<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53005">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 3</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 8,31–32</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 8,31–32, 11. August 1907</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53005</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 3: Predigt: Johannes 8,31–32</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">5</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 8,31-32, 11. August 1907. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1445">KBA 981</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1907-08-11">11. August 1907</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body> 
        <div type="sermon"> 
            <pb xml:id="p019" ed="pga"/>
            
            <div type="opener">
                <head>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>3</idno>
                </head>
                <dateline>
                    <placeName ref="kbga-places-133">
                            <hi rend="italic">Meiringen</hi></placeName>, <date when="1907-08-11">Sonntag,
                        den 11. August 1907</date> <date rend="right">(11. nach Trinitatis)</date>
                </dateline> 
                
                <epigraph>
                        <cit>
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.31 Joh.8.32">Johannes 8,31–32</ref>
                    <quote>
                                <hi rend="text-recte">Jesus sprach nun zu den Juden, die an ihn gläubig
                        geworden:</hi> Wenn ihr bleiben werdet in meinem Worte, so seid ihr
                            wahrhaft meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die
                            Wahrheit wird euch frei machen.</quote>
                        </cit>
                </epigraph>
            
            <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
            </div>

            <div type="main">
                <div>
            
                <p> Wenige Wochen sind es her, seit in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> das eidgenössische <term type="Sachen" key="Schweiz, Eidgenössisches Schützenfest">Schützenfest</term>
                geschlossen wurde.<note xml:id="n01">Seit 1824 wurde überwiegend
                    alle zwei, später alle drei Jahre das «Eidgenössische Schützenfest»
                    gefeiert, das weit über den Charakter eines reinen Schützenfestes hinaus
                    zunächst ein Forum für die liberale Erneuerungsbewegung und in der Mitte
                    des 19. Jahrhunderts auch ein Ort «heftiger Auseinandersetzungen
                    zwischen radikalliberalen und konservativen Kräften» war (<bibl corresp="kbga-bibls-2495">Art.
                    «Schützenwesen II. 19. und 20. Jahrhundert», in: HLS 11,
                    S. 245–247, dort S. 246</bibl>). Bis zur Jahrhundertwende waren die
                    Schützenfeste zu nationalen, der Selbstvergewisserung der
                    «Willensnation» Schweiz dienenden Veranstaltungen mit großer Anteilnahme
                    der Bevölkerung geworden, zu denen Medaillen geprägt, Festzeitungen und
                    -postkarten gedruckt, die Häuser festlich geschmückt wurden usw. Vom 7.
                    bis 18. Juli 1907 fand das Eidgenössische Schützenfest zum dritten Mal
                    in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> statt.</note> Eine
                vaterländische Tagung sollte es sein, die die <term type="Sachen" key="Schweizer / Eidgenossen">Eidgenossen</term> daran erinnern sollte,
                dass es gilt, wehrhaft zu bleiben, um nach außen und innen der <term type="Sachen" key="Schweiz">Schweiz</term> ihre Einheit und Freiheit zu
                wahren. <term type="Sachen" key="Vaterland">Vaterland!</term>
                <term type="Sachen" key="Freiheit">
                                <hi rend="italic">Freiheit!</hi></term> Wie oft hat
                man das Echo dieser Worte gehört in den Zeitungsberichten. Noch näher steht
                in unser aller Erinnerung die Feier des ersten <term type="Sachen" key="Schweiz, Bundesfeier">August</term>. Mit Freudenfeuern auf allen
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Bergen haben wir uns die weihevolle Stunde
                der Gründung des Schweizerbundes ins Gedächtnis zurückgerufen<note xml:id="n02">In der sogenannten «Bundesfeier» am 1. August
                    gedenkt die Schweiz des ersten «Bundesbriefes», der von den Waldstätten
                       <placeName ref="kbga-places-1111">Uri</placeName>, <placeName ref="kbga-places-495">Schwyz</placeName> und <placeName ref="kbga-places-399">Unterwalden</placeName> 1291 abgefassten
                    Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft. Erstmals begangen wurde diese
                    Bundesfeier im Jahr 1891; jährlich als – jedoch nicht
                    arbeitsfreier – Nationalfeiertag wiederholt wird sie seit 1899.
                    Erst 1993 wurde der 1. August nach einer 1991 lancierten erfolgreichen
                    Volksinitiative schweizweit zum arbeitsfreien Tag erklärt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2491">
                                    <persName ref="kbga-actors-5514">G. Kreis</persName>, Art. «Bundesfeier»,
                    in: HLS 3, S. 7</bibl>.</note> und still im Herzen jenen Schwur erneuert:</p>
  
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>
                                    <pb rend="noPipe" xml:id="p020" ed="pga"/> Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,</l>
                        <l>Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben.<note xml:id="n03">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                            <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Teil</hi>, zweiter
                                Aufzug, zweite Szene (dort in der zweiten Zeile: «Eher den
                                Tod […]»)</bibl>.</note>
                                </l>
                    </lg>
                </q>
             <p rend="noindent">
                            <hi rend="italic">Wir wollen frei sein!</hi> Haben wir uns Rechenschaft
                gegeben, was das sagen will?</p>
               <p>Ein anderes Bild: Ein alter Gelehrter sitzt in seinem Studierzimmer in der
                Dämmerung und sinnt und sinnt. Von den Büchergestellen an der Wand herab
                grüßen ihn die Schriftsteller alter und neuer Zeit, es sind die vertrauten
                Gefährten seines langen Lebens, eines Lebens voll redlichen Suchens und
                Arbeitens. Nun ist es Abend geworden, und der Tag hat sich geneigt [vgl. 
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.29">Lk. 24,29</ref>]. Nach <term type="Sachen" key="Wahrheit">
                                <hi rend="italic">Wahrheit</hi></term> hat er
                gesucht, und er glaubte, ihr auf den Grund gekommen zu sein durch
                scharfsinniges Denken. Aber während er gearbeitet hat, sind wieder Jüngere
                gekommen und sind andere Wege gegangen als die, welche er als allein richtig
                angesehen, und er wird einsam und einsamer. Nun sinnt er und lehnt sich
                seufzend zurück: Was ist Wahrheit? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.38">Joh. 18,38</ref>] <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Wir empfinden
                mit ihm, denn wen von uns hätte diese Frage nicht schon gequält. Wir hören
                so viel von ihr reden, wir hören sie rühmen, aber wie kommt es, dass jeder
                eine andere Wahrheit meint und verficht?</p>
             <p>
                <term type="Sachen" key="Freiheit">
                                <hi rend="italic">Freiheit</hi></term> und <term type="Sachen" key="Wahrheit">
                                <hi rend="italic">Wahrheit</hi></term><hi rend="italic">!</hi>
                Beides so vielgebrauchte und doch so vieldeutige Worte. Auch unser heutiger
                Text redet davon. Wir wollen versuchen, ob sie anhand<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr.: «in an Hand»; das «in» wurde von den Hrsg. getilgt.</note>
                 desselben eine neue Beleuchtung erfahren, wir wollen versuchen, auf
                das zu lauschen, was <hi rend="italic">Jesus</hi> über Freiheit und Wahrheit uns sagen
                will.</p>
             </div>
             <div>
                <head>I</head>
                <p rend="noindent">Liebe Freunde! Es war in der letzten Periode der
                    Wirksamkeit Jesu, wenig Wochen vor seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tode</term>, in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. Die <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term> und <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrten</term> versuchen, ihm durch
                    allerlei verfängliche Fragen das Geheimnis seiner Person zu entlocken.
                    Sie erhalten endlich die runde, <pb xml:id="p021" ed="pga"/> klare Antwort: Der
                        <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> hat mich
                    gesendet, ihr seid von unten, ich aber bin von oben her [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.18 Joh.8.23">Joh. 8,18.23</ref>].
                    Da entfernen sich die Gegner, im Kreis der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> aber verbreitet sich eine weihevolle,
                    festliche Stimmung, mehr als je <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> freuen sie
                    sich und sind stolz darauf, dem anzugehören, der von sich sagen darf:
                    ich bin das Licht der Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.12">Joh. 8,12</ref>], und: der Vater ist mit mir [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.32">Joh. 16,32</ref>]. Nun kann es
                    nicht mehr lange gehen, so denken sie, bis das Reich der Herrlichkeit
                    anbricht, das die Freiheit bringt vom verhassten Römerjoch und die
                    Neuaufrichtung des königlichen <term type="Sachen" key="Israel, königliches">Israel</term> unter dem Panier<note xml:id="n04">Veraltet für: Banner, Feldzeichen.</note> des
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Messias">Messias</term>.
                    – |</p>
                <p>Aus ihren Augen hat Jesus die Gedanken ihres Herzens gelesen. Nein, das
                    ist der Weg nicht, den er gehen will, ach, dass sie ihn noch immer nicht
                    verstanden haben. Und mit einer raschen Bewegung wendet er sich zu
                    ihnen: <hi rend="italic">wenn ihr bleiben werdet in meinem Worte, dann seid ihr
                        wahrhaft meine Jünger</hi>. Nicht die Gedanken, die ihr euch über
                    mich macht, sondern mein eigenes Zeugnis soll euch sagen, wer ich bin
                    und wozu ich hier bin. Nicht in kühnen Erwartungen und Spekulationen
                    über mich, sondern im einfachen kindlichen <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen dieses mein Wort zeigt sich die
                    wahre <term type="Sachen" key="Jüngerschaft">Jüngerschaft</term>.
                    Bleibet in meinem Worte! <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Denkt an Alles, was
                    ich euch auf dem Berg in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, am <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName> und auf dem Wege
                    hieher gesagt habe: Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommt und ist schon da, aber in euch, nicht mit
                    äußerlichen Gebärden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.20 Lk.17.21">Lk. 17,20f.</ref>]. Was hülfe es dem Menschen, wenn
                    er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.36">Mk. 8,36</ref> par.]. Ihr sollt
                    vollkommen sein, gleich wie euer himmlischer <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> vollkommen ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>], darum liebe deinen
                        <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächsten</term> wie dich
                    selbst [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.31">Mk. 12,31</ref>
                    par.]. – Das ist mein <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, darin bleibet, wenn ihr meine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> wahrhaft sein wollet.
                    – |</p>
                <p>Aber seht, so fährt Jesus fort, wenn ihr das tut, so winkt euch ein
                    unermesslich viel höheres Ziel als jene irdischen, politischen
                    Hoffnungen: <hi rend="italic">Ihr werdet die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term></hi>
                    <hi rend="italic">erkennen</hi>. Die Rätsel und Dunkelheiten des Lebens werden
                    euch nicht mehr schrecken, weil ihr den Schlüssel dazu habt. Für euch
                    selbst wisst ihr dann, welchen Weg ihr einzuschlagen habt: es ist der
                    Weg der Liebe zu <term type="Sachen" key="Gottes Liebe">Gott</term> und
                    den <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Brüdern</term> [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.30">Mk. 12,30</ref> par.]. Und
                    was die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> um euch und ihr
                    Schicksal betrifft, so werdet ihr leben und sterben in der Gewissheit,
                    dass Gott <pb xml:id="p022" ed="pga"/> am Anfang und am Ende steht [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.13">Apk. 22,13</ref>] und dass
                    auf alle <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Fälle sein Reich kommt und siegt.
                    Und wenn ihr das erkannt habt, <hi rend="italic">wird die Wahrheit euch frei
                        machen</hi>. Ihr werdet los sein von dem Drucke eures eigenen
                    Unvermögens, denn die <term type="Sachen" key="Sünder">Sünder</term> und
                        <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> gerade sind es, die
                    ins Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> geladen
                    sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.31">Mt. 21,31</ref>].
                    Das Tun des Willens <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>
                    wird euch nicht mehr Last, sondern Lust sein, weil ihr wisst, dass er
                    die <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.18">1.Joh. 4,18</ref>]. Und frei,
                    innerlich frei werdet ihr von der Welt werden. Sie wird euch nicht mehr
                    eine drohende, übermächtige, feindliche Gewalt sein, sondern das
                    gottgewollte Wirkungsfeld für euer Leben in <term type="Sachen" key="Leben, in Gott">Gott</term>. Nicht mehr abgewandt und trostlos
                    werdet ihr ihr gegenüberstehen, sondern freudig und gläubig. So werdet
                    ihr frei durch die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> in
                    meinem Wort getrost und freudig eure eigenen weiteren Schicksale und die
                    Entwicklung der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> abwarten im
                    Glauben, dass Gott <term type="Sachen" key="Gott, regiert">regiert</term>.</p>
             </div>
             <div>
                <head>II</head>
                <p rend="noindent">Lieber Freund! Was Jesus da seinen <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> gesagt hat, geht dich und mich und uns
                    alle <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> auch an. An unserm Textwort wollen wir
                    uns zunächst<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                     orientieren, ob wir uns mit Recht zu denen zählen, die
                        <hi rend="italic">wahrhaft Jesu Jünger</hi> sind. Der Maßstab, mit dem Jesus
                    uns misst, heißt: <hi rend="italic">So ihr bleiben werdet in meinem
                    Worte</hi>.</p>
                <p> Hätte doch die christliche <term type="Sachen" key="Kirche, christliche">Kirche</term> diesen Ausspruch im Auge behalten, wieviel Zank und
                    Streit und Herzeleid und Blutvergießen wäre unterblieben. Wahrlich, die
                    Unduldsamkeit, die <term type="Sachen" key="Glaubenskrieg">Glaubenskriege</term> früherer Jahrhunderte sind nicht die Schuld
                    Jesu und seines <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>,
                    sondern der Menschen, die in weltlichem Eifer seine Sache gut zu führen
                    meinten, wenn sie das, was ihnen gerade als das Wesen des christlichen
                        <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term> erschien, mit Mauer
                    und Graben umgaben und mit Steinen warfen nach all denen, die nicht
                    durch ihre Tore in das Heiligtum eintreten wollten.</p>
                <p>Die Meinung Jesu ist klar und einfach: <hi rend="italic">Der ist mein Jünger, der
                        mich anerkennt als den Bringer göttlicher Botschaft und danach
                        tut</hi>.</p>
                <p>
                            <hi rend="italic">Bleiben wir im Worte Jesu?</hi> Diese Frage entsteht damit für
                    jeden einzelnen Christen <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>wie für die ganze
                    christliche Kirche. Das will nicht <pb xml:id="p023" ed="pga"/> nur sagen:
                    Billigen wir jene Gedanken Jesu über Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Vaterliebe</term>, über das Gottesreich, über den
                    Wert der <term type="Sachen" key="Seele">Menschenseele</term>, sondern
                    bleiben, d. h. leben, weben und sind wir in diesen Gedanken [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>], sind sie
                    uns aus einem bloßen Lehr- und Lernstoff zum selbständigen lebendigen
                    Eigentum geworden? Dürfen wir bekennen, dass wir am ersten nach dem
                    Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> trachten
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref>], dass
                    wir streben vollkommen zu sein, wie unser himmlischer <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> vollkommen ist [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>], dass wir
                    unsern <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächsten</term> lieben
                    wie uns selbst? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.31">Mk. 12,31</ref> par.] <hi rend="italic">Wer das bekennen darf, nein, bei wem das
                        Wahrheit ist, der ist wahrhaft Jesu Jünger</hi>.</p>
                <p>Wer darf sich dazu zählen? Liebe Freunde, wir wollen das hier nicht
                    weiter fragen, jeder tue es selbst, ernstlich und im <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term>, – heute noch in der Stille, denn
                    das ist eine Frage, die nur du selbst und der allwissende <term type="Sachen" key="Gott, allwissend">Gott</term> beantworten könnt
                    – und <hi rend="italic">Alles</hi> kommt darauf an, dass du dir sie einmal
                    stellst und beantwortest – aber gerade weil dem so ist, darf eine
                    andere Seite der Sache <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> hier nicht <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>übersehen werden<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. ursprünglich: «unerörtert bleiben»; mit Bleistift in
                            den obenstehenden Text korrigiert.</note>.</p>
                <p>
                            <hi rend="italic">Wer <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>von unsern Mitmenschen<note type="textcritical" n="d" target="fn-d" xml:id="nd"> Im Mskr. mit Bleistift ergänzt.</note>
                         ein Jünger Jesu ist, das haben wir</hi><note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. ursprünglich: «wir Menschen»; mit Bleistift
                            korrigiert.</note>
                    <hi rend="italic">nicht zu entscheiden</hi>, weil das eine Herzens- und
                    Gewissenssache ist. Je ernstlicher wir uns selbst darüber prüfen wollen,
                    um so ernstlicher wollen wir uns davor hüten, die wahre <term type="Sachen" key="Jüngerschaft">Jüngerschaft</term> anderer <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> oder auch anderer <term type="Sachen" key="Christentum, Richtungen">Richtungen</term> und
                    Gruppen innerhalb der christlichen <term type="Sachen" key="Kirche, christliche">Kirche</term> zu verdächtigen. Viel zu
                    schnell ist man in alter und neuer Zeit mit der Bezeichnung «ungläubig»
                    bei der Hand gewesen. Es hat zu allen Zeiten in allen <term type="Sachen" key="Konfessionen">Konfessionen</term> und <term type="Sachen" key="Kirche, Parteien">Parteien</term> wahre Jünger
                    Jesu gegeben, die freudig in seinem Worte geblieben sind. Freuen wir uns
                    dessen in der Überzeugung, dass der Herr die Seinen kennt [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.19">2.Tim. 2,19</ref>]. Wer aber sind
                    wir, dass wir fremde Knechte richten wollen? [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.4">Röm. 14,4</ref>]</p>
                <p> Sind wir <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu? Liebe
                    Freunde, <hi rend="italic">wenn wir es noch nicht sind</hi>, so wollen wir es von
                    heute an zu sein trachten. Besinne dich über dich selbst, über die
                    Motive und Triebfedern deines Handelns, dann nimm die <term type="Sachen" key="Evangelien">Evangelien</term> zur Hand, lies die
                    Worte Jesu und überlege, ob sie dir etwas zu sagen haben!</p>
             </div>
            
                <div>
                <pb xml:id="p024" ed="pga"/>
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>III</head>
                <p rend="noindent">– – <hi rend="italic">und werdet die Wahrheit
                        erkennen</hi>, so lautet die erste Verheißung, die Jesus der
                    wahrhaften <term type="Sachen" key="Jüngerschaft">Jüngerschaft</term> in
                    unserem Textwort macht. Ein hohes Wort, eine kühne Verheißung! Wie
                    mancher ist ausgezogen, die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu finden, den Grund aller Dinge, und wie mancher
                    ist auf unheilvolle Abwege geraten oder müde zurückgekehrt. Die <term type="Sachen" key="Philosophie / ^@+ Philosophen">Philosophen</term>
                    aller Zeiten haben sich gemüht um sie, und himmelanstrebende
                    Gedankengebäude sind entstanden, herrlich und edel zum Teil, zum Teil
                    barock und unnatürlich. Ja, und wie vielen einfachen Menschen ist
                    angesichts der Verwirrungen und Rätsel des <term type="Sachen" key="Leben, Rätsel">Lebens</term> die heiße Frage aufgestiegen
                    gleich jenen: <hi rend="italic">Was ist Wahrheit?</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.38">Joh. 18,38</ref>], und mit dem
                    Doktor Faust hat schon mancher geseufzt:</p>
              
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>O glücklich, wer noch hoffen kann</l>
                            <l>Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!<note xml:id="n05">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 1064f. (Vor dem Tor).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                        </lg>
                    </q>
            
                <p rend="noindent">Ja, ist die Geschichte der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> nicht wirklich ein Meer des <term type="Sachen" key="Irrtum">Irrtums</term>?! Ist nicht ihr Denken ein
                    Wahn? Doch wohl nicht, denn wer sehen will, der sieht in jener
                    Geschichte Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gottes Finger in der Geschichte">Finger</term> und
                    erkennt im Denken den belebenden <term type="Sachen" key="Gott, Gottesgeist im Denken">Gottesgeist</term>. Aber freilich:
                    Der Menschengeist ist oft <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> in die Irre
                    gegangen, weil er seine <term type="Sachen" key="Mensch, Grenzen">Grenzen</term> nicht erkannt hat. Sehen wir doch bis auf unsere
                    Tage Gelehrte <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>und Ungelehrte<note type="textcritical" n="f" target="fn-f" xml:id="nf"> Im Mskr. mit Bleistift ergänzt.</note>, die über die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und den
                    Menschen, ihren Ursprung, Plan und Zweck Auskunft geben zu können
                    glauben, als wären sie selbst bei der <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term> dabei gewesen. Über Gott und <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Weltall">Weltall</term> ist viel, sehr viel geredet und
                    geschrieben worden, sind wir klüger als zuvor? Sind wir näher bei der
                    Wahrheit? Nein, denn: <hi rend="italic">Über die höchsten Dinge gibt uns die
                        menschliche <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term></hi>
                    <hi rend="italic">keine Aufklärung</hi>. «Welträtsel»<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2489">
                                    <persName ref="kbga-actors-150">E. Haeckel</persName>,
                            <hi rend="italic">Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über
                            monistische Philosophie</hi>, Bonn 1899</bibl>. In diesem Buch, von
                        dem 1907 bereits in zehnter Auflage das 211.–220. Tausend
                        erschienen waren, beschreibt der Biologe und Philosoph <persName ref="kbga-actors-150">Ernst Haeckel</persName>
                        (1834–1919) ausgehend von der Evolu­tions­theorie <persName ref="kbga-actors-2013">Darwins</persName> sein
                        monistisches Weltbild als Bindeglied zwischen ­Religion und
                        Naturwissenschaft. Das Buch vermittelte einem breiten Publikum den
                        damaligen Stand der Naturwissenschaft und spannt einen Bogen von der
                        «Stellung der Welträthsel» (Kapitel 1) zur «Lösung der Welträthsel»
                        (Kapitel 20); die in ihm enthaltene scharfe Kritik an der
                        katholischen Kirche rief aber zugleich Protest hervor.<term type="Sachen" key="Welt, Rätsel"/>
                            </note> werden wir niemals
                    selber lösen. Bei diesem Resultat sind die tiefsten Denker der
                    Menschheit angelangt.</p>
               
                 <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p025" ed="pga"/> Hier setzt das Trostwort <hi rend="italic">Jesu</hi> ein: <hi rend="italic">ihr werdet die
                        Wahrheit erkennen!</hi> Und viele, nicht die Schlechtesten,
                    bezeugen, dass sie in ihm, in seinem Wort die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> erkannt haben. Freilich: ein Erkennen
                    ganz anderer Art ist es als das Erkennen im <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>Vergrößerungsglas oder im Fernrohr<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. ursprünglich: «Laboratorium oder auf der
                            Sternwarte»; mit Bleistift in den obenstehenden Text
                            korrigiert.</note>. Nicht Auge und Ohr sind hier beteiligt, sondern der Geist, von
                    dem der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt,
                    dass er die Tiefen der Gottheit erforscht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.10">1.Kor. 2,10</ref>]. Es ist ein
                    Erkennen, das nicht durch Arbeiten <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> und
                    Grübeln sich einstellt, sondern das still und geheimnisvoll da ist und
                    wächst in der Tiefe des Herzens des wahren Jüngers Jesu. Wer ein solcher
                    ist – wir haben davon gesprochen, was dazu gehört –, den
                    werden alle Fragen und Rätsel des <term type="Sachen" key="Leben, Rätsel">Lebens</term> nicht mehr quälen, weil er im
                    Besitz einer <term type="Sachen" key="Gewissheit">Gewissheit</term> ist,
                    die sie alle miteinander beantwortet. Und diese Antwort, die nur der
                    Jünger Jesu zu geben vermag, diese <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die nur er erkennt, heißt: <hi rend="italic">Sehet, welch eine
                        Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder sollen
                        heißen</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.1">1.Joh. 3,1</ref>]. Verstehen wir uns recht!: Unserem menschlichen
                    Verstande wird nach wie vor Manches dunkel bleiben. Wir bekennen demütig
                    mit Paulus, dass wir jetzt durch einen dunklen Spiegel sehen, denn unser
                    Wissen ist Stückwerk und bleibt es [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.9 1.Kor.13.12">1.Kor. 13,9–12</ref>]. Aber das wissen wir allen Dunkelheiten in
                    uns selbst und in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>
                    gegenüber, dass Gott <term type="Sachen" key="Gott, regiert">regiert</term> und alle Dinge zu unserem Besten lenkt [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>], auch wenn
                    wir seine <term type="Sachen" key="Gott, Führung">Führungen</term> oft
                    nicht verstehen.</p>
                <p> Wie oft haben wir schon gefragt: warum ist so viel <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term> in der Welt? Warum siegt so oft <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> und nicht das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>? Warum lässt Gott das zu? Liebe
                    Freunde, unser menschlicher Verstand weiß keine Antwort, aber als <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu dürfen wir dessen
                    gewiss sein, dass <term type="Sachen" key="Gott, Regiment">Gott</term>
                    trotz Allem im Regimente sitzt<note xml:id="n07">Vgl. aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Strophe 7 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (RG 680; EG
                        361)</bibl>: 
                        <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Gott sitzt im Regimente</l>
                            <l>Und führet alles wohl.</l>
                        </lg>
                                </q>
                            </note> und dass er auf alle Fälle triumphieren wird, und
                    nicht das Böse!</p>
               
                 <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p026" ed="pga"/> Warum haben wir Menschen so viel zu <term type="Sachen" key="Leid">leiden</term>, und die Gerechten, die wahren Jünger Jesu nicht am
                    wenigsten? Seit den Tagen des <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> und der <term type="Sachen" key="Psalmisten">Psalmsänger</term> eine dunkle und schwere Frage! Aber im Geiste
                    Jesu dürfen wir antworten: Gott weiß, warum er uns so führt und nicht
                        <term type="Sachen" key="Gott, Führung">anders</term>, wir wissen
                    aber, dass Gott es gut meint mit seinen Kindern, und dürfen getrost und
                    freudig abwarten, was er uns schickt, Glück oder Unglück. – |</p>
                <p> Warum müssen wir sterben? Warum tritt der unerbittliche <term type="Sachen" key="Tod / Sterben">Tod</term> zwischen uns und unsre
                    Liebsten? Ja, warum?! Liebe Freunde, der Jünger Jesu weiß, dass die
                        <term type="Sachen" key="Mensch, Gotteskindschaft">Gotteskindschaft</term> auch im Tode kein Ende nimmt, ja dass uns
                    der Herr gerade durch ihn der <term type="Sachen" key="Vollendung">Vollendung</term> entgegen führen will, wo alle Unvollkommenheit
                    und alle Rätsel, unter denen wir seufzen, ein Ende finden. Ja, er weiß:
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Wenn kommen wird das Vollkommene, so
                    wird das Stückwerk vergehen [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.10">1.Kor. 13,10</ref>].</p>
                <p>– – <hi rend="italic">und werdet die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term></hi>
                    <hi rend="italic">erkennen</hi>. Lieber Mitchrist! Ist das bloß eine schöne <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, die im <term type="Sachen" key="Bibel">Bibelbuch</term> steht wie so manches
                    andere, oder hast du auch schon etwas davon erfahren?</p>
                </div>
                <div>
                 <head>IV</head>
                 <p rend="noindent">Die andere Verheißung Jesu hieß: <hi rend="italic">und die Wahrheit
                        wird euch frei machen</hi>. Nicht wahr, frei sein wollen wir alle.
                    Wir freuen uns als <term type="Sachen" key="Schweizer / Eidgenossen">Schweizer</term>, frei zu sein von Fürsten und Ministern. Wir
                    wollen als Bürger frei sein in unserm Tun und Lassen und in freier <term type="Sachen" key="Selbstbestimmung">Selbstbestimmung</term> tätig
                    teilnehmen am Wohl und Wehe von <term type="Sachen" key="Staat">Staat</term> und Gemeinde. Wir alle wollen frei sein in unserm
                    Denken, frei in unserm <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>. Weder äußerlich noch innerlich beugen wir uns vor
                    menschlicher Autorität und sind stolz darauf!<note xml:id="n08">In der <term type="Sachen" key="Schweiz, Bundesverfassung">Bundesverfassung</term> der Schweizerischen Eidgenossenschaft
                        vom 29.5.1874 bestimmte Art. 4: «Alle Schweizer sind vor dem Gesetze
                        gleich. Es gibt in der Schweiz keine Untertanenverhältnisse, keine
                        Vorrechte des Orts, der Geburt, der Familien oder Personen»
                            (<bibl corresp="kbga-bibls-2496"><hi rend="italic">Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
                            [Vom 29. Mai 1874]</hi>, o. O., o. J., S. 4</bibl>).</note> Und doch!
                    Liebe Freunde, ich rede als Schweizer zu Schweizern: <hi rend="italic">Das ist die
                        höchste <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term></hi>
                    <hi rend="italic">noch nicht</hi>. Jeder frage sich selbst, und er wird dem
                    Dichter recht geben müssen:
                 <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>
                                        <pb rend="noPipe" xml:id="p027" ed="pga"/> Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.<note xml:id="n09">
                                            <bibl corresp="kbga-bibls-568">
                                                <persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>, <hi rend="italic">Nathan der Weise</hi>, vierter Aufzug, vierte Szene.</bibl>
                                        </note>
                                    </l>
                                </lg>
                            </q>
                    </p>
                 <p rend="margin-top">
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> O wie viel schmachvolle Abhängigkeit gibt es
                    in unserm freien <term type="Sachen" key="Schweiz">Lande</term>:
                    Abhängigkeit der Niedrigen von den Hohen, der Armen von den Reichen, der
                    Minderheiten von den Mehrheiten. Ist das Freiheit? Nein, Unfreiheit!
                    Woher kommt das? Liebe Freunde, wir wollen jeder sein eigenes Herz
                    fragen, und wir werden entdecken, dass wir selbst noch unfrei sind,
                    unfrei, weil wir unter der <term type="Sachen" key="Sünde">
                                <hi rend="italic">Sünde</hi></term> stehen. Nicht wahr, ein unangenehmes,
                    altertümliches Wort, denkst du jetzt. Aber die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ist weder alt noch neu, sondern ewig.
                    Solange du dich nicht entschließest, den Kampf mit deiner eigenen
                    Schwachheit und Selbstsucht aufzunehmen, auf die Seite der Sache Gottes
                    zu treten, solange wirst du unfrei sein, weil abhängig von dir selbst,
                    von deinem eigenen, dem schlechteren Ich, solange wird auch in unserer
                        <term type="Sachen" key="Schweiz">Republik</term> trotz äußerer
                        <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> die höchste,
                    wahre Freiheit nicht triumphieren, <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>denn nur <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> erhöhet ein
                    Volk, aber die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> ist der
                    Leute Verderben [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.14.34">Spr. 14,34</ref>]<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>.</p>
                 <p>
                            <hi rend="italic">Die Wahrheit wird euch frei machen</hi>. Wir erfahren alle schon
                    im täglichen <term type="Sachen" key="Leben, tägliches">Leben</term> die
                    Wahrheit dieses Wortes: Wo wir eine Sache in ihrem Wesen klar erkannt
                    haben, da sind wir frei, da beherrschen wir sie, wo wir aber die
                    Wahrheit noch nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> gefunden haben, da sind
                    wir so oder so in Abhängigkeit. So steht es nun auch bei der höchsten
                    Frage, die sich für uns erheben kann, bei der Frage: <hi rend="italic">was bin ich,
                        was soll ich in dieser Welt?</hi> Sind wir wahrhaft Jesu Jünger,
                    so wissen wir über die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> die
                    Wahrheit, nämlich die, dass Gott in ihr <term type="Sachen" key="Gott, herrscht in der Welt">herrscht</term> und immer mehr
                    herrschen wird. Im Besitz dieser Wahrheit aber sind wir frei; wir
                    wissen, dass Gott siegen wird, und werden nicht mehr dem dienen, das
                    Gott zuwiderläuft. <hi rend="italic">Die Wahrheit wird euch frei machen</hi>.
                    Zweierlei folgt daraus: Sind wir Jesu Jünger, so wollen wir jenen
                    Sorgengeist fahren lassen, der in der Welt nur <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böses</term> und <term type="Sachen" key="Unglaube">Unglaube</term> sieht, sondern uns nach der
                    Verheißung Jesu dessen freuen, dass unser <term type="Sachen" key="Glaube, überwindet die Welt">Glaube</term> der Sieg ist, der
                    die Welt überwindet [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. Sind wir noch nicht Jesu <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> – keiner unter uns ist es ganz
                    –, wohlan, wir wollen uns immer mehr unter seine Macht stellen,
                    um der <term type="Sachen" key="Wahrheit">
                                <hi rend="italic">Wahrheit</hi></term>
                    immer <pb xml:id="p028" ed="pga"/> mehr gewiss zu werden und uns in seinem
                    Lichte der <term type="Sachen" key="Freiheit">
                                <hi rend="italic">Freiheit</hi></term> zu erfreuen.</p>
                 <p>Herr, mach uns frei!<note xml:id="n10">Schluss der dritten
                        Strophe des Altniederländischen Dankgebets «Wir treten zum Beten
                        […]», das im deutschen Kaiserreich schnell sehr populär
                        geworden war und auf zahlreichen nationalen Anlässen als
                        Schlusshymne gesungen wurde, im auf  <persName ref="kbga-actors-9152">Joseph Weyl</persName> (1821–1895) zurückgehenden
                        neuen Wortlaut (z. B. in: <bibl corresp="kbga-bibls-2497">
                                    <hi rend="italic">Gesangbuch der
                            Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg</hi>, 1924,
                        Nr. 516</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2490">
                                    <persName ref="kbga-actors-9153">A. Kaiser</persName>, <hi rend="italic">Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des
                            Volkstrauertags</hi>, Frankfurt/Main / New York 2010,
                        S. 39f.</bibl>): 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Wir loben dich oben, du Lenker der Schlachten, </l>
                                    <l>Und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei, </l>
                                    <l>Dass deine Gemeinde nicht Opfer der Feinde. </l>
                                    <l>Dein Name sei gelobt, o Herr, mach uns frei.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note>
                        </p>
                        </div>  
                        <div type="closer">
                                <salute>Amen!</salute>
                        </div>
                
                           

                           
            </div>
            <div type="songs">
                <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-20">Nr. 3: «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1.2.11 (RG 724,1.2.10; EG 325,1.2.10).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-143">Nr. 224: «Nun freut euch, Christen, insgemein» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 1.2.4 (RG 273; EG 341 [beide unter dem Titel: «Nun
                            freut euch, lieben Christen gmein»]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
            
        </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
