Predigt: Psalm 121,1–2
Ich bin vor wenig Tagen durch das euch allen wohlbekannte Tal von
11

Was haben uns unsre Berge zu sagen?
I
Liebe Zuhörer! Der Psalm, dem unser Textwort entnommen
ist, war ursprünglich ein Wallfahrtslied der zum Fest nach
II
Liebe Freunde! Ist das ein Bild aus alter, vergangener Zeit, ein Bild, das nicht mehr zu uns reden kann, oder sind es Klänge, die auch heute noch in unserm Herzen ein Echo wecken? Diese Frage wollten wir ja zu beantworten suchen. Freilich: Die Wallfahrten, die prunkvollen gottesdienstlichen Feste des alten Israel sind uns fremd geworden; wir kennen dergleichen nur noch vom Hörensagen oder auch aus den religiösen Übungen unsrer katholischen Mitchristen. Wir haben einige Mühe, die weihevolle Stimmung, die damals geherrscht haben mag, nachzuempfinden.
Und trotzdem: wen hätte nicht schon eine Ahnung davon ergriffen, wenn durch die friedliche Sonntagmorgenstille das harmonische Geläute der Kirchenglocken erschallt, wenn von den Höhen und aus den Tälern die Andächtigen herbeiströmen, um nach heiliger Sitte die Gedanken zu Gott [zu] erheben, heraus aus den Sorgen des Alltags, wenn es dann stille wird und der Orgel Töne durch das Gotteshaus erbrausen, und von drüben rauschen wie immer die Wasserbäche, und die Firnen grüßen in ewiger Reinheit – – wer hätte es nicht schon empfunden:
Aber bei Ahnungen und Empfindungen dürfen wir im evangelischen Christentum nicht stehen bleiben. Könnte alles das nicht auch eine schöne und liebenswürdige Täuschung sein? Gewiss, die bewundernde Betrachtung der Natur kann zu Gott führen, sonst wäre es nicht Gottes Natur. Aber nun sehen wir soundso viele Menschen, welche auch ihre Augen aufheben zu den Bergen, ohne dass solche Gedanken der Andacht in ihnen wach werden! Was bleibt Höheres in den Herzen der Hunderte und Tausende, die alljährlich zur Sommerszeit durch diese Täler ziehen, um unsre Schweizerberge zu sehen? Ja, und wir wollen bei uns selbst Einkehr halten: wir, die wir am Fuße dieser Berge geboren und aufgewachsen sind, haben wir auf ihre stille, eindringliche Predigt gelauscht, oder sind wir gleich so vielen andern achtlos oder in leerer Bewunderung an ihnen vorbeigegangen? Wie manchem sind sie nur ein Mittel des Vergnügens, wobei er gewissenlos sein Leben aufs Spiel setzt, wie manchem, gerade im Schweizervolk, bloß eine immer wieder ergiebige Quelle des Wohlstandes, ein willkommener, nie versagender Anziehungspunkt für die Fremden aus aller Herren Länder! Gingen doch die Folgen dieser egoistischen und materiellen Auffassung des Wertes unsrer Naturschönheiten so weit, dass ein besonderer Verein nötig wurde zu ihrem Schutz gegen ihre brutale Ausbeutung durch Fremde und – leider – auch Landeskinder, durch Schweizer!!4 – Alles das sind nur zu deutliche Anzeichen dafür, |14 dass der Sinn, in dem unser Psalmdichter und mit ihm die Gläubigen aller Zeiten aufsahen zu den Bergen, auch bei uns noch viel, viel mächtiger werden sollte.
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Von wo kommt mir meine Hilfe? Was hat diese bange Frage des suchenden Menschenherzens mit den Bergen zu schaffen? Sind nicht auch sie ein bloßes Spiel einer blindwaltenden Macht, der das Sehnen und Bangen der Menschen ganz ferne liegt? Wir denken mit Grausen an so manche Ereignisse, wo von den Bergen nicht die Hilfe, sondern das Unheil gekommen ist: Gewaltige Katastrophen haben ganze Dörfer vernichtet oder schwer geschädigt, und wie manchen hoffnungsvollen Sohn hat man – ein Opfer der Berge, wie es hieß – zerschmettert zu Tal getragen. Vergeht doch kein Sommer, ohne dass auch in unsren Gegenden mehrere solcher Trauerfälle vorkommen. «Hebe deine Augen auf zu den Bergen», muss das nicht Manchen wie grausamer Hohn klingen?!
Ich glaube, der Psalmist behält trotzdem Recht; er vergisst die Leiden
und Trübsale des Einzelnen, indem er den Blick aufs Ganze richtet:
«Herr, wie sind deine Werke so groß und viel, du hast sie alle
weislich geord net, und die Erde ist voll deiner Güter» [
Siehe der machtvolle Plan, die gewaltige Schaffenskraft, die allumfassende Herrlichkeit, die in den Riesen des Gebirges sich Ausdruck geschaffen. Sollte, der dies alles hervorgebracht, deiner vergessen, des Menschen, der du doch unendlich viel mehr bist als Fels und Erde und Eis?! So dachte der Psalmdichter, liebe Freunde, so dürfen auch wir denken. Die immer tiefer eindringende Erforschung der Natur hat uns seither Aufschlüsse gegeben über das Werden unsrer Erde und ihrer Oberfläche, wie sie aus dem Chaos von Feuer und Wasser allmählich hervorgegangen ist – wahrlich ein Ereignis, eine Schöpfung, |15 die auch für uns an Wunderbarkeit nichts verloren hat. Staunend stehen wir da, anbetend vor der Macht, die hier wirksam gewesen und wirksam ist, und fester wird im gläubigen Herzen die Überzeugung, dass
Vertrauensvoller und freudiger werden wir in dieser Gewissheit unsern Weg gehen dem uns verheißenen Ziel entgegen, gleich jenen Zionspilgern, aus deren Mund unser Psalm zum ersten Mal mag erklungen sein.
III
Und doch: wie manche bange Frage würde uns übrig bleiben, dürften wir uns nicht als Gläubige des Neuen Bundes noch einer höhern Gewissheit von Gottes Liebe rühmen.
Und wir freuen uns unsrer Schweizerberge als der
sichtbaren Wahrzeichen von Gottes Allmacht. Allein, wenn wir das tun,
hoffentlich immer mehr in diesem Sinne tun, so setzt das voraus, dass
wir schon vorher um diesen schaffenden, liebenden Gott gewusst haben. So
war es bei unserm Psalmdichter und seinen Volksgenossen der Fall, so war
es zu allen Zeiten, so muss es sein, denn: so herrlich sie auch sei, die Natur
ist tot für uns ohne die Offenbarung. Und nun seht, liebe
Freunde, wir evangelischen Christen dürfen uns hier eines
grundlegenden Vorzugs vor jenen Gläubigen in Israel erfreuen. Gewiss, sie
kannten den allmächtigena
Gott und umfassten ihn
mit starkem, |16 freudigem Vertrauen. Das zeigt unser
Psalm und so mancherb
andre. Aus uralter Überlieferung war ihnen Kunde von ihm
geworden, im Gesetz
hatte er ihnen seinen Willen mitgeteilt, und eine Reihe gewaltiger Propheten war unter
ihnen aufgetreten in seinem Namen, verheißend und drohend, heilend und
strafend. Ihn bestätigte die Stimme der Schöpfung, das Heer der Sterne und der Kreis
des Himmels, die Berge und das Meer, die fruchtbringenden Triften und
die Zedern des
Aber trotz Allem hören wir immer wieder jene sehnsüchtige Frage: von wo
wird meine Hilfe kommen? Mit einem glaubenstrotzigen:
Dennoch bleibe ich stets bei dir [
Wir haben von den Bergen
17 Der andre Berg ist
Wir wollen stillehalten vor jenem Leben und vor diesem Tod. Hier sind die Berge, von denen uns Hilfe kommt. Wohlan, wir wollen im Glauben an sie herantreten und die Augen zu ihnen erheben: was die alten Zionspilger nicht konnten und was wir nicht konnten zuvor, das können wir hier: Wir können und dürfen Gott in seiner Liebe sehen, die uns helfen will und der wir vertrauen dürfen, wir können sie nicht nur anschauen, sondern ergreifen und an uns selbst erfahren, dass der Schöpfer Himmels und der Erde unser Vater ist.
c-Liebe Mitchristen! Wenn wir einmal gelernt haben, den Weg zu gehen, den uns das Leben des Heilands gehen heißt, wenn wir die Liebe Gottes im Glauben erfasst haben, die sich in seinem Tode offenbart –, wenn wir in diesem Geist gelernt-c haben, unsre Augen zu erheben zu diesen Bergen, dann wird auch bei uns im Tal unten Manches anders werden. Wer du auch seist, armes, von Sorgen, Kümmernis, Krankheit oder Trauer bedrücktes Menschenkind, hebe deine Augen auf zu den Bergen! Der Vater im Himmel, der sie erschaffen, denkt liebend auch deiner. Vertraue ihm, und er wird dein Trost sein, wie du dir’s nie gedacht hättest.
Meine Hilfe kommt von dem Herrn, dem Schöpfer Himmels und der Erde! Ein ernster Ruf an uns Alle liegt in diesem Trostwort. Der liebende Gott, der dir helfen will, ist dein Herr! Wohlan, wir wollen nicht länger säumen, seinen Willen zu tun, gewissenhafter und treuer als bis dahin, nicht aus Furcht vor Strafe oder weil wir Belohnung wünschen, sondern um aufrecht, frei und selbständig seiner Liebe immer würdiger zu werden. Im Namen Christi dürfen und können und sollen und wollen wir diesen Kampf mit unsrer menschlichen Schwachheit und Eigensucht aufnehmen, alle Tage aufs Neue, dann dürfen wir esd auch in und mit ihm erfahren, dasse
18 die Nebel zerreißen, – «siehe, es ist Alles neu geworden!» [
Hebe deine Augen auf zu den Bergen!
- Nr. 262: «Wie nach einer Wasserquelle» (nach Psalm 42) nach
Chr. J. Riggenbach undM. Jorissen , Strophen 1.5.6 (RG 30 [mit Textabweichungen in Strophe 1]). - Nr. 251: «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von
N. Kaiser , Strophen 1.3.5.