Predigt: Johannes 8,31–32
Wenige Wochen sind es her, seit in
Wir wollen frei sein! Haben wir uns Rechenschaft gegeben, was das sagen will?
Ein anderes Bild: Ein alter Gelehrter sitzt in seinem Studierzimmer in der
Dämmerung und sinnt und sinnt. Von den Büchergestellen an der Wand herab
grüßen ihn die Schriftsteller alter und neuer Zeit, es sind die vertrauten
Gefährten seines langen Lebens, eines Lebens voll redlichen Suchens und
Arbeitens. Nun ist es Abend geworden, und der Tag hat sich geneigt [vgl.
Freiheit und Wahrheit! Beides so vielgebrauchte und doch so vieldeutige Worte. Auch unser heutiger Text redet davon. Wir wollen versuchen, ob sie anhanda desselben eine neue Beleuchtung erfahren, wir wollen versuchen, auf das zu lauschen, was Jesus über Freiheit und Wahrheit uns sagen will.
I
Liebe Freunde! Es war in der letzten Periode der
Wirksamkeit Jesu, wenig Wochen vor seinem Tode, in
Aus ihren Augen hat Jesus die Gedanken ihres Herzens gelesen. Nein, das
ist der Weg nicht, den er gehen will, ach, dass sie ihn noch immer nicht
verstanden haben. Und mit einer raschen Bewegung wendet er sich zu
ihnen: wenn ihr bleiben werdet in meinem Worte, dann seid ihr
wahrhaft meine Jünger. Nicht die Gedanken, die ihr euch über
mich macht, sondern mein eigenes Zeugnis soll euch sagen, wer ich bin
und wozu ich hier bin. Nicht in kühnen Erwartungen und Spekulationen
über mich, sondern im einfachen kindlichen Gehorsam gegen dieses mein Wort zeigt sich die
wahre Jüngerschaft.
Bleibet in meinem Worte! Denkt an Alles, was
ich euch auf dem Berg in
Aber seht, so fährt Jesus fort, wenn ihr das tut, so winkt euch ein
unermesslich viel höheres Ziel als jene irdischen, politischen
Hoffnungen: Ihr werdet die Wahrheit
erkennen. Die Rätsel und Dunkelheiten des Lebens werden
euch nicht mehr schrecken, weil ihr den Schlüssel dazu habt. Für euch
selbst wisst ihr dann, welchen Weg ihr einzuschlagen habt: es ist der
Weg der Liebe zu Gott und
den Brüdern [vgl.
II
Lieber Freund! Was Jesus da seinen Jüngern gesagt hat, geht dich und mich und uns alle auch an. An unserm Textwort wollen wir uns zunächstb orientieren, ob wir uns mit Recht zu denen zählen, die wahrhaft Jesu Jünger sind. Der Maßstab, mit dem Jesus uns misst, heißt: So ihr bleiben werdet in meinem Worte.
Hätte doch die christliche Kirche diesen Ausspruch im Auge behalten, wieviel Zank und Streit und Herzeleid und Blutvergießen wäre unterblieben. Wahrlich, die Unduldsamkeit, die Glaubenskriege früherer Jahrhunderte sind nicht die Schuld Jesu und seines Evangeliums, sondern der Menschen, die in weltlichem Eifer seine Sache gut zu führen meinten, wenn sie das, was ihnen gerade als das Wesen des christlichen Glaubens erschien, mit Mauer und Graben umgaben und mit Steinen warfen nach all denen, die nicht durch ihre Tore in das Heiligtum eintreten wollten.
Die Meinung Jesu ist klar und einfach: Der ist mein Jünger, der mich anerkennt als den Bringer göttlicher Botschaft und danach tut.
Bleiben wir im Worte Jesu? Diese Frage entsteht damit für
jeden einzelnen Christen wie für die ganze
christliche Kirche. Das will nicht |23 nur sagen:
Billigen wir jene Gedanken Jesu über Gottes Vaterliebe, über das Gottesreich, über den
Wert der Menschenseele, sondern
bleiben, d. h. leben, weben und sind wir in diesen Gedanken [vgl.
Wer darf sich dazu zählen? Liebe Freunde, wir wollen das hier nicht weiter fragen, jeder tue es selbst, ernstlich und im Gebet, – heute noch in der Stille, denn das ist eine Frage, die nur du selbst und der allwissende Gott beantworten könnt – und Alles kommt darauf an, dass du dir sie einmal stellst und beantwortest – aber gerade weil dem so ist, darf eine andere Seite der Sache hier nicht c-übersehen werden-c.
Wer d-von unsern Mitmenschen-d
ein Jünger Jesu ist, das haben wire
nicht zu entscheiden, weil das eine Herzens- und
Gewissenssache ist. Je ernstlicher wir uns selbst darüber prüfen wollen,
um so ernstlicher wollen wir uns davor hüten, die wahre Jüngerschaft anderer Christen oder auch anderer Richtungen und
Gruppen innerhalb der christlichen Kirche zu verdächtigen. Viel zu
schnell ist man in alter und neuer Zeit mit der Bezeichnung «ungläubig»
bei der Hand gewesen. Es hat zu allen Zeiten in allen Konfessionen und Parteien wahre Jünger
Jesu gegeben, die freudig in seinem Worte geblieben sind. Freuen wir uns
dessen in der Überzeugung, dass der Herr die Seinen kennt [
Sind wir Jünger Jesu? Liebe Freunde, wenn wir es noch nicht sind, so wollen wir es von heute an zu sein trachten. Besinne dich über dich selbst, über die Motive und Triebfedern deines Handelns, dann nimm die Evangelien zur Hand, lies die Worte Jesu und überlege, ob sie dir etwas zu sagen haben!
III
– – und werdet die Wahrheit
erkennen, so lautet die erste Verheißung, die Jesus der
wahrhaften Jüngerschaft in
unserem Textwort macht. Ein hohes Wort, eine kühne Verheißung! Wie
mancher ist ausgezogen, die Wahrheit zu finden, den Grund aller Dinge, und wie mancher
ist auf unheilvolle Abwege geraten oder müde zurückgekehrt. Die Philosophen
aller Zeiten haben sich gemüht um sie, und himmelanstrebende
Gedankengebäude sind entstanden, herrlich und edel zum Teil, zum Teil
barock und unnatürlich. Ja, und wie vielen einfachen Menschen ist
angesichts der Verwirrungen und Rätsel des Lebens die heiße Frage aufgestiegen
gleich jenen: Was ist Wahrheit? [
Ja, ist die Geschichte der Menschheit nicht wirklich ein Meer des Irrtums?! Ist nicht ihr Denken ein Wahn? Doch wohl nicht, denn wer sehen will, der sieht in jener Geschichte Gottes Finger und erkennt im Denken den belebenden Gottesgeist. Aber freilich: Der Menschengeist ist oft in die Irre gegangen, weil er seine Grenzen nicht erkannt hat. Sehen wir doch bis auf unsere Tage Gelehrte f-und Ungelehrte-f, die über die Welt und den Menschen, ihren Ursprung, Plan und Zweck Auskunft geben zu können glauben, als wären sie selbst bei der Schöpfung dabei gewesen. Über Gott und Ewigkeit und Weltall ist viel, sehr viel geredet und geschrieben worden, sind wir klüger als zuvor? Sind wir näher bei der Wahrheit? Nein, denn: Über die höchsten Dinge gibt uns die menschliche Vernunft keine Aufklärung. «Welträtsel»6 werden wir niemals selber lösen. Bei diesem Resultat sind die tiefsten Denker der Menschheit angelangt.
25 Hier setzt das Trostwort Jesu ein: ihr werdet die
Wahrheit erkennen! Und viele, nicht die Schlechtesten,
bezeugen, dass sie in ihm, in seinem Wort die Wahrheit erkannt haben. Freilich: ein Erkennen
ganz anderer Art ist es als das Erkennen im g-Vergrößerungsglas oder im Fernrohr-g. Nicht Auge und Ohr sind hier beteiligt, sondern der Geist, von
dem der Apostel
Wie oft haben wir schon gefragt: warum ist so viel Unrecht in der Welt? Warum siegt so oft das Böse und nicht das Gute? Warum lässt Gott das zu? Liebe Freunde, unser menschlicher Verstand weiß keine Antwort, aber als Jünger Jesu dürfen wir dessen gewiss sein, dass Gott trotz Allem im Regimente sitzt7 und dass er auf alle Fälle triumphieren wird, und nicht das Böse!
26 Warum haben wir Menschen so viel zu leiden, und die Gerechten, die wahren Jünger Jesu nicht am
wenigsten? Seit den Tagen des
Warum müssen wir sterben? Warum tritt der unerbittliche Tod zwischen uns und unsre
Liebsten? Ja, warum?! Liebe Freunde, der Jünger Jesu weiß, dass die
Gotteskindschaft auch im Tode kein Ende nimmt, ja dass uns
der Herr gerade durch ihn der Vollendung entgegen führen will, wo alle Unvollkommenheit
und alle Rätsel, unter denen wir seufzen, ein Ende finden. Ja, er weiß:
Wenn kommen wird das Vollkommene, so
wird das Stückwerk vergehen [
– – und werdet die Wahrheit erkennen. Lieber Mitchrist! Ist das bloß eine schöne Verheißung, die im Bibelbuch steht wie so manches andere, oder hast du auch schon etwas davon erfahren?
IV
Die andere Verheißung Jesu hieß: und die Wahrheit wird euch frei machen. Nicht wahr, frei sein wollen wir alle. Wir freuen uns als Schweizer, frei zu sein von Fürsten und Ministern. Wir wollen als Bürger frei sein in unserm Tun und Lassen und in freier Selbstbestimmung tätig teilnehmen am Wohl und Wehe von Staat und Gemeinde. Wir alle wollen frei sein in unserm Denken, frei in unserm Gewissen. Weder äußerlich noch innerlich beugen wir uns vor menschlicher Autorität und sind stolz darauf!8 Und doch! Liebe Freunde, ich rede als Schweizer zu Schweizern: Das ist die höchste Freiheit noch nicht. Jeder frage sich selbst, und er wird dem Dichter recht geben müssen:
O wie viel schmachvolle Abhängigkeit gibt es
in unserm freien Lande:
Abhängigkeit der Niedrigen von den Hohen, der Armen von den Reichen, der
Minderheiten von den Mehrheiten. Ist das Freiheit? Nein, Unfreiheit!
Woher kommt das? Liebe Freunde, wir wollen jeder sein eigenes Herz
fragen, und wir werden entdecken, dass wir selbst noch unfrei sind,
unfrei, weil wir unter der
Sünde stehen. Nicht wahr, ein unangenehmes,
altertümliches Wort, denkst du jetzt. Aber die Wahrheit ist weder alt noch neu, sondern ewig.
Solange du dich nicht entschließest, den Kampf mit deiner eigenen
Schwachheit und Selbstsucht aufzunehmen, auf die Seite der Sache Gottes
zu treten, solange wirst du unfrei sein, weil abhängig von dir selbst,
von deinem eigenen, dem schlechteren Ich, solange wird auch in unserer
Republik trotz äußerer
Freiheit die höchste,
wahre Freiheit nicht triumphieren, h-denn nur Gerechtigkeit erhöhet ein
Volk, aber die Sünde ist der
Leute Verderben [
Die Wahrheit wird euch frei machen. Wir erfahren alle schon
im täglichen Leben die
Wahrheit dieses Wortes: Wo wir eine Sache in ihrem Wesen klar erkannt
haben, da sind wir frei, da beherrschen wir sie, wo wir aber die
Wahrheit noch nicht gefunden haben, da sind
wir so oder so in Abhängigkeit. So steht es nun auch bei der höchsten
Frage, die sich für uns erheben kann, bei der Frage: was bin ich,
was soll ich in dieser Welt? Sind wir wahrhaft Jesu Jünger,
so wissen wir über die Welt die
Wahrheit, nämlich die, dass Gott in ihr herrscht und immer mehr
herrschen wird. Im Besitz dieser Wahrheit aber sind wir frei; wir
wissen, dass Gott siegen wird, und werden nicht mehr dem dienen, das
Gott zuwiderläuft. Die Wahrheit wird euch frei machen.
Zweierlei folgt daraus: Sind wir Jesu Jünger, so wollen wir jenen
Sorgengeist fahren lassen, der in der Welt nur Böses und Unglaube sieht, sondern uns nach der
Verheißung Jesu dessen freuen, dass unser Glaube der Sieg ist, der
die Welt überwindet [
Herr, mach uns frei!10
- Nr. 3: «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von
P. Gerhardt , Strophen 1.2.11 (RG 724,1.2.10; EG 325,1.2.10). - Nr. 224: «Nun freut euch, Christen, insgemein» von
M. Luther , Strophen 1.2.4 (RG 273; EG 341 [beide unter dem Titel: «Nun freut euch, lieben Christen gmein»]).