geleitet von einem Willen, der die Dinge ordnet, der den Dingen nicht unterworfen ist, sondern der dien Dinge beherrscht. Und sie bekennen, dass sie diesen Willen nicht aus sich selbst schöpfen, sondern aus Gott.

Nun sieh, diese Kraft, diese innere Gewissheit, diese Seligkeit, wie unser Schriftwort sagt, kann auch auf dich übergeheno, wenn du es verstehst, an den Zeugnissen des großenp Glaubens jener Menschen deinen eigenen kleinen Glauben aufzurichten. Das ist das Große an der Bibel, das ist die Seligkeit, zu der sie dich unterweisen will.

Jesus hat gesagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage! [Mt. 28,20] Spürst du auch etwas davon? Dann weißtq du die heilige Schrift nicht nur, dann hast du durch sie im Glaubenr die Seligkeits gefunden. Und dazu wolle Gott uns Allen helfen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 134: «Tut mir auf die schöne Pforte» von B. Schmolck (GERS 172; RG 160; EG 166). 🎵
  • Nr. 484: «Ich bete an die Macht der Liebe» von G. Tersteegen (RG 662). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Der Klammerzusatz wurde nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
b
Nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «schön».↩
c-c
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
d
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
e
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
h
Im Mskr. ursprünglich: «in voller»; mit Bleistift korrigiert.↩
i
Im Mskr. ursprünglich: «Liebe und Barmherzigkeit»; mit Bleistift korrigiert.↩
j-j
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt. Im Mskr. war der folgende Nebensatz ursprünglich ein eigener Hauptsatz: «Der Glaube an Christus, […], ist bei jedem […]»; im Zusammenhang mit der Ergänzung wurde «ist» dort nachträglich mit Bleistift gestrichen.↩
k-k
Im Mskr. ursprünglich: «der Jakobusbrief»; mit Bleistift korrigiert.↩
m-m
Im Mskr. ursprünglich am Ende des Satzes; mit Hilfe einer Bleistiftkorrektur an diese Stelle gerückt.↩
l-l
Auf einem eingeklebten Zettel neu geschriebener Text; der ursprüngliche Text ist nicht entzifferbar.↩
n
Im Mskr. mit Bleistift hinzugefügt.↩
o
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
p
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
q
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
r
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
s
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Dass Barth und seine Schweizer Kommilitonen Gottlob Wieser (1888–1973) und Christian Walkmeister (1883–1966) noch im Januar 1909 an einem Sonntag «auf den 3 Kanzeln des Kirchspiels» Niedergrenzebach in der Landschaft Schwalm predigen sollten (Brief Barths an seine Eltern und Geschwister vom 28.12.1908 [KBA 9208.74]), war schon bei seinem dortigen Aufenthalt über Weihnachten 1908 (s. oben, S. 97-106, dort bes. Anm. 1) verabredet worden. Von der hier vorliegenden Predigt berichtete Barth seinen Eltern am 2. Februar 1909 (KBA 9209.8): «Am Samstag bin ich dann mit Wieser und Walkmeister nach der Schwalm gezogen, […]. Über Nacht fiel dann Schnee, nicht genug, als ich um 8 Uhr mit dem jüngern Töchterlein [des Pfarrers Friedrich Cornelius] ausziehen sollte nach der Filiale Leimsfeld, die ich übernommen hatte, da setzte ein mächtiger Schneesturm ein, und so stapften wir dann auf ungebahnten ‚neuen Wegen’ durch Felder und Wälder dem dortigen Kirchlein zu, wo alsbald das Geläute anhob; und als ich unter den quietschenden gurgelnden Tönen der alten Orgel einzog, da war es trotz des Hundewetters bis zum letzten Platz gefüllt. Ich war dann doch befriedigt von meiner Predigt, kam beträchtlich ins Reden und die Leute waren recht aufmerksam. Dann ging’s bei andauerndem Schneefall wieder zurück, und im Pfarrhaus fand sich dann die ganze Missionskolonne beim Mittagstisch.»↩
2
Aus dem schweizerischen Emmental berichtet dies A. Riser, Volksbrauch und Volksglaube aus dem Emmental, in: SAVK 24 (1922/23), S. 61–70, dort S. 61 📖: «Mit dem ersten Brei wird ein aus der Bibel gerissenes Blatt in ganz kleinen Stücken gekocht; das Kind wird dadurch fromm.»↩
3
Beginn des Liedes von G. Tersteegen, das nach der Predigt gesungen wurde (s. unten, Lieder).↩
4
Die hier von Barth angegebenen Liednummern beziehen sich auf: Evangelisches Kirchengesangbuch für den Konsistorialbezirk Cassel, Cassel 1889; 19073. 📖 ↩