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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 14</title>
        <title type="content">Predigt: 2.Timotheus 3,15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 2.Timotheus 3,15, 31. Januar 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53016</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 14: Predigt: 2.Timotheus 3,15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">16</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 2 Tim 3,15, 31. Januar 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1457">KBA 992</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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      <creation>
        <date type="creation" when="1909-01-31">31. Januar 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>14</idno>
                </head>
               
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-1066">
                            <hi rend="italic">Niedergrenzebach</hi></placeName> in Hessen<note xml:id="n01">Dass Barth und seine Schweizer
                                Kommilitonen <persName ref="kbga-actors-423">Gottlob Wieser</persName> (1888–1973) und Christian <persName ref="kbga-actors-9158">Walkmeister</persName> (1883–1966) noch im Januar 1909
                                an einem Sonntag «auf den 3 Kanzeln des Kirchspiels»
                                    <placeName ref="kbga-places-1066">Niedergrenzebach</placeName> in der Landschaft <placeName ref="kbga-places-1122">Schwalm</placeName> predigen sollten
                                (Brief Barths an seine Eltern und Geschwister vom 28.12.1908
                                [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9208.74</idno>]), war schon bei seinem dortigen Aufenthalt über
                                Weihnachten 1908 (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p097#p097">S. 97-106</ref>, dort bes. <ref type="pub" target="../volume/53/p097#fn_n01">Anm. 1</ref>)
                                verabredet worden. Von der hier vorliegenden Predigt berichtete
                                Barth seinen Eltern am 2. Februar 1909 (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9209.8</idno>): «Am Samstag
                                bin ich dann mit Wieser und Walkmeister nach der Schwalm
                                gezogen, […]. Über Nacht fiel dann Schnee, nicht genug,
                                als ich um 8 Uhr mit dem jüngern Töchterlein [des Pfarrers
                                <persName ref="kbga-actors-4632">Friedrich Cornelius</persName>] ausziehen sollte nach der Filiale
                                    <placeName ref="kbga-places-1119">Leimsfeld</placeName>,
                                die ich übernommen hatte, da setzte ein mächtiger Schneesturm
                                ein, und so stapften wir dann auf ungebahnten ‚neuen Wegen’
                                durch Felder und Wälder dem dortigen Kirchlein zu, wo alsbald
                                das Geläute anhob; und als ich unter den quietschenden
                                gurgelnden Tönen der alten Orgel einzog, da war es trotz des
                                Hundewetters bis zum letzten Platz gefüllt. Ich war dann doch
                                befriedigt von meiner Predigt, kam beträchtlich ins Reden und
                                die Leute waren recht aufmerksam. Dann ging’s bei
                                andauerndem Schneefall wieder zurück, und im Pfarrhaus fand sich
                                dann die ganze Missionskolonne beim Mittagstisch.»</note> (Filiale
                                <placeName ref="kbga-places-1119">
                            <hi rend="text-recte">Leimsfeld</hi></placeName>)<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Der Klammerzusatz wurde nachträglich mit Bleistift
                                    hinzugefügt.</note>
                          
                        <date when="1909-01-31" rend="right">Sonntag, den 31. Januar 1909</date> <date rend="right">(4. nach
                            Epiphanias)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.3.15">2.Timotheus 3,15</ref>
                   
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Weil du von Kind auf die heilige
                                    Schrift weißt, kann dich dieselbige unterweisen zur
                                    Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <div>
                <p>Wir Alle gehören zu denen, die <hi rend="italic">von Kind auf die heilige <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term></hi>
                    <hi rend="italic">wissen</hi>. Wir haben im Haus unsrer Eltern oder in der Schule ihre
                    schönsten Geschichten uns erzählen lassen, wir haben uns als Konfirmanden
                    mit ihren größten und wichtigsten Gedanken vertraut gemacht, vielleicht
                    haben wir auch damals das eine oder andre Stück aus der Bibel auswendig
                    gelernt und konnten es hersagen, dass Lehrer und Pfarrer die helle Freude
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> an uns hatten. Und heute noch stellen wir
                    uns <pb xml:id="p119" ed="pga"/> pünktlich Sonntag für Sonntag hier ein, um Gottes
                    Wort zu hören. Wir wissen von Kind an die heilige Schrift, wir können es
                    nicht leugnen. <hi rend="italic">Hat sie uns aber auch unterwiesen zur <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term></hi>
                            <hi rend="italic">?</hi>
                    Denn nicht wahr, darüber sind wir ja einig: damit dass wir die Bibel lesen,
                    daraus auswendig lernen, uns darüber predigen lassen, damit stehen wir erst
                    am Anfang. Die Hauptsache kommt dann erst. Die Bibel ist Mittel zu einem
                    höhern <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Mittel zum höheren Zweck">Zweck</term>.
                    Aber kein unfehlbares Mittel, das wir nur einzunehmen brauchten, wie wir ein
                    Arzneimittel einnehmen, um unsern Magen oder unser Blut zu kurieren. Weil du
                    von Kind auf die heilige Schrift weißt, <hi rend="italic">kann</hi> dich dieselbige
                    unterweisen zur Seligkeit. Sie <hi rend="italic">kann</hi> es, sie hat die Fähigkeit
                    dazu, aber sie <hi rend="italic">muss</hi> es nicht, die Wirkung tritt nicht etwa mit
                    der selbstverständlichen Notwendigkeit ein, mit der auf das A das B folgt,
                    sondern nur unter ganz bestimmten Bedingungen.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Und darum wollen wir es uns recht ernst
                    überlegen, wie es bei uns steht, ob unser großes oder kleines Wissen von der
                    heiligen Schrift uns unterwiesen hat und unterweist zur Seligkeit. Wie? Du
                    sagst: mit der Seligkeit hat’s gute Weile, ich denke noch nicht
                    gleich zu sterben, und wenn’s dann einmal so weit kommt, dann will
                    ich mich wohl von der Schrift zur Seligkeit unterweisen lassen, aber für
                    mein jetziges Leben ist’s genug, wenn ich die Schrift kenne als ein
                    braver Christ, von außen und auch ein wenig von innen. Erst dem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> mit Handel und Wandel und <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term> sein Recht, dann der
                        <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> das ihrige. Nicht
                    wahr, wir Alle haben etwa schon so über <term type="Sachen" key="Leben, und Seligkeit">Leben</term> und Seligkeit gedacht? Es ist
                    aber in Wirklichkeit ganz anders: Die Seligkeit gehört in dein jetziges
                    Leben schon hinein, woher weißt du, dass sie dir nach dem Tode geschenkt
                    wird, wenn du sie hier nicht kennengelernt hast? Und darum ist es nicht so,
                    dass es genug ist, wenn wir die heilige Schrift <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>
                    kennen und lesen und hören, wir müssen schon hier etwas verspüren von der
                        <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Unterweisung zur Seligkeit">Unterweisung</term> zur Seligkeit, d. h. aber zu einem Leben der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und <term type="Sachen" key="Beständigkeit">Beständigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Lebenskraft">Kraft</term>, das sie uns zu geben vermag.
                    </p>
                <p> Die <term type="Sachen" key="Seligkeit, Kraft der Gegenwart">Seligkeit</term> ist eine Kraft der Gegenwart, und darum wollen wir uns
                    heute fragen nach der
                    <list type="simple">
                        <item><hi rend="italic">Bedeutung der heiligen Schrift für unser Leben</hi>.</item>
                        <item>Vom <hi rend="italic">Lesen in der Bibel</hi>,</item>
                        <item>Vom <hi rend="italic">Inhalt der Bibel</hi> und</item>
                        <item>
                                    <pb rend="noPipe" xml:id="p120" ed="pga"/> Vom <term type="Sachen" key="Glaube">
                                        <hi rend="italic">Glauben</hi></term> <hi rend="italic">wie die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term></hi>
                                </item>
                        <item>möchte ich euch Einiges sagen.</item>
                    </list>
            </p>
                </div>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">Erstens: <hi rend="italic">Vom Lesen in der Bibel</hi>.
                            <hi rend="italic">Liesest du überhaupt noch in der Bibel?</hi>
                        </p>
                    <p>Dass du darin gelesen <hi rend="italic">hast</hi>, weil <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term> und <term type="Sachen" key="Konfirmandenunterricht">Konfirmandenunterricht</term> es so mit
                        sich brachten, das ist ja in einem christlichen Lande für die meisten
                        selbstverständlich. Aber wenn dann der Mensch ins Leben hinauskommt, <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> dann wird es eben vielfach anders. Viele
                        verlieren über den Gedanken an die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> oder ans <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term> überhaupt die Freudigkeit am <term type="Sachen" key="Lesen">Lesen</term>, weil sie wie die Pferde mit Scheuklappen
                        versehen sind gegen alle Dinge, die über den Viehstall und den Erwerb,
                        über das Wirtshaus und den Tanzboden hinausgehen. Die Meisten lesen
                        heute doch wenigstens die Zeitung. Gut! Sie denken doch nicht nur ans
                        Nächste und lernen etwas über ihre vier Pfähle hinaussehen. Aber es will
                        mir scheinen, gerade aus der <term type="Sachen" key="Zeitung">Zeitung</term> könnten wir ersehen, dass der Mensch höhere Nahrung
                        braucht für Kopf und Herz als eben die Zeitung mit ihren hunderterlei
                        großen und kleinen Nachrichten aus der Nähe und aus der Ferne. Denn was
                        helfen uns all die nützlichen Dinge, die wir da vernehmen, wenn wir in
                        unserm Innern nicht eine Werkstätte haben, die die Dinge verarbeitet,
                        die uns ein selbständiges Urteil gibt über die Dinge, die die Dinge für
                        uns selber innerlich nutzbar macht? Und die <term type="Sachen" key="Zeitung, Abbild des Lebens">Zeitung</term> ist nur ein <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Abbild unsres Lebens überhaupt. Unser Leben
                        mag äußerlich noch so glücklich und befriedigend<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «schön».</note>
                         sein, es mag uns noch so viel Schönes und Merkwürdiges bringen,
                        solange wir nur dahin leben, ohne uns über den Zweck des Lebens zu
                        besinnen, solange bleibt es uns etwas Totes. Der Viehstand mehrt sich
                        vielleicht und die Kassenscheine auch, aber wir selber haben nichts
                        davon, wir wissen ja im Grunde nicht, wozu wir leben und arbeiten. Viel
                        zu viele laufen in der Welt herum, bei denen es inwendig so aussieht,
                        und wer weiß, bei den Meisten von ihnen steht zu Hause auf dem Brett an
                        der Wand auch ein Bibelbuch, aber es liegt eine dicke Staubschicht
                        darüber, und dann ist allerdings die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> nichts wert. <pb xml:id="p121" ed="pga"/> Der Pfarrer, der in dem Haus einen Besuch macht, lässt
                        sich vielleicht durch den Anblick täuschen, wenn er kurzsichtig ist,
                        aber dir selbst ist damit wenig geholfen. Die Bibel als Staubfänger kann
                        dich freilich nicht zur Seligkeit, zu einem <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/>
                        selbständigen, starken <term type="Sachen" key="Leben, selbständiges">Leben</term> unterweisen. |</p>
                    <p>
                            <hi rend="italic">Wie lesen wir die <term type="Sachen" key="Bibellese">Bibel</term></hi><hi rend="italic">?</hi> Du sagst mir: ich lese dann und
                        wann die Bibel, vielleicht alle Tage, ich halte darauf, jeden Morgen mit
                        einem Bibelabschnitt oder -Wort zu beginnen, und in stillen Stunden kann
                        ich mir nicht genug tun, mich in die Geheimnisse dieses Buchs zu
                        versenken. Und trotzdem: <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Unterweisung zur Seligkeit">unterweist</term> sie dich zur Seligkeit, zu einer <term type="Sachen" key="Lebenskraft">Kraft</term>, die nicht nur in den
                        stillen Stunden, sondern in all deinem Tun und Lassen dich erfüllt, zu
                        einem Leben, von dem z. B. auch deine Knechte und Mägde, deine Nachbarn
                        etwas verspüren, oder ist dir dein Verkehr mit der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Verkehr mit der B.">Bibel</term> ein
                        höherer Zeitvertreib, eine Erholung, die ins Kämmerlein gehört und nicht
                        zum Leben, über die du vielleicht auf dem Krankenbett einmal recht froh
                        wirst, die aber in gesunden Tagen mehr nebenher geht neben deinem
                        sonstigen Denken und Tun? Mit dem Bibellesen an sich ist es nämlich
                        nicht getan, es gibt viel falsches und ungöttliches <term type="Sachen" key="Bibellese, falsche">Bibellesen</term>, selbst unter sehr feinen
                        und frommen Formen. Ich sollte eigentlich nicht reden müssen von dem
                        allerlei <term type="Sachen" key="Aberglaube">Aberglauben</term>, der
                        mit <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> diesem Buch immer wieder getrieben wird,
                        obschon in dieser Hinsicht auch unter uns Evangelischen noch viel Unfug
                        geschieht. Aber der Aberglaube zeigt uns gerade hier besonders deutlich,
                        dass es an der rechten Art des Glaubens fehlt und wo es fehlt. Ich weiß
                        von einer Gegend, in der es früher üblich war, den kleinen Kindern mit
                        der ersten gekochten Milch, die sie bekamen, ein Blatt aus dem Neuen
                            <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>, in
                        kleine Stückchen zerrissen, einzugeben. Wozu? Damit die Kinder recht
                        fromm würden!<note xml:id="n02">Aus dem schweizerischen
                            Emmental berichtet dies <bibl corresp="kbga-bibls-2521">
                                    <persName ref="kbga-actors-9159">A. Riser</persName>, <hi rend="italic">Volksbrauch und Volksglaube aus dem
                                Emmental</hi>, in: SAVK 24 (1922/23), S. 61–70, dort
                            S. 61</bibl>: «Mit dem ersten Brei wird ein aus der Bibel gerissenes Blatt
                            in ganz kleinen Stücken gekocht; das Kind wird dadurch
                            fromm.»</note> Gerade als ob das Essen mit der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> irgend etwas zu tun hätte. Aber
                        so machen wir’s: wir brauchen die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Missbrauch">Bibel</term> zu allen
                        möglichen Zwecken, die wir uns selber erdenken, und nennen das dann
                        Glauben! Der Eine sitzt hinter der Offenbarung Johannes und spekuliert
                        scheinbar höchst fromm über die sieben Siegel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.5 Apk.8">Apk. 5–8</ref>] und das
                        Tier aus <pb xml:id="p122" ed="pga"/> dem Abgrund [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.13">Apk. 13</ref>]. Der Andre macht sich
                        über das <term type="Sachen" key="Gesetz, mosaisches">Gesetz</term> des
                            <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und meint, alles Heil
                        hänge davon ab, dass wir nicht mehr den Sonntag, sondern den Sabbat
                        feiern sollten. Der Dritte tut, als ob der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nichts Andres geschrieben habe als das
                        vierte Kapitel <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> des ersten
                        Thessalonicherbriefes, und predigt die Entrückung der Gläubigen vor dem
                        letzten <term type="Sachen" key="Gericht, Jüngstes">Gericht</term> [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.4.16 1.Thess.4.17">1.Thess. 4,16f.</ref>].
                        Und eine schwerkranke Frau, die ich einmal besuchte, erfreute sich vor
                        Allem an dem Gedanken, dass es nach den Worten der Schrift den Bösen
                        einmal so recht schlecht ergehen werde [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.11.19 Spr.11.21">Spr. 11,19.21</ref> u. ö.].</p>
                    <p>Alle diese Dinge haben mit dem Glauben nichts zu tun, gar nichts, und wer
                        die Bibel recht <term type="Sachen" key="Bibellese, rechte">lesen</term>
                        will, der muss vor Allem die Einsicht und den Willen haben, mit keiner
                        andren Frage an sie heranzutreten als mit der: Was muss <hi rend="italic">ich</hi>
                        tun, damit ich <hi rend="italic">selig</hi> werde? [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.30">Act. 16,30</ref>]</p>
                    <p>Denn Glaube im Sinn des Evangeliums ist doch wohl eine innere <term type="Sachen" key="Glaube, innere Kraft">Kraft</term>, die wohl in
                        unserm Herzen entsteht, die wir aber nicht selber uns zurechtmachen
                        können aus allerlei schönen oder auch weniger schönen Gedanken, und wenn
                        wir sie aus der Bibel hätten. <term type="Sachen" key="Glaube, Ruhe und Sicherheit">Glaube</term> ist die Ruhe und
                        Sicherheit, die unserm Leben fehlt, solange wir es nicht gelernt haben,
                        nach ihren Quellen zu suchen. <term type="Sachen" key="Glaube, herzliches Verhältnis zu Gott">Glaube</term> ist ein
                        herzliches Verhältnis zum lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der über der Welt <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> steht und der uns herausnehmen will aus
                        unserm bisherigen Leben, dessen Sinnlosigkeit und Zwiespältigkeit uns
                        quält, um uns wieder hineinzustellen ins Leben, aber als neue <term type="Sachen" key="Mensch, neuer">Menschen</term>, die ein Ziel und
                        eine Zukunft haben. – Diesen Glauben will die Bibel in uns wecken
                            <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>und stärken<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>, nicht Gedanken über <term type="Sachen" key="Schöpfung">Weltschöpfung</term> und <term type="Sachen" key="Weltuntergang">Weltuntergang</term>, über Himmel und Hölle. Gedanken «haben die
                        Teufel auch und zittern» [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.19">Jak. 2,19</ref>].</p>
                    <p>Mit dem Verlangen nach Gott, mit dem Verlangen nach einem herzlichen
                        Verhältnis zu ihm, das uns frei und stark macht, wollen wir die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> lesen.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Zweitens: Vom <hi rend="italic">Inhalt der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Inhalt">Bibel</term></hi> wollen
                        wir nun reden. – |</p>
                    <p>Mit dem Verlangen nach Glauben wollen wir sie also lesen. Finden wir in
                        ihr etwas, das diesem Verlangen entgegenkommt? Enthält die <pb xml:id="p123" ed="pga"/> Bibel nicht gar zu viel, das mit meinem persönlichen
                        Verhältnis zu Gott so gar nichts zu tun <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                        hat? Was sollen mir die Verzeichnisse der Chronikbücher [vgl. 
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Chr.1 1.Chr.8">1.Chr. 1–8</ref>
                        u. ö.] oder Jesu Geschlechtsregister 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.1 Mt.1.17">Mt. 1,1–17</ref>] oder die dunkeln
                        Gesichte <persName ref="kbga-actors-8707">Hesekiels</persName> oder der
                        Offenbarung des Johannes? Führen uns alle diese Dinge nicht geradezu in
                            <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>, nach irgend<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         einem tiefern Sinn zu spekulieren und uns so vom <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> selbst zu entfernen?
                        Vielleicht fragst du nur <hi rend="italic">so</hi><note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, vielleicht geht aber dein <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term>
                        <hi rend="italic">tiefer</hi><note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Du hast eine tiefe Sehnsucht in dir nach dem
                        herzlichen <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>, von dem wir
                        gesprochen haben. Aber wenn du in der Bibel liesest und aufrichtig gegen
                        dich selbst bist, so fällt es dir bei dieser und jener Stelle, in diesem
                        oder jenem Buch, wo doch ausdrücklich vom Verhältnis des Menschen zu
                            <term type="Sachen" key="Mensch, Verhältnis zu Gott">Gott</term> die
                        Rede ist, schmerzlich auf, wie fremdartig dir dieser Ausdruck des
                        Glaubens ist. Du musst dir gestehen, dass du von dir aus niemals auf den
                        Gedanken kommen würdest, <hi rend="italic">deinen</hi> Glauben, <hi rend="italic">dein</hi>
                        Verhältnis zu Gott gerade in diese Gedanken und Worte zu kleiden. Und es
                        ist dir dann nicht geholfen, wenn man dir sagt, du müssest das eben
                        glauben, ohne es zu verstehen, denn du spürst es deutlich, dass dein
                        Glaube ganz etwas <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Anderes, etwas viel
                        Reineres und Tieferes ist, als ein solches Übernehmen von Gedanken und
                        Vorstellungen, die die Männer der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> sich vor 2000 und mehr
                        Jahren gemacht haben. Es sind viele fromme <term type="Sachen" key="Christen, fromme">Christen</term>, die ehrlich genug waren,
                        sich diesen Widerstreit einzugestehen, nicht über ihn hinweggekommen,
                        sondern irre geworden auch an ihrem eigenen Glauben, weil sie sich
                        einreden ließen, gläubig sein heiße, die Gedanken der Bibel zu den
                        seinigen machen, und wer das nicht könne, sei eben ungläubig.</p>
                    <p> Irgend etwas von diesen Schwierigkeiten beim <term type="Sachen" key="Bibellese, Schwierigkeit">Bibellesen</term> hat jeder Christ
                        schon erfahren, wenn sich auch lange nicht Alle klar darüber sind. Für
                        die, die die Schwierigkeiten des Bibellesens einsehen, und für die, die
                        sie nicht einsehen, ist es aber in gleicher Weise nötig, dass sie sich
                        in Erinnerung rufen, <hi rend="italic">was die Bibel eigentlich sein will und
                            ist</hi>. Dazu braucht es keine gelehrten Spitzfindigkeiten, meine
                        Freunde, sondern nur die einfache Besinnung auf Tatsachen, die für jeden
                            <pb xml:id="p124" ed="pga"/> Christen, der seine Bibel kennt, vor Augen
                        liegen, wenn er sie sehen will.</p>
                    <p>Was ist denn die Bibel nach ihrem eigenen <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>
                        Zeugnis? Eine große Sammlung von Schriften von Männern, die im
                        Verhältnis mit Gott etwas so Großes erlebt hatten, dass sie es auch an
                        Andere weitergeben mussten, dass sie es niederschreiben mussten für alle
                        kommenden Geschlechter. Hinter den Schriften des <term type="Sachen" key="Altes Testament">Alten</term> und Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term> stehen also
                            <hi rend="italic">Menschen</hi>. Menschen aus Fleisch und Blut wie wir auch.
                        Sie Alle, die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> und
                        die <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term>, haben die
                        Widerwärtigkeiten und Zwiespältigkeiten des Lebens erfahren so gut wie
                        wir, aber dann ist in ihr Leben etwas Neues hineingetreten. Dies Neue
                        ist der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, und vom lebendigen Gott geben sie uns Zeugnis, jeder in
                        seiner Weise. <hi rend="italic">Gott</hi>, das ist der Inhalt der ganzen<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                        
                        <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Gott ist der Inhalt">Bibel</term>. Aber die Erfahrungen dieser Männer mit Gott sind
                        keineswegs gleichförmig. Ein gewaltiges Bild, das in den verschiedensten
                        Farben leuchtet, ist die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Bild in verschiedensten Farben">Bibel</term>.</p>
                    <p>Was uns die Propheten über Gott sagen, steht uns höher, als was wir in
                        den Erzählungen der Bücher <term type="Sachen" key="Pentateuch">Mosis</term> lesen, höher als die Propheten stehen uns die Männer
                        des neuen <term type="Sachen" key="Bund, neuer">Bundes</term>. Und doch
                        hat dies <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Mittelpunkt Jesus von Nazareth">Bild</term> einen Mittelpunkt. <hi rend="italic">Jesus</hi> von Nazareth ist
                        dieser <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Mittelpunkt, von dem aus die
                        Gedanken und Worte der biblischen <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, biblische Schriftsteller">Schriftsteller</term> Licht empfangen nach rückwärts und vorwärts.
                        Was die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> unsicher
                        und dunkel hofften und ahnten, das haben die <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term> in<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh"> Im Mskr. ursprünglich: «in voller»; mit Bleistift
                                korrigiert.</note>
                         Klarheit geschaut, <hi rend="italic">einen Menschen, in dem die Kraft und die
                            Liebe, die uns fehlt, in voller Reinheit und Vollkommenheit
                            gegenwärtig ist</hi>, in dem sie zugleich den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> in seinem ganzen
                        Ernst und seine grenzenlose Barmherzigkeit<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. ursprünglich: «Liebe und Barmherzigkeit»; mit
                                Bleistift korrigiert.</note>
                        <term type="Sachen" key="Gott, Barmherzigkeit"/> sahen. Und darum
                        ist die Bibel, vor Allem das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>, ein Zeugnis des <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Glaubenszeugnis">Glaubens</term> jener biblischen Männer an den Gott, der ihnen in
                        Jesus <term type="Sachen" key="Gott, offenbar in Jesus Christus">offenbar</term> geworden. Und dies Zeugnis ist mannigfaltig, denn
                        jeder hat in persönlicher Wahrhaftigkeit gerade das aufgeschrieben, was
                        ihm an seinem Glauben das Größte und Wichtigste schien. <persName ref="kbga-actors-2930">
                                <hi rend="italic">Matthäus</hi></persName>
                        schildert uns Jesum als den <pb xml:id="p125" ed="pga"/> erwarteten Messias,
                        der im Gegensatz zu den Gedanken der <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> das <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreich</term> der bessern Gerechtigkeit
                        aufrichtet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.20">Mt. 5,20</ref>]. Bei <persName ref="kbga-actors-313">
                                <hi rend="italic">Paulus</hi></persName> ist <term type="Sachen" key="Jesus Christus, der neue Adam">Christus</term> der neue Adam,
                        in <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> dessen Tod unser alter Mensch gestorben,
                        mit dessen <term type="Sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> Alles neu geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.4">Röm. 6,4</ref>]. <persName ref="kbga-actors-2297">
                                <hi rend="italic">Johannes</hi></persName> preist ihn als den eingebornen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, eingeborner Sohn">Sohn</term> vom
                        Vater voller Gnade und Wahrheit [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], der Verfasser des
                        <hi rend="italic">Hebräer</hi>briefs als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Anfänger und Vollender unseres Glaubens">Anfänger</term> und Vollender unsres Glaubens [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.2">Hebr. 12,2</ref>], als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Hohepriester">Hohepriester</term>, der uns durch sein Blut vor Gott vertritt [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.9.11 Hebr.9.12">Hebr. 9,11f.</ref>].
                            <anchor type="note" xml:id="fn-j"/>Alle diese Gedanken sind Ausdruck der gemeinsamen
                        Gewissheit, der auch wir unser Bestes verdanken: «Ich bete an die Macht
                        der Liebe, die sich in Jesus offenbart»<note xml:id="n03">Beginn des Liedes von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, das nach der
                            Predigt gesungen wurde (s. unten, Lieder).</note>, und doch ist<note type="textcritical" n="j" xml:id="nj" target="fn-j"> Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt. Im Mskr. war der
                                folgende Nebensatz ursprünglich ein eigener Hauptsatz: «Der
                                Glaube an Christus, […], ist bei jedem […]»; im
                                Zusammenhang mit der Ergänzung wurde «ist» dort nachträglich mit
                                Bleistift gestrichen.</note>
                         der Glaube an Christus, den uns diese Männer zeichnen, bei jedem
                        von ihnen etwas Eigenes, Lebendiges, Selbständiges, Abgeschlossenes. Es
                        hat selbst an Gegensätzen unter ihnen nicht gefehlt, wie uns <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>das zweite Kapitel des  <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2">Jakobusbriefes</ref><note type="textcritical" n="k" xml:id="nk" target="fn-k"> Im Mskr. ursprünglich: «der Jakobusbrief»; mit Bleistift
                                korrigiert.</note>
                        zeigt. Aber bei aller
                        Verschiedenheit des Ausdrucks des Glaubens waren sie einig im <term type="Sachen" key="Glaube, der biblischen Schriftsteller">Glauben</term> selbst, will sagen in ihrem Verhältnis zu Gott, das
                        so sehr durch ihr Verhältnis zu dem Menschen Jesus bestimmt war, dass
                        sie in ihm den Herrn selbst sahen. Der <term type="Sachen" key="Glaube, des Neuen Testaments">Glaube</term> des Neuen
                        Testamentes ist <hi rend="italic">Glaube an Christum Jesum</hi>, ein persönliches,
                        eigenes Verhältnis des Menschen zu diesem andern Menschen und durch ihn
                        zu Gott. In diesem Glauben haben die Männer der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> Seligkeit, Kraft, Frieden
                        gefunden.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> III</head>
                    <p rend="noindent">Meine Freunde! Wenn wir einmal eingesehen haben, wie wir
                        die Bibel <term type="Sachen" key="Bibellese">lesen</term> sollen,
                        nämlich mit Verlangen nach Glauben, wenn wir weiter eingesehen haben,
                        was die Bibel ist, nämlich das <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Glaubenszeugnis">Zeugnis</term> vom
                        Glauben der <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> und
                            <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term>, dann sind wir
                        soweit, um zu verste<pb xml:id="p126" ed="pga" break="no"/>hen, zu was uns die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Unterweisung zur Seligkeit">Bibel</term> unterweisen will, nämlich (drittens:) zu einem
                            <hi rend="italic">Glauben wie der der Bibel</hi>, oder der Männer, die in der
                        Bibel zu uns reden.</p>
                    <p>Wir glauben an Christum als den Menschen, der uns zu Gott führt, nicht an
                            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> oder <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, und darum sagen wir:
                            <term type="Sachen" key="Glaube, wie die Bibel – nicht an die Bibel">Glauben</term>
                        <hi rend="italic">wie</hi> die Bibel, nicht <hi rend="italic">an</hi> die Bibel. Aber was
                        uns Paulus und <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und die
                        andern Männer der Bibel über Christus sagen, das ist uns darum wichtig
                        und wertvoll, weil es das erste und ursprünglichste Zeugnis ist von dem
                        Licht, das in die Welt gekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.46">Joh. 12,46</ref>] und nach dessen Glanz auch wir uns
                        sehnen. An ihrem Glauben stärkt sich der unsrige. Aus ihren Gedanken und
                        Worten heraus vernehmen wir das große Erlebnis, das sie mit Gott
                        gemacht, das über <pb ed="A" rend="hidden" n="17"/> allen Gedanken und Worten
                        steht, sie erwecken in uns die Begier, auch so etwas zu erleben, und sie
                        trösten uns, dass Gott es uns schenken wird, wie er es jenen unsern
                        Mitmenschen geschenkt hat.</p>
                    <p>Nicht wahr, nun brauchen wir uns nicht mehr zu grämen, wenn uns so
                        Manches an den biblischen Gedanken gleichgiltig und fremd oder ärgerlich
                        ist? <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Bibelglaube">Bibelglaube</term> ist uns nun nicht mehr ein faules oder
                        unwahrhaftiges Hinnehmen von Dingen, die wir nicht verstehen. Wenn wir
                        die Gedanken der biblischen Männer lesen, dann hören wir hin auf die
                        Stimme ihres <term type="Sachen" key="Glaube, der biblischen Schriftsteller">
                                <hi rend="italic">Glaubens</hi></term>, der sich darin ausspricht, und je
                        vertrauter uns die Welt der Bibel wird, desto zahlreicher gehen uns da
                        und dort Lichter auf, die uns zeigen, wie jener Glaube auch im
                        fremdartigsten Gewande tief und kräftig ist und uns immer etwas zu sagen
                        hat für das Leben unsres eigenen Glaubens. Wir müssen uns nicht mehr
                        abquälen, die Gedanken der Bibel zu den unsrigen zu machen, weil durch
                        den Geist <term type="Sachen" key="Gott, Geist Gottes">Gottes</term>,
                        der in den Männern der Bibel war, ihr <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="18"/> der unsrige geworden ist.</p>
                    <p>Und dieser <hi rend="italic">Glaube unterweist uns zur <term type="Sachen" key="Glaube, unterweist uns zur Seligkeit">Seligkeit</term></hi>. Der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt es von sich an einer seiner
                        herrlichsten Stellen: «Ist jemand in Christo, so ist er eine neue
                        Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden»
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. <anchor type="note" xml:id="fn-l"/>Was ist neu geworden? Dein Leben, du selber <anchor type="note" xml:id="fn-m"/>mit
                        Freud und Leid<note type="textcritical" n="m" xml:id="nm" target="fn-m"> Im Mskr. ursprünglich am Ende des Satzes; mit Hilfe einer
                                Bleistiftkorrektur an diese Stelle gerückt.</note>, mit der ganzen Welt deiner <pb xml:id="p127" ed="pga"/>
                        <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und <term type="Sachen" key="Sorge">Sorge</term>. Denn der Glaube, von dem die Bibel redet,
                        ist offenbar nicht etwas, das über den Wolken schwebt, sondern eine
                            <term type="Sachen" key="Glaube, Lebenskraft">Lebenskraft</term>.
                        Wer will die Veränderung erklären, die sie in einem Menschen bewirkt?
                        Wir haben am Anfang davon geredet, dass unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> nur zu oft aussieht
                        wie ein Zeitungsblatt, dass es nur zu oft eine Sammlung von großen und
                        kleinen Merkwürdigkeiten ist, ein Altertumsmuseum von Dingen, mit denen
                        wir selbst nichts anzufangen wissen, weil wir ihren Gebrauch<note type="textcritical" n="l" xml:id="nl" target="fn-l"> Auf einem eingeklebten Zettel neu geschriebener Text; der ursprüngliche Text ist nicht entzifferbar.</note>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="19"/> nicht kennen.</p>
                    <p> Das innere Leben der Männer der <term type="Sachen" key="Glaube, der biblischen Schriftsteller">Bibel</term> dagegen
                        zeigt sich geleitet von einem <hi rend="italic">Willen</hi>, der die Dinge ordnet,
                        der den Dingen nicht unterworfen ist, sondern der die<note type="textcritical" n="n" xml:id="nn"> Im Mskr. mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         Dinge beherrscht. Und sie bekennen, dass sie diesen Willen nicht
                        aus sich selbst schöpfen, sondern aus Gott.</p>
                    <p> Nun sieh, diese <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term>, diese
                        innere <term type="Sachen" key="Gewissheit">Gewissheit</term>, diese
                            <term type="Sachen" key="Seligkeit"><hi rend="italic">Seligkeit</hi></term>,
                        wie unser Schriftwort sagt, kann auch auf dich <hi rend="italic">übergehen</hi><note type="textcritical" n="o" xml:id="no"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, wenn du es verstehst, an den Zeugnissen des großen<note type="textcritical" n="p" xml:id="np"> Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         Glaubens jener Menschen deinen eigenen kleinen Glauben
                        aufzurichten. Das ist das Große an der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term>, das ist die Seligkeit,
                        zu der sie dich unterweisen will.</p>
                    <p>Jesus hat gesagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.20">Mt. 28,20</ref>] Spürst
                        du auch etwas davon? Dann <hi rend="italic">weißt</hi><note type="textcritical" n="q" xml:id="nq"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                             du die heilige Schrift nicht nur, dann hast du durch
                        sie im <hi rend="italic">Glauben</hi><note type="textcritical" n="r" xml:id="nr"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                            <term type="Sachen" key="Glaube"/> die <hi rend="italic">Seligkeit</hi><note type="textcritical" n="s" xml:id="ns"> Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                            <term type="Sachen" key="Seligkeit"/> gefunden. Und
                        dazu wolle Gott uns Allen helfen.</p>
                    </div> 
                </div> 
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                    </div>
                    
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-157">Nr. 13<note xml:id="n4">Die hier von Barth
                                    angegebenen Liednummern beziehen sich auf:
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2502">
                                    <hi rend="italic">Evangelisches Kirchengesangbuch für den
                                        Konsistorialbezirk Cassel</hi>, Cassel 1889; 1907<hi rend="sup">3</hi>.</bibl>
                            </note>: «Tut mir auf die schöne
                                Pforte» von <persName ref="kbga-actors-5770">B. Schmolck</persName> (GERS 172; RG 160; EG 166).</bibl>
                           <bibl type="song" corresp="kbga-songs-257">Nr. 484: «Ich bete an die Macht der Liebe» von G. Tersteegen
                                (RG 662).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
