Predigt: 1.Korinther 4,20
Wir leben noch immer im Zeitalter der Elektrizität und der Dampfmaschine. Das Interesse auch des zwanzigsten Jahrhunderts wird konzentriert sein auf die immer vollständigere Unterwerfung und Nutzbarmachung der Natur und ihrer Gewalten. Großes ist schon erreicht und noch Größeres wird ohne Zweifel erreicht werden. Diese Gedankenrichtung mit allem, was dazu gehört, ist es, die für eine gewisse Grundstimmung bei der überwiegenden Mehrzahl unsrer Zeitgenossen ausschlaggebend geworden ist. Was in unsern Tagen Wert haben will, muss Tatsache sein, mit Augen sichtbar und mit Händen greifbar. Vor dem, was sie «Hirngespinste» nennen, haben die Leute einen großen, merkwürdigen Schrecken, sind aber gar stolz auf ihre Arbeit, auf ihr Denken, das sich nur mit wirklich Vorhandenem, mit Tatsachen beschäftigt.
Wir wollen ihnen zunächst gar nicht widersprechen, sondern vielmehr heute anhand unsres Textwortes gerade aus diesen Stimmungen und Urteilen unsrer Zeitgenossen etwas zu lernen suchen. Wir halten ja fest an Unsichtbarem, an Ewigem, wir bezeugen das, indem wir hier das Evangelium predigen und hören, indem wir unsre Kinder taufen und unterweisen, unsre Ehen einsegnen lassen, überhaupt indem wir Mitglieder der christlichen Kirche sind. Tun wir das Alles nur aus Macht der Gewohnheit oder aus unbestimmten Ahnungen und Gefühlen oder aber aufgrund von Tatsachen? Diese Frage wollen wir uns heute vorlegen, nicht nur weil unsre andersdenkenden Zeitgenossen sie an uns stellen, sondern weil es für uns selbst von höchster Wichtigkeit ist, sie uns immer wieder zu stellen und zu beantworten.
I
Der erste Korintherbrief, aus dem unser
Textwort entnommen ist, stammt aus der Zeit, da der Apostel
Um diesen Verwirrungen zu begegnen, schrieb
Paulus seinen Brief an die korinthische Gemeinde. Im 4. Kapitel wendet
er sich speziell an jene persönlichen Gegner, er nennt sie Aufgeblasene
[vgl.
31 Liebe Freunde! Was würden wir wohl zu hören bekommen, wenn
Durch den Mund der Glaubensboten war jenen Korinthern die Verkündigung geworden: Das Reich Gottes kommt! Das Reich Gottes ist schon da! Und Viele hatten diesen Ruf mit Freuden vernommen und ihn fortgepflanzt, sie waren Jünger des unbekannten Jesus von Nazareth geworden, von dem sie glaubten und wussten: er lebt! Aber dann waren jene rastlosen Glaubensboten, Paulus voran, weitergezogen, und nun galt es, die erhaltene frohe Botschaft, diese herrlichen und großen Worte ins Leben umzusetzen, in Kraft! Und jetzt begann die Schwierigkeit, der Kampf, der Konflikt mit den Mächten der Selbstsucht und der tatenlosen Weltfreude. Wir haben gesehen, welche Folgen er hatte.
Liebe Freunde! Auch zu uns allen ist jene frohe Botschaft gekommen. Aus dem Munde frommer Eltern und Lehrer haben wir c-in unsrer Kindheit-c die Kunde von Gottes Reich erhalten, am Tage unsrer Konfirmation den Entschluss neu bekräftigt, ihm anzugehören, und alle Sonntage versammeln wir uns hier, um Worte des Lebens zu hören. Wie leicht und schön ist es doch, ein Christ zu sein! Aber nicht wahr, wir haben es alle erfahren, wie ganz anders die Sache dann wurde, als wir nach der Konfirmation nun ins Leben hinaus traten und die Anwendung machen sollten; ja, wir empfinden es alle Sonntage, dass es ein ganz Anderes ist, hier von Gott zu reden und zu singen, als draußen am Licht des Tages nach Gottes Willen zu leben. Gerade dieses Zweierlei, diese Doppelspurigkeit sollen wir aber überwinden lernen, sonst ist es nichts mit unserm ganzen Christentum! Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft. Nach zwei |32 Seiten wollen wir dieses Pauluswort erwägen. Wie kommt das Reich Gottes? und: In was zeigt es sich, da wo es gekommen ist?
II
Wie kommt das Reich Gottes? Das ist die eine
Frage, die wir uns vorlegen wollen. Wie kommen wir zur Bürgerschaft
dieses Reiches? Welches sind die Mittel, die Gottes Herrschaft in jedem von uns
begründen? Wie fängt der Christenstand an? Jesus hat einmal gesagt: Das Reich Gottes
kommt nicht mit äußerlichen Gebärden [
Bedenken wir ernsthaft, was damit gesagt ist!! Was Jesus und Paulus da
behaupten, ist mitnichten selbstverständlich! Wie soll denn das Reich
Gottes anders verbreitet werden als mit Worten? Hat nicht Jesus seinen
Jüngern befohlen zu
predigen? [vgl.
«Wort Gottes»! Wie oft ist uns Allen diese Bezeichnung durch den Mund gegangen, und wir haben uns nichts oder wenig dabei gedacht! Eine große und herrliche Wahrheit sprechen wir damit aus, aber es ist zu viel Gewohnheit dabei, und die Gewohnheit ist es, die die Wahrheit verdunkelt. Vor Allem Eines: die ernste Frage, die jeder an sich stellen soll, heißt nicht: Glaube ich, dass jedes Wort in der Bibel von Gott eingegeben ist?, sondern:
Höre ich in dem, was ich da lese, Gottes Stimme an mich?
Viel zu viel ist über jene Wortfrage gestritten worden. Wir wollen sie
heute ganz beiseite lassen. Nicht das ist wichtig, was du über die Bibel
glaubst oder sagst, sondern das, was die Bibel dir sagt.
Und nun sieh, der Apostel Paulus behält vor Allem gleich hier recht: Auch d-die Bibel, die
Gottes-d
Reich in uns vorbereitet,
steht nicht in Worten, |33 sondern in Kraft!
Verstehst du es, Kraft aus ihr zu schöpfen, begegnest
du in ihr den Spuren der Herrlichkeit und Liebe des lebendigen Gottes, und geht etwas von dieser
Herrlichkeit und Liebe über auf dich, lieber Mitchrist? Wenn du das
bekennen darfst, dann nennst du sie mit Recht Gottes Wort, denn dann hat Gott in ihr zu
dir geredet. Wenn das aber nicht der Fall ist, dann magst du in
Menschen- und Engelzungen von ihr reden, es wird dich nicht besser und
seliger machen [vgl.
Was ist denn nun diese Kraft? Wie wird uns die Bibel, im
rechten Geist verstanden, Gottes Wort? Wir wollen nicht lange suchen,
sondern mit
Wort Gottes! Viel
zutreffender würden wir dieses Buch Kraft Gottes nennen, wenn es
uns einmal Evangelium, frohe
Botschaft geworden ist, selig zu machen Alle, die daran glauben [vgl.
34 Und sieh, so steht es nun auch mit all den andern «Worten», die dich zum Reich Gottes einladen. Nur wenn Kraft darin ist, Leben aus Gott, erreichen sie ihren Zweck, sonst sind sie hohl und unnütz. Ist das, was du von Gott und Christus und deiner Seele gehört hast im Elternhaus, in der Schule und Kirche, nicht bloß Wort gewesen, sondern Kraft, Überzeugung, Gewissheit, dann wohl dir, ja
Hast du Kraft Gottes erhalten?! Dann ist das Reich Gottes wahrhaft zu dir gekommen.
III
Und nun: welches sind die Wirkungen des Reiches Gottes in uns? Woran zeigt es sich, dass wir wirklich Christen, will sagen Jesu Jünger geworden sind?
Man macht heutzutage der Kirche viele Vorwürfe, mit Recht und Unrecht. Ich glaube, wir tun recht, denen Gehör zu geben, die uns sagen: euer Christentum ist zu sehr ein Christentum der Worte ! Zu viel Worte, zu wenig Kraft! Das wollen wir uns selber sagen. Und an der Verantwortung dafür hat jeder einzelne Christ in seinem Teil mitzutragen, denn jeder fehlt mehr oder weniger darin, dass er das Reich Gottes immer wieder in Worten sucht!
Glaube nicht, dass du die Bürgerpflicht dieses Reiches damit erfüllst, dass du täglich dein Kapitel liesest aus der Bibel. Wenn du nicht Kraft aus ihr gewinnst, so hast du nichts gewonnen, sie bleibt dir Worte! Ja, du verlierst etwas, denn du täuschest dir vor, du habest ein gutes Werk getan.
Glaube nicht, das sei das Reich Gottes, wenn du alle Sonntage zur Predigt und nachher noch in die Versammlung4 gehst. Es ist gut, wenn du dort Kraft schöpfst und zu schöpfen weißt. Gehst du aber nur, |35 e-weil es so Brauch ist und-e um schöne Worte zu hören, so könntest du gerade so gut oder besser spazieren gehen.
Glaube nicht, darin stehe das Reich Gottes, dass du von göttlichen Dingen nur noch in der Sprache Kanaans redest, dass du beständig Bibelsprüche und fromme Redensarten auf den Lippen führst. Wohl dir, wenn sie aus dem Herzen kommen, aber wehe dir, wenn du nur aus Gewohnheit so redest.
Und wir alle, die christliche Gemeinde, wollen uns davor hüten, zu glauben, damit seien wir ein erfreuliches Glied des Reiches Gottes, wenn wir ängstlich darüber wachen, dass in unserm kirchlichen und gottesdienstlichen Leben vor Allem Alles beim Alten bleibt, dass wir jeden Sonntag die gleichen Formeln und Zeremonien hören und sehen, die wir von alters her gewohnt sind. Gewiss, wir wollen das Alles pietätvoll bewahren, aber nicht, weil wir glauben, das sei nun das Höchste und Beste, denn das Reich Gottes steht weder in Worten noch in alten Bräuchen, sondern in Kraft.
Das Reich Gottes will bei uns Allen, den Einzelnen und der Gesamtheit,
in Kraft treten, kein tönendes Erz und keine klingende
Schelle soll unser Christentum sein, sondern Liebe [vgl.
Das sind die Kräfte des Reiches Gottes, und sie sollen zu Tage treten, nicht nur hier im Gottesdienst oder wenn du gerade über göttliche Dinge redest, sondern in all deinem Tun und Lassen, ja, lieber Freund, wenn sie dort nicht hervortreten, so ist es ein Zeichen, dass du sie nicht oder noch nicht recht ergriffen hast. Dein Christenstand, deine Bürgerschaft im Gottesreich soll eine Tatsache werden, die mächtig in dein ganzes Sein eingreift, eine Tatsache für den Werktag, lieber Mitchrist, nicht bloß für den Sonntagmorgen.
Steht das Reich Gottes bei dir in Worten oder in Kraft?
Wenn das wahre Reich Gottes, das in Kraft steht, bei
einem Menschen Wohnung genommen hat, da wird jene Frage von selbst
verstummen, ob der Christenglaube denn auch auf Tatsachen gegründet sei.
Im Wandel der Christen sollen diese Tatsachen zum Vorschein
kommen. Im alten Rom sollen die Heiden angesichts des
christlichen Gemeindelebens staunend ausgerufen haben: Sehet, wie sie
sich untereinander so lieb haben!6 Ist das Reich Gottes bei
uns eine solche Lebenstatsache? Liebe
Freunde! Wir wissen, dass uns Allen dazu noch viel fehlt. Lasst uns das
aus diesem Gottesdienst
mit nach Hause nehmen, dass das Reich Gottes, dass unser Christenglaube nicht in
Worten steht, sondern in Kraft. Gott, unser Vater, aber wolle das in uns Allen immer
mehr zur Wahrheit werden
lassen, denn sein ist das Reich und die
Kraft! [
- 224: «
Such’, wer da will, ein ander Ziel>» von G. Weißel, Strophen 1.2.4 (RG 276; EG 346).
- Nr. 187: «Wort aus Gottes Munde» von
H. C. Hecker , Strophen 1.6.