Predigt: Markus 6,32-34
Vielleicht kennen Einige unter euch jenes Werk des holländischen Malers
38

Und noch interessanter ist die Gruppe zur Linken. Das sind keine Kranken, sondern äußerlich gesunde Männer jedes Alters a-und Standes-a. Auch sie sind gekommen, um den merkwürdigen Rabbi von Nazareth zu sehen und zu hören, und in ihren Gesichtern spiegeln sich ihre Gedanken. Da sind wieder Gläubige, Schwärmer, Gleichgiltige, Spötter, Selbstzufriedene, Gerechte und Ungerechte, Freunde und Feinde. Jesus blickt hoheitsvoll und beherrschend über sie alle hin, und ein eigentümlicher, scharfer Lichtreflex liegt über der ganzen Szene.
Und nun eine besondere Merkwürdigkeit dieses
wunderbaren Bildes. Es ist eine Äußerlichkeit, aber, wie ich glaube, nicht
unwichtig. Wir bemerken, dass der
Äußere Not und inwendig Sünde, ja diese Mächte hat es allerorts und zu allen Zeiten gegeben. Man hat diese Mächte wegtäuschen und wegdisputieren wollen, und unzählige Menschen halten es mit ihnen so wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, wenn der Jäger kommt; sie schließen die Augen zu und behaupten dann: es gibt keine Not, es gibt keine Sünde. Und trotz Allem sind sie da, und furchtbar werden wir oft plötzlich an ihr Dasein erinnert.
Wir haben aber auch einen Helfer! Es ist der lebendige Gott, der in Jesus von Nazareth zu uns geredet hat. Wir alle sind krank an
jenen Übeln. Siehe, hier fragt dich Gott: Willst du gesund
werden? [
I
– – er sah die Menge des Volks und hatte Mitleid mit ihnen. Krankheit und Tod, Hunger und Elend, das hat es im jüdischen Volk zur Zeit Jesu gegeben wie heute. Liebe Freunde! Soll ich euch davon reden, was irdische Not ist? Es sind Viele unter euch, die das besser tun könnten als ich, weil sie nicht am Studiertisch darüber nachgedacht, sondern sie an sich selbst und an andern hundertfältig erfahren haben. Not ist es, wenn der Vater und Ernährer einer zahlreichen Familie todkrank darniederliegt, Not ist es, wenn durch plötzliche, schwere Ereignisse der Ertrag vieler vergangener und zukünftiger Jahre auf einmal vernichtet wird, Not ist es, wenn es vorkommt, dass eine Frau, ein Mädchen 15 Stunden täglich arbeiten muss, um damit einen gan|40zen Franken zu verdienen!3 Ihr, die ihr das nie erfahren habt, seid ihr vom Glück so abgestumpft, dass euch kein bitteres und wehmütiges Gefühl wenigstens ergreift, wenn ihr an das denkt, was so viele andere um euch täglich durchzukämpfen haben? Ja,
der kennt das nicht, ja der will es so oft nicht kennen,
schilt wohl noch über die Begehrlichkeit der armen Leute. Es ist der
ewige Seufzer der notleidenden Menschheit, dem der Prediger Salomo Ausdruck gibt, wenn er sagt: «Ich wandte mich und sah an
alles Unrecht, das geschah unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen
derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster, und die ihnen
Unrecht taten, waren zu mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten.
Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die
Lebenden, die noch das Leben hatten; und besser denn alle beide ist, der
noch nicht ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne
geschieht» [
Ja, sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben, und Jesus
hat diese Not gesehen und erkannt, und es heißt von ihm: er hatte
Mitleid mit ihnen, da er die Menge des Volks sah! Und dieses Mitleid war
kein bloßes, schwächliches Gefühl, sondern
eine Kraft, und ihr wisst, dass diese Kraft geholfen hat. Nun sieh, die
Kraft dieses Mitleidens Jesu ist auch
auf uns gerichtet, sie will auch uns in unsern heutigen Nöten helfen.
Ja, der Name Jesus ist die
schließliche Lösung der sozialen Frage, denn das Reich Gottes, das er gepredigt
hat, ist das Reich der höchsten Gerechtigkeit, in welchem Alle Brüder sind und wo es keine
Ausbeutung und Unterdrückung mehr gibt. Selig sind, die hungert und
dürstet nach dieser Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden [
42 Aber freilich: Die Hilfe, die Kraft Jesu
wirkt von innen heraus. Dem Gichtbrüchigen in
Ja oder Nein?!
II
– – er hatte Mitleid mit ihnen, denn
sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Auf die äußere
Not der Menschen richtete sich
dieses Mitleiden Jesu zunächst, wir haben aber bereits gesehen, dass ihre
Wurzeln tiefer gehen, als viele Weltverbesserer von heutzutage meinen.
Auch das Bild des
holländischen
Und das ist sich gleich geblieben bis heute: es gibt keinen Menschen, arm
oder vornehm, ungebildet oder gebildet, der es nicht nötig hätte, immer
wieder von Jesus Kraft zu empfangen. Das wäre das Reich Gottes, wenn unser äußeres wie unser
geistiges Leben an ihm orientiert wäre, aber es fehlt auch dazu viel,
sehr viel! Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Ist es nicht eine Lästerung des Geistes unsrer Zeit, wenn man
dies Wort auf sie anwendet? Und doch ist es so! Ja, man pflegt sich
heutzutage gerne dessen zu freuen und zu rühmen, was unser Jahrhundert
geleistet «und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit
gebracht!»6 Aber sieh einmal hinein
in dies geistige Leben der Gegenwart, und welche
Zerfahrenheit, Unklarheit, welche Divergenzen wirst du da entdecken,
welches Sich-Anklammern an diese oder jene Autorität, die plötzlich auf
den Schild gehoben, meist ebenso plötzlich wieder fallen gelassen wird.
Ich habe im letzten Winter in der deutschen Reichshauptstadt
Nein, meine Freunde, wir wollen bescheidener sein. Unser geistiges Leben hat glänzende Fortschritte gemacht, Wissenschaft und Technik, Handel und Industrie haben sich zu schwindelhafter Höhe heraufgearbeitet, und immer neue Ausblicke tun sich auf nach allen Seiten. Allein alles das sind der Güter höchste noch nicht,10 sondern bloß eine Außenseite. Was helfen sie, wenn unter ihrer Decke der Eigennutz, die Sinnlichkeit, die Eitelkeit, die Borniertheit der Menschen dieselbe bleibt?!
Ja, er hatte Mitleid mit ihnen, und auch wir Menschen von heutzutage haben dieses Mitleid nötig, denn es fehlt uns trotz Allem an hohen gemeinsamen Zielen, an großen Gedanken in den kleinen Sorgen des Tages. Liebe Freunde! Es kann ein Mensch die besten Schulen besucht haben und alle Zeitungen und Bücher lesen und bei alledem ein richtiger Barbar sein. Alle Bildung ist nichts, wenn sie nicht Herzensbildung ist, wenn sie dich nicht gelehrt hat, ein ganzer Mensch, eine Persönlichkeit zu werden. Dass wir das so vielfach nicht sind, ist unser Unglück. Der Kampf, das zu werden, ist unsre Lebensaufgabe. |46 Und sieh, nun tritt Jesus an deine Seite. Du hast jenen Kampf vergeblich gekämpft, aber:
Und nun blicke zu ihm auf, ernst und lange, und du wirst
ein Geheimnis erfahren, schwer und doch so einfach: Der Weg, ein
solcher ganzer Mensch, eine Persönlichkeit zu werden, ist die Liebe,
die sich selbst verleugnet, die nicht das Ihre sucht [
Mein Freund, besinne dich heute darüber, ob ich recht habe, es braucht zu diesem Besinnen keine Bücher und keine Wissenschaft, nur ein Gewissen! Die Liebe, die sich selbst verleugnet – und sieh, da sind wir wieder bei dem angelangt, was wir als die Befreiung von aller irdischen, äußern Not erkannt haben, beim Reiche Gottes, in dem die soziale Frage abgeschlossen ist, weil vollendete Persönlichkeit begonnen hat zu wirken.
Persönlichkeit und Gemeinschaft,
Gemeinschaft und Persönlichkeit, sieh, zwischen diesen beiden Polen
bewegen sich alle Fragen unsres christlichen Denkens und Lebens. Solange wir
hier im Unklaren sind, solange sind wir Schafe ohne Hirten, aber wir
brauchen das nicht zu bleiben, denn Jesus Christus hat mit uns nicht nur
Mitleiden
gehabt wie andre Menschen auch, sondern er hat uns den Weg gewiesen, den
wir mit Gottes Hilfe gehen können, wenn wir wollen. Und dieser Weg ist
nicht bloß ein schöner Gedanke Jesu, denn er hat ihn in die Tat
umgesetzt; du weißt wo: am Kreuz auf
Und da wollen wir innehalten. In wenigen Sonntagen wird das Schweizervolk seinen Bettag begehen.12 Möchte er ein Tag
der Einkehr werden, da viele sich fragen: Will ich gesund werden? Eins
ist not!! [
47 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; so jemand meine Stimme hören
wird und mir auftun, zu dem werde ich eingehen und Abendmahl mit ihm halten und er mit mir
[
Liebe Freunde! Das schenke Gott uns allen.
- Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von
Ph. Nicolai , Strophen 1.2 (RG 653; EG 70 [jeweils mit Textabweichungen]). - Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt» von
Fr. A. Krummacher , Strophen 1.2.6 (EKG 220).