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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 9</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 84,2-5</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 84,2-5, 30. August 1908</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53011</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 9: Predigt: Psalm 84,2-5</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 84,2-5, 30. August 1908. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1451">KBA 987</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1908-08-30">30. August 1908</date>
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                    <head>
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                        <idno>9</idno>
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                        <dateline>
                            <placeName ref="kbga-places-292">
                            <hi rend="italic">Pruntrut</hi></placeName>, <date when="1908-08-30">Sonntag, den 30. August 1908</date><note xml:id="n01">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p065#fn-n1">S. 65, Anm. 1</ref>.</note> <date rend="right">(11. nach
                                Trinitatis)</date>
                        </dateline>
                        <epigraph>
                            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.84.2 Ps.84.5">Psalm 84,2–5</ref>
                          
                                <quote>
                                    <hi rend="italic" resp="kb">Wie lieblich sind deine Wohnungen,
                                        Herr der Heerscharen. Meine Seele sehnte sich und
                                        schmachtete nach den Vorhöfen des Herrn, mein Herz und mein
                                        Leib freuen sich in dem lebendigen Gott. Denn der Vogel hat
                                        ein Haus gefunden, und die Schwalbe hat ein Nest, darein sie
                                        ihre Jungen gelegt hat; deine Altäre, Herr der Heerscharen,
                                        mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause
                                        wohnen, die loben dich immerdar.</hi>
                                </quote>
                            </cit>
                        </epigraph>
                   
                    <salute>Liebe Freunde!</salute>
                    </div>
                <div type="main">
                    <p>Die Meisten von euch sind wohl davon unterrichtet, dass nach Beschluss des
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> bernischen <term type="Sachen" key="Bern, Synodalrat">Synodalrats</term> die diesjährige
                        Bettagskollekte unsres Kantons dem <hi rend="italic">Bau einer <term type="Sachen" key="Miécourt / Mieschdorf, Kapelle">Kapelle</term></hi> in unserm
                        Nachbardorf <placeName ref="kbga-places-1296">
                            <hi rend="italic">Miécourt</hi></placeName> zugutekommen soll.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2507">
                                <persName ref="kbga-actors-9189">H. T[ürler]</persName>, <hi rend="italic">Berner Chronik vom 1. November 1907 bis
                                31. Oktober 1908</hi>, in: Neues Berner Taschenbuch 14 (1908),
                            S. 293–332, dort S. 327 (Eintrag zum Bettag = 20.9.)</bibl>: «Die
                            Bettagskollekte kommt dem Kapellenbau zu ­Miécourt zu.»</note> Ich habe
                        gehört, dass dieser Bau damit gesichert ist und in nächster Zeit in Angriff
                        genommen werden soll, und ich denke, diese Erfüllung eines langjährigen
                        Wunsches wird jeden Protestanten dieser großen Gemeinde mit Freude und
                        Genugtuung erfüllen. Es ist doch für den Pfarrer wie für die Gemeinde eine
                        ganz andere Sache, sich in einem schmucken und geräumigen Kirchlein
                        zusammenzufinden als in einer alten engen Schulstube. Und an einem solchen
                            <hi rend="italic">sichtbaren Zeichen</hi> stärkt sich das Gefühl der
                        Zusammengehörigkeit aufs Neue, wie es gerade für eine Gemeinde, deren
                        Glieder unter Andersgläubigen zerstreut leben,<note xml:id="n03">Die Bevölkerung Miécourts war weit überwiegend katholisch; vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p065#fn-n1">S. 65, Anm. 1</ref>.</note> so dringend nötig ist. Denn es deutet
                        hin auf die große Einheit aller derer, die Gott auf allerlei Weise berufen
                        hat durch <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> vom Herrn Jesus. Ein <pb xml:id="p073" ed="pga"/> Zeichen der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> in diesem Evangelium
                        ist uns jede neue <term type="Sachen" key="Kirche (Gebäude), Zeichen der Gemeinschaft">Kirche</term>, und
                        darum freuen wir uns darüber.</p>
                    <p>Von der <hi rend="italic">Freude an der <term type="Sachen" key="Kirche, Freude an der K.">Kirche</term></hi> wollen wir heute
                        zusammen sprechen.</p>
                    <div>
                        <head>I</head>
                        <p rend="noindent">Das Psalmwort, das wir verlesen haben, führt uns im
                            Geiste zurück ins alte <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>, und zwar zu der Zeit, als es aus der Verbannung ins
                            Land der zwei Ströme auf Erlaubnis des Perserkönigs<note xml:id="n04">
                                <persName ref="kbga-actors-9156">Kyros II.</persName> (ca.
                                585–530 v. Chr.), seit ca. 559 Herrscher in <placeName ref="kbga-places-1114">Persien</placeName>.</note> wieder zurückgekehrt war ins heilige
                            Land <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaan</placeName>, in dem sich
                            einst Gott den Vätern offenbart hatte. Es war eine Zeit der geringen
                            Dinge, viele hundert Jahre lang, denn die Macht und der Glanz des
                            davidischen Königreiches, von dem man in den alten Schriften las, wollte
                            nicht wiederkehren. Die fremden Herrscher kamen und gingen, aber dem
                            Volk der Erwählung gelang es nie dauernd, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> die
                            alte Freiheit und Bedeutung wieder zu erlangen. Auf den kommenden <term type="Sachen" key="Messias">Messias</term> setzten sie nun ihre
                            ganze Hoffnung, er sollte den Thron <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName> wiederherstellen, die zwölf Stämme Israels vereinigen
                            und an ihrer Spitze das Gottesreich aufrichten. Aber der Messias blieb
                            aus, die Hoffnung wurde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt getäuscht, und obwohl
                            ohne Hoffnung wurde diese Hoffnung weitergeschleppt. Es ist eines der
                            größten Wunder der <term type="Sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term>, dass Israels <term type="Sachen" key="Israel (Volk), Religion">Religion</term> damals nicht
                            untergegangen ist wie so viele andre auch. An einem lichten Punkt
                            richtete sich diese Religion immer wieder auf, es gab einen Ort, wo der
                            fromme Israelit Gott gegenwärtig wusste, wo seine Gedanken hinflüchteten
                            aus der Bedrängnis der Zeit heraus: der <term type="Sachen" key="Jerusalem, Tempel">
                                <hi rend="italic">Tempel</hi></term> auf dem <placeName ref="kbga-places-1043">Berg Zion</placeName> in
                                <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. Es
                            fällt uns heutzutage schwer, uns hineinzudenken in die Gefühle, die
                            Israel für seinen Tempel hegte. Aber erwägen wir: der Verkehr des
                            Menschen mit seinem Gott vollzog sich <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> in
                            Israel wie bei den andern Völkern des Altertums vor Allem im
                                <hi rend="italic">Opfer</hi>, und gerade das <term type="Sachen" key="Opfer">Opfer</term> konnte – in einem Lande, größer als die ganze
                                <term type="Sachen" key="Schweiz">Schweiz</term>! – nur an
                            einem Ort dargebracht werden, eben im Tempel. Hier wohnten die <term type="Sachen" key="Priester, Tempelp.">
                                <hi rend="italic">Priester</hi></term>,
                            die diesen Verkehr vermittelten, hier fühlte sich das <hi rend="italic">Volk</hi>
                            an den großen Festtagen wieder als ein Ganzes. <pb xml:id="p074" ed="pga"/> Und
                            zu alledem kamen endlich die alten Überlieferungen, aus denen der
                            Gläubige vernahm, wie Gott gerade diese Stätte als <term type="Sachen" key="Gott, Wohnung im Tempel">seine</term>
                            <hi rend="italic">Wohnung</hi> bezeichnet. Die <term type="Sachen" key="Bundeslade">Lade</term> des Bundes, die die Väter einst aus der
                            Wüste mitgebracht, war freilich längst verschwunden, untergegangen in
                            den Wirren der Chaldäerkriege, aber das Bewusstsein lebte fort in der
                            Gemeinde: Gott selber thront im Allerheiligsten, unsichtbar und doch
                            wirklich. Die <hi rend="italic">äußere <term type="Sachen" key="Israel (Volk), Not">Not</term></hi> und Bedrängnis des <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Judenvolkes</term> jener Zeit und dieser
                            köstliche <hi rend="italic">Besitz</hi>, den ihm die <term type="Sachen" key="Religion">
                                <hi rend="italic">Religion</hi></term> bot, müssen wir
                            nebeneinanderhalten, wenn wir die Stimmung verstehen wollen, aus der <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> heraus unser Psalm wie so mancher andre
                            geboren ist. |</p>
                        <p>Im schweren Leben des Alltags, das mit den Ansprüchen und Erwartungen des
                            Gottesvolkes so gar nichts gemein hatte, erhob der fromme Israelit seine
                            Gedanken, sein ganzes Inwendiges zum Tempel. Denn der dort wohnte, das
                            war ja der Herr der <term type="Sachen" key="Gott, Herr der Heerscharen">Heerscharen</term>, von dort musste die Hilfe kommen. So groß die
                            Bedrängnis sein mochte, er war Herr auch über die Bedränger. Und zur
                            Festzeit zog dann der Hausvater mit den Seinen hinauf nach
                                <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>,
                            anzubeten und Opfer zu bringen, und je näher sie der heiligen Stadt
                            kamen, umso mehr schwoll ihnen das Herz von Wehmut und Freude. Und nun
                            werden die Türme und Mauern des <placeName ref="kbga-places-1043">Zionsberges</placeName> sichtbar: Wie lieblich sind
                            deine Wohnungen, Herr der Heerscharen! Meine Seele sehnte sich und
                            schmachtete nach den Vorhöfen des Herrn – nun ist das Ziel der
                            Sehnsucht erreicht und – mein Herz und mein Leib freuen sich in
                            dem lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>.
                                <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Und wenn sie dann den <term type="Sachen" key="Jerusalem, Tempel">Tempel</term> selber betraten, wenn die
                            feierlichen <term type="Sachen" key="Opfer">Opfer</term> begannen, wenn
                            das Volk von nah und fern dichtgedrängt dem Gesang der <term type="Sachen" key="Priester, Tempelp.">Priester</term> und den
                            Klängen der Tempelmusik lauschte,<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. folgte ursprünglich: «wie das uns im Chronikbuch
                                    berichtet ist» (nachträglich mit blauem Stift
                                    durchgestrichen).</note>
                             dann mag es wohl den Pilgern so zumute gewesen sein, wie es unser
                            Psalm beschreibt: Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein
                            Nest, deine Altäre, Herr der <term type="Sachen" key="Gott, Herr der Heerscharen">Heerscharen</term>! Hier war der
                            Ort, wo sich der Israelit zu Hause fühlte, und nicht ohne Neid sah er
                            auf diejenigen, von denen dies wirklich galt, auf die Priester und <term type="Sachen" key="Leviten">Leviten</term>: Wohl denen, die in
                            deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar. – |</p>
                        
                        <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p075" ed="pga"/> Seht, meine Freunde, wenn wir die <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> lesen, so wollen wir doch lernen, ein Auge zu haben
                            für die Eigenart des Lebens und Wesens jener Menschen der alten Zeit,
                            das von dem unsern so verschieden ist. Die Eigenart, das Besondere, muss
                            uns zum Bewusstsein kommen, wenn wir uns an dem aufrichten wollen, was
                            uns mit ihnen verbindet. Und das <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Besondere,
                            das wir bei unserm Textwort ins Auge fassen müssen, ist der Gedanke,
                                <hi rend="italic">dass Gott an einer bestimmten Stätte wohnt und angebetet
                                wird</hi>. Was das sagen will, könnt ihr euch vielleicht am besten
                            vergegenwärtigen, wenn ihr an die <term type="Sachen" key="Kirchen (Gebäude), Bedeutung im Katholizismus">Bedeutung</term>
                            des Gotteshauses im religiösen Leben unsrer katholischen <term type="Sachen" key="Christen, katholische">Mit-Christen</term> denkt.
                            Nach ihrer Anschauung sind ja ihre Kirchen im eigentlichen Sinne
                            Wohnungen Gottes, denn sie bewahren auf dem Altar die in des Herrn <term type="Sachen" key="Katholizismus, Altarsakrament">Leib</term>
                            gewandelten Hostien. So ist die Kirche der Ort der Anbetung wie keine
                            andre Stätte. Wir empfinden und beurteilen das nicht so. Als die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und die <term type="Sachen" key="Samaritaner">Samariter</term> sich stritten, ob
                            der <placeName ref="kbga-places-1043">Zionsberg</placeName> oder
                            der <placeName ref="kbga-places-1116">Garizim</placeName> der würdigere
                            Ort zur Anbetung sei,<note xml:id="n05">Die Samaritaner bilden
                                eine sich auf den Pentateuch berufende Religionsgemeinschaft, die
                                sich dadurch von den Juden abgrenzt, dass einerseits die
                                Prophetenbücher und die weiteren späten Bücher der jüdischen Bibel
                                für sie nicht verbindlich sind und andererseits als Heiliger Berg
                                nicht der Zion, sondern der Berg Garizim bei Nablus/Sichem gilt
                                (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.20">Joh. 4,20</ref>;
                                vgl. auch <ref type="pub" target="../volume/51/p339#p339">Predigten 1911, S. 339f.</ref>).</note> da war es
                                <hi rend="italic">Jesu</hi> Verheißung: «Es kommt die Zeit, dass ihr weder auf
                            diesem Berg noch zu <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> werdet den Vater anbeten – <hi rend="italic">es kommt
                                die Zeit und ist schon da, da die wahrhaftigen Anbeter werden den
                                Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit, denn der Vater will
                                haben, die ihn also anbeten</hi>» 
                                [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.21 Joh.4.23">Joh. 4,21.23</ref>]. Damit ist dem
                                <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Tempelgottesdienst des alten <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term> etwas fundamental
                            Neues gegenübergestellt: die Würde und Weihe der Anbetung hängt nicht an
                            ihrem Ort, sondern am Anbeter. «Wo zwei oder drei unter euch versammelt
                            sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>]. Wo ein Mensch im
                            Namen Jesu, im <term type="Sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> und
                            in der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> Gott anruft
                            und vor seinem Angesicht wandelt, da ist Gottes Wohnung. «Gottes Haus
                            ist, wo Gottes <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> gehet
                            und sonst nirgends», sagt <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2508">
                                    <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
                                    <hi rend="italic">Predigt über Lukas 19,41–49</hi> (1525), WA 17/I,
                                397,18–24</bibl>: «Wo Gottis wort gepredigt wirt, do ist sein recht
                                hus, wo das wort gehet, da wonet gewysszlich Got mit seinen gnaden
                                […]. Herwiderumb, wo das wort nicht ist, da ist der teufel
                                gar miteynander.» – Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2509">ders., <hi rend="italic">Über das erste
                                    Buch Mose. Predigten</hi> (1527), WA 24, 497,36–498,11</bibl>:
                                «[…] wo man hyn kömpt, da Gott regiret und schaffet durch
                                sein wort, da ist sein haus, das du sagen magst: Hie ist eigentlich
                                Gottes wonung […]."</note> Das ist etwas grundsätzlich
                            Anderes als <pb xml:id="p076" ed="pga"/> die altisraelitische und katholische
                                <term type="Sachen" key="Kirchen (Gebäude), Bedeutung im Katholizismus">Auffassung</term>. Wer wollte behaupten, dass jene Auffassung den
                                <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> im Geist
                            und in der Wahrheit ausschließt; gerade in der katholischen <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term> gab
                            und gibt es ja viele aufrichtig fromme Christen, die wir uns nur zum
                            Vorbild nehmen können, aber wer sich – und das sollte ja der
                            heilige Besitz von uns Evangelischen sein – einmal durchgerungen
                            zu der Überzeugung, dass Gott <term type="Sachen" key="Gott, ist Geist">Geist</term> ist und nur im Geist <term type="Sachen" key="Gott, Anbetung im Geist">angebetet</term> werden kann [vgl.
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>], dem würde
                            eine Rückkehr zur <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> jüdisch-katholischen
                            Auffassung von Tempel und <term type="Sachen" key="Kirche, jüdisch-katholische Auffassung">Kirche</term> wie ein
                            Abfall erscheinen. Wir können nicht mehr zurück zu der Stimmung des
                            Psalmisten, <term type="Sachen" key="Gott, keine sichtbare Wohnung">Gott</term> hat keine irdische, sichtbare Wohnung, und wäre es der
                            prächtigste Dom. «Der Tempel Gottes, der seid ihr!» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.17">1.Kor. 3,17</ref>] Das steht
                            zugleich mahnend und tröstend vor unsern Augen.</p>
                    </div>
                    <div>
                        <head>II</head>
                        <p rend="noindent">Wie nun? Und doch bauen wir <term type="Sachen" key="Kirchen (Gebäude)">Kirchen</term>? Und doch freuen wir uns
                            unsrer Kirchen? Und doch empfinden wir am Sonntagmorgen, wenn die
                            Glocken ertönen, etwas davon: «Wie lieblich sind deine Wohnungen!» Und
                            mehr als sonst drängt es sich auf unsre Lippen: mein Herz freuet sich in
                            dem lebendigen Gott? Ist das Alles nicht eine Verleugnung unsrer
                            christlichen Erkenntnis, dass es keine besondern Stätten der Andacht
                            gibt, sondern dass wir, wo wir sind, vor Gott stehen? Wenn wir diese
                            Fragen beantworten wollen, so müssen wir uns <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>recht klar machen, <hi rend="italic">was für uns die Kirche eigentlich
                                bedeutet</hi>. Wir haben am Anfang jedes <term type="Sachen" key="Kirchen (Gebäude), Zeichen der Gemeinschaft">Kirchengebäude</term> ein sichtbares <hi rend="italic">Zeichen</hi> der
                            Gemeinschaft derer genannt, die an das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> glauben.<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. folgte ursprünglich: «Diese Gemeinschaft nennt man
                                    bekanntlich die Kirche im weiteren Sinne.» (nachträglich mit
                                    blauem Stift durchgestrichen).</note>
                             Vom Zeichen müssen wir also zurückgehen auf das, was das Zeichen
                            bedeutet, vom Kirchengebäude auf das, worauf es uns hinweist, nämlich
                            auf die <hi rend="italic">Ge<pb xml:id="p077" ed="pga" break="no"/>meinschaft der Bekenner des <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term></hi>. Und dann
                            können wir die Frage so stellen: <hi rend="italic">Warum haben auch wir eine solche
                                Gemeinschaft nötig, und warum freuen wir uns derselben?</hi> Warum
                            sind wir, trotzdem wir wissen, dass Anbetung <term type="Sachen" key="Gott, Anbetung im Geist">Gottes</term> nur möglich ist im
                            Geist, von Person zu Person, hier als Kirche, als <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> versammelt? Was besteht für ein
                            Zusammenhang zwischen unserm eigenen, persönlichen Verhältnis zu <term type="Sachen" key="Glaube, persönliches Verhältnis zu Gott">Gott</term> und dem, was wir hier in <term type="Sachen" key="Glaube, und Kirche">der</term>Kirche beten, singen und reden?
                            Nun seht, dieser Zusammenhang ist sehr einfach und keineswegs zufällig,
                            sondern tief im <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Wesen unsres <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term> begründet. Die
                            Gemeinschaft der <term type="Sachen" key="Christen, Gemeinschaft">Christen</term> war von dem Augenblick an da, da Jesus die ersten
                                <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> zu sich rief und sich
                            ihnen kundgab als der Helfer aus der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, als der Bringer des wahren <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreiches</term>; diese Jünger riefen wieder
                            Andre zum Herrn, und in diesem großen Zusammenhang stehen auch wir Alle
                            in irgend einer Weise. Die Bekanntschaft mit Jesus, die Gelegenheit,
                            seine frohe Botschaft zu ergreifen, verdanken wir nicht uns selbst,
                            sondern der <term type="Sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term> Gottes, die uns durch den Mund der
                            christlichen <term type="Sachen" key="Gemeinde, Vermittlerin der Botschaft">Gemeinde</term> diese
                            Botschaft vermittelt. Auch die äußern Urkunden dieser Botschaft im Neuen
                                <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> wären uns
                            ja verloren gegangen, wenn nicht die Gemeinde ein Interesse daran gehabt
                            hätte, sie aufzuzeichnen und zu sammeln. Jeder Einzelne von uns, ohne
                            Ausnahme, verdankt das Gut seines <term type="Sachen" key="Glaube, verdankt sich der Gemeinschaft">Glaubens</term>
                            zunächst der Gemeinschaft der andern Christen, soweit diese Gemeinschaft
                            persönliches <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term>,
                            göttlichen Geist atmete. |</p>
                        <p>Und nun das Andere, Wichtigere: Der so entstandene Glaube drängt uns
                            seinem innern Wesen [nach] <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> immer wieder
                            dazu, mit Andern in <term type="Sachen" key="Glaube, Verbindung mit andern">Verbindung</term> zu treten, die
                            auch von sich sagen können, dass Jesus sie zu Gott geführt hat. Dieser
                            Glaube ist freilich ein Verhältnis <term type="Sachen" key="Glaube, Verhältnis von Gott und Seele">zwischen</term>Gott und
                            Seele, zwischen der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> und
                                Gott<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2510">
                                    <persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des
                                    Christentums</hi>, hrsg. und kommentiert von Tr. Rendtorff,
                                Gütersloh 1999, S. 75 (= Ausgabe Leipzig 1929, S. 22)</bibl>: «[…]
                                das Lebensbild und die Reden Jesu zeigen kein Verhältnis zum
                                Griechentum. […] Freilich, wenn der religiöse
                                Individualismus, Gott und die Seele, die Seele und Gott, wenn der
                                Subjektivismus, wenn die volle Selbstverantwortlichkeit des
                                einzelnen, wenn die Loslösung des Religiösen vom Politischen
                                – wenn das alles nur griechisch ist, dann steht auch Jesus in
                                dem Zusammenhang der griechischen Entwicklung, dann hat auch er
                                reine griechische Luft geatmet und aus den Quellen der Griechen
                                getrunken.»</note> und nichts <pb xml:id="p078" ed="pga"/> Anderes, aber
                            sobald wir nach dem Inhalt dieses Verhältnisses fragen, so entdecken
                            wir, dass es seine Natur ist, die Andern, die Brüder mit einzubeziehen
                            in diesen Bund. «<hi rend="italic">Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term></hi>», das war der Ausdruck, mit dem Jesus
                            selbst die neue <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, neue Fr. Jesu">Frömmigkeit</term> bezeichnete, die er brachte. Wirklicher Glaube
                            ist nicht denkbar ohne den Drang nach <term type="Sachen" key="Glaube, Drang nach Mitteilung">Mitteilung</term>, nach
                            Berührung mit <term type="Sachen" key="Glaube, Verbindung mit andern">Andern</term>, er muss sich fortpflanzen wie der Windstoß sich als
                            Welle der Oberfläche des Seespiegels mitteilt. Aus der Entstehung des
                            Glaubens wie aus dem Trieb des entstandenen Glaubens ergibt sich das,
                            was wir die Gemeinde oder <term type="Sachen" key="Kirche, Konsequenz des Glaubens">Kirche</term> nennen, und als
                            ein Teil dieser Gemeinde Christi fühlen wir uns, wenn wir nicht nur aus
                            Macht der Gewohnheit, sondern in ernstem Verlangen nach Gott des
                            Sonntags die Kirche aufsuchen.</p>
                        <p>Und nun wenden wir uns wieder zurück <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> zu
                            unserm Psalmwort. Es ist ein Ausdruck der frommen Freude am Hause des
                            Herrn. Wir haben gesehen, dass unsre Voraussetzungen andre geworden
                            sind, und wir wollen es nicht rückgängig machen: Gott wohnt nicht gleich
                            uns in Häusern, die von Händen gemacht sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.8.27">1.Kön. 8,27</ref>]. Und doch können
                            wir mit dem Psalmsänger empfinden, seine Freude kann die unsrige werden,
                            wenn wir seine Worte mit den Augen lesen, die uns durch das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> Jesu geöffnet sind:
                                «<hi rend="italic">Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr der <term type="Sachen" key="Gott, Herr der Heerscharen">Heerscharen</term></hi>», deine Wohnungen, die nicht aus
                            Stein und Holz, sondern aus dem Glauben und Hoffen, aus dem ernsten
                            Wollen, aus dem demütig-freudigen Vollbringen des göttlichen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willens</term>, aus der Liebe, die
                            sich von der Person Jesu aus wie ein Strom durch die Menschheit ergießt,
                            aufgebaut sind! «<hi rend="italic">Meine Seele sehnte sich und schmachtete nach den
                                Vorhöfen des Herrn</hi>». Hast du es schon gefühlt, was es heißen
                            will, innerlich einsam sein? Siehe, die Berührung mit dem Leben
                            gotterweckter Menschen, wie sie dir in dem weiten und mannigfaltigen
                            Kreis der <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term>, die sich
                                <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> nach Christus nennt, entgegentritt, sie
                            führt dich aus den Vorhöfen ins Heiligtum. Ich lebe, und ihr sollt auch
                            leben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.19">Joh. 14,19</ref>]
                                «<hi rend="italic">Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest,
                                deine Altäre, Herr der Heerscharen</hi>.» Diese frohe Gewissheit
                            des Geborgenseins in der Hand des <term type="Sachen" key="Gott, Allmächtiger">Allmächtigen</term> kannst auch du erleben.
                            Wenn alle Altäre gefallen sind, der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> geht in Jesus Christus durch die
                                <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und deines Lebens, der Zugang
                            ist offen für Jeden, der guten Willens ist.</p>
                       
                        <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p079" ed="pga"/> «<hi rend="italic">Mein König und mein Gott!</hi>» Seht, liebe Freunde, wer im
                            Aufblick zu Jesus, der ihm geholfen, und wäre er noch so schwach und
                            unvollkommen, aufrichtig sagen darf: «<hi rend="italic">mein</hi> König und
                                <hi rend="italic">mein</hi> Gott», der kennt und erlebt dieses Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gegenwart">Gegenwart</term> in einer Weise,
                            wie es der Psalmsänger noch gar nicht geahnt hat. Es ist unser großes
                                <hi rend="italic">Vorrecht</hi>, dass uns das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> von den Altären weg zu Gott
                            selbst geführt hat. Aber dieses Vorrecht enthält eine große
                                <hi rend="italic">Pflicht</hi>, und wir wollen nicht von unserm Gegenstand
                            Abschied nehmen, bevor wir uns diese Pflicht vor Augen gehalten! Ohne
                            unser Verdienst ist das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> durch die Vermittlung der Menschen zu jedem
                            von uns gekommen. Wohlan, wenn wir Glieder dieses Reiches sein wollen,
                            hier sind die Menschen, und an unsrer Stellung zu ihnen wird es sich
                            zeigen, ob wir solche Glieder in Wirklichkeit sind <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>oder
                            nur in unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, fromme Einbildung">frommen</term> Einbildung<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. am Rand nachgetragen.</note>. <hi rend="italic">Die Wohnungen des Herrn sind da, wo die Menschen einander
                                lieb haben</hi>. Wenn wir <term type="Sachen" key="Kirchen (Gebäude)">Kirchen</term> bauen und <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdienste</term> besuchen, so wollen wir uns
                            doch klar sein darüber, dass das Alles in letzter Linie nur Mittel sein
                            sollen, um diese Liebe stark zu machen.</p>
                        <p>
                            <term type="Sachen" key="Gott, will einziehen in unser Herz">Gott</term>
                            will einziehen in unser aller Herzen, wir wollen ihm stille halten, dann
                            wird es auch für uns aus einer vorübergehenden Sonntagsfreude zur
                            bleibenden Lebenserfahrung werden, dass seine Wohnungen lieblich
                            sind.</p>
                        </div>  
                        <div type="closer">
                                <salute>Amen!</salute>
                    </div>
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                                <bibl type="song" corresp="kbga-songs-159">Nr. 184: «Treuer Heiland, wir sind hier» von <persName ref="kbga-actors-5042">Chr. H. Zeller</persName>,
                                    Strophen 1.2.4 (RG 165 [dort: «Liebster Jesu…»]).</bibl>
                                <bibl type="song" corresp="kbga-songs-115">Nr. 168: «O dass doch bald dein Feuer brennte» von G. Fr.
                                    Fickert, Strophen 1.2.7 (RG 816; EG 255).</bibl>
                            </listBibl>
                            <p> Gebete: I und VIII.</p>
                        </div>
                    </div>


            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
