Es sind zwei große Gefahren, die unserm
christlichen Denken und Wollen immer wieder zu schaffen geben. Sie spiegeln
sich wider in der Geschichte der denkenden Verarbeitung der christlichen
Glaubenswahrheit, sie äußern sich in den Erscheinungen des
öffentlichen kirchlichen
und religiösen Lebens,
und sie beschäftigen mehr oder weniger uns Alle in unsrer persönlichen
Entwicklung. Wo in einem Menschen der Glaube im Sinne Jesu als das Vertrauen zu Gott
2 und als der Wille zum freien Gehorsam
erwacht ist, da hat zugleich sein Leben ein
Ziel: «näher mein Gott zu
dir»2 und einen Weg zu diesem Ziel, nämlich ein
neues positives Verständnis der Verhältnisse, der Welt, in die wir
gestellt sind, eine neue Richtung der Arbeit in dieser Welt.
Zwei Gefahren bedrohen dieses neue Leben. Die eine
tritt dann ein, wenn wir wohl das Ziel im Auge haben, wir suchen es aber
nicht auf dem Wege, der seinem Wesen entspricht, sondern in einem, wie wir
meinen, unmittelbareren Leben der Seele in Gott, dem der natürliche Lebenszusammenhang, in dem wir uns nach Gottes Willen vorfinden, fern und fremd
ist. Wir wollen wohl zu Gott, aber nicht hindurch durch die Nöte und
Aufgaben der Welt. Die andre Gefahr ist entgegen|90gesetzter Art. Über dem neuentdeckten Weg verlieren 3 wir das Ziel aus dem Auge, indem uns über der
Hingabe und der Arbeit an den Gütern dieser Welt, zu der uns der Glaube
Mut gemacht, ja gerade über dem Streben, Gottes Herrschaft über die Welt
auszudehnen, Gott selber und sein Wille mit uns undeutlich wird. – |
Beide Gefahren wurzeln aber in unveräußerlichen Elementen des Lebens der
Religion. Es ist ihr Trieb in
die Stille und
Innerlichkeit einerseits, ihr Drang nach äußerer
Kundgebung und
Betätigung andrerseits, die darin zum Ausdruck
kommen können. Je höher unser persönliches Glaubensleben entwickelt ist, desto mehr wird das Verhältnis
beider Elemente nicht nur ein friedliches, sondern ein organisches,
innerlich notwendiges werden. Unser Textwort ist geeignet, uns in dieser
Richtung zu fördern.
4 I
(Lc. 10,17–19)a
Wenige Verse vor unsrer Textstelle erzählt der Evangelist die
freudige Rückkehr der 70 Jünger3 zu
Jesus: «Herr, es sind uns auch die Dämonen untertan in deinem Namen».
Und Jesus bestätigt ihnen diese Erfahrung: «Nicht nur die
untergeordneten Dämonen, auch ihr Fürst, Satan, ist gestürzt: ich sah ihn vom Himmel fallen wie einen
Blitz, seine Mächte sind in eure Gewalt gegeben, nichts mehr kann euch
schaden. Wo ihr seid, da wird das Böse unwirksam, denn das Reich Gottes ist in und mit euch»
[vgl. Lk. 17,21]. Wir
müssen uns vergegenwärtigen, dass nach der anschaulichen und farbigen
Denkweise jener Zeit die Welt nicht nur erfüllt, sondern beherrscht war
von Dämonen und Geistern aller
Art. Wenn es also heißt, dass sie gestürzt, den Jüngern untertan
geworden seien, so bedeutet das nichts anderes, als dass die Welt, in
die Jesus die 5 Seinen hinausgesandt, ihre
verderbliche Macht ihnen gegenüber nicht nur verloren |91 habe, sondern dass sie ein Werkzeug ihres vom Geiste
Gottes gelenkten
Willens geworden sei. Wo das Reich Gottes ist, da verliert das Reich der Welt
seine Schrecken. Diese unbedingte innere Freiheit den Gewalten gegenüber war die unmittelbarste Folge
der Jüngerschaft Jesu, das selbstverständlichste und darum herrlichste
Erlebnis des neuen Wesens, in das sie versetzt waren. So empfanden die
ersten Christen, so hat es Paulus an den ergreifendsten Stellen seiner Briefe
geschildert. «Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? … Ich bin
gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder
Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Mächte, weder Höhe noch
Tiefe noch irgend eine Kreatur uns zu scheiden vermag von der Liebe
Gottes, die da ist in Christo 6 Jesu, unserm
Herrn»
(Röm. 8,31.38–39). Die
Form dieser neutestamentlichen Gedanken ist uns fremd geworden, sie
selber stehen für alle Zeiten im Mittelpunkt unsres christlichen Wollens und
Denkens. Albrecht Dürer hat auf einem seiner berühmtesten Bilder einen
mittelalterlich gewappneten Reitersmann dargestellt, der, links und
rechts von Tod und Teufel bedroht, ruhig und
furchtlos durch eine düstere Schlucht zieht.4 Man hat in dieser Gestalt
mit Recht ein Bild des wahren Christen gefunden. Sein Verhältnis zur
Welt und ihren Geistern beruht auf der Überzeugung, dass Gott sie geschaffen und
regiert, dass
alle Dinge ihm zum Besten dienen müssen (Röm. 8,28); und in dieser Überzeugung ist der
Christenmensch bei aller Schwachheit ein Herr aller Dinge.5 Er empfängt daraus den Trost, dass
es im weiten Umkreis der geschaffenen 7 Dinge,
in den gesegneten Erntezeiten des Reiches Gottes wie in den Zeiten scheinbar
geringer Dinge, in den frohen und trüben Erfahrungen seines persönlichen
Lebens, nichts
geben kann, das Gottes Willen
entnommen ist, nichts, das dem Kommen des Reiches wirklichen Widerstand
leisten, nichts, das ihn selber in seinem auf Gott gerichteten Leben hindern
könnte. Die Gewissheit, dass Gott im Regimente sitzt,6 ist aber mehr als ein Trost. Sie
treibt den |92 Christen zur Tat. Die
Welt
ist Gottes, und sie soll es
werden. Weil die Verhältnisse, in denen wir leben, die
Aufgaben, die jedem von uns gestellt sind, aus Gottes Hand kommen, so
können wir sie nicht anders verstehen denn als Mittel, um Gott immer
näher zu kommen. Auch das ehrliche Arbeiten und Streben der Menschheit erscheint uns dann in einem neuen
Licht. Wir erhalten sehende Augen für das Walten Gottes in der
Geschichte, und wir können nicht anders, wir müssen uns als «Mit8arbeiter Gottes» fühlen, wie Paulus es einmal genannt hat
(1.Kor. 3,9). Aus
einem Tränental verwandelt sich die Welt in ein Arbeitsfeld, das «weiß ist zur Ernte»
(Joh. 4,35).
Gott der allein Wirkliche und Mächtige, das ist in der Tat
«die christliche Weltanschauung in verkürzter Gestalt», wie einer der
hervorragendsten Theologen des 19. Jahrhunderts einmal gesagt hat.7 Der Gott,
der uns in Jesus erschienen, hat uns die Geister untertan
gemacht.
II
Darüber freuet euch nicht! So ernüchterte
Jesus die begeisterten Jünger,
die ihm ihre Erfolge über die Geister der Welt rühmten. Warum diese
sonderbare Abweisung? Darüber kann kein Zweifel sein, dass auch ihm der
Sieg über die Geister nicht nur eine durchaus sichere Wirklichkeit war,
sondern das untrügliche b-und notwendige-b
Kennzeichen der Gegenwart des Gottesreiches. Als solches 9
Kennzeichen hat er diesen Sieg den Pharisäern entgegengehalten (Mt. 12,28), so lebte es fort in der Erinnerung
der Gemeinde. «Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke
des Teufels zerstöre» (1.Joh. 3,8). Und trotzdem: Darüber freuet euch nicht, dass
euch die Geister untertan sind!? Wir können uns dies Wort nur
daraus erklären, dass Jesus sich der Tatsache gegenüber sah, dass viele,
vielleicht die Meisten seiner Anhänger geneigt waren, die Wirkungen und
Erfolge, die ihnen durch die Kraft des Geistes beschieden waren, mit dem Reiche
Gottes
|93 selbst zu verwechseln. Das vierte Evangelium gibt
uns darüber verschiedene Andeutungen: «Es zog ihm viel Volks nach, darum
dass sie die Zeichen sahen, die er tat» (Joh. 6,2; vgl. 2,23), und Jesus beklagt das: «Wenn ihr nicht
Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht» (Joh. 4,48). Auch die
stillschweigende Verachtung, mit der er später die Wundersucht des Herodes straft
(Lc. 23,8–9),
ist bezeichnend für seine Stimmung dieser Art von «Glauben» gegenüber.
Wir stehen hier vor einer Tatsache, die höchst bedeutsam ist für das
christliche 10
Leben bis in unsre
Tage hinein. Die Zeiten sind bald gekommen, und sie sind noch nicht
vorbei, da man das Für-Wahr-Halten von Berichten über die wunderbaren
Taten Jesu und
seiner Jünger zur Bedingung
machte für den Christenstand. Jesu eigene Haltung sondert sich scharf ab
von solchem Tun. Im Glauben ist das
Wunder der Überwindung der Welt und ihrer Mächte vollzogen, von seinen
Jüngern hat er als Bewährung dieses Glaubens gefordert, dass sie selbst
Wunder erleben und tun sollten
(Mt. 17,20; vgl. 21,21), aber bestimmt und klar weist er die
Meinung zurück, als könne die äußere Überwindung der Welt, in der sich
das Leben des Jüngers kundtut, oder gar das Für-Wahr-Halten einzelner
solcher Ereignisse zu diesem neuen Leben selbst führen. «Selig sind, die
nicht sehen und doch glauben»
(Joh. 20,29). – |
«Freuet euch nicht darüber!» Setzt euer Vertrauen nicht auf diese
Machtbezeugungen, auf diese äußern Anzeichen des Reiches.
Jesus verweist seine Jünger von der wichtigen Folge auf die
unendlich wichtigere Ursache, die allein Grund ihrer 11 Freude, ihres Vertrauens sein kann. Und als
die Ursache in diesem Sinn, als den wahren Gegenstand ihrer Freude zeigt
er ihnen die Tatsache, dass ihre Namen aufgeschrieben sind im
Himmel. Nach der Anschauung des Judentums führt
Gott im Himmel Buch über die Angenommenen und die Verworfenen. Als
Jünger Jesu stehen ihre Namen unter den Angenommenen, den Erwählten
Gottes, im Buche des Lebens. Eben über diese
Gewissheit sollen sie
sich freuen. Höher als die Machtwirkungen des Gottesreiches steht die
Tatsache, dass jeder Einzelne von ihnen ein Glied dieses
Reiches ist, von dem sich nicht sagen lässt: siehe hier, siehe da ist
es, weil es inwendig in denen ist, die Gott lieb hat
(Lc. 17,21).
Wir haben uns vorhin an der ruhigen Gewissheit und an dem zielbewussten
Arbeitstrieb gefreut, den unser Glaube uns mitgibt auf unsern Weg durch die Welt. Aber auch uns stellt Jesus
sein Freuet euch |94 nicht darüber!
entgegen. Wir haben gesehen, dass eine bestimmte Weltanschauung, die nach
ihrem Inhalt Weltbeherrschung ist, aus dem Glauben hervorgeht und
hervorgehen muss, wenn er Glaube ist: die Welt, die Verhältnisse, 12 meine besondere Stellung sind
aus Gottes Hand so, wie sie sind, und sollen immer mehr Gott gemäß
werden. Diese Gedanken und die aus ihnen folgende
Richtung des Wollens sind unentbehrlich für unser Christenleben, aber unser Textwort
weist uns darauf hin, dass sie uns nicht aus einem Mittel zum Zweck,
dass sie uns nichtc
zum Gegenstand unsrer höchsten Freude, unsres Vertrauens, dass
sie uns nicht zum eigentlichen Inhalt der Religion werden
dürfen. Wir Christen der heutigen Zeit haben es vielleicht besonders
nötig, uns das sagen zu lassen. Wir sind auf allen Gebieten bemüht,
die
Wahrheit auf den Leuchter zu
stellen [vgl. Mt. 5,16],
dass das Reich Gottes
nicht in Worten steht, sondern in Kraft (1.Kor. 4,20), und wir können
das nicht genug tun. Die Stellung der besten Christen zu den Nöten und
Aufgaben des praktischen Lebens ist eine andere geworden, als es noch
vor 50 Jahren der Fall war, weil sie erkannt haben, dass ohne das der
Glaube in Gefahr ist, ein dummes Salz zu werden [vgl. Mt. 5,13]. Aber es sind
doch Anzeichen vorhanden, dass gerade aus solchem echt christlichen
Denken und Wollen heraus eine neue Gefahr erwachsen kann, und sie
besteht 13 darin, dass wir gar zu gern unsre
Arbeit für das Reich Gottes
als das Reich Gottes selbst ansehen. Und damit verliert unser Tun die
Richtung, die ihm von seiner Entstehung aus dem Glauben anhaftet, und
verkehrt sich in einen gefährlichen Feind der Religion. Ich brauche
keine Namen zu nennen, wenn ich an die Beobachtung erinnere, dass gerade
stark religiöse Persönlichkeiten leicht dieser Gefahr unterliegen. Irgend
eine bestimmte Arbeit im Dienste Gottes, eine bestimmte Art zu denken
oder eine bestimmte Bewegung der Menschheit wird ihnen zum Ausdruck der
Religion schlechthin. Für ihr persönliches Leben mag das ohne Schaden
geschehen, aber sobald die Anhängerschaft da ist, die sich bereits
bemühen muss, mit andern Augen ins Leben zu sehen als ihren eigenen,
dann entsteht aus der Kraft Gottes die Sekte, der Geist wird zur Geistlosigkeit, das Wort zur
Phrase, das gottgewollte Tun zur Gesetzlichkeit. Vor diesen Folgen, wie
sie in der Entwicklung der römisch-ka|95tholischen
Kirche
in 14 erschreckender Weise zu Tage getreten
sind, hat uns Jesus bewahren wollen, wenn er uns von dem, was Gott durch
uns wirkt, immer wieder zurückweist auf Gott selber. «Trachtet am ersten
nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit» (Mt. 6,33). Das Erste und darum
auch das Letzte für den Christen ist
immer das lebendige Verhältnis zu Gott selbst, das auf der
Gewissheit beruht, dass Gott seinen Namen kennt, dass dieser Name im
Buch des Lebens steht,
d. h. dass Gottes Liebe
gerade auf ihn gerichtet ist. Von da aus erst ist jenes Verhältnis zur
Welt,
das unser Text als ein Herrschen über die Geister beschreibt, möglich,
ja
allein von deinem Brennen
Nehme unser Licht den Schein.
Also wird die Welt erkennen,
Dass wir deine Jünger sein.
8
Jenes Herrschen taugt nichts, ja es schlägt um in sein
Gegenteil, sobald es von seinem Ursprung, der zugleich sein Ziel ist,
15 getrennt wird. Aus alter Zeit tönt es
in ewiger Wahrheit zu uns
herüber:
«Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle
Erkenntnisse und hätte allen Glauben, also dass ich Berge versetzte, und
hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe
den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht,
so wär’s mir nichts nütze!»
(1.Kor. 13,1–3)
Freuet euch, dass eure Namen aufgeschrieben sind im Himmel!
Hier sind die starken Wurzeln unsrer Kraft. Hier ist die Quelle, von der
aus die Felder unsrer Arbeit befruchtet sein müssen, damit sie nicht
verdorren sollen, wenn die Sonne von Not und Unglück sticht, wenn der verderbliche Wind unsrer
eigenen Sünde und Schwachheit 16 darüber geht.
Die Väter unsrer reformierten Kirchen, Calvin und Zwingli,
haben aus dem starken Glauben an Gottes vor der Welt geschehene Wahl der
|96
Gnade die Kraft und
den Mut geschöpft, ihr Werk zu tun,9 und die
Geister waren ihnen untertan. Wenn wir heute, jeder an seinem Ort, in
unsrer besondern Weise vor die Aufgabe gestellt sind, Gottes Willen in der Welt zu
vollbringen, so wollen wir uns in ihrem Geiste Zuversicht und Klarheit
schenken lassen im verborgenen Leben mit Gott, das wie
der Anfang so auch das Ziel unsrer Hoffnung ist.
Dem Jünger Jesu sind die Geister
der Welt untertan! Alles ist euer! (1.Kor. 3,21). – Aber das ist das ewige
Leben, dass sie dich,
der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christ,
erkennen! (Joh. 17,3).