Predigt: Genesis 1,1
Das erste Wort der Bibel, das ich soeben vorgelesen habe, ist ein Wort des Glaubens. Diejenigen Menschen, denen Gott aus einem leeren Wort zum Inhalt ihres Lebens geworden, erfahren und bezeugen es, dass die unendlich mannigfaltige äußere Wirklichkeit, in die sie als Menschen hineingestellt sind, vom Milliarden Kilometer entfernten Gestirn des Himmels bis zum kleinsten Pflänzchen unsres Feldes, von den Geschicken der Menschheit und ihrer Völker bis zu den feinsten, unbewussten Regungen ihres eigenen Herzens, geworden ist durch Gottes allmächtigen Schöpferwillen, der sie hervorgerufen aus dem Nichts. Für die Menschen, die Gott nicht erlebt haben, sind diese Gedanken notwendig sinnlos. Sie können in Himmel und Erde oder, wie wir sagen würden: in der Welt nichts Anderes finden als einen endlosen Zusammenhang der Ursachen und ihrer Wirkungen, eine große Uhr, um mit dem oft gebrauchten Gleichnis zu reden, die nach ihrem bestimmten Mechanismus abläuft.2 Warum soll gerade ein Gott |81 am Anfang stehen? Und von ihren Voraussetzungen aus haben diese Menschen ganz recht. Unser Bewusstsein hat seine bestimmten Schranken, es vermag den Gedanken eines schöpferischen Gottes niemals zu fassen. Und darum ist die Behauptung: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» ein Wort des Glaubens. Nicht eines unbestimmten Ahnens und Fühlens, sondern des Glaubens an einen gerechten und barmherzigen Gott, uns Christen in Jesus offenbar geworden als unser Vater. Ja, ich möchte sagen, dies Wort ist ein Prüfstein für jeden von uns, ob unser Glaube echt ist oder nur etwas äußerlich Angelerntes. Denn auch für den, der das Dasein eines höchsten Wesens für wahr hält, kann diese Behauptung ziemlich belanglos sein. Der Gedanke einer göttlichen Schöpfung kann ihm eine Erklärung des Ursprungs der Welt sein wie andre Erklärungen auch, die er nur darum vorzieht, weil sie ihm wahrscheinlicher ist als manche andre, ohne dass siea ihn tiefer berührt. Wer so denkt, glaubt nicht im Sinne Jesu, sein Weltschöpfer, von dem er redet, ist nicht der Vater Jesu. In Wirklichkeit enthält der Glaube an Gottes Schöpfung die ganze christliche Lebensauffassung. In wenig Wochen feiern wir Bettag.3 Ich glaube, dass die Vertiefung in das, was das erste Wort der Bibel uns zu sagen hat, uns vorbereiten kann, diesen Tag nicht gedankenlos, sondern wirklich als einen Tag der Buße, des Gebets und des Dankes zu feiern.
I
Wo ein Mensch das große Glück gehabt hat, Gott als seinen Herrn zu erkennen, dem er gehorchen will und dem er vertraut, da wird es auch nicht an der Überzeugung fehlen, dass Alles durch Gott geworden ist und besteht. Eben die Sicherheit dieser Überzeugung nannte ich einen Prüfstein für unsern Glauben.
82 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gott schuf die Welt
der sehbaren, hörbaren, fühlbaren Dinge, die Welt unsrer fünf Sinne, in der wir Alle leben,
Gott schuf aber vor Allem uns selber mit
unsern guten und bösen Anlagen, mit großen Fähigkeiten und Schwächen,
mit der Bestimmung zur Herrschaft über die Erde [vgl.
Gott ist von der Welt unterschieden.
Wer also Gott seinen Herrn nennt, kann nicht zur selben Zeit in der Welt
sein höchstes Gut finden. «Ihr könnt nicht Gott dienen und
dem Mammon» [
Ich habe irgend ein Stück Welt außer mir oder in mir Gott und seinem Willen vorgezogen?! – |
84 Gott schuf Himmel und Erde.
Nicht Himmel und Erde und ihre Güter können unserm Leben Inhalt
geben, sondern nur, der sie geschaffen, Gott, der Geist und Wahrheit ist [vgl.
II
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und
darum weiß der Mensch, in dem Gott selbst lebendig geworden, dass
alle Dinge von diesem Gott abhängig, in jedem Moment
seinem Willen unterworfen sind. Wir haben gesehen: Die Güter der
geschaffenen Welt dürfen uns als Christen nicht an Stelle Gottes treten,
denn als der Schöpfer
steht er hoch über diesen Gütern. Die geschaffene Welt enthält aber
nicht nur Gutes, sondern, wie wir Alle wissen, große Übel, die uns die Welt zum Gegenstand
unsrer Sorge machen. Und von diesen Übeln gilt: sie sind in der Hand des
Gottes, der unser Bestes will, und können uns daher nicht von ihm
trennen. – Ihr erinnert euch, wie
Alle Dinge, denn im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, es gibt also schlechterdings nichts, das seinem Willen entzogen wäre, und dieser Wille ist darauf gerichtet, sein Volk frei und selig zu machen.
Seht, auch hier wollen wir uns nicht um gelehrte Beweise
streiten, wie man sie versucht hat, um nachzuweisen, dass Gottes Weltregiment auch im
Übel zum Guten führe. Wer von Gott nichts weiß, sieht eben |85 auch sein Walten nicht,
sondern nur eine Reihe an sich sinnloser Ereignisse, die ihn angenehm
oder schmerzlich berühren, und kein Beweis wird ihn eines Bessern
belehren, sondern nur Gott selbst, der ihm die Augen auftut. Es handelt
sich da um eine Angelegenheit, die allen Beweisen unzugänglich ist, die
nur du selber für dich erledigen kannst. Es ist wohl Keines unter uns,
das auf seiner Wanderung durch diese Welt nicht eine Last schwererer oder leichterer Sorgen mitbekommen hat. Den
drücken Sorgen der Nahrung, bei jenem ist Krankheit oder Tod eingekehrt,
der dritte hat allerlei Leides erfahren von den Menschen, und der vierte
kann mit sich selber und seinen Trieben und Neigungen nicht fertig
werden. Das sind nur einige von den Übeln, die das Leben in der Welt
mit sich bringt. Und wenn sich dann solche Übel häufen, wer wäre dann
nie ratlos und unmutig geworden? Aus der niederschmetternden Stimmung
solcher Zeiten kann uns nur Eines helfen: die Besinnung auf das, was Gott uns in unserm Innern hat
erleben lassen, die Besinnung auf die Tatsache, dass auch wir zu denen
gehören, die «nach dem Vorsatz berufen sind» [
86 Gott schuf Himmel und Erde! Was zwischen Himmel und Erde ist, es wird uns von Gottes Liebe nicht zu scheiden vermögen, solange wir innerlich mit Gott in Verbindung sind.
III
Die Überzeugung, dass Gott die Welt schuf, weist uns nicht nur hin auf unsre Bestimmung, Gott und nicht die Dinge der Welt als Endziel unsresWollens und Denkens anzustreben, sie gibt uns nicht nur die Gewissheit, dass nichts in dieser Welt uns von Gott trennen kann, sie lehrt uns – und das ist das unveräußerlich Wichtigste an dieser Überzeugung – die Welt, in der wir leben, verstehen als das vergängliche Mittel für einen unvergänglichen göttlichen Zweck. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, nicht eine Macht, die neben oder unter Gott stünde, nicht ein besonderer Weltschöpfergott, wie eine christliche Sekte des zweiten Jahrhunderts lehrte,7 aber auch nicht ein blindes Gesetz der Natur. Der Gott, der für uns Christen am Anfang alles Geschehens steht, ist kein anderer als der, den wir mit Jesus als unsern Vater anrufen. Und eben weil dem so ist, wissen wir auch, dass, was er geschaffen, nur Mittel sein kann für seinen Zweck, und er hat nur einen Zweck, uns zu sich zu rufen. In dieser Erkenntnis können wir nun das zusammenfassen, was wir vorher gesagt haben. Gott schuf die Welt, nicht nur den Himmel droben und die Erde drunten, sondern deine Welt, deinen Himmel und deine Erde, will sagen: deinen ganzen dir so wohlbekannten Kreis von Menschen und Verhältnissen, von Sorgen oder Freuden, von Armut oder Reichtum, von Krankheit oder Gesundheit, von Unglück oder Glück. In alledem ist nichts, das ohne Gottes Willen wäre! Gott hat dir Vieles geschenkt an innern und äußern Gütern; ihr rechter Gebrauch, die rechte Freude daran kann dich und andere weiterbringen auf dem Wege zu ihm. Gott hat dein Glück gewollt, und wenn du dir das sagst, wirst du Gott danken, und |87 nicht nur das: dein Dank wird Tat werden. Gott hat dir vielleicht noch mehr genommen oder vorenthalten, du siehst nicht, warum und wozu, und doch kannst du felsenfest darauf bauen, dass es zum Guten sein muss. Gott wollte auch dein Unglück, und wenn er in deinem Herzen wirklich Gott ist, kannst du ihm auch dafür danken, durch herzliches Vertrauen und tapferes Aushalten. – |
Die Gewissheit, dass Gott deinen Himmel und deine Erde geschaffen, j-stellt dein ganzes Leben in ein neues Licht-j. Die Gewissheit, dass er der Urheber gerade deines Lebens, deiner Verhältnisse ist, wie sie einmal sind, k-gibt dir den Mut-k, sie freudig hinzunehmen, dich mit ganzer Kraft der Arbeit hinzugeben, die gerade dir obliegt, und wäre sie noch so geringfügig und unbedeutend in den Augen Anderer, sie l-veredelt deine Freude und deinen Schmerz-l. Die ernste Überzeugung, dass Gott und nicht die Dinge der Welt der Inhalt deines Lebens sein müssen, wird dir die Freude der Arbeit in dieser Welt nicht nehmen, sie macht sie erst möglich; die Welt wird dir kein Schlaraffenland sein, aber auch kein Tränental, sondern der gottgewollte Ort deines gottgewollten Tuns.
Meine Freunde! Alle diese Gedanken sind der Ausdruck des christlichen
Glaubens an Gott den Schöpfer. Aber wie weit sind wir Alle davon entfernt, dass
sie in uns kräftige Gestalt gewonnen! Wie oft haben wir Gott vergessen,
wie oft ihm nicht vertraut, wie oft freudlos und mutlos unser Los, unsre
Arbeit hingenommen. Der kommende Bettag kann uns ein
Anlass werden, hier neu anzufangen, damit das Wort des letzten Buches
der Bibel an jedem von uns zur
Wahrheit werde: «Nun ist das Reich der Welt – meiner Welt
– Gottes und seines Christus geworden» [
- Nr. 42: «Die goldne Sonne» von
P. Gerhardt , Strophen 1.2 und 3.4 (RG 571; EG 449 [dort jeweils: «Die güldne Sonne»]). - Nr. 266: «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt, Strophen
1–3 (RG 680; EG 361).
- Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz , Strophen 1.2 und 9 (RG 247,1.2.11; EG 331,1.2.11 [mit teils abweichendem Text]). - Nr. 270: «Was Gott tut, das ist wohlgetan» von S.
Rodigast, Strophen 1.2.6 (RG 684; EG 372).
- Nr. 42, Strophen 1 und 2
- Lekt[ion]:
Ps. 8 - Nr. 42, Strophen 3 und 4
- Gebet II
- Pred[igt]
- Nr. 266, Strophen 1–3
- Gebet I
- Nr. 25, Strophen 1 und 2
- Lekt[ion]:
Ps. 126 - Nr. 25, Strophe 9
- Gebet III
- Pred[igt]
- Nr. 270, Strophen 1.2.6
- Gebet II