Predigt Nr. 8 · 23. August 1908

Predigt: Lukas 12,54–57

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Lukas 12,54–57
Jesus sprach aber zu dem Volk: Wenn ihr eine Wolke sehet aufgehen vom Abend, so sprecht ihr alsbald: Es kommt ein Regen; und es geschieht also. Und wenn ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß werden; und es geschieht also. Ihr Heuchler!Die Gestalt der Erde und des Himmels könnt ihr prüfen; warum prüfet ihr aber diese Zeit nicht? Warum richtet ihr aber nicht von euch selber, was recht ist?
Liebe Zuhörer!

Das eben verlesene Wort Jesu macht uns auf eine eigentümliche Zwiespältigkeit im Wesen des Menschen aufmerksam. Er ist gewohnt, die Erscheinungen der Natur aufmerksam und durch eigene Anschauung auf ihre Folgen zu prüfen, er hat durch Erfahrung Verständnis gewonnen von diesen Erscheinungen und weiß dies Verständnis anzuwenden. Ganz anders, wenn es sich darum handelt, sich selber zu beurteilen: nicht nur fehlt ihm dazu die Aufmerksamkeit, er findet den Mut nicht zur eigenen Anschauung dessen, was ihm nottut. So tappen wir im Dunkeln, Schlafwandelnden gleich, führerlos, ziellos. Jeder von uns ist sich solcher Zeiten in seinem Leben bewusst, wo es ihm zu Mute war, als sei er in einem Schifflein ohne Ruder und Steuer dem Ozean preisgegeben durch eigene Schuld. – Aus dieser Not will uns Jesus frei machen. Es gibt nur einen Ausweg; die Anfangsstrecke dieses Weges zeigt unser Textwort: Wende die Aufmerksamkeit und eigene Anschauung, die du der Natur widmest, auf dein eigenes Leben an! Die Wahrheit gegen dich selbst ist der Anfang deiner Befreiung!

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I

Wenn ihr eine Wolke seht aufgehen vom Westen, so sprecht ihr alsbald: Es kommt ein Regen; und es geschieht also. Und wenn ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht also. Die Beobachtung, die Jesus hier ausspricht, ist uns allen ohne Weiteres verständlich. Auch wir wissen aus den Wolken und der Richtung des Windes das Wetter mit mehr oder weniger Sicherheit vorauszubestimmen. Im heiligen Lande war der Vergleich darum noch anschaulicher, weil in heißen Gegenden die Witterung viel plötzlicher umschlagen soll als bei uns. Aber dieser Vergleich hat doch gerade uns heutigen Menschen viel zu sagen: weiß doch ein jeder, wie wichtig gerade uns die Beobachtung und Beherrschung der Natur und ihrer Kräfte immer mehr geworden ist. Die Menschen können heute noch ganz andere Dinge als das Wetter bestimmen: wir haben Alle in den letzten Wochen vom lenkbaren Luftschiff des Grafen Zeppelin gelesen.2 Oder denken wir an das große Werk, das gegenwärtig in unserm Kanton im Gange ist: Hat man es nicht fertig gebracht, ganze Gebirgsmassen zu durchbohren, um dem eiligen Verkehr der Menschen und ihrer Güter neue Wege zu bahnen!?3 Das sind erstaunliche Dinge, |67 und doch sind sie möglich geworden, weil der Mensch gelernt hat, die Natur samt ihren Gewalten, denen er einst hilflos gegenüberstand, ruhig zu beobachten, aus den Ursachen auf ihre Folgen zu schließen und demgemäß zu handeln. Aus der Erfahrung leitet er Gesetze ab, deren verständnisvolle Verwendung das scheinbar Unmögliche immer wieder wirklich machta. «Es geschieht also», um mit unserm Text zu reden, das erlebt der heutige Mensch in viel höherm Grade als die Menschen, zu denen einst Jesus redete. |

Aber nun stoßen wir auf eine merkwürdige Tatsache: Das Wissen ist fortgeschritten, aber auf dem Gebiet des Willens sind wir doch jenen Zeitgenossen Jesu um nichts voran. Sein Vorwurf der Unwahrhaftigkeit trifft uns mit gleicher, ja mit größerer Schärfe als jene, eben weil die Menschen unterdessen gelernt haben, «die Gestalt der Erde und des Himmels» noch viel genauer und exakter zu erforschen. Ist es nicht merkwürdig: Wir kennen die Bahn der Winde, ja der Gestirne des Himmels – und sind immer wieder ungewiss über die Grundrichtung unsres Denkens und Wollens, wir sind genau und sachlich dem gegenüber, was uns eigentlich viel ferner liegt, was wir nicht in der Gewalt haben – und die wichtigste persönliche Frage nach dem, was recht ist, behandeln wir mit einer merkwürdigen Oberflächlichkeit und Unselbständigkeit! Hier muss etwas Neues in unser Leben hineintreten, wenn wir Jesu Jünger sein wollen, wir müssen wahr und genau werden uns selber gegenüber, wie wir es den Erscheinungen der Natur gegenüber sind. Nach zwei Richtungen wollen wir das verfolgen: Der Christ soll gegen sich selbst aufrichtig und selbständig sein.

II

Warum prüfet ihr die Zeit nicht? Das Wort ging an die Pharisäer und ihre Genossen als solche, die ihre Zeit nicht verstanden, weil sie sie nicht zu prüfen wussten. Nach ihrem Reden und Tun freilich konnte |68 es scheinen, als ob sie nur an Gott dächten, ja sie nahmen es streng mit der Erfüllung seiner Gebote, sie redeten vom Gesetz Tag und Nacht [vgl. Ps. 1,2]. Und doch hatten sie Gott verloren, sie verstanden es nicht mehr, hinzuhören auf die Stimme seines wahren Willens, und so fand die große Zeit ein kleines Geschlecht:4 sie wussten mit Jesus und seiner Botschaft nichts anzufangen, weil er nicht hineinpasste in ihre Gedanken. Wir wollen nicht über diese Leute schelten: ich glaube, es wäre uns gegangen wie ihnen, ja es geht uns noch immer so. Der Vorwurf trifft uns mit voller Wucht: Warum prüfet ihr die Zeit nicht? Wir nehmen uns die Mühe, Wind und Wolken zu beobachten, wir erforschen den menschlichen Körper bis in seine feinsten Teile, wir bauen Eisenbahnen und Luftschiffe – und wie oft vergessen wir darüber das, was wichtiger ist, die Besinnung auf uns selbst, die Frage: wozu bin ich da? was hat dieses ganze Leben eigentlich für einen Sinn? Denn «die Zeit prüfen» heißt doch wohl nichts Anderes als sich fragen: Was ist not? Die Zeit prüfen heißt: aus allem äußern Erleben heraus hören auf die Stimme, die uns sagt, was ewig giltig und wertvoll ist. Gerade das haben Viele nie gelernt und Viele längst verlernt über der Jagd nach Erwerb und Vergnügen. Ihr äußeres Erleben ist ihnen tot, sie verstehn nicht, es zu deuten, sie gehen dahin, ohne andre Ziele zu kennen als die Befriedigung jener natürlichen Triebe. Warum prüfet ihr die Zeit nicht? Besinne dich auf dich selbst: ist ein solches Leben wert, gelebt zu werden? Jesus nannte diejenigen Heuchler, die es nicht wagen, sich diese Frage zu stellen, einfach und aufrichtig, wie man den Himmel auf das kommende Wetter ansieht. Heuchelei aber ist Unwahrhaftigkeit gegen sich selbst, und wir tragen alle ein Stück davon in uns herum – sieh einmal zu: du fürchtest dich vor Niemand so wie vor dir selbst. Gerade das muss anders werden: du sollst den Willen in dir wecken, dich selbst zu verstehen, dann wird dir das, was du äußerlich erlebst, nicht mehr eine sinnlose Folge von Ereignissen sein, du kannst dann die Zeit prüfen und wirst in der Zeit Gott finden. Denn jenes Ewig-Giltige, das dir dann als Inhalt deines Lebens aufgeht, ist doch nichts Anderes als der lebendige Gott. Er fehlt uns, |69 solange wir nicht gelernt haben, die Zeit zu prüfen, unser Leben zu deuten, denn er ist ein Gott, der gesucht sein will, und der Anfang ist der Wille zum Verstehen oder die Aufrichtigkeit.

III

Aufrichtigkeit gegen dich selbst! Damit ist schon das Zweite gesagt: Warum richtet ihr nicht von euch selber, was recht ist? Wenn du das Wetter vorhersagen willst, wirst du das in einem Buch aufsuchen? Nicht wahr, das wäre ein Tor, der so handelte, denn was morgen für Wetter ist, steht in keinem Buche. Gerade diese Torheit war der Kernpunkt dessen, was Jesus den Pharisäern vorwarf. Der Grund ihrer Verständnislosigkeit für die Zeit war doch kein anderer als der: Gott war ihnen keine gegenwärtige, sondern eine vergangene Größe. Es war, als ob dieser Gott im Mosegesetz sein Testament gemacht habe und dann gestorben sei; die pünktliche Erfüllung dieses Gesetzes hieß nun Gottesdienst. Wer pünktlich war, war gerecht; aber das war eine schwere Sache, denn links und rechts drohten Gebote und Gebötlein. Jesus nennt diese Frömmigkeit Heuchelei. Warum richtet ihr nicht von euch selber, was recht ist? Die Aufrichtigkeit, deren es bedarf, die Zeit zu prüfen, kann kein Mensch dem Andern abnehmen, er selbst muss entscheiden, was recht ist, er selbst muss sich seiner Bedürfnisse bewusst werden, sonst ist all seine Religion das Gegenteil von Aufrichtigkeit. Eins ist not! [Lk. 10,42] Aber «da tritt kein Anderer für dich ein!»5 Du selbst musst ins Auge fassen, wo es dir nottut, wo in deinem Leben das Hindernis liegt, das dem Ewigen, Heiligen den Zutritt versperrt, und du selbst musst Hand anlegen, dieses Hindernis wegzuräumen. Diese Zumutung an uns selbst scheint uns freilich im|70mer wieder das Allerschwerste, und wir tun gut, sie in ihrer Schwierigkeit zu erkennen. Aber wir wollen uns hüten, uns davon zu dispensieren, wenn schon der Möglichkeiten dazu gar viele sind. Wir selbst müssen uns die schwere Frage stellen und beantworten; die Kirche, der du angehörst, Vater und Mutter, die für dich beten, auch die Lehren und Erzählungen der Bibel können dich dazu nur anleiten, niemals aber an Stelle deiner eigenen Überlegung und Entscheidung treten. Die Reformation hat uns evangelische Christen wieder auf uns selbst gestellt, wie es der klare Wille Jesu war. |

«So bestehet nun in der Freiheit, b-zu der-b uns Christus befreiet hat, und lasset euch nicht wiederum unter das Joch der Knechtschaft fangen» [Gal. 5,1]. Diese Freiheit, dieses selber richten, was recht ist, wird uns eine beständige Aufgabe bleiben, bei der es ohne schwere Kämpfe nicht abgeht. Aber wer sie einmal in Angriff genommen, der wird die Erfahrung machen, dass wir bei dieser Aufgabe nicht allein gelassen sind. Denn das, was wir dann in der Zeit, in den Führungen unsres Lebens entdeckt haben, das Rechte, das wir in ernster Selbstprüfung ergriffen haben, das ist doch nichts als Gott selbst, der uns als seine Kinder zu sich zieht. Und je aufrichtiger und selbständiger wir unsern Weg gegangen sind, umso mehr werden wir erkennen:

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren.6

Wir sind davon ausgegangen, dass wir selber den Mut fassen müssen zur eigenen Besinnung und Tat – unser Weg wird, je ernstlicher wir vordringen, in der Erkenntnis endigen, dass Gott es ist, der Wollen und Vollbringen in uns wirkt [vgl. Phil. 2,13]. Er lenkt Wolken, Luft und Winde7 nach seinem Wohlgefallen und hat uns doch in diese Welt gestellt mit dem Befehl: Machet euch die Erde untertan [Gen. 1,28].

71 Er leitet auch die Herzen der Menschen wie Wasserbäche [vgl. Jer. 31,9], und doch bleibt es dabei, dass wir selbst uns aufmachen müssen, ihn zu finden.

Prüfe deine Zeit! Richte selber, was recht ist! Aber freue dich: So ihr mich von ganzem Herzen suchet, will ich mich finden lassen [Jer. 29,13f.].

Amen!
Lieder:
  • Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450). 🎵
  • Nr. 1: «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr» von N. Decius, Strophen 1–2 (RG 221; EG 179 [jeweils mit geringen Textabweichungen]). 🎵

Gebete III und VII.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «machen»; von den Hrsg. korrigiert.↩
b-b
Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «damit».↩

Sachfußnoten

1
Von Ende August bis Mitte September 1908 versah Barth selbständig ein Vikariat in Pruntrut / Porrentruy im Berner Jura (heute Kanton Jura); vgl. oben, S. X. Im überwiegend katholischen Dorf Miécourt / Mieschdorf, acht Kilometer östlich von Pruntrut, bestand eine reformierte Filialgemeinde, die ihre Gottesdienste in einer «alten engen Schulstube» abhielt, aber dem alsbaldigen Bau einer eigenen Kapelle entgegensah; vgl. unten, S. 72.↩
2
Nachdem Ferdinand Graf von Zeppelin (1838–1917) mit dem dritten von ihm gebauten Luftschiff, LZ 3, das bis 1908 über 4000 Kilometer zurücklegen und dann an das deutsche Militär verkauft werden konnte, erstmals ein auch kommerzieller Erfolg gelungen war, startete am 4. August 1908 das verbesserte Modell LZ 4 zu seiner ersten langen Probefahrt von Friedrichshafen nach Mainz. Auf der Rückfahrt wurde das Luftschiff bei einer Zwischenlandung in Echterdingen bei Stuttgart von einem Sturm erfasst und fing Feuer. Alle Ereignisse wurden – wie alles mit den Luftschiffen Zusammenhängende – in der Bevölkerung mit höchstem Interesse verfolgt, was sich nicht zuletzt an den Ereignissen im Gefolge dieses Absturzes zeigte: Das finanzielle Desaster, das der Verlust des Luftschiffes für Graf Zeppelin bedeutete, wurde in den folgenden Monaten durch die größte private Spendenaktion im deutschen Kaiserreich, die sogenannte «Zeppelinspende», abgewendet, die bis Ende Dezember 1908 über sechs Millionen Mark erbrachte und nun im Gegenteil den weiteren, auch kommerziell abgesicherten Luftschiffbau erst ermöglichte. Vgl. G. de Syon, Zeppelin! Germany and the Airship. 1900–1939, Baltimore/MD 2002, S. 35–38. 📖 ↩
3
Gemeint sind wohl die Eisenbahntunnel, deren Bau für die vom Kanton Bern angestrebte eigene Nord-Süd-Verbindung notwendig waren, die zugleich das zentrale Stück einer schnellen Bahnverbindung zwischen Paris und Italien bildete: Die erste Röhre des Simplon-Eisenbahntunnels, der mit knapp 20 Kilometern Länge bis in die 1970er Jahre hinein der längste Gebirgstunnel der Welt bleiben sollte, war 1906 eröffnet worden. Im selben Jahr begann der Bau des Lötschbergtunnels, im Herbst 1911 der des Grenchenbergtunnels.↩
4
Vgl. Fr. Schillers Epigramm Der Zeitpunkt (1791; ders., Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 260) 📖:
Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren;
Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.
↩
5
Vgl. die erste Strophe des Gedichtes «Reiterlied» von Fr. Schiller (a.a.O., S. 413f., dort S. 413 📖; auch in: ders., Wallensteins Lager, elfter Auftritt [a.a.O., Bd. 2, München 19623, S. 309]) 📖:
Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
Da wird das Herz noch gewogen.
Da tritt kein anderer für ihn ein.
Auf sich selber steht er da ganz allein.
↩
6
Aus Strophe 2 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (RG 32; EG 362) 🎵.↩
7
Vgl. Strophe 1 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (RG 680; EG 361) 🎵:
Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.
↩