Predigt: Psalm 84,2-5
Die Meisten von euch sind wohl davon unterrichtet, dass nach Beschluss des
bernischen Synodalrats die diesjährige
Bettagskollekte unsres Kantons dem Bau einer Kapelle in unserm
Nachbardorf
Von der Freude an der Kirche wollen wir heute zusammen sprechen.
I
Das Psalmwort, das wir verlesen haben, führt uns im
Geiste zurück ins alte Israel, und zwar zu der Zeit, als es aus der Verbannung ins
Land der zwei Ströme auf Erlaubnis des Perserkönigs4 wieder zurückgekehrt war ins heilige
Land
Im schweren Leben des Alltags, das mit den Ansprüchen und Erwartungen des
Gottesvolkes so gar nichts gemein hatte, erhob der fromme Israelit seine
Gedanken, sein ganzes Inwendiges zum Tempel. Denn der dort wohnte, das
war ja der Herr der Heerscharen, von dort musste die Hilfe kommen. So groß die
Bedrängnis sein mochte, er war Herr auch über die Bedränger. Und zur
Festzeit zog dann der Hausvater mit den Seinen hinauf nach
75 Seht, meine Freunde, wenn wir die Bibel lesen, so wollen wir doch lernen, ein Auge zu haben
für die Eigenart des Lebens und Wesens jener Menschen der alten Zeit,
das von dem unsern so verschieden ist. Die Eigenart, das Besondere, muss
uns zum Bewusstsein kommen, wenn wir uns an dem aufrichten wollen, was
uns mit ihnen verbindet. Und das Besondere,
das wir bei unserm Textwort ins Auge fassen müssen, ist der Gedanke,
dass Gott an einer bestimmten Stätte wohnt und angebetet
wird. Was das sagen will, könnt ihr euch vielleicht am besten
vergegenwärtigen, wenn ihr an die Bedeutung
des Gotteshauses im religiösen Leben unsrer katholischen Mit-Christen denkt.
Nach ihrer Anschauung sind ja ihre Kirchen im eigentlichen Sinne
Wohnungen Gottes, denn sie bewahren auf dem Altar die in des Herrn Leib
gewandelten Hostien. So ist die Kirche der Ort der Anbetung wie keine
andre Stätte. Wir empfinden und beurteilen das nicht so. Als die Juden und die Samariter sich stritten, ob
der
II
Wie nun? Und doch bauen wir Kirchen? Und doch freuen wir uns unsrer Kirchen? Und doch empfinden wir am Sonntagmorgen, wenn die Glocken ertönen, etwas davon: «Wie lieblich sind deine Wohnungen!» Und mehr als sonst drängt es sich auf unsre Lippen: mein Herz freuet sich in dem lebendigen Gott? Ist das Alles nicht eine Verleugnung unsrer christlichen Erkenntnis, dass es keine besondern Stätten der Andacht gibt, sondern dass wir, wo wir sind, vor Gott stehen? Wenn wir diese Fragen beantworten wollen, so müssen wir uns recht klar machen, was für uns die Kirche eigentlich bedeutet. Wir haben am Anfang jedes Kirchengebäude ein sichtbares Zeichen der Gemeinschaft derer genannt, die an das Evangelium glauben.b Vom Zeichen müssen wir also zurückgehen auf das, was das Zeichen bedeutet, vom Kirchengebäude auf das, worauf es uns hinweist, nämlich auf die Ge|77meinschaft der Bekenner des Glaubens. Und dann können wir die Frage so stellen: Warum haben auch wir eine solche Gemeinschaft nötig, und warum freuen wir uns derselben? Warum sind wir, trotzdem wir wissen, dass Anbetung Gottes nur möglich ist im Geist, von Person zu Person, hier als Kirche, als Gemeinde versammelt? Was besteht für ein Zusammenhang zwischen unserm eigenen, persönlichen Verhältnis zu Gott und dem, was wir hier in derKirche beten, singen und reden? Nun seht, dieser Zusammenhang ist sehr einfach und keineswegs zufällig, sondern tief im Wesen unsres Glaubens begründet. Die Gemeinschaft der Christen war von dem Augenblick an da, da Jesus die ersten Jünger zu sich rief und sich ihnen kundgab als der Helfer aus der Sünde, als der Bringer des wahren Gottesreiches; diese Jünger riefen wieder Andre zum Herrn, und in diesem großen Zusammenhang stehen auch wir Alle in irgend einer Weise. Die Bekanntschaft mit Jesus, die Gelegenheit, seine frohe Botschaft zu ergreifen, verdanken wir nicht uns selbst, sondern der Barmherzigkeit Gottes, die uns durch den Mund der christlichen Gemeinde diese Botschaft vermittelt. Auch die äußern Urkunden dieser Botschaft im Neuen Testament wären uns ja verloren gegangen, wenn nicht die Gemeinde ein Interesse daran gehabt hätte, sie aufzuzeichnen und zu sammeln. Jeder Einzelne von uns, ohne Ausnahme, verdankt das Gut seines Glaubens zunächst der Gemeinschaft der andern Christen, soweit diese Gemeinschaft persönliches Leben, göttlichen Geist atmete. |
Und nun das Andere, Wichtigere: Der so entstandene Glaube drängt uns seinem innern Wesen [nach] immer wieder dazu, mit Andern in Verbindung zu treten, die auch von sich sagen können, dass Jesus sie zu Gott geführt hat. Dieser Glaube ist freilich ein Verhältnis zwischenGott und Seele, zwischen der Seele und Gott7 und nichts |78 Anderes, aber sobald wir nach dem Inhalt dieses Verhältnisses fragen, so entdecken wir, dass es seine Natur ist, die Andern, die Brüder mit einzubeziehen in diesen Bund. «Reich Gottes», das war der Ausdruck, mit dem Jesus selbst die neue Frömmigkeit bezeichnete, die er brachte. Wirklicher Glaube ist nicht denkbar ohne den Drang nach Mitteilung, nach Berührung mit Andern, er muss sich fortpflanzen wie der Windstoß sich als Welle der Oberfläche des Seespiegels mitteilt. Aus der Entstehung des Glaubens wie aus dem Trieb des entstandenen Glaubens ergibt sich das, was wir die Gemeinde oder Kirche nennen, und als ein Teil dieser Gemeinde Christi fühlen wir uns, wenn wir nicht nur aus Macht der Gewohnheit, sondern in ernstem Verlangen nach Gott des Sonntags die Kirche aufsuchen.
Und nun wenden wir uns wieder zurück zu
unserm Psalmwort. Es ist ein Ausdruck der frommen Freude am Hause des
Herrn. Wir haben gesehen, dass unsre Voraussetzungen andre geworden
sind, und wir wollen es nicht rückgängig machen: Gott wohnt nicht gleich
uns in Häusern, die von Händen gemacht sind [vgl.
79 «Mein König und mein Gott!» Seht, liebe Freunde, wer im Aufblick zu Jesus, der ihm geholfen, und wäre er noch so schwach und unvollkommen, aufrichtig sagen darf: «mein König und mein Gott», der kennt und erlebt dieses Gottes Gegenwart in einer Weise, wie es der Psalmsänger noch gar nicht geahnt hat. Es ist unser großes Vorrecht, dass uns das Evangelium von den Altären weg zu Gott selbst geführt hat. Aber dieses Vorrecht enthält eine große Pflicht, und wir wollen nicht von unserm Gegenstand Abschied nehmen, bevor wir uns diese Pflicht vor Augen gehalten! Ohne unser Verdienst ist das Reich Gottes durch die Vermittlung der Menschen zu jedem von uns gekommen. Wohlan, wenn wir Glieder dieses Reiches sein wollen, hier sind die Menschen, und an unsrer Stellung zu ihnen wird es sich zeigen, ob wir solche Glieder in Wirklichkeit sind c-oder nur in unsrer frommen Einbildung-c. Die Wohnungen des Herrn sind da, wo die Menschen einander lieb haben. Wenn wir Kirchen bauen und Gottesdienste besuchen, so wollen wir uns doch klar sein darüber, dass das Alles in letzter Linie nur Mittel sein sollen, um diese Liebe stark zu machen.
Gott will einziehen in unser aller Herzen, wir wollen ihm stille halten, dann wird es auch für uns aus einer vorübergehenden Sonntagsfreude zur bleibenden Lebenserfahrung werden, dass seine Wohnungen lieblich sind.
- Nr. 184: «Treuer Heiland, wir sind hier» von
Chr. H. Zeller , Strophen 1.2.4 (RG 165 [dort: «Liebster Jesu…»]). - Nr. 168: «O dass doch bald dein Feuer brennte» von G. Fr.
Fickert, Strophen 1.2.7 (RG 816; EG 255).
Gebete: I und VIII.