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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 5</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 6,32-34</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 6,32-34, 25. August 1907</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53007 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53007</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 5: Predigt: Markus 6,32-34</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">7</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 6,32-34, 25. August 1907. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1447">KBA 983</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1907-08-25">25. August 1907</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                <div type="opener">
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                        <idno>5</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-133">
                            <hi rend="italic">Meiringen</hi></placeName>, <date when="1907-08-25">den
                            25. August 1907</date> <date rend="right">(13. Sonntag nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <argument>
                        <ab/>
                    </argument>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="3"> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.32 Mk.6.34">Markus 6,32–34</ref>
                            </ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Sie gingen aber zu Schiff bei
                                    Seite an einen einsamen Ort. Und viele sahen sie hingehen
                                    und merkten es und liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin
                                    zusammen und kamen ihnen zuvor. Und er stieg heraus</hi> und sah
                                    die Menge des Volks und hatte Mitleid mit ihnen, denn sie
                                    waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Vielleicht kennen Einige unter euch jenes <term type="Sachen" key="Hundertguldenblatt">Werk</term> des holländischen Malers
                        <persName ref="kbga-actors-1189">Rembrandt</persName><note xml:id="n01">Rembrandt Harmenszoon van Rijn
                        (1606–1669), einer der bedeutendsten europäischen Maler des
                        Barocks, führender Künstler des «Goldenen Zeitalters» der
                        niederländischen Kunst.</note>, das lange Zeit unter dem Namen
                        «<hi rend="italic">Hundertguldenblatt</hi>»<note xml:id="n02">Siehe
                        Abb. 2. – Die unter dem Namen «Hundertguldenblatt» bekannte
                        Radierung <persName ref="kbga-actors-1189">Rembrandts</persName> «Christus, dem die kleinen Kinder gebracht
                        werden» oder «Christus heilt die Kranken» (27,8 x 38,8 cm) wurde 1647/49
                        fertiggestellt. Eine Besprechung findet sich u. a. in: <bibl corresp="kbga-bibls-2499">
                                <hi rend="italic">Rembrandts
                            Handzeichnungen und Radierungen zur Bibel</hi>, hrsg. von H.-M.
                        Rotermund, Lahr / Stuttgart 1963, S. 182f., Abb. 186</bibl>.</note> bekannt
                    war, weil der für das 17. Jahrhundert unerhörte Preis von 100 Gulden dafür
                    gezahlt worden ist. Es stellt Christus dar, umgeben von Hilfe<pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>suchenden aller Art. Von der rechten Seite naht
                    ein langer Zug <hi rend="italic">Leidender</hi>, gestützt, getragen und gefahren von
                    ihren Angehörigen; wir sehen hoffnungsvolle und gläubige neben matten und
                    verzweifelnden Augen zum Heiland aufblicken, alle voll brennender Erwartung:
                    wird er mir helfen? Eine alte Frau erhebt flehend ihre Hände, während eine
                    andere hilflos nach dem Saum seines Kleides tastet. Ein junges Weib bringt
                    ihm soeben ihr todkrankes Kind, und Jesus ist im Begriff, es mit der einen
                    Hand zu berühren, während seine erhobene Linke zeigt, dass er gerade redet,
                    Worte redet, die in seinem Munde Taten sind. – | 

                    <figure rendition="simple:display">
                        <head> <pb rend="noPipe" xml:id="p038" ed="pga"/></head>
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                        <figDesc> 
                            <hi rend="italic">Abb. 2: Rembrandt van Rijn, «Christus, dem die kleinen Kinder gebracht werden», 1647/49 (Wikimedia Commons).</hi>
                        </figDesc>
                    </figure>

                    <!-- <figure n="19-2"/> -->
                    </p>
              <!-- Seitenumbruch kommt vor das Bild -->
                <p>Und noch interessanter ist die Gruppe zur Linken. Das sind keine Kranken,
                    sondern <hi rend="italic">äußerlich gesunde</hi> Männer jedes Alters <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>und Standes<note type="textcritical" target="fn-a" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. mit Bleistift hinzugefügt.</note>. Auch sie sind gekommen, um den merkwürdigen Rabbi von <term type="Sachen" key="Jesus Christus">Nazareth</term> zu sehen und zu
                    hören, und in ihren Gesichtern spiegeln sich ihre Gedanken. Da sind wieder
                    Gläubige, Schwärmer, Gleichgiltige, Spötter, Selbstzufriedene, Gerechte und
                    Ungerechte, Freunde und Feinde. Jesus blickt hoheitsvoll und beherrschend
                    über sie alle hin, und ein eigentümlicher, scharfer Lichtreflex liegt über
                    der ganzen Szene.</p>
                 <p>  <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Und nun eine besondere Merkwürdigkeit dieses
                    wunderbaren Bildes. Es ist eine Äußerlichkeit, aber, wie ich glaube, nicht
                    unwichtig. Wir bemerken, dass der <rs type="person" ref="kbga-actors-1189">Maler</rs> sich sichtlich bemüht hat, seinem
                    Gegenstand auch äußerlich gerecht zu werden durch Anpassung an die
                        <hi rend="italic">orientalische</hi> Umgebung. Die Personen, die wir da sehen,
                    sind in phantastische Mäntel und Kleidungsstücke gehüllt und tragen Turbane
                    und Hüte nach Art der Juden des Mittelalters. Aber wenn wir <pb xml:id="p039" ed="pga"/> dann genauer zusehen, so entdecken wir, dass der Künstler in
                    scheinbarem Widerstreit damit die Gesichter der Dargestellten aus seiner
                    eigenen Umgebung genommen hat. So mögen die Kranken und Bettler auf den
                    Straßen der <hi rend="italic">holländischen</hi> Seestädte ausgesehen haben, so die
                    vornehmen, satten Kaufleute, die Magistrate und Ratsherren von dazumal.
                    Diese Leute sehen wir da um Jesus versammelt, <hi rend="italic">europäische Menschen des
                        17. Jahrhunderts in der Tracht des Morgenlandes!</hi> Ich glaube, das
                    ist weder Zufall noch künstlerische Laune, sondern ein <hi rend="italic">Gedanke</hi>
                    kommt darin zum genialen <term type="Sachen" key="Hundertguldenblatt">Ausdruck</term>: Was Jesus dem leidenden und irrenden <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Judenvolk</term>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> seiner Zeit sein wollte, das kann und will er den
                    Menschen aller Völker und Zeiten sein: der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">
                            <hi rend="italic">Heiland</hi></term>, will sagen
                    der Mann, der <hi rend="italic">Heil</hi> bringt, Rettung aus Not und <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Äußere Not</hi> und <hi rend="italic">inwendig Sünde</hi>, ja diese Mächte hat
                    es allerorts und zu allen Zeiten gegeben. Man hat diese Mächte wegtäuschen
                    und wegdisputieren wollen, und unzählige Menschen halten es mit ihnen so wie
                    der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, wenn der Jäger kommt; sie
                    schließen die Augen zu und behaupten dann: es gibt keine Not, es gibt keine
                    Sünde. Und trotz Allem sind sie da, und furchtbar werden wir oft plötzlich
                    an ihr Dasein erinnert.</p>
                <p> Wir haben aber auch einen Helfer! Es ist der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der in <hi rend="italic">Jesus von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term></hi> zu uns geredet hat. Wir alle sind krank an
                    jenen Übeln. Siehe, hier fragt dich Gott: <hi rend="italic">Willst du gesund
                        werden?</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.6">Joh. 5,6</ref>]</p>
                <div>
                    <head>I</head>
                    <p rend="noindent">– – <hi rend="italic">er sah die Menge des Volks und
                            hatte Mitleid mit ihnen</hi>. Krankheit und Tod, Hunger und Elend,
                        das hat es im jüdischen Volk zur <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Zeit Jesu
                        gegeben wie heute. Liebe Freunde! Soll ich euch davon reden, was
                            <hi rend="italic">irdische <term type="Sachen" key="Not">Not</term></hi> ist?
                        Es sind Viele unter euch, die das besser tun könnten als ich, weil sie
                        nicht am Studiertisch darüber nachgedacht, sondern sie an sich selbst
                        und an andern hundertfältig erfahren haben. Not ist es, wenn der Vater
                        und Ernährer einer zahlreichen Familie todkrank darniederliegt, Not ist
                        es, wenn durch plötzliche, schwere Ereignisse der Ertrag vieler
                        vergangener und zukünftiger Jahre auf einmal vernichtet wird, Not ist
                        es, wenn es vorkommt, dass eine Frau, ein Mädchen 15 Stunden täglich
                        arbeiten muss, um damit einen gan<pb xml:id="p040" ed="pga" break="no"/>zen Franken zu
                            verdienen!<note xml:id="n03">Solche Arbeitszeiten waren in
                            den vom 1874 erlassenen <term type="Sachen" key="Schweiz, Fabrikgesetz 1874">Fabrikgesetz</term> betroffenen
                            Arbeitsbereichen nicht mehr möglich (vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-2500">K. Barth, <hi rend="italic">Die
                                Arbeiterfrage</hi> [1913/1914], in: V.u.kl.A.
                            1909–1914, S. <ref type="pub-" target="../vol-22/p573#p573">573–682</ref>, dort S. 592f.</bibl>), konnten aber in
                            der ganz überwiegend von Frauen betriebenen und schlecht bezahlten
                            Heimarbeit durchaus vorkommen, in der um 1900 in der Schweiz noch
                            etwa 90 000 Personen beschäftigt waren. Vgl. exemplarisch: <bibl corresp="kbga-bibls-2480">
                                    Cl. Hagmayer,
                                <hi rend="italic">Bis dass der Tod euch scheidet. Witwen in der Schweiz um
                                1900</hi>, Zürich 1994, S. 102–104</bibl>.</note> Ihr, die ihr
                        das nie erfahren habt, seid ihr vom <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> so abgestumpft, dass euch kein bitteres und wehmütiges
                        Gefühl wenigstens ergreift, wenn ihr an das denkt, was so viele andere
                        um euch täglich durchzukämpfen haben? Ja,</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Wer nie sein Brot mit Tränen aß,</l>
                                <l>Wer nie die kummervollen Nächte</l>
                                <l>Auf seinem Bette weinend saß,<note xml:id="n04">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-1526">J. W. von Goethe, <hi rend="italic">Wilhelm Meisters
                                            Lehrjahre</hi>, Zweites Buch, Kapitel 13
                                        (Hamburger Ausgabe, Bd. 7, S. 136)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                
                    <p rend="noindent">der kennt das nicht, ja der will es so oft nicht kennen,
                        schilt wohl noch über die Begehrlichkeit der armen Leute. Es ist der
                        ewige Seufzer der notleidenden <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term>, dem der Prediger Salomo <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Ausdruck gibt, wenn er sagt: «Ich wandte mich und sah an
                        alles Unrecht, das geschah unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen
                        derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster, und die ihnen
                        Unrecht taten, waren zu mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten.
                        Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die
                        Lebenden, die noch das Leben hatten; und besser denn alle beide ist, der
                        noch nicht ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne
                        geschieht» [<ref type="can" subtype="bible" target="Pred.4.1 Pred.4.3">Pred. 4,1–3</ref>]. Nicht wahr, lieber Freund, so hast du auch
                        schon gedacht?! Es ist menschlich, aber doch sollst du dabei nicht
                        stehen bleiben. Ich möchte dir vor Allem Eines zu bedenken geben
                        – nicht ein Trost soll es sein, aber es kann dich freier machen
                        gegenüber deiner Not –, <hi rend="italic">du bist mit deinem <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term></hi>
                        <hi rend="italic">nicht allein</hi>, ja es gibt Tausende in allen Ländern, denen
                        es noch schlimmer geht als dir. Denke an <term type="Sachen" key="Arbeiter">die</term>, die Tag für Tag in den Tiefen der
                        Bergwerke ihr Brot zu verdienen haben, oder an die, die im Rumpf der
                        Ozeandampfer an der Maschine stehen, denke an die Hunderttausende von
                        Fabrikarbeitern, die in den großen Städten in Mietkasernen
                        zusammengepfercht ein freudloses <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Dasein
                        führen, ohne Licht und Sonne. Wer dort gewisse Arbeiterquartiere gesehen
                        hat, <pb xml:id="p041" ed="pga"/> möchte sich wünschen, man könnte ihre
                        Bewohner auf eine unsrer Alpen verpflanzen, wo auch Armut und Elend ist,
                        aber doch Luft und <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>!
                        Warum sage ich dir dies alles, lieber Freund?! Um dir zu zeigen, dass du
                        und deine Not nur ein kleiner Teil bist einer ungeheuren Gesamt-Not,
                        einer Not, die da ist, seit es Menschen gibt, einer Not, die als die
                            <hi rend="italic">soziale <term type="Sachen" key="Soziale Frage">Frage</term></hi> in unsern Tagen das Interesse und die Arbeit
                        der Besten in Anspruch nimmt.<note xml:id="n05">Der Begriff
                            «Soziale Frage» oder «Arbeiterfrage» wurde seit der Mitte des 19.
                            Jahrhunderts als Oberbegriff für die Lage und die zu einem großen
                            Teil katastrophalen Lebensbedingungen der lohnabhängigen
                            Arbeiterschaft in sozialer, ökonomischer, moralischer und
                            politischer Hinsicht verwendet. Damit und mit dem in dieser
                            Problematik enthaltenen gesellschaftlichen Sprengstoff hatte Barth
                            sich bereits im Jahr zuvor in seinem wohl ersten öffentlichen
                            Vortrag überhaupt befasst: <bibl corresp="kbga-bibls-2481">K. Barth, <hi rend="italic">Zofingia und Sociale
                                Frage</hi>, in: V.u.kl.A. 1905–1909, <ref type="pub-" target="../vol-21/p061#p061">S. 61–99</ref>,
                            dort bes. <ref type="pub-" target="../vol-21/p071#p071">S. 71–76</ref></bibl>.</note> Auf der einen Seite der <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term>, das <term type="Sachen" key="Kapitalismus">Kapital</term>, das sich bei
                        einzelnen Wenigen immer mehr anhäuft, auf der andern Seite die <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> in tausend Formen und
                        Abstufungen, die immer schärfer und bitterer werden! Sieh, das ist die
                            <term type="Sachen" key="Not">Not</term>, die Not der Menschheit,
                        die nach Erlösung seufzt, – das ist die eine Gruppe auf dem <term type="Sachen" key="Hundertguldenblatt">Rembrandt-Bild</term>, das
                        ich euch beschrieben habe.</p>
                    <p>Ja, sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben, und <hi rend="italic">Jesus</hi>
                        hat diese Not gesehen und erkannt, und es heißt von ihm: er hatte
                        Mitleid mit ihnen, da er die Menge des Volks sah! Und dieses Mitleid war
                        kein bloßes, schwächliches Gefühl, <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> sondern
                        eine Kraft, und ihr wisst, dass diese Kraft geholfen hat. Nun sieh, die
                        Kraft dieses Mitleidens <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft seines Mitleidens">Jesu</term> ist auch
                        auf uns gerichtet, sie will auch uns in unsern heutigen Nöten helfen.
                        Ja, der Name <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lösung der Sozialen Frage">Jesus</term> ist die
                        schließliche Lösung der sozialen Frage, denn das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, das er gepredigt
                        hat, ist das Reich der höchsten <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Reich der höchsten Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, in welchem Alle Brüder sind und wo es keine
                        Ausbeutung und Unterdrückung mehr gibt. Selig sind, die hungert und
                        dürstet nach dieser <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, denn sie sollen satt werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Kommt her zu mir
                        Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]. –
                        Wahrlich, es ist nicht wohlgetan, die Armen immer wieder damit zu
                        beschwichtigen, Jesus habe nur ihre Seelen retten wollen! Nein, er hat
                        geholfen, der äußern Not <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Helfer in der äußeren Not">geholfen</term>, und
                        helfen will er auch heute, denn unsre sozialen <term type="Sachen" key="Soziale Frage">Zustände</term> sind ferne vom Reich Gottes!</p>
                    
                     <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p042" ed="pga"/> Aber freilich: Die Hilfe, <hi rend="italic">die Kraft <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Jesu</term></hi>
                        <hi rend="italic">wirkt von innen heraus</hi>. Dem Gichtbrüchigen in
                            <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> hat er
                        zuerst gesagt: Deine Sünden sind dir vergeben! und dann: Stehe auf, nimm
                        dein Bett und gehe heim! 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.5 Mk2.11"> Mk. 2,5.11</ref>
                        par.] Er hat sich nicht an die <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Spitze einer
                        Revolution gestellt, und er würde es heute nicht tun. Er appelliert
                        nicht an die Waffen, sondern an die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Appell ans Gewissen">Gewissen</term> und
                        fordert, dass hier ein Neues beginne bei Allen, bei Hoch und Niedrig,
                        bei <term type="Sachen" key="Reichtum">Reich</term> und <term type="Sachen" key="Armut">Arm</term>. Hier ist der Grundschaden. Ja,
                        sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben, ein jeder sieht nur das
                        Seine [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.6">Jes. 53,6</ref>],
                        statt Gottes Sache, will sagen, die Sache der Gesamtheit, der <term type="Sachen" key="Menschheit, Gemeinschaft">Gemeinschaft</term>. Es
                        fehlt den Menschen ein gemeinsames Ziel, jeder geht seinem Nutzen und
                        Vorteil nach, der in Erwerb und Genuss bestehen soll. Sieh, <hi rend="italic">hier
                            will Jesus eingreifen und heilen</hi>. Denn diese allseitige <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>, dieser Mangel an
                        Gemeinschaft verursacht immer aufs Neue die sozialen Nöte. Wenn an die
                        Stelle der Selbstsucht bei uns Allen das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> tritt, dann ist die soziale <term type="Sachen" key="Soziale Frage">Frage</term> gelöst. Wenn es
                        einmal Wahrheit wird, dass die Menge der Gläubigen, dass unsre
                        sogenannte christliche <term type="Sachen" key="Gesellschaft, sogenannte christliche">Gesellschaft</term> ein
                        Herz und eine Seele wird, dass keiner mehr von seinen Gütern sagt, dass
                        sie sein seien [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.32">Act. 4,32</ref>], sondern dass jeder sie als unverdiente Gabe Gottes
                        betrachtet, über die er Verantwortung schuldig ist, dann wird es keine
                        Tränen mehr geben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>] – aber wir wissen alle, dass <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> wir davon leider noch weit, allzu weit
                        entfernt sind! Es<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Also es».</note>
                         liegt an uns, diesem Ziele näher zu kommen. Nicht darauf kommt es
                        an, ob du dieses oder jenes glaubst und tust, was man dir vorschreiben
                        kann, sondern darauf, ob dein ganzes Sein, das Innerste deines Herzens
                        auf das Reich Gottes gerichtet ist oder auf dich selbst. Siehe, Jesus
                        klopft bei dir an! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>] Er hat Mitleiden mit der Menge auch unsres Volkes und
                        mit jedem Einzelnen von uns, er fragt dich heute: Willst du Gott dienen
                        oder dem Mammon? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>]</p>
                    <p>Ja oder Nein?!</p>
                </div>
                <div>
                    <pb xml:id="p043" ed="pga"/>
                    <head>II</head>
                    <p rend="noindent">– – <hi rend="italic">er hatte Mitleid mit ihnen, denn
                            sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben</hi>. Auf die äußere
                            <term type="Sachen" key="Not">Not</term> der Menschen richtete sich
                        dieses Mitleiden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Mitleid">Jesu</term> zunächst, wir haben aber bereits gesehen, dass ihre
                        Wurzeln tiefer gehen, als viele Weltverbesserer von heutzutage meinen.
                        Auch das <term type="Sachen" key="Hundertguldenblatt">Bild</term> des
                        holländischen <rs type="person" ref="kbga-actors-1189">Malers</rs> deutet das an, denn da sehen wir neben jenen Armen
                        und Kranken eine Männergruppe, die Jesus gleichgiltig, kritisch und
                        zweifelnd gegenübersteht. Es sind solche, denen es äußerlich <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> gut geht, geachtete, ehrbare, wohlhabende
                        und gerechte Leute. Wir wissen, an wen der Künstler bei diesen gedacht
                        hat: es sind die <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term>
                        und <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term>,
                        die Angesehenen und Vornehmen im Volke. Nichts fehlt ihnen – als
                        gerade das Eine, das nottut 
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], und darum gilt ihnen das Mitleid Jesu
                        gerade so wie den andern. Ja, er hat in bitterer Ironie von ihnen
                        gesagt: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.31">Lk. 5,31</ref>], denn sie haben ihn
                        oft zurückgewiesen – aber seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sendung">Sendung</term>
                        <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>gilt ihnen so gut wie allen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «ist an
                                sie bestimmt so gut wie an alle».</note>
                         Andern.</p>
                    <p>Und das ist sich gleich geblieben bis heute: es gibt keinen Menschen, arm
                        oder vornehm, ungebildet oder gebildet, der es nicht nötig hätte, immer
                        wieder von Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Kraft</term> zu empfangen. Das wäre das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, wenn unser äußeres wie unser
                        geistiges Leben an ihm orientiert wäre, aber es fehlt auch dazu viel,
                        sehr viel! <hi rend="italic">Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben</hi>.
                        Ist es nicht eine Lästerung des <term type="Sachen" key="Heiliger Geist, Lästerung">Geistes</term> unsrer Zeit, wenn man
                        dies Wort auf sie anwendet? Und doch ist es so! Ja, man pflegt sich
                        heutzutage gerne dessen zu freuen und zu rühmen, was unser Jahrhundert
                        geleistet «und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit
                            gebracht!»<note xml:id="n06"> <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>, V. 573
                            (Nacht)</bibl>.</note> Aber sieh einmal <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> hinein
                        in dies geistige Leben der <term type="Sachen" key="Gegenwart, geistiges Leben">Gegenwart</term>, und welche
                        Zerfahrenheit, Unklarheit, welche Divergenzen wirst du da entdecken,
                        welches Sich-Anklammern an diese oder jene Autorität, die plötzlich auf
                        den Schild gehoben, meist ebenso plötzlich wieder fallen gelassen wird.
                        Ich habe im letzten Winter in der deutschen Reichshauptstadt <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> die <term type="Sachen" key="Deutsches Reich, Reichstagswahlen 1907">Reichstagswahlen</term>
                        miter<pb xml:id="p044" ed="pga" break="no"/>lebt.<note xml:id="n07">Barth war
                            zum Wintersemester 1906/07 nach Berlin gegangen, um dort sein
                            Studium – besonders bei <persName ref="kbga-actors-155">Adolf von Harnack</persName> (1851–1930; seit
                            1888 Prof. für Kirchengeschichte in Berlin) – fortzusetzen.
                            Bei der dort miterlebten vorgezogenen Wahl zum 12. Reichstag
                            handelte es sich um die sogenannte «Hottentottenwahl» vom 25. Januar
                            1907, der scharfe, zum Teil von nationalistischen Tönen geprägte
                            Auseinandersetzungen vor allem um den Kolonialkrieg in
                            Deutsch-Südwest-Afrika vorausgegangen waren. Der vorherige Reichstag
                            war zuvor aufgelöst worden, weil ein Nachtragshaushalt für diesen
                            Krieg keine Mehrheit gefunden hatte. Die Wahlbeteiligung lag bei
                            einem Rekordwert von knapp 85%. Die Sozialdemokraten, die u. a.
                            gegen den Nachtragshaushalt gestimmt hatten, erlitten trotz leichter
                            absoluter Stimmengewinne eine erhebliche Schlappe: aufgrund der
                            deutlicheren Stimmengewinne im bürgerlichen Lager und der dort
                            erfolgten Stichwahlabsprachen büßten sie beinahe die Hälfte ihrer
                            Mandate ein (43 statt 81). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2482">
                                    Th. Nipperdey, <hi rend="italic">Deutsche
                                Geschichte 1866–1918</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Machtstaat vor
                                der Demokratie</hi>, München 1998, S. 729–731</bibl>.</note>
                        Die Geister sind aufeinandergeplatzt, aber wahrlich, das sind keine
                        Geister von oben gewesen. Wir alle<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd">Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                         haben in diesen<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Mskr.: «den diesen»; die nicht vollständig ausgeführte
                                Korrektur aus: «den letzten» wurde von den Hrsg. ergänzt.</note>
                         Wochen mit Schauder gehört, wie <term type="Sachen" key="Europa">Europa</term> in fremden Erdteilen <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> verbreitet, die Ruinen von <placeName ref="kbga-places-1112">Casablanca</placeName> sind Zeugen
                            davon.<note xml:id="n08">In den Hafenstädten entlang der
                            marokkanischen Küste war es seit der Jahrhundertwende immer wieder
                            zu kleineren Aufständen und Scharmützeln gekommen, da Teile der
                            einheimischen muslimischen Bevölkerung sich zunehmend gegen die
                            Überfremdung durch die in den Städten siedelnden Europäer zur Wehr
                            setzten. Bei von europäischen Arbeitern durchgeführten
                            Ausbauarbeiten am Hafen von Casablanca war es im Juli 1907 erneut zu
                            einem Aufstand gekommen, weil eine benötigte Hilfsbahn quer über
                            einen Friedhof geführt wurde und diesen in den Augen der
                            Einheimischen damit entweihte. Neun Hafenarbeiter wurden in den
                            folgenden Unruhen getötet, das französische Konsulat wurde zeitweise
                            blockiert und das jüdische Wohnviertel geplündert. Weil man der
                            Unruhe anders nicht meinte Herr werden zu können, aber auch um die
                            französischen Interessen in Nordafrika zu wahren und anderen
                            Expeditionstruppen zuvor zu kommen, entschloss sich die französische
                            Regierung daraufhin, zwei Kriegsschiffe und von Algerien her auch
                            Truppenverbände nach Casablanca zu schicken.  Am 5. August
                            begann die Beschießung <placeName ref="kbga-places-1112">Casablancas</placeName> durch die französischen Kriegsschiffe, am
                            7. August drangen dann auch französische Truppen in die Stadt ein.
                            Nach dem Ende der Kämpfe zählte man zwei getötete französische
                            Soldaten; die Zahl der toten Marokkaner blieb unbekannt, Schätzungen
                            reichen von 1500 (französische Angaben) bis 7000 (marokkanische
                            Angaben). Die Stadt war in großen Teilen zerstört, die europäische,
                            zuvor evakuierte Bevölkerung war nahezu unbeschadet geblieben. Die
                            Vorkommnisse waren der Auftakt zur französischen Unterwerfung des
                            größten Teils <placeName ref="kbga-places-909">Marokkos</placeName>
                            (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2098">
                                    A. Adam,
                                <hi rend="italic">Sur l’action du Galilée à Casablanca en août
                                1907</hi>, in: Revue d l’Occident musulman et de la
                            Méditerranée, Vol. 6 [1969], S. 9–21</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2484">
                                    G. Mai, <hi rend="italic">Die
                                Marokko-Deutschen. 1873–1918</hi>, Göttingen 2014,
                            S. 351–364</bibl>).</note> Nicht wahr:</p>
                   
                  
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p045" ed="pga"/> Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige</l>
                                <l>Stehst du an des Jahrhunderts Neige!<note xml:id="n09">Eingangszeilen des Gedichts <bibl corresp="kbga-bibls-2485">«Die Künstler» von
                                        <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Sämtliche Werke, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, Bd. 1, S. 173–187, dort
                                        S. 173)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                
                    <p rend="noindent">Nein, meine Freunde, wir wollen bescheidener sein. Unser
                        geistiges <term type="Sachen" key="Gegenwart, geistiges Leben">Leben</term> hat glänzende Fortschritte gemacht, Wissenschaft und
                        Technik, Handel und Industrie haben sich zu schwindelhafter Höhe
                        heraufgearbeitet, und immer neue Ausblicke tun sich auf nach allen
                        Seiten. Allein alles das sind der Güter höchste noch nicht,<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                    <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm
                                Tell</hi>, Zweiter Aufzug, Zweite Szene (a.a.O., Bd. 2,
                            S. 959)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,</l> 
                                    <l>Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –</l> 
                                    <l>Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr</l>
                                    <l>Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –</l> 
                                    <l>Der Güter höchstes dürfen wir verteidgen</l>
                                    <l>Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,</l> 
                                    <l>Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> sondern bloß eine Außenseite.
                        Was helfen sie, wenn unter ihrer Decke der <term type="Sachen" key="Eigennutz">Eigennutz</term>, die <term type="Sachen" key="Sinnlichkeit">Sinnlichkeit</term>, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> die <term type="Sachen" key="Eitelkeit">Eitelkeit</term>, die <term type="Sachen" key="Borniertheit">Borniertheit</term> der Menschen
                        dieselbe bleibt?!</p>
                    <p>Ja, <hi rend="italic">er hatte Mitleid mit ihnen</hi>, und auch wir Menschen von
                        heutzutage haben dieses Mitleid nötig, denn es fehlt uns trotz Allem an
                        hohen gemeinsamen Zielen, an großen Gedanken in den kleinen Sorgen des
                        Tages. Liebe Freunde! Es kann ein Mensch die besten Schulen besucht
                        haben und alle Zeitungen und Bücher lesen und bei alledem ein richtiger
                        Barbar sein. Alle <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term> ist
                        nichts, wenn sie nicht <term type="Sachen" key="Bildung, Herzensbildung">Herzensbildung</term> ist, wenn sie dich nicht gelehrt hat, ein
                        ganzer Mensch, eine <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">
                                <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi></term> zu werden. Dass wir das so
                        vielfach <hi rend="italic">nicht sind</hi>, ist unser Unglück. Der Kampf, das zu
                            <hi rend="italic">werden</hi>, ist unsre Lebensaufgabe. <pb xml:id="p046" ed="pga"/>
                        Und sieh, nun tritt Jesus an deine Seite. Du hast jenen Kampf vergeblich
                        gekämpft, aber:</p>
                
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Hier ist der Mann, der helfen kann,</l>
                                <l>Bei dem nie was verloren.<note xml:id="n11">Aus
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-220">Strophe 2 des Liedes «Such, wer da will, ein ander Ziel»
                                        von <persName ref="kbga-actors-1415">G. Weißel</persName> (RG 276; EG 346)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                        <l>Such, wer da will, / Nothelfer viel, / die uns doch nichts erworben:</l>
                                        <l>Hier ist der Mann, / der helfen kann, / bei dem nie was verdorben. / […].</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                
                    <p rend="noindent">Und nun blicke zu ihm auf, ernst und lange, und du wirst
                        ein Geheimnis erfahren, schwer und doch so einfach: <hi rend="italic">Der Weg, ein
                            solcher ganzer Mensch, eine Persönlichkeit zu werden, ist die Liebe,
                            die sich selbst verleugnet</hi>, die nicht das <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, und Eigennutz">Ihre</term> sucht [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.5">1.Kor. 13,5</ref>], sondern das
                        Heil der <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, und Gemeinschaft">Gemeinschaft</term>!</p>
                     <p>  <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Mein Freund, besinne dich heute darüber, ob
                        ich recht habe, es braucht zu diesem Besinnen keine Bücher und keine
                            <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>, nur ein
                            <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>! <hi rend="italic">Die Liebe,
                            die sich selbst verleugnet</hi> – und sieh, da sind wir
                        wieder bei dem angelangt, was wir als die Befreiung von aller irdischen,
                        äußern <term type="Sachen" key="Not">Not</term> erkannt haben, beim
                        Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, in dem die
                        soziale <term type="Sachen" key="Soziale Frage">Frage</term>
                        abgeschlossen ist, weil vollendete <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, vollendete">Persönlichkeit</term> begonnen hat
                        zu wirken.</p>
                    <p> Persönlichkeit und <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, und Gemeinschaft">Gemeinschaft</term>,
                        Gemeinschaft und Persönlichkeit, sieh, zwischen diesen beiden Polen
                        bewegen sich alle Fragen unsres christlichen Denkens und <term type="Sachen" key="Leben, christliches">Lebens</term>. Solange wir
                        hier im Unklaren sind, solange sind wir Schafe ohne Hirten, aber wir
                        brauchen das nicht zu bleiben, denn Jesus Christus hat mit uns nicht nur
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Mitleid">Mitleiden</term>
                        gehabt wie andre Menschen auch, sondern er hat uns den Weg gewiesen, den
                        wir mit Gottes Hilfe gehen können, wenn wir wollen. Und dieser Weg ist
                        nicht bloß ein schöner Gedanke Jesu, denn er hat ihn in die Tat
                        umgesetzt; du weißt wo: am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>.</p>
                    <p>Und da wollen wir innehalten. In wenigen <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Sonntagen wird das <term type="Sachen" key="Schweizer / Eidgenossen">Schweizervolk</term> seinen <term type="Sachen" key="Schweiz, Eidgenössischer Bettag">Bettag</term> begehen.<note xml:id="n12">Der Eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag
                            wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als schweizweiter Feiertag
                            und seit 1832 in der Regel am dritten Sonntag im September begangen.
                            Er fiel damit 1907 auf den 15. September.</note> Möchte er ein Tag
                        der Einkehr werden, da viele sich fragen: Will ich gesund werden? Eins
                        ist not!! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>]</p>
                   
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p047" ed="pga"/> Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; so jemand meine Stimme hören
                        wird und mir auftun, zu dem werde ich eingehen und <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> mit ihm halten und er mit mir 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>].</p>
                    <p>Liebe Freunde! Das schenke Gott uns allen.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen!</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-48">Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von
                                <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName>, Strophen 1.2 (RG 653; EG 70 [jeweils mit
                                Textabweichungen]).</bibl>
                           <bibl type="song" corresp="kbga-songs-139">Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>,
                                Strophen 1.2.6 (EKG 220).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
