Markus 9,38-40
Wir stehen vor Pfingsten. Noch wenige Tage, so wird von allen Kanzeln der Christenheit die Kundeb ertönen vom heiligen Geist, den Gott einst über die erste Gemeinde ausgegossen und der auch bei uns Einkehr halten will, vom Geist der Wahrheit, der uns froh und frei macht. – |
Es gibt viele Christen, die mit einer gewissen Wehmut diese Botschaft hören: «Ach ja damals! Wäre es doch heute wie einst! Wir leben in einer Zeit der geringen Dinge!» Und dann weisen sie uns hin auf die traurige Lage des Reiches Gottes, auf das Überhandnehmen des Unglaubens auch in der Kirche selbst, auf den Rückgang der Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, auf die allgemeine Verwirrung der Gewissen.
Andre aber sind nicht beim Klagen stehen geblieben. Sie wollten und wollen
das Kommen des Geistes erzwingen. Das sollst du tun, Christenheit, und Jenes lassen,
predigen uns die Einen. Diese Humanitätsgedanken und jenes soziale System musst du auf den
Schild erheben, wenn dir nicht Verkümmerung
drohen, der Geist nicht von dir weichen soll! Und noch drastischer meinen
wieder Andre, durch Nachahmung urchristlicher Erscheinungen eine Geistesausgießung
|57 «machen» zu können. Dieses
Liebe Freunde! Jene Wehmut, die im Grundec
Mangel an Gottvertrauen ist, und dieser Geist des Zwingens, der Gott
meistern will, sind nicht die Stimmungen, in denen wir Christen den Pfingsttagen entgegen gehen wollen.
Es waren auch nicht die Stimmungen der ersten Christen, als sie auf den Geist
warteten. War doch ihr Herz erfüllt von der großen, freudigen Gewissheit:
Christus lebt, der Christus, der ihnen den Tröster verheißen hatte [vgl.
Und doch waren sie auf Pfingsten vorbereitet; wir
lesen es in der Apostelgeschichte: sie waren stets beieinander
einmütig mit Beten und Flehen [
Einmütig! Auch jene Männer und
Frauen, die auf Pfingsten warteten, wussten von allerlei Verschiedenheiten
der Art und Denkweise: neben den stürmisch-entschlossenen
Von der
wollen wir heute reden.
Menschliche Rechthaberei (I), aber auch echter frommer Eifer widerstehen dieser Einmütigkeit (II). Beide müssen zurücktreten vor Gott, der größer ist als wir (III). Im Geist der Einmütigkeit wollen wir Pfingsten feiern!
I
Meister, wir sahen Einen auf deinen Namen Dämonen
austreiben, und wir wehrten es ihm, weil er nicht mit uns
zog! Wir können uns denken, mit welch gerechter Entrüstung
Liebe Freunde! Kennt ihr den Geist, der so redet? Seht hinaus in unsre Christenheit : wo wird nicht so geredet?, möchte man fragen! |59 «Weil er uns nicht nachfolgt», so hören wir es schallen vom Lenker des Schiffleins Petri bis hinunter zum Haupt der kleinsten Sekte. Hier eine Kirche und da eine Gemeinschaft, hier ein Bekenntnis und dort eine Verfassung, hier ein Priester und dort ein Prophet, und von allen Seiten tönt es vorwurfsvoll: Wir haben den Christenglauben, der immer, der überall, der von Allen geglaubt worden ist oder geglaubt werden sollte. Warum folgt ihr uns nicht nach?
Ja, steht es innerhalb unsrer evangelischen Kirche besser? Wohl sind die alten Haderquellen zwischen lutherisch und reformiert versiegt, aber dafür haben sich neue aufgetan, und wieder sind wir heute so weit, dass ein Teil dem Andern die Gemeinschaft des Glaubens aufkündigt:4 Ihr seid keine Christen, ihr folgt uns nicht nach, ihr bekennt nicht, was wir bekennen.
Und wie machen es endlich die Christen in ihrem persönlichen Leben ? Es ist dasselbe Bild, nur unendlich viel mannigfacher. Höre einmal zu, wie Einer über das Christentum des Andern redet, oder vielmehr: höre dir selbst einmal zu, wenn du das tust! Der ist mir zu altgläubig, dieser zu liberal, dieser zu pietistisch, jener zu weltlich, dieser zu hochkirchlich und jener zu persönlich! Ich anerkenne vielleicht, dass alle diese Leute ihre guten und tüchtigen Seiten haben – aber als Christen, nein gerade als Christen will ich mit ihnen nicht Hand in Hand gehen. Diese Stimmung ist in allen Schichten der christlichen Gesellschaft verbreitet!
Lieber Freund! Besinne dich ernstlich auf
dich selbst, und du wirst dir sagen müssen: auch ich habe nur zu oft
andre Christen missachtet oder doch krumm angesehen gerade wie dort der
Jünger
II
Die Lösung des Problems, das uns aus der Tatsache entsteht, dass es verschiedene Christen gibt, erfordert also eine höhere Einsicht.
Jesus aber sagte; Wehret es ihm nicht, denn Niemand kann ein Wunder tun auf meinen Namen und wird so leicht übel gegen mich reden.
Merkwürdig! Jesus vernimmt die Nachricht von dem fremden Geisterbeschwörer, der seinen Namen benutzt, aber er bleibt kühl: er will nicht, dass seine Jünger Jenen darin hindern, ja er fragt nicht einmal, wie es denn mit seiner Gesinnung stehe. Er vertraut einfach darauf: wer in meinem Namen Wunder tut, der wird schwerlich meinem Namen Unehre machen.
Wir haben von der einen Wurzel der christlichen Un-Einmütigkeit geredet:
Sie liegt in der menschlichen Eigenwilligkeit, die nicht dulden will,
dass Andre uns nicht nachfolgen. Jesus deckt in seiner
Antwort die andre Wurzel auf, und diese geht tiefer: Die Jünger haben in
dem Tun des Geisterbeschwörers eine Verunehrung, einen Missbrauch des
Namens Jesu erblickt.
Wir wollen das nicht übersehen! Wer einmal Gott erlebt hat, der wird
zunächst immer alle andern möglichen Weisen, ihn zu erleben und
anzubeten, als falsch, als Entweihung seines eigenen Heiligtums empfinden. Der Gedanke an Gott ist für ihn un|61zertrennlich von dem Gedanken an die besondere
Offenbarung, die Gott gerade ihm hat zuteilwerden lassen.
Wir beobachten das fast bei allen Menschen, in denen die Religion groß ist: Was sich im
Oktober 1529 in den Mauern des
Haben wir ein Merkmal zur Unterscheidung jener unheiligen
Rechthaberei und dieses heiligen Eifers? Jesus hat uns Anleitung
gegeben, ein solches Merkmal zu finden: Niemand kann ein Wunder
tun auf meinen Namen und wird so leicht übel gegen mich
reden! Also: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen [
Wir müssen aber noch weiter gehen: Liegen denn jene Früchte, jene Wunder immer so offen da, dass wir nur hinzusehen brauchen, um urteilen zu können?! Ist es nicht vielmehr so, dass uns die besten Seiten des Nächsten, seine besten Früchte verborgen sind?
62 Wenn sich das aber so verhält, wollen wir uns da nicht das Wort geben, einander für christliche Brüder anzusehen und als solche zu behandeln, solange wir aus unserm Tun nicht das Gegenteil davon wissen? Könnten sich die Richtungen in unsrer Kirche nicht dazu verstehen, nebeneinander als gleichberechtigte Elemente des protestantischen Gedankens bemüht zu sein, jede ihr Bestes zu leisten, in ihrer Weise? Ja noch mehr: Allzu sehr betrachten wir den Riss, der seit 400 Jahren durch die Christenheit geht, als etwas Selbstverständliches; wir haben uns gewöhnt, ein mitleidiges Lächeln aufzusetzen, wenn je und je Männer auftreten, die helfen möchten, diesen Riss zu überbrücken, eine Gemeinschaft der Liebe und der Arbeit herzustellen zwischen Wittenberg und Rom.
Freilich: der Weg zur Einigung in den kirchlichen, innerkirchlichen und persönlich-christlichen Gegensätzen ist uns vielfach, vielleicht meistens dunkel. Wir können und können oft bei der Gegenseite trotz allem Guten, das wir ihr zuerkennen, nicht hinweg über unsre Überzeugung: hier wird der Name Jesu nicht geehrt, wie er sollte, sondern verunehrt, hier sind allerlei weltliche Motive an Stelle der Religion getreten, hier liegt mindestens eine Trübung und Entstellung des reinen Evangeliums vor. – Aber, meine Freunde, ist denn unser Urteil, selbst unser wohlabgewogenes, wie wir denken objektives, durch bloße Rechthaberei möglichst ungetrübtes Urteil, die letzte Instanz?
III
So führt uns unsre Frage über die Grenzen menschlichen Wollens und Erkennens von selbst hinaus.
Wer nicht wider uns ist, der ist für uns!, ruft Jesus seinen
Jüngern zu. Heraus aus eurer
wohlgemeinten, aber herzlich kurzsichtigen Ausschließlichkeit! Sehet die
Liebe des Vaters, der in jenem Mann
auch außer unserm Kreise sichtlich Großes verrichtet. Sein Tun kann
nicht Feindschaft sein, drum getrost, auch er kämpft, ohne es selbst zu
wissen, in unsern Reihen! Seht, liebe Freunde, so redet der
Glaube, der die Welt überwindet [vgl.
63 Ja, wo der Glaube auf seinen Höhepunkten steht, da wird
immer auch die
Freiheit groß sein allen menschlichen
Verschiedenheiten in Lehre und Sitte gegenüber, selbst wenn wir sie
persönlich als Irrtümer beurteilen müssen. Wahrlich, diese Freiheit darf
nicht Gleichgiltigkeit
und Verflachung genannt werden, sie ist das Gegenteil davon; denn sie
beruht nicht auf einem unbestimmten Glauben, sondern auf
dem Glauben an den
lebendigen Gott, dessen Wille nur das
Gute ist, der aber seinen
Geist nicht an
eine Form gebunden hat. In dieses Vaters Haus sind
viele Wohnungen [
Wer nicht wider uns ist, ist für uns!
Liebe Freunde! Wenn wir von der hohen Warte dieses Herrenwortes aus in die Fülle der Erscheinungen unsres heutigen Lebens hinausblicken, wenn wir unter diesem Zeichen in die Zukunft unsrer evangelischen Kirche sehen, nicht wahr, dann vergeht es uns von selbst, wehmütig oder drängend und zwängend auf den Geist der Pfingsten zu warten? Augen auf und Herzen auf zu Gott in Einmütigkeit ! Er ist auch da, wo wir ihn nicht zu sehen meinen, und seiner Propheten und Kinder sind mehr, als wir glauben wollen. Was sind unsre Kirchen und Gemeinschaften und Schulmeinungen vor ihm?
Nicht auf ein neues Pfingsten wollen wir warten, noch dem
alten als etwas Vergangenem nachtrauern. Siehe, wenn wir glauben lernen wie Jesus, dann dürfen wir
uns des Pfingstgeistes freuen, immer wieder freuen als des Gottes,
in dem wir leben, weben und sind. Ja, er ist nicht ferne einem
Jeglichen unter uns [vgl.
So rühme sich keiner eines Menschen! Es ist
Alles euer! Es sei
- Nr. 163 (Hessisches Gesang-Buch9): «Zeuch ein zu
deinen Toren» von
P. Gerhardt , Strophe 1–4; 5–8 (RG 508,1–8; EG 133,1.2.5–8.10.11).