Predigt: Lukas 2,15 (Weihnachten)
«O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!»2 Nicht wahr, wir Alle haben heute, jeder an seinem Teil, etwas hiehergebracht von dem innerlichen herzlichen Glanze, wie ihn nur diese Weihnachtszeit unter den Menschen verbreitet. Wir Alle, wenn auch jeder auf seine a-eigene Art-a. Dem Einen sieht man’s schon von weitem an, dass heute kein Tag ist wie andre – da sind vor allem die Kinder, deren Festtag die Weihnacht mit Tannenbaum und Lichterglanz und kleinen und großen Geschenken ja in besonderer Weiseb ist – aber zum Glück auch Viele von den Erwachsenen, die es nicht verlernt haben, an diesem Tage jung zu werden in der Erinnerung an ihre |98 eigene Jugend. Andere machen vielleicht ein Gesicht wie alle Tage, und auch ihre Gespräche scheinen recht alltäglich und unweihnachtlich. Aber wer weiß, ob es in ihrem tiefsten Inwendigen auch so aussieht? Ich glaube, es ist gar Keiner unter uns, der heute nicht wenigstens mit einem freundlicheren Herzen hieher gekommen ist, mag er sonst noch so traurig oder griesgrämig sein.
Also von der Weihnachtsfreude, die wir Alle heute irgendwie in uns tragen, wollen wir reden. Aber wenn wir nachdenkliche Leute sind, dann lassen wir’s doch nicht bei solchen allgemeinen schönen Stimmungen bewenden. Wir wollen vor Allem das Eine festhalten: Wenn wir heute fröhlich sind, so muss unsre Freude wirkliche Freude sein, wir Alle wollen etwas von dieser Freude selber empfinden, denn damit, dass wir den Tannenbaum schmücken, weil heute der 25. Dezember ist, ist noch lange nicht gesagt, dass wir uns auch wirklich über Weihnachten freuen. Unsre Freude darf nicht auf der Oberfläche bleiben, sie muss unser tiefstes innerstes Wesen erfassen. Und dann: eine rechte Freude darf nicht ausgelöscht sein, wenn der Tag der Freude vorüber ist im Kalender. Die rechte Freude ist immer dauernde Freude.
Nun seht, dazu sind wir heute zusammengekommen, um die Weihnachtsfreude, die wir Alle in stärkerem oder schwächerem Maß in unsern Herzen mitgebracht, durch die gemeinsame Betrachtung dessen, was uns an Weihnachten geschenkt ist, zu vertiefen und zu einer Freude zu gestalten, die wirklich ist und die bleibt, auch wenn Weihnachten längst vorüber ist.
I
Lasst uns nun hingehen nach
Liebe Freunde! Wir Alle haben heute diese Botschaft wieder gehört: Siehe,
ich verkündige euch große Freude! Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr! [
Aber bevor wir uns auf den Weg nach Bethlehem machen, müssen wir wie die
Hirten davon überzeugt sein, dass wir das Große und Schöne, das uns die
Botschaft verheißt, auch nötig haben. Die Hirten sehnten
sich mit dem ganzen Volke Israel nach dem Gesalbten des Herrn, der sein Volk aus der Not befreien sollte.
Die Not, das ist es! Solange wir glauben, unsre eigenen
Wünsche und Gedanken könnten uns glücklich machen, solange können wir
gar nicht verstehen, warum wir uns auf den Weg nach
Wer es gelernt hat, mit sich selbst unzufrieden zu sein, der wird aus dem
Weihnachtsevangelium heraus eine Verheißung hören, die ihn angeht, weil er
sie nötig hat. Ich verkündige euch große Freude! [
Wie, wenn wir sie hier fänden?
Siehe, euch ist heutec der Heiland geboren. [
II
Lasst uns nun hingehen gen Bethlehem und die
Geschichte sehen, die da geschehen ist. Eine einfache
Geschichte ist da geschehen, etwas Alltägliches: ein Mensch ist zur Welt
geboren. Und doch hat diese Geschichte die Hirten so ergriffen, dass sie
es allen Leuten erzählen mussten. «Und Alle, vor die es kam, wunderten
sich der Rede» [
Die Erfüllung ist aber herrlicher gewesen als die Hoffnung. Schon 50 Jahre nach diesem Ereignis haben Unzählige, nicht nur aus dem Volke Israel, sondern aus allen Ländern und Völkern geglaubt und bekannt, dass ihnen mit diesem Kindlein ein neues Leben geschenkt worden sei. Die Botschaft von diesem neuen Leben ist nicht erloschen, sie ist weitergetragen worden durch die Zeiten, sie ist zu unsern Vätern gekommen und dann zu uns, die wir heute wieder Weihnacht feiern.
Das ist die Geschichte, die in Bethlehem geschehen ist.
Aber das ist ein großes Wort, und wir dürfen uns nicht vornehmen, das nun
so glauben zu wollen, weil heute einmal
Weihnacht ist. Wir
haben gesagt, dass nur der den Weg nach
Also die Augen aufgetan und Umschau gehalten nach etwas, das unsrer Notdurft Trost und Hilfe sein kann. Ein Mensch, der Trost bedarf, wendet sich aber vor Allem an die andern Menschen. Wer |103 selber mit seinem Leben nicht fertig werden kann, der wird sich umsehen müssen, ob die andern es können und wie sie das tun, er wird aufmerksam zusehen, ob ihr Leben vielleicht die Kraft enthält, die ihm fehlt, und er wird forschen, woher sie solche Kraft und Ruhe gewonnen haben. Du wirst viel Enttäuschung erleben bei dieser Umschau, denn vielleicht wirst du lange nichts Anderes entdecken als dieselbe Unruhe und Haltlosigkeit, denselben innern Unfrieden, den du aus dir selber so gut kennst. Aber dann stoßest du vielleicht plötzlich auf einen Menschen, bei dem das ganz anders ist, der dir etwas zu sagen hat – vielleicht ohne Worte! –, was dir ganz neu ist. Er hat die Unzufriedenheit mit sich selbst, unter der du leidest, auch durchgemacht, er ist vielleicht tiefer in der innern und äußern Not gesteckt als du selbst. Aber nun ist es anders. Du spürst es seinem Reden und Schweigen, seinem Tun und Lassen an, dass er unsichtbar getragen ist von einer Macht, die ihn über sich selbst hinaushebt, und je länger du mit ihm umgehst, desto mehr geht etwas von seiner inwendigen Kraft und Ruhe auch auf dich über. Die stille, gute Macht, die jenen inmitten des Kampfes des Lebens erfüllt, berührt immer deutlicher auch dein Wesen, du erlebst es, dass du unter dem unwiderstehlichen Einfluss dieser Macht die Aufgaben deines Lebens und dich selbst mit ganz andern Augen ansehen lernst. Sieh, wenn du so glücklich gewesen bist, einen Menschen zu finden, in dessen Umgang du das erlebt hast, dann ist Gott auf deinen Lebensweg getreten. Und wenn du noch keinen solchen Menschen gefunden, wenn du vielleicht noch gar nicht danach gesucht, dann sieh mal um dich, ob er nicht vielleicht neben dir geht oder steht, ob nicht dein Vater oder deine Mutter, dein Mann oder deine Frau, dein Freund oder deine Schwester oder eine alte Magd der Mensch ist, der dich zu den Quellen eines Lebens der Kraft führen könnte! Aber mit einem feinen und willigen Sinn musst du anklopfen, um bei einem Andern nach diesen Quellen zu fragen.
Ihr fragt mich: aber wozu bedarf es dann der Weihnachtsbotschaft, dass Gott Mensch geworden ist, wenn ich das Leben der Kraft und des Friedens, das sie uns verheißt, gerade so gut bei einem Mitmenschen, mit dem ich täglich umgehe, finden kann? Nun seht, dass wir das können, das verdanken wir ja eben der Tatsache der Weihnachtsbotschaft. Woher stammt denn jenes innere Leben der Andern, dem wir Alle irgendwie das unsrige verdanken? Stammt es nicht wieder um aus |104 der Berührung mit noch Andern, die auch etwas von dieser stillen Glut in sich trugen? Und wenn wir diese feinen Linien weiter verfolgen, dann entdecken wir, dass sie zuletzt alle zusammenlaufen in einem Punkt. In dem Menschen Jesus hat der gütige Gott zuerst die Kraft und den Frieden in unversiegbarer Fülle auf die Erde gesandt. Und die, welche die Augen weit auftaten, die haben gespürt, dass ihnen geholfen sei, wenn sein Leben das ihrige würde. Und was ihnen von ihm geschenkt war, das mussten sie weitergeben, und seitdem gibt es, durch die Zeiten und Länder zerstreut, einen stillen Kreis von Menschen, denen sein Leben zu ihrem eigenen geworden ist und die dieses Leben als ihren höchsten Besitz schätzen. Es bleibt ihnen aber nicht etwas Inwendiges, sondern sie nehmen es mit hinein in die Arbeit des Tages, in den Verkehr mit den Menschen. Wie sie es von andern Menschen empfangen, so geben sie das innere Licht weiter an andre. Am Weihnachtstag aber freuen sie sich der Tatsache, dass Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus. Denn das neue Leben, das durch die Fortwirkungen des Lebens Jesu in ihnen erwacht ist, ist doch nichts Anderes als Gott selber, der von ihrem Herzen Besitz ergriffen hat. –
Nun seht, darum habe ich gesagt, dass das
Wenn wir zu den Menschen gehören, die schon etwas erfahren haben von dem neuen Leben, das durch die Berührung mit dem Heiland in unser altes Leben hineingepflanzt wird, dann wissen wir auch, was Weihnachtsfreude ist, wir wissen es von Jahr zu Jahr besser. Nicht nur bei der Weihnachtsfeier, nicht nur am Tisch des Herrn, zu dem wir nachher in gemeinsamer dankbarer Freude treten wollen, sondern auf unsern alltäglichen Wegen, bei der Arbeit und in der Ruhe, auf dem Feld und in der Familie erleben wir etwas von dem, was das alte Weihnachtslied singt:
105 Aber vielleicht geht es uns doch auch so, dass wir uns sagen müssen: ja es wäre schön, ein solches Leben der Kraft und des Friedens und der Wahrheit, aber wie kann ich es festhalten? Ich ahne und fühle, dass Gott mir nahe ist, oft glaubte [ich], ihn schon ergriffen zu haben, aber da sind immer wieder diese und jene Hindernisse in mir selbst, meine Selbstsucht, mein Kurzsinn, meine schlechten Neigungen, die mich von ihm trennen, die mir den Frieden und die Kraft immer wieder nehmen. Ich denke, auch die Fortgeschrittensten unter uns kennen diesen schwersten aller Zweifel. Seht, dann wollen wir uns heute zurufen: Lasst uns hingehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist!
Und zum Schluss die große Hauptsache, die uns Allen gilt: nicht von unserm Wollen und Laufen hängt es ab, ob wir in unserm Leben das Bethlehem der Kraft und des Friedens finden. Wir wollen ja eine Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat.
Wenn aber die Botschaft, die heute wieder an uns Alle ergeht, vom Herrn kommt, dann liegt es auch in seiner Hand, wie er sie im Einzelnen verwirklichen will [in] unserm Leben. Wenn er sie schon verwirklicht hat an uns, dann wird unsre Weihnachtsfreude Dank sein für seine unverdiente Güte, ein Dank, der nicht in Worten besteht, sondern in dem ernsten Willen, das Weihnachtslicht heller leuchten zu lassen in uns und außer uns. – |
106 Wenn es uns aber scheint, als ob unser Weg immer wieder ins Dunkel und
Dickicht führe, dann dürfen wir heute den
Mut fassen, hinwegzusehen über die Nebel zu
den Bergen, von denen auch uns Hilfe kommen wird [vgl.
Meine lieben Freunde! Das soll unsre Weihnachtsfreude sein, dass Gotteskraft in unser Menschenleben gekommen ist.