Predigt: Jeremia 6,16
Die Neujahrstage liegen wieder einmal hinter uns. Wir haben Abschied genommen von einem vergangenen Jahr, und dann sind wir unter den Klängen der Sylvesterglocken in stiller Einsamkeit oder im frohen Kreise unsrer Familienangehörigen oder Freunde hinübergegangen in ein Neues. Es sind wohl ganz wenig Menschen, die in diesen Tagen nicht wenigstens auf einige Augenblicke erfüllt waren von dem feierlichen Bewusstsein, dass der Jahreswechsel uns Menschen noch etwas mehr bedeutet oder bedeuten sollte als die Veränderung einer Jahreszahl auf den ersten Seiten unsrer Briefe und Zeitungen, als die Ersetzung des alten Kalenders an der Wand durch einen neuen. Viele haben dieses feierliche Bewusstsein auf ihre Weise zum Ausdruck gebracht durch Teilnahme an allerlei höher oder auch niedriger stehenden Vergnügungen. Viele sind tiefer gegangen und haben in stiller Ausschau in Vergangenheit und Zukunft, in ernster Reue und mit aufrichtigen Vorsätzen Neujahr gefeiert nach der Art nachdenklicher Menschen. So oder so – wie steht es mit den erlebten Neujahrsstimmungen in der Zukunft? Morgen beginnt für uns alle wieder der Werktag, mit mehr oder weniger Staub und Verdruss und Langeweile und Mühe. «Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen!»2 Wird es uns morgen auch so gehen? Wird uns die Arbeit und |108 das Leben überhaupt doppelt düster und traurig erscheinen in der Erinnerung an die Stimmungen und Vorsätze der Festtage? Wenn das bei uns der Fall ist, dann wollen wir es uns ein Zeichen sein lassen dafür, dass wir überhaupt unser Leben und seine Zwecke noch nicht verstanden haben, dass wir aber auch noch nicht verstanden haben, was das Neujahr uns sagen wollte, unsre Stimmungen und Gefühle mögen vorgestern so schön und ernst gewesen sein, als sie wollen. Die Abschnitte unsres Lebens, wie wir einen solchen in diesen Tagen erlebt haben, können uns aber etwas Anderes, Besseres sein, wenn wir sie verstehen. Sie sagen uns, dass die Zeit vergeht, dass die Zeit und ihre Leiden und Freuden nicht Alles sind, dass in der Zeit und über der Zeit verborgen eine Welt des Ewigen steht. Wenn du dich dazu aufraffst, diese Abschnitte aufzusuchen und festzuhalten, dann stellen sie bei dir eine Verbindung her zwischen jener Welt des Unvergänglichen und deinem jetzigen Alltagsleben. Nicht auf den Tag im Kalender kommt es an, sondern darauf, dass du selbst es verstehst, solche Abschnitte in deinem Leben zu machen, und »überall, wo du willst, kannst du einen solchen Augenblick haben«3.
Wenn wir den Mut fassen, in unsern Lebensabschnitten Gott zu suchen, so ist das erste Erfordernis an uns, dass wir selber das unternehmen. Aus diesem eigenen Suchen wird die Erkenntnis dessen folgen, was uns fehlt, die innere Einheit des Lebens, die uns aufschließt für jene ewige Welt. Und mit dieser Erkenntnis unsrer Bedürftigkeit bekommen wir vielleicht die Augen für die Spuren auf unserm Le|109bensweg, die uns mit steigender Deutlichkeit hinweisen auf das göttliche Leben, das unser Leben umfasst und trägt, auf die Ewigkeitskraft, die von uns gefordert wird und die uns geschenkt ist.
I
Unser Textwort führt uns in die Zeit nach einem
Lebensabschnitt in der Geschichte des Volkes Israel. Unter dem König
Neu war aber auch das, was Jeremia den Israeliten tun hieß: eigene, selbständige Überlegung über das, was gut ist. Ist’s denn nicht genug, wenn jeder tut, was das Gesetz ihm befiehlt? Was braucht’s der Überlegung, wo doch Gottes Wille im Gesetzbuch klar vorliegt?
110 Auch für unsa1, wenn wir’s genau mit uns nehmen, ist es eine recht
erstaunliche und schwere Sache, in unsern Lebensabschnitten nach Gott zu
suchen. Denn wenn man uns von Gott redet, so sind wir nur zu leicht
geneigt, gleich an die Kirche
und ans Kirchengehen zu denken. In der Kirche aber fühlen wir uns als
Glieder der Gemeinde, die
gemeinsam betet, singt und an
Gott denkt. Wohl geht kein Gottesdienst vorüber, ohne dass uns Gelegenheit geboten würde, uns selber die Frage zu
stellen: Was muss gerade ich tun, damit ich selig werde?
[vgl.
Und das Andre ist noch wichtiger: Zu selbständiger, eigener Entscheidung fordert uns das Prophetenwort auf. Haben wir’s verstanden? Der andre Fehler, der unser Verhältnis zu Gott oft trübt, besteht doch darin, dass wir selber uns gar nie vor die Entscheidung für oder gegen Gott stellen, dass wir allerlei Worte und Meinungen andrer Menschen über ihre Erfahrungen mit Gott uns zu eigen machen, ohne selber etwas von solchen Erfahrungen zu kennen, dass wir dies und jenes, was uns von andern Menschen als Wille Gottes bezeichnet wird, tun, ohne uns die Mühe zu nehmen, uns selber nach Gottes Willen zu fragen. Nicht nur in der katholischen Kirche gibt es solche unselbständigen Christen. Ich glaube vielmehr: gerade wer selbständig und aufrichtig ist in seinem Verhältnis zu Gott, wird immer aufs Neue die Entdeckung machen, wie sehr sein Glauben und Wollen unreif, d. h. aber ein übernommenes Glauben und Wollen Andrer ist.
Wenn uns der
II
Wer an einem Kreuzweg steht, für den ist die Frage selbstverständlich, wohin die verschiedenen Straßen, die sich da kreuzen, führen. Wenn er sich klar darüber ist, weiß er auch von vornherein, dass einige dieser Straßen für ihn sicher nicht in Betracht kommen, weil sie ihn unmöglich zu dem gewünschten Ziel bringen.
Das gewünschte Ziel der Israeliten, die
Jeder von uns erinnere sich an die Ereignisse dieses Jahres, die in seinem Gedächtnis am deutlichsten haften geblieben sind, gleichviel welcher Art sie sind. Wer sich an Zeiten der Trauer oder des Zornes erinnert, der stelle sich noch einmal vor Augen, über was er getrauert oder gezürnt hat. Hat dich wirkliches Unglück gekränkt, oder stammte das Leid jener Tage zum großen, vielleicht zum ganzen Teil aus deiner eigenen Art, die Ereignisse aufzunehmen – oder haben am Ende deine eigenen Gedanken und Taten diese Ereignisse verschuldet? Wer sich an Tage der Freude erinnert, der mag sich fragen, ob seine Freude wirkliche Freude war, ob er auch jetzt ohne Reue mit Freude daran zurückzudenken vermag, oder ob die Freude nur Schein war und in Wirklichkeit mit jenem Ziel eines Lebens inwendiger Sicherheit gar nichts zu tun hatte. Und wer des vergangenen Jahres nur |112 als eines grauen Wechsels von viel Arbeit und wenig Erholung zu gedenken vermag, der für ihn auf immer vergangen und gleichgiltig bleibt, der soll sich überlegen, woher diese Gleichgiltigkeit kommt, ob ihm das, was er erlebt hat, wirklich gar nichts zu sagen gehabt hätte, ob dieses Jahr ihm wirklich so inhaltlos geblieben wäre, wenn er selbst nach einem Inhalt gesucht hätte. – Bei den Meisten von uns wird es wohl so sein, dass Trauer und Freude und Gleichgiltigkeit miteinander sich teilen in der Erinnerung, und es wird auch Keiner sein, der sich nicht einen jener Vorwürfe machen muss.
Und je mehr wir uns sagen müssen: da und dort hätte ich ganz anders denken und handeln müssen, desto mehr entdecken wir, dass unsre Fehler und ihre Folgen nichts Zufälliges waren, dass sie alle dieselbe Wurzel haben, dass wir also noch gar nicht auf dem rechten Wege sind. Wir wollten wohl gerne glücklich und ruhig werden, aber wir konnten es nicht; Freude und Schmerz in unserm Leben löschten sich so gleichmäßig aus, so dass nichts übrig blieb, das uns hätte inwendig bereichern können gegenüber dem Strom der gleichgiltigen Dinge, der dazwischen floss. Es fehlte der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.4
Wenn wir uns das eingestehen, dann ist es auch sofort klar, warum unser Weg nicht zum Ziele führen konnte. Wir haben wohl einzelne frohe oder traurige oder gleichgiltige Dinge erlebt, aber unser ganzes Leben war kein zusammenhängendes Ereignis für uns, aus dem wir etwas machen könnten. Wir trauerten über einzelne Momente, die uns betrübten, wir freuten uns über Einzelnes, aber wir vermochten nicht, das Einzelne zu einem Ganzen zu gestalten. Wir suchten und fanden die Freude und den Schmerz in den Ereignissen, die wir da und dort über uns ergehen ließen, statt in etwas, das wir selbst mit klarem Willen an die Ereignisse heranbrachten. Heranbrachten – das ist es! |113 Solange wir uns den Ereignissen unsres äußern Lebens auf Gnade oder Ungnade ausliefern, solange haben sie uns auch nichts zu bieten, solange werden wir vergeblich auch nur nach äußerlichera2 Ruhe und Sicherheit inmitten dieser Ereignisse suchen. Nun seht, wenn wir im Blick auf die Vergangenheit uns sagen müssen, dass wir das Glück nicht gefunden haben, weil es uns an der innern Einheit mangelte, dann wissen wir für die Zukunft, welchen Weg wir nicht gehen müssen, und wir ahnen es, welchen wir gehen sollten. Wir verloren uns im Einzelnen, statt nach einem [Ganzen, oder sagen]b wir es gleich, nach einem Ewigen, zu suchen, das nicht außer uns liegt, sondern in uns.
Meine Freunde! Der Augenblick, wo wir zu dieser Erkenntnis kommen, ist das Ende eines alten Abschnittes in unserm Leben. Wird er der Beginn eines neuen sein?
III
Blicke nun noch einmal auf das vergangene Jahr zurück und sieh zu, ob die mannigfach verschlungenen Pfade nicht noch andere Wegmarken enthalten, die dich in eine ganz andre Richtung weisen. Kannst du dich nicht nebenc allerlei Trauer oder Freude, die dich hinterher kalt lässt, an Momente erinnern, in denen du von dem lebhaften Gefühl erfüllt warst: das Leben hat doch einen wirklichen Wert, es gibt doch [etwas, das]d mein Tun und Lassen zusammenhält, ich bin für etwas da auf dieser Welt? Solche Stimmungen gingen vielleicht wieder unter in dir, und du denkst nur wehmütig daran zurück. Halte sie fest! Das sind mehr als Stimmungen, wenn du wirklich im tiefsten Innern etwas Derartiges erlebt hast.
114 Waren es nicht die Augenblicke, in denen du selber das Steuer deines Lebensschiffleins in Händen zu haben glaubtest, statt von den Wellen freudiger oder trauriger Ereignisse hin- und hergeworfen zu werden, also Augenblicke, in welchen dir jene geahnte und doch vermisste innere Einheit Wirklichkeit wurde? Und – merkwürdig! – waren es nicht dieselben Augenblicke, in denen du dich unwiderstehlich erfasst fühltest von etwas Höherem, dem du gehorchen und dem du Vertrauen schenken musstest? Und wenn du dich auf den Inhalt solcher Erlebnisse besinnst, waren es wohl Augenblicke, in denen du dann im Tiefsten überzeugt warst, dass nicht die Frage nach dem Glück, sondern innere Gerechtigkeit und Liebe das Erste und Wichtigste im Leben sind? Vielleicht bist du einem Menschen begegnet, dessen Denken und Handeln dich wenigstens vorübergehend davon überzeugten. Vielleicht ist es dir an allerlei Ereignissen deines Lebens oder des Lebens der Andern klar geworden, dass Gerechtigkeit und Liebe nicht eine schöne innere Täuschung sind, sondern die Macht, die im tiefsten Grunde alles Geschehen umfasst. Vielleicht hast du in stiller Betrachtung der Naturwelt – ihrer Wunder, ihrer Rätsel und ihrer Schrecken – etwas davon erfasst, dass es eine Ordnung gibt, die wir nicht zu durchschauen vermögen und die doch da ist, die nicht aus den Dingen stammt, sondern über den Dingen steht – und der vor Allem du selber gänzlich unterworfen bist. Sieh, solche Erlebnisse sind Wegmarken für den Weg deiner Zukunft. Wenn du sie mit jenen andern vergleichst, von denen wir sprachen, dann kann es nicht zweifelhaft sein: das wäre der Weg, den ich eigentlich gehen sollte, denn aus jenen Erfahrungen weiß ich, dass er zu dem Ziel führt eines ganzen Lebens innerer Einheit, das ich ahne und doch nicht erreichen kann.
Seht, was der gute Weg sei, und gehet darauf! In jenen
Erlebnissen klopft die Ewigkeit, klopft Gott selbst an unsre Pforte [vgl.
Gehet darauf! Ein inhaltreiches, schweres Wort, denn es
verlangt übermenschlich Großes von uns. Es ist eine alte und immer
wieder neue Wahrheit, wie verschiedene Dinge Erkenntnis und
Tun des Guten
sind. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die glaubten, sie könnten
die Welt des Ewigen, von der sie in einzelnen Augenblicken blitzartig
etwas geschaut, festhalten durch Gedanken über die Ewig|115keit, durch eine von der
Außenwelt abgekehrte innere Anschauung des hohen Gegenstandes. Und doch
führt uns das nicht weiter. Denn wer wirklich in Gerechtigkeit und Liebe die Spuren der Ewigkeit in seinem
Leben entdeckt hat, der weiß auch, dass sie nur entstehen und bestehen
können in der Welt der Arbeit,
im Verkehr mit den Menschen. e-In dieser Welt aber gibt es unendliche Hindernisse
für den, der die Ewigkeit als Kraft und nicht nur als innere Anschauung in
sich tragen möchte. Denn wenn wir uns nach der Aufforderung des
Aber nun redet der Prophet in unserm Vers noch von etwas Anderem, nämlich von den Pfaden der Vorzeit, nach denen wir auch fragen sollen. Er dachte an die Geschichte des Volkes, zu dem er redete, in der sich der lebendige Gott geoffenbart durch mächtige Taten. Und er hat recht: für den, der Augen hat, ist die Weltgeschichte das Weltgericht8 und er vermag ihren Entscheidungen Lehren zu entnehmen, die ihn in der Wahl seines eigenen Weges mitbestimmen werden. Aber eben nur Lehren, und was soll dem alle Belehrung, der mitten drinsteckt im Wollen und doch Nicht-Können des Guten? Nicht guter Rat ist hier teuer, nicht die Lehre der Vergangenheit, sondern Kraft der Gegenwart.
Nun glauben wir Christen aus der Vorzeit das Leben eines Menschen zu kennen, das uns mehr ist als eine Lehre der Vergangenheit. Den Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht vom unerschaffnen [Lichte]f-,9 das wir nur in einzelnen Augenblicken ahnten, [sehen]-f wir |117 als ein ununterbrochenes starkes Leuchten in der Person Jesu von Nazareth. Und dieses ewige Licht, dessen Kommen in die Welt wir an Weihnachten gefeiert, ist für uns nichts Gewesenes, dieses Menschenleben hat kein Ende genommen, sondern sich fortgepflanzt und immer wieder erneuert im Reich der Geister, die Gott als ihren Vater anrufen im Aufblick zu diesem Menschen, in dem er die Kraft und den Frieden auf die Erde gesandt hat.
Wenn dieses Reich auch zu dir kommt, dann wird aus der Hoffnungslosigkeit
deines Wollens die Hoffnung
des Könnens. Wenn jenes Menschenleben auch dir etwas Wirkliches wird,
dann ist ein Wendepunkt und ein Abschnitt gemacht in deinem Leben. Viele
haben es bezeugt, dass hier das Alte vergangen, Alles neu geworden sei
[vgl.
Das Empfangen steht nicht in unsrer Hand, aber Gott gibt den aufrichtig Wollenden die Augen, um dies ewige Licht zu sehen und in sich aufzunehmen.
Tretet hin an die Wege und sehet!
Jesus aber sagt uns: Ich bin der Weg [
- Nr. 33010: «Morgenglanz der Ewigkeit»
von
Chr. Knorr von Rosenroth , Strophe 1–3 (GERS 43; RG 572; EG 450). - Nr. 242: «Such, wer da will» von G. Weißel, Strophe
1–3; nachher 4–5 (GERS 224; RG 276; EG
346).