Predigt: Lukas 12,54–57
Das eben verlesene Wort Jesu macht uns auf eine eigentümliche Zwiespältigkeit im Wesen des Menschen aufmerksam. Er ist gewohnt, die Erscheinungen der Natur aufmerksam und durch eigene Anschauung auf ihre Folgen zu prüfen, er hat durch Erfahrung Verständnis gewonnen von diesen Erscheinungen und weiß dies Verständnis anzuwenden. Ganz anders, wenn es sich darum handelt, sich selber zu beurteilen: nicht nur fehlt ihm dazu die Aufmerksamkeit, er findet den Mut nicht zur eigenen Anschauung dessen, was ihm nottut. So tappen wir im Dunkeln, Schlafwandelnden gleich, führerlos, ziellos. Jeder von uns ist sich solcher Zeiten in seinem Leben bewusst, wo es ihm zu Mute war, als sei er in einem Schifflein ohne Ruder und Steuer dem Ozean preisgegeben durch eigene Schuld. – Aus dieser Not will uns Jesus frei machen. Es gibt nur einen Ausweg; die Anfangsstrecke dieses Weges zeigt unser Textwort: Wende die Aufmerksamkeit und eigene Anschauung, die du der Natur widmest, auf dein eigenes Leben an! Die Wahrheit gegen dich selbst ist der Anfang deiner Befreiung!
I
Wenn ihr eine Wolke seht aufgehen vom Westen, so
sprecht ihr alsbald: Es kommt ein Regen; und es geschieht also. Und
wenn ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß
werden. Und es geschieht also. Die Beobachtung, die Jesus
hier ausspricht, ist uns allen ohne Weiteres verständlich. Auch wir
wissen aus den Wolken und der Richtung des Windes das Wetter mit mehr
oder weniger Sicherheit vorauszubestimmen. Im
Aber nun stoßen wir auf eine merkwürdige Tatsache: Das Wissen ist fortgeschritten, aber auf dem Gebiet des Willens sind wir doch jenen Zeitgenossen Jesu um nichts voran. Sein Vorwurf der Unwahrhaftigkeit trifft uns mit gleicher, ja mit größerer Schärfe als jene, eben weil die Menschen unterdessen gelernt haben, «die Gestalt der Erde und des Himmels» noch viel genauer und exakter zu erforschen. Ist es nicht merkwürdig: Wir kennen die Bahn der Winde, ja der Gestirne des Himmels – und sind immer wieder ungewiss über die Grundrichtung unsres Denkens und Wollens, wir sind genau und sachlich dem gegenüber, was uns eigentlich viel ferner liegt, was wir nicht in der Gewalt haben – und die wichtigste persönliche Frage nach dem, was recht ist, behandeln wir mit einer merkwürdigen Oberflächlichkeit und Unselbständigkeit! Hier muss etwas Neues in unser Leben hineintreten, wenn wir Jesu Jünger sein wollen, wir müssen wahr und genau werden uns selber gegenüber, wie wir es den Erscheinungen der Natur gegenüber sind. Nach zwei Richtungen wollen wir das verfolgen: Der Christ soll gegen sich selbst aufrichtig und selbständig sein.
II
Warum prüfet ihr die Zeit nicht? Das Wort
ging an die Pharisäer und
ihre Genossen als solche, die ihre Zeit nicht verstanden, weil sie sie
nicht zu prüfen wussten. Nach ihrem Reden und Tun freilich konnte |68 es scheinen, als ob sie nur an Gott dächten, ja
sie nahmen es streng mit der Erfüllung seiner Gebote, sie redeten vom Gesetz Tag und Nacht
[vgl.
III
Aufrichtigkeit
gegen dich selbst! Damit ist schon das Zweite gesagt:
Warum richtet ihr nicht von euch selber, was recht ist?
Wenn du das Wetter
vorhersagen willst,
wirst du das in einem Buch aufsuchen? Nicht wahr, das wäre ein Tor, der
so handelte, denn was morgen für Wetter ist, steht in keinem Buche.
Gerade diese Torheit war der Kernpunkt dessen, was Jesus den Pharisäern vorwarf. Der Grund
ihrer Verständnislosigkeit für die Zeit war doch kein anderer als der:
Gott war ihnen keine gegenwärtige, sondern
eine vergangene Größe. Es war, als ob dieser Gott im Mosegesetz sein Testament gemacht
habe und dann gestorben sei; die pünktliche Erfüllung dieses Gesetzes
hieß nun Gottesdienst. Wer pünktlich war, war gerecht; aber das war
eine schwere Sache, denn links und rechts drohten Gebote und Gebötlein. Jesus nennt diese
Frömmigkeit
Heuchelei. Warum richtet ihr nicht von euch selber, was
recht ist? Die Aufrichtigkeit, deren es bedarf, die Zeit zu prüfen, kann
kein Mensch dem Andern abnehmen, er selbst muss
entscheiden, was recht ist, er selbst muss sich seiner
Bedürfnisse bewusst werden, sonst ist all seine Religion das Gegenteil von Aufrichtigkeit. Eins ist not! [
«So bestehet nun in der Freiheit, b-zu der-b
uns Christus befreiet hat, und lasset euch nicht wiederum unter
das Joch der Knechtschaft fangen»
[
Wir sind davon ausgegangen, dass wir selber den Mut
fassen müssen zur eigenen Besinnung und Tat –
unser Weg wird, je ernstlicher wir vordringen, in der Erkenntnis
endigen, dass Gott es ist, der Wollen und Vollbringen in uns wirkt [vgl.
71 Er leitet auch die Herzen der Menschen wie Wasserbäche [vgl.
Prüfe deine Zeit! Richte selber, was recht ist! Aber freue dich: So ihr
mich von ganzem Herzen suchet, will ich mich finden lassen [
- Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von
Rosenroth, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450).
- Nr. 1: «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr» von N. Decius,
Strophen 1–2 (RG 221; EG 179 [jeweils mit geringen
Textabweichungen]).
Gebete III und VII.