Predigt Nr. 3 · 11. August 1907

Predigt: Johannes 8,31–32

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Johannes 8,31–32
Jesus sprach nun zu den Juden, die an ihn gläubig geworden: Wenn ihr bleiben werdet in meinem Worte, so seid ihr wahrhaft meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
Liebe Zuhörer!

Wenige Wochen sind es her, seit in Zürich das eidgenössische Schützenfest geschlossen wurde.1 Eine vaterländische Tagung sollte es sein, die die Eidgenossen daran erinnern sollte, dass es gilt, wehrhaft zu bleiben, um nach außen und innen der Schweiz ihre Einheit und Freiheit zu wahren. Vaterland! Freiheit! Wie oft hat man das Echo dieser Worte gehört in den Zeitungsberichten. Noch näher steht in unser aller Erinnerung die Feier des ersten August. Mit Freudenfeuern auf allen Bergen haben wir uns die weihevolle Stunde der Gründung des Schweizerbundes ins Gedächtnis zurückgerufen2 und still im Herzen jenen Schwur erneuert:

20 Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben.3

Wir wollen frei sein! Haben wir uns Rechenschaft gegeben, was das sagen will?

Ein anderes Bild: Ein alter Gelehrter sitzt in seinem Studierzimmer in der Dämmerung und sinnt und sinnt. Von den Büchergestellen an der Wand herab grüßen ihn die Schriftsteller alter und neuer Zeit, es sind die vertrauten Gefährten seines langen Lebens, eines Lebens voll redlichen Suchens und Arbeitens. Nun ist es Abend geworden, und der Tag hat sich geneigt [vgl. Lk. 24,29]. Nach Wahrheit hat er gesucht, und er glaubte, ihr auf den Grund gekommen zu sein durch scharfsinniges Denken. Aber während er gearbeitet hat, sind wieder Jüngere gekommen und sind andere Wege gegangen als die, welche er als allein richtig angesehen, und er wird einsam und einsamer. Nun sinnt er und lehnt sich seufzend zurück: Was ist Wahrheit? [vgl. Joh. 18,38] Wir empfinden mit ihm, denn wen von uns hätte diese Frage nicht schon gequält. Wir hören so viel von ihr reden, wir hören sie rühmen, aber wie kommt es, dass jeder eine andere Wahrheit meint und verficht?

Freiheit und Wahrheit! Beides so vielgebrauchte und doch so vieldeutige Worte. Auch unser heutiger Text redet davon. Wir wollen versuchen, ob sie anhanda desselben eine neue Beleuchtung erfahren, wir wollen versuchen, auf das zu lauschen, was Jesus über Freiheit und Wahrheit uns sagen will.

I

Liebe Freunde! Es war in der letzten Periode der Wirksamkeit Jesu, wenig Wochen vor seinem Tode, in Jerusalem. Die Pharisäer und Schriftgelehrten versuchen, ihm durch allerlei verfängliche Fragen das Geheimnis seiner Person zu entlocken. Sie erhalten endlich die runde, |21 klare Antwort: Der Vater hat mich gesendet, ihr seid von unten, ich aber bin von oben her [Joh. 8,18.23]. Da entfernen sich die Gegner, im Kreis der Jünger aber verbreitet sich eine weihevolle, festliche Stimmung, mehr als je freuen sie sich und sind stolz darauf, dem anzugehören, der von sich sagen darf: ich bin das Licht der Welt [Joh. 8,12], und: der Vater ist mit mir [Joh. 16,32]. Nun kann es nicht mehr lange gehen, so denken sie, bis das Reich der Herrlichkeit anbricht, das die Freiheit bringt vom verhassten Römerjoch und die Neuaufrichtung des königlichen Israel unter dem Panier4 des Messias. – |

Aus ihren Augen hat Jesus die Gedanken ihres Herzens gelesen. Nein, das ist der Weg nicht, den er gehen will, ach, dass sie ihn noch immer nicht verstanden haben. Und mit einer raschen Bewegung wendet er sich zu ihnen: wenn ihr bleiben werdet in meinem Worte, dann seid ihr wahrhaft meine Jünger. Nicht die Gedanken, die ihr euch über mich macht, sondern mein eigenes Zeugnis soll euch sagen, wer ich bin und wozu ich hier bin. Nicht in kühnen Erwartungen und Spekulationen über mich, sondern im einfachen kindlichen Gehorsam gegen dieses mein Wort zeigt sich die wahre Jüngerschaft. Bleibet in meinem Worte! Denkt an Alles, was ich euch auf dem Berg in Galiläa, am See Genezareth und auf dem Wege hieher gesagt habe: Das Reich Gottes kommt und ist schon da, aber in euch, nicht mit äußerlichen Gebärden [vgl. Lk. 17,20f.]. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? [Mk. 8,36 par.]. Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer himmlischer Vater vollkommen ist [Mt. 5,48], darum liebe deinen Nächsten wie dich selbst [Mk. 12,31 par.]. – Das ist mein Evangelium, darin bleibet, wenn ihr meine Jünger wahrhaft sein wollet. – |

Aber seht, so fährt Jesus fort, wenn ihr das tut, so winkt euch ein unermesslich viel höheres Ziel als jene irdischen, politischen Hoffnungen: Ihr werdet die Wahrheit erkennen. Die Rätsel und Dunkelheiten des Lebens werden euch nicht mehr schrecken, weil ihr den Schlüssel dazu habt. Für euch selbst wisst ihr dann, welchen Weg ihr einzuschlagen habt: es ist der Weg der Liebe zu Gott und den Brüdern [vgl. Mk. 12,30 par.]. Und was die Welt um euch und ihr Schicksal betrifft, so werdet ihr leben und sterben in der Gewissheit, dass Gott |22 am Anfang und am Ende steht [vgl. Apk. 22,13] und dass auf alle Fälle sein Reich kommt und siegt. Und wenn ihr das erkannt habt, wird die Wahrheit euch frei machen. Ihr werdet los sein von dem Drucke eures eigenen Unvermögens, denn die Sünder und Zöllner gerade sind es, die ins Reich Gottes geladen sind [vgl. Mt. 21,31]. Das Tun des Willens Gottes wird euch nicht mehr Last, sondern Lust sein, weil ihr wisst, dass er die Liebe ist [vgl. 1.Joh. 4,18]. Und frei, innerlich frei werdet ihr von der Welt werden. Sie wird euch nicht mehr eine drohende, übermächtige, feindliche Gewalt sein, sondern das gottgewollte Wirkungsfeld für euer Leben in Gott. Nicht mehr abgewandt und trostlos werdet ihr ihr gegenüberstehen, sondern freudig und gläubig. So werdet ihr frei durch die Wahrheit in meinem Wort getrost und freudig eure eigenen weiteren Schicksale und die Entwicklung der Welt abwarten im Glauben, dass Gott regiert.

II

Lieber Freund! Was Jesus da seinen Jüngern gesagt hat, geht dich und mich und uns alle auch an. An unserm Textwort wollen wir uns zunächstb orientieren, ob wir uns mit Recht zu denen zählen, die wahrhaft Jesu Jünger sind. Der Maßstab, mit dem Jesus uns misst, heißt: So ihr bleiben werdet in meinem Worte.

Hätte doch die christliche Kirche diesen Ausspruch im Auge behalten, wieviel Zank und Streit und Herzeleid und Blutvergießen wäre unterblieben. Wahrlich, die Unduldsamkeit, die Glaubenskriege früherer Jahrhunderte sind nicht die Schuld Jesu und seines Evangeliums, sondern der Menschen, die in weltlichem Eifer seine Sache gut zu führen meinten, wenn sie das, was ihnen gerade als das Wesen des christlichen Glaubens erschien, mit Mauer und Graben umgaben und mit Steinen warfen nach all denen, die nicht durch ihre Tore in das Heiligtum eintreten wollten.

Die Meinung Jesu ist klar und einfach: Der ist mein Jünger, der mich anerkennt als den Bringer göttlicher Botschaft und danach tut.

Bleiben wir im Worte Jesu? Diese Frage entsteht damit für jeden einzelnen Christen wie für die ganze christliche Kirche. Das will nicht |23 nur sagen: Billigen wir jene Gedanken Jesu über Gottes Vaterliebe, über das Gottesreich, über den Wert der Menschenseele, sondern bleiben, d. h. leben, weben und sind wir in diesen Gedanken [vgl. Act. 17,28], sind sie uns aus einem bloßen Lehr- und Lernstoff zum selbständigen lebendigen Eigentum geworden? Dürfen wir bekennen, dass wir am ersten nach dem Reich Gottes trachten [vgl. Mt. 6,33], dass wir streben vollkommen zu sein, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist [vgl. Mt. 5,48], dass wir unsern Nächsten lieben wie uns selbst? [vgl. Mk. 12,31 par.] Wer das bekennen darf, nein, bei wem das Wahrheit ist, der ist wahrhaft Jesu Jünger.

Wer darf sich dazu zählen? Liebe Freunde, wir wollen das hier nicht weiter fragen, jeder tue es selbst, ernstlich und im Gebet, – heute noch in der Stille, denn das ist eine Frage, die nur du selbst und der allwissende Gott beantworten könnt – und Alles kommt darauf an, dass du dir sie einmal stellst und beantwortest – aber gerade weil dem so ist, darf eine andere Seite der Sache hier nicht c-übersehen werden-c.

Wer d-von unsern Mitmenschen-d ein Jünger Jesu ist, das haben wire nicht zu entscheiden, weil das eine Herzens- und Gewissenssache ist. Je ernstlicher wir uns selbst darüber prüfen wollen, um so ernstlicher wollen wir uns davor hüten, die wahre Jüngerschaft anderer Christen oder auch anderer Richtungen und Gruppen innerhalb der christlichen Kirche zu verdächtigen. Viel zu schnell ist man in alter und neuer Zeit mit der Bezeichnung «ungläubig» bei der Hand gewesen. Es hat zu allen Zeiten in allen Konfessionen und Parteien wahre Jünger Jesu gegeben, die freudig in seinem Worte geblieben sind. Freuen wir uns dessen in der Überzeugung, dass der Herr die Seinen kennt [2.Tim. 2,19]. Wer aber sind wir, dass wir fremde Knechte richten wollen? [Röm. 14,4]

Sind wir Jünger Jesu? Liebe Freunde, wenn wir es noch nicht sind, so wollen wir es von heute an zu sein trachten. Besinne dich über dich selbst, über die Motive und Triebfedern deines Handelns, dann nimm die Evangelien zur Hand, lies die Worte Jesu und überlege, ob sie dir etwas zu sagen haben!

24

III

– – und werdet die Wahrheit erkennen, so lautet die erste Verheißung, die Jesus der wahrhaften Jüngerschaft in unserem Textwort macht. Ein hohes Wort, eine kühne Verheißung! Wie mancher ist ausgezogen, die Wahrheit zu finden, den Grund aller Dinge, und wie mancher ist auf unheilvolle Abwege geraten oder müde zurückgekehrt. Die Philosophen aller Zeiten haben sich gemüht um sie, und himmelanstrebende Gedankengebäude sind entstanden, herrlich und edel zum Teil, zum Teil barock und unnatürlich. Ja, und wie vielen einfachen Menschen ist angesichts der Verwirrungen und Rätsel des Lebens die heiße Frage aufgestiegen gleich jenen: Was ist Wahrheit? [Joh. 18,38], und mit dem Doktor Faust hat schon mancher geseufzt:

O glücklich, wer noch hoffen kann
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!5

Ja, ist die Geschichte der Menschheit nicht wirklich ein Meer des Irrtums?! Ist nicht ihr Denken ein Wahn? Doch wohl nicht, denn wer sehen will, der sieht in jener Geschichte Gottes Finger und erkennt im Denken den belebenden Gottesgeist. Aber freilich: Der Menschengeist ist oft in die Irre gegangen, weil er seine Grenzen nicht erkannt hat. Sehen wir doch bis auf unsere Tage Gelehrte f-und Ungelehrte-f, die über die Welt und den Menschen, ihren Ursprung, Plan und Zweck Auskunft geben zu können glauben, als wären sie selbst bei der Schöpfung dabei gewesen. Über Gott und Ewigkeit und Weltall ist viel, sehr viel geredet und geschrieben worden, sind wir klüger als zuvor? Sind wir näher bei der Wahrheit? Nein, denn: Über die höchsten Dinge gibt uns die menschliche Vernunft keine Aufklärung. «Welträtsel»6 werden wir niemals selber lösen. Bei diesem Resultat sind die tiefsten Denker der Menschheit angelangt.

25 Hier setzt das Trostwort Jesu ein: ihr werdet die Wahrheit erkennen! Und viele, nicht die Schlechtesten, bezeugen, dass sie in ihm, in seinem Wort die Wahrheit erkannt haben. Freilich: ein Erkennen ganz anderer Art ist es als das Erkennen im g-Vergrößerungsglas oder im Fernrohr-g. Nicht Auge und Ohr sind hier beteiligt, sondern der Geist, von dem der Apostel Paulus sagt, dass er die Tiefen der Gottheit erforscht [vgl. 1.Kor. 2,10]. Es ist ein Erkennen, das nicht durch Arbeiten und Grübeln sich einstellt, sondern das still und geheimnisvoll da ist und wächst in der Tiefe des Herzens des wahren Jüngers Jesu. Wer ein solcher ist – wir haben davon gesprochen, was dazu gehört –, den werden alle Fragen und Rätsel des Lebens nicht mehr quälen, weil er im Besitz einer Gewissheit ist, die sie alle miteinander beantwortet. Und diese Antwort, die nur der Jünger Jesu zu geben vermag, diese Wahrheit, die nur er erkennt, heißt: Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder sollen heißen [1.Joh. 3,1]. Verstehen wir uns recht!: Unserem menschlichen Verstande wird nach wie vor Manches dunkel bleiben. Wir bekennen demütig mit Paulus, dass wir jetzt durch einen dunklen Spiegel sehen, denn unser Wissen ist Stückwerk und bleibt es [vgl. 1.Kor. 13,9–12]. Aber das wissen wir allen Dunkelheiten in uns selbst und in der Welt gegenüber, dass Gott regiert und alle Dinge zu unserem Besten lenkt [vgl. Röm. 8,28], auch wenn wir seine Führungen oft nicht verstehen.

Wie oft haben wir schon gefragt: warum ist so viel Unrecht in der Welt? Warum siegt so oft das Böse und nicht das Gute? Warum lässt Gott das zu? Liebe Freunde, unser menschlicher Verstand weiß keine Antwort, aber als Jünger Jesu dürfen wir dessen gewiss sein, dass Gott trotz Allem im Regimente sitzt7 und dass er auf alle Fälle triumphieren wird, und nicht das Böse!

26 Warum haben wir Menschen so viel zu leiden, und die Gerechten, die wahren Jünger Jesu nicht am wenigsten? Seit den Tagen des Hiob und der Psalmsänger eine dunkle und schwere Frage! Aber im Geiste Jesu dürfen wir antworten: Gott weiß, warum er uns so führt und nicht anders, wir wissen aber, dass Gott es gut meint mit seinen Kindern, und dürfen getrost und freudig abwarten, was er uns schickt, Glück oder Unglück. – |

Warum müssen wir sterben? Warum tritt der unerbittliche Tod zwischen uns und unsre Liebsten? Ja, warum?! Liebe Freunde, der Jünger Jesu weiß, dass die Gotteskindschaft auch im Tode kein Ende nimmt, ja dass uns der Herr gerade durch ihn der Vollendung entgegen führen will, wo alle Unvollkommenheit und alle Rätsel, unter denen wir seufzen, ein Ende finden. Ja, er weiß: Wenn kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk vergehen [1.Kor. 13,10].

– – und werdet die Wahrheit erkennen. Lieber Mitchrist! Ist das bloß eine schöne Verheißung, die im Bibelbuch steht wie so manches andere, oder hast du auch schon etwas davon erfahren?

IV

Die andere Verheißung Jesu hieß: und die Wahrheit wird euch frei machen. Nicht wahr, frei sein wollen wir alle. Wir freuen uns als Schweizer, frei zu sein von Fürsten und Ministern. Wir wollen als Bürger frei sein in unserm Tun und Lassen und in freier Selbstbestimmung tätig teilnehmen am Wohl und Wehe von Staat und Gemeinde. Wir alle wollen frei sein in unserm Denken, frei in unserm Gewissen. Weder äußerlich noch innerlich beugen wir uns vor menschlicher Autorität und sind stolz darauf!8 Und doch! Liebe Freunde, ich rede als Schweizer zu Schweizern: Das ist die höchste Freiheit noch nicht. Jeder frage sich selbst, und er wird dem Dichter recht geben müssen:

27 Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.9

O wie viel schmachvolle Abhängigkeit gibt es in unserm freien Lande: Abhängigkeit der Niedrigen von den Hohen, der Armen von den Reichen, der Minderheiten von den Mehrheiten. Ist das Freiheit? Nein, Unfreiheit! Woher kommt das? Liebe Freunde, wir wollen jeder sein eigenes Herz fragen, und wir werden entdecken, dass wir selbst noch unfrei sind, unfrei, weil wir unter der Sünde stehen. Nicht wahr, ein unangenehmes, altertümliches Wort, denkst du jetzt. Aber die Wahrheit ist weder alt noch neu, sondern ewig. Solange du dich nicht entschließest, den Kampf mit deiner eigenen Schwachheit und Selbstsucht aufzunehmen, auf die Seite der Sache Gottes zu treten, solange wirst du unfrei sein, weil abhängig von dir selbst, von deinem eigenen, dem schlechteren Ich, solange wird auch in unserer Republik trotz äußerer Freiheit die höchste, wahre Freiheit nicht triumphieren, h-denn nur Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben [Spr. 14,34]-h.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Wir erfahren alle schon im täglichen Leben die Wahrheit dieses Wortes: Wo wir eine Sache in ihrem Wesen klar erkannt haben, da sind wir frei, da beherrschen wir sie, wo wir aber die Wahrheit noch nicht gefunden haben, da sind wir so oder so in Abhängigkeit. So steht es nun auch bei der höchsten Frage, die sich für uns erheben kann, bei der Frage: was bin ich, was soll ich in dieser Welt? Sind wir wahrhaft Jesu Jünger, so wissen wir über die Welt die Wahrheit, nämlich die, dass Gott in ihr herrscht und immer mehr herrschen wird. Im Besitz dieser Wahrheit aber sind wir frei; wir wissen, dass Gott siegen wird, und werden nicht mehr dem dienen, das Gott zuwiderläuft. Die Wahrheit wird euch frei machen. Zweierlei folgt daraus: Sind wir Jesu Jünger, so wollen wir jenen Sorgengeist fahren lassen, der in der Welt nur Böses und Unglaube sieht, sondern uns nach der Verheißung Jesu dessen freuen, dass unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet [1.Joh. 5,4]. Sind wir noch nicht Jesu Jünger – keiner unter uns ist es ganz –, wohlan, wir wollen uns immer mehr unter seine Macht stellen, um der Wahrheit immer |28 mehr gewiss zu werden und uns in seinem Lichte der Freiheit zu erfreuen.

Herr, mach uns frei!10

Amen!
Lieder:
  • Nr. 3: «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.2.11 (RG 724,1.2.10; EG 325,1.2.10). 🎵
  • Nr. 224: «Nun freut euch, Christen, insgemein» von M. Luther, Strophen 1.2.4 (RG 273; EG 341 [beide unter dem Titel: «Nun freut euch, lieben Christen gmein»]). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr.: «in an Hand»; das «in» wurde von den Hrsg. getilgt.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
c-c
Im Mskr. ursprünglich: «unerörtert bleiben»; mit Bleistift in den obenstehenden Text korrigiert.↩
d-d
Im Mskr. mit Bleistift ergänzt.↩
e
Im Mskr. ursprünglich: «wir Menschen»; mit Bleistift korrigiert.↩
f-f
Im Mskr. mit Bleistift ergänzt.↩
g-g
Im Mskr. ursprünglich: «Laboratorium oder auf der Sternwarte»; mit Bleistift in den obenstehenden Text korrigiert.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩

Sachfußnoten

1
Seit 1824 wurde überwiegend alle zwei, später alle drei Jahre das «Eidgenössische Schützenfest» gefeiert, das weit über den Charakter eines reinen Schützenfestes hinaus zunächst ein Forum für die liberale Erneuerungsbewegung und in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch ein Ort «heftiger Auseinandersetzungen zwischen radikalliberalen und konservativen Kräften» war (Art. «Schützenwesen II. 19. und 20. Jahrhundert», in: HLS 11, S. 245–247, dort S. 246 📖). Bis zur Jahrhundertwende waren die Schützenfeste zu nationalen, der Selbstvergewisserung der «Willensnation» Schweiz dienenden Veranstaltungen mit großer Anteilnahme der Bevölkerung geworden, zu denen Medaillen geprägt, Festzeitungen und -postkarten gedruckt, die Häuser festlich geschmückt wurden usw. Vom 7. bis 18. Juli 1907 fand das Eidgenössische Schützenfest zum dritten Mal in Zürich statt.↩
2
In der sogenannten «Bundesfeier» am 1. August gedenkt die Schweiz des ersten «Bundesbriefes», der von den Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 abgefassten Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft. Erstmals begangen wurde diese Bundesfeier im Jahr 1891; jährlich als – jedoch nicht arbeitsfreier – Nationalfeiertag wiederholt wird sie seit 1899. Erst 1993 wurde der 1. August nach einer 1991 lancierten erfolgreichen Volksinitiative schweizweit zum arbeitsfreien Tag erklärt. Vgl. G. Kreis, Art. «Bundesfeier», in: HLS 3, S. 7 📖.↩
3
Fr. Schiller, Wilhelm Teil, zweiter Aufzug, zweite Szene (dort in der zweiten Zeile: «Eher den Tod […]») 📖.↩
4
Veraltet für: Banner, Feldzeichen.↩
5
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1064f. (Vor dem Tor). 📖 ↩
6
Vgl. E. Haeckel, Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie, Bonn 1899 📖. In diesem Buch, von dem 1907 bereits in zehnter Auflage das 211.–220. Tausend erschienen waren, beschreibt der Biologe und Philosoph Ernst Haeckel (1834–1919) ausgehend von der Evolu­tions­theorie Darwins sein monistisches Weltbild als Bindeglied zwischen ­Religion und Naturwissenschaft. Das Buch vermittelte einem breiten Publikum den damaligen Stand der Naturwissenschaft und spannt einen Bogen von der «Stellung der Welträthsel» (Kapitel 1) zur «Lösung der Welträthsel» (Kapitel 20); die in ihm enthaltene scharfe Kritik an der katholischen Kirche rief aber zugleich Protest hervor. ↩
7
Vgl. aus Strophe 7 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (RG 680; EG 361) 🎵:
Gott sitzt im Regimente
Und führet alles wohl.
↩
8
In der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 29.5.1874 bestimmte Art. 4: «Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich. Es gibt in der Schweiz keine Untertanenverhältnisse, keine Vorrechte des Orts, der Geburt, der Familien oder Personen» (Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [Vom 29. Mai 1874], o. O., o. J., S. 4 📖).↩
9
G. E. Lessing, Nathan der Weise, vierter Aufzug, vierte Szene. 📖 ↩
10
Schluss der dritten Strophe des Altniederländischen Dankgebets «Wir treten zum Beten […]», das im deutschen Kaiserreich schnell sehr populär geworden war und auf zahlreichen nationalen Anlässen als Schlusshymne gesungen wurde, im auf Joseph Weyl (1821–1895) zurückgehenden neuen Wortlaut (z. B. in: Gesangbuch der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg, 1924, Nr. 516 📖; vgl. A. Kaiser, Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertags, Frankfurt/Main / New York 2010, S. 39f. 📖):
Wir loben dich oben, du Lenker der Schlachten,
Und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei,
Dass deine Gemeinde nicht Opfer der Feinde.
Dein Name sei gelobt, o Herr, mach uns frei.
↩