Predigt Nr. 12 · 25. Dezember 1908

Predigt: Lukas 2,15 (Weihnachten)

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Lukas 2,15
Lasst uns nun hingehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.
Meine lieben Freunde!

«O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!»2 Nicht wahr, wir Alle haben heute, jeder an seinem Teil, etwas hiehergebracht von dem innerlichen herzlichen Glanze, wie ihn nur diese Weihnachtszeit unter den Menschen verbreitet. Wir Alle, wenn auch jeder auf seine a-eigene Art-a. Dem Einen sieht man’s schon von weitem an, dass heute kein Tag ist wie andre – da sind vor allem die Kinder, deren Festtag die Weihnacht mit Tannenbaum und Lichterglanz und kleinen und großen Geschenken ja in besonderer Weiseb ist – aber zum Glück auch Viele von den Erwachsenen, die es nicht verlernt haben, an diesem Tage jung zu werden in der Erinnerung an ihre |98 eigene Jugend. Andere machen vielleicht ein Gesicht wie alle Tage, und auch ihre Gespräche scheinen recht alltäglich und unweihnachtlich. Aber wer weiß, ob es in ihrem tiefsten Inwendigen auch so aussieht? Ich glaube, es ist gar Keiner unter uns, der heute nicht wenigstens mit einem freundlicheren Herzen hieher gekommen ist, mag er sonst noch so traurig oder griesgrämig sein.

Also von der Weihnachtsfreude, die wir Alle heute irgendwie in uns tragen, wollen wir reden. Aber wenn wir nachdenkliche Leute sind, dann lassen wir’s doch nicht bei solchen allgemeinen schönen Stimmungen bewenden. Wir wollen vor Allem das Eine festhalten: Wenn wir heute fröhlich sind, so muss unsre Freude wirkliche Freude sein, wir Alle wollen etwas von dieser Freude selber empfinden, denn damit, dass wir den Tannenbaum schmücken, weil heute der 25. Dezember ist, ist noch lange nicht gesagt, dass wir uns auch wirklich über Weihnachten freuen. Unsre Freude darf nicht auf der Oberfläche bleiben, sie muss unser tiefstes innerstes Wesen erfassen. Und dann: eine rechte Freude darf nicht ausgelöscht sein, wenn der Tag der Freude vorüber ist im Kalender. Die rechte Freude ist immer dauernde Freude.

Nun seht, dazu sind wir heute zusammengekommen, um die Weihnachtsfreude, die wir Alle in stärkerem oder schwächerem Maß in unsern Herzen mitgebracht, durch die gemeinsame Betrachtung dessen, was uns an Weihnachten geschenkt ist, zu vertiefen und zu einer Freude zu gestalten, die wirklich ist und die bleibt, auch wenn Weihnachten längst vorüber ist.

I

Lasst uns nun hingehen nach Bethlehem ! Das war der erste Gedanke, der den Hirten auf dem Felde, von denen uns das Weihnachtsevangelium erzählt, durch den Kopf ging, nachdem sie die Botschaft des Engels und den Lobpreis der himmlischen Heerscharen vernommen. Eine große Freude war ihnen verheißen: Der Heiland ist geboren, der sehnlichst erwartete Helfer und Herr. Lasst uns hingehen gen Bethlehem! Die Hirten taten wohl daran, es war nicht Neugier, die sie trieb, sondern das Verlangen, das Große, das ihnen gesagt war, in Wirklichkeit, mit ihren Augen zu sehen. Denn nicht wahr, es geht uns auch so: Etwas Großes und Schönes, von dem man uns erzählt, kön|99nen wir erst dann auch groß und schön finden, wenn wir es selbst gesehen haben. In dem Lande, in dem ich zu Hause bin, gibt es Berge, die so hoch sind, dass der Schnee darauf auch im höchsten Sommer nie schmilzt. Ihr Anblick ist etwas vom Schönsten, was es gibt, und alle Jahre kommen unzählige Menschen von fern und nah dahin, nur um diese Berge zu sehen. Warum bleiben sie denn nicht zu Hause und lassen sich davon erzählen oder sehen Bilder davon an? Weil Erzählungen und Bilder davon ihnen nie den Anblick der Berge selber ersetzen könnten. Es gibt größere und wichtigere Dinge als solche Schneeberge, aber das bleibt sich doch gleich, wenn uns etwas groß und wichtig sein soll, muss es vor uns selber in Wirklichkeit dastehen. Die Erzählung davon kann uns nur ein Ansporn sein, es aufzusuchen. So empfanden es die Hirten auf dem Feld, als sie sich mit der Botschaft nicht begnügten, sondern selber sehen wollten, was ihnen verheißen war.

Liebe Freunde! Wir Alle haben heute diese Botschaft wieder gehört: Siehe, ich verkündige euch große Freude! Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr! [Lk. 2,10f.] Wir kennen die Worte alle von Kindesbeinen an, und sie klingen uns freundlich und vertraut in den Ohren. Für viele Leute ist es der Höhepunkt ihrer Weihnachtsfeier, dies alte Evangelium zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und darüber zu sinnen. Wir Alle freuen uns doch über die Botschaft, die wir an Weihnachten vernehmen, der mehr, der weniger. Aber haben wir denn schon getan, was die Hirten dort taten? Lasset uns hingehen gen Bethlehem? Wenn wir’s nicht getan haben, dann fehlt unsrer Weihnachtsfeier doch die Hauptsache. Was hilft uns die Engelbotschaft, wenn wir uns nicht selber aufmachen, zu sehen, was diese Botschaft verkündigt? Ist uns der Weg zu schwer, oder haben wir am Ende die Botschaft gar nicht verstanden?! Sieh, vielleicht denkst du jetzt: jene Hirten hatten es wohl einfach, hinzugehen und selber zu sehen. Würde mir verkündigt, in Ziegenhain oder in Treysa3 ist der Heiland geboren, ich wollte auch gehen, ihn zu schauen. Aber was soll mir Bethlehem? Seit Christi Geburt ist es lange her, und das heilige Land ist so weit weg. Wenn du so redest, dann hast |100 du die Botschaft des Weihnachtstages noch nicht verstanden. Nicht in längst vergangenen Zeiten und nicht in fernen Ländern müssen wir unser Bethlehem suchen, auf das uns jene Botschaft hinweist. In unserm eigenen Leben müssen wir es entdecken. Das Vergangene muss uns gegenwärtig werden, wenn unsre Weihnachtsfreude in die Tiefe gehen soll.

Aber bevor wir uns auf den Weg nach Bethlehem machen, müssen wir wie die Hirten davon überzeugt sein, dass wir das Große und Schöne, das uns die Botschaft verheißt, auch nötig haben. Die Hirten sehnten sich mit dem ganzen Volke Israel nach dem Gesalbten des Herrn, der sein Volk aus der Not befreien sollte. Die Not, das ist es! Solange wir glauben, unsre eigenen Wünsche und Gedanken könnten uns glücklich machen, solange können wir gar nicht verstehen, warum wir uns auf den Weg nach Bethlehem machen sollten. Unsre eigenen Wünsche und Gedanken! Sollen wir denn keine solchen haben? So ist’s nicht gemeint! Jeder von uns hat in seinem täglichen Leben von Gott ganz bestimmte Aufgaben und Ziele erhalten, und er soll an ihnen arbeiten aus aller Kraft. Für die Meisten unter uns besteht diese Aufgabe darin, Haus und Hof als rechtschaffene Haushalter zu verwalten und so den Ihrigen Brot und Leben zu schaffen. Das ist eine große und schöne Aufgabe, aber wie schwer ist sie, wenn man sie ernst nimmt! Das Schöne und das Schwere dieses Standes besteht doch darin, dass die Arbeit der Menschen dabei eine Gemeinschaft und Gemeinsamkeit Aller erfordert, wie sonst in keinem andren Stand. Vater und Mutter, Söhne und Töchter, Knechte und Mägde, alle sind gleichsam nur Glieder eines Leibes [vgl. 1.Kor. 12,12], die nur in verschiedener Weise rastlos dasselbe Ziel zu fördern haben. Aber wie schwer ist diese Gemeinschaft zu halten und immer zu erneuern, wenn man sie ernst nimmt. Denn wer diese Gemeinschaft des Denkens und Arbeitens, wie sie dieser Stand schon äußerlich mit sich bringt, ernst nimmt, der wird auch einsehen, dass es dabei mit einer äußerlichen Eintracht nicht getan ist, wenn sie nicht getragen ist von einer inwendigen Gerechtigkeit und Liebe; und wenn er tiefer eindringt, wird er erkennen, dass diese Gerechtigkeit und Liebe wie das einzig unfehlbare Mittel so das einzige wahre Ziel seiner Arbeit sein müsste. Aber wieviel steht dem entgegen! Selbstsucht, Lieblosigkeit, Stumpfsinn bei den Andern und vor Allem bei uns selbst, dazu viel|101leicht äußeres Missgeschick scheinen sich dem ernsten Menschen wie unüberwindliche Hindernisse aufzutürmen. Was dann tun? Die Aufgabe im Stich lassen? Nein, solche Hindernisse auf unserm Weg zu dem, was wir für gut erkannt, weisen uns vielmehr darauf hin, dass wir die Aufgabe vielleicht noch gar nicht in ihrer Tiefe erfasst haben. Je gründlicher wir es mit uns nehmen, desto mehr entdecken wir, wie sehr der Fehler vielfach an uns lag, wie sehr wir uns selber innerlich anders zur Sache stellen sollten. Aber wie können wir das tun? Können wir aus unsrer eigenen Haut schlüpfen? Seht, es sind gerade die ernsten Leute, die über ihrem eigenen Unvermögen, zu tun, was sie für gut und recht halten, unmutig und verzagt werden. Wie oft sind so Menschen, die mit dem besten Willen an ihre Aufgabe gegangen waren, zum Rande der Verzweiflung gelangt, wie Vielen auf der weiten Erde geht es vielleicht gerade in diesen Tagen so, und die Weihnachtsfreude der Andern scheint ihnen dann wie grausamer Hohn – denn was soll dem die Weihnacht, der innerlich den Mut und die Freudigkeit zum Leben verlernt hat? Meine Freunde! Es braucht nicht gerade so weit mit uns gekommen zu sein, aber etwas von dieser Niedergeschlagenheit hat doch wohl Jeder erlebt, der in seinem Innern sich höhere Aufgaben stellt als die Füllung seines Geldsacks.

Wer es gelernt hat, mit sich selbst unzufrieden zu sein, der wird aus dem Weihnachtsevangelium heraus eine Verheißung hören, die ihn angeht, weil er sie nötig hat. Ich verkündige euch große Freude! [Lk. 2,10] Friede auf Erden! [Lk. 2,14] Friede, Freude, Gerechtigkeit, das war es ja, was er für sein eigenes Leben suchte und nicht fand. Für sein eigenes Leben! Nun verstehen wir auch, warum wir das Bethlehem, auf das uns die Botschaft hinwies, in unserm gegenwärtigen Leben suchen müssen und nicht in fernen Zeiten und Ländern. Nicht eine schöne Stimmung oder Erinnerung für den Sonntag oder für die Weihnachtsfeier suchten wir ja, sondern Kraft für das ganze gegenwärtige Leben.

Wie, wenn wir sie hier fänden?

Siehe, euch ist heutec der Heiland geboren. [Lk. 2,11]

102

II

Lasst uns nun hingehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist. Eine einfache Geschichte ist da geschehen, etwas Alltägliches: ein Mensch ist zur Welt geboren. Und doch hat diese Geschichte die Hirten so ergriffen, dass sie es allen Leuten erzählen mussten. «Und Alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede» [Lk. 2,18]. Warum? Weil sie in diesem Kind den erwarteten, der, von Gott gesandt, Israel befreien sollte, und das war ihre größte Hoffnung.

Die Erfüllung ist aber herrlicher gewesen als die Hoffnung. Schon 50 Jahre nach diesem Ereignis haben Unzählige, nicht nur aus dem Volke Israel, sondern aus allen Ländern und Völkern geglaubt und bekannt, dass ihnen mit diesem Kindlein ein neues Leben geschenkt worden sei. Die Botschaft von diesem neuen Leben ist nicht erloschen, sie ist weitergetragen worden durch die Zeiten, sie ist zu unsern Vätern gekommen und dann zu uns, die wir heute wieder Weihnacht feiern.

Gott ward Mensch.4

Das ist die Geschichte, die in Bethlehem geschehen ist.

Aber das ist ein großes Wort, und wir dürfen uns nicht vornehmen, das nun so glauben zu wollen, weil heute einmal Weihnacht ist. Wir haben gesagt, dass nur der den Weg nach Bethlehem findet, der so oder so auf seinem eigenen Weg den Frieden gesucht, aber nicht entdeckt hat, nur der, der erkannt hat, dass ihm Kraft nottut, um den Weg zu gehen, den Gott ihn auf Erden gehen geheißen. Einem solchen wirklich innerlich Bedürftigen wird es aber eher [als] etwas dunkel Geheimnisvolles erscheinen, dass Gott Mensch geworden sein soll. Wie soll er das verstehen, wenn ihm ja gerade Gott verloren gegangen ist auf seinem Wege? Darum soll er nicht zuerst glauben, sondern er soll lernen zu sehen. Das kann er, denn Gott thront nicht über den Wolken, sondern er ist ein Gott des Lebens, unsres Lebens, den wir in diesem Leben nur zu entdecken brauchen.

Also die Augen aufgetan und Umschau gehalten nach etwas, das unsrer Notdurft Trost und Hilfe sein kann. Ein Mensch, der Trost bedarf, wendet sich aber vor Allem an die andern Menschen. Wer |103 selber mit seinem Leben nicht fertig werden kann, der wird sich umsehen müssen, ob die andern es können und wie sie das tun, er wird aufmerksam zusehen, ob ihr Leben vielleicht die Kraft enthält, die ihm fehlt, und er wird forschen, woher sie solche Kraft und Ruhe gewonnen haben. Du wirst viel Enttäuschung erleben bei dieser Umschau, denn vielleicht wirst du lange nichts Anderes entdecken als dieselbe Unruhe und Haltlosigkeit, denselben innern Unfrieden, den du aus dir selber so gut kennst. Aber dann stoßest du vielleicht plötzlich auf einen Menschen, bei dem das ganz anders ist, der dir etwas zu sagen hat – vielleicht ohne Worte! –, was dir ganz neu ist. Er hat die Unzufriedenheit mit sich selbst, unter der du leidest, auch durchgemacht, er ist vielleicht tiefer in der innern und äußern Not gesteckt als du selbst. Aber nun ist es anders. Du spürst es seinem Reden und Schweigen, seinem Tun und Lassen an, dass er unsichtbar getragen ist von einer Macht, die ihn über sich selbst hinaushebt, und je länger du mit ihm umgehst, desto mehr geht etwas von seiner inwendigen Kraft und Ruhe auch auf dich über. Die stille, gute Macht, die jenen inmitten des Kampfes des Lebens erfüllt, berührt immer deutlicher auch dein Wesen, du erlebst es, dass du unter dem unwiderstehlichen Einfluss dieser Macht die Aufgaben deines Lebens und dich selbst mit ganz andern Augen ansehen lernst. Sieh, wenn du so glücklich gewesen bist, einen Menschen zu finden, in dessen Umgang du das erlebt hast, dann ist Gott auf deinen Lebensweg getreten. Und wenn du noch keinen solchen Menschen gefunden, wenn du vielleicht noch gar nicht danach gesucht, dann sieh mal um dich, ob er nicht vielleicht neben dir geht oder steht, ob nicht dein Vater oder deine Mutter, dein Mann oder deine Frau, dein Freund oder deine Schwester oder eine alte Magd der Mensch ist, der dich zu den Quellen eines Lebens der Kraft führen könnte! Aber mit einem feinen und willigen Sinn musst du anklopfen, um bei einem Andern nach diesen Quellen zu fragen.

Ihr fragt mich: aber wozu bedarf es dann der Weihnachtsbotschaft, dass Gott Mensch geworden ist, wenn ich das Leben der Kraft und des Friedens, das sie uns verheißt, gerade so gut bei einem Mitmenschen, mit dem ich täglich umgehe, finden kann? Nun seht, dass wir das können, das verdanken wir ja eben der Tatsache der Weihnachtsbotschaft. Woher stammt denn jenes innere Leben der Andern, dem wir Alle irgendwie das unsrige verdanken? Stammt es nicht wieder um aus |104 der Berührung mit noch Andern, die auch etwas von dieser stillen Glut in sich trugen? Und wenn wir diese feinen Linien weiter verfolgen, dann entdecken wir, dass sie zuletzt alle zusammenlaufen in einem Punkt. In dem Menschen Jesus hat der gütige Gott zuerst die Kraft und den Frieden in unversiegbarer Fülle auf die Erde gesandt. Und die, welche die Augen weit auftaten, die haben gespürt, dass ihnen geholfen sei, wenn sein Leben das ihrige würde. Und was ihnen von ihm geschenkt war, das mussten sie weitergeben, und seitdem gibt es, durch die Zeiten und Länder zerstreut, einen stillen Kreis von Menschen, denen sein Leben zu ihrem eigenen geworden ist und die dieses Leben als ihren höchsten Besitz schätzen. Es bleibt ihnen aber nicht etwas Inwendiges, sondern sie nehmen es mit hinein in die Arbeit des Tages, in den Verkehr mit den Menschen. Wie sie es von andern Menschen empfangen, so geben sie das innere Licht weiter an andre. Am Weihnachtstag aber freuen sie sich der Tatsache, dass Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus. Denn das neue Leben, das durch die Fortwirkungen des Lebens Jesu in ihnen erwacht ist, ist doch nichts Anderes als Gott selber, der von ihrem Herzen Besitz ergriffen hat. –

Nun seht, darum habe ich gesagt, dass das Bethlehem, zu dem uns die Weihnachtsbotschaft hinweist, etwas Wirkliches und Gegenwärtiges ist, das wir selber mit der größten Gewissheit schauen und umfassen können.

Wenn wir zu den Menschen gehören, die schon etwas erfahren haben von dem neuen Leben, das durch die Berührung mit dem Heiland in unser altes Leben hineingepflanzt wird, dann wissen wir auch, was Weihnachtsfreude ist, wir wissen es von Jahr zu Jahr besser. Nicht nur bei der Weihnachtsfeier, nicht nur am Tisch des Herrn, zu dem wir nachher in gemeinsamer dankbarer Freude treten wollen, sondern auf unsern alltäglichen Wegen, bei der Arbeit und in der Ruhe, auf dem Feld und in der Familie erleben wir etwas von dem, was das alte Weihnachtslied singt:

Das ew’ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt einen neuen Schein;
Es leuchtet wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht.d5

105 Aber vielleicht geht es uns doch auch so, dass wir uns sagen müssen: ja es wäre schön, ein solches Leben der Kraft und des Friedens und der Wahrheit, aber wie kann ich es festhalten? Ich ahne und fühle, dass Gott mir nahe ist, oft glaubte [ich], ihn schon ergriffen zu haben, aber da sind immer wieder diese und jene Hindernisse in mir selbst, meine Selbstsucht, mein Kurzsinn, meine schlechten Neigungen, die mich von ihm trennen, die mir den Frieden und die Kraft immer wieder nehmen. Ich denke, auch die Fortgeschrittensten unter uns kennen diesen schwersten aller Zweifel. Seht, dann wollen wir uns heute zurufen: Lasst uns hingehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist!

Die ihr arm seid und elende,
Kommt herbei,
Füllet frei
Eures Glaubens Hände!
– – – –
Lasset fahren, liebe Brüder,
Was euch quält,
Was euch fehlt,
Ich bring Alles wieder!6

Und zum Schluss die große Hauptsache, die uns Allen gilt: nicht von unserm Wollen und Laufen hängt es ab, ob wir in unserm Leben das Bethlehem der Kraft und des Friedens finden. Wir wollen ja eine Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat.

Wenn aber die Botschaft, die heute wieder an uns Alle ergeht, vom Herrn kommt, dann liegt es auch in seiner Hand, wie er sie im Einzelnen verwirklichen will [in] unserm Leben. Wenn er sie schon verwirklicht hat an uns, dann wird unsre Weihnachtsfreude Dank sein für seine unverdiente Güte, ein Dank, der nicht in Worten besteht, sondern in dem ernsten Willen, das Weihnachtslicht heller leuchten zu lassen in uns und außer uns. – |

106 Wenn es uns aber scheint, als ob unser Weg immer wieder ins Dunkel und Dickicht führe, dann dürfen wir heute den Mut fassen, hinwegzusehen über die Nebel zu den Bergen, von denen auch uns Hilfe kommen wird [vgl. Ps. 121,1].

Meine lieben Freunde! Das soll unsre Weihnachtsfreude sein, dass Gotteskraft in unser Menschenleben gekommen ist.

Welt ging verloren,
Christ ward geboren.
Freue, freue dich, oh Christenheit!7
Amen.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Bleistift verbessert aus: «besondere Weise».↩
b
Im Mskr. mit Bleistift verbessert aus: «Art».↩
c
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
d
Im Mskr. sind die voranstehenden Verse, die auf einem ausgeschnittenen Zettel gedruckt sind, aufgeklebt.↩

Sachfußnoten

1
Barth gehörte nach seiner Rückkehr nach Marburg einem Kreis von Examenskandidaten und frisch examinierten Theologen an, der sich bereit erklärt hatte, Predigtaushilfen im Umland zu übernehmen. Er war zur Unterstützung des erkrankten Pfarrers Friedrich Cornelius (1862–1927; 1902–1921 Pfarrer in Niedergrenzebach, Kreis Ziegenhain) in das Dorf Niedergrenzebach (heute ein Teil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis / Nordhessen) geschickt worden, um dort am 25. Dezember im Gottesdienst um 10.30 Uhr die Weihnachtspredigt zu halten. Er blieb vom 24. bis zum 27. Dezember und hielt dieselbe Predigt auch in den Filialkirchen der Gemeinde, in Leimsfeld (25. Dezember, 7.30 Uhr) und in Rörshain (27. Dezember). Vgl. zum Ganzen Barths Brief an seine Eltern und Geschwister vom 28.12.1908 (KBA 9208.74), in dem der Aufenthalt in Niedergrenzebach und das etwas schwierige Verhältnis zu Pfarrer Cornelius ausführlich geschildert sind. Vgl. P. Zocher, Karl Barth und Niedergrenzebach. Eine Predigtaushilfe im Winter 1908/09 (Jahresgabe der Karl Barth-Gesellschaft e. V. 2017), Hannover 2018 📖.↩
2
Lied von J. D. Falk (RG 409; EG 44) 🎵.↩
3
Treysa und die damalige Kreisstadt Ziegenhain waren Niedergrenzebach benachbart; heute sind auch sie Stadtteile von Schwalmstadt.↩
4
Aus der zweiten Strophe des Liedes «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt (RG 400; EG 36 [dort jeweils: «Gott wird Mensch»] 🎵).↩
5
Strophe 4 des Liedes «Gelobet seist du, Jesu Christ» von M. Luther (RG 392; EG 23 [jeweils mit leichten Textabweichungen]) 🎵.↩
6
Zwei Halbstrophen des Liedes «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt (RG 400,9a.5b; EG 36,9a.5b [jeweils mit Textmodernisierungen] 🎵).↩
7
Aus Strophe 1 des Liedes «O du fröhliche» 🎵 (s. Anm. 2).↩