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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 13</title>
        <title type="content">Predigt: Jeremia 6,16</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jeremia 6,16, 3. Januar 1909</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53015</idno>
      </publicationStmt>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 13: Predigt: Jeremia 6,16</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">15</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jer 6,16, 3. Januar 1909. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1456">KBA 991</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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      <creation>
        <date type="creation" when="1909-01-03">3. Januar 1909</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-41">
                            <hi rend="italic">Marburg</hi></placeName>, Universitätskirche,  <date when="1909-01-03">Sonntag, den 3. Januar 1909</date><note xml:id="n01">Barth predigte an diesem Tag in Vertretung des Pfarrers
                                 <persName ref="kbga-actors-9157">Martin Julius Schindewolf</persName>
                                (*1845; seit 1879 Pfarrer an der Stadt- und Universitätskirche
                                Marburg), dem er von Professor <persName ref="kbga-actors-1422">Ernst Christian Achelis</persName> empfohlen worden war: «es graut mir nicht
                                wenig davor. Ich sollte da etwas Rechtes sagen können», schrieb
                                er seinem Vater über die Predigt in dieser renommierten Kirche
                                (Brief vom 28.12.1908; <idno type="kba-objects-identifier">KBA 9208.74</idno>).</note>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.6.16">Jeremia 6,16</ref>
                      
                            <quote>
                                Also sprach der Herr: <hi rend="italic">Tretet
                                        an die Wege und sehet und fragt nach den Pfaden, den
                                        Pfaden der Vorzeit! Und seht, was der gute Pfad sei, und
                                        gehet darauf, so findet ihr Ruhe für eure
                                    Seele.</hi>
                                
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Die <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahrstage</term> liegen wieder
                    einmal hinter uns. Wir haben Abschied genommen von einem vergangenen Jahr,
                    und dann sind wir unter den Klängen der <term type="Sachen" key="Silvester">Sylvesterglocken</term> in stiller Einsamkeit oder im frohen Kreise
                    unsrer <term type="Sachen" key="Familie">Familienangehörigen</term> oder
                    Freunde hinübergegangen in ein Neues. Es sind wohl ganz wenig Menschen, die
                    in diesen Tagen nicht wenigstens auf einige Augenblicke erfüllt waren von
                    dem feierlichen Bewusstsein, dass der <term type="Sachen" key="Jahreswechsel">Jahreswechsel</term> uns Menschen noch etwas mehr
                    bedeutet oder bedeuten sollte als <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> die
                    Veränderung einer Jahreszahl auf den ersten Seiten unsrer Briefe und
                    Zeitungen, als die Ersetzung des alten Kalenders an der Wand durch einen
                    neuen. Viele haben dieses feierliche Bewusstsein auf ihre Weise zum Ausdruck
                    gebracht durch Teilnahme an allerlei höher oder auch niedriger stehenden
                        <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügungen</term>. Viele sind
                    tiefer gegangen und haben in stiller Ausschau in <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> und <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, in ernster Reue und mit aufrichtigen
                    Vorsätzen Neujahr gefeiert nach der Art nachdenklicher Menschen. So oder so
                    – wie steht es mit den erlebten <term type="Sachen" key="Stimmungen, Neujahrsstimmung">Neujahrsstimmungen</term> in der
                    Zukunft? <hi rend="italic">Morgen</hi> beginnt für uns alle wieder der <term type="Sachen" key="Werktag">Werktag</term>, mit mehr oder weniger Staub
                    und Verdruss und Langeweile und Mühe. «Nichts ist schwerer zu ertragen als
                    eine Reihe von guten Tagen!»<note xml:id="n02">Deutsches
                        Sprichwort, das schon von Goethe in der folgenden Form zitiert wird:
                        «Alles in der Welt lässt sich ertragen, / Nur nicht eine Reihe von
                        schönen Tagen» (<bibl corresp="kbga-bibls-2516"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Gedichte
                            [Ausgabe letzter Hand. 1827]</hi>, Berliner Ausgabe, Bd. 1,
                        S. 440</bibl>).</note> Wird es uns morgen auch so gehen? Wird uns die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und <pb xml:id="p108" ed="pga"/> das
                        <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> überhaupt doppelt düster
                    und traurig erscheinen in der Erinnerung an die Stimmungen und Vorsätze der
                    Festtage? Wenn das bei uns der Fall ist, dann wollen wir es uns ein Zeichen
                    sein lassen dafür, dass wir überhaupt unser Leben und seine Zwecke noch
                        <hi rend="italic">nicht</hi> verstanden haben, dass wir aber auch noch
                        <hi rend="italic">nicht</hi> verstanden haben, was das <term type="Sachen" key="Neujahr">Neujahr</term> uns sagen wollte, unsre <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term> und <term type="Sachen" key="Gefühle">Gefühle</term> mögen vorgestern so schön und ernst gewesen sein, <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> als sie wollen. Die Abschnitte unsres Lebens,
                    wie wir einen solchen in diesen Tagen erlebt haben, können uns aber etwas
                    Anderes, Besseres sein, wenn wir sie <hi rend="italic">verstehen</hi>. Sie sagen uns,
                    dass <hi rend="italic">die Zeit vergeht</hi>, dass die <term type="Sachen" key="Zeit, und Ewigkeit">Zeit</term> und ihre Leiden und Freuden nicht
                    Alles sind, dass in der Zeit und über der Zeit verborgen eine <hi rend="italic">Welt des
                        Ewigen</hi> steht. Wenn du dich dazu aufraffst, diese Abschnitte
                    aufzusuchen und festzuhalten, dann stellen sie bei dir eine
                        <hi rend="italic">Verbindung</hi> her zwischen jener Welt des Unvergänglichen und
                    deinem jetzigen <term type="Sachen" key="Leben, Alltagsleben">Alltagsleben</term>. Nicht auf den Tag im Kalender kommt es an, sondern
                    darauf, dass du selbst es verstehst, solche Abschnitte in deinem Leben zu
                    machen, und »überall, wo du willst, kannst du einen solchen Augenblick
                        haben«<note xml:id="n03">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-495">
                                <hi rend="italic"> Friedrich Schleiermacher’s Monologen.
                            Kritische Ausgabe</hi>, mit Einleitung, Bibliographie und Index
                        von Fr. M. Schiele (PhB 84), Leipzig 1902, S. 10f.</bibl>: «Der Punkt, der eine
                        Linie durchschneidet, ist nicht ein Theil von ihr: er bezieht sich auf
                        das Unendliche, eben so eigentlich und unmittelbarer, als auf sie, und
                        überall in ihr kannst du einen solchen Punkt sezen. Der Moment, in dem
                        du die Bahn des Lebens theilst und durchschneidest, soll kein Theil des
                        zeitlichen Lebens sein: anders sollst du ihn ansehn, und deiner
                        unmittelbaren Beziehungen mit dem Ewigen und Unendlichen dich bewusst
                        werden; und überall wo du willst, kannst du einen solchen Moment haben»
                        (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2517">Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 12, hrsg. von G. Meckenstock,
                        Berlin / New York 1995, S. <choice>
                                    <sic ed="pga">300</sic>
                                    <corr type="misprint">330</corr>
                                </choice>)</bibl>.</note>.</p>
                <p>Wenn wir den Mut fassen, <hi rend="italic">in unsern Lebensabschnitten Gott zu
                        suchen</hi>, so ist das erste Erfordernis an uns, dass <hi rend="italic">wir
                        selber</hi> das unternehmen. Aus diesem eigenen Suchen wird die
                    Erkenntnis dessen folgen, was uns fehlt, die <hi rend="italic">innere Einheit</hi> des
                        <term type="Sachen" key="Leben, innere Einheit">Lebens</term>, die uns
                    aufschließt für jene ewige <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Welt</term>.
                    Und mit dieser Erkenntnis unsrer Bedürftigkeit bekommen wir vielleicht die
                    Augen für die Spuren auf unserm Le<pb xml:id="p109" ed="pga" break="no"/>bensweg, die uns
                    mit steigender Deutlichkeit hinweisen auf das <hi rend="italic">göttliche <term type="Sachen" key="Leben, göttliches">Leben</term></hi>, das unser
                    Leben umfasst und trägt, auf die <term type="Sachen" key="Ewigkeitskraft">Ewigkeitskraft</term>, die von uns gefordert wird und die uns geschenkt
                    ist.</p>
                <div>
                    <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> I</head>
                    <p rend="noindent">Unser Textwort führt uns in die Zeit nach einem
                        Lebensabschnitt in der Geschichte des Volkes <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>. Unter dem König <persName ref="kbga-actors-2209">Josia</persName> war im <term type="Sachen" key="Jerusalem, Tempel">Tempel</term> eine Schriftrolle gefunden
                        worden, die enthielt ein <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term>
                        über eine neue Art, wie Israel Gott dienen sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.22.8">2.Kön. 22,8</ref>]. Es wurde bald
                        zum Landesgesetz erhoben, und es war recht so, denn es stand viel Gutes
                        darin. Aber nun dachte man weiter: nun ist des Herrn <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> erfüllt für immer. Man hatte ein
                        Recht sich zu freuen, aber man meinte, nun werde auch Israel, das seine
                        Pflicht getan, fortan ruhig und sicher unter Weinstock und Feigenbaum
                        leben dürfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.5.5">1.Kön. 5,5</ref>]. Die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> und die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum, Priester">Priester</term> verkündigten
                        «Friede, Friede» und die Leute ließen es sich gerne sagen. Da ist <persName ref="kbga-actors-208">
                                <hi rend="italic">Jeremia</hi></persName> in ihrer
                        Mitte aufgetreten und hat ihnen gesagt: Eure Ruhe und Sicherheit sind
                        nichts als Schein. Ihr ruft <term type="Sachen" key="Friede">Friede</term>, wo kein Friede ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.6.14">Jer. 6,14</ref>]. Der Schade, der geheilt werden sollte,
                        sitzt tiefer, als dass er durch äußern <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen ein Gesetzbuch geheilt werden
                        könnte. Pflüget euch ein Neues und sät nicht unter die Dornen 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.4.3">Jer. 4,3</ref>]. Und dann hat
                        er ihnen auch einmal das Wort zugerufen: <hi rend="italic">Tretet an die Wege und
                            sehet und fragt nach den Wegen!</hi> Gott will mehr von euch als
                        Gehorsam, nämlich euch <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> selber, euer Herz,
                        euren klaren, bewussten Willen. Wie man an einem Kreuzweg Ausschau hält
                        nach der Richtung der verschiedenen Straßen und Pfade, die von ihm
                        ausgehen, so soll jeder von euch sich die verschiedenen Möglichkeiten
                        offen vorhalten, nach denen er sein Leben einrichten will. Das war etwas
                        Neues in <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>. Neu war,
                        dass <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> sich in dieser
                        Weise an den <hi rend="italic">einzelnen Menschen</hi> im Volke wandte und ihn auf
                        die Notwendigkeit eines persönlichen <term type="Sachen" key="Entscheidung, für oder gegen Gott">Entscheides</term> für oder
                        gegen Gott hinwies. Auch der Größte vor ihm: <persName ref="kbga-actors-2204">Jesajas</persName>, hatte immer das Volk als Ganzes, als
                        das <term type="Sachen" key="Israel (Volk), Bundesvolk">Bundesvolk</term> angeredet und zur Treue gegen seinen Gott
                        ermahnt.</p>
                    <p>Neu war aber auch das, was Jeremia den Israeliten tun hieß: <hi rend="italic">eigene,
                            selbständige Überlegung</hi> über das, was gut ist. Ist’s
                        denn nicht genug, wenn jeder tut, was das <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> ihm befiehlt? Was braucht’s der
                        Überlegung, wo doch Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> im Gesetzbuch klar vorliegt?</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p110" ed="pga"/> Auch für <hi rend="italic">uns</hi><note type="textcritical" n="a1" xml:id="na1"> Im Mskr. doppelt unterstrichen.</note>, wenn wir’s genau mit uns nehmen, ist es eine recht
                        erstaunliche und schwere Sache, in unsern Lebensabschnitten nach Gott zu
                        suchen. Denn wenn man uns von Gott redet, so sind wir nur zu leicht
                        geneigt, gleich an die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>
                        und ans Kirchengehen zu denken. In der Kirche aber fühlen wir uns als
                        Glieder der <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term>, die
                        gemeinsam <term type="Sachen" key="Gebet">betet</term>, singt und an
                        Gott denkt. Wohl geht kein <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> vorüber, ohne dass uns Gelegenheit <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> geboten würde, uns selber die Frage zu
                        stellen: Was muss gerade <hi rend="italic">ich</hi> tun, damit ich selig werde?
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.30">Act. 16,30</ref>] Aber
                        die Gefahr ist doch da, dass uns über der Gemeinsamkeit der Kirche die
                        Einsamkeit vor Gott verloren geht, deren es zu solcher Selbstbesinnung
                        bedarf. –</p>
                    <p>Und das Andre ist noch wichtiger: Zu selbständiger, <hi rend="italic">eigener <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term></hi>
                        fordert uns das Prophetenwort auf. Haben wir’s verstanden? Der
                        andre Fehler, der unser Verhältnis zu Gott oft trübt, besteht doch
                        darin, dass wir selber uns gar nie vor die <term type="Sachen" key="Entscheidung, für oder gegen Gott">Entscheidung</term> für oder
                        gegen Gott stellen, dass wir allerlei Worte und Meinungen andrer
                        Menschen über ihre <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term> mit Gott uns zu eigen machen, ohne selber etwas
                        von solchen Erfahrungen zu kennen, dass wir dies und jenes, was uns von
                        andern Menschen als Wille Gottes bezeichnet wird, tun, ohne uns die Mühe
                        zu nehmen, uns selber nach Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willen</term> zu fragen. Nicht nur in der katholischen <term type="Sachen" key="Kirche, katholische">Kirche</term> gibt es solche
                        unselbständigen <term type="Sachen" key="Christen, unselbständige">Christen</term>. Ich glaube vielmehr: gerade wer selbständig und
                        aufrichtig ist in seinem Verhältnis zu Gott, wird immer aufs Neue die
                        Entdeckung machen, wie sehr sein <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Wille">Wollen</term> unreif, d. h. aber ein übernommenes Glauben und
                        Wollen Andrer ist.</p>
                    <p> Wenn uns der <persName ref="kbga-actors-208">Prophet</persName> an die
                        Wege treten heißt, so wollen wir also vor Allem darauf achten, dass wir
                        das ein jeder für sich tun, dass wir lernen, an unsre eigenen Wege zu
                        treten <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> oder in unserm eigenen Leben nach
                        jenen Abschnitten zu suchen. Und an unsern eigenen Wegen wollen wir
                        lernen, selber zu sehen, was unser Pfad sei, was uns diese Abschnitte zu
                        sagen haben, statt dass wir das von Andern für uns tun lassen. Denn in
                        unserm eigenen persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term> will Gott sich von uns suchen
                        lassen, nicht von Andern, sondern von uns selbst.</p>
                </div>
                <div>
                    <pb xml:id="p111" ed="pga"/>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">Wer an einem Kreuzweg steht, für den ist die Frage
                        selbstverständlich, wohin die verschiedenen Straßen, die sich da
                        kreuzen, führen. Wenn er sich klar darüber ist, weiß er auch von
                        vornherein, dass einige dieser Straßen für ihn sicher nicht in Betracht
                        kommen, weil sie ihn unmöglich zu dem gewünschten Ziel bringen.</p>
                    <p> Das gewünschte Ziel der <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israeliten</term>, die <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> damals an den Kreuzweg treten hieß, war <hi rend="italic">«die
                            Ruhe der <term type="Sachen" key="Seele">Seele»</term></hi>, wie
                        der Schluss unsres Verses zeigt. Wir dürfen dabei nicht gleich an
                        «geistliche Zufriedenheit» oder dergleichen denken. Was der Israelit
                        sich wünschte, war Ruhe und Sicherheit des Gemüts vor den Gefahren und
                        Sorgen des äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Lebens</term>. Eben das nannte er «sicher wohnen unter Weinstock und
                        Feigenbaum» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.5.5">1.Kön. 5,5</ref>]. Es gibt unzweifelhaft höhere Ziele als dieses, aber
                        wenn <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> wir unser eigenes Streben nüchtern und
                        aufrichtig verstehen und beurteilen, so bemerken wir, dass es sich bei
                        uns zunächst ganz ähnlich verhält: Jeder Mensch möchte glücklich werden,
                        d. h. inmitten und durch seine <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> des Alltags etwas finden, das <hi rend="italic">seinem Leben Wert
                            und Bestand gibt</hi>. Ein Abschnitt unsres Lebens, wie das Ende
                        eines alten Jahres oder der Beginn eines <term type="Sachen" key="Jahreswechsel">neuen</term>, gibt uns Gelegenheit, uns zu
                        vergewissern, ob die Fortsetzung unsres bisherigen Weges wirklich diesem
                        Ziel zuführt. Und wir können uns dessen vergewissern, indem wir auf die
                            <hi rend="italic">Wegmarken</hi> unsres Lebenspfades im vergangenen Jahr
                        achten.</p>
                    <p>Jeder von uns erinnere sich an die Ereignisse dieses Jahres, die in
                        seinem Gedächtnis am deutlichsten haften geblieben sind, gleichviel
                        welcher Art sie sind. Wer sich an Zeiten der <term type="Sachen" key="Trauer">
                                <hi rend="italic">Trauer</hi></term> oder des Zornes erinnert,
                        der stelle sich noch einmal vor Augen, über was er getrauert oder
                        gezürnt hat. Hat dich wirkliches Unglück gekränkt, oder stammte das Leid
                        jener Tage zum großen, vielleicht zum ganzen Teil aus deiner eigenen
                        Art, die Ereignisse aufzunehmen – oder haben am Ende deine
                        eigenen Gedanken und Taten diese Ereignisse verschuldet? Wer sich an
                        Tage der <term type="Sachen" key="Freude">
                                <hi rend="italic">Freude</hi></term>
                        erinnert, der mag sich fragen, ob seine Freude wirkliche Freude war, ob
                        er auch jetzt ohne Reue <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> mit Freude daran
                        zurückzudenken vermag, oder ob die Freude nur Schein war und in
                        Wirklichkeit mit jenem Ziel eines Lebens inwendiger Sicherheit gar
                        nichts zu tun hatte. Und wer des vergangenen Jahres nur <pb xml:id="p112" ed="pga"/> als eines grauen Wechsels von viel Arbeit und wenig
                        Erholung zu gedenken vermag, der für ihn auf immer vergangen und <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">
                                <hi rend="italic">gleichgiltig</hi></term> bleibt, der soll sich überlegen,
                        woher diese Gleichgiltigkeit kommt, ob ihm das, was er erlebt hat,
                        wirklich gar nichts zu sagen gehabt hätte, ob dieses Jahr ihm wirklich
                        so inhaltlos geblieben wäre, wenn er selbst nach einem Inhalt gesucht
                        hätte. – Bei den Meisten von uns wird es wohl so sein, dass <term type="Sachen" key="Trauer">Trauer</term> und <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> miteinander sich
                        teilen in der Erinnerung, und es wird auch Keiner sein, der sich nicht
                        einen jener Vorwürfe machen muss.</p>
                    <p>Und je mehr wir uns sagen müssen: da und dort hätte ich ganz anders
                        denken und handeln müssen, desto mehr entdecken wir, dass unsre Fehler
                        und ihre Folgen nichts Zufälliges waren, dass sie alle dieselbe Wurzel
                        haben, dass wir also noch gar nicht auf dem rechten Wege sind. Wir
                        wollten wohl gerne glücklich und ruhig werden, aber wir konnten es
                        nicht; Freude und Schmerz in unserm Leben löschten sich so gleichmäßig
                        aus, so dass nichts übrig blieb, das uns hätte inwendig bereichern
                        können gegenüber dem <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Strom der
                        gleichgiltigen Dinge, der dazwischen floss. Es fehlte der ruhende Pol in
                        der Erscheinungen Flucht.<note xml:id="n04">Vgl. aus dem
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1708">Gedicht «Der Spaziergang» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1795;
                            Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>,
                            S. 228–234, dort S. 232)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                            <l>Aber im stillen Gemach entwirft bedeutende Zirkel</l> 
                            <l>Sinnend der Weise, beschleicht forschend den schaffenden Geist,</l>
                            <l>Prüft der Stoffe Gewalt, der Magnete Hassen und Lieben,</l>
                            <l>Folgt durch die Lüfte dem Klang, folgt durch den Äther dem Strahl,</l>
                            <l>Sucht das vertraute Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern,</l>
                            <l>Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note>
                        </p>
                    <p>Wenn wir uns das eingestehen, dann ist es auch sofort klar, warum unser
                        Weg nicht zum Ziele führen konnte. Wir haben wohl einzelne frohe oder
                        traurige oder gleichgiltige Dinge erlebt, aber unser ganzes Leben war
                        kein zusammenhängendes Ereignis für uns, aus dem wir etwas machen
                        könnten. Wir <term type="Sachen" key="Trauer">trauerten</term> über
                        einzelne Momente, die uns betrübten, wir freuten uns über Einzelnes,
                        aber wir vermochten nicht, das Einzelne zu einem Ganzen zu gestalten.
                        Wir suchten und fanden die <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und den Schmerz in den Ereignissen, die wir da und
                        dort über uns ergehen ließen, statt in etwas, das wir selbst mit klarem
                        Willen an die Ereignisse heranbrachten. <hi rend="italic">Heranbrachten</hi>
                        – das ist es! <pb xml:id="p113" ed="pga"/> Solange wir uns den
                        Ereignissen unsres äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Lebens</term> auf Gnade oder Ungnade ausliefern, solange haben sie
                        uns auch nichts zu bieten, solange werden wir vergeblich auch nur nach äußerlicher<note type="textcritical" n="a2" xml:id="na2"> Im Mskr. infolge einer Beschädigung schwer zu entziffern.
                                – Vom Beginn des Absatzes bis hier ist der Text auf einem
                                aufgeklebtem Zettel erneut geschrieben. Der teils unter dem Rand
                                hervorquellende Klebstoff führte zu dieser und den
                                Beschädigungen des Textes auf der nächsten Seite.</note>
                         Ruhe und Sicherheit inmitten dieser Ereignisse suchen. Nun seht,
                        wenn wir im Blick auf die <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> uns sagen müssen, dass wir das Glück nicht
                        gefunden haben, weil es uns an der innern Einheit mangelte, dann wissen
                        wir für die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, welchen
                        Weg wir <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                        <hi rend="italic">nicht</hi> gehen müssen, und wir ahnen es, welchen wir gehen
                            <hi rend="italic">sollten</hi>. Wir verloren uns im <hi rend="italic">Einzelnen</hi>,
                        statt nach einem [<hi rend="italic">Ganzen</hi>, oder sagen]<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Das Mskr. ist an der Stelle der von den Hrsg. ergänzten Worte
                                infolge einer Beschädigung weitestgehend unleserlich.</note>
                         wir es gleich, nach einem <hi rend="italic">Ewigen</hi>, zu suchen, das
                        nicht <hi rend="italic">außer</hi> uns liegt, sondern <hi rend="italic">in</hi> uns.</p>
                    <p>Meine Freunde! Der Augenblick, wo wir zu dieser Erkenntnis kommen, ist
                        das <hi rend="italic">Ende</hi> eines alten Abschnittes in unserm Leben. Wird er
                        der <hi rend="italic">Beginn</hi> eines neuen sein?</p>
                </div>
                <div>
                    <head>III</head>
                    <p rend="noindent">Blicke nun noch einmal auf das vergangene Jahr zurück und
                        sieh zu, ob die mannigfach verschlungenen Pfade nicht <hi rend="italic">noch andere
                            Wegmarken</hi> enthalten, die dich in eine ganz andre Richtung
                        weisen. Kannst du dich nicht neben<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                                «bei».</note>
                         allerlei <term type="Sachen" key="Trauer">Trauer</term> oder
                            <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, die dich hinterher
                        kalt lässt, an Momente erinnern, in denen du von dem lebhaften <term type="Sachen" key="Gefühle">Gefühl</term> erfüllt warst: das Leben
                        hat doch einen wirklichen Wert, es gibt doch [etwas, das]<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Das Mskr. ist an der Stelle der von den Hrsg. ergänzten Worte
                                infolge einer Beschädigung weitestgehend unleserlich.</note>
                         mein Tun und Lassen zusammenhält, ich bin für etwas da auf dieser
                        Welt? Solche <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term>
                        gingen vielleicht wieder unter in dir, und du denkst nur wehmütig daran
                        zurück. Halte sie fest! Das sind mehr als Stimmungen, wenn du wirklich
                        im tiefsten Innern etwas Derartiges erlebt hast.</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p114" ed="pga"/>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Waren es nicht die Augenblicke, in denen du
                            <hi rend="italic">selber</hi> das Steuer deines Lebensschiffleins in Händen zu
                        haben glaubtest, statt von den Wellen freudiger oder trauriger
                        Ereignisse hin- und hergeworfen zu werden, also Augenblicke, in welchen
                        dir jene geahnte und doch vermisste innere Einheit Wirklichkeit wurde?
                        Und – merkwürdig! – waren es nicht dieselben Augenblicke,
                        in denen du dich unwiderstehlich erfasst fühltest von etwas Höherem, dem
                        du <term type="Sachen" key="Gehorsam">
                                <hi rend="italic">gehorchen</hi></term> und
                        dem du <term type="Sachen" key="Vertrauen">
                                <hi rend="italic">Vertrauen</hi></term>
                        schenken musstest? Und wenn du dich auf den Inhalt solcher Erlebnisse
                        besinnst, waren es wohl Augenblicke, in denen du dann im Tiefsten
                        überzeugt warst, dass nicht die Frage nach dem <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>, sondern innere <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, das Wichtigste im Leben">Gerechtigkeit</term>
                        und <term type="Sachen" key="Liebe, das Wichtigste im Leben">Liebe</term> das Erste und Wichtigste im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> sind? Vielleicht bist du einem Menschen
                        begegnet, dessen Denken und Handeln dich wenigstens vorübergehend davon
                        überzeugten. Vielleicht ist es dir an allerlei Ereignissen deines Lebens
                        oder des Lebens der Andern klar geworden, dass <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, alles umfassende Macht">Gerechtigkeit</term> und
                            <term type="Sachen" key="Liebe, alles umfassende Macht">Liebe</term>
                        nicht eine schöne innere Täuschung sind, sondern die <hi rend="italic">Macht</hi>,
                        die im tiefsten Grunde alles Geschehen umfasst. Vielleicht hast du in
                        stiller Betrachtung der <term type="Sachen" key="Natur">Naturwelt</term>
                        – ihrer Wunder, ihrer Rätsel und ihrer Schrecken – etwas
                        davon erfasst, dass es eine <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term> gibt, die wir nicht zu durch<pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>schauen vermögen und die doch da ist, die nicht aus den
                        Dingen stammt, sondern über den Dingen steht – und der vor Allem
                        du selber gänzlich unterworfen bist. Sieh, solche Erlebnisse sind
                        Wegmarken für den <hi rend="italic">Weg deiner <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term></hi>. Wenn du sie mit jenen andern
                        vergleichst, von denen wir sprachen, dann kann es nicht zweifelhaft
                        sein: das wäre der Weg, den ich eigentlich gehen sollte, denn aus jenen
                        Erfahrungen weiß ich, dass er zu dem Ziel führt eines
                            <hi rend="italic">ganzen</hi>
                        <term type="Sachen" key="Leben, innerer Einheit">Lebens</term> innerer
                            <hi rend="italic">Einheit</hi>, das ich ahne und doch nicht erreichen
                        kann.</p>
                    <p>
                            <hi rend="italic">Seht, was der gute Weg sei, und gehet darauf!</hi> In jenen
                        Erlebnissen klopft die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>, klopft Gott selbst an unsre Pforte [vgl. 
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>]. Wenn wir sie
                        uns klar vor Augen stellen, sind wir auch unmittelbar davon überzeugt,
                        dass das der einzige gute Pfad sei.</p>
                    <p>
                            <hi rend="italic">Gehet darauf!</hi> Ein inhaltreiches, schweres Wort, denn es
                        verlangt übermenschlich Großes von uns. Es ist eine alte und immer
                        wieder neue Wahrheit, wie verschiedene Dinge <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> und
                            <hi rend="italic">Tun</hi> des <term type="Sachen" key="Gutes / ^@+ das Gute, Erkenntnis und Tun des G.">Guten</term>
                        sind. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die glaubten, sie könnten
                        die Welt des Ewigen, von der sie in einzelnen Augenblicken blitzartig
                        etwas geschaut, festhalten durch Gedanken über die Ewig<pb xml:id="p115" ed="pga" break="no"/>keit, durch eine von der <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>
                        Außenwelt abgekehrte innere Anschauung des hohen Gegenstandes. Und doch
                        führt uns das nicht weiter. Denn wer wirklich in <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> die Spuren der <term type="Sachen" key="Ewigkeit, Spuren der E. im Leben">Ewigkeit</term> in seinem
                        Leben entdeckt hat, der weiß auch, dass sie nur entstehen und bestehen
                        können in der Welt der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>,
                        im Verkehr mit den Menschen. <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>In dieser Welt aber gibt es unendliche <hi rend="italic">Hindernisse</hi>
                        für den, der die <term type="Sachen" key="Ewigkeitskraft">Ewigkeit</term> als Kraft und nicht nur als innere Anschauung in
                        sich tragen möchte. Denn wenn wir uns nach der Aufforderung des <persName ref="kbga-actors-208">Propheten</persName> vornehmen, auf dem
                        guten Pfad zu gehen, wenn wir Gerechtigkeit und Liebe nicht nur
                        anschauen und bewundern, sondern selbst betätigen wollen, wenn wir unser
                        eigenes Tun und Denken ins Licht der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> stellen wollen, dann erfahren wir’s immer
                        wieder, dass das Wollen da ist, das Vollbringen des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> aber nicht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18 Röm.7.19">Röm. 7,18f.</ref>]. Etwas von der
                        innern Not des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Römer 7,
                        die <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> in
                        den Konfessionen beschreibt,<note xml:id="n05">Vgl. etwa 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1312">
                                    <persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi> II,1 (CChr.SL 27,
                            S. 18,3–9)</bibl>: «Amore amoris tui facio istud, recolens vias meas
                            nequissimas in amaritudine recogitationis meae […]. Exarsi
                            enim aliquando satiari inferis in adolescentia […] et
                            contabuit species mea, et computrui coram oculis tuis»; dt.: «Liebe
                            zu deiner Liebe ist es, die mich noch einmal die schändlichen Wege
                            durchwandern läßt im Geiste mit der Bitterkeit der neu auflebenden
                            Erinnerung […]. Da ich ein Jüngling war, flammte auch in mir
                            die Begierde, […]. Und mein Leib verzehrte sich und ich
                            verfiel vor deinen Augen» (Übersetzung nach: <bibl corresp="kbga-bibls-2519">O. F. Lachmann,
                                <hi rend="italic">Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus</hi>, Leipzig
                            1888</bibl>).</note> die <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im Kloster erlebt hat,<note xml:id="n06">Vgl. z. B. aus Luthers Rückblick auf die Zeit seines Mönchtums, in:
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1973">
                                    <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                                <hi rend="italic">Von der heiligen Taufe Predigten</hi> (1534), WA
                            37,661,20–30</bibl>: «Denn ich bin selbs funffzehen jar ein Mönch
                            gewest, on was ich zuvor gelebt habe, und vleissig alle jre bücher
                            gelesen und alles gethan, was ich kunde, noch hab ich mich nie
                            können ein mal meiner Tauffe trösten, Sondern jmer gedacht: O wenn
                            wiltu ein mal from werden und gnug thun, das du einen gnedigen Gott
                            kriegest? und bin durch solche gedancken zur Möncherey getrieben und
                            mich zu martert und zu plagt mit fasten, frieren und strengem leben,
                            Und doch nichts mehr damit ausgericht, […].»</note> etwas von
                        dieser Not erfährt jeder Mensch, der sein Leben unter jenes
                        einheitliche, dauernde Licht der ewigen <term type="Sachen" key="Welt, ewige">Welt</term>, das da und dort in ihm aufgeleuchtet,
                        stellen möchte. Und wenn wir dann so wollen und <pb xml:id="p116" ed="pga"/>
                        nicht können, dann erscheint uns die Aufforderung des Propheten: Sehet,
                        was der gute Pfad sei, und gehet darauf! wie eine Grausamkeit. Etwas von
                        jenem Trotz möchte<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Auf einem aufgeklebtem Zettel erneut geschriebener Text; der
                            ursprüngliche Text ist nicht mehr entzifferbar.</note> <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> uns ergreifen:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Ihr führt ins Leben uns hinein,</l>
                                <l>Ihr lasst den Armen schuldig werden.</l>
                                <l>Dann überlasst ihr ihn der Pein;</l>
                                <l>Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.<note xml:id="n07">Zweite Strophe des Gedichtes «Harfenspieler»
                                        [III] von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                        (ders., <hi rend="italic">Gedichte</hi> [Anm. 2], S. 355f., dort
                                        S. 356; ders., Wilhelm Meisters Lehrjahre, zweites Buch, dreizehntes Kapitel).</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Aber nun redet der Prophet in unserm Vers noch von etwas
                        Anderem, nämlich von den Pfaden der <hi rend="italic">Vorzeit</hi>, nach denen wir
                        auch fragen sollen. Er dachte an die <hi rend="italic">Geschichte</hi> des <term type="Sachen" key="Israel (Volk), Geschichte">Volkes</term>, zu dem
                        er redete, in der sich der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> geoffenbart durch mächtige Taten.
                        Und er hat recht: für den, der Augen hat, ist die <term type="Sachen" key="Geschichte, Gericht">Weltgeschichte</term> das Weltgericht<note xml:id="n08">Vgl. die <bibl corresp="kbga-bibls-1343">vorletzte Strophe des Gedichtes
                            «Resignation» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1786;
                            Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>,
                            S. 130–133, dort S. 132f.)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg> 
                            <l>[…]</l>
                            <l>«Zwei Blumen», rief er, «– hört es, Menschenkinder –</l>
                            <l>Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,</l>
                            <l>Sie heißen Hoffnung und Genuß.</l>
                            <lb/>
                            <l>Wer dieser Blumen eine brach, begehre</l>
                            <l>Die andre Schwester nicht.</l>
                            <l>Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre</l>
                            <l>Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.</l>
                            <l>Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.»</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> und
                        er vermag ihren Entscheidungen <term type="Sachen" key="Lehre, für den Lebensweg">
                                <hi rend="italic">Lehren</hi></term> zu
                        entnehmen, die ihn in der Wahl seines eigenen Weges mitbestimmen werden.
                        Aber eben nur Lehren, und was soll dem alle Belehrung, der mitten
                        drinsteckt im Wollen und doch Nicht-Können des Guten? Nicht guter Rat
                        ist hier teuer, nicht die <term type="Sachen" key="Lehre, der Vergangenheit">Lehre</term> der Vergangenheit,
                        sondern <hi rend="italic">Kraft der <term type="Sachen" key="Gegenwartskraft">Gegenwart</term></hi>.</p>
                    <p>Nun glauben wir Christen aus der Vorzeit das Leben eines Menschen zu
                        kennen, das uns mehr ist als eine Lehre der Vergangenheit. Den
                        Morgenglanz der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>, das
                        Licht vom unerschaffnen [Lichte]<anchor type="note" xml:id="fn-f"/>,<note xml:id="n09">Vgl. den Beginn des im Gottesdienst
                            zuvor gesungenen gleichnamigen Liedes (s. unten, Lieder).</note> das
                        wir nur in einzelnen Augenblicken ahnten, [sehen]<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f">Das Mskr. ist an der Stelle des von den Hrsg. ergänzten
                            Wortes infolge einer Beschädigung jeweils weitestgehend
                            unleserlich. Es handelt sich auch hier um eine Beschädigung, die
                            verursacht wurde von dem unter der aufgeklebten Seite (s. oben,
                            <ref type="pub" target="#fn_ne">Anm. e-e</ref>) hervorquellenden Klebstoff.</note> wir
                            <pb xml:id="p117" ed="pga"/> als ein ununterbrochenes starkes Leuchten in
                        der Person <hi rend="italic">Jesu von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term></hi>.
                        Und dieses ewige <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Licht, dessen Kommen in
                        die Welt wir an <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachten</term>
                        gefeiert, ist für uns nichts Gewesenes, dieses Menschenleben hat kein
                        Ende genommen, sondern sich fortgepflanzt und immer wieder erneuert im
                        Reich der Geister, die Gott als ihren <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> anrufen im Aufblick zu diesem
                        Menschen, in dem er die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Kraft</term> und den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Friede">Frieden</term> auf die Erde gesandt
                        hat.</p>
                    <p> Wenn dieses Reich auch zu dir kommt, dann wird aus der <term type="Sachen" key="Hoffnungslosigkeit">Hoffnungslosigkeit</term>
                        deines Wollens die <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnung</term>
                        des Könnens. Wenn jenes Menschenleben auch dir etwas Wirkliches wird,
                        dann ist ein Wendepunkt und ein Abschnitt gemacht in deinem Leben. Viele
                        haben es bezeugt, dass hier das Alte vergangen, Alles neu geworden sei
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>].
                        Und dieser Abschnitt wird dann nicht etwas Vorübergehendes sein gleich
                        schönen vergangenen Festtagen, du wirst das ewige Licht, das du
                        empfangen, mit hineinnehmen in das Leben der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, und dieses Leben wird dir fortan etwas
                        zu sagen haben.</p>
                    <p>Das Empfangen steht nicht in unsrer Hand, aber Gott gibt den aufrichtig
                        Wollenden die Augen, um dies ewige Licht zu sehen und in sich
                        aufzunehmen.</p>
                    <p>Tretet hin an die Wege und sehet!</p>
                    <p>Jesus aber sagt uns: <hi rend="italic">Ich</hi> bin der Weg [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>].</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Nr. 330<note xml:id="n10">Die hier von Barth
                                    angegebenen Liednummern beziehen sich auf:
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2502">
                                        <hi rend="italic">Evangelisches Kirchengesangbuch für den
                                        Konsistorialbezirk Cassel</hi>, Cassel 1889; 1907</bibl><hi rend="sup">3</hi>.</note>: «Morgenglanz der Ewigkeit»
                                von <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName>, Strophe 1–3 (GERS 43; RG
                                572; EG 450).</bibl>
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-220">Nr. 242: «Such, wer da will» von G. Weißel, Strophe
                                1–3; nachher 4–5 (GERS 224; RG 276; EG
                                346).</bibl>
                        </listBibl>
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