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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 8</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 12,54–57</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 12,54–57, 23. August 1908</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53010 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53010</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 8: Predigt: Lukas 12,54–57</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">10</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 12,54-57, 23. August 1908. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1450">KBA 986</ref>. </bibl>
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      <creation>
        <date type="creation" when="1908-08-23">23. August 1908</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                <div type="opener">
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                        <idno>8</idno>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-1296">
                            <hi rend="italic">Miécourt</hi></placeName>, <date when="1908-08-23">Sonntag, den 23. August 1908</date><note xml:id="n01">Von Ende
                                August bis Mitte September 1908 versah Barth selbständig ein
                                Vikariat in <placeName ref="kbga-places-292">Pruntrut /
                                    Porrentruy</placeName> im Berner Jura (heute Kanton Jura); vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/pr010#pr010">S. X</ref>.
                                Im überwiegend katholischen Dorf <placeName ref="kbga-places-1296">Miécourt /
                                    Mieschdorf</placeName>, acht Kilometer östlich von Pruntrut, bestand eine
                                reformierte Filialgemeinde, die ihre Gottesdienste in einer
                                «alten engen Schulstube» abhielt, aber dem alsbaldigen Bau einer
                                eigenen Kapelle entgegensah; vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/53/p072#p072">S. 72</ref>.</note> <date rend="right">(10.
                            nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit> <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.54 Lk.12.57">Lukas 12,54–57</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Jesus sprach aber zu dem Volk:
                                    Wenn ihr eine Wolke sehet aufgehen vom Abend, so sprecht ihr
                                    alsbald: Es kommt ein Regen; und es geschieht also. Und wenn
                                    ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß
                                    werden; und es geschieht also. Ihr Heuchler!</hi>Die
                                        Gestalt der Erde und des Himmels könnt ihr prüfen; warum
                                        prüfet ihr aber diese Zeit nicht? Warum richtet ihr aber
                                        nicht von euch selber, was recht ist?
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
              
                <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Das eben verlesene Wort Jesu macht uns auf eine eigentümliche Zwiespältig<pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>keit im Wesen des Menschen aufmerksam. Er ist
                    gewohnt, die Erscheinungen der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>
                    <hi rend="italic">aufmerksam</hi> und durch <hi rend="italic">eigene Anschauung</hi> auf ihre
                    Folgen zu prüfen, er hat durch Erfahrung Verständnis gewonnen von diesen
                    Erscheinungen und weiß dies Verständnis anzuwenden. Ganz anders, wenn es
                    sich darum handelt, sich selber zu beurteilen: nicht nur fehlt ihm dazu die
                    Aufmerksamkeit, er findet den Mut nicht zur eigenen Anschauung dessen, was
                    ihm nottut. So tappen wir im Dunkeln, Schlafwandelnden gleich, führerlos,
                    ziellos. Jeder von uns ist sich solcher Zeiten in seinem Leben bewusst, wo
                    es ihm zu Mute war, als sei er in einem Schifflein ohne Ruder und Steuer dem
                    Ozean preisgegeben durch eigene Schuld. – Aus dieser Not will uns
                    Jesus frei machen. Es gibt nur einen <hi rend="italic">Ausweg;</hi> die
                        <hi rend="italic">Anfangsstrecke</hi> dieses Weges zeigt unser Text<pb ed="A" rend="hidden" n="3"/>wort: <hi rend="italic">Wende die Aufmerksamkeit und eigene
                        Anschauung, die du der Natur widmest, auf dein eigenes Leben an!</hi>
                    Die <term type="Sachen" key="Wahrheit, gegenüber uns selbst">Wahrheit</term>
                    gegen dich selbst ist der Anfang deiner Befreiung!</p>
                <div>
                    <pb xml:id="p066" ed="pga"/>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">
                            <hi rend="italic">Wenn ihr eine Wolke seht aufgehen vom Westen, so
                            sprecht ihr alsbald: Es kommt ein Regen; und es geschieht also. Und
                            wenn ihr sehet den Südwind wehen, so sprecht ihr: Es wird heiß
                            werden. Und es geschieht also</hi>. Die Beobachtung, die Jesus
                        hier ausspricht, ist uns allen ohne Weiteres verständlich. Auch wir
                        wissen aus den Wolken und der Richtung des Windes das Wetter mit mehr
                        oder weniger Sicherheit vorauszubestimmen. Im <placeName ref="kbga-places-34">heiligen Lande</placeName> war der
                        Vergleich darum noch anschaulicher, weil in heißen Gegenden die
                        Witterung viel <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> plötzlicher umschlagen soll
                        als bei uns. Aber dieser Vergleich hat doch gerade uns heutigen Menschen
                        viel zu sagen: weiß doch ein jeder, wie wichtig gerade uns die
                        Beobachtung und Beherrschung der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> und ihrer Kräfte immer mehr geworden ist. Die Menschen
                        können heute noch ganz andere Dinge als das Wetter bestimmen: wir haben
                        Alle in den letzten Wochen vom lenkbaren <term type="Sachen" key="Luftschiffe">Luftschiff</term> des Grafen <persName ref="kbga-actors-9154">Zeppelin</persName> gelesen.<note xml:id="n02">Nachdem Ferdinand Graf von Zeppelin
                            (1838–1917) mit dem dritten von ihm gebauten Luftschiff, LZ
                            3, das bis 1908 über 4000 Kilometer zurücklegen und dann an das
                            deutsche Militär verkauft werden konnte, erstmals ein auch
                            kommerzieller Erfolg gelungen war, startete am 4. August 1908 das
                            verbesserte Modell LZ 4 zu seiner ersten langen Probefahrt von
                            Friedrichshafen nach Mainz. Auf der Rückfahrt wurde das Luftschiff
                            bei einer Zwischenlandung in Echterdingen bei Stuttgart von einem
                            Sturm erfasst und fing Feuer. Alle Ereignisse wurden – wie
                            alles mit den Luftschiffen Zusammenhängende – in der
                            Bevölkerung mit höchstem Interesse verfolgt, was sich nicht zuletzt
                            an den Ereignissen im Gefolge dieses Absturzes zeigte: Das
                            finanzielle Desaster, das der Verlust des Luftschiffes für Graf
                            Zeppelin bedeutete, wurde in den folgenden Monaten durch die größte
                            private Spendenaktion im deutschen Kaiserreich, die sogenannte
                            «Zeppelinspende», abgewendet, die bis Ende Dezember 1908 über sechs
                            Millionen Mark erbrachte und nun im Gegenteil den weiteren, auch
                            kommerziell abgesicherten Luftschiffbau erst ermöglichte. Vgl. 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2503">
                                    <persName ref="kbga-actors-9155">G. de Syon</persName>,
                                <hi rend="italic">Zeppelin! Germany and the Airship.
                            1900–1939</hi>, Baltimore/MD 2002, S. 35–38.</bibl>
                            </note>
                        Oder denken wir an das große Werk, das gegenwärtig in <placeName ref="kbga-places-233">unserm Kanton</placeName> im Gange ist:
                        Hat man es nicht fertig gebracht, ganze Gebirgsmassen zu durchbohren, um
                        dem eiligen <term type="Sachen" key="Eisenbahn">Verkehr</term> der
                        Menschen und ihrer Güter neue Wege zu bahnen!?<note xml:id="n03">Gemeint sind wohl die <term type="Sachen" key="Eisenbahn, Tunnelbau">Eisenbahntunnel</term>, deren Bau für
                            die vom Kanton Bern angestrebte eigene Nord-Süd-Verbindung notwendig
                            waren, die zugleich das zentrale Stück einer schnellen
                            Bahnverbindung zwischen Paris und Italien bildete: Die erste Röhre
                            des Simplon-Eisenbahntunnels, der mit knapp 20 Kilometern Länge bis
                            in die 1970er Jahre hinein der längste Gebirgstunnel der Welt
                            bleiben sollte, war 1906 eröffnet worden. Im selben Jahr begann der
                            Bau des Lötschbergtunnels, im Herbst 1911 der des
                            Grenchenbergtunnels.</note> Das sind erstaunliche Dinge, <pb xml:id="p067" ed="pga"/> und doch sind sie möglich geworden, weil der Mensch
                        gelernt hat, die Natur samt ihren Gewalten, denen er einst <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> hilflos gegenüberstand, ruhig zu beobachten,
                        aus den Ursachen auf ihre Folgen zu schließen und demgemäß zu handeln.
                        Aus der Erfahrung leitet er <term type="Sachen" key="Naturgesetze">Gesetze</term> ab, deren verständnisvolle Verwendung das scheinbar
                        Unmögliche immer wieder wirklich macht<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Mskr.: «machen»; von den Hrsg. korrigiert.</note>. «Es geschieht also», um mit unserm Text zu reden, das erlebt der
                        heutige Mensch in viel höherm Grade als die Menschen, zu denen einst
                        Jesus redete. |</p>
                    <p>Aber nun stoßen wir auf eine merkwürdige Tatsache: Das <term type="Sachen" key="Mensch, Wissen">
                                <hi rend="italic">Wissen</hi></term> ist
                        fortgeschritten, aber auf dem Gebiet des <term type="Sachen" key="Mensch, Wille">
                                <hi rend="italic">Willens</hi></term> sind wir doch jenen
                        Zeitgenossen Jesu um nichts voran. Sein Vorwurf der Unwahrhaftigkeit
                        trifft uns mit gleicher, ja mit größerer Schärfe als jene, eben weil die
                        Menschen unterdessen gelernt haben, «die Gestalt der Erde und des
                        Himmels» noch viel genauer und exakter zu erforschen. Ist es nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> merkwürdig: Wir kennen die Bahn der <term type="Sachen" key="Naturbeobachtung">Winde</term>, ja der Gestirne
                        des Himmels – und sind immer wieder ungewiss über die
                        Grundrichtung unsres Denkens und Wollens, wir sind genau und sachlich
                        dem gegenüber, was uns eigentlich viel ferner liegt, was wir nicht in
                        der Gewalt haben – und die wichtigste persönliche Frage nach dem,
                        was recht ist, behandeln wir mit einer merkwürdigen Oberflächlichkeit
                        und Unselbständigkeit! Hier muss etwas Neues in unser Leben
                        hineintreten, wenn wir Jesu Jünger sein wollen, wir müssen wahr und
                        genau werden uns selber gegenüber, wie wir es den Erscheinungen der
                            <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> gegenüber sind. Nach
                        zwei Richtungen wollen wir das verfolgen: Der Christ soll gegen sich
                        selbst <hi rend="italic">aufrichtig</hi> und <hi rend="italic">selbständig</hi> sein.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> II</head>
                    <p rend="noindent">
                            <hi rend="italic">Warum prüfet ihr die Zeit nicht?</hi> Das Wort
                        ging an die <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term> und
                        ihre Genossen als solche, die ihre Zeit nicht verstanden, weil sie sie
                        nicht zu prüfen wussten. Nach ihrem Reden und Tun freilich konnte <pb xml:id="p068" ed="pga"/> es scheinen, als ob sie nur an Gott dächten, ja
                        sie nahmen es streng mit der Erfüllung seiner <term type="Sachen" key="Gebot / Gebote">Gebote</term>, sie redeten vom <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> Tag und Nacht
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.1.2">Ps. 1,2</ref>]. Und doch
                        hatten sie Gott verloren, sie verstanden es nicht mehr, hinzuhören auf
                        die Stimme seines wahren Willens, und so fand die große Zeit ein kleines
                            Geschlecht:<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2504">
                                    <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Epigramm <hi rend="italic">Der Zeitpunkt</hi> (1791; ders., Sämtliche Werke,
                            Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 260)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                    <lg>
                                <l>Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren;</l> 
                                <l>Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> 
                        sie wussten mit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Botschaft">Jesus</term> und
                        seiner Botschaft nichts anzufangen, weil er nicht hineinpasste in ihre
                        Gedanken. Wir wollen nicht über diese Leute schelten: ich glaube, es
                        wäre uns gegangen wie ihnen, ja es geht uns noch immer so. Der Vorwurf
                        trifft uns mit voller Wucht: <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Warum prüfet ihr
                        die Zeit nicht? Wir nehmen uns die Mühe, Wind und <term type="Sachen" key="Naturbeobachtung">Wolken</term> zu beobachten, wir erforschen
                        den menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Körper">Körper</term>
                        bis in seine feinsten Teile, wir bauen <term type="Sachen" key="Eisenbahn">Eisenbahnen</term> und <term type="Sachen" key="Luftschiffe">Luftschiffe</term> – und wie oft vergessen
                        wir darüber das, was wichtiger ist, die <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Besinnung</term> auf uns selbst, die
                        Frage: wozu bin ich da? was hat dieses ganze <term type="Sachen" key="Leben, Sinn">Leben</term> eigentlich für einen Sinn? Denn
                            «<hi rend="italic">die Zeit prüfen</hi>» heißt doch wohl nichts Anderes als
                        sich fragen: <hi rend="italic">Was ist not?</hi> Die Zeit prüfen heißt: aus allem
                        äußern Erleben heraus hören auf die Stimme, die uns sagt, was ewig
                        giltig und wertvoll ist. Gerade das haben Viele nie gelernt und Viele
                        längst verlernt über der Jagd nach Erwerb und <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term>. Ihr äußeres Erleben ist ihnen tot,
                        sie verstehn nicht, es zu deuten, sie gehen dahin, ohne andre Ziele zu
                        kennen als die <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Befriedigung jener natürlichen
                            <term type="Sachen" key="Mensch, Triebe">Triebe</term>. Warum prüfet
                        ihr die Zeit nicht? Besinne dich auf dich selbst: ist ein solches Leben
                        wert, gelebt zu werden? Jesus nannte diejenigen <hi rend="italic">Heuchler</hi>,
                        die es nicht wagen, sich diese Frage zu stellen, einfach und aufrichtig,
                        wie man den Himmel auf das kommende Wetter ansieht. Heuchelei aber ist
                        Unwahrhaftigkeit gegen sich selbst, und wir tragen alle ein Stück davon
                        in uns herum – sieh einmal zu: du fürchtest dich vor Niemand so
                        wie vor dir selbst. Gerade das muss anders werden: du sollst den Willen
                        in dir wecken, dich selbst zu verstehen, dann wird dir das, was du
                        äußerlich erlebst, nicht mehr eine sinnlose Folge von Ereignissen sein,
                        du kannst dann die Zeit prüfen und wirst in der Zeit Gott finden. Denn
                        jenes Ewig-Giltige, das dir dann als Inhalt deines <term type="Sachen" key="Leben, Gott als Inhalt">Lebens</term> aufgeht, ist doch nichts
                        Anderes als der <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>. Er fehlt uns, <pb xml:id="p069" ed="pga"/> solange wir nicht gelernt haben, die Zeit zu
                        prüfen, unser Leben zu deuten, denn er ist ein <term type="Sachen" key="Gott, will gesucht sein">Gott</term>, der gesucht sein will,
                        und der Anfang ist der Wille zum Verstehen oder die Aufrichtigkeit.</p>
                </div>
                <div>
                    <head>III</head>
                    <p>
                        <term type="Sachen" key="Aufrichtigkeit">Aufrichtigkeit</term>
                        <hi rend="italic">gegen dich selbst!</hi> Damit ist schon das Zweite gesagt:
                            <hi rend="italic">Warum richtet ihr nicht von euch selber, was recht ist?</hi>
                        Wenn du das <term type="Sachen" key="Naturbeobachtung">Wetter</term>
                        <term type="Sachen" key="Wettervorhersage">vorhersagen</term> willst,
                        wirst du das in einem Buch aufsuchen? Nicht wahr, das wäre ein Tor, der
                        so handelte, denn was morgen für Wetter ist, steht in keinem Buche.
                        Gerade diese Torheit war der Kernpunkt dessen, was Jesus den <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäern</term> vorwarf. Der Grund
                        ihrer Verständnislosigkeit für die Zeit war doch kein anderer als der:
                        Gott war ihnen keine gegen<pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>wärtige, sondern
                        eine vergangene Größe. Es war, als ob dieser Gott im <term type="Sachen" key="Gesetz, Mosegesetz">Mosegesetz</term> sein Testament gemacht
                        habe und dann gestorben sei; die pünktliche Erfüllung dieses Gesetzes
                        hieß nun <term type="Sachen" key="Gottesdienst, pharisäischer">Gottesdienst</term>. Wer pünktlich war, war gerecht; aber das war
                        eine schwere Sache, denn links und rechts drohten <term type="Sachen" key="Gebot / Gebote">Gebote</term> und Gebötlein. Jesus nennt diese
                            <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>
                        <hi rend="italic">Heuchelei</hi>. Warum richtet ihr nicht von euch selber, was
                        recht ist? Die Aufrichtigkeit, deren es bedarf, die Zeit zu prüfen, kann
                        kein Mensch dem Andern abnehmen, <hi rend="italic">er selbst</hi> muss
                        entscheiden, was recht ist, <hi rend="italic">er selbst</hi> muss sich seiner
                        Bedürfnisse bewusst werden, sonst ist all seine <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> das Gegenteil von <term type="Sachen" key="Aufrichtigkeit">Aufrichtigkeit</term>. Eins ist not! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>] Aber «da tritt
                        kein Anderer für dich ein!»<note xml:id="n05">Vgl. die <bibl corresp="kbga-bibls-2505">erste
                            Strophe des Gedichtes «Reiterlied» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (a.a.O., S. 413f.,
                            dort S. 413</bibl>; auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-2506">ders., <hi rend="italic">Wallensteins Lager</hi>, elfter
                            Auftritt [a.a.O., Bd. 2, München 1962<hi rend="sup">3</hi>,
                            S. 309])</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                <l>Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!</l>
                                <l>Ins Feld, in die Freiheit gezogen!</l>
                                <l>Im Felde, da ist der Mann noch was wert,</l>
                                <l>Da wird das Herz noch gewogen.</l> 
                                <l>Da tritt kein anderer für ihn ein.</l>
                                <l>Auf sich selber steht er da ganz allein.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> 
                        Du selbst musst ins Auge fassen, wo es dir not<pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>tut, wo in deinem Leben das Hindernis liegt,
                        das dem Ewigen, Heiligen den Zutritt versperrt, und du selbst musst Hand
                        anlegen, dieses Hindernis wegzuräumen. Diese Zumutung an uns selbst
                        scheint uns freilich im<pb xml:id="p070" ed="pga" break="no"/>mer wieder das
                        Allerschwerste, und wir tun gut, sie in ihrer Schwierigkeit zu erkennen.
                        Aber wir wollen uns hüten, uns davon zu dispensieren, wenn schon der
                        Möglichkeiten dazu gar viele sind. Wir selbst müssen uns die schwere
                        Frage stellen und beantworten; die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>, der du angehörst, Vater und Mutter, die für dich
                        beten, auch die Lehren und Erzählungen der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> können dich dazu nur anleiten, niemals aber
                        an Stelle deiner eigenen Überlegung und Entscheidung treten. Die <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> hat uns
                        evangelische <term type="Sachen" key="Christen, evangelische">Christen</term> wieder auf uns selbst gestellt, wie es der klare
                        Wille Jesu war. |</p>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> «So bestehet nun in der Freiheit, <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>zu der<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. mit Bleistift korrigiert aus: «damit».</note>
                         uns Christus befreiet hat, und lasset euch nicht wiederum unter
                        das Joch der Knechtschaft fangen» 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.1">Gal. 5,1</ref>]. Diese <term type="Sachen" key="Freiheit, christliche">Freiheit</term>, dieses selber richten,
                        was recht ist, wird uns eine beständige Aufgabe bleiben, bei der es ohne
                        schwere Kämpfe nicht abgeht. Aber wer sie einmal in Angriff genommen,
                        der wird die Erfahrung machen, dass wir bei dieser Aufgabe nicht allein
                        gelassen sind. Denn das, was wir dann in der Zeit, in den Führungen
                        unsres Lebens entdeckt haben, das Rechte, das wir in ernster
                        Selbstprüfung ergriffen haben, das ist doch nichts als Gott selbst, der
                        uns als seine <term type="Sachen" key="Mensch, Kind Gottes">Kinder</term> zu sich zieht. Und je aufrichtiger und selbständiger
                        wir unsern Weg gegangen sind, umso mehr werden wir erkennen:</p>
               
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l> <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Mit unsrer Macht ist nichts getan,</l>
                                <l>Wir sind gar bald verloren.<note xml:id="n06">Aus
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Strophe 2 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von
                                        <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 32; EG 362)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
              
                    <p rend="noindent">Wir sind davon ausgegangen, dass wir selber den Mut
                        fassen müssen zur eigenen <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Besinnung</term> und Tat –
                        unser Weg wird, je ernstlicher wir vordringen, in der Erkenntnis
                        endigen, dass Gott es ist, der Wollen und Vollbringen in uns wirkt [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.13">Phil. 2,13</ref>]. Er lenkt
                        Wolken, Luft und Winde<note xml:id="n07">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Strophe 1 des
                            Liedes «Befiehl du deine Wege» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (RG 680; EG 361)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                            <l>Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt</l>
                            <l>der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt.</l> 
                            <l>Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn,</l>
                            <l>der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> 
                        nach seinem Wohlgefallen und hat uns doch in diese <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>
                        gestellt mit dem Befehl: Machet euch die Erde untertan [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>].</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p071" ed="pga"/> Er leitet auch die Herzen der Menschen wie Wasserbäche [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.9">Jer. 31,9</ref>], und doch bleibt es
                        dabei, dass wir selbst uns aufmachen müssen, ihn zu finden.</p>
                    <p>Prüfe deine Zeit! Richte selber, was recht ist! Aber freue dich: So ihr
                        mich von ganzem Herzen suchet, will ich mich finden lassen [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.13 Jer.29.14">Jer. 29,13f.</ref>].</p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen!</salute>
                    
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von
                                Rosenroth, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450).
</bibl>                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-125">Nr. 1: «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr» von N. Decius,
                                Strophen 1–2 (RG 221; EG 179 [jeweils mit geringen
                                Textabweichungen]).</bibl>

                        </listBibl>
                        <p>Gebete III und VII.</p>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
