Predigt Nr. 13 · 3. Januar 1909

Predigt: Jeremia 6,16

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Jeremia 6,16
Also sprach der Herr: Tretet an die Wege und sehet und fragt nach den Pfaden, den Pfaden der Vorzeit! Und seht, was der gute Pfad sei, und gehet darauf, so findet ihr Ruhe für eure Seele.
Liebe Zuhörer!

Die Neujahrstage liegen wieder einmal hinter uns. Wir haben Abschied genommen von einem vergangenen Jahr, und dann sind wir unter den Klängen der Sylvesterglocken in stiller Einsamkeit oder im frohen Kreise unsrer Familienangehörigen oder Freunde hinübergegangen in ein Neues. Es sind wohl ganz wenig Menschen, die in diesen Tagen nicht wenigstens auf einige Augenblicke erfüllt waren von dem feierlichen Bewusstsein, dass der Jahreswechsel uns Menschen noch etwas mehr bedeutet oder bedeuten sollte als die Veränderung einer Jahreszahl auf den ersten Seiten unsrer Briefe und Zeitungen, als die Ersetzung des alten Kalenders an der Wand durch einen neuen. Viele haben dieses feierliche Bewusstsein auf ihre Weise zum Ausdruck gebracht durch Teilnahme an allerlei höher oder auch niedriger stehenden Vergnügungen. Viele sind tiefer gegangen und haben in stiller Ausschau in Vergangenheit und Zukunft, in ernster Reue und mit aufrichtigen Vorsätzen Neujahr gefeiert nach der Art nachdenklicher Menschen. So oder so – wie steht es mit den erlebten Neujahrsstimmungen in der Zukunft? Morgen beginnt für uns alle wieder der Werktag, mit mehr oder weniger Staub und Verdruss und Langeweile und Mühe. «Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen!»2 Wird es uns morgen auch so gehen? Wird uns die Arbeit und |108 das Leben überhaupt doppelt düster und traurig erscheinen in der Erinnerung an die Stimmungen und Vorsätze der Festtage? Wenn das bei uns der Fall ist, dann wollen wir es uns ein Zeichen sein lassen dafür, dass wir überhaupt unser Leben und seine Zwecke noch nicht verstanden haben, dass wir aber auch noch nicht verstanden haben, was das Neujahr uns sagen wollte, unsre Stimmungen und Gefühle mögen vorgestern so schön und ernst gewesen sein, als sie wollen. Die Abschnitte unsres Lebens, wie wir einen solchen in diesen Tagen erlebt haben, können uns aber etwas Anderes, Besseres sein, wenn wir sie verstehen. Sie sagen uns, dass die Zeit vergeht, dass die Zeit und ihre Leiden und Freuden nicht Alles sind, dass in der Zeit und über der Zeit verborgen eine Welt des Ewigen steht. Wenn du dich dazu aufraffst, diese Abschnitte aufzusuchen und festzuhalten, dann stellen sie bei dir eine Verbindung her zwischen jener Welt des Unvergänglichen und deinem jetzigen Alltagsleben. Nicht auf den Tag im Kalender kommt es an, sondern darauf, dass du selbst es verstehst, solche Abschnitte in deinem Leben zu machen, und »überall, wo du willst, kannst du einen solchen Augenblick haben«3.

Wenn wir den Mut fassen, in unsern Lebensabschnitten Gott zu suchen, so ist das erste Erfordernis an uns, dass wir selber das unternehmen. Aus diesem eigenen Suchen wird die Erkenntnis dessen folgen, was uns fehlt, die innere Einheit des Lebens, die uns aufschließt für jene ewige Welt. Und mit dieser Erkenntnis unsrer Bedürftigkeit bekommen wir vielleicht die Augen für die Spuren auf unserm Le|109bensweg, die uns mit steigender Deutlichkeit hinweisen auf das göttliche Leben, das unser Leben umfasst und trägt, auf die Ewigkeitskraft, die von uns gefordert wird und die uns geschenkt ist.

I

Unser Textwort führt uns in die Zeit nach einem Lebensabschnitt in der Geschichte des Volkes Israel. Unter dem König Josia war im Tempel eine Schriftrolle gefunden worden, die enthielt ein Gesetz über eine neue Art, wie Israel Gott dienen sollte [vgl. 2.Kön. 22,8]. Es wurde bald zum Landesgesetz erhoben, und es war recht so, denn es stand viel Gutes darin. Aber nun dachte man weiter: nun ist des Herrn Wille erfüllt für immer. Man hatte ein Recht sich zu freuen, aber man meinte, nun werde auch Israel, das seine Pflicht getan, fortan ruhig und sicher unter Weinstock und Feigenbaum leben dürfen [vgl. 1.Kön. 5,5]. Die Propheten und die Priester verkündigten «Friede, Friede» und die Leute ließen es sich gerne sagen. Da ist Jeremia in ihrer Mitte aufgetreten und hat ihnen gesagt: Eure Ruhe und Sicherheit sind nichts als Schein. Ihr ruft Friede, wo kein Friede ist [Jer. 6,14]. Der Schade, der geheilt werden sollte, sitzt tiefer, als dass er durch äußern Gehorsam gegen ein Gesetzbuch geheilt werden könnte. Pflüget euch ein Neues und sät nicht unter die Dornen [Jer. 4,3]. Und dann hat er ihnen auch einmal das Wort zugerufen: Tretet an die Wege und sehet und fragt nach den Wegen! Gott will mehr von euch als Gehorsam, nämlich euch selber, euer Herz, euren klaren, bewussten Willen. Wie man an einem Kreuzweg Ausschau hält nach der Richtung der verschiedenen Straßen und Pfade, die von ihm ausgehen, so soll jeder von euch sich die verschiedenen Möglichkeiten offen vorhalten, nach denen er sein Leben einrichten will. Das war etwas Neues in Israel. Neu war, dass Jeremia sich in dieser Weise an den einzelnen Menschen im Volke wandte und ihn auf die Notwendigkeit eines persönlichen Entscheides für oder gegen Gott hinwies. Auch der Größte vor ihm: Jesajas, hatte immer das Volk als Ganzes, als das Bundesvolk angeredet und zur Treue gegen seinen Gott ermahnt.

Neu war aber auch das, was Jeremia den Israeliten tun hieß: eigene, selbständige Überlegung über das, was gut ist. Ist’s denn nicht genug, wenn jeder tut, was das Gesetz ihm befiehlt? Was braucht’s der Überlegung, wo doch Gottes Wille im Gesetzbuch klar vorliegt?

110 Auch für unsa1, wenn wir’s genau mit uns nehmen, ist es eine recht erstaunliche und schwere Sache, in unsern Lebensabschnitten nach Gott zu suchen. Denn wenn man uns von Gott redet, so sind wir nur zu leicht geneigt, gleich an die Kirche und ans Kirchengehen zu denken. In der Kirche aber fühlen wir uns als Glieder der Gemeinde, die gemeinsam betet, singt und an Gott denkt. Wohl geht kein Gottesdienst vorüber, ohne dass uns Gelegenheit geboten würde, uns selber die Frage zu stellen: Was muss gerade ich tun, damit ich selig werde? [vgl. Act. 16,30] Aber die Gefahr ist doch da, dass uns über der Gemeinsamkeit der Kirche die Einsamkeit vor Gott verloren geht, deren es zu solcher Selbstbesinnung bedarf. –

Und das Andre ist noch wichtiger: Zu selbständiger, eigener Entscheidung fordert uns das Prophetenwort auf. Haben wir’s verstanden? Der andre Fehler, der unser Verhältnis zu Gott oft trübt, besteht doch darin, dass wir selber uns gar nie vor die Entscheidung für oder gegen Gott stellen, dass wir allerlei Worte und Meinungen andrer Menschen über ihre Erfahrungen mit Gott uns zu eigen machen, ohne selber etwas von solchen Erfahrungen zu kennen, dass wir dies und jenes, was uns von andern Menschen als Wille Gottes bezeichnet wird, tun, ohne uns die Mühe zu nehmen, uns selber nach Gottes Willen zu fragen. Nicht nur in der katholischen Kirche gibt es solche unselbständigen Christen. Ich glaube vielmehr: gerade wer selbständig und aufrichtig ist in seinem Verhältnis zu Gott, wird immer aufs Neue die Entdeckung machen, wie sehr sein Glauben und Wollen unreif, d. h. aber ein übernommenes Glauben und Wollen Andrer ist.

Wenn uns der Prophet an die Wege treten heißt, so wollen wir also vor Allem darauf achten, dass wir das ein jeder für sich tun, dass wir lernen, an unsre eigenen Wege zu treten oder in unserm eigenen Leben nach jenen Abschnitten zu suchen. Und an unsern eigenen Wegen wollen wir lernen, selber zu sehen, was unser Pfad sei, was uns diese Abschnitte zu sagen haben, statt dass wir das von Andern für uns tun lassen. Denn in unserm eigenen persönlichen Leben will Gott sich von uns suchen lassen, nicht von Andern, sondern von uns selbst.

111

II

Wer an einem Kreuzweg steht, für den ist die Frage selbstverständlich, wohin die verschiedenen Straßen, die sich da kreuzen, führen. Wenn er sich klar darüber ist, weiß er auch von vornherein, dass einige dieser Straßen für ihn sicher nicht in Betracht kommen, weil sie ihn unmöglich zu dem gewünschten Ziel bringen.

Das gewünschte Ziel der Israeliten, die Jeremia damals an den Kreuzweg treten hieß, war «die Ruhe der Seele», wie der Schluss unsres Verses zeigt. Wir dürfen dabei nicht gleich an «geistliche Zufriedenheit» oder dergleichen denken. Was der Israelit sich wünschte, war Ruhe und Sicherheit des Gemüts vor den Gefahren und Sorgen des äußern Lebens. Eben das nannte er «sicher wohnen unter Weinstock und Feigenbaum» [1.Kön. 5,5]. Es gibt unzweifelhaft höhere Ziele als dieses, aber wenn wir unser eigenes Streben nüchtern und aufrichtig verstehen und beurteilen, so bemerken wir, dass es sich bei uns zunächst ganz ähnlich verhält: Jeder Mensch möchte glücklich werden, d. h. inmitten und durch seine Arbeit des Alltags etwas finden, das seinem Leben Wert und Bestand gibt. Ein Abschnitt unsres Lebens, wie das Ende eines alten Jahres oder der Beginn eines neuen, gibt uns Gelegenheit, uns zu vergewissern, ob die Fortsetzung unsres bisherigen Weges wirklich diesem Ziel zuführt. Und wir können uns dessen vergewissern, indem wir auf die Wegmarken unsres Lebenspfades im vergangenen Jahr achten.

Jeder von uns erinnere sich an die Ereignisse dieses Jahres, die in seinem Gedächtnis am deutlichsten haften geblieben sind, gleichviel welcher Art sie sind. Wer sich an Zeiten der Trauer oder des Zornes erinnert, der stelle sich noch einmal vor Augen, über was er getrauert oder gezürnt hat. Hat dich wirkliches Unglück gekränkt, oder stammte das Leid jener Tage zum großen, vielleicht zum ganzen Teil aus deiner eigenen Art, die Ereignisse aufzunehmen – oder haben am Ende deine eigenen Gedanken und Taten diese Ereignisse verschuldet? Wer sich an Tage der Freude erinnert, der mag sich fragen, ob seine Freude wirkliche Freude war, ob er auch jetzt ohne Reue mit Freude daran zurückzudenken vermag, oder ob die Freude nur Schein war und in Wirklichkeit mit jenem Ziel eines Lebens inwendiger Sicherheit gar nichts zu tun hatte. Und wer des vergangenen Jahres nur |112 als eines grauen Wechsels von viel Arbeit und wenig Erholung zu gedenken vermag, der für ihn auf immer vergangen und gleichgiltig bleibt, der soll sich überlegen, woher diese Gleichgiltigkeit kommt, ob ihm das, was er erlebt hat, wirklich gar nichts zu sagen gehabt hätte, ob dieses Jahr ihm wirklich so inhaltlos geblieben wäre, wenn er selbst nach einem Inhalt gesucht hätte. – Bei den Meisten von uns wird es wohl so sein, dass Trauer und Freude und Gleichgiltigkeit miteinander sich teilen in der Erinnerung, und es wird auch Keiner sein, der sich nicht einen jener Vorwürfe machen muss.

Und je mehr wir uns sagen müssen: da und dort hätte ich ganz anders denken und handeln müssen, desto mehr entdecken wir, dass unsre Fehler und ihre Folgen nichts Zufälliges waren, dass sie alle dieselbe Wurzel haben, dass wir also noch gar nicht auf dem rechten Wege sind. Wir wollten wohl gerne glücklich und ruhig werden, aber wir konnten es nicht; Freude und Schmerz in unserm Leben löschten sich so gleichmäßig aus, so dass nichts übrig blieb, das uns hätte inwendig bereichern können gegenüber dem Strom der gleichgiltigen Dinge, der dazwischen floss. Es fehlte der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.4

Wenn wir uns das eingestehen, dann ist es auch sofort klar, warum unser Weg nicht zum Ziele führen konnte. Wir haben wohl einzelne frohe oder traurige oder gleichgiltige Dinge erlebt, aber unser ganzes Leben war kein zusammenhängendes Ereignis für uns, aus dem wir etwas machen könnten. Wir trauerten über einzelne Momente, die uns betrübten, wir freuten uns über Einzelnes, aber wir vermochten nicht, das Einzelne zu einem Ganzen zu gestalten. Wir suchten und fanden die Freude und den Schmerz in den Ereignissen, die wir da und dort über uns ergehen ließen, statt in etwas, das wir selbst mit klarem Willen an die Ereignisse heranbrachten. Heranbrachten – das ist es! |113 Solange wir uns den Ereignissen unsres äußern Lebens auf Gnade oder Ungnade ausliefern, solange haben sie uns auch nichts zu bieten, solange werden wir vergeblich auch nur nach äußerlichera2 Ruhe und Sicherheit inmitten dieser Ereignisse suchen. Nun seht, wenn wir im Blick auf die Vergangenheit uns sagen müssen, dass wir das Glück nicht gefunden haben, weil es uns an der innern Einheit mangelte, dann wissen wir für die Zukunft, welchen Weg wir nicht gehen müssen, und wir ahnen es, welchen wir gehen sollten. Wir verloren uns im Einzelnen, statt nach einem [Ganzen, oder sagen]b wir es gleich, nach einem Ewigen, zu suchen, das nicht außer uns liegt, sondern in uns.

Meine Freunde! Der Augenblick, wo wir zu dieser Erkenntnis kommen, ist das Ende eines alten Abschnittes in unserm Leben. Wird er der Beginn eines neuen sein?

III

Blicke nun noch einmal auf das vergangene Jahr zurück und sieh zu, ob die mannigfach verschlungenen Pfade nicht noch andere Wegmarken enthalten, die dich in eine ganz andre Richtung weisen. Kannst du dich nicht nebenc allerlei Trauer oder Freude, die dich hinterher kalt lässt, an Momente erinnern, in denen du von dem lebhaften Gefühl erfüllt warst: das Leben hat doch einen wirklichen Wert, es gibt doch [etwas, das]d mein Tun und Lassen zusammenhält, ich bin für etwas da auf dieser Welt? Solche Stimmungen gingen vielleicht wieder unter in dir, und du denkst nur wehmütig daran zurück. Halte sie fest! Das sind mehr als Stimmungen, wenn du wirklich im tiefsten Innern etwas Derartiges erlebt hast.

114 Waren es nicht die Augenblicke, in denen du selber das Steuer deines Lebensschiffleins in Händen zu haben glaubtest, statt von den Wellen freudiger oder trauriger Ereignisse hin- und hergeworfen zu werden, also Augenblicke, in welchen dir jene geahnte und doch vermisste innere Einheit Wirklichkeit wurde? Und – merkwürdig! – waren es nicht dieselben Augenblicke, in denen du dich unwiderstehlich erfasst fühltest von etwas Höherem, dem du gehorchen und dem du Vertrauen schenken musstest? Und wenn du dich auf den Inhalt solcher Erlebnisse besinnst, waren es wohl Augenblicke, in denen du dann im Tiefsten überzeugt warst, dass nicht die Frage nach dem Glück, sondern innere Gerechtigkeit und Liebe das Erste und Wichtigste im Leben sind? Vielleicht bist du einem Menschen begegnet, dessen Denken und Handeln dich wenigstens vorübergehend davon überzeugten. Vielleicht ist es dir an allerlei Ereignissen deines Lebens oder des Lebens der Andern klar geworden, dass Gerechtigkeit und Liebe nicht eine schöne innere Täuschung sind, sondern die Macht, die im tiefsten Grunde alles Geschehen umfasst. Vielleicht hast du in stiller Betrachtung der Naturwelt – ihrer Wunder, ihrer Rätsel und ihrer Schrecken – etwas davon erfasst, dass es eine Ordnung gibt, die wir nicht zu durchschauen vermögen und die doch da ist, die nicht aus den Dingen stammt, sondern über den Dingen steht – und der vor Allem du selber gänzlich unterworfen bist. Sieh, solche Erlebnisse sind Wegmarken für den Weg deiner Zukunft. Wenn du sie mit jenen andern vergleichst, von denen wir sprachen, dann kann es nicht zweifelhaft sein: das wäre der Weg, den ich eigentlich gehen sollte, denn aus jenen Erfahrungen weiß ich, dass er zu dem Ziel führt eines ganzen Lebens innerer Einheit, das ich ahne und doch nicht erreichen kann.

Seht, was der gute Weg sei, und gehet darauf! In jenen Erlebnissen klopft die Ewigkeit, klopft Gott selbst an unsre Pforte [vgl. Apk. 3,20]. Wenn wir sie uns klar vor Augen stellen, sind wir auch unmittelbar davon überzeugt, dass das der einzige gute Pfad sei.

Gehet darauf! Ein inhaltreiches, schweres Wort, denn es verlangt übermenschlich Großes von uns. Es ist eine alte und immer wieder neue Wahrheit, wie verschiedene Dinge Erkenntnis und Tun des Guten sind. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die glaubten, sie könnten die Welt des Ewigen, von der sie in einzelnen Augenblicken blitzartig etwas geschaut, festhalten durch Gedanken über die Ewig|115keit, durch eine von der Außenwelt abgekehrte innere Anschauung des hohen Gegenstandes. Und doch führt uns das nicht weiter. Denn wer wirklich in Gerechtigkeit und Liebe die Spuren der Ewigkeit in seinem Leben entdeckt hat, der weiß auch, dass sie nur entstehen und bestehen können in der Welt der Arbeit, im Verkehr mit den Menschen. e-In dieser Welt aber gibt es unendliche Hindernisse für den, der die Ewigkeit als Kraft und nicht nur als innere Anschauung in sich tragen möchte. Denn wenn wir uns nach der Aufforderung des Propheten vornehmen, auf dem guten Pfad zu gehen, wenn wir Gerechtigkeit und Liebe nicht nur anschauen und bewundern, sondern selbst betätigen wollen, wenn wir unser eigenes Tun und Denken ins Licht der Ewigkeit stellen wollen, dann erfahren wir’s immer wieder, dass das Wollen da ist, das Vollbringen des Guten aber nicht [vgl. Röm. 7,18f.]. Etwas von der innern Not des Paulus Römer 7, die Augustin in den Konfessionen beschreibt,5 die Luther im Kloster erlebt hat,6 etwas von dieser Not erfährt jeder Mensch, der sein Leben unter jenes einheitliche, dauernde Licht der ewigen Welt, das da und dort in ihm aufgeleuchtet, stellen möchte. Und wenn wir dann so wollen und |116 nicht können, dann erscheint uns die Aufforderung des Propheten: Sehet, was der gute Pfad sei, und gehet darauf! wie eine Grausamkeit. Etwas von jenem Trotz möchte-e uns ergreifen:

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden.
Dann überlasst ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.7

Aber nun redet der Prophet in unserm Vers noch von etwas Anderem, nämlich von den Pfaden der Vorzeit, nach denen wir auch fragen sollen. Er dachte an die Geschichte des Volkes, zu dem er redete, in der sich der lebendige Gott geoffenbart durch mächtige Taten. Und er hat recht: für den, der Augen hat, ist die Weltgeschichte das Weltgericht8 und er vermag ihren Entscheidungen Lehren zu entnehmen, die ihn in der Wahl seines eigenen Weges mitbestimmen werden. Aber eben nur Lehren, und was soll dem alle Belehrung, der mitten drinsteckt im Wollen und doch Nicht-Können des Guten? Nicht guter Rat ist hier teuer, nicht die Lehre der Vergangenheit, sondern Kraft der Gegenwart.

Nun glauben wir Christen aus der Vorzeit das Leben eines Menschen zu kennen, das uns mehr ist als eine Lehre der Vergangenheit. Den Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht vom unerschaffnen [Lichte]f-,9 das wir nur in einzelnen Augenblicken ahnten, [sehen]-f wir |117 als ein ununterbrochenes starkes Leuchten in der Person Jesu von Nazareth. Und dieses ewige Licht, dessen Kommen in die Welt wir an Weihnachten gefeiert, ist für uns nichts Gewesenes, dieses Menschenleben hat kein Ende genommen, sondern sich fortgepflanzt und immer wieder erneuert im Reich der Geister, die Gott als ihren Vater anrufen im Aufblick zu diesem Menschen, in dem er die Kraft und den Frieden auf die Erde gesandt hat.

Wenn dieses Reich auch zu dir kommt, dann wird aus der Hoffnungslosigkeit deines Wollens die Hoffnung des Könnens. Wenn jenes Menschenleben auch dir etwas Wirkliches wird, dann ist ein Wendepunkt und ein Abschnitt gemacht in deinem Leben. Viele haben es bezeugt, dass hier das Alte vergangen, Alles neu geworden sei [vgl. 2.Kor. 5,17]. Und dieser Abschnitt wird dann nicht etwas Vorübergehendes sein gleich schönen vergangenen Festtagen, du wirst das ewige Licht, das du empfangen, mit hineinnehmen in das Leben der Arbeit, und dieses Leben wird dir fortan etwas zu sagen haben.

Das Empfangen steht nicht in unsrer Hand, aber Gott gibt den aufrichtig Wollenden die Augen, um dies ewige Licht zu sehen und in sich aufzunehmen.

Tretet hin an die Wege und sehet!

Jesus aber sagt uns: Ich bin der Weg [Joh. 14,6].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 33010: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, Strophe 1–3 (GERS 43; RG 572; EG 450). 🎵
  • Nr. 242: «Such, wer da will» von G. Weißel, Strophe 1–3; nachher 4–5 (GERS 224; RG 276; EG 346). 🎵

Textkritische Fußnoten

a1
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
a2
Im Mskr. infolge einer Beschädigung schwer zu entziffern. – Vom Beginn des Absatzes bis hier ist der Text auf einem aufgeklebtem Zettel erneut geschrieben. Der teils unter dem Rand hervorquellende Klebstoff führte zu dieser und den Beschädigungen des Textes auf der nächsten Seite.↩
b
Das Mskr. ist an der Stelle der von den Hrsg. ergänzten Worte infolge einer Beschädigung weitestgehend unleserlich.↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «bei».↩
d
Das Mskr. ist an der Stelle der von den Hrsg. ergänzten Worte infolge einer Beschädigung weitestgehend unleserlich.↩
e-e
Auf einem aufgeklebtem Zettel erneut geschriebener Text; der ursprüngliche Text ist nicht mehr entzifferbar.↩
f-f
Das Mskr. ist an der Stelle des von den Hrsg. ergänzten Wortes infolge einer Beschädigung jeweils weitestgehend unleserlich. Es handelt sich auch hier um eine Beschädigung, die verursacht wurde von dem unter der aufgeklebten Seite (s. oben, Anm. e-e) hervorquellenden Klebstoff.↩

Sachfußnoten

1
Barth predigte an diesem Tag in Vertretung des Pfarrers Martin Julius Schindewolf (*1845; seit 1879 Pfarrer an der Stadt- und Universitätskirche Marburg), dem er von Professor Ernst Christian Achelis empfohlen worden war: «es graut mir nicht wenig davor. Ich sollte da etwas Rechtes sagen können», schrieb er seinem Vater über die Predigt in dieser renommierten Kirche (Brief vom 28.12.1908; KBA 9208.74).↩
2
Deutsches Sprichwort, das schon von Goethe in der folgenden Form zitiert wird: «Alles in der Welt lässt sich ertragen, / Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen» (J. W. von Goethe, Gedichte [Ausgabe letzter Hand. 1827], Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 440 📖).↩
3
Friedrich Schleiermacher’s Monologen. Kritische Ausgabe, mit Einleitung, Bibliographie und Index von Fr. M. Schiele (PhB 84), Leipzig 1902, S. 10f. 📖: «Der Punkt, der eine Linie durchschneidet, ist nicht ein Theil von ihr: er bezieht sich auf das Unendliche, eben so eigentlich und unmittelbarer, als auf sie, und überall in ihr kannst du einen solchen Punkt sezen. Der Moment, in dem du die Bahn des Lebens theilst und durchschneidest, soll kein Theil des zeitlichen Lebens sein: anders sollst du ihn ansehn, und deiner unmittelbaren Beziehungen mit dem Ewigen und Unendlichen dich bewusst werden; und überall wo du willst, kannst du einen solchen Moment haben» (vgl. Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 12, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1995, S. 330) 📖.↩
4
Vgl. aus dem Gedicht «Der Spaziergang» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1795; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 228–234, dort S. 232) 📖:
Aber im stillen Gemach entwirft bedeutende Zirkel
Sinnend der Weise, beschleicht forschend den schaffenden Geist,
Prüft der Stoffe Gewalt, der Magnete Hassen und Lieben,
Folgt durch die Lüfte dem Klang, folgt durch den Äther dem Strahl,
Sucht das vertraute Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern,
Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht.
↩
5
Vgl. etwa A. Augustinus, Confessiones II,1 (CChr.SL 27, S. 18,3–9) 📖: «Amore amoris tui facio istud, recolens vias meas nequissimas in amaritudine recogitationis meae […]. Exarsi enim aliquando satiari inferis in adolescentia […] et contabuit species mea, et computrui coram oculis tuis»; dt.: «Liebe zu deiner Liebe ist es, die mich noch einmal die schändlichen Wege durchwandern läßt im Geiste mit der Bitterkeit der neu auflebenden Erinnerung […]. Da ich ein Jüngling war, flammte auch in mir die Begierde, […]. Und mein Leib verzehrte sich und ich verfiel vor deinen Augen» (Übersetzung nach: O. F. Lachmann, Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus, Leipzig 1888 📖).↩
6
Vgl. z. B. aus Luthers Rückblick auf die Zeit seines Mönchtums, in: M. Luther, Von der heiligen Taufe Predigten (1534), WA 37,661,20–30 📖: «Denn ich bin selbs funffzehen jar ein Mönch gewest, on was ich zuvor gelebt habe, und vleissig alle jre bücher gelesen und alles gethan, was ich kunde, noch hab ich mich nie können ein mal meiner Tauffe trösten, Sondern jmer gedacht: O wenn wiltu ein mal from werden und gnug thun, das du einen gnedigen Gott kriegest? und bin durch solche gedancken zur Möncherey getrieben und mich zu martert und zu plagt mit fasten, frieren und strengem leben, Und doch nichts mehr damit ausgericht, […].»↩
7
Zweite Strophe des Gedichtes «Harfenspieler» [III] von J. W. von Goethe (ders., Gedichte [Anm. 2], S. 355f., dort S. 356; ders., Wilhelm Meisters Lehrjahre, zweites Buch, dreizehntes Kapitel).↩
8
Vgl. die vorletzte Strophe des Gedichtes «Resignation» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 130–133, dort S. 132f.) 📖:
[…]
«Zwei Blumen», rief er, «– hört es, Menschenkinder –
Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuß.

Wer dieser Blumen eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.»
↩
9
Vgl. den Beginn des im Gottesdienst zuvor gesungenen gleichnamigen Liedes (s. unten, Lieder).↩
10
Die hier von Barth angegebenen Liednummern beziehen sich auf: Evangelisches Kirchengesangbuch für den Konsistorialbezirk Cassel, Cassel 1889; 1907 📖3.↩