Predigt: Markus 10,42-45
Wir stehen wieder vor der Zeit, in der wir uns des Leidens und Sterbens Jesu erinnern.
Folgen wir dabei nur einem alten Brauch der Kirche, oder ist uns das, was wir in diesen Wochen hören und
singen, innerer Besitz, eine Kraft Gottes, selig zu machen? [vgl.
A.
Es fällt uns heute schwer, zu ermessen, von welch
umstürzender Bedeutung die verlesenen Worte des Herrn für seine
Zeitgenossen in Israel a-sein
mussten-a. Auch in ihnen lebte ja der Gedanke einer solchen Neuschöpfung, er
war es, der das Volk
zusammenhielt in den Zeiten des äußern Drucks und der äußern Zerklüftung.
Der Propheten Mund hatte es
verkündigt: Jahwe wird auf Zion sitzen
und Gericht halten
über die Völker in Gerechtigkeit [vgl.
B.
Liebe Freunde! Ich glaube, es geht uns mit dem Verständnis des Todes Jesu vielfach gerade wie den Jüngern vor seiner Auferstehung. Wir hören den Schall der Worte: Erlösung, Versöhnung, Friede mit Gott, aber sie bleiben uns innerlich fremd, wir dringen nicht durch zu der Wirklichkeit, die dahinter steht. Sieh, was dort am Ostermorgen im Großen geschehen ist, das muss sich bei dir und mir wiederholen, bevor wir das Wort vom Kreuz aufnehmen können: Gott muss sprechen! Und Gott will zu dir sprechen, wenn du Ohr und Herz auftust, ihn zu hören, wenn du dich ernstlich besinnst auf das, was deinem Leben erst Wert geben kann. Von da aus wollen wir zunächst zu der Forderung Jesu, die unser Textwort enthält, zurückkehren. Ihr wisset, dass die, welche als Herrscher der Welt gelten, und ihre Großen unterjochen und Gewalt ausüben. |
Liebe Freunde! Nicht wahr, wir kennen diesen Ton auch in unsrer Zeit!? Es
brauchte nicht jener Lehre mancher Naturwissenschaftler, dass das Leben
aller Kreatur erfüllt und bedrängt sei durch den Kampf ums Dasein.7 Streben, Vorwärtskommen, Etwas Gelten bei den Leuten,
diese Ziele erfüllen ja das Leben viel zu Vieler. Der eifert nach |52 Ämtern und Würden in Staat und Gemeinde, der nach Ruhm und
Anerkennung für die Werke seines Geistes, der vielleicht nur nach einem
braven Geldsack; das Gemeinsame bei Allen ist, dass sie etwas sein und
gelten wollen vor den Andern und – auch das gehört zu solchem Kampf
ums Dasein, dass sie Andere, Schwächere oder Bescheidenere bei Seite
schieben: Heb dich weg, damit ich mich hinsetze! Jesus sagt: So soll es bei
euch nicht sein! Ein folgenschweres Wort: Im Reich des
allein Wirklichen gibt es keine Herrscherstühle! Verstehen wir uns recht:
Jener Trieb nach äußerem Vorwärtskommen gehört mit zur gesunden
gottgegebenen
Natur des Menschen, ja
er enthält eine Pflicht, denn auch im äußern Leben sind uns keine Pfunde zum Vergraben gegeben [vgl.
So soll es bei euch nicht sein! Ja, ihr sollt
groß werden, ihr sollt die Ersten sein, aber ihr sollt diese Größe nicht in
der Welt suchen, sollt über ihrer
Beherrschung im Großen und Kleinen das nicht außer Acht lassen, das euer
Dasein erst wirklich im höchsten Sinn macht. Das Reich
Gottes hat
Jesus diese Wirklichkeit genannt. Und nun seht, das ist das große Geheimnis,
das nicht erkannt, sondern nur erlebt werden kann: das Reich Gottes ist
Dienen. Solange du nur dich selbst siehst und suchst,
solange weißt du noch nicht, was wirkliche Größe ist. Soll ich euch an die
Geschichte erinnern? Welches
waren die Leute, die die |53
Menschheit wirklich vorwärts
gebracht haben? Etwa die großen Egoisten,
Wenn das nun schon im äußern Leben so ist, um wieviel mehr, wenn du bis dahin vorzudringen vermagst, im wirklichen Leben des inwendigen Menschen! Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg, so wirst du in dir das Reich Gottes entdecken, du wirst schauen, was wirklich Größe ist, und dann ist mit einem Schlag deine Stellung zur Welt eine andre. Nach wie vor stehst du äußerlich in jenem rauen Kampf ums Dasein, dieser Kampf bleibt nach wie vor deine gottgewollte Pflicht, aber dahinter siehst du nun unsichtbar sichtbar etwas Anderes, das wächst und wird in dir und dem du dich entgegenstreckst: der lebendige Gott, der dich zu sich zieht und sein Kind nennt. Und als ein Anderer wirst du unter deinen Mitmenschen stehen, nicht mehr als Einzelner, der andre Einzelne überholen und niederhalten muss um seines einzelnen Wohlergehens halben, sondern als Glied einer unsichtbaren Gemeinschaft, die vorwärts will, Gott entgegen, und dann kannst du nicht mehr anders als dienen, d. h. aber lieben, denn Gottes Größe, die Liebe, ist deine Größe geworden. Und je weiter dir diese Gemeinschaft der Liebe wird, je mehr deiner Mitmenschen du in diesen Kreis deines Dienens zu ziehen vermagst, umso größer wirst du sein, umso mehr wirst du groß sein, Gott nahe. Der aber wird der Größte unter euch sein, der der Knecht von Allen ist. Ein unendlich hohes Ziel hat uns Jesus auch in diesem Worte gesteckt: der Knecht von Allen. Es ist nicht leicht, auch nur seinem Bruder, seinen Eltern, seinem Gatten, seinen Kindern wirklich zu dienen, es |54 ist schwer, seinen Freunden und Bekannten aufrichtig zu dienen, aber es ist unendlich schwer, allen, allen Menschen zu dienen, d. h. aber, ihnen herzliches Wohlwollen entgegenzubringen. Und doch nur um diesen Preis verheißt uns Jesus die Größe, von der er redet.
Wahrlich, es geht uns hier wie bei so manchem andern Wort Jesu: hätten wir nur die Forderung, wir müssten verzweifeln, wenn anders wir sie ernst nehmen. Dienen? Knecht sein? Das sind harte Worte! Du siehst den Preis, aber das Opfer, das verlangt wird, ist dir zu schwer. Du müsstest nicht mehr du selbst sein, wenn du dieses Opfer bringen könntest. Und wenn du dich aufraffst, danach zu streben, so fürchtest du mit Recht, müde zu werden, einen aussichtslosen Kampf mit dir selbst zu kämpfen. Was hilft uns da selbst die Betrachtung des Lebens Jesu, wenn es uns Lehre oder Vorbild bleibt, himmelhoch fern, ewig fremd den Nöten unsres Inwendigen?
C.
Jesus will uns aber mehr sein als Lehrer oder Vorbild: Er gab sein Leben dahin zum Lösegeld.
Worin beruht diese Kraft dieses Todes, an die sich seit den ersten Tagen der Glaube der Christen geheftet hat?
Sieh, Jesus hat ein Leben des Dienens geführt nach dem Willen des Vaters. Dienen war sein Beruf, und er hat ihn erfüllt in einer Vollkommenheit und Reinheit, die über alles Menschenmaß hinausgeht. Derselbe Wille des Vaters, der ihm diesen Beruf des Dienens gegeben, führt ihn nun ans Kreuz, und er hat es auf sich genommen ohne Murren und stirbt, weil er gehorcht. In kindlichem Vertrauen auf Gottes Führung fügt er sich in dieses Schwerste, das bittere, hoffnungslose Ende seines gottgeweihten Lebens. Und dies Vertrauen wurde nicht zuschanden, sondern verherrlicht: nicht blinde Schicksalsmacht, sondern der lebendige Gott führte ihn so und nicht anders, das wissen wir aus der Osterbotschaft.
Lieber Freund! Hat dir dieses Ende dieses Lebens nichts zu sagen? Sieh, ich denke: der Mann, der so stirbt, kann das, was ich nicht kann, den Willen Gottes ganz tun. Was ich nicht vermocht hätte, das hat er in seinem Tod getan, er hat Gott ganz vertraut. Sein großes Vertrauen erhebt und gründet mein kleines Vertrauen auf denselben Vater, der |55 Weg zu ihm ist frei, denn ich weiß, dass Gott den als Kind annimmt, der im Aufblick zu diesem Mann ihm vertraut.
Freilich, wie dieses schöpferische Vertrauenfassen zu Gott in uns zustande kommt, das ist nicht zu beschreiben, so wenig wie das, was die Jünger in den Tagen der Auferstehung erlebt haben, beides ist Gottes freie Tat, die du nur erfahren kannst. Wer es aber erfahren hat, der wird immer wieder im Bild des Gekreuzigten den höchsten Ausdruck der vertrauenschaffenden Offenbarung der Liebe Gottes erblicken.
Christus gab sein Leben dahin zum Lösegeld für Viele. Sieh, es ist kein Zufall, dass Jesus nicht gesagt hat für Alle. Es hat Zeiten gegeben, wo die Christenheit diese ernste Mahnung vergessen hat, wo sie versucht hat, dem menschlichen Verstande, den auch der Gottesleugner besitzt, klar zu machen, wieso dieser Tod uns zum Heil habe geschehen müssen. Das war nicht die Meinung Jesu. Sein Tod ist Lösegeld für Viele; du weißt, wer die Vielen sind; es sind die, welche gelernt haben, in ihm Gott zu ergreifen.
Und so ist uns das Wort vom Lösegeld endlich eine ernste Erinnerung an das,
was nottut. Im Angesicht des Kreuzes Jesu wollen wir uns fragen: Steht bei
uns der Geist des Herrschens in Kraft oder der Geist Christi, der Geist des
Dienens? Wenn du es ernst nimmst mit diesem Dienen, dann wirst
du über kurz oder lang an den Punkt kommen, wo du wie der Reformator
Dann ist die Zeit da, wo du deine Augen erheben darfst zu dem Mann, der vollbracht, was du nicht vollbringen konntest, dann wird dir das Haupt voll Blut und Wunden11 nicht mehr ein Rätsel sein oder ein frommer Gedanke, du wirst mit Allen, die Gott lieb haben, erkennen: